Skip to main content

Full text of "Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Alterthumskunde..."

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



H30,S' 
C^S 73 j^ 



J 






^. ^Jnu^ 



GERMANIA. 



VIERTELJAHBSSCHRIFT 



fOk 



DEUTSCHE ALTERTHÜMSKÜNDE. 



BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER 



II£BiLUSOEU£B£N 



VON 



KARL BARTSCH. 



EINUNDZWANZIOSTEK JAHRGANG. 
NEUE REIHE NEUNTER JAHRGANG. 



HTLDEBRAND 

LliißARY. 



WIEN. 

VERLAG VON CARL QEROLD'S SOHN. 

1876. 



^c''j 7-:. :c^S' 

<zy t K o ■^yj>^ 



>B. "^ M \0|io. 



INHALT. 



Seile 

Die Aogsborger Glossen. Von Alfred Holder 1 

Zur M^pis-Saga. Von K. Köhler 18 

Zu (Egisdrekka. Von E. Kölbing ^7 

Zur Entstehung der Belativsätze in den germanischen Sprachen. Von demselben 28 

Ulrich Putsch. Von J. V. Zingerle 41 

Frd Bdne. Von demselben 47 

Zur deutschen Namenkunde. Von K. O. Andre sen 47 

Noch einmal das jüngere Hildebrandslied. Von A. Edzardi 51 

Kritische Beiträge zu dem sogenannten Anhang der Lauremberg'schen Scherz- 
gedichte. Von F. Latendorf 63 

Abermals Johann von Morsheim. Von R. Köhler 66 

Kleine Mittheilungen. Von F. Liebrecht 67 

Kleine Beiträge zur Mythologie. Von Lütolf 80 

8t.-Pauler Bruchstücke aus Notker's Psalter. Von A. Holder 129 

Die Olossae San-Blasianae. Von A. Holder 135 

Zum Heiland. Von O. Behaghel 139 

Bruchstück einer Handschrift des jungem Titurel. Von H. Treutier 153 

Bruchstücke von drei HandschriÜen des jungem Titurel. Von O. Milch sack . . 157 

Zum Passional. Von A. Jeitteles 170 

Die Stuttgarter Oswaltprosa. IL Von A. Edzardi 171 

Zu Walther von der Vogelweide. Von J. Zingerle 193 

Zwei Bruchstücke einer bisher unbekannten Handschrift des Wilhelm von Orlens. 

Von H. Palm 197 

Der alte Hildebrand als Puppenspiel. Von R. Köhler 201 

Zu den kleinen altniederdeutschen Denkmälern. Von O. Behaghel 202 

Von dem Hurübel. Von J. Bächtold. 205 

Die winileod und zwei ungednickte ostpreußischo Varianten des Herderschen 

Volksliedes : Kein schönre Freud auf Erden ist. Von O.' S t e i u e r 209 

Zur St. Johannisminne. Von C. M. Blaas 213 

Zu den Merseburger Sprüchen. Von E. Wilkcn 218 

Über die Eigenthümlichkeiten der Sprache Wolframs. Von O. Bottich er . . . 257 
Die althochdeutschen Glossen zum Evangelium Lucae aus St. Paul. Von A. Hol der. 332 

Mittheilungen aus Gnazer Handschriften. Von A. Jeitteles 338 

Ein guot gebet. Von H. Lambel 347 

Zum Meier Helmbrecht. Von R. Sprenger 348 

Zu Reinke Vos. Von demselben 350 

Kleine Bemerkungen. Von demselben 351 

Zur mittelniederdeutschen Litteratur. Von demselben 352 

Von den drei Frauen. Von F. Lieb recht 385 

Zu Germ. XVIH, 456. Tpru, Purt. Von demselben 399 

Zur ex^lischen Volkslitteratur. Von demselben 401 

Zur Erklärang von Hartmanns Iwein. Von A. Baier 404 

Volksthümliches aus Niederösterreich über Pflanzen. Von C. M. Hlaas 411 

Der Lobgesang auf die hl. Jungfrau nach der Karlsruher Handschrift. Von A.' 

Holder 416 

Zu Konrads Schwanritter. Von R. Sprenger 419 

Zwei TagelJteder. Von K. Bartsch 421 

Niederdeutsche Tischzucht. Von A. Lübbeu 42A. 

Wolfenbüttler Brachstück des jüngeren Titurel Von F. XiLTTi^iVL^ '^'^ 



LITTERATÜR. 

Bieling, Hugo, Ein Beitrag zur Oberliefemng der Gregorlegende. VouE. Kölbiug 81 

Bernhardt, Enist, Vulfila oder die gotische Bibel. Von P. Piper 83 

Bemerkungen über neaere Eddalitterator. Von E. Kölbing 91 

Sicvers, Eduard, Der Heliand und die angelsächsische Genesis. Von H. Paul 95 

Leo, Heinrich, Angelsächsisches Glossar. Von £. Wilken 96 

Smith, S. B., De tre seldste danske Skuespil. Smith, S. B., Gravens og Friherrens 

Komedie. Von F. Liebreeht 97 

Cederschiöld, G., J<5msYikinga saga. Von Th. Möbius 103 

Hartmann, Augurt, Weihnachtlied und Weihnachtspiel inOberbaiem« Von Sehr 0er 110 
Blume, Ludwig, Das Ideal des Helden und des Weibes bei Homer. Von J. St robL 117 
Haupt, Josef, Beiträge zur Litteratur der deutschen Mystiker. Von J. Strobl. . 226 
Ditfurth, F. W., Zweiundfünfzig ungedruckte Balladen des 16., 17. und 18. Jahr- 
hunderts. Von F. Liebrecht 229 

Bezzenberger, Adalbert, Untersuchungen über die gotischen Adyerbien und Par- 
tikeln; Bezzenberger , Adalbert, Über die A-Reihe der gotischen Sprache. 

Von E. Wilken 231 

Much, Mathäus, Germanische Wohnsitze und Baudenkmäler in Niederösterreich. 

Von Schröer 234 

Zur Klage. Von A. Edzardi 236 

Zur älteren romantischen Litteratur im Norden. IL Von E. Kölbing 354 

H. Osthoff, Forschungen im Gebiete der indogerm. nominalen Stammbildung. 

Von W. Schlüter 368 

K. Hildebrand, Die Lieder der älteren Edda. Von E. Kölbing 376 

A. Holtzmann, Althochdeutsche Grammatik. Von E. Wilken 378 

Heinr. Rückert, Geschichte der neuhochdeutschen Schriftsprache. Von Schröer. 380 

Karl Knorr, Über Ulrich von Lichtenstein. Von O. Behaghel 434 

Zur mittelenglischen Legenden-Litteratur. Von Eugen Kölbing 437 

Edda Snom Sturlusonar. Von A. Edzardi 442 

Jahrbuch des Vereins ftlr niederdeutsche Sprachforschung. Karl Koppmann, Das 

Seebuch. Von K. B 448 

BIBLIOGRAPHIE. 

Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen 

Philologie im Jahre 1875. Von Karl Bartsch 449 

MISCELLEN. 

Der Briefv^echsel der Brüder Grimm mit Joseph Görres. Von J. Bäcbtold 

(Schluß) 118 

Heinrich Rückert Von K. Bartsch 122 

Germanistische Vorlesungen im Wintersemester 1875/76 , im Sommersemester 

1876, im Wintersemester 1876/77 124, 248, 498 

Personalnotizen 127, 384, 508 

Handschriften in englischem Privatbesitze 127 

Aufruf zur Errichtung eines Grabdenkmals fUr Heinrich Rückert 127 

Zu mhd. hltbrechic. Von A. Jeitteles 250 

Nachtrag zu Hartmans von Owe Heimat und Stammburg. Von H. C. v. Ow . .251 
Offenes Sendschreiben an Herrn Professor Svend Grundtvig in Kopenhagen. Von 

F. Liebrecht 252 

X für U. Von Floto 255 

31. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner 256 

Berichtigungen 256, 384, 508 

R. von Raumer. Von Schröer 495 

Deutsche Handschriften der Georgs-Bibliothek zu Dessau. Von W. Ho saus . . 500 
Regster zum neunzehnten bis einundzwanzigsten Jahrgang 503 

/ 



DIE AÜGSBURGER GLOSSEN. 

Mitgetheilt von 

ALFRED HOLDER. 



Aus einer Handschrift seines Klosters gab der Stifts- Archivar und 
Bibliothecar P. Placidus Braun zu St Ulrich und A£ra zu Augsburg 
im Jahre 1792 im zweiten Bande seiner Notitia historico-literaria de 
codicibus manuscriptis in bibliotheca liberi ac imperialis monasterii 
ordinis S. Benedicti ad SS. Vdalricum et Afram Augustae extantibus 
pp. 117 — 127 althochdeutsche Glossen heraus, welche seither ftlr ver- 
schollen galten. Nach dieser nichts weniger als getreuen und vollstän- 
digen Ausgabe sind dieselben von A« H. Hoffmann (Althochdeutsche 
Glossen, p. XH, §. 7 und p. XLH, §. 107) und von Adolf Holtzmann 
(Germania XI , 32;^34 und Altdeutsche Grammatik I 1, S. XH) be- 
sprochen worden. In der Stift»bibliothek der Benedictiner zu St. Paul 
in Kärnten gelang es mir diesen Codex in dem Sanblasianus membran. 
XXV. d. 82 wieder zu finden. 

Die dem Ausgange des zehnten Jahrhunderts angehörige Pergament- 
Handschrift ist von Braun auf S. 1—4 seines Buchs im Ganzen gut 
beschrieben. Sie enthält 248 Blätter in 31 Lagen geheftet, von welchen 
I bis XXX von alter Hand bezeichnet sind; XX, XXIIH und XXV 
sind Quinionen, XX VH ein Trinio, das übrige sind Quatemionen. 
Eingeschrieben steht: Monasterii S. Vdalrici Aug". Das Schild 
trägt von einer Hand des fünfzehnten Jahrhunderts die Aufschrift: Ex* 
posicö quorüdä uobulorü biblic. 

Die Handschrift beginnt BI. 1' mit des h. Hieronjmus praefatio 
in Pentateuchum ad Desiderium (u. a. bei Heyse und Tischendorf^ 
Biblia sacra latina p. XXXUI gedruckt). 

Eine eingehendere Besprechung und Verwerthung dieser Glossen 
für den altdeutschen Sprachschatz mir vorbehaltend, theile ich dieselben 
im Nachstehenden mit. Die mit '*' bezeichneten fehlen bei Braim. 

OEKMANIA. Nene Reihe IX. (XXI.) Jahrg. \ 



A. HOLDER 



Bl. 1' InCIF CHL08A INGENESIS 
PROLOGV. 

2' *delerameiita. 

4' (roth). ExPLiciT prologvs 
DEGENTisi (bei Heyse u. Ti- 
schendorf, Biblia sacra la- 
tina p. XXXm). 

5' Lateres ziegal. 

Vemaculos uassallos. 

Adleoa. adsinisträ 
5^ quod afilo subteminis ide 

afadame. filo. i. fadam pro- 

corator maior. 

sata mez. 

Rogü ide sakkari. 

siclos monete munizzo. 
ir Incipit closea In|gene8im. 
12' . . . Nenias nanitates. 1 men- 

dacia seu mortiferos cant'. 

*f. lotes sparcha in platonis 

dogma. i. que plato docuit 

unä immobilem mentem oma 

considerantem. . . . 

12^ ... Glosa in librv ge" 

NESIS • • • « 

13' C&e enl greco uocabulo ob 
inmanitate corporis dicun- 
tur quia sunt ingentia ge- 
nera beluaro. & equalia mon- 
tib'. l insulis corporaq' in 
infinite manen oceano. 

17' *Nemii8. L haruc 

18^ Sulphur potest nutrire 
ignem. Nam statim incen- 
ditur si prope fiierit Erd- 
phuir enim sulphur uocatur 
quia igne accenditur Vr eni 

ignis est Neq ; alia res 

facilius accenditur nascitur 
ininsulis edis. instrue. i. 

m 

anakifolohen. aduena.i.zuo- 

quemo. 

Mon&e publice, id chunin- 

lihes mu! 19' niz. 



*üemaculu8 innipurro. 

adult matures gnarus. i. 
expertus. edulio uictui. esca 
l esu. 

hidriam uuazzirfaz 
incanalibus. i. Inuuazzar- 
trogon l inuuazzarrinnon. ru- 
gitus. germiz zunga. 
*Placito dinc 

19^ Inaures. orringa. 
lentis, i. linsi. 
hospicium gast uuissi 
adiutis giuuas shanan. 
aquauit gitrancta. 
Coire gimisgen. 
Posuisti milu. i. trugi. 
Venatu. guago temo 
gratü liub. 

expediant gibezziron. 
austu. gitrunche nemo. 
Expresserant. gibilidton. 
Industrius glouuar. 

Onarus uuizzo. 
affinitate gimachidu. 
Eiulatio uuofta. 
gratis, ingimetton. 
Intitulü. inceichan. 
Venusto sco|| 20' nemo. 
Copule gimachida. 
Potitis. noz. 
Contemptui. firmananti. 
Expostulans. dingonti.1 gre- 
mezzonti. 

Placiti tempus dinc zit 
Altrinsecus. Ingagenandre- 

mo. 

Supinus ruchilingun. 

scito pnoscens. vuizintar. 

UM 

♦forauitis. 

Prouecte. gitragenemo. 
Comite. sindote. 
Muliebria. regilziarida 
Cubitü restan. 
Uallare pifahen 
20' * Contemptui. fir"] mananti. 
Prosequerer. kilecti. 



DIE AUGSBURaER OLOSSEN. 



Fulua. eluuuaz. 

fonia. pmnat. 

Populeas. salahino. l alba- 

rino. 

(da« e Tor ■ vom o) 

Serotinus dees paiatton. 
facultate possibilitate. l eihti. 
*Non es passus. ni doletos. 
esto et situ, aut at. & situ pu- 
taueris l ecce. l esto. 
21' Admissura. gimisgida. 
sie delusa. so bitrogen. 
Placabo. gifauldo. 
Emareuit. Ardorr&a. 
Plandiciis. flehen. 
Deliniuit slitha. 
Oblatio. urspotin. 
Inclitus. frambari. 

differtur giborot. 
Increpuit. Erbalcsicfa. 
Strubri. comiptele. 

22' *Pincema. putegilare. 
23' Binas stolas. id duas tonicas. 
Stola gr uacatur quod sup emit- 

tatur. i. ericium lat nomine 
appellatv quod uulgo mafortem 
dicunt 



25' EXPLICIT CLOSA DEGENE8l| IN- 
CIPIT CLOSA ELLESMOT. 

Elegantem, i. pulchrü. l fro- 

nisgen. 

Urbes tabemaculorü. id man- 

sionü. i. Uueldi puri. 

* Inpapirione. binuz 
25^ * Kubus e uirgulti spinosi. l 

braama inquo murberi cre- 

scimt. 
26' ♦Far gen' amne. (zu lesen 

annone?) 

Condixerat sprach. } consen- 

tit aut statuit. 1 decreuit. 

''^sciniphe. i. musce minutis- 

sime. 

27' *indigenis ciuibus linde natis. 
i. gilanto. 

2V *Scatere. i. ebuUire. l chre- 
demin. 



'^lactuca uulgo nomine sarsa- 

lia uocatur. quia dorsü ei' in- 

modum sarr^ e. 

Coliandri. cullentar. 

Penuria zadal. 

Oaquejl 28' Kemiss&. nidirla- 

zit. 

Sustentabant. id enthabeton. 

strenuus id gambra. 

inpeculium. sunt scaz. 
Caligine tuncli. 
Obruatur. gisteinot. 
Perstrepebat. prastata* 
fumebat roucn. 
Contestare. firbuit 
Sculptile grepthi. 

29"^ desectis. gisnitiman. 
Cultrum mezzras. 
subula. ala. 
Pugno. gifuustoot 
Inpensas. £:izuich 
abortiuam.eruaorfan. 

30' ^aceruo. i. tumulos. } uimbon. 
sipgustata id. erbizen. i. co- 
mestum. 

Mutuum. inlihen. 
Sieonductum. gimettit. 
Maleficus. goculari. 
auersor. leidizo. 
Refriger&ur. gilaböt. l requem 
habeat. 
""scrabones. horniz. 

30^ ♦Oraculum & propitiatorium. 
imuni sunt ubi audiebantur 
duina eloquia interra sileae. 

id int anaglifamis silihange- 
stin. Rubricatas girottiu hian- 

tinum legi, ut alii uolunt. 
Timiama. uuirouh. 
incultü. inubida. 
Circuli. ringa. 
üectes. grintila. 
Propitiatoriü. id pleh aureum 
ductile. gislagan. 

acitabule. i. aeinarios. ezich- 
faz. 

1* 



A. HOLDER 



*Scij)ho8. calicesllSl'raaiores. 
l cofphiltn. 

Emuncturia. L cholupt ubi 
irais portatur acandelabro. 
*relles ari&um. id sine lana 

quasi par,cula idreaolite. 
*AcitaDuIa. id uasa modica. 
& quQ c&um ferunt. id izanari. 

31^ *lDcastratura. id gitubilit. 

Cortina lachen. 

Retorta gizuimat. 

ansula snora. 

Insertas ingitan. 

Circulos. ringa. 

Compago giu^^dffi (giua 

1. Hd., gio 2. Hd.) 

laminis. plefaun. 

Contextum. giuueban. 

Inusus. innu zida. 

lebetasjl 32^ caldarii. magni. 

chezila. 

forcipes. zanga. 

Fuscmulos. crafifon. 

*Receptacula. id ubi ignis 

portatur adaltare faolocaustorü 

chella. uel ubi iacetur. 

Craticula Inqua assantur car- 

nes. id rosta. 

R&is. id insimilitudine retis 

id nezzi. 

Paxillus erdchegil. 

Oras. i. soum. l, ort 

Bculpes. grabas. 

Inelusis. } gicastot 

Uncinos craffilin. 
• 
32"^ clauas nagal. 

inlinies. anagiclebis. 

Uitta. nestila. id quia constrin- 

git capillos mulieris. 

Mala punica genus e pomorü 

dulce multd. & magnü quasi 

duas pugnas. id fust. aliquo- 

tiens rubeo colore. 

Lamina plech. 

33' Consparsa. giclinetin. l gi- 
sprengit 



intestina. Innouili. 
Reticolum. nezzi. 
Duos renes. lentipraton. 
Corium. faut. 
aruinam. ueiziti. 
Pectusculum. prustpeini. 
Lagana|{ 33^ similiter panis e 
inprima plasma longus postea 
curuatus finem ad nnem. Co- 
quitur inaqua primitus inqua 
postea insartagine & oleo fri- 
gatur gigroubit 
*Tyra. pannus e incapite in- 



ehlnni 



transuersu usq' admentum uitt^ 
ei'. 

34^ fususio. guz. 

Papilio. id tentorium. inde dr 

papilia. id uiualtra. 

'^Cateruam. i. c&us speculum. 

spannilin. 

Armilla rotunda erit. i. arm- 

bouga. 

*Dextralia ampla erT ante ma- 

nicam. id ristallun. & possunt 

ibi coniungere uno claue. 

*feminalia bragas. 

35' Laxe ne fluerentur. id nizi- 
slifin. _ 

(rOth) EXPLICIT ELI8MOT ID 
EXODVSl INCIP UAIECRA ID 

LEVITICV8.|| 

35^ Uessiculam. i. crof. 
Ascellas. id feddah. 
Condies. salzas. 
Torres. derpaz. 
ilia. darma. id intercostas & 
uiscera. Reticolum adeps in- 
testini. id nezzi. 
Renunculi. duo paria. id neiron. 
* lubo sup lumbos iacens caro. 
id lentipraton. 
distillare. troaphon. 

36' *extorserit. aruuintit. 

i 

36^ *Aruinuli8. uezti. 
*Patnius f&iro. 



DIE AUGSBURGER GLOSSEN. 



*Lugubri. caragar. 
^Ruminat. iti rucfachit. 
37' *ali&um. eringrez. Ali&um. 
similis aquil^ & maior. tarnen 
minor quam uultvr. 
stmtionem. struz. 
Noctuä. id quae nocte uolat. id 
coruus marinus noctumus. id 
nafatram. } uoila. ut alii uolunt. 
alii lusciniam uoluerunt ee. 
Bubonem. qui rustice buf dr.|| 
37' •id huuo. i uuo. 
Mergulus. niger aois mergit 
8up aquam querere pisces. id 
tuhhari. 

^larum genus auis & uoca- 
batur saxonicQ meum. 

38' *Porfirionem. id auis orientalis 
&solo morsu bibit omne eibum 
aqua tingens. Deinde pede ad 
ostrum ueluti manu app&ens. 
1 isam. 

(ft ftiUTAdlert) 

Upupa. uitihofa. 

Caradrio. relifaa. 

herod. faerodius uualhapufa. 

38' Uespertilione. fledarmus//. 
Brucus. cfaeuor. 
Migale.idmu8 longa, idharmo. 
ut quidam uolunt. 

39' stelio. mol. est bestia uene- 
nata similis lacerte. 
Pustula, puilla. quasi lucens 
id uessicula. faeit glostat. Pi- 
los inalbü mutatos colore ut 
*int faeit 

humiliorem. id tuoUa. 
Caro uiua hoc est rotat. 
Garrula agarrilitate uoce di- 
citur. id ruoph. 

39' flauus. falo. 

Confectum. gimisgit. 

Asolido festimo } atoto. 

Uermicolum. uuormo. 

*aqu^ uiu§. i. ursprinc. l quec- 

brunni. 

*Uallicula8. id talilin. 



f^: 



Radit. schirrit. 

elatus. emomen. 

Papula, id puilla. 

sagma. stuol. 

inprecans. 1 soluans. i. fluoh- 

henti. 

indigena qui inde genitus e hoc 

est gilanto. 

Requietionis. id rauuua. 

40' aucupio. i. fogolonti. 

Afiinitate. id consanguinitate. 

gimahi. 

inpelicatum. *chebisod. huor. 

pustula. gisprinc. 

Scabies, ^louuido. 

*Pilos. id locca. 

humiliore. id firsuuinen. 

Obscurior. dunclor. id decre- 

scens. inoUta. 

40' anaclipeit. Inrecaluatione. id 

hintana cal^uuar. 

Dissuta. ungigurtit. 

Stamen. qd stat. id uuarph. 

subtem. id uuefal. quia in- 

transuersum pstamen ducitur. 

'^Uallicula. id concaua loca 

adsimilitudinem uallorum ap- 

parentia papillarü scabearum. 

id que dillono. 

* Comas fahs. non nis nidant. 

Cana. grauiamo. 

I 
41' Nouerca. stuif moter. 

Matertera. moma. 
Amita. basa. 
Incisura. ubiscurt 
gyppus. houirohtar. 
Rppus. surougar. 
Inp&iginem. rudich. 
hemiosus. holohtar. 
♦Testicola. ho//// 
*ferie. id firo. 
pultes. polz. 
41' fasciculum.buntilin.idesanga. 
*Inumbraoulis. id inloubon. 
Uicarium uuehsal. 
^preputia pomomomm. 



k 



A. HOLDER 



42* Non aeni&. id futurü temp' in- 
dicatioi. nioircoufa. 
Condicione. gimacfaida. 
Kon angariamini. id niheli- 
8oont 
inquiliiias. choefat 

42^ EXPLICIT UAIEGRAin. I.| LEVI- 
TICV8. INCIPIT UA1£BDA| BBEB. 
ID NVMERV8. 

Mortariolas. i. morteras. mor- 

sari. 

Tridentes. i. uncinos. tres faa- 

bens dentes. i. crouaiL 

fascinola. craffon. 

43^ Uncinos. Craffilin. 

Uatilla. L chella. 1 ^rechaii 

ignem. 

Coriositate. forsgonti. 

App&itur bizingit uoirdit 

Uexillü. guntnanon. 

Excubias. i. uuarta. 

Vatilla. i. pala ad focum. si- 

milis uasis qaibus aqu^ de- 

nanibus proiciuntur. i. scherm- 

scuola. 

Acimnm. i. unum. grannm. 

depotro. l drupilin. 

funere. i. para. 

43^ Nouacula.i.ferrä subtile, scari. 
^Coliandri & coriandri idem 
sunt chollenter. 

44' Perscelidas. id armille inpe- 
dibns aurei. hoc e sporon. ad- 
cauallü. 

Murenolas. id catenas latas 
& spissas. diccfao. 

44"" Nemorosa. boumothi. 

Area, chomhus. } '*'tenni. ut 
mos e inilla regione. quia non 
utontor horreis. 
Proceres, frambara. 

45' Prodoxit. sluch. 
inlamminas. inplech. 
Querimonias. stoaonga. l mor- 
muratio. 



* Uastabat incendium. id 
uuosta. 

*Operculü upirlit 

p oiam publica, id faeristraza.H 

45^ Pertritam. gitrenanan. (lies: 
gitre tanam). 
Nausit uuillot. 
Percussi. gifaacta. 
Promin&. triff& hoc e pertin&. 
^scopoli. felisono 
Sita e gelegin. 
Carpere. Zuigon. (g auf n) 
^Maceria. mura sine cemento. 
Rinoc^otis. id einhumo. & e 
fortior leone & si uirgo ei oc- 
ourrit & reuelauit fef 46' mi- 
nalia ei*, statim corruit ad 
pedes ei'. 
^Desitula. eimbri. 
Conplosis gislaganan. 
Intrieribus. incheolon. 

lupanar. huor hus. 
Ofiendisti me. arpaletos mih. 
'*' Replicauit|| 46^ i. infalta. hoc 
e exposuit 
Distulerit gioberota. 

* Expeditorum. garauciorum. 
*ex quo. id ebono. 
Periscelidas. peingueri. Alii 
nedon. 

Anulos. uingirin. 

Dextralia. pouga. minores, l 

S'span. 
urenulas. id menni cü gem- 
mis factü. 

* Alumni, acquemon. 
Stabula. criffa. 
exercuerat. gifrumita. 
Declijl dann 1. Bl. ausgeschnit- 
ten. 

47^ Inplanatioribus. slehteron. id 
incampestribus. 
Claui. nagala. 

(roth). EXPLICIT ÜADEDEBER 
IDEST. NVMERVS.i INCIPIT DEV- 
TERONOiaVM.I IDEST SECVNDA 
LEX. 



DIE AUGSBURGEB GLOSSEN. 



48' Procerior. frambara. 
Sequester, folgari. 
Protilentur id gilaucsamot. 

48^ *Caluitiura caluoi. 

49* *Bubulü id comua faabens in- 
gentia. & similis e boue uui- 
sont 

* Tregulafum. id similis capr^. 
id eleho. 

49^ fenerabis inthlihis. 
Mutuü. inlefaen. 
Uiaticum. fartnest. 
Uentricolum. iuxta uentrem. 
id mago. 

lustr&. durhcleitta. 
Incantatorll 50' glastrari. 
Arrogantia. ruomida. 
Demanubrio. fonahalba. 
Libellum repudii. id zuirslath- 
bouch. 

Cartallo. corbilin. 
leuigabis. slihtas. } giebonos. 

EXPLIC ADDABRABIM. IDE DEV- 
TERON I INCIPIT I08YE BENNVN. 

fenore. lehina. 

50^ negare. firzihin. 

^liminio. id repetitio. limen. 
drisguifili dr. quidam Co- 
dices habent. Exilio. id ihsili. 
flagit& deprecit. 
Sirenaram. meriminnino. l ge- 
lastraro. 

EXPLICrr PROLOGVS. 

linistipala. bozon. 
Ripas. stad. 
aluei. runsti. 
Concisior. giscittit. 
Reposita. giporgenen. 
pallium coccineum. fellol. 
*Syrenarü cantas. id m&ricü 
maicas. sie fecit ulixes in in- 
snl^. 

Regula, labeleia. id{| 51' zein. 
Congesto. gifrumitemo. 
Pitacus huafftaftin. l uuruisgi. 
Muttire grinan } glilon. 
subneruabis. Precide neruum. 



equorum erhahsinos. 

""ISuasa gispanini. 

Suspirauit. arsuftoto. 

Ignauia. slaffui. 

Lingua maris. id scafaho. } 

gero. 

Oonprobent. arsofaant. } hir 

forscont. 

Progressionis aetatis. id fram- 

gigangenes.ll 51^ Altres. 

ConuDia. biunga. 

Sudes (aus Studes). stechen. 

Optio pezzira. 

Potissimum. meist 

*|sudes. id precas. 

(roth) EXPLICIT IE8V| NAVE mE 
I08VE BENNVN. INCIPIT. SOPH- 
TIM QVEM N08 IV|dICVM NO- 

MINAMyS.r 



52' ... Adinuentiones. id urdahti. 
Capulum hanthabun. 
Inestiuo caenaculo. id insu- 
marlifaero falan zon. 
Obfirmatis sera. id bispartan 
denserron. ut in basilica e. 
Per posticü id turliiu 

52^ üomere. mitscaro. 

Accitis. id giholontan. 

53' Magnanimorü. id *rubenttano- 
rum. id mihil mottaro. 
*Clauum. nagal. 
Timpus. dunuuanri. l tempus 
ut Quidä Codices habent. 
Stelle manentes. inordine. id 
infi^abao. 
Cotculca. trit 

(Um: BeuiMet) 

Senuiss&.|| 53^ '^saata. 

Deuastantes. id spoliantes. } 

uuostinti. 

Jus. souf. 

Nemora. harca. 

Concam. labol. 1 narto. ut alii. 

poblite. chinneorada. 

fusi. gigozina. 

ConpTodere. id delidere. sla- 

gon. 1 claffon. 



8 



A. HOLDER 



Bollas. id ringa. 

^Inaores. oringa. 

latTOciniom. scah. 
i 

Umblico. nabalo. iä de infimisl 
54' locis. 

Conpulit firtreibt. 
Propognacnla. uueri. 
Problema. ratissa. 
Pronubis. framhiaungon. 
faces. facla. } scoub. 
Expectam. gisiuno. 
Suram. auadon. 
Mandibulam. chinni beini. 
qoia manditar sorech. ubi 
mnü bonü nascitur ualde. 
Stappa. id auoirchi. tachambi. 
Putamine. Craffilin. 
& cü eo funes torquebitur. id 
giaointana uirdit. 
Litio. mitnailli. 
Molere. malan. 
Ediculam. husilin. diminu- 

tium ab ede. 

5^" Conduxit. gimeitta. 
Obnixe. id agalizo. 
Ambutemor. id auidimeoza- 
mas. 
Bachati sunt uuatintiuuaron. 

EXPLICIT SOPTHIM. INCIPIT 
RVTH. 

55' Obstinato animo. id inauidar- 
gregilinimo momate. 
Cedo. id gilazzo. 
*Priuilegio suas scaro. id pro- 
pria lege. 



EXPL1CI7NT| ÜERBA. DE. V- 
LIBRIS. MOYSI. NVNC.| INCIPIT. 
DE MALACHIM. QVEM N08 RE- 
GVM INTERPETATI 8VMV8. DE 
PROLOGO. HIERO NIMO MAGI- 
8TRI.| HOC E8T. DE PROLOCV- 
TIONE. 



ÖS"" Censu. id shceminga. 

56' si gratus. obi indanche. 
Indefessa. ungimuataro. 
adcommodare. id pifelehen. 



57' *Comiiiodaui. i. inthlec. 

58' ^Satoratipriaspro panibus se 

locaueront id 8tat| gabon. 

*famelici. hungrege sig. 
59' fascinolam. id crouuil. 

Lebetam magni caldiarii. id 

chezzila. 

Caccabü. id steinna. habeius 

pedes tres. 

*Tonica. atonando dr. id|| 
59' rononti. 

60' *Demollire. firauirchen. 

62' *Focaria8 fiorscurian. 

Cliuam id uallem. } uohaldi. 

*Lenticola olei. id modicam|| 
63' uas aeneum qaadrangolü in- 

latere aptv 

64' '"'Btationeidexercitumtauarta. 

65' *uomerem 8car. 

Zwischen 66' (Schloß at an), 
und 67' (erstes Wort antea), 
ist ein Blatt ausgeschnitten. 

67' *Reditus. gnuun. 
^Eunuchis truitton. 

* Ocreas incrurib. Intibus bein- 
guuueri. 

69"" ^Inpsidio. id inloco munito 
quem habuit ibi in saltum. id 
inherda Innemore qu§ e in- 
rama. 

71' *Sarculü houUa psumpti. 

b od. hT 

^scorranti. } baldanti. quam 

par boum indie arare con- 

sueuit. 
72' *amata. giringot. 
72' *Cauere. i. midin. 

deiurare. id stiuerien. } dene- 

gare, tuuellen. 

*Uu^ passae gidartui. 
73' Abruptissimas. i. scarrantan. 

Ibicibus. i. steingeizin. 

* nitro, gemo. 

74' * Coniurastis. gizumftigitont. 
Offerebant uianti id ocurre- 
bant 
Insingultum gesgi zunga. 



DIE AUGSBURGER GLOSSEN. 



/ 



Pedis seq'. beiD|| 74^ seggon. 
Eraserit erscar. 

EXPLICIT LIBER PRIMV8. INCI- 
PIT LIBER SECVNDVS. 

75' *Tenen8 fasuni. spinnila. 

75^ Spicas tritici. L ut similarent 
86 pacifice quasi de agro egre- 
dientes & colligentes spicas 
non arma porta|| ein Blatt 
ausgeschnitten. 

76' istud inualle salinarum. i. quia 
puteos salis habebat. Acö- 
mentariis } doctores i. quia 
causas cömendabat }. *can- 
zilari 

77' delicatus. firzar|ter. 

Inconclaui. i. incamera. 
habente pessulum. sloz. 
Pronuntio. potiscaf. 

77' *Conduxerunt gimeiton. 

78' *Ferrata carpenta giisinota 
uuagina 

79^ Coniuratio|| 79"" bi heiz zunga. 

80* *inter duas palas. i. scufla. 

*Pthisina8 ueson. 

frixum cicer. gibro hinu de- 

uuizon|| 80' aruuuz////. i. coc- 

tum. 
82* *inpetrabi8. irdiges. 

85' *Cribrans. redm| ti. 
90' *Sicut teredo. nabeger. 

92' EXPLIC. LIB. II. INCIP. LIB. 

fciusll 
92' *Amicu8 regis trout. 

93' lato morum qui lapides ceder. 

steinbozila. 

*Tabulata. gibr&. 
94' *SeiTati. gisegota. 

'^'Mare. i. luterem. 
95' *Plectra8.1idro.HumeliChriffo 

*Radii speibo. (lies: speiho) 

*canti tefgo. 

*inedioIi naba. 
95' De auricalco orcalc. 

Inargillosa tra. i. inleimogaro 
(o ausgestrichen) erd///. 



96' deuotatio. schelta. 

Inpcatio. fluohunga (a aoa- 
radiert). 

Erugo scimbli. *Incoma. 

Rubigo. rost. 
96' lignis tynis. pinpom. 

fulchra. i. penchi. 

Uectigalia. zol. 
97' Cedä uos scorpionib'. mit» 

filtrinan stabon. 

fefellit eü. bitrouchinin. 
97' *lecito. uas uitreü. insimilitu- 

dine flasconis X panis factü 

est 
99' *Iuniperü rec heiter. 

100' *Aratro. i. geizza. 

100' ^inumbraculis. loubon. 

101' Habenas. zuhil. 

EXPUCIT. LIBER. TERJ TIUS. IN- 
CIPIT. LIB. QVART. 

102^ Oscitauit gesgizita. 

VI. mil aureos. i. manc usa. 
♦Duorü burdonü. i. soumari. 

103' *st]bio gimali. 

Latrinas. feldganc. 

103' Cardus. i. distil. 

105' (alte Numerierung 108) * Clau- 
sores miUe. castaro. 
TruUas. id. kella. 

EXPLIC. CLOSA. DE MALACHIM. | 
INCIPIT. DE PARALIPOMENON. 

105' *infastos. indignitates. arceu 
thina. 

DE SALOMONE. 

^Sumptuü. i. uictü. gizuic. 

106' *Concionatore. rectore l di- 
^nari. } mahilizzari. 
Commdata giuazzot. 

106' *Redol&. stenchit id ~ ma- 
nifestü facit. 

*Coa6uaueri,t. i. ersurant 
♦deplo. trabis. quo pmunt*. 
apremendo uocatum. 

EXPLICIT. DE PROLOQO. 

*acttleo stacchiL 



10 



A. HOLDEB 



133' EXPLICIT._ CHLOSA. 8VPER. EC- 

CLESIAS T. 

134' DE IE8U. FILn. SIBACH. 

135' fascinatio. iä burdhafti. zoubar. 
lactantia geili. 
lanugo floccon. 
Protorace. pronna. 
Habene. chanafa } corrigia 
frenorü. 

135' *Et adheremiam. uuit unaldi. 
^Simmatibus. g. clationib'. gi- 
uuerpf. qoidä Codices habent 
sceptris. 

136' Inspirante anguui fanit. 

137' Inmu8cipalis|| 137' id inufalloiu 
(lies: mosfallon). 

138' Malagma id (der Strich durch 
das d von zweiter Hand) uf 
asgi. 

139' Aceruatim. huofon. 

* Tintinnabtda & mala punica 
depauer. id scutiscoton. iä ti- 
muef. 

139t explic excerptv filii sirach 

CLOSA. INCIP DELIBRO SAPI- 

entiae. 

Euergetis regis receptacula. 

antfanchlich. 

affabile. gisprahilen. 

*Non acideferas. nizur lastos. 

140' Insulos. Inforihen. 



II 



* Inagi.litate. inagi,zilitate. 
(lies: in agilizi). 

140' Caccäb. i. steinna. 
*Tenaci argimo. 
^Inplanaü giuns lihta. 
♦Cömissio. misstat. 
*lasciuus. gectilosar. 

141' *Stuppa. aacambi. 
*Lor. funis. 
Braciale armbouch. 
*oIoratio. infronite. 
Inmunis. uningolten. 
Si firustrauerit i. triugit 



141' Deiatoram. meldonga«. 
Zelotipa. bictigina. 
Sipes. aporia. id abominatio. 
suoitiloth. 

^Obripilatione. reca|litiü. 
*£ide iassore. bunten. 
Asserü. id. latton///// (o aus- 
radiert). 

142' Detra iectione. id (uni aoidir 
uaerfenne. 

Sophisticse. i. hinter skrenj 
clicho. 

Ex|| 142' ceptoria aqoarü. ka- 
nali. 

143' fax. faehila. 

Precox. frumirifi. 

EXPLICrr. CLOSA. DELIBRO. | 
lOB. 

*Eschematis. menos. 
143' *arcturum. uuagan« 

144' Morenula. i. nionoogua. 

DE TOBLA.. 

*Naason. i. mons bracie. che- 
uon. 

145' Exsentera piscem. i. scurfi. 

145' DE lüDITH. DE PROLOGO. 

*Expeditiones militü. id he- 
riaerti alibi stipendiü sigf. 

146' *Experieris. i. piuindis. 

* Constantiam. baldi. 
^flores pulchras inmana ge- 
hkstari. 

* ascopä. i. flascone similis utri 
decoras factam sie solent scot- 
tones habere. 

(g aaf n) 

146' ^lampades. i. carici aiu effli. 

DE BESTER. DE PROLOGOJ| dann 

3 Blätter aasgeschnitten. 
Vom mittleren ist noch er- 
halten : w Zeile 1 : D roth. 
Anfg. Zeile 2: R. 
BL'^Ende lecti 

a. 

1. 

ua 

Üb.' 



DIE AUGSBUBGER GLOSSEN. 



11 



o 

iscit*. 

tu. 

ib 

P 

• • • « 

it 
torum 

148' Teneritudine. zestida. 

CHLOSA. DE ESDRA. ET NEE- 
MIA. INCIPIT 

Abnuere. i. firzihen. 

Quod dicturas sum Lamant 

flizant 

arrog ent raoment id lau|| 

148^ dat. 

Mutuari. i. inhihen. 

149' *Balbuti&. lalot. 

150' Publicet^ 1. enfronogiganna. 
*UectigaL gilstar. 
*Promouim'. i. huobon. 

150' Adtenuat'. i. firarmit. 
Oppillate. pisperrit. 
(schwarz) EXPLic.| (roth) incip 

DELIBBO MACHABEORV 

151' *int amicoB regis. i. ////// un- 
terdentruoton. 
Tegumta. i. sclit uaerida. 

152' *ordinib'. i. scaron. 

152' *fibulä. i. nuscon. 

153' DE SECUNDO. LIBRO. 

153' *DeIate. i. finneldat. 
*Accitü giholot. 
* inexercit'. inhursgido. 

154' *Contrectabat. i. hantilota. 
liberalissimi. sih uiroston. 
Inlamtiis (tiis von 2. Hand in 
tis corrigiert). ungiglagotar. 
Hedera ebhouue. 
flagris geiseselon. 
flagitiosissimesuntigostoll 154' 
*Ludibrias. höh. 
Deproximo. i. primom. 
Fulmina blicchi. 
Uibrans. uuennenti. 



155' Debilitarent*. i. bilemit uurton. 

EXPUC.| CHLOSA AME. COngTO- 

gata deueteri testamto ntantü 
meis uirib'. illä studui. sed 
ceteris pueris pagere. 
(roth) Closa in] librum esaiae 
prophetae. 

155' *Alfatoriola. i. turibula dica 
deauro } deargento mulieres 
habent pro odore. 

156' *PiIo8i. i. incubi monstri. 

156' *üicitä. i. bisas agrestes in- 
serris. 

^Lamia. deasiluse dr. habent 
pedes similes caualli. Caput 
& man' totüq' cor|| 157' pus 
sie molieris. & uider illä multi 
& manser cü ea. 
*Apothecas. ellaria. 
* Cartino. i. ferrü duplex unde 
pictores faciunt Circulos. i. 
cabolrind« 

157' (roth) Closa dehieremiaprop^ 
158' * lumbare. i. bragas modicas. 

159' (roth) Incip closa inezechiele 

froph. 
'axillus. i. fusticellus qui in- 
stante pariete mittit*. i. negil- 
striuces. i. cgregationes. 

160' *lappa chledtho. 

(roth) Ite alia incip closa. 

160' (roth), De danihele. 

*Offa, i. morsus. i. palla. 

161' *Cubitü. i. elina. 

(roth) De iohel & ceteris mi- 

norib' proph&is. 

*Torris. i. auriura. qu» de- 

igne rapitur. 

*Trulla. ferrü latü unde pa- 

rietes. linient i. chella. 

162' * hedera. ebihouui. 

DE lONA. 

*herba fullonü. i. borith. qui 
inde faciunt sapone. 

DE OSE. CYNXPONION. 



12 



A. HOLDEB 



167' 



h ntdiert «ur b 

♦Lappa depthon maiores. 
(roth) Closaelibri pastoraliß*)! 

Antiq' moris fmt csuetudo. 
qu» & usq. hodie inromana 

eccra qsi inlege tenetur ab epis 
urbe rauenna psidentib*. sü- 
mü apric» sedis pontifice elegi. 
Intentione. vuilün. 
Rephendis. lastrost 
Consideratione. bitrahtido. 
Allegationib'. reden. 
Distituat inzezze. 

k 

comd& giliube. 
Metire. bidenchin. 
Appetant. keron. 
Preripitationis. gahL 

ITE. DE EODEM. 

Intente ingrutigero. 
AflFectant keron. 
Queritur. stouuot. 
Arbitrio. selbuueli. 
Prouehit giuurdirit 
Detestat*. leidicit 
Oflfendant irbelgen. 
Sollerti cura giuuarero. 
Penetrant durihfaren. 
Conculcant firman&. 
Pascebant' uueidoH 168'noton. 
Ordinis. uuihi. 
Temerari. frazari. 
Principari. herison. 
♦Probrose itiuniz lihes. 
Qubemacola. rihtnnga. 

Eneruit uueicho. 
Retractationis. uuiderden- 

chido. 

Diuerberat zitribit 
CoUigit' fimomin uuirdit 
Insolente ungistuoma. 
Inquisitionis. frage. 
Districto ginotero. 
Arripe. hintir stan. 
Precipitio. haldun. 



•) VgL die Schlettstädter Glossen 
& 348—363. 



Eximia. urmara. 
Exercitatione. uöbido. 
Priuata. sumtrigu. 
Priuant biteilint. 
Pastionis fuoro. 
Conuincit' ubirsegit uuirdit. 
Sortiri. inphahin. 
Inardescunt irheizzant. 
Secretü. kisavasi. 
Secessü. suntrigi. 
Suppetunt foUictan. 

168^ Profuturus. bidirbin sculint 
Obstinationis. einstritigi. 
Prauent*. furifangont. 
Liquide, offino. 
Abutriq. foneiovuedremo* 
Calculü. zanteren. 
Utrobia. ieo uuederhalp. 
Metiencio. bidenchinte. 
Fau&. loboige, 
Conponat. lastatoge. 
Expssionifl irrechido. 
Definitur. kimarchot uuirdit 
Supprimat firsiugoge. 
0ns, rede. 
Inbecillitate. uuechi. 

(od. bfanin) 

Experimtü. buuintnussido. 

EffectuB kitettL 
Damnabilit scadahafto. 
Deprauat. kiuuirsero. 
Lippus. plehinouger. 
ley QyppuB. houirohter. 
Albugine. houuisal. 
Aduires. zimahten. 
Scabie, luchiden. 
*Inpetigine. cittirlus. 
Ponderosus. holohter. 
Conticiscent suuinten. 
fluxa csuetudo. unstatigu ki- 
uuoneheit. 

•nf Basar 

Remissas manus. slaffo. 
Idoneus. kimachar. 
Dephendit firstat. 

hsg. von W. Wackemagel in Z. f. d. A. V, 



DIE AUGSBURGER GLOSSEN. 



13 



Exsors. ateilo. 
Hebetes sleuua. 
CoUirio. ouffmale. 
Petulantia. ketilosi. 
pupalla. seha. 

Repugnationis auidir stantini. 
Adoires. ad uerenda. i. cigi- 
mahtin. 

Ratio|| 169'' nale inditii. prust 
fanin. 

Uittis nestilon. 
Examine. ursuoche. 
Exasperet. gigremme. 
Inportunitas. agaleizzi. 
Consensus. gihengida. 
Exigit^ kinotit uuirdit 
Singolaris. suntirikiz. 
Spectatores scoaare. 
Respecto. bitrahtotero. 
Anteriora. fordiroren. 
Distincto. zuuiror. kiuaritemo. 
Torto. kizn Saimetemo. 
Emic&. uzcome. } skine* 
Suggestiones. kiscuntido. 
Subigimas antirtaomes. 
Abiecta. dihintirosten. 
Discret*. kiuntirsceitoter. 
Blandiunt^ lihlochon. 
Preconis. foribotin. 
Exigit. gigrnzzit. 

Cpage. kifuogida.|| 

ncy Tintinnabula. scelHli. 

Leuigat'. bismahit uuirdit. 

Generat', prrinnit. 

Semini übius. auorsao. 

Inordinaü unredihafto. 

Premisit. forekisprah. 

Inportune. oportun». aga- 

leizze. 

Destruit. kirnt. 

Rimat^ irfuor. 

Noli fraudare. biscerigin. 

Condiscensionis. irbamido. 

Ualent. chreftigo. 
Condiscendendo. irbara mento. 
Ambigunt. forscont. 
Disserente. redinonte. 



Efferunt urburigent 

Suppetunt. ginuokin. 

Lenocinante. slihtintero. 

Componi. kiebinmezzot nner- 

din. 

Recoluit. irkait|| 

ITO"" Ligam. celga. 

Inuectio. raiisunga. 

Laceremur biscoltinnuerden. 

Rigida districtio. herterkidi- 

uuing. 

Mordeantar kiecit nnerden. 

Teperamtü. faski. 

Censeunt ahton. 

Inpolsus. kitribiner. 

Exploratione. speho. 

Contestando. bisauerginte. 

Conueniendo. manento. 

Probauit. kichos. 

Uoracitate. kitigi. 

Dirimda. kisceidenne. 

Non exigunt niguuinnint 

Concurrunt. helfent. 

Consenior. ebinalto. 

Precauetur. forebigomit uuer- 

de. 

Fide negaü. triuua|| 147' fir- 

loginta. 

Frigescnnt irchuolant. 

Negligenti. sumigero« 

Peradministratam. kiuuinnina. 

Puluillus. phulu uuili. 

Fauoris. lopis. 

Resultare uuidirhellen. 

Tenatia. araki. 

Palliat terchn^. 

Effusio spildi. 

Effuso. spildo. 

Imminamit grimmo. 
Inmatur^. uncitikimo. 
Differente. altasonto. 
Matur». gidigino. 
Dissimulantur. intlihi| sot uu- 
erdent. 

Qu»rit^ clagot 
Latere. ciogu. 
Sümopere alleromeist. 



14 



A. HOLDER 



Arietes. phetinare. 
CircüspectiB. giavaria. 
Sartagine. paaellam.|| 

171' rostphanum. l rixara. kirosti. 
i matoritas. 
Ad excelsoB. ciabir uestmin. 

Exasperatas. irgremit 
Manubrio. halibe. 
Non exp&it nisaochit 
Circüspectionis. gaari. 
Circulos. ringa. 

Uectes. grintila. 
Operies. dechest 

. ''^^^ 
Fictis inmaginib'. tragibiliden 

biliden. 

Deliberando. cheosinte. 

Adsatis factione. ziredo. } 

zibichategna. 

Tepestate. mitarbente. 

In^stat muoit. 

fomta. faske. 

Cdescenditar. irbanniuuirdit 
*Negotio. //// redo. (vor redo 
ist re ausradiert.) 

172* Conqaeri. clagon. 

Obuiam' uaidiruuartem*. 
ArgamtiL list 
Antiquator altat 
Inuebendo. ressinto. 
Defascinatione. ougbinte. 
Uerecundantiü. scamalinero. 

Cöpatiens. irbaramte. 
Renoni|isti8. bichomint 
Exlatere. undarlicho. 
Incestus. anmuozhafti 
Proteraä. frazari. 
Teneritudine. marauui. 
Preconiä. luimint 
Inipsü. in em. h zisamene. 
Saspitione. uuan^. 
Obstentare. ruomin. 
lactari. kiruomit vuerdan. 
Subicit. kidiomotit. 
Totü spm uaillin. 
Indignatio. zom. 
Blasphemia scelta. 



Sorrectara. nntirstansculinta. 
Aura lop. 
Agitat. uuegit 
Excute. ursuoche. 

172' lacuiatione. anagi. nurfido. 
Exaggerans. huoffonte. 
Rediuiua. febris ithsIahtigL 
Recidiua. ithslaht. 
Stadio. loufte. 
DeuotL uuilliga. 
Fautores. lobare. 
Aurigarü. uues kinaro. 
Strionü. loufono. 
Fauorib*. lopin. 
Effer. irburigint 
Profectu. framdihsimin. 
Contabescunt. suuintin. 
Suffi-aget^ kiuoUistit. uuerde. 
Seminariü. anagenne. 
Neut cuq. nedazuuuht 
Inpuri unreinna. 
Reticere. suuigea. 
Calleant ficisant. 
Exerit firrechit 
Exignnt kiuuinnint. 
Aspse faisitis. giuuonerolugi. 
Ericius. igil. 
Spera. cliuua. l. sciba. 
Tergi uersatione. hintergrio- 

ictü.|| 173' gitrugida. 
intentat. minitat rafsungo. 
Suspecta. sorecsamiu. 
Infastu. ingeilL 
Sorte, teile. 

Expenditnr. kispentotuuirdit. 
Tonsi. kebhinota. 
Mallei. hamires. 
Subiugale. fiho. 
Liuor uulneris. kisuulst. 
Inuestigat spurit. 
Nutrimento. zuhtQ. 1. mdrango. 
Si contuleris. poz zist 
Scorta. sinter. 

Stagnü. ein. Inpila. stamph». 
Pilo, stamph. pluuile. 
Mentitar. tmginot. 



ü 



DIE AUGSBÜRGER GLOSSEN. 



15 



*cflaü. kiranta. 
*Rubigine. rost. 



Tepens aqaa. lauaiz. nnazzer. 
Arephensoribus. 8cel|| ITS"" ta- 
ren. 

Accusatleidiscit.}. intuuerdit. 
Copescit^ kistillit uairdit. 
Censora. silentii. kiduaing. 
Deperit. firflazzit. 
Rectitadine rihti. 
*Acumine. fame. 
*Otio8U8. muozzi. 
Exadüso. daringagine. 
Tedio. ungivurti. 
luxta ipso e. bi imo ist. 
Damnent scelten. 
Inigne. zeli. inhezzi. zomes. 
Aemulationis. ellinnodeB. 
Preditis. giotogoten. 
Pretextu. mit^itamti. 
Insecuntur. antint 
Inpetant. anagipichant 
Aüsa. mithabihemo. 
Hasta. scafte. 
Ininguine. inhegidrasi« 
Exobliquo. fona undaralichi. 

174' Deiectius. unuverdira. 
Assertio. festinunga. 
Effrenatio. inlazzini. 
Fallitur. bitroginu virdit. 
Non circüferamur. ni umbi- 
uvrit. vaerden. 
Uariü. missalizzez. (lies: mis- 
salihhez). 

Gram. cmendar&. kiliupti. 
Aculei. angin. 

Excitantur. ki^raozzit uuirdit 
Supstitione. nbirfengida. 
Deperit. firliusit. 
Pagnis. fiustin. 
Dissipatur. zirstorit uuirdit. 
Conderapnare scelten. 
Perpendant, ahtogen. 
'^CQmissa. missitate. 

174* Munifici. cinsare. }. manaheita. 
Indigne. unuuerdsamo. 
Subrebat zno chrese. 



Deputent. biceUen. ^ 

Administrat. dionot. 
Sad&. suizzit. 
Supplemtü. foUist. 
Mancipantur. biheftit uuer- 
dent 

* Condempnent. scelten. 
Uendicant biualgen. 
Propitiatione. ginada. 

elemosinä. Int iectam. untir 

uuorfana. 

Sacculü. secchil. 

(a anandlert) 

Pertu///sum. durichchilen. 

n 

Dissidentes. missehelli^ta. 
Gregatim. samunt. 

Cömittat////. gimacho. 
Discissione. sceitungo. 
Coeuntes. samint uuesinte. 
175' Preconiis. lopin. 

Discrepat missihillit 
Medullitus. ingrunto. 
Abnegata. firsegiter. 
*Motabilitate. Arefiunt Peri- 
mit 

n 

Inlidunt anauirsto izzi,t. 
Coherentia. zuohaftenta. 
Spiraculü. atü. 
Incidit durihferit 
Deteriorationis. uuirsirungo. 
Secur. secoton. 
Assertionis. sagungo. 
Debriat. kitrenchit 
lus dantis. kiuualt. 
G}am. ruom. 

Diriuentur. kisuht uuerdent 
Influat.|| 175' fleozze. 
*Amplitudine. preiti. 
Inuisus ungiseuner. 
MjJedicit*. biscoltin uuirdit. 
Post ponit. nibiruochit. 
Plantaria. flanzara. 
♦Intempestiu». uncigo. (lies: 
uncitigo.) 

Tricennale. trizzigia rigmo. 
Caiamitatis. leidyuentigi. 



16 



A. HOLDER 



(I auf o) 

Saccessib'. spaotin. 

Sabsidia. follist. 
i 

* Radis. n,aaer. 
Inlonginquü. inlangsami. 

n& Afflaentib*. kinuhsamen. 
Obligati. bihafta. 
Inmansione. inselido. 
Suspecta. sorigsamia. 
Extra, furdir. 
Copulse. kihileiches. 
Expeditiones. garaauaren. 
Cselibatus. magitheit^. 
Inpedimto. irriden. 
Molles. uuidillen. 
Improb^. UDersamo. 
Resartiant kicehon. 
Inlibatos. unbiuaollinna. 
Snbacta sunt, antirtan uurtin. 
äubiaguntar|| 176* untirtan- 
auerdent. 
Inprobitate. onersami. 

Recaperatione. ubirchobirda. 
Inpetuntur. anagibicchit uaer- 
dent 

Eonuchi. tmta. 
Ultra habitü. ubirgarauui. 
ExcoUocta. fergrozzinia. 
Cerelei. blauaraunero. 
Pallenti. bleichentimo. 
Conglutina. kimiskit unard. 
Deligoit. kibirnta. 
Addicit'. biduagin uuard. 
Optinoit kiuuan. 
Frangant«. nigiselen. 
Lota. kisolotia. 
Inaolutabro. ingisole.|| 

177' Exigentib*. succhinten. 
Emendatior. gibuoztoro. 
Infundent naztin. 
Uabnlauit bioilta. 
Diiudicat. nntirsceitot. 
Desuescant intuuonagen. 

(1 aai r) 

Amisso. clauo. stuomagale. 
Per. oblicü durech duuerehi. 
Ictü. stich. 



Baratro. loch§. 
Sentina. scrantissa. 
Redoleant stinchen. 
Inpcipiti. intolpatan. 
Palestrarü. ringono. 
EuertendL ziauentinL 
Opinari. Uaaiiin.|| 

177"" Attestatio. archund§. 

Uideamini. kilobot unerdinL 

Derogare. bisprechin. 

Ductu. enge. 

Ex contrarüs. föne unidiraaar- 

ten. 

Exsistentem. uuesinta. 

Obuiat. helfe. 

Corda. seito. 

Incapabile. unfimöslich. 

Uelat hnlta. 

Assumit nam. 

Respectum. zaofirsiht. 

Satagit ilit. 

Aterrit. firmalit uoirdit. 

Rutilant. lohicent. 

Innitentes. spirdirinte. 

Pictor. malare. 

Tabula, pret 

Inuigilo. arabeito. 

Ambitus.|| 178' kirida. 

Gula. kitigi. 

Desideriü niot. 

Ostensione. raome. 

Thori. Petti. 

Laceratione. Intersceptam. un- 

tir scifta. 

Proruit uzzenprast. 

Auctoritatem. baldi. 

Deliberatione churi. 

Non expetat. niguuinna. 

178' INCIPIT GHOSA INLIBRVM Qül 

V 

Dl|CITVR 8APIENTIAE*,' 

ra 

Inharundin&o. inro,he. 

'''Et spu|| 179^ ria uitulamina. 

i. lambrusca. 

Lanugo, i. thistiles floccho. 

Protorace. i. peprunniroche. 



DIE AÜGSBURGER GLOSSEN. 



17 



Hauene. i. (die Glosse fehlt). 
Turbido vuiauinta. 

119'' Simmatibvs. L giuuerafon. 
Coagulatvs. i. girunnener. 

ISO"" *Uespa8. L homuza (auf Ra- 
sur). 

'^^ Etaertitibus scruntisson. 
'''Et inmuscipulum inuallum. 

b 

181' *Neq' malagma. i. facse. 
ISl"" Excandescit. i. argluoit. 

182' EXPLICIT CLOSA UBRI SAPI- 
ENTIiE 

INCIPIT CHL08A INUBUVM 
QVI DICITVR IE8V FILII 81 
KAUC. 
HABC IN PROLOGVM EXCERPTA. 

182"" *Et dedecus. i. unsubrida. 
183' Marcidas. uuesaner. 

a 

Caucubus. stein a. 
Onager. i. uuilds^resil. 
Palum. i. phal. 
183' Sollertia. L giuuerida. 
Procax. i. frauder. 
Lasciuus. i. ungido uuiger. 

184' Et frustrauerit. i. pitriugit. 
184'' *Caupo. i. tabemator. tauer- 

nare. 

t 

Aporia. suuintilofa. 

*Tabitudo. atabescendo. lisa- 

lite. 

^asserum. i. lattono. 

*Splendidum. i. lagum. 

*acinos. i. ratinos 

*lorum. i. iuahelmo. 
185' * Sophistice. i. farigo. 

Propter delaturä. i. durch- 

uzlettida. 

*Tran8igit i. arleuit. 

*Et inuersutus. i. ut iteirigloua. 
ISb"" Exceptoria. i. piuengida. 

*Uirides sationes. i. craanno- 

säte. 

Enigmata. i. ratissun. 

* Procax. uuafi<umerifazperi. 



EXPLICIT CHLOSA INLIBRV IÄ8v|| 
186' FILn 8IRACH. Qül DICI- 
TVR ECCLESIASTICVS. 

e 

ISG"" Coacuerint. irsure,n. 

GLOSA INLIBRV QVI DICITÜR 
PROVERBIORVM. 

188' ümbilico. i. nabolo. 

Tenellus. i. amabilis. sezeizer. 
Damtda. i. stengeiz. 
aucupis. i. fogalares. 
Conseris. i. giglenchis. 
Apostata. i. freido. seu alie- 
nagtus. (n ausradiert.) 

a aaf o 

procaci. i.|| 188"" fraualemo. 
Stertit. vacatseu scheret, siue 
ruzit 

Concinnat. i. gimachot. 
Innoualibus patrü. inuiuriutin. 
EbuUit uzarpulcit 
Ascella. uchasa. 
Uades. uueiti. 
189' ♦Clavo. nagale. 

Dispendia. ungifuri. 
Penu|| 189' riam. i. zadal. 
Quidelicate. i. zartlicho. 
Inliciar. i. gispanan uuirdo. 

* Sauguis sug^. Egalun diaboli. 

o »OS n 

* Chol um. chonagla* 

EXPLICIT CHL08A LIBRI QVI 

DICIT'I PROVERBIORVM 8ALO- 

MONI8. 

HAEC PAVCI8 EXCERPTA INLI- 

BRVM| QVI DICITVR HEBRAICE 

COELEHT. GRECE ECCLE8IA- 

8TES. LATINE C0N|CI0NAT0R. 

233' ^hebetatü erit ars lebetaz uui- 
sit. 

245' EXPLICIT LIBFJl ECCLE8IASTEn|| 

HOC EST CLOSA EIV8DEM.|| 
246' DO CRATIAS AM. 

Dann: Septem sunt lumina- 
ria u. s. w. 
248' .... Diabalos hebraice dr de- 
orsü fiuens. quia & qui&tvs 
inc^li culmine stare ctempsit. 



UERMANIA. Nene Kcihe IX. (XXI.) Jah^r. 



18 R. KÖHLER, ZUR mAgUS-SAGA. 

Gerne benütze ich diese Gelegenheit, den ehrwürdigen Vätern 
Nea-SanctbhisienB im Lavandthal, insonderheit dem Herrn Decan P. 
Roman Sparl und dem Herrn Hofmeister und Archivar P. Eberhard 
Katz ftlr ihre liebevolle Aufnahme und werkthätige Unterstützung 
bei meinen Nachforschungen in ihrer reichen Bibliothek meinen tief- 
gefühlten Dank auszusprechen. 



ZUR MAGUS-SAGA. 

AJs Ergänzung der Abhandlungen von F. A. Wulff, Notices sur les 
Sagas de Mägus et de Geirard et leurs rapports aux Epop^es fran- 
faises (Lund 1874), und von H. Suchier, Die Quellen der Mdgussaga 
(Germ. XX, 273 — 291), mache ich hier die folgenden Mittheilungen. 



I. 

Ln 4. Capitel der M4gus-Saga (Wulff S. 15, Suchier S. 275) bringt 
Ermenga, die Tochter des Königs Hügons von Miklagard, ihrem Bräuti- 
gam, dem König Hlödver, einen gebratenen Hahn und bittet ihn, den Hahn 
zwischen ihr und ihm, ihrem Vater und ihren zwei Brüdern zu theilen. 
König Hlödver gibt ihrem Vater, der das Haupt aller sei, Kopf und 
Hals, ihren Brüdern, die im Begriffe seien, flügge zu werden, die 
Flügel, ihr, welche die Stütze ihres Vaters und ihrer Brüder sein solle, 
die Füße, endlich sich selbst, der ihr aller Brust und Panzer sei, das 
Bruststück. 

Hiermit vergleiche man die von mir in Benfey's Orient und 
Occident I, 444 — 448, und in meiner Anmerkung zu Laura Gonzen- 
bach's Sicilianischen Märchen Nr. 1 aus älteren, darunter mittelalter- 
lichen, morgen- und abendländischen Litteraturwerken und aus neueren 
Volksmärchensammlungen zusammengestellten Erzählungen und Märchen 
und femer ein neugriechisches Märchen in den NeoaXlrp^iTca ^AvalexTa» 
Tofiog ^ , OvXUdiov A' (Athen 1870), S. 25, Nr. 5, ein neapolitanisches, 
welches Vittorio Imbriani in dem Vorworte zu „'A 'Ndriana Fata, Cunto 
pomiglianese^, Pomigliano d'Arco 1875, S. 4 mitgetheilt hat, und eins 
aus Barga in der Provinz Lucca in den Novelline popolari italiane, 
pubblicate ed illustrate da Domenico Comparetti, Vol. I, Torino 1875, 
Nr. XLHI. 

In allen diesen Erzählungen und Märchen kömmt eine ähnliche 
Zerlegung und Vertheilung eines gebratenen Hahnes oder andern Ge- 
flügels vor, und zwar wird in allen dem Hausvater als dem Haupte 



ZUR MÄGU8-8AGA. 19 

des Hanses der Kopf zugetheilt, and in den meisten werden die Flügel 
der Tochter oder den Töchtern^ da sie durch Verheiratung aoB dem 
Hause fliegen werden, und die Beine oder Schenkel oder Füße den 
Söhnen als den Stützen des Hauses zugetheilt. Daß in unserer Saga 
dagegen die Tochter die Füße und die Söhne die Flügel erhalten, ist 
offenbar eine EntsteUung. 

n. 

M4gus-Saga Cap. 5-12 (Wulff S. 16—17, Suchier S. 275—276): 
König Hlöäver zieht ins Feld und stellt seiner Gemahlin, mit der er 
noch keinen ehelichen Umgang gepflogen, weil er ihr wegen der ihm 
durch die verlangte Zertheilung des Hahns nach seiner Meinung an- 
gethanen E^ränkung noch zürnt, drei Aufgaben, welche sie bis zu seiner 
Rückkehr, d. h. binnen drei Jahren, bei Todesstrafe lösen soll. Sie soll 
nämlich 1. eine ebenso prächtige Halle bauen, wie die ihres Vaters ist, 
2. ein Roß, ein Schwert und einen Habicht schaffen, welche ebenso 
werthvoU sind, wie Hlöävers Roß, Schwert und Habicht, 3. einen Sohn 
ihm zeigen, dessen rechter Vater er und rechte Mutter sie ist. Nach- 
dem Ermenga die Halle erbaut hat, zieht sie in Männerkleidung als 
Jarl Iring ihrem Qemahl nach Treviris nach und tritt dort bald als 
Jarl iring, bald als dessen Kriegsgefangene, eine frigische Prinzessin, 
auf und weiß es zu veranstalten, daß sie als Jarl fUr Abtretung der 
gefangenen Prinzessin von Hlödver, 'der sich in sie verliebt hat, dessen 
Roß, Schwert und Habicht erhält, und daß sie dann als Prinzess drei 
Nächte in Hlödvers Umarmung verbringt und sich dabei seinen Ring 
aneignet Hierauf verläßt sie heimlich Treviris und eilt nach Saxland 
zurück, und als endlich Hlödver heimkehrt, findet er die drei Aufgaben 
gelöst. 

Mit dieser Erzählung vergleiche man den wahrscheinlich im 14. 
Jahrhundert verfaßten Prosaroman Xe Livre du trfes chevalereux Comte 
d'Artois et de sa femme, fille au Comte de Boulogne* *) und die Novelle 
von Gilette von Narbonne (Giletta di Nerbona) und Bertram von 
Roussillon (Beltramo di Rossiglione) in Boccaccio's Decamerone (HI, 9), 
welche bekanntlich die Grundlage von Shakespeare's Ende gut^ Alles 
gut ist**). 



*) Publik d^apr^ les manoscrite et poor la premiöre fois [par J. Barrois]. 
Paris, Techener 1837. 4° (nur in geringer Anzahl gedruckt und deshalb ziemlich selten). 
**) An Shakespeare's Drama hat Wulff 8. 16 erinnert, desgleichen Sachier S. 283. 
Letzterer hat in einer Anmerkung noch ganz kurz auf einige Werke verwiesen, „wo ähn- 
liche Stoffe nachgewiesen sind**. In mehreren dieser Werke, zuerst in Grassens Sagen- 
kreisen, ist auf den Roman vom Grafen von Artois hingewiesen worden, aber obn.^ 



20 K. KÖHLER 

In dem französischen Roman verläßt der Graf Philipp von Artois 
aus Verdruß, daß ihm seine Gemahlin keine Kinder schenkt, sein Land 
und seine Gemahlin, um auf Ritterabenteuer auszuziehen, nachdem er 
beim Scheiden seiner Gemahlin erklärt hat: ^Je me partiray de cestuy 
pais^ et n'y retoumeray ne avec vous ne seray, jasques ad ce que 
trois choses qui sont comme impossibles soient advenues: la premiirc 
est teile que vous soy^s grosse d'enfant de moy, et si n en saiche riens ; 
la seconde, que je vous aye donn^ mon coursier que moult ayme, et 
si nen saiche riens; la tierce et derreni^rc, que je vous aie donnä mon 
dyamant aussi, et que je n'en saiche riens'. Die Gräfin zieht ihm nach 
einiger Zeit, von einem treuen Knappen begleitet, in Männertracht nach 
und findet ihn, der inzwischen verschiedene ausftihrlich erzählte rühm- 
liche Ritterthaten ausgeführt hat, in Valladolid am Hofe des Königs 
von Castilien. Sie wird unter dem Namen Philippot sein Kammer- 
diener und gewinnt sein Vertrauen in dem Grade, daß er ihr seine 
heimliche leidenschaftliche Liebe zur Tochter des Königs gesteht. Mit 
Hilfe der Gouvernante der Königstochter, der sie sich entdeckt, weiß 
die Gräfin es nun zu veranstalten, daß der Graf viele Nächte bei der 
Königstöchter zuzubringen wähnt, während sie es in der That ist, die 
er umarmt Als Philippot erbittet sie sich dann vom Grafen zur Be- 
lohnung ihrer Dienste den oben erwähnten Diamanten und erhält ihn 
auch. Inzwischen ist sie schwanger geworden, und bald bemerkt auch 
der Graf die Blässe und Appetitlosigkeit seines treuen Kammerdieners 
und befragt ihn deshalb. Philippot erklärt, das Unwohlsein sei wohl 
eine göttliche Strafe dafür, daß er eine gelobte Wallfahrt nicht aus- 
geftlhrt habe, da er in des Grafen Dienst getreten. Er wtlrde, fUgt 
er hinzu, sie gern mit seiner Erlaubniss jetzt ausführen, wenn er ein 
Pferd hätte, welches ihn leicht (l^gi&rement) dahin bringe. Sofort 
bietet ihn der Graf sein eignes Roß dazu an, welches Anerbieten 
natürlich nicht abgelehnt wird. So hat die Gräfin ihre Ziele erreicht: 
sie ist von ihrem Gemahl guter Hoffiiung und im Besitz seines Dia- 
manten und seines Bosses Blanchard, alles ohne daß ihr Gemahl etwas 
davon weiß. Sie kehrt nun nach Arras zurück, versammelt die Vor- 
nehmsten des Landes um sich und entdeckt ihnen das Geschehene. 



seinen Inhalt näher anxn^ben. Snchier hätte g^ewiß, wäre ihm mehr als der bloße Titel 
des Bomans bekannt gewesen, anf seine große Übereinstimmung mit der Saga auf- 
merksam gemacht. Nebenbei bemerke ich, daß in Snchier's Anmerkung *Dunlop-Lie- 
brecht . . . 439' statt '539* verdruckt ist, und daß von Simrock's Quellen des Shakspeare 
die vermehrte und verbesserte zweite Auflage (Bonn 1870) zu citieren war, nämlich 
Bd. 1, S. 367 £f. 



ZUR MAGUS SAGA. 21 

Eine Gesandtschaft, den Bischof von Arras an der Spitze, begibt sich 
nach Valladolid, meldet dem Grafen die Erfüllung der drei Bedingungen 
und bittet ihn nun heimzukehren. Der Graf thut dies auch, und nachdem 
er einige Zeit zu Hause ist, kömmt die Gräfin mit einem Knaben nieder, 
und zwar y,pour oster toutes suspicions, ainsi que Dieu le voult, eile 
en d^livra droit au bout de neuf moys que son seigneur avoit g^u 
avec eile premifcrement". 

In Boccaccio's Novelle verläßt bekanntlich Graf Bertram die ihm 
aufgedrungene Gemahlin gleich nach der Vermählung und begibt sich 
nach Florenz. Zweien von ihr an ihn geschickten Abgesandten erklärt 
er, er werde nicht eher zurückkehren und mit ihr leben, als bis sie 
seinen Ring am Finger und ein Elind von ihm auf dem Arme trage. 
Die Gräfin zieht darauf als Pilgerin gekleidet ihrem Gemahl nach. In 
Florenz erfilhrt sie bald, daß er in die Tochter einer armen, aber edeln 
Dame sterblich verliebt ist Sie geht zu der alten Dame, entdeckt sich 
ihr und gewinnt sie flir ihren Plan. Nachdem der Graf zum Beweise 
seiner Liebe seinen Ring dem Fräulein hat schicken müssen, werden 
ihm heimliche nächtliche Zusammenkünfte gestattet, an die Stelle des 
Fräuleins wird aber immer die Gräfin untergeschoben. Die Zusammen- 
künfte werden so lange wiederholt, bis sich die Gräfin schwanger fühlt. 
Darauf verlassen Mutter und Tochter Florenz und ziehen zu Ver- 
wandten auf das Land. Der Graf, der inzwischen erfahren hat, daß 
seine Gemahlin Roussillon verlassen habe, kehrt dahin zurück. Die 
Gräfin bleibt so lange in Florenz, bis sie mit zwei Knaben niederge- 
kommen ist, worauf sie sich nach Roussillon begibt und dort, als der 
Graf gerade ein großes Fest veranstaltet hat, plötzlich in ihrer Pilger- 
tracht mit seinem Ring am Finger und den beiden Knäbchen auf dem 
Arm vor ihm und seinen Gästen erscheint 

Der französische Roman steht der Saga dadurch etwas näher als 
die italienische Novelle, daß in der Saga und im Roman die Gattin 
dem Gatten in Männertracht nachreist und eine Zeit lang als Mann 
(Jarl Iring, Philippot) unerkannt mit ihm verkehrt, während sie in der 
Novelle ihm als Pilgerin nachreist und nur anstatt der Geliebten mit 
ihm zusammenkömmt Hinwiederum haben die Novelle und der Roman 
gegenüber der Saga das gemeinsam, daß in ihnen der Mann nur dann 
heimkehren will, wenn die Gattin die von ihm gestellten Bedingungen 
erftlllt hat, während in der Saga von der Erfüllung der Bedingungen 
nicht seine Heimkehr — denn er denkt jedenfalls heimzukehren — y 
sondern Leben und Tod seiner Gattin abhängen soll. 



22 R- KÖHLER 

III. 

MAgus-Saga Cap. 76 und 77 (Wulff S. 43, Suchier S. 282) : Vil- 
hj&Im ist in Griechenland am Hofe des Kaisers Kirialex. Dieser gibt 
alle Jahre zu Pfingsten ein großes Fest, wo drei Dinge verboten sind. 
Niemand darf nämlich, wenn das erste Gericht ein Lachs ist, diesen 
umwenden, das Messer so laut auf den Tisch legen, daß man es hört, 
und 80 laut reden, daß man ihn auf der andern Seite des Saales hört 
Wer gegen diese Gebote handelt, ist nach sieben Nächten des Todes, 
darf aber vorher drei Bitten aussprechen, die ihm ei*ftQlt werden sollen. 
Vilhj&lm übertritt mit Ostentation die drei Gebote und spricht dann 
die drei Bitten aus, die letzten 7 Tage seines Lebens Kaiser zu sein^ 
die schöne Tochter des Kaisers sogleich zu heiraten und die Zeit 
über oberster Richter zu sein. Die Bitten werden ihm gewährt Am 
letzten Tage läßt er alle, die an jenem Feste theilgenommen, sich ver- 
sammeln und stellt neben jeden einen oder mehrere seiner treuen 
Krieger. Darauf fragt er alle Anwesenden, einen nach dem andern, 
auch die Frauen, bei seiner Gemahlin beginnend: 'Sahst du mich den 
Lachs umwenden oder hörtest du mich das Messer hinwerfen oder laut 
reden?* Seine Gemahlin zuerst und dann alle übrigen, selbst der Kaiser, 
erklären nichts gesehen und gehört zu haben. ^Warum soll ich also 
sterben?* ruft Vilhjdlm aus und &llt als oberster Richter das Urtheil, 
daß er Kaiser bleiben und fort regieren und der alte Kaiser bei ihm 
in hohen Ehren stehen soll. Der Kaiser willigt in Alles und Vilhjälm 
wird gekrönt. 

Mit dieser Erzählung vergleichen sich zunächst zwei andere^ näm- 
lich eine in des Engländers Alexander Neckam*s (f 1227) Werke De 
naturis rerum, im 40. Capitel des 2. Buches*), und eine in einigen Hand- 
schriften der Gesta Romanorum. Alexander Neckam schreibt also: 

De pectine. 
Pecten a dispositione ossium dispositorum in modnm dentium 
instrumenti illius, quo crines discriminantur, quod et pecten dicitur, 
nomen accepit Pars piscis istius superior nigredine vestitur, pars aquis 
yicinior candore mitescit. Sic et fortuna geminam habet faciem, 
nubilam et serenam. Dum vultum praetendit obscurum, latet facies 
serena, quia fortuna, quae adversa censetur, tuta tranquillitate felix est^ 



*) Alexandri Neckam De Naturis Reram Libri dno, With the Poem of the same 
Author De Laudibns Divinae Sapientiae edited by Tb. Wrigbt. London 1863. (Gehort zu 
der Sammlung Remm Britannicamm medii aevi Scriptnres or Chronicles and Memo^ 
jiäla of Great Britain and Ireland during the middle ages.) 



ZUR MAGUS-SAGA. 23 

interios inspecta. Fortuna verO; quae prospera censeri solet, multis 
molestiarum insidiis respersa est. 

Utitur autem consuetudo quorundam observantia hac^ ut piscis 
dictus in disco repositus in mensa non vertatur^ ne nigra parte östensa^ 
fieri videator pisei injuria. Consuetudo autem ista longaevi temporis 
auctoritate se munit^ prout in relatione subjicienda continebitur* 

Erat igitur civis, cui fortunae clementioris diu arrisit prosperitas, 
tribus filiis felicissimus reputatus. Duo ejus filii, lucro et quaestui 
temporalium diligentem operam adhibentes^ patris auxerunt divitias. 
Tertius artium ingenuarum studio nobili feliciter eruditus diminuere 
parentum suorum facultatem potius yisus est quam augere. Indignantes 
duo filii emancipari voluerunt^ suis familiis provisuri. Sub umbra 
alarum parentum latuit scholaris, de rebus ipsorum sustentatus, qui ad 
inopiam arctissimam vergenteS; latebras in partibus remotioribus quaerere 
compulsi sunt. Duo namque filii opem parentibus prorsus negavere, 
sed tertius filius eis ministravit. Tandem festivis epulis cujusdam im- 
peratoris nobilissimi interfuit scholaris cum utroque parente. Appositus 
est pecten, piscis scilicet praenominatus, seni patri scholaris; edicti com- 
munis ignaro. Exierat enim edictum ab imperatore, ut si quis pec- 
tinem in mensa reversaret, capitalem subiret sententiam. Insufficientiae 
enim argui videretur mensa imperatoris, si alba portio piscis dicti dis- 
cumbentibus non sufficeret Edicti tamen rigor temperatus fuit cujusdam 
legis adjunctione, qua institutum est, ut damnandus tribus diebus im- 
pcratoria majestate gloriaretm*, et tria praecepta ad nutum ipsius execu- 
tioni sine aliquo obstaculo mandarentur. Danmati igitur patris senten- 
tiam in se subiit sponte filius, tribus diebus imperatoris fungens di- 
gnitate. Primo itaque die jussit dimidiam partem thesauri imperatoris 
dari pauperibus, ut pro ipso Dominimi exorarent. Secundo die prae- 
cepit sibi filiam imperatoris adduci, ut ipsa pro voto uteretur. Tota nocte 
fovit puellam inter amplexus suos, sed honorem virginitatis defiorare 
noluit Quod cum pater relatione virginis didicisset, acceptum habuit, 
absolutionem juvenis afiectuose desiderans. Die tertio imperavit illum 
suspendi, qui patrem suum piscem vertisse conspexerat. Inficiantibus 
singulis, deliberativum genus causae tractant magnates, et deficiente 
accusatore absolvendum esse tarn senem quam juvenem pronuntiatum 
est. Exultat animus imperatoris, et filiam libens et laetus nubere 
jussit juveni. Fit ovantis concursus populi, et mendici, quibus munifice 
thesaurus distributus fuerat, se exauditos esse a Domino laetantur. Hinc 
consuetudo inolevit, ut piscis dictus dignitatem singularem obtineat 



24 R. KÖHLER 

Die ErzäUuDg in einigen Handschriften der Gesta Romanomm, 
wie sie H. Osterley in seiner Ausgabe Nr. 194 gibt*), lautet: 

Gallicus in civitate romana regnavit prudens valde et super omnia 
jnstus, qui statuit pro lege^ quicumque pectinem piscis [?] in scutella 
8ua verteret morte moreretur sine aliqua misericordia, sed ante mortem 
peteret tria a rege et optineret, ita tamen quod nuUa illarum peticionum 
esset pro vita habenda. Racio erat hec quare legem constituit, quia 
erat tarn largus quod nullo modo volebat, quod in aula sua ossa cujus- 
cunque viderentur, sed quam cito homo partem albedinis de pectine 
comederet, nullo modo partem nigredinis yerteret, sed ad coquinam 
mitteret et quia ei laute ministraretur appareret Accidit quod quidam 
comes ad curiam imperatoris venerat ducensque secum filium suum. 
Ambo in mensam erant positi et de pectinibus ministrati. Comes cum 
esset famelicus, postquam partem albedinis comederat, vertit pectinem 
ad partem nigredinis et comedit Hoc videntes multi coram regem 
exeuntes eum apud regem accusabant quod mortem meruit quia contra 
legem editam deliquerit. Statim super tali ti^ansgressione correptus, 
ille vero quid diceret penitus ignorabat^ filius vero ejus audiens quod 
pater nesciret se juvare, flexis genibus coram imperatore dixit: Domine 
mi reverende, numquid tibi placet quod pro patre moriar? et hoc peto 
instanter. Ait imperator: Michi bene placet, ita tamen quod unus ex 
Yobis moriatur. At ille: Domine^ multum tibi regracior quod michi 
concessisti quod debeam mori pro patre meo. Jam peto ante mortem 
meam tres peticiones secundum legem. Ait rex: Non possum tibi 
negare. Qui ait: Tantum unicam filiam habes, peto ut una nocte 
mecum dormiat. Ille vero concessit quamvis invitus. Tamen eam non 
deflorabat In hoc ipse multum placuit imperatori. Deinde secunda 
mea peticio est: peto totum tuum thesaumm. Rex vero stupefactus 
tamen quod petivit optinuit Accepit thesaurum tottun et inter divites 
et pauperes dividebat ita quod voluntatem tocius populi optinuit. 
Tunc ait: Domine mi rex, tercia peticio mea est ista: peto ut onmes 



^) Ich weiß nicht nach welcher Handschrift. Sie findet sich, wenn ich in 
Osterley's Handschriftenverzeichniss nichts übersehen habe, Tom Kaiser Galliens oder 
0allns erzählt, in Tier lateinischen Handschriften — XXXIV, 82 ; XXX VHI, 66 [Gallus] ; 
LUI, 200; LVII — und in zwei deutschen — CXIV, 115; CXXV, 44 — und im deut- 
schen Au^burger Druck vom Jahre 1489, und von Alexander Magnus oder einem rö- 
mischen Kaiser oder König Alexander erzählt, ebenfalls in vier lateinischen — XLVIr 
47; LXXI, 21; LXXXVI, 46; LXXXIX, 35 — und wohl auch in zwei englischen Hand- 
schriften — CXXXVI, 38 und CXXXVH, 11. Vgl. auch Gesta Romanorum. New 
Edition, with an Introduction, by Th. Wright, London (1871), I, p. LXXXV. 



ZUR mAgüs-saga. 25 

oculi omniom horum de capitibus eruantuT; qui viderunt patrem meum 
pectinem in scutella verteiltem. Hoc audiens Imperator feeit inquiri 
quis vel qui viderint comitem vertere pectinem in scutella. Facta est 
inquisicio. Cogitavit unusquisque: Si ego dixero amitto oculos meos^ 
et sie secundus, tercius et quartus. Unde omnes timuerunt veritatem 
dicere^ ita quod non fatebatur unus se dixisse et vidisse illum vertere 
pectinem in scutella. Imperator hoc audiens dedit pro judicio ut comes 
sine lesione transiret et filius ejus filiam ipsius unicam in uxorem du- 
ceret, et sie est factum. Decedens imperator , filius comitis factus est 
rex illius regni^ qui satis prudenter regnum regnabat*). 

Außer diesen beiden Erzählungen bei Alexander Neckam und in 
den Gesta Romanorum gehören aber auch noch zwei etwas ferner ab- 
stehende hierher, die eine in dem Werk des Mönchs von Sanct Gallen 
über Karl den Großen, welches zwischen 884 und 887 verfaßt ist, die 
andere in Jans des Enenkels Weltchronik, welche der Mitte des 13. Jahr- 
hunderts angehört**). 

Der Mönch von Sanct Gallen (11, 6, in Ph. Jaffä's Bibliotheca 
rerum Germanicarum T. IV, S. 670) erzählt von Karls Gesandten an 
den Köüig von Constantinopel unter anderm auch folgendes: 

Tunc rex [Constantinopoleos] vocavit eum [sc. legatum] ad con- 
vivium suum et inter medios proceres coUocavit. A quibus talis lex 



*) In den drei anter sich sachlich übereinstimmenden, aber sprachlich ver- 
schiedenen alten deutschen Übertragungen der Geschichte bei Bodmer, Fabeln aas den 
Zeiten der Minnesinger S. 250, aas Handschrift CXIV, bei GrSsse, Gesta Romanorum 
11, 168, aus Handschrift CXXV, und bei Maßmann, Kaiserchronik III, 744, ans dem 
Augsburger Druck von 1489, bittet der Grafensohn als erste Bitte, daß ihm der 
Kaiser seine Tochter als Weib gebe, und zwar heißt es dabei noch in der einen Hand- 
schrift, daß ein Priester dabei sei, in der andern, daß er sie ihm mit einem Pfaffen 
sende, im Drucke, daß ein Priester ihn segne. Als dann keiner gesehen haben will» 
daß der Graf den Fisch umgewendet habe , ist es die Kaiserstochter, die ausspricht, 
daß der Sohn billig freizulassen sei. 

**) österley hat in seinen 'Nachweisungen* zu Gesta Romanorum, Cap. 194, so- 
wohl auf Alexander Neckam als auf Enenkel verwiesen, nicht aber auf den Monachus 
Sangallensis. Wenn er zugleich 'Holkot, Moralit. Confl. 44* citiert, so ist damit die 
von ihm S. 246 — 251 seiner Gesta Romanorum näher beschriebene Coblenzer Hand- 
schrift der Moralitates des Robert Holkot gemeint, wo sich nach S. 250, Z. 1 auch 
die Erzählung des Alexander Neckam findet ('narrat Alexander de naturis rerum*). 
Auch in einer andern Coblenzer Handschrift, nach österley S. 111, Nr. XXXII, einem 
Bruchstück einer besondem Redaction der Gesta Romanorum, fiudet sich, wie Österley 
S. 112, Z. 1, angibt die Geschichte aus A. Neckam ('Narrat Alexander de naturis 
rerum quod in domo cujusdam imperator is*). 



26 ß- KÖHLER • 

constitata erat: ut naUos in mensa regia, indigena sive advena, aliqaod 
animal vel corpos animalis in partem aliam converteret; sed ita tantom, 
ut positom erat 9 de superiori parte mandnearet AUatos est autem 
piscis flavialis et pigmentis iniiisaS; in disco positoB. Cumque hospes 
ideni; consnetudinis ülios ignarus^ piscem illum in partem alteram gi- 
raret; exorgentes omnes dixeront ad regem: Domine, ita estis inho- 
norali, sicut nunquam anteriores yestri. At ille ingemiscens dixit ad 
legatum iUum: Obstare non possmn istis, quin morti continuo tradaris. 
Aliud pete^ quodcunque volueris, et complebo, Tone, parumper deli- 
berans, cunetis audientibos in haec verba prorupit: Obsecro, domne 
Imperator, ut secundum promissionem vestram concedatis mihi unam 
peticionem parvulam. Et rex ait: Postula, quodcunque volueris, et 
impetrabis; praeter quod contra legem Grecorum vitam tibi concedere 
non pofisum. Tum ille: Hoc, inquit, unum moriturus flagito: ut, qui- 
cunque me piscem illum girare conspexit, oculorum lumine privetur. 
Obstupefactus rex ad talem conditionem, iuravit per Christum, quod 
ipse hoc non videret, sed tantum narrantibus crederet. Deinde regina 
ita se coepit excusare: Per laetificam theotocon, sanctam Mariam, ego 
illud non adverti. Post reliqui proceres, alius ante alium tali se peri- 
culo exuere cupientes, hie per clavigerum coeli, ille per doctorem 
gentium, reliqui per virtutes angelicas sanctorumque omnium turbas ab 
hac se noxa terribilibus sacramentis absolvere conabantur. Tum sa- 
piens ille Francigena, vanissima Hellade in suis sedibus exsuperata, 
Victor et sanus in patriam suam reversus est 

Nach Enenkels Erzählung endlich — bei Maßmann, Eaiserchronik 
HI, 743 — hat der König Domicianus zu Rom den Tod eines sehr 
klugen Knaben, des Sohnes eines seiner Räthe, beschlossen. Er ladet 
deshalb die Räthe und den Knaben zu einem Gastmahl fiir den fol- 
genden Tag mit dem Befehl, daß keiner der Gäste den ihm vorge- 
setzten Fisch auf der Schüssel bei Todesstrafe umkehre. Am Tage 
des Gastmahls hält er erst mit den Geladenen eine Rathssitzung, die 
bis zum Abend währte: 

daz tet er allez umbez kint, 

daz ez der hunger machte blint. 
Als sie nun bei Tische sitzen, kehrt der Knabe den Fisch um, 
und ein ^meldsere' sagt es sogleich dem König. Der Knabe bittet dem 
König, ihm vor seinem Tod noch eine Gabe zu geben. Der König 
verspricht ihm seine Bitte zu erfüllen und fügt hinzu: 

üf die triuwe min 

du solt des gewis sin. 



E. KÖLBING ZU CEGfSDREKKA. 27 

daz ich dins tddes niht enger, 
unz ich dich diner bite gewer. 
Darauf bittet ihn der Knabe um die Augen dessen, der ihm gesagt 
habe^ daß er den Fisch umgekehrt. Sofort flieht der Angeber in ein ander 
Land, und der König muß den Knaben am Leben lassen. Der Knabe 
ward später nach dem Tode des Domician von den Römern zum König 
gewählt Er hieß Antiochus. 

WEIMAR. REINHOLD KÖHLER. 



ZU (EGISDREKKA. 



(Egisdr. V. 19 schreibt Qrundtvig (Edda, IL Aufl.): Loka |)at 
veit, at hann leikinn er, ok hann Qör^ öU frjä und erklärt das p. 198 
durch : det harer jo Loke til at v»re spegefuld , og alle vsesener have 
ham dog kser. „Loke har gjort sig gudeme uundvserlig pa tusend 
mäder og ikke mindst ved sin vittighed, der vel bringer dem i hamisk, 
naar den som nu mod mälets ende, da ondskaben er ved at blive 
äbenbar, vender sig imod dem selv, men som dog forhen mangfoldige 
gange har moret dem kostelig.^ 

Erstens wissen wir von diesem Amüsement, welches Lokis 
Streiche den Göttern bereitet haben, herzlich wenig und zweitens paßte 
auf eine solche beschwichtigende Rede der Geflon die harte Antwort 
Loki's im folgenden Verse sehr schlecht Doch aber glaube ich, daß 
Grundtvig in Bezug auf die Erklärung von leikinn ganz recht hat, 
und möchte nur vorschlagen, statt frjd, Qdr zu lesen, was durch ein- 
fache Umstellung von r gewonnen wird. Dann ist der Sinn der Stelle: 
„Das ist einmal Lokis Art, daß er ein Spötter ist und daß er alle 
Wesen haßt!" Dann ist Lokis Antwort gerechtfertigt. Die Schwierig- 
keit mit Qörg bleibt freilich bestehen. 

Das. V. 24^ heißt es: ok draptu & vett sem völur. v»tt oder 
v^tt erklärt Cleasby-Vigf. durch: the lid of a ehest ar shrine. Egilsson 
8. V. vett: n. plur., veneflcia, id qu. vit, vitt: draptu & vett = veneficia 
tetigisti, tractasti, contrectavisti. 

Holtzmann (Die ältere Edda übersetzt und erklärt Vorlesungen 
von A. H. Herausgegeben von Alfred Holder. Leipzig 1875) p. 208 
sagt: Es scheint vett zu schreiben (sie), vsett nach Egilsson = vitt n. 
veneficia. drepa mit ä c. Dat. an etwas rühren (hendi) draptu & vett 
veneficia contrectasti; und Kopenh. vsdtt lesen und überaetzetv («ä<^\ 



28 E- KÖLBINO 

SBdes „and hast an die Häuser geklopft^. Ganz willkührlich, oder vstt 
ftlr larva defuncti. (!) 

Daß drepa mit d c. Dat „an etwas rühren^ heißen soU^ ist ein- 
fach unrichtig. Vergleichen ließe sich allenfalls die Redensart: drepa 
tör & tungu raedalkafla = in gladium irruere, oder Hym. 30: drep 
vid haus Hymis, aber auch diese Stellen decken sich mit der unsrigen 
nicht. Und daß vstt = yit = veneficia ist, wird doch kein vemttnftiger 
Mensch acceptieren. 

Der Satz mit „oder" bei Holtzmann ist mir zu hoch. Das iine 
können wir uns aus seinen Erörterungen annehmen , daß die Über- 
setzung der Eop. Ausgabe „willkürlich^ ist, denn das ist in der Thai 
der Fall. Und doch wird gerade dieser Sinn hier gefordert; vgL 
Grimm, D. Myth. S. 375, wo es von der vala heißt : „Man glaubte, daß 
sie umherziehe und in die Häuser einkehre; dies „til hüsa koma" gemahnt 
an das: drepa & vett sem völur; Saem. 63' wie auch anderwärts von 
weissagenden, begeisternden und heilbringenden Frauen angenommen 
wurde, daß sie durch das Land fuhren und an die Häuser der Menschen 
klopften, die sie beglücken wollten". 

Ich schlage deshalb vor, für d vett [denn so, nicht vsett, liest R] 
d vegg zu lesen = an die Wand, d. h. ans Haus; vgl. innan veggjar 
= innan stokks = within walls, indoors (Cleasby-Vigf. p. 689^). So 
wird der geforderte Sinn durch eine kleine Änderung gewonnen. 

BRESLAU. £. KÖLBING. 






ZUR ENTSTEHUNG DER RELATIVSÄTZE IN DEN 

GERMANISCHEN SPRACHEN. 



I. 

über die Entstehung der deutschen Relativsätze haben nach 
Erscheinen meines kleinen Buches: „Untersuchungen über den Aus- 
>/ fall des Relativ-Pronomens in den germ. Sprachen, Straßburg 1872** 
ausführlicher gehandelt: Jelly , Ein Capitel indogerm. Syntax, in 
G. Curtius Studien, Bd. VI, und Oskar Erdmann in seinen Unter- 
suchungen über die Syntax der Sprache Otfrids, Theil 1. Halle 1874^ 
ersterer, wie es scheint, ohne meine Arbeit zu kennen, während Erd- 
mann, dem dieselbe erst nachträglich zugegangen war, sich im Vor- 
wort p. VI ausdrücklich gegen dieselbe wendet Beide vertreten be- 
treffs dieser Frage eine der meinigen strict entgegenstehende Ansicht 



ZUR ENTSTEHUNO DER RELATIVSÄTZE IN DEN GERM. SPRACHEN. 29 

und je sorgfältiger und überlegter im Allgemeinen besonders Erdraann's 
Bach gearbeitet ist, um so mehr habe ich es für meine Pflicht gehalten, 
die Sache nochmals unbefangen und gründlich zu erwägen. Das Resultat 
war, daß ich aus den unten summarisch aufgeführten Gründen mich 
Erdmann^s Auffassung der deutschen Relativsätze nicht anschließen konnte. 

Zwar, um dies vorauszuschicken, so weit, wie Herr E. p. VI 
selbst meint, ist die Kluft zwischen den beiderseitigen Anschauungen 
zum Glück nicht. Ich kann in der That nicht begreifen, wie Herr E. 
ans meinen Worten p. 52: „Hinsichtlich des althd. und mhd. ist zu- 
nächst zu berücksichtigen, daß ein dem jetzigen rel.Pron. entsprechendes 
Pron. dort auch in früherer Zeit^ als der Satzbau vorherrschend para- 
taktisch war, nicht gefehlt hat; es war sogar ihm gleichlautend, hatte 
aber demonstrativen Werth" — hatte schließen können, ich nehme für 
das ahd. den Dualismus des dem. und rel. Pron. ohne Erklärung als 
gegeben an, während ich für die nord« Sprachen und sogar für das 
Gothischo den dem. Charakter des ther betont habe. Ich habe viel- 
mehr p. 45 u. ganz direkt von der nach und nach vor sich gehenden 
Formation subordinierter Sätze durch „Übergang von dem. pronominibus 
in relativa" gesprochen; vgl. p. 43: „Sehr richtig bemerkt Steinthal, 
daß das deutsche Relativum nur das Demonstrativum ist, welches durch 
die Weise der Verwendung und Betonung relativen Sinn erhält Vgl. 
auch p. 51 u. Daraus erhellt wohl zur Genüge, daß eine so thörichte 
Inconsequenz mir nie in den Sinn gekommen ist. Auch die zweite 
Behauptung Erdmann's ist unrichtig: ich erklärte die Fälle des nur 
einmal gesetzten Pronomens .... durch Wegfall des Relativi; denn 
betreffs des Hochdeutschen, um das es sich bei E. doch nur handelt, 
habe ich p. 43 f. ausdrücklich hervorgehoben, ein alle Stellen treffen- 
des Gesammturtheil lasse sich nicht fällen. Ich bedaure, daß Herr E. 
mein Schriftchen so flüchtig gelesen zu haben scheint. 

Worin besteht nun aber die wirklich vorhandene Differenz? 

Herr E. will das im Ahd. entwickelte relative Slatzgefüge nicht 
aus einer bloßen Rüekweisung vom Nebensätze aus *) erklären, sondern 
vielmehr durch das Überwiegen der dem. Hinweisung auf den gemein- 
samen Gegenstand im Hauptsatze, in der Art, daß der Nebensatz ohne 
eigene Bezeichnung dieses in der Vorstellung noch mächtigen 



•) Mit welchem Rechte Piper Germ. XIX, p. 437 in einer Besprechung von 
Erdmann's Buch, betreffs der rel. Verbindung sagen kann, der Verf. erkläre dieselbe 
mit Windisch durch eine anaphorische Hinweisung des zweiten Satzes auf den ersten, 
ist mir unerfindlich. Gorade das Gegentheil ist der Fall. 



30 E. KÖLBIN6 

Gegenstandes und in einfacher Wortstellung sich anschloß. An die 
Spitze des Nebensatzes kann das dem Hauptsatze angehörige Demon- 
strativum treten^ wenn der Nebensatz bei engerer Gedankenverbindung 
unmittelbar hinter dasselbe gesetzt wurde. 

Für Stellen, wie O. II, 2, 8 (vgl. E. §. 102, von mir vollständiger 
gesammelt a. a. O. p. 45], wo es sich handelt um die Umwandlung 
des neutralen dem. Pron. in die Conjunction, gebe ich Erdmann's Satz 
unbedingt zu« Der spätere Nebensatz ist auf dieser Stufe vollständig 
mit Subject undPrädicat versehen, und bedarf, so lange er vollständig 
bleibt, einer weiteren Ergänzung nicht Jeden andern später relativisch 
gewordenen Satz aber stelle ich mir ursprünglich so geformt vor, wie 
E. §. 216 mehrere au£EÜhrt: anaphorisches dem. Pron., Verbum, Object; 
wie wir jetzt noch sagen können: das ist der Mann: der begieng 
das Verbrechen; der muß bestraft werden. Dies einfach zu- 
rflckweisende yider*' ist das ursprüngliche Mittel der Satzverbindung. 
Sollte nun die logische Abhängigkeit des zweiten Satzes vom ersten 
volleren Ausdruck finden, so trat Inversion des Verbi an den Schluß 
des Satzes ein, welches zugleich unter Umständen in den Conjunctiv 
übertrat*). Dadurch wird auch das urspr. demonstrative Pron. zum 
rel., ohne natürlich in der Form irgend wie von jenem abzustehen. 
Die Umwandlung ist eben gewissermaßen eine innere. Wie ich mir 
daraus dann eine Form ohne Relat. entstanden denke, habe ich a. a. O. 
p. 51 f. dargelegt, wie ich hoffe, ohne einen Mangel an historischem 
Sinne zu zeigen**). 

Folgende Gründe, betreffs deren ich mich übrigens sehr gern 
eines besseren belehren lasse, bestimmen mich, an dieser vor reichlich 
drei Jahren geäußerten Ansicht festzuhalten. 

1. Wenn unter dem Gewichte der demonstr. Hinweisung auf den 
gemeinsamen Gegenstand im Hauptsatze der Nebensatz sich ohne 
eigene Bezeichnung dieses Gegenstandes an jenen anschließt, so ist das 
doch wohl die allerengste Verbindung dieser beiden Sätze, die über- 
haupt denkbar ist, die auch dadurch nicht noch enger werden kann, 
daß das Dem. aus dem Hauptsatze in den Nebensatz übertritt, die aber 
dadurch gelockert wird, daß das aus dem Hauptsatze verschwundene 
dem. Pron. dort neu ergänzt wird, wie E. für gewisse Fälle annimmt. 



*) Letzteres auch zuweilen in einem solchen Satze, wo einfach erzählt wird; 
▼gl. außer £. §. 62 und 138 f. MS. D. X ▼. 1. LXX, 1. 

**) Die Frage, oh z. B. in den mhd. Schaltsätzen mit „heizet" n. a. das dem. 
oder rel. Pron. ausgefallen ist, erscheint demnach nicht müßig (J0II7 a. a. O. p. 230), 
ist aher durch die Wortstellung sehr einfach zu lösen. 



ZUR ENTSTEHUNG DER RELATIVSÄTZE IN DEN GERM. SPRACHEN. 31 

Dieser Verlauf stimmte aber übel zu der gewiß richtigen Vorstellung^ 
die wir sonst von dem allmählichen Übergänge des parataktischen Satz- 
gefüges in ein hypotaktisches hegen, zu der Meinung, daß eine wis- 
sentlich engere Verknüpfung der Qedankenreihen auch zu engerem 
Zusammenschlüsse der Sätze, in denen jene zum Ausdrucke kamen, 
geführt habe. 

2. Ich finde es inconsequent, die undeclinierbaren Relativpartikeln, 
wie goth. ei (dessen anaphorische Bedeutung von E. §. 90 zugegeben 
wird) und altn. es (=» er = fser. iä), die unter Umständen auch allein ste- 
hend zur Andeutung der Relation genügen, als urspr. zum Zwecke der 
Differenzierung dem Nebensatze zugetheilt, anzuerkennen (p. X f.), 
das declinierte Pron. aber dem Hauptsatze zuzuschieben, zimial wir 
die Analogie des Gbiechischen zur Seite haben. Denn trotz der Unter- 
schiede, die Herr E. zwischen den rel. Fügungen im Griech., Scr. und 
Zend einerseits und dem Deutschen andrerseits an und fiir sich ganz 
richtig geltend macht (§. 83 ff.), halte ich doch die daraus gezogenen 
Consequenzen nicht ftlr zwingend. 

3. Wenn zugestanden wird, daß die den eben erwähnten Relativ- 
partikeln in den nord. Sprachen und im Ags. häufig vorausgeschickten 
declinierten dem. Fron., die sich im Casus nach dem Hauptsatze 
richten^ den Zweck haben, die Verbindung zu erleichtem und zu 
verdeutlichen (E. p. IX), wie sind solche declinierte Formen dann 
bei fehlender Partikel zu erklären^ wenn diese als nie vorhanden ge- 
wesen, als von Anfang an fehlend zu betrachten ist? Vgl. meine Unters. 
p. 52 f. 

4. Wenn wirklich bei nachfolgendem Nebensatze ein ther oder er 
im Hauptsatze erst dann gesetzt oder vielmehr wieder ersetzt worden 
wäre, als das urspr. allein den Übergang vermittelnde ther bereits ganz 
mit dem Nebensatze verschmolzen war und im Hauptsatze an anderer 
Stelle eine dem. Verweisung als erforderlich gefühlt wurde (E. §. 225), 
80 hätten die Sätze, sollte man meinen, wo das Pron. des Nebensatzes 
noch in dem dem Hauptsatze gebührenden Casus steht, dieser Ergänzung 
am wenigsten bedurft, namentlich nicht unmittelbar daneben, wie z. B. 
Trist V. 973 ff.: und alles des, des si geleit etc., wo noch dazu 
alles vorfaergieng. Wenn das Pron. noch den ihm im Hauptsatze ge- 
bührenden Casus trägt, so ist es eben notorisch nicht mit dem Neben- 
satze verschmolzen. Und doch zeigen auch solche Sätze (E. §. 226, 
meine Unters, p. 27 ff.) sehr häufig das Pron. auch im Hauptsatze. 
Die bisher für diese Stellen von Grimm u. A. angenonmiene Attraction 
muß Herr E. von seinem Standpunkte aus natürlich verwerfen^ läßt 



32 E. KÖLBING 

sich jedoch; so viel ich sehe, auf eine Widerlegung nicht ein, ja hält 
sie nicht einmal einer Erwähnung werth. 

5. Wenn femer ursprünglich in Nebensätzen ein dem jetzigen 
Rel. entsprechendes Pron. überhaupt nicht existierte und wenn dasselbe 
bei seinem Übertritt aus dem Hauptsatze zunächst von dem Casus, 
den das Verbum des Nebensatzes forderte, ganz unabhängig war, so 
ist nicht einzusehen, weshalb — wie es die Probe ausweist — das Reh 
nur dann ganz fehlen oder sich im Casus nach dem Verbum des 
Hauptsatzes richten darf, wenn dasjenige des Nebensatzes einen Nom. 
oder Acc, nie, wenn es einen Casus obliquus gefordert hätte. 

6. Nicht das spricht gegen Erdmann's Ansicht, daß schon die 
ältesten Denkmäler unserer Sprache, sowie die der verwandten Spra- 
chen, ein Pron. rel. aufzuweisen haben (Tobler, Germ. XVH, p. 259), 
wohl aber der Umstand, daß in mehreren germ. Sprachen dies Fehlen 
des Pron. rel. mit der Zeit zunimmt, während es im Anfange ganz 
sporadisch auftrat; so im Altnord., dessen älteste Denkmäler diese 
Erscheinung nur vereinzelt aufweisen, während die spätere isl. Poesie 
Belege in Menge bietet; ausführlicheres unten unter H; ebenso steht 
es mit dem Altengl. im Verhältniss zum Mittel- und Neuengl. Dies 
allmähliche Zunehmen der Belege scheint aber die Thatsache des 
Fehlens der Pron. durchaus nicht als eine sehr alte zu charakterisieren. 
Denn was die Annahme einer falschen Analogie betrifift, so glaube ich 
diese mit Jelly (a. a. O. p. 226 f.). durchaus verwerfen zu müssen. 

Noch eines sei hier bemerkt, da ich gerade bei Erdmann's Buch 
und bei der Sjntax des zusammengesetzten Satzes bin. §. 78, Anm. 1 
meint Herr E., Otfi*. HI, 7, 36 leite joh nicht den Nachsatz ein, wie 
ich früher behauptet hatte, sondern dieser beginne schon mit der zweiten 
Hälfte von v. 35. Dagegen spricht einmal der Sinn der Stelle, dann 
auch die Vergleichung von v. 27 f. Daß hier die Inversion im Nach- 
satze eingetreten ist, was sonst nach Vordersätzen mit oha nicht der 
Fall zu sein pflegt (E. §. 170), erklärt sich hier vielleicht eben durch 
das vorgesetzte joh, 

n. 

Für den Ausfall des Relativ-Pronomens im Altnord, vermochte ich 
in meinen Untersuchungen nur einige wenige Belegstellen anzuführen; 
seitdem hat mir bes. das Studium der späteren isl. Poesie, die meist 
nur handschriftlich existiert, eine große Auswahl derselben verschafft 
Bei der Erörterung von dergleichen Verhältnissen, über die Vorunter- 
suchungen nicht existieren, ist es aber gewiss wünschenswerth, möglichst 



ZUR ENTSTEHUNG DER RELATIVSÄTZE IN DEN GERM. SPRACHEN. 33 

viele Beispiele zur Verfügung zu haben; deßhalb die folgende Auf- 
zählung; zweitens glaube ich auch a. a. O. die einzelnen Perioden 
der Sprache nicht streng genug geschieden zu haben. Es gentigt uÄm- 
Kch hier durchaus nichts eine Anzahl Belege aus den verschiedenen 
Zeiten und Litteraturgattungen durcheinander gewtirfelt vorzuAihren; 
man wird vielmehr gerade bei einer Sprache, die sich im Ganzen im 
Laufe der Jahrhunderte so ausserordentlich wenig verändert hat, gut 
thun, die kleinen Licenzen späterer Zeit streng gesondert zu halten, 
um so allmählich eine isl. historische Syntax zu gewinnen. Es kommt 
ein anderes hinzu. Es ist bei derlei Untersuchungen viel weniger 
darauf Gewicht zu legen^ ob die Belege aus inhaltlich sehr alten Quellen 
entlehnt sind, als darauf, ob wir sie aus einer alten oder nur aus einer 
rel. späten Handschrift entnehmen können. Was die Grammatik anlangt 
80 haben sich die Abschreiber isl. Handschriften bekanntlich in der 
Regel von ihrer Vorlage vollständig emancipiert. Ich erwähne dies 
ausdrücklich, da weder Lund noch Nygaard darauf Rücksicht genommen 
haben. Diese Methode würde sich am besten dadurch veranschaulichen 
lassen, daß man nicht nach dem Inhalte der Handschriften, sondern nach 
diesen selbst citierte. 

Übersehen wir unter Berücksichtigung des eben Gesagten die uns 
vorliegende syntaktische Frage, so ergibt sich, wie oben schon an- 
gedeutet wurde, daß das Fehlen des Fron. rel. oder vielmehr der es 
vertretenden Partikel im Laufe der Entwickelung der altn. Sprache in 
stetigem Zunehmen begriffen ist. 

Eine verwandte Erörterung sei den Belegstellen vorausgeschickt. 
Man wird bei Erwägung dieser Verhältnisse nicht am wenigsten die 
Conjunctionen mit herbeiziehen müssen, die ja doch sicherlich auch 
ursprünglich insgesammt demonstrativ zurückweisende Bedeutung hatten. 
In Betreff dieser fehlt es noch ganz an Zusammenstellungen. Auch ich 
will hier nur beispielsweise einige herausheben, ohne Vollständigkeit 
irgendwie zu bezwecken. 

medan findet sich schon in den ältesten altn. Denkmälern, sowohl 
ab Adverb y^unterdessen^, wie als Conjunction „während^, d. h. m. a. W. 
sowohl dem. wie rel. Belege bei Cleasby-Vigf. Im goth. sind beide 
Bedeutungen noch getrennt, als mi))))an und mi))})anei. Aber ))an ist 
auch goth. schon rel. gebraucht, das griech. (he vertretend (Gr. III, 
p. 166), während sonst das goth. bekanntlich sich gegen Verwendung 
des dem. Dentalstammes in rel. Function durchaus sträubt* Es kann 
deßhalb dieser Gebrauch im nord. nicht verwundem. 

•KBHANU. N«iM JUih». 11. (XXL Jäkag.) % 




" 



34 y- K<ir.RiN« 

Etwas Hiidera steht es jedoch mit dem, ebenfalls mit )ia,n eusam- 
n engesetzten, Adverbiuni sldan. Als Conj. ist es in der Ältesten Zeit 
fast ausschließlich mit er verbunden, das ihm rel. Kraft gibt. In den 
Eddaliedern erscheint nur einmal siilan allein für unser „nachdem", 
Fjölsv, V. 16, und diese Stelle ist ohne Beweiskraft, da das Gedicht 
bloß in Papi erb and Schriften erhalten ist. Isl.-bök und Horailiu-bük edd. 
Wis^n, Lund, 1872, bieten es nirgends. SpHter ist dieser Gebrauch ein 
sehr häufiger. 

[>() (=r goth. |iä-iib, ^ aga. [leäh, ]>eh_? im nord. verbunden 
mit at, agfi. mit |>e = obgleich, ags. wohl kaum ohne ))e in dieser 
rel. Bedeutung, goth. nie. Jiü at findet sich ebenso oft zusammenge- 
zogen in ]iött (aus [nlht) ; \>A allein im rel. Sinne findet sich im Cod. B. 
der Edda noch nirgends. Sigrdr. v. 35': Ulfr er i ungum syni. ))ö 
b4 hann gulji gladdr, haben wir nur in spttter Überlieferung; ebenso 
■die drei bei NygHard (Eddaspr. Syntax I, p. SS f.) angefilhrten Stellen 
BUB S6larlj. In Isl.-bök u. Homil. b. findet ^ö eich ebenso wenig so ge- 
braucht, erat in späterer Prosa, hitufig auch in der Kimurpoesie, z. B. 
Cod. Guelf. bl. 4": P(> allr s^ ek af angri bleikr] efidr sÄrri piiiu| 
hietti ek ä etc. 

6vä heilit gewöhnlich nur in Verbindung mit nt „so daß", zu- 
weilen auch mit er, aber selten, z. B. Hora. biik p. 2lP: I dag sie 
gre])are värr til himna, svä er aller postolar silo. Isl. bi>k edd. Mob., 
p. 8'" ff.: rä vas ^at moilt et nicsta sumar A.\it i tögom at menu 
skyt})! 8vi conm til aljtingis es X vicor vsere af suniri. Dies al ist in 
ähnlicher Weise wie sonst oft es zuweilen enciitisch mit svil verbunden. 
X. B. Hoin. bök p. 6'" f. : En gieret es hreint oc gagnsactt svilt igegnom 
J)at ma sia. Ebenso p. 4"*; an derselben Stelle in Unger'a Gam- 
meln, hom. b. p. 168" getrennt geschrieben. Aber schon im Cod. R. 
der Edda findet sich an einer Stelle bvÄ filr svdt; Oddr. gr. v. 6: Hann 
vflrjji mey .... fimm vetr alla svä hon sinn faudur leyndi, wo man 
8vd nur gezwungen demonstrativ fassen könnte ; dagegen spricht die Wort- 
stellung und die Parallelstelle v. 14, wo svä at steht. Si'darlj. v. 64 
beweist aus dem erwähnten Grunde nichts; dag. Streng]. 12''*; ... er 
leftir fallde skj'rtu hnns sua hvarki vidr kome knifr ne sox, wo wir 
es mit einer alt norwegischen Handschrift zu thun haben, lu späterer 
Zeit wird dieser Gebrauch hdufigor, x. B. in einer Mbr. aus der 2. HUlSU- 
des 14. Jahrb.: Gull-Pi'in» s. p. 68*': renndi ofan I qvidinn, »vo ut 
f^Uu idrin. EgUsa. p. 127': Eu kouungr er hinn reidasti, »vA ra<^r er 
vün, at viirir menn siGti af liAuum afarkostum, ei lurnn m-X: lemer ia 
der Pergament- Uandsolirift vna c lö*Jü, uach der die 1 




ZUR ENTSTEHUNG DER RELATIVSÄTZE IN DEN GERM. SPRACHEN. 35 

druckt ist (die überhaupt Air die Prosa dieser Zeit ganz interessante 
Eigenheiten bietet), p. 43^ f.: Heyr til endima, at ))ü vilt eigi leggja 
vid tafl SYo oss liki. Sehr häufig in den Papier-Handschriften des 
17. Jahrb., z. B. B16mstrv. edd. Möbius, p. 7'; Fassung II, ebds. p. 53. 
In der Sprache der rimur ist sv& = svd at sehr gewöhnlich, z. B. 
Cod. Ouelf. p. 40^: Eg vil birta erendi min,i so allr mugrenn hlydi. 
Das. p. 64^: Reyndi lid, s6 rsesis nid| taka geldr leigu. 

Svd vertritt femer zuweilen — was ich bei Lund, Oldnord. 
Ordfojningsl. §. 93 ff* nicht angeführt finde und hier mit anmerken 
will — das pron. rel. u. zwar in Verbindung mit den rel. Partikeln, 
schon in der Edda; VafJ)r. v. 22*, 36* liest R: svd er ferr menn yfir* 
während K sd er bietet. Bugge folgt inconsequenter Weise an der ersten 
Stelle A, an der zweiten R Vgl. FMS. VII, 103: Hon er svi af 
konum, er mer leikr heizt hugr i. Vgl. auch Bps. I, p. 876 '^ Von diesen 
Stellen trennen möchte ich Stj. p. 272^^: Hver sü fluga hvarf ok flydi 
brott af själfum honum — svi sem at ))eim hafdi s6tt, insofern hier 
schon ein Pron. dem. im Vordersatze steht und deshalb svd sem ab 
Vertreter von er angesehen werden kann. Solche Stellen mögen den 
Übergang bilden zu der folgenden, die freilich in ein späteres Zeit- 
alter fällt: Skald.-Helga R IV, v. 41: Hvar er sü kvon, at heizt er 
yon,| svi hug megi & ))at leggja? 

An einer Stelle vertritt sogar svd allein das Relativpronomen: 
Geir. RH v. 8: 6nyr er nyrr s6 g^kk um lönd,| gnustu ok brustu 
spjöt vid rönd. Hier ist die Beziehung von svd eine rein pronominale, 
stellt sich also zu den von Tob 1er (Germ. XVH, p. 290) angefahrten 
deutschen und ags. Stellen, nur daß bei letzteren stets ein quantitativer 
Begriff vorherzugehen scheint. An eine Verderbniss der obigen Stelle 
ist nicht zu denken. 

Ich wende mich zum pron. rel« und beginne mit den aus dem 
Dentalstamme gebildeten Adverbien, von denen einige Stellen genügen 
mögen, pd für fyd er. Mäguss. p. 49*^: Ok })A sA timi er üti, m»tti 
Vera, at sk6garvidinum vseri ))i runnin reidi vid ydr, und so oft. In 
den rfmar. Cod. Guelf. f. 86*: t^ä annat sinn ))ü komt i kif,| klofha 
vard hin bjarta hlif. Ebenso feer., Ism. v. 43 (p. 77*): Fegin vkrd 
bann, tä hann hoyrdi| Gräna hogvar ganga. pvi ftir pvi at. Blömst 
8* f.: ür })vi hann vissi, hann ätti ekki at vera höfudkonungr eptir 
födr sinn, })vi hanns brsedr v6ru eldri, ))4 bad hann etc. Skidar. 
V. 160: En i J)vi hann lifid l^t| Ijötlega tök at belja. Für par =par 
er vgl. Cod. Guelf. f. 4«: Holdar f& J)ar hird er kAt| harda sorgar 
hlekka. Für die ältere Zeit ist diese AuBlaaautig ^^l^^« 



36 E. KÖLBING 

Aus meinen früheren Auseinandersetzaugen ttber den Ausfall 
des declinierten Pron. rel. geht hervor, daß in den gertn. Sprachen 
derselbe am leichtesten dann eintritt, wenn das demonstrative Element 
desselben durch einen quantitativen Begriff verstärkt ist, oder wenn 
Haupt- oder Nebensatz einen Namen angibt. Diese Fälle werde ich 
also auch hier zuerst behandeln. 

L Ausfall' des pron. rel. nach einem verstärkenden 
Elemente im Hauptsatz. 

1. Im Nominativ: 
Cod. Guelf. f. 66': Hvert J)at högg, & hihni datt, Hromund skyldi 

greiäa. Das. f. 33^: Hverr lä dauär af Haddings ferd,| hopaäi undir 
))eirra sverd. Das. f. 119^: Er h^r nökkurr yta 8d,| oss kann segja 
j)ar nökkut frd? Bragda-Magussaga (Kaupm. 1858) p. 72: \iir er verst 
gefit })at J)ik vardar mestu. Dvörgm. HI, v. 20 (Sjurdarkv. Ejöb. 
1851, p. 94): Hvussu heita teir garpar tveir,| a henda skogvin rida? 
Xsl. Fkv. n, p. 110, Elja kv. in A: Sa er enginn gladur, eptir annan, 
))re7r. In C an ders. Stelle: Sa er enginn glaär, sem eptir annan ))reyr. 

2. Im Accusativ: 
Das älteste Beispiel hierfiir dürfte sich finden in Strengleikar, 

S. 71'* f.: Janual hafde drepit sialvan sec ef hann msetti J)ui uldr 
koma i |)eim micla barm \>sl hafde hann. Jüngere Beispiele sind: 
Cod. Guelf. f. 5^: Haf ))ü \>& ena haesta pin,| holdar vesta hljöta,| 
nema \^n antar ordum min. Das. f. 6^: Vann hann einn med v6pnum 
)>ann,| vestan f^kk i heimi mann, wo freilich der verstärkende Begriff, 
hier ein Superlativ, zum Nebensatze gezogen ist. Sjür. kv. II, v. 165 
(p. 30**): Henda sama reyda ring,| tu särt ä armi minum,| gav mkr 
Sjürdur Sfgmundarson. 

n. Ausfall des pron. rel., wenn Haupt- oder Nebensatz 
einen Namen angibt. 

1. Im Nominativ: 

Cod. Guelf. f 42**: Herra Priamus heitir sjd,| h^r er nu kominn til 
landa. Skildh. r. VI, v. 8: Hringur h^t sä kongur,| fyrir löndum r^d. 
Cod. Guelf. f. 5' : Saxi h^t sjä sveini änn. Das. : Ormar nefni ek audar 
t6r,| enn mun koma i kvaedi. Das. f. 66': Hrömund Gripsson heitir 
sjä^l h^r er nü kominn i skemmu. Isl. fornkv. (Antiq. Tidskr. 1849—51, 
p. 243): Sveinarnir J)eir drekka ok gjöra s^r glatt, | svo gjör herra 
Verner, i tuminum sat F«r. kv. I, p. 11': Gramm kallar hann svördid,| 
& hallargolvi lä. Das. Ragnarl. v. 72 (p. 65): Häki hat sk, firi räddi; 
Tgl. das. V. 78: Haki hat sä; id firi raddi. 



ZUR ENTSTEHUNG DER RELATIVSÄTZE IN DEN GERM. SPRACHEN. 37 

2. Im Accusativ: 

Cod. Guelf. f. 42^: Balduin frsekni bj6 sitt essj bökin Lupus neihir- 
Cod. Quelf. f. 79**: Earitia h^t kurteis friij köngrinn hefdi fengit. 
Sjurd. kv. III; y. 86, p. 44^: Minnst tu nkkad Sjürd hin unga,| td 
legdi mkr d skeyt? 

m. Ausfall des pron. rel. ohne verstärkenden Begriff 
im Hauptsatze. 

Hier sind die Belegstellen zwar weniger häufig, als ftlr I und TL, 
aber in der späteren isl. Poesie wenigstens ist kein Mangel daran. 
Was die Edda anlangt, so hat fUr Vaf})r. 49^ f.: hamingjur einar 
))eirra i heimi eru, Hildebrand's Übersetzung (Die Verstheilung in den 
Eddaliedern. Halle, 1873, p. 16 f.): „Schutzgeister sind sie, derer in 
der Welt'', viel ansprechendes, gegenüber meiner Auffassung: Schutz- 
geister allein derer, welche in der Welt sind, wo ein er^ als Vertreter 
des Nom., als ausgefallen zu betrachten wäre. Dagegen hat seine 
Vermuthung über Sig. I, y. 36: mejjar bidja ödrum til handa })eirrar 
ek Unna vel (a. a. O. p. 11), daß hier })eirar = })eirarr = ))eirar6 
anzunehmen sei, gar nichts für sich. Es soll das nämlich eine gra- 
phische Verschmelzung sein, wie ))eiro, ))riro, ba})iro (vgl. Bugge: 
Tillseg zu Hiv. 63), wo allerdings ein r ausgefallen ist. Jene Beispiele 
lehren aber bloß, daß die Formen des Hilfszeitwortes sich gern en- 
clitisch an das vorhergehende Wort anschließen, wo dann im Inlaute 
das Doppel -r yereinfacht wird. Aber es dürfte Hildebrand schwer 
geworden sein, auch nur ein einziges Beispiel dafür beizubringen, 
daß es in seiner Verschmelzung mit dem dem. Pron. zu r wird. Die 
Seltenheit dieses Ausfalles [in den alten Liedern wäre das das einzige 
Beispiel] beweist durchaus nicht seine Unmöglichkeit; man erwäge 
nur, wie wenige Beispiele fllr diese grammatische Erscheinung die 
reiche ags. Poesie aufzuweisen hat. Diese Stelle werden wir also als 
den ältesten altn. Beleg fUr den Ausfall des pron. rel. im Acc. ansehen 
dtlrfen. Ich gebe nun, wie oben, Belege aus der späteren Poesie, 
wobei ich absichtlich möglichst feine Unterschiede mache, da oft genug 
der Vers auf die grammatische Foimation des Satzes Einfluß geübt 
haben mag. 

1. Ausfall des pron. reL im Nominativ: 

a) das pron. dem. steht in der Mitte des ersten Verses, der Re- 
lativsatz beginnt mit dem zweiten :' Cod. Guelf. foL 3P: Hafi sü ))ökk 
en ))rifna hönd,| ))egna frelsti lif ok lönd. Das. p. 44*: Evedi sd ei um 
kvinnur mart,| — köppum vil ek ))at bjöda — | engan kennir afinorspart^ 
ok ekki veit til flj6da. Sjür. kv. H, v. 24 (^p. \%V- ^^T^ ^% ^^^ 



38 ^ KÖLBING 

tri ti Bagt,| ikki vkr eg hjA,| ti hann vann tann frknarormj i Glitr- 
aheidi 1&. 

b) das pron. rel. steht am Ende des ersten Verses^ der Relativ- 
satz beginnt mit dem zweiten. Sjdr. kv. U^ v. 229 (p. 36*) : B16digan 
kissti hon munnin tannj i Sjürdar hövdi li. 

c) Dem. und Relativsatz ist in einer Zeile vereinigt: Hrom. rimalll: 
St6ran leit, s4 styfdi sveit^l standa mann i isi*). Das. : Brandinn skök si 
skyldr er Hr6k;| skyfir Haddings mengi. Cod. Gaelf. f. 45*: Loptit 
fann si lydi v6,| ok Ijösa pella hringa. Das. f. 41^: Kaupmann einn 
si k»rr er frü^| kominn er |)ar vid löndin nii. 

2. Ausfall des pron. rel. im Accusativ [a b c wie oben zu 
verstehen]. 

a) Sjür. kv. UI, v. 38 (p. 62^): Prektigur var si kl»dningur| 
kongurin i seg tök. 

b) Hr6m. rimur: Sjü \i6r nd vid sverdi ))vi,| sökt hefr kappinn 
hauginn i. Geir. rimur: Hann er kominn i hringu |)ä,| heidnir mei- 
starar gjördu. 

c) Cod«Guelf. f. 64*": Kelling m& su kappinn ä,| kern pur röskar fieda. 

IV. Unter dieser Rubrik stelle ich endlich noch einige Stellen 
zusammen, die sich von den vorigen dadurch unterscheiden, daß über- 
haupt kein dem. pron. im Hauptsatze steht, wo also auch die, so wie 
so unberechtigte Ausrede nicht stichhaltig ist^ das dem. pron. ver- 
trete, ebenso wie in anderen germ. Sprachen, so im altn., zuweilen 
das pron. rel. 

Ood. Guelf.j f. 85': Mintist hann & menja gatt,| milding hafdi 
Bvfkna. Hr6m. r. I: Hilmi spurdi Hrömund nü,| i hauginn r^d at 
ganga:| Hversu skildist I^r^nn ok |)d| ))rautarglimu langa?l8l.fomkv. U, 
p. 25: I^ad heyrdi k6ngr, i tjaldi lä. FsBr. kv. I, v. 13, p. 4: Eitr var 
i svordinum,! teir b6ru m6ti mkr. 

In all diesen Fällen würde das fehlende er Nom. oder Acc. ver- 
treten, nur drei Beispiele sind mir in meiner Leetüre vorgekommen, 
wo er im Dativ ausgefallen wäre: Cod. Gaelf. f. 115^: Kom si madr 
{ kongsins höll,| kunnig v6ru löndin öU. Das. f. 44**: Kvomu menn |)eir, 
k»ran baud,| kallza sin i milli. Sjdr. kv. U, v. 174, p. 31': Tu hevir 
svikid flj6did tad,| td firstur lovadi trd. 

Diese Stellen lassen sich natürlich nicht emendieren, ebenso wenig 
aber können sie unsere Regel umstossen, daß das pron. rel. nur im 

*) Die ersten 2 Zeilen, obwohl durch Reim getrennt, werden doch ohne Unter- 
breehnng gesprochen oder gesungen. 



ZUR ENTSTEHUNG DER RELATIVSÄTZE IN DEN GERM. SPRACHEN. 39 

Nöm. und Acc. ausfallen darf; diese Ausnahmen sind absolut nur durch 
die Annahme falscher Analogie zu erklären. 

Alle die hier unter den einzelnen Rubriken zusammengestellten 
Belege erweisen deutlich, daß in der späteren nordischen Poesie das 
ursprünglich nur sehr sporadisch auftretende Fehlen der Relativpar- 
tikel immer häufiger wird ; am öftesten trat diese Erscheinung uns ent- 
gegen in den fseröischen Liedern: obwohl auch hier das er ersetzende 
id häufig genug noch vorgefunden wird. Gänzlich durchgedrungen und 
zur festen Norm erhoben ist dieser Ausfall in dem syntaktisch über- 
haupt in mehrfacher Beziehung interessanten Ljömur biskups J6ns 
Arasonar, herausgegeben von Jensen in Aarbeger for nord. Oldk. og 
Eist. 1869, S. 311—38, dessen Abfassung etwa in das J. 1550 Mt 
Hier fehlt id durchgängig, obwohl ich der ganzen Entwickelung dieses 
grammatischen Processes wegen nicht sagen möchte, der Dentalstanmi 
selbst vertrete hier außer der demonstrativen Function auch die rela- 
tive. Vom Standpunkte der vergleichenden Syntax aus, die den Inter- 
essen des Herausgebers freilich wohl ferner gelegen haben wird, als 
mir, wäre es wünschenswerth gewesen, neben der fseröischen auch die 
isländische Fassung des Hymnus gedruckt zu sehen. Ich hebe nun die 
hieher gehörigen Stellen aus, da ich die Aarböger doch wohl nicht als 
allen Lesern zugänglich veraussetzen darf: 

V. 1, 9 f.: Mser veit tu tad, Mariu sonurin riki:| Msela eg kundi 
nakaä, svä tser liki = Verleihe du mir das, reicher Mariensohn, daß 
ich etwas sprechen könne, was dir gefalle. Hier ist tad geradezu Neu- 
trum des pron. dem., eineConjunction fehlt*), v. 10, 10: Flytid tykkum og 
fangid tann eg kysti ! = Eilt euch und fanget den , welchen ich küßte 
V. 13, 1 ff. : Td var n6ni nserri,! tä niflingr himins og landaj laet sltt 



*) Eigenthümlich ist der Gebrauch von tkd id der fseröischen Poesie überhaupt, 
zuweilen scheint es wie unser ndaß" als Conjunction verwendet zu werden; s. B. Sjur. 
ky. 1, y. 110 (p. 13): Sjürdur gav so vsent eitt högg,| t&d öllum tokti undur. Ähnlich Sjdr. 
kv. llf y. 36 (p. 19): Arla vär um morguDinj s61in rodar i ^li\l,\ tüd ridur so mangur 
edilingur| i Bndla kongsins höll. Femer Sjür. ky. II, y. 50 (p. 20), wo tkä sogar mit 
ad abwechselt: Meg droynidi, ikä brast liedin nim,{ guU ok bügyid belti,| meg droTmdi, 
at mitt göda syörd| ä giltum hj41mi smelti. Etwas anders an folgender Stelle: Tkä 
fjrsta Brinhild mundij Sjurd yid eygum syaj iii mundi täd ysena yff| eina unga 
döttur fa. Wieder anders Gests rima v. 19 (p. 69*): Tkä kom ein jomfiru inn og 
rann. Ebenso y. 29. Es ist das ein ähnlicher Gebrauch wie in dem bekannten Vers- 
anCang: Tkä yar Gudrun Jükadottir etc. Ganz eigen findet sich tkä Sjilr. ky. Ilt 
y. 226 (p. 35) gebraucht: Deydan t6ku teir Sjurd syein,| fordu hann heim i sküdi,) 
tid heyir so mangur lätid liy| helst äf kyinnu yeldi; hier ist tid etwa =r syi^ an£ 
diese Weise. 



40 £• KÖLBIN6, ZUR ENT8TEHUKG D£B RELATIVSÄTZE etc. 

Uy A kro88 = Da war es gegen Nachmittag um drei, als der Herrscher 
des Himmels und der Erde ließ sein Leben am Kreuze, y. 15, 3 f.: 
hann ni tann helgan kross^j semiliga hann sökti. = Er sah das heilige 
Kreuz, welches ihn mit Ehren angriff (?). v. 21, 1: Hvör er tann^> 
fridur er feddur? = Wo ist der, welcher schön geboren ist? y. 22, 5 £* 
Lid minum t»r r«ntttd| alt tad eg idur gay. = Ihr raubtet meinem 
Volke alles was ich firüher ihm gegeben hatte, y. 24, 9: Hyat er 
tad göda, t»r gjördud m»r im6ti? = Was ist das Gute, das ihr gegen 
mich yollbracht habt? y. 30, 4 f.: tit skulud tiggja bsedil tad tit yiljid 
vid öUu = Ihr beide sollt durchaus das erhalten, was ihr wünschet. 
An der einzigen Stelle wo id vorkommt, y. 31, 7 f. : Teirra ben nuum 
t6 firi öllum gangaj tann id linadi y^a adferd ranga, ist es nach der 
isl. Form |)annin yom Herausgeber eingesetzt (vgl. d. Anm. z. d. St.) 
und also mindestens bedenklich. 

Seit die vorigen Seiten niedergeschrieben wurden, was jetzt schon 
fast ein halbes Jahr her ist, da eine längere Reise mich an Abschluß 
und Einsendung der kleinen Arbeit hinderte, ist von einschlftgiger 
Litteratur mir nur Tobler's Anzeige von Erdmann's Bach (Ztschr. fhr 
deutsche Phil. VI, p. 243 ff.) zu Oesicht gekommen, die mich übrigens 
nicht veranlassen konnte, meine Ansichten irgendwie zu ändern**). 

BRESLAU, im October 1875. EUGEN KÖLBIN6. 



*) Bei J. Qrimm (Gramm. IV, p. 378 ff.) wird das 8chwed.-dlii. thin angeftUirt 
und so erklärt, daß urspr. Accusatiyform in den Nominatir getreten sei. Weder da 
noch bei Tobler (Über die scheinbare Verwechslung zwischen Nom. und Acc. Ztaehr. 
f. d. PhiL IV, p. 385), noch in aeasby-Vigf. (p. XXI oder 781 unter |>at) finde ich 
erwfthnt, daß dies sporadisch auch in der isL Lit. vorkommt und muß daher glauben« 
daß dies unbekannt ist; z. B. BiAgnssaga [Mscr. von 1500] p. 20^: Konungr t6k )>▼{ 
vel ok spurdi: Ertu parm sami jarl utan af Alimannia, er heldr strid oss { m6ti? 
Entschieden nicht hierher gehörig ist Mig. p. 75* f.: t^at fylgdi ok h^ med, at )>aiin 
sama skipaher, er ))eir siu i höllinni, \»i syndist )>eim ))t{ mein jitam. bardagi, aem 
rumit yar meira i borginm. Hier ist der Abschreiber einfach aus der Constructioii 
gefaUen. Dagegen gehört hierher: Skildhelga RVII, 5: Hinn sem aldri aktar )>ri| ok 
einffkis hittar medi,| p<mn skal hverfR ))essu fraj ok )>einkja i önnur frsdi. Herburt^t R. 
(Germ. XX, p. 244): Hversu kunni hofmanns plag| herra parm sem skenkti i dag? 
Cod. Guelf. fol. 115^: patm er 86margr ed )>angat ferr:|))6 er su ein, af öllum berr. 
Das. fol 39*: Hafi./»anii land ok lauka bil| ed Isetur annan falla. Häufiger wird dieaer 
Gebranch in den fseröischen Liedern, z. B. Sjür. kv. U, t. 198 (p. 33*) Bjdrdnr so til 
orda tekurj kappin tann hin reysti. Gests R. t. 21 (p, 69*): Viji tann skomm, id 
siti hiu-. ismal t. 18 (p. 75): Ti svkradi HjAlprck kongurj tann hin rfki alvur. Gana 
durchgedrungen ist diese Vertauschung im Lj6mur. 

*^) Die Bemerkungen Holzmann*s über Erdmann's Buch, Ztschr. f. Völkerpsjch. 
YlII, p. 478 fiL, habe ich erst während der Correctur dieses AuÜBatses gelesen. 



J. V. ZINGEBLE, ULBICH PUTSCH. 41 



ULRICH PUTSCH. 



In der Elosterbibliothek zu Wüten befindet sich eine Papierhand- 
schrift foL 310 Bl. aus dem 15. Jahrhundert 

BI. 1* Hie hebt sich an das puch, das da haisset compendium 
Theoloyce veritatis und ist der pesten puecher ains in der hailigen 
geschrift und ist getailt in siben pücher und pracht aus latein in täutsch 
und hebet sich hie an die tafel aber das erste puech in dem nanien 
des vaters und des sunes und des hailigen gaist Amen. 
Das ain got ist. 
Das alleine ein begin ist 
Das der vater ist 
Das der sun ist u. s. w. 

Als Sprachprobe theile ich folgenden Abschnitt BL 199^ mit: 

Von Gog und Magog. 

Von Gog und Magog sprechent ettlich, das sein zehen gesiecht 
und das dy sein yerslossen enent des pergs in dem laut, das do haist 
Caspis, doch sind sy nit also yerslossen^ sy können aus wol^ wer das 
man sy aus lies, wen dy kunig von Armeni lat sy nit aus, wen si 
lebent under iren reich und gwalt und under iren gepot, und ditz 
spricht man, das dy aus sullen kömen vor dem ent der weit und sollen 
kömen gen Jerusalem und werden mit ierm Messias kömen und wer- 
dent dy kirchen zustöm. Dy andern sprechen, das pei Gog und Magog 
zu versten sein das gsind des Antichrists, wen er komen sol an dem 
jüngsten ent diser weit und auch mustert wird dy kristenhait und 
wirt sy anfechten« Aber pei Gog nach der glos so ist [zu] versten dy 
mit dem Antichrist haimlich durchahtent wirt kristen, aber pei Magog 
sind zu versten, dy do pei des Antichrists Zeiten die kristenhait des 
ersten anvechtent (BL 199^) haimlich und darnach offenlich. Aber nach 
sand Augustins werten so ist pei Gog zu versten dy haiden und 
pei Magog der teufel, wen pei Gog ist zu versten das gerechte und 
pei Magog das endeket 

Dies Werk endet BL 214' mit den Worten: „Da ist frad, fnd, 
nie, freihait, sicherhait, jugeut der weis der sundt nit, sunder er pelabt 
gesund reich und wider raicht das lob der martrer und der lerer und 
dy magt dy verdienent das uberkronlein, und dy hundertvaltigen firucht 
und dy dreissigvaltigen frucht dy werden gegeben den magten, den 
witiben und den eeleuten, und von allen diser vor gesait«n freyden 



42 J- V. ZINQEBLE 

soltu zusam lesen ^ das ettlich freyd zue gehöm den seilen alain und 
etdich dem leib alain und ettlich der zusamfuegung ir paider, dy ein 
ieder seliger enpbächt nach seiner verdienung an alles ent. Amen amen 
amen Jesus Maria. ^ 

Nach zwei leeren BläUem folgt Bl. 218^ 

^Von himel send mir got kraft, 

Leich mir sünn und maisterschaft, 

Reine junkfro, gottes muotter. 

Jesus dein sun vil guotter 

Kan dich nichtz verzeien. 

Hilf, das er mir welle kunst verleichen, 

Pis ich ditz piechlein gericht 

Fleissigleich von latein zuo teutsch gedieht. 

Außerweite chünigin frei, 

Raine keusche gottes amei, 

Rieht unser leben zuo guottem end. 

Ewigklich uns als truren wend, 

Rain und keinsch ist dein nam, 

Czart vein und lobesam. 

Erentrost, nu las mich nicht, 

Tail mir mit deinen gnaden sit. 

Inmer will ich deiner wesen, 

Ruen in dir und genesen, 

Oft yal ich Sünder als ein fich, 

Los mich dar auß, das bitt ich dich. 

Thetra gramaton. 
Nun will ich die vorrede vahe an. Als ichs geschriben funden 
han. Es fuegt sich, das ain babst was genant Johannes, als ichs las, 
der zwaiundzwainzigste also genant. Der hat do zemal gesant auß 
Remum ain bischolf lobesam, Lugumerß was sein nam Zuo dem, der 
das buch gemacht het, Des nam ich nicht vinden solt, Wann er sich 
nit nennen wolt, Das das er spricht vil eben, Em worden drei maister 
gegeben. Die treierlai sprachen künden, Wo si die geschriben fundea. 
Leo, Amumlus und Severinus Waren si genant alsus. Als ich dann 
vor gesprochen han, Der babst gebot den selben man Bei gehorsam 
und seinem segen, Er solt nit lassen underwegen. Und solt selb zuo 
im komen. Er sprach: ich hab vernomcn, du habst ain buech ge- 
macht schon. Das du gewinst den ewigen Ion. Das liecht der sei 
sei es genant, Das solt du mir antworten zehand, Wann es mochte 
I vil sere geletzen, Prunne ain liecht under ain motzen, Das es der 



U 



ULRICH PUTSCH. 43 

weit nicht leichten mag. Und wurd von dir ein grosse chlag. Also 
ward das puch bestät Von dem babst^ da er es hett Nun seit ir wissen 
für war, Das doran neinundzwainzig jar*) Der erste maister gemachet 
hat, £ ers zuo latein pracht, als es stat, Und hat in allen landen weit 
Pücher gezucht mit grossem streit. Darauß hat er gezogen, Den keren 
ungelogen, Der menschlichen sünnen sanft tuot. Sicher es ist ain biechlein 
guot. Darumb solt ir merken Und ewer sin darauf sterken Das ir wisset 
wer die maister wesen Der (Bl. 218**) pücher [er] hat gelesen, Der 
erste haisset Hermes, Der hat sich vermezzen des Von der wandelung 
der geleibten ding, Das ich sicher nicht wig ring. Das ander was ain 
loblich puoch, Von den vier aufsteigenden das suoch In Algazel und 
Baiomans figur Und von den zaichen der natur. Das dritte Galinus 
mit feiner kunst Und sagt von der vindung der kunst die wom . . . 
und fein Und wurden gemacht zuo latein. Czuo Dolet waren zwai 
biecher funden. Die gab ein Jud zuo den stunden, Die haissent Pu- 
blicus Celsus Und sagent von der weit erzten alsus. Centobius von 
der weit umkrais, Euax von den sigeln der stain vil waiß. Aristes von 
der weit außmessung wol schreibt Westorius in dem oct . . . zirkel 
bleibt. Es wurden em auch von teuthschem laut Etlich pücher uß 
ainem kloster gesant. Das ist Archia Tharencius, der schreibt von 
den gesiebten der natur alsus, Alkabicinus (?) in der theorica der pla. 
neten, Theophilus in dem churtzen gespräch der kunst ze statten, Fon- 
tinus von der gemain geschreibung schreibt, Constantinus in der feucht 
der natur beleibt, Evencius von dem, das in der weit begriffen ist Und 
ward zuo Roma funden, als man list. Emphites ward funden in En- 
genland In ainer stat Psinona genant, Pandulfus von den gengen unter 
der erd. Das ist auch ain puch gar werd. Isiderus in den naturlichen 
hystorien, Solinus von der natur der ding hat glorien. Avicenna von 
dem puch der tyr und auch von dem fluß der wasser vyr. So wart 
ein von etlichen ertzten gegeben Johannes Mesne in der ersten prach- 
tica vil eben, Philaretus von des fiebers natur, Plinius in des natür- 
lichen spiegeis figur. Von Pareis wurden em auch gesant Theosuastus 
von sülichem tail genant, Alforabius von der underschaid der reich 
Von der indruckuug des luftes si sagen. Commendator Averrois was 
in den tagen Von Arabia dem laut. Dem waren diso biecher wol 
bechant. Summa Themistz von natürlichen Dingen, Domit mocht ein 
wol mit gelingen. Auch worden em gereicht Pücher, do mit er nicht 
ward geleicht, Commenta Simplicii und Senonis, Aristotiles in ratsaln 

♦) Uur. 



44 J- V- ZINQERLE 

(Bl. 219*) was genus, Tpocras in dem puech Epithimiore Johann Widiu 
zain ain zu from Caicidius von der natur des fünften wesen. Den hat er 
auch überlesen. Sonst sind vil maister der haüigen geschrift Aach be- 
griffen in der selben trift. Der nit not ist ze nennen, Sint wir si sunst 
wol kennen. So man das buoch beginnet zu lesen, Das maniger mensch 
an der sei müg genesen. Do mit will ich von der yorred lan Und 
das buoch yahen an. 

Ditz buoch haisset „das Hecht der söP und sagt yon ersten 
yon hochmütigkait und von hochvart^. 

Das folgende ist in reimloser Prosa abgefaßt und besteht meist 
nur aus Citaten. Der Schluß BL 306 ist aber wieder in Versen ge- 
schrieben: 

^EQe haut das puch ain end. 

Got uns sein gnad send. 

Es ist geteutschet worden, 

Do man zalt nach rechtem orden 

Tusent und vierhundert jar 

Und sechsundzwainzig für war. 

Kantest du en hu geren, 

Des will er dich geweren. 

So lis am ersten anegeng 

Die ersten puchstaben nach der leng, 

So vinstu seinen namen, 

Des er sich nicht wil schämen. 

Nur ist war, das ich han gehört. 

Das ötlich maß wein sint betört, 

Der biecher sollen zwar wesen 

Gnant der söl, als man mag lesen, 

Das gros und das klain. 

Ich vand aber nur allein 

Das klainer, als es hie vor stat. 

Wer aber doraber ain verdriessen hat. 

Den fleissig ich vriH pitten, 

Das er mit gutem sitten 

Das ander puch auch wel machen. 

Ich han oft muost krachen, 

£e ichs zesamen hab klaubt. 

Es hat mir oft mein sinn betäubt. 

Doch will ich auch ainem andern ginnen wol 

Und em danken, als ich sol. 



ÜLKICH PUTSCH. 45 

Wer auch sei ain guot gesöU 

Und ditz biechlein straffen wöll. 

Dem will ich nich verybel haben 

Und bitten, das en well begaben 

Got der allmächtig hörre; 

Wann ich bin em villeicht ze verre^ 

Das ich im selben tank. 

Wie wol ich bin an kunsche krank^ 

So han ich doch das böste gethan 

Und will dammb kein Ion han, 

Dann gotz und unser lieben frawen, 

Das wir die ewigklich mtlsze schawen. 

Des helf uns aller heiigen namen. 

Des sprach wir all Amen 

Und dorzuo deo gracias. 

Die muoter, die Cristum gnas, 

Die muß unser allzeit pflegen, 

Und des hailigen creitz segen 

Halt uns in seiner huot. 

All enge! rain und guot 

Und aller heilige pflege 

Füren uns auf dem wege 

Der ewigen säligkait, 

Do wir als unser lait 

Überwinden und fröhch 

Bei got beleiben ewigklich. 

Das helf uns der nam, 

Der am karfreitag sein tod am kreitz nam. Amen. 

Per me Johannem Wetzle. 

Das Acrostichon des Anfanges, worauf in den Schlußversen ver- 
wiesen wird, lautet: „Vlrikh pfarrer cze Tirol". Pfarrer zu Tirol war 
aber 1426 Ulrich Putsch, der im November 1427 zum Bischof von 
Brixen erwählt wurde und bis 1437 der Kirche von Brixen vorstand. 
Er ist demnach der Verfasser dieser Verse und der Übersetzer des 
Werkes y,das Licht der Seele^. Wir besitzen aber ausserdem noch 
eine fOr die Zeit- und Sittengeschichte bedeutende Schrift von Bischof 
Ulrich. Es ist dies sein Tagebuch, das er seit der Besteigung des 
bischöfl. Stuhles bis in den Sommer 1436, meist in lateinischer Sprache, 
geschrieben hat Leider ist dasselbe, das sich im fCürstbischöfl. Archive 



46 J- V. ZIN6ERLE, ULRICH PUTSCH. 

ZU Brixen befindet , bisher ungedruckt ^ doch theilte Fr. A. Sinnacher 
in seinen Beiträgen zur Geschichte der bischöfl. Kirche Sähen und 
Brixen (Brixen 1828), VI, 97—160 höchst werthvoUe Auszüge mit 
S. 103 ersehen wir, daß der neue Bischof ausser zwei Meßbüchern eine 
kostbare Bibel, dergleichen keine zu sehen ist, ein Buch der Decrete 
und bei hundert andere Bücher an seinen Sitz mitgebracht habe. 
Er beklagt sich, daß er in der Burg keine andern Bücher, als 
ein gutes Meßbuch, zwei andere ganz zerrißene, die er binden ließ, 
und eines nach dem Ritus von Freisingen und zwei ungebundene Ponti- 
ficalien, sehr beschädigt, vorgefunden habe. Im Jahre 1430 schrieb er 
S. 126: „An Zahlungsstatt erhielt ich in diesem Jahre zwei Tagzeiten- 
bücher (Breviere) von Herrn Berthold von Naz, wovon der Sommer- 
teil etwas größer, der Winterteil aber kleiner ist, dann ein Psalterium 
und ein kleines Brevier um 20 Mark, weil doch die Burg aller Bücher 
beraubt war und ich keines in derselben fand.*' Wenn daraus sein 
Interesse an Büchern sich ergibt, so zeigt sich an andern Stellen seine 
Theilnahme an den Runstbestrebungen jener Zeit. Er berichtet, daß er 
seine Capelle ausmahlen lasse und daß das Buch Catholikon schön und 
kostbar illuminiert worden sei. Im Jahre 1429 berichtet er: „In diesem 
Jahre habe ich meinen Grabstein aushauen lassen^, (S. 109) worauf 
er sich die Inschrift setzte: 

„Hie leit bischof Ulreich, 
Dem ist ditz pild geleich." 
Das Denkmal mit der Angabe des Todestages M. CCCC. XXXVIL 
mensc Augusto. die XXIX steht nun neben dem Domportale zu 
Brixen. Die Feinde des thätigen und unternehmenden Bischofs, der 
ein Günstling des Landesfürsten war, gaben dem vielverdienten Ulrich 
ein Hufeisen mit in die Gruft, wohl mit Bezug auf den alten Spruch, 
daß ein jäher Mann den Esel reiten solle (Winsbecke 33, 8. Freidank 
116, 25. Mone Anz. VII, 506. Megenberg 286). Oswald von Wolken- 
steiD, der Hauptgegner des Landesftirsten und deshalb lange Zeit ein 
Feind unseres Bischofs*), nennt ihn spottweise XVI, 3, 10 Pertzli Uli 
und auch die Strophe XVI, 2 ist auf unsem Ulrich zu beziehen. 

J. V. ZINGEBLE. 



*) Vgl. SioDacher VI, 113 nnd 158. B. Weber's Oswald von Wolkeiutein and 
Friedrich mit der leeren Tasche S. 406 — 412. 



J. V. ZIN6ERLE, FBÖ BÖNE. 47 



FRO BONE. 

In den Erklftrungen dieses Walther'sdien Gedichtes L. 17, 25 
wird das Wort Böne auch im neuhochdeutschen beibehalten und man 
denkt nun dabei an die gewöhnliche Bohne, phaseolus vulgaris L. 
Walther sagt aber: 

sist vor und nach der n8ne 

fül und ist der wibel vol 

wan §r8t in der niuwe. 
Dies paßt auf unsere gewöhnliche Bohne gar nicht, denn die Milben 
sind dieser Hülsenfrucht so abhold, daß unsere Bauern den Spruch 
haben: „Würmer und Mäuse fressen die Fasöln (Bohnen) nicht" Die 
Stelle unseres Dichters meint die faba major, vicia faba L. die Sau- 
bohne, die wenn sie noch auf dem Stengel steht und nicht reif ist, 
schon von „Würmern" benagt wird. Noch die Schriftsteller des 
XVI. Jahrhunderts nennen die Saubohne einfach Bone, während sie 
phaseolus vidgaris mit Fasel, Faesel bezeichnen. Die Saubohne war 
einst, wie noch heutzutage, bei den Bauern der Gebirgsgegenden eine 
beliebte Speise und Tragus sagt noch, es sei in Deutschland „inson- 
derheit zu Collen, Metz, Speier und Straßburg nach den Erweis sen 
kein breuchlicher Legumen oder köchset als die Bonen". (Vgl. „A. 
Kemör, die Flora der Bauemgärten in Deutschland" in den Schriften 
des zoologisch-botanischen Vereins in Wien 1855, S. 30, 31). 

J. V. ZINGERLE. 



ZUR DEUTSCHEN NAMENKUNDE. 



Nachdem seit der Veröffentlichung meiner Schrift über die alt- 
deutfeMihen Personennamen in ihrer Entwickelung und Erscheinung als 
heutige Geschlechtsnamen eine geraume Zeit verflossen ist, will ich 
mir erlauben diejenigen wichtigem Formen deutscher Familiennamen 
zu verzeichnen, welche mir während dieser Zeit neu entgegengetreten 
sind. Ich folge dabei der in meinem Buche aufgestellten Anordnung. 

Adal. Albrings (Albert); Appens. Adelhelm. Edlich (Adalleih). 
AlniB (AdiJmar). Ahm (Ammo). Altz, Alisch, EUis (Alizo, Eli£o). 



48 K. G. ANDRE8EN 

Agil, Agiü; Ag. Eichler (Agilher). Einwald (Aginold). Eünig. 
Ehebreclit, Eibrecfat, Iber (Agibreht). Echer, Ek^kher. Eimuth. Eggerichs 
(Agirich). Egholdt. Eckwerth (Agiward). 

Alp. Eibin. 

AngiL Engelgau (Ingalgand, Engilgoz: Förstemann 94)? 

AnSy As, Ob. Asboth. Anshelm. Oser (Oshar). Ohse (Aso)? 

Ar^ Arn. Amigard? 

Arbi. Erber (Erphari)? 

Bald, Bold. Pelhnann (vgl. Peldram)? Bellmer (Baldemar). Pelle- 
rich. Bellof (Baldolf). Bolwig. Pahlke, Pohlke; Pahling, Böltink. 

Ber, Bern. Bierwerth (Berwart)? Bersch (Berzo); Bierling. Bi^r- 
nert (Bernhard). Bamewold? 

Beraht. Bertkau (Forst 243 Bertgaud)? Beradt, Brech. 

Bil Biebel (Bibo). BiUeb? BiUo, Biljes (BUo). 

Bind. Binnert? Findol (vgl. Bindewald). 

Blanc Plencker? 

Blid. Bleibel? Blieffert? PUtsch? 

Bod, Bud. Bomm (Bodomar)? Poten; Budding. 

Brid. Breithardt, Breidert? Brico, Briecke; Breiling. 

Brod. Proppert? Bratring (vgl. Brader)? Prahl, Prahle? 

Brun. Brummund? 

Bun. Zu Bon: Bönhold, Bohne wald (Bonoald: Förstern. 276). 

Burg. Buckardty Bochard (Burghard). Busse, niederd. Koseform. 

Dag, Tag. Tebart (Dagobert; vgl Teibert). Dember (Dagin- 
bert)? Dege, Tack (Dago, Tacco); Dahle (Dagilo), Dahling. Denffer 
(Daginfrid? Dancfrid?). 

Dane. Dankoff (Danchof = Dancolf: Forst 1152). 

Degan. Dienelt (Deganolt)? 

Diot, Di et Tiebelt, Töpolt (Dietbald). Tüpper, Daubert (Diet- 
bert). Tepe, Toppe; Döbke; Döbeling. Daudert, Dauter (Dieihard, 
Diether). Diemert = Diemer? Tittrich. Tille, Dolle, DöUe; Dutz, Dötsch; 
Dökel, Di^je, Tölcke; Dockes, Detjen, Tollens. 

Diur, Tiur. Deuerlich, Theuerlich (Doirlich: Forst 338)? 

Drud. Drüker (Trudger). Dröder (Trudher). Drotleff? Dreuth 
(Drudo); Drutel, TrüU, DruU. 

Ed. Eppert? Etmer. 

Er in. Ehrenbrecht Emert? 

Fl ad. Flatters? 

Fr id. Friedebold; Frebbe? Fretschkes. 

Gar, Q er. Oarbrecht; Garbs. Gehret (Gerhard). Gerlhoff (Gerolf). 



ZUB DEUTSCHEN NAMENKUNDE. 49 

Gast. Kessbold? Oesterling. Jästen. 

Gau. Gouwe; Jaukens; Köwing. 

Gaud; Goz. Gosbeth. Kautzsch? 

Gir. Gierelt (Girold). 

God. Jobelmann (Godebald). Gottfert (Godafrid), Gopfer. 

Grim. Gremmerich. 

Grün. Gnunpelt (vgl. Grombrecht). 

Gund. Gunkel; Güntjen. 

Ha du. Havers; Heppermann (Hadupreht). Haddrat (Hadarat). 

Hagiii; Hag. Heckebold. Hegebart, Hebart, Hämpert. Heinker 
(Haginger?). Hichert (Hechard)? Heinmar. Hägerich. 

Hard. Hartlef. Hartdegen. Hartwein. 

Hari, Her. Herburg. Harfes (Harifrid) ? Hermannes. Haamagel? 
Erwig? Hörichs (Harico). 

Helm. Helmdach. 

Hil d. Hiltpold. Hidber, Hieber (Hildibert). Hidleff. Uten (Hildo). 

Hlod. Lobert, Lober, Löper? Klöber (Ghlodobert). Lodowicks. 
Lülofs, Leuffen (Hlodolf). Clauditz (Hludizo). 

Höh. Hoflfart, Höffert (HoflEred). Hamuth. 

Hörn. Homhardt? 

Hraban. Rapmund (vgl. Rannemund: Forst 708)? Rabenhold, 
Krahnhold, Ejrannhols (Hrabanolt, Grannold). 

Hring. Ringleff, RinkleflF (Hringolf). 

Hrod. Ropohl (Hrodbold). Röbber, Reuper (Hrodebert). Robra 
(Rotbrand) ?Grupen(Hrupo)? Ruhrich, Grüderich. Rotwitt? Grude (Hrudo), 

Hug. Hubo. Hügal (Hugold, Huwald)? Howardt? 

Hun. Hunze. 

Ingo. Ingebrandt Ingenbrand. Ingold. 

Irmin. Immer (Irminher, Emheri). Imrich. Imke, Immeleu, 
Ehmling. 

Isan. Isnard (Isanhard). 

Jung. Junghart 

Kol. Eullrich? 

Kun. Eienemund. Kunwald. 

Kuon. Kiene; Eaentsch. 

Lind. Limper (Lintpreht). Lindenlaub (Lindolf)? 

Liut Leberecht (Liutpreht) volksetymologisch. Liffart, Liffers 
(Liud£rid). Liedewald (Liutold). 

Mag an. Magener (Maginher). Macco; Mannek; Maitsch; Man- 
kel; Mäglin. 

aBKMlNU. Nene Reihe IX. (XII. Jahrg.) 4 



50 K. ^« ANDRESEN, ZUB DEUTSCHEN NAMENKUNDE. 

Mar. Marpelt Merwart. Maring, Marung. 

Mod, Muot Mohlert 

Mon; Mun. Muenker (Muniger: Forst 938)? 

Nad. Namuth? 

Nagal. NeU? 

Nid. Niedger. 

Od, Aud. Obens (Opo). Audiger (Forst 169). Oeming. 

Rad. Reddewig ^Redwig: Forst 1005). 

Rag an. Renvers (Raginbreht). Rheinarth. Reinehr. 

Rieh. Rippharty Ribarz (Richbert). 

Sal. Seelert? oder aus Sigilhart? 

Scar. Scharz. 

Sig. Sepott Sehmer, Zimmer^ Zimmerly (Sigimar). Sigmeth, Simets 
(Sigimuot). Sichwald, Ziegold (Sigold). 

Sind. Sinder. Sindram. 

Smid. Schmittdiel (Smidilo)? 

SneL Schnellrath. 

St am. Stampehl? Stamm. 

Stein. Steinher. Steinwart? 

Stid (Stind). Stibbe? Stinder. 

Strud. Strufe (Strudfrid)? Strüh, Strühlein, Ströhlein (Stnido). 

Swind, Suith. Schwipper. Schweikher (Swidger). Schwethelm? 
Schwietering, Schwiering. 

Tras. Dresnant? 

Uodal, Odal. Ubber (Uodalbert). Olfe^ Ölfken (Uodalfrid). 

Volc. Volbarth, Volber (Volcbert); Völpel, Vöpel. Folgen 

WaL WoUram, Wohlramm (Walram). 

Wald. Wallbracht, Walbrach. Wallfried. Wolkerling (Waltger). 
Wahling, Walkling. 

Wan. Wähneidt? 

Warin, War. Wemet Werheit? Wermund. 

Wid. Witholz, Wietholz (Witold). Weitlof (Witolf). 

Wig. Wibbelt, Wibbeld (Wigibald). Wychgram. Wiegland. Weg- 
meth (Wigimuot). Wegendt (Wigand). 

Willi, Wil. WUlebaldt Wilbrink (vgl. WUberding). Willhardt 

Win. Winet Winolf. 

Won. Wonnert; Wonner. Wondrich. 

Zil. ZiUhardt 

BONN. * K. G. ANDRESEN. 



A. EDZARDI, NOCH EINMAL DAS JONGERE HILDEBRANDSLIED. 51 

NOCH EINMAL DAS JÜNGERE HILDEBRANDS- 
LIED. 



1. In dieser Zschr. XX, 231 unten erwähnt Kölbing gelegentlich 
meiner Vergleichung des j. Hbls. mit der I^s. und sagt dort in der An- 
merkung: pS. 321 hält Edzardi den schwedischen Text an ^iner Stelle 
für ursprtlnglicher als die Hdschr. der I^s. Aber wie ist das möglich, 
wenn , wie Unger (S. VIII) erweist^ der schwed. Übertragung gerade A 
zu Grunde lag?" 

Gerade A? An der angeftlhrten Stelle wird ausgeführt, daß M 
(die Membrane in Stockholm, Mmb nach Unger) zu Grunde gelegen; 
diese fehlt aber von p. 341, Anm. 2 der Unger'schen Ausgabe an bis 
p. 359, Anm. 4 (vgl. Einl. XIV). Da nun die dem Hbl. entsprechende 
Partie in diese Lücke fUlt, sind wir ftlr die Vergleichung auf die beiden 
amamagn. Papierhss. A und B angewiesen. Ich vermag also nicht 
abzusehen, weshalb nicht die schwedische Chronik in manchen Les- 
arten AB gegenüber das ursprüngliche sollte bewahrt haben können, 
wo sie genauer zum Hbl. stimmt als AB. 

So hat auch außer an jener Stelle, die ich hier nicht noch einmal 
bringen will, noch an einer zweiten Stelle die schwedische Bearbeitung, 
AB gegenüber zum Hlb. stimmend^ offenbar das echte, nämlich: 

Hbl. 10, 4: Den schlag lert dich ein weib. 

Sw.: thz slagz Iserdhe tik en kono. 

I^s« AB: I^etta slag mun |)er kent hafa ))in kona. 

Eine eingehende Vergleichung von Sw., die hier nicht beabsich- 
tigt werden kann, möchte vielleicht noch mehrere solche Fälle finden. 

2. £s ist ferner zu beachten, daß S w. oft nicht zu der von Unger 
(wo M fehlt) zu Grunde gelegten Hs. A, sondern zu B stimmt. Ich 
hebe besonders hervor: 

Sw. 352,4: eller hwadh man fcelgher tik? 

= B, Cap. 409, Z. 4: eda hverr er J)inn forunautr? 

B, Cap. 409, Z. 8 : ok leggr sina bada arma um hals Hildibrandi^ 
fehü A; vgl, Sw. 352,7: ok fagnadhe vel mesther Hillebrand (= 
HbL A: Si nam hem in hären armen {Germ. XIX, 317)]. 

Sw. 272, 8 scheint genauer zu B, p. 345, Anra. 1 als zu A zu 
stimmen. — Ferner B, p. 344, Anm. 15: ok ridr i broU (fehlt A) = 
Sw. Cap. 350, 1: Tha redh HiUebrandh sin vcegh, — B, p. 345, Anm. 18: 
§ua langa krid] um hrid A; Sw; 351, 11 : uaa Icenghe, — 346, Anm. 7 : 

4* 



52 A. EDZARDI, NOCH EINMAL DAS JÜNGERE HILDEBRAND8UED. 

en ef pat er eigi pa AJ ella B := Sw. 351, 26; aller[? euer]. — 346, 
Anni. 9: Ylßngr A] Ylfinga cettar B = Sw. 351, 28: äff yhomga slcBcthe. 

— 346, Aom. 15: Alibrandr AJ hinn ungi B = S w. 351, 37: hin vnghe. 

— 347, 1 : Alibrandr AJ hinn yngri B = S w. 351 , 44 : hin vnghe. — 
347, 3: Hilldihrandr AJ Hinn gamli B = Sw. 351, 46: hin gamble, — 
347, 6: horgarinnar AJ Bemar B = Sw. 351, 52: hasma, — 347, 5: minn 
fadir [Hilldihrandr Ylfinga meistari BJ AB, Sw. 352, 6: myn fadher 
m est her hzllebrand. — Vielleicht ist hier auch anzufiihren 347, 2: 
yfirstigit AJ yfirhomit B, offner vinna Sw. 351, 46. — Ich habe dieses 
Verhältniss zur Zeit noch nicht weiter verfolgen können, woUte aber 
doch darauf hinweisen*). 

3. An einigen Stellen macht der schwedische Text den Eindruck 
größerer UrsprOnglichkeit als der von A und B, während in den ent- 
haltenen Fassungen unseres Hbl's. nichts entspricht Ich meine nament- 
lich 351, 34: tw haffver dyceffuolinj tina handh^ vgl. z. B. NL, Bartsch 
1744, 1. Dagegen haben AB: Pu hefir fiandann i hendiper. — p. 345 
Z. 4 : oÄ: a pentud {dregin B) borg AB, S w. 350, 10 : ok aeripuith oppa 
en borgh skapftj som bcern, — Sw. 351, 3: Han hadhe badhe hcegh 
ok hundhf abweichend in der Anordnung ist AB, Cap. 407, Z. 3. Ferner 
etwa noch Sw. Cap. 351, 17 und 21. 

4. Übrigens steht doch auch Unger's Behauptung, daß S w. gerade 
aus M übersetzt sei, keineswegs so ganz unanfechtbar fest, wie man 
allgemein annimmt. Daß die schwed. Bearbeitung aus einer der Mem- 
brane (M) sehr nahe verwandten Hs. hervorgegangen, hat Unger aller- 
dings nachgewiesen; daß sie aber gerade ausMselbst übersetzt sei, 
scheint mir darum noch nicht nothwendig, wenn es auch das wahr- 
scheinlichste, das einfachste und natürlichste ist, so lange nicht etwa 
andere Gründe dagegen sprechen. In solchem Falle bliebe immer noch 
die zweite Möglichkeit zu erwägen, daß Sw. auch aus einer Hs. über- 
setzt sein könnte, die mit M auf dieselbe lückenhafte Vorlage zurück- 
gieng, also: 

X (mit den Lücken) 

! 

i j 

M Y 



Sw 
Darauf könnte auch wohl die Notiz bei Unger (p. IX) führen, 
indem T audr statt audn haben konnte u. s. f. (s. das.). In der von 

♦) Vgl Döring, Z. f. d. Phil. 11, 70 (§. 6). := Treutier, Germ. XX, 166. 



F. LATENDORF, BEITRÄGE ZU LAUREMBERG'S SCHERZGEDICHTEN. 53 

Unger p. IX besprochenen Stelle ^s. Cap. 200 = Sw. 185 hätte dann 
der Schreiber von M das Fehlen des dritten Schildes nicht bemerkt 
und das lückenhafte Original getreu abgeschrieben^ während Y die 
Zahlen änderte*). Auf eine Untersuchung der nicht seltenen Überein- 
stimmungen von Sw. mit den deutschen Quellen [Storm**) p. 147 — 150] 
kann ich hier nicht eingehn. — Wenn übrigens^ was Treutier nach« 
zuweisen sucht, die Anordnung der Capitel aus der äusseren Einrich- 
tung gerade der Hs. M sich erklären sollte^ worüber ich mir noch 
nicht ein entschiedenes Urtheil habe bilden können, so ist meine hier 
unter 4 angedeutete Annahme natürlich hinfällig. 

LEIPZIG, im October 1875. A. EDZARDI. 



KRITISCHE BEITRÄGE ZU DEM SOGENANNTEN 
ANHANG DER LAUREMBERG'SCHEN SCHERZ- 
GEDICHTE. 



Die Germania hat mir die Freude gegönnt, meine ersten und zu- 
fälligen Beobachtungen über Lauremberg gastlich in ihren Spalten ge- 
borgen zu sehen. Dadurch ermuthigt habe ich die Resultate einer 
weiteren Forschung, so weit sie mir begründet und sicher schienen, 
in einer Festschrift zu veröffentlichen gewagt, die ich unter dem Titel 
„Zu Lauremberg's Scherzgedichten, ein kritischer Beitrag zu Lappen- 
berg's Ausgabe, Rostock, Stiller 1875" der Rostocker Philologen- Ver- 
sammlung darbrachte. Der Zweck dieses Schriftchens, eine Art Ehren- 
gedächtniss einem heimischen Dichter zu stiften und der Ort, ftir den 
es bestimmt war, bedingten es gleichmässig, daß eine beträchthche 
Menge kritischen Stoffes, der sich mir ftir ßie Anhänge der Lappen- 
berg'schen Ausgabe, d. h. ftir die spätereh bei Lappenberg abge- 
druckten niederdeutschen Gedichte gesammelt hatte, vorläufig ausge- 
schieden und ftir eine andere Zeit und Gelegenheit zurückgelegt wurde. 
Nunmehr scheint es mir angemessen, auch jene Beobachtungen ans 

'^) Ist es übrigens nicht auffallend, daß in dem (nach Unger nnd Storm p. 153) 
hinsagefÜgten dreizehnten Schilde in Sw. en h^k steht, wie auf dem (in M und Sw. 
ausgelassenen) dritten in AB ein kaukr med guUi, wShrend der Name des Trftgers 
freilich nicht übereinstimmt. Beachtenswerth sind übrigens die von Döring (a. a. O.) 
und von Treutier (Germ. XX, 165) nachgewiesenen Übereinstimmungen von Sw. mit 
B oder AB. 

*•) »Sagnkredsene om Karl den störe og Didrik af Bern etc.« Krisfiauia 1874. 



54 F. LATENDORF 

Licht ZU geben; ich danke es der Güte des verehrten HeraoBgebers 
der Germania, dessen ausdrückliche Genehmhaltung ich zu meiner 
lebhaften Freude in den frohen und festlichen Tagen der Rostocker 
Versammlung persönlich einholen durfte, wenn ich auch fbr diese 
Nachträge, (jliese Postlaurembergiana, eine bereite Stelle in der Gter- 
mania gefunden habe. Der gute Schild des Namens Bartsch mag 
mich zugleich decken, wenn meine Mittheilungen hin und wieder zwar 
nicht aus den Schranken wissenschaftlichen Forschens und Erkennen« 
heraustreten^ aber doch von dem Pfade der guten Sitte scheinbar be* 
denklich abweichen. Ich gliedere meine kritischen Bemerkungen wie in 
der Festschrift über Lauremberg nach den drei Gesichtspunkten: der 
falschen, der unzureichenden und der fehlenden Erklärung. Als den 
gemeinsamen Grund dieser Irrthümer aber bezeichne ich die Thatsache, 
daß Lappenberg, obwohl seiner Geburt nach dem Norden angehOrig, 
doch dem eigentlichen Elreise der niederdeutschen Volkssprache nicht 
lebendig genug nahe getreten ist Es galt hier, was ja überall unser 
höchstes und ehrenvollstes Ziel ist, Litteratur und Leben in ihrer gegen* 
seitigen Beziehung klar zu erkennen und durch diese Erkenntniss 
wiederum eine ähnliche fruchtbare Verbindung der anschauenden und 
darstellenden, wie der praktisch wirkenden Berufsthätigkeit ftlr die 
eigene Gegenwart herbeizuftihren oder zu vermitteln. 

I. 

Falsche Erklärungen. 

a) II, 85- 100. 6) II, 173—180. c) UI, 113-120. d) V, 51—58. e) V, 
85—88. f) V, 89—100. g) VI, 43—48. h) VI, 73—82. i) VIII, 42. k) VIII, 

83-85. l) XI, 67—76. 

a) Man undertüsken müt de brögam mores leren 
wo he wil sin Person den firowens commenderen: 
da müt de leve Jost mian alltid spreken: ja! 
un wat de frowens sogt, hübsch seggen achtema. 
De frowens krömet in, up't gelt löpt alles ut, 
süln se em trecken ok vam live gans de hut; 
de Staat müt holen sin, so segt de leve firowen, 
sült velen ok hema to Altna ins berowen. 
Lest het de brödigam dat dink so hoch gedreven, 
gi sünd jo wol wat mehr umb juw vor em to geven, 
lest het de SQnter Claes to sinen hocbtidehren 
wol vertein dusent mark hübsch möten her spenderen. 



BEITRAGE ZU LAUBEMBEBG'S SCHERZGEDICHTEN. 55 

Wat wil den wi nich doon, wi sind van andren lüden: 

wo düvel sol wi uns van enen laten brüden? 

Gi könt jo gelt genog da van den Joden halen 

an dörft man acht procent vam ganzen jähr betalen. 

b) De rest ja nu de kost, da geit dat flien an : 
de da braf schölen kan, dat is de beste man. 
Da müt de bruet dat htLs^ de brögam vor de heren 
mit aller tobehör de dönse hübsch staferen. 
De rolle de mut sin mit golden posimenten 
un da dat wapen in mit andren complimenten; 
een tresor mut da sin gestellet bi den aven, 
de glase möten sin up golden föte schraven. 

e) ik wolle wol min lif bi ener deren wagen, 
woll' erenthalven mi mit twe dre kerels schlagen; 
wen'k moderlik alleen bim dummen düvel wer 
un sünderliky wo'k hadd' im lif een stöfken beer. 
Ik wuir se, Summern krank't! de draatmöl so tokilen, 
den enen wull'k de nees, dem andern rein wegfilen 
de oren van den kop, dem drüdden'k weet nich wat 
Ei, derens, raet eenmal! Wat schul wol wesen dat? 

d) Dar geit it: de botter, de pötte sind ut, 
des wundert sik ander der mutzen de bruet; 

de täpper dörf drunden neen tunnen verspunden 
dat mi^et, de drunk is verronnen^ verschwunden. 
De büdel de drupt sik, bruet, brödegam sorgt, 
dat pölkeo, dat beerken, dat brod is geborgt^ 
de becker^ de brower, de bure de kümt^ 
de kok mit dem keber, de piper de nimt. 

e) Wowol de drüdde hal sik heemUck vor den lüden 
verborgen holen kan, kan sik so lange liüdeD, 

noch is it wahr, na jahr'n klingt doch de bunge noch, 
wen oft de fruwe schriet: o man, schlach sachte, schlach! 

f) Den danzet her Puckert den vörreih hop, hop, 
he klopt er dat ledder, he lapt er den kop, 

makt pött', ok ut eiern een dubbelden dop, 
so oft he kumt, stolpern mit völligem krop; 
den ropet und lopet de balger herum, 
een falt sik tom kröpel, de ander bald dum. 
Se gnchbet und gnuhhet, se schubbet aik fluck, 
düt kranket und anket, dat ander heft juck, 



56 F. LATENDORF 

de balger de blarren, se ballern^ se bnll'm, 
krttpt immer im schote, bald uppe den schull'm; 
de rocke, de söcke yau hacken tom nack'n 
beklacket, behacket, de moder mut rack'n. 

g) Nee! nu wil ik min frierie ganz anders fangen an 
un sülvest min friwarver sin, den sülvenst is de man. 
Wat schul ik up so'n ölen rand min ganze wolfart buwen, 
min geld un reputation den krukendregers truwen? 
Nee, Matz, do siüfst de ogen up un sök di eneut! 
Sprik se sülfst um dat jaword an, du krigst wol ene bruet. 

h) Drup dacht he, dit wer ok van nix, he hadd' wol ehr gelesen, 
dat man in egen saken doch plegt meistens blind to wesen. 
Drüm ging he na den fründen hen, sprak de to warvers an 
un dacht, dat ene wäske wol noch wat besunders kan. 
Dit ging yör't erst so paslik goet, doch wul't nich lange waren, 
den ehr Matz Tap et sik versach, do muste he erfaren, 
dat sine leve truden bruet anm andern was versegt, 
de em en groten balken hadd' in sinen weg gelegt 
Nu süt Matz Tap bi'er nese dael, un Cloddehack de brummet, 
dat so een dul und waischen deef em in't gehege kummet 
i) und süt, wo Jasper Block mit Gretken Kohl scheef hacket, 
k) Hans Hohn de nestelde recht baven crem kop 
und sach mit lachen to, wo Henke Dudendop 
bi Talken Dreiers lag. 

l) Glück to denn, uterlesen paar van olem schrot und kohm, 
dat glück mut altid bi juw bioin und nimmer nich versohm! 
Denn wo et altid heet und warm, dar kann keen winter kamen, 
dar kan keen schnee und frostig isz verdarven juwen samen. 
Hir kummt keen unvermodlich ryp, hier fallt keen hagel nich: 
drüm grönt ok juwe fröhlichkeit und wasst beständiglich. 
Doch hört! Gi mötet bi der hitt ok oftermals begeten 
und sehn to, dat dat planten nich bi juw mög' sin vergeten: 
80 werd er na dre veerdel jähr ok junge frucht upgahn 
und wi werd junge Pilsen sehn in juwer wege stahn. 

a) Lappenberg bezieht die im Druck gesperrte Wendung auf 
Altonaer Capitalisten , deren Hülfe der Bräutigam zu den unsinnigen 
Hochzeitskosten beanspruche und die zu guter Letzt leer ausgiengen. 
Näher liegt es meines Bedünkens an den Bräutigam selbst zu denken, 
der sich wohl oft vor andrängenden Gläubigem in das Gebiet von 
Altena flüchtete, vgl VH, 70: 



BETTRiOE ZU LAUBEMBERG'S SCHERZOEDICHTEN. Q^ 

wol weet ety segt he, of de vent nich alles heft verteret 
un of he nich tuieh AUona noch ehr man denket scheret. 
In dem Sünter Claes sieht L. einen heiligen Nicolaus wie im hell, sinter 
Cl.y ohne die weitere Beziehung erklären zu können. Man wird an 
das holsteinische eünder Claes, d. h. ein besonderer, seltener Mensch 
erinnern dürfen. Cl. Groth bedient sich der Wendung zweimal in seinem 
Peter Cunrad, s. Glossar zum Quickbom. 

b) L. erklärt echöUn hier = plaudern. Wegen der folgenden Hoch- 
zeitszurtlstungen denke ich an die ursprüngliche Bedeutung von spülen, 
d. L in diesem Zusammenhang putzen, säubern, reinigen. 

e) L. sieht in dracUmoel den salva venia Hintern bezeichnet; ebenso 
Schiller-Lübben u. d. W. In der Volkssprache werden aber zunächst 
die Augen verkeilt, „du krigst gl!k enen in de finstem^ und die nahe- 
gelegenen Theile des Gesichts. Sonach meine ich, bei draatmoel an 
den Mund denken zu müssen, der wenigstens als plaepermael öfter ge- 
nannt wird. Ob dabei zunächst an das langsame Sprechen, an das 
Ziehen, Drehen der Worte zu denken, wie bei plaepermoel an das rasche 
Reden, wage ich nicht zu entscheiden. 

d) L. faßt pölken als Deminutiv von poel = Pfühl, was poelken 
wäre. Es stammt vielmehr von polk = porcus, der Beweis liegt in der 
nächsten Zeile; der Brauer fordert sein Geld fUr das geborgte Bier, 
der Bäcker für Brot und der Bauer — nun dieser eben fUr das in 
natura gelieferte Schweinchen oder Ferkel. 

e) hüden nach L. sich hüten, richtiger wohl sich verbergen, s. 
das nd. Wbch. u. d. W. hoden und die dort gegebene Begriffsent- 
Wickelung. 

f) läppen nach L. den Kopf zurechtsetzen; das ist zu glimpflich, 
es heiüt vielmehr geradezu zerschlagen, wie in dem vorausgehenden 
klopfen. — An der zweiten Stelle se gnabbetS. sind drei Erklärungen 
möglich, von denen ich die dritte, d. h. meine eigene, ftlr die wahr- 
scheinlichste halte. L. hat, wie aus dem Glossar „gnubben = mit den 
Zähnen schaben, knirschen^ zu schließen, an die geschlagene Frau 
gedacht; Schiller-Lübben s. v. gnabben bezieht es auf die verdrießlichen 
und murrenden Kinder. Ich beziehe das Wort auf das sich schiebende, 
stossende, schlagende Ehepaar. Bei knuffen und gnuffen^ was Schiller- 
Lübben vergleicht, ist man in Mecklenburg wenigstens nicht mit bloßen 
Worten zufrieden; es sind schon fUhlbare Realinjurien. Zwei Verse 
weiter finde ich ebenfalls einen raschen Wechsel des Subjects de balger 
(Kinder) de blaren; se (Eltern) ballern, se bullern. Se gnabbet nadi 



58 F- LATENDOSF 

holst Sitte auch das Verb, im SingoL Endlich hätte man wohl schwei- 
gend drei Zeilen voriier das Comma hinter kumt tilgen können; he knmt 
stolpern, wie ausserhalb des Reimes he kümt to gän, kamt riden, u. dgl. 

g) krukendreger deutet L. Ejückenträger. Die erste Silbe ist aber 
lang und so wird man richtiger an eine Topf- oder Krugträgerin denken 
müssen; sei es, daß das alte Mütterchen darin etwas bringt , Salben 
u. dgL| sei es^ was wahrscheinlicher, daß sie etwas holt Die Verehrer 
Reuters erinnern sich der „Fru Meistern Stahl^ in der Franzosentid 
und wie sie Mamsel Westphalen die Stadtneuigkeiten zutrug, um daftür 
regelmäßig einen Henkeltopf mit Essen heimzubringen. 

h) cloddehack bezieht L. auf den Schmutz. In Mecklenburg wird 
das Verbum klorrhacken noch heute vom schlottrigen Schuhzeug ge. 
braucht „male lazus calceus in pede haeret^ Horat Dazu scheint mir 
auch der Name des traurigen Helden Matz Top zu passen. 

i) seheefhachen nach L., der übrigens falsch citiert, mit krummen 
Beinen tanzen. Da das Prädicat auf die Tänzerin passend mitbezogen 
wird, so deute ich es lieber auf die Art des Tanzes, als auf die des 
Tanzens oder der Tänzer; ich denke an den jetzt antiquierten sogen. 
Bummelschottisch, Hack und Zehen, eins, zwei, drei; wobei auch der 
eleganteste Tänzer die Hacke zu krümmen, d. h. im spitzen Winkel 
auf die Erde zu setzen hatte. 

k) Talke Dreiers. L.: „Talke ist Tändlerin, Schwätzerin. Dreier der 
Dreher*'. Nur die letzte Bemerkung ist richtig; Dreier, als Eigenname 
nicht selten in Norddeutschland ^ bezeichnet appellativisch den Dreher 
und demnach auch den Drechsler. TaUce ist aber gleichbedeutend mit 
dem Vornamen Aalke = Adelheid, s. das nd. Wb. u. d. W. Die Oe- 
netivbildung bei weiblichen Namen (vgl. Lappenberg zu v. 129) ist 
noch heute der niederd. Volkssprache eigenthümlich. J. Gerschow, 
Prof. in Greifswald um 1650^ sagt in seiner anziehenden Selbstbiographie, 
von der ich eine deutsche Ausgabe projectiere : copulata est mihi Me- 
doae (Dorf bei Anklam) lectissima femina Ilscbe Bostelmans. Zahl- 
reiche Beispiele aus Stammtafeln jener Zeit und aus der heutigen 
Volkssprache habe ich und hat insbesondere der sei. Kosegarten ge- 
legentlich jener Autobiographie in den baltischen Studien XVU (1859), 
H. 2, S. 159 ff. mitgetheilt Käme ich mit meiner Familie zur guten 
Stunde in das Bauemgehöft, wo meines seligen Vaters Wiege stand: 
so hieße meine jüngste Tochter, wie so manche Muhme vor ihr: Wisa 
oder Wising Ladendörps; jetzt freilich wird sie nur selten sich so 
nennen hören. 



BEITRÄGE ZU LAUREMBEBG^S SCHERZGEDICHTEN. 59 

l) in juwer toege, L. in eurem Wege. Er hat Masc. «id Fem. 
Terwechselt Es heißt einfach: in eurer Wiege. Eb ist die letzte An- 
merkung Lappenberg'sy leider nicht die beste. 

n. 

Unzureichende Erklärungen. 

a) I, 46-50. b) I, 171-180, 191-194. c) ü, 183—186. cO IH, 49—56. 

e) X, 53-58. 

a) Wo sik de junge kerl heft schmartlik möten plagen 
Btraks in de erste tid, straks in den starken dagen, 
intmidden van der tust, dewil he schleep alleen, 
und hadde nemand mehr den ga^lof mit gemeen? 
Et was em alto suer so levelos to leven, 
bet em de leive Got de fruwen heft gegeven. 

h) Van dat klagen, wan dat rope.ny 
▼an dat wenen, van dat lopen. 
▼an dat lachen, ▼an dat singen, 
▼an dat danzen, van dat springen, 
▼an dat wachten, van dat spreken, 
▼an dat ringen, van dat stekeu; 
▼an dat wrOßeln, ▼an dat schmiten, 
▼an dat liekeny ▼an dat biten, 
▼an dat sitten, van dat tö^en, 
▼an't erfreuen, van't bedrohen, — — 
is alles al gesecht, ist alles al geschre^en 
▼am ersten Adam her un aller minsken le^en, 
herr brOgamb, bet to juw, dar gi nu fanget an 
un wilt eens juwe macht bewisen as een man. 

e) sal^eten sünd alleen man up der heren disken, 
de junfem mögt de band in ere hembde wisken. 
Un sül de wand ok sin da wesen hübsch und fin, 
mot allenthalben doch wat schuhke deken sin. 

d) Darmit so ward de bruet van buten upgefliet^ 
▼an binnen ward se noch wat scharper erst gebiet: 
mut leren van dem mom^n, wat se noch nümmer kan, 
wo se sik schicken schal, wen se schlöpt bi dem man; 
mut altid sin to hues, sik ingetagen holen, 
oi enes pötjers schöH gereten tU den folen, 



60 F. LATENDORF 

mut ÜBplen mit der tungOi den kop hübsch holen lik. 
Sip! segt Be den^ so is dat münken in dem schick. 

e) De bruet is elfenbeen, mit huet un fleesk geschmücket, 
een conterfei, darin de döget is gedrücket; 
de brögam süt ok ut glik als de marmelsteen, 
de wit^ wit överdrept den könink Langebeen. 
O schöne; starke been, den goden dag to dragen! 
O sehlenkers, de nich schlap^ glik als de nettelkragen. 

a) Die ganze Erkläning Lappenberg's lautet: Im Original: denn 
gah-loff. Suchen wir also ohne Führer unsem Weg. Adam hatte nach 
dem Dichter nichts als (den) einen oder den ga-lof bei sich. Ich sehe 
hierin eine imperat Wortbildung. Die Lage des ersten einsamen 
Menschen war eine so traurige, daß ihm selbst nichts daran zu loben, 
daß ihm nur zu sagen blieb : Geh Lob, d. h. nichts Löbliches ist mein 
Genosse. Ahnliche Wortbildungen sind seit Grimm namentlich an 
Eigennamen der Vergangenheit .und Gegenwart, aus Urkundenwerken 
und freieren Litteraturschöpfungen zahlreich an's Licht gefordert; we- 
niger aus dem Bereich der Volkssprache. Aus Mecklenburg kenne 
ich nur ein Analogen zu Ga-lof^ wo nämlich das beigesetzte Subst. 
im Nominativ steht Hunger, wehr di, Bezeichnung der Noth, auch 
Name eines ärmlichen Gutes, wie Rit-üt. Den beigesetzten Objecta- 
accusatiy zeigen dagegen viele Verbindungen, z. B. Püst-de lamp-üt^ 
Bezeichnung eines großen Hutes, 'n rechten sla-dody von starken, vier- 
schrötigen, auch wohl raufsüchtigen Menschen. Vertell-mi-wat, Be- 
zeichnung eines Schwätzers und sein Gegenstück, der allzu Neugierige 
Fang-up-den dreck, fidel up'n müs- oder gos-koetel; brek isen un stäl, 
Hundename im Volksmärchen. Eine ganze Reihe ähnlicher Namen in 
dem Spruch vom Hausgesinde, klapper-mit-de-kann h^t min man; do- 
mi-recht het min knecht: spinn > nich - girn h. m. dim; sohlt -voer- 
de-doer h. m. goer; gä-bet-to h. m. ko; daneben aUitterierende Formen 
trippelträp h. m. schäp, trippeltraeg h. m. zaeg; krusekrul h. m. bull. Eine 
Kindemeckerei^ bei der die Haut oder das Fleisch zwischen Daumen und 
Zeigefinger gekniffen wird, mag den Schluß bilden: Wat is dit? flesch 
un blot. Wo kümt dat her? üt Amsterdam. Wo hfet de man? lütt 
Johann. Wo het dat wlf? knip intlif. Wo het de gus? Lät mi los, 

b) ticken im Sinne von küssen im Glossar nicht nachgewiesen. 

e) schüUche decken. L. gibt nur die sachliche Erklärung dieser 
heute sogen. Schutzdecken. Für die Bedeutung des Verb, schulen bietet 
er nichts; mir genügt der Hinweis auf Müllenhoff^ zum Quickbom, 



BEITRAGE ZU LAUREMBERG'S SCHERZGEDICHTEN. 61 

d) Bei sip fehlt das genaue Citat im Glossar; bei dem Sprich- 
wort von der Töpferschürze, die ihrer Bestimmung gemäß gar nicht in 
Falten gelegt wird, vermisse ich die Bemerkung, daß noch heute das 
Sprichwort erbör as ne pötterschört gang und gäbe ist; auch Wander 
verzeichnet es hochd. unter ehrbar. Zu der ganzen Stelle aber konnte 
die Wendung von dem zierlichen oder gezierten Zuspitzen des Mundes 
gesetzt werden: de münd in de pünt setten. Von allzuzimpferlichen 
Personen heißt es geradezu: se kan nich zip (so, nicht sip, wenigstens 
in Mecklenburg) seggen. Dazu die Anecdote. Eine Frau wird von dem 
heimkehrenden Oatten gefragt: Fru, wat §ten (resp. kaken) wi huet? 
Antw. hoenen. Wat? Hest nich huert: bonen. Ik häv min mtlnt al acht 
dag inne pünt set't , un he rit's [reißt sie] wedder rüt. Bei boenen, 
dem neumodischen selbstgemachten WortgefUge ist das MtLndchen na- 
türlich spitzer, als bei dem breiten und derben Bohnen. 

Das inne pünt setten aber, ßigte meine Gewährsmännin hinzu, 
eine meiner Basen, hätte hier der Vorbereitung zu einer Hochzeit 
gedient 

e) schlenker. Das Glossar bemerkt einfach: Bein. Kein Mensch 
bedarf dieser Erklärung^ wohl aber des EGnweises, daß das Bein als 
Träger metaphorisch so bezeichnet wird, daß also schlenker ursprüng- 
lich ein Terminus der Baugewerke ist, s. brem. Wbch. u. d. W. slenker. 

m. 

Fehlende Erklärungen: 

a) I, 127—130. b) m, 71—74. c) VUI, 189-200. d) IX, 73—76. e) VI, 

19—28. 

a) A, 't was een gqjen drunk, een winken recht to laven^ 
de aller gaste leed un schwermoet hübsk verschaven. 

Do schal den ersten dans Sönt Peter hebben dahn, 
as em van düjem drank dat hart anfing to schiahn. 

b) De negsten van dat bloot 

de stahn un sind so glat un holen sich so groot, 
as wen se't weren sülfst; de andern gähn so stive, 
as hadden se een päd er'n ander dink im live. 

e) Wo mannig ehrlik man moei jamerlik verlaten 
sin hues^ hof, land und sand, moet hüren firembde katen! 
De schinner nimt it hen wol vor ein botterbroet 
Dat skul men strafen; men dat unrecht is to groet 
in disser argen weit: de riken deef entlopen, 
de armen hengt men up. Dar wil ik aver ropen. 



62 F* LATENDORF 

80 lang ik Uv und $chwev\ Hei, is dat recht gedahiii 

dat de noch bavenan moet allerwegen stahn^ 

de 80 veel land und sand^ holt, gelt und goet gestalen, 

dat it mit duaenden wol kuem is to betalen? 

Und ik bedröfde bloet moet vor een höhn eft twe 

8trak8 deef und galge sin! Dat deit mi alto weh. 

d) Lapekens Amme de laven wol vele^ 
man mi gefeit 8e wol nich, 

de farve de docht nich, se siUer so gele^ 
mi dfichty $e hoUer nich dicht 

e) He gript 8ik an an krigt tom dank een ölen band danrOr, 
de ganz van 8chwete kleefrich is, verrottet un ganz mör; 

den weet dat möderken dem vent so köstlich to beschriven, 
dat he em as een hilligdom mut stets vor ogen bliven. 
Dit, segt se, het dat leve kind um eren lif gehat; 
wat dünkt jow, kam gi eens so wit as disse aide sat? 
Wo watert Matzen den de mund^ wen he hört düsse saken! 
Dat hart, dat in der bttchsen sit, dat wil sik masig maken. 

a) Es durfte oder mußte mit einem Worte auf den scheinbaren 
Gebrauch des Accusativs bei dem Verbum sin oder we$en hingewiesen 
werden. Diese Construction vermochte Höfer (Z. f die Wissenschaft 
der Sprache I, 341) fUr die ältere Zeit nicht nachzuweisen; Hoffmann 
V. F. eliminierte sie unkritisch an nicht wenigen Stellen seines Reineke 
Vos; bezflgliche Nachweise bietet mein Programm über dieses Gedieht, 
Schwerin, 1865, S. 26 ff. (Exemplare stehen mir nicht mehr zu Gebote.) 

b) Ein ähnliches Sprichw. weist Wander u. d. W. Pfahl aus dem 
Märkischen nach (Nr. 23 he het'n päl in'n rttggen); verwandt ist die 
bei Wander unter Elle nachzutragende Verbindung: Se (he) het ne EU 
(Ael) overslaken. Die Elle ist dem oder der Stolzen gleichsam im 
Rücken stehen geblieben. 

c) Auch diese Verbindung ist dem heutigen Niederdeutsch nicht 
fremd. Ich hörte eine Gbeisin über ihren Schwiegersohn mit den Worten 
klagen: sal dat noch land an Band rüchtig waden, wo slicht wi ans 
mit'n anner stän! Bei Wander vermisse ich die Fügung unter den 
sprichw. Redensarten u. d. W. Land. Die heutige niederd. Volks- 
sprache bietet eine Fülle ähnlicher Wendungen; s. einzelne Nach- 
weisungen in meiner Schrift über Lauremberg S. 21. Folgende eigen- 
thttmlicbe Beispiele nenne ich noch gleich: 



BEITRiGE ZU LAÜREMBERG'S SCHERZGEDICHTEN. 63 

Ik wall, dat he sik gwik und fffMk br§ken dSd (oder d^r). 
De lued hebben nich kind oder händ inne weit (bei GL Groth hind un 
küken). Toev man, he sal 5k harst un hörst to bedd gan (so u. a. in and um 
Neustrelitz; ein Zuspruch an aufgebrachte Kinder); in Mantzel's büt2^ 
Ruhest XV (1764), S. 23 heißt derselbe Spruch harft un harfi. Das 
erste Wort habe ich auch in Schwerin und Rostock gelegentlich wohl 
im Sinne von barfuß gehört , vorherrscht indessen auch hier harst. 
Diese Wortform ist direct nicht mitverzeichnet bei Schiller-Lübben 
Q. d. W. barvdt, barvet, bärvt Der ehrliche Mantzel verzweifelt an 
der Deutung der Verbindung; er weist mit Recht die Beziehung auf 
das Bildniß des Gottes Krodo, der mit bloßen Füßen auf einem Barsch 
stehe, zurück. Ich erkläre einfach = barfUßig nnd barärschig (also 
eine Contract. aus barors). Wer eine bessere Deutung weiß: cedam 
majori; Wander u. d. W. barfuß bietet nichts Einschlagendes. Zur 
Sache ftlge ich hinzu: wie eines Kindes Hand sich leicht ftUlen läßt, ' 
so stillt sich auch sein Zorn leicht in Aussicht auf die scheinbar harte 
Strafe seines vermeintlichen Beleidigers. 

d) Lappenberg sieht in der Schlußsilbe von siüer, holter und 
anderen Formen ein angeschlossenes er = dar. Ich erkenne viel- 
mehr eine rhythmische Ausfüllung, ohne daß eine besondere Bedeutung 
ersichtlich wäre. Ich verweise auf den Schluß meiner Bemerkungen 
über er und oder bei unbestimmten Zahlenangaben, s. GermaniaXIII, 206. 
Ein gleiches Princip erkenne ich in der Verlängerung der Adverbien 
nochf näst u. a. um die Silbe «n; und ebenso in den zahlreichen Zu- 
sammensetzungen im Niederdeutschen mit der Mittelsilbe el: Eindel- 
bier, Wascheldok, Setteltid = Brutzeit u. dgl. Die von MüUenhoff 
bei Groth im Qnickbom gegebene Deutung der adverbialen Formen 
nochen u. a. erscheint mir demnach zweifelhaft. So nothwendig die Er- 
kenntniß des früheren Standes einer Sprache ist, so wenig reicht die- 
selbe zur Erklärung aller heutigen Erscheinungen aus; und das frische 
Leben der Gegenwart läßt andererseits durchgreifende Gesetze er- 
kennen oder ahnen, für die in der Vergangenheit nur trümmerhafte 
Reste vorhanden sind. 

e) Die unzüchtigen Anspielungen in dieser und anderen Stellen er- 
klären es ausreichend, wie nothwendig die Zufuhrung reinerer und lauterer 
Elemente ftlr Litteratur und Leben war. Heute würden wohl in keinem 
Kreise der Gesellschaft ähnliche Hochzeitsgedichte willkommen sein. 
Nachdem aber die gemeinsame deutsche Sprache sich sittlich gleichsam 
regeneriert hat, war es geraume Zeit Mode, in dem niederdeutschen 
Dialecte mit Vorliebe eine besondere BeftLhigung fiix dfötV^^XL ^ä;»sfifst 



64 J?*. LATENDORP 

hervorzuheben. Qrothe und Reuter blieb es vorbehalten, den thatsftck- 
lichen Beweis zu liefern, daß auch reine und innigere Töne dem deut- 
schen Norden zu Gebote stehen. Jetzt braucht ein Freund der hei- 
mathlichen Mundart , der ihrem gemüthlichen Reize zumal im Ejreiae 
des Hauses offenes Herz und Ohr von Kindheit an entgegeng^tragen, 
keine Mißdeutung zu Alrchten, wenn er ausdrücklich hervorhebt, daß 
in diesen sprachlichen Derbheiten neben einer Ftdle gesunden Humors 
zugleich eine reiche. Quelle der Erkenntniß sprudelt, daß seltene Worte, 
kühne und kecke Wortbildungen, rasche Reime den unbefangenen Beob- 
achter entzücken. Aus einer Sammlung von einigen fünfzig doppel* 
sinnigen Räthseln von großentheils naiver, theilweise auch gesuchter 
und raffinierter Sinnlichkeit wähle ich auf gut Glück die MusenzaU 
mit dem Musageten heraus; die schlimmsten lege ich noch einst- 
weilen zurück. 

1. Ik ging na de kamer, 

dör begegnet mi vatter sämer. 
He drükt mi danedder, 
dat k^m mi nich towedder, 
dat ded mi so sacht, 
wo k§n minsch an dacht (Aufl. Schlaf). 
2.-4. (Aufl. Floh). 

2. Ik leg inne för un duckert mi, 

dun kern 'n ollen swarten man un puckert mi. 

3. Hartman, swartman, 

de bi uns maeken int bedd kam, 
wul uns maeken hipiücen, 
dat maeken wul nich stilliggen. 
as dat maeken stil lag, 
hilpiUct (sie) he de ganze nacht. 

4. Ik ging mal oever t straetken, 
begegnet mi'n swart paepken. 
he böd mi ßpßppem an 

Ik saed, ik hebb allen'n man, 
de mi fipfippem kan. 

5. De man de schint, 
de püs de grtnt. 

de staken steit wappeln 

un de kloeten de klappern (Bohnenstange mit Blüthen u. Frucht). 

6. Dat bed is mäkt, 
de brfit is sträkt, 



BEITRÄGE ZU LAUREMBERG'S SCHERZGEDICHTEN. 65 

Bteit anne wand, 
hät'n stiben inne hand, 
deit ümmer; as wen't up gr losgän sal. 
(Eine Lage Korn auf der Scheundiele und der Drescher mit dem Flegel.) 

7. Min buekken up din buek-ken 

un min pipken in din purlok (Schloß und Schlüssel). 
Dasselbe raffinierter: 

Unse knecht hinrich, 

de stak sinen pinrich 

in unser maeken flarre (fladde). 
(Die Lade des Mädchens durch den Schlttssel des Knechts geöffnet.) 

8. De stridder de striller 
wenner wippert, den willer; 
wo mir datter deit, 

wo stiver datter steit. 
(Das Tuch in der Mühle, worin das Mehl kommt.) 

9. Nawersch, kan ik nich minen böller in dinen rugerenzel jagen? 
wen min rugerenzel bestrenzelt is^ kanst da dinen böller wed- 
der in minen rugerenzel jagen, (böller = Kalb; der unbe- 
strenzelte rugerenzel soll die geschorene oder kahle, gemähte 
Wiese bezeichnen.) 

10. Stün dorn man up'n breden sten, 

här Itvhunnert swin tim sich, 

de harn aFn pricken in'n nors, 

de scheten al: snirt, snart. 

As he saer: hal wat, 

wiren sin swin al kälswart. (Schlehdom.) 
Ich unterlasse wohlfeile Verweisungen auf Simrock^s Räthselbuch 
und einzelne märkische Räthsel, die Woeste vor Jahren in der Z. für 
deutsche Mythol. mitgetheilt hat. Ich wünsche gerade, daß der Stoff 
an sich unbefangen und ohne gelehrten Apparat wirken möge. 

Einen anderen Zusatz aber zu machen zwingt mich die litterarische 
Gewissenhaftigkeit. Ich habe Eingangs dieser Arbeit meiner Festschrift 
über Lauremberg zur Begrüssung der Rostocker Philologen- Versammlung 
gedacht. Ich bin jetzt im Stande hinzuzufügen, daß der zweite Abschnitt 
dieses Büchleins „falsche Erklärungen Lappenberg's'' seinem wesent- 
lichen Inhalte nach in dem Programm von E. Müller zu Job. Laurem- 
berg, Köthen, 1870, schon vorweggenommen war; nicht minder ein bio- 
graphischer Artikel über den Dichter, den ich unter dG\x\. T\\j^\ ^£äbl 
arithmetisches Problem aus dem Leben des IU)atocV.eT \>\öaXfeT'?* 'iO^'öXÄv 

aSBUANU. Neue Beihe IX. (XU.) Jahrg. ^ 



66 R- KÖHLER, ABERMALS JOHANN VON MORSHEIM. 

Laoremberg und seine Lösung in der Meckl. Zeitung vom 30. Mai d. J., 
Nr. 144 yeröffendicht habe. Indem ich mich dieser Übereinstimmung 
mit einem verdienten Vorgänger offen freue^ dessen Leistungen für Lau- 
remberg bleibende Beachtung erfordern, ist es mir zugleich willkommen, 
rechtzeitig den Schein der Priorität von meinen Schultern abzuwälzen, 
der sie nur mit seiner Wucht zu bedrücken, aber nicht ehrend zu 
schmücken vermag. 

SCHWERIN, am 30. October 1875. FRIEDR. LATENDORF. 



ABERMALS JOHANN VON MORSHEIM. 



Mein Freund Prof. Dr. Karl Menzel in Bonn hat, durch meine 
neuliche Mittheilung über Johann von Morsheim — XX, S. 383 f.*) — 
veranlaßt, die Güte gehabt, mich auf H. £. Scriba, Regesten der bis 
jetzt gedruckten Urkunden zur Landes- und Orts-Geschichte des Groß- 
herzogthums Hessen, 3. Abtheilung (die Regesten der Provinz Rheinhessen 
enthaltend), S. 293, und auf A. F. Oefele, Rerum Boicarum Scriptores, 
T. n, pag. 492 und 493, zu verweisen. An erstgenannter Stelle ver- 
zeichnet Scriba unter dem 19. Dec. 1491 eine bei Würdtwein, Mona- 
sticum Palatinum, VI, 7, gedruckte Urkunde 'Anlaß zwischen Johan 
von Morsheym, Faut zu Germersheim, eines, und Prior und 
Convent der Augustiner zu Altzey andern Theils, wegen ihrer Irrungen 
um den Zehnten zu Nidern- Wisheim. D. Altzey uff montag nach 
Lucie\ Hieraus lernen wir also, daß Johann von Morsheim, bevor er 
pfälzischer Hofmeister geworden, Vogt zu Germersheim gewesen ist 
— Die Stellen in Oefele's Scriptores sind aus den '£phemerides Belli 
Palatino-Boici ex Augustini Koelneri Chartophylacis Boici Libris UI 
Operis inediti de Belle Boico concinnatae, V. Cl. Erasmo Vendio ab- 
breviatore', und in ihnen wird bei Verhandlungen zwischen der Pfalz 
und Baiem, die 1509 zu Worms und zu Ingolstadt stattfanden, bei 
ersteren Vohann von Morshaim der Pfalz Hofmaister', und 
bei letztem 'Hanns von Morshaim Hofmaister' genannt. 

WEIMAR. REINHOLD KÖHLER. 



*) S. 3S-i^ Z. 7, lese man Kirohheimbolanden statt Kirchheimbslanden. 



F. LIEBRECHT, KLEINE HITTHEILUNaEM. 67 



KLEINE MITTHEILÜNGEN. 



1. Zur deutschen Heldensage. 

In Benfey's Or. und Occ. 3, 357 f. habe ich in Bezug auf die 
slavische Walthariussage nach Schiefher zwei russische Wendungen 
mitgetheilty von denen die eine so lautet: „Michaila Potyk Iwano- 
witsch erblickt in einem Strom einen Schwan^ der^ als er auf ihn an- 
legt, sich in eine Jungfrau verwandelt und als Maria der weisse Schwan 
seine Gattin wird. Während er von Hause eilt, erscheint aus Litthauen 
der Fürsteusohn Fedor und wird ihr Gatte. Durch Ilja von Murom 
davon benachrichtigt, kehrt Potyk heim und wird reichlich mit Speise 
und Trank bewirthet. Als er nach dem Mahle eingeschlafen ist, 
schleppt man ihn in einen tiefen Keller, wo man ihn an die Wand 
nagelt; es befreit ihn Fedor's leibliche Schwester Anna, welche er 
heiratet und sowohl Fedor wie Maria tödtet." 

Ausfuhrlicher und mit verschiedenen Abweichungen gibt diese 
Sage Bistrom in seiner Abhandlung über das russische Volksepos (in 
Lazarus und Steinthars Zeitschrift für Völkerpsych. 6, 145 f.) auf fol- 
gende Weise: „Von Micbajlo Iwanowic Potok wird erzählt, daü er 
einmal, von Wladimir auf die Jagd geschickt, einen weißen Schwan 
erblickte, der sich, als er ihn tödten wollte, in ein schönes Mädchen ver- 
wandelte. Diese heiratete Potok, wobei sie die Bedingung machten, 
daß bei dem Tode des einen von ihnen das andere mitbegraben werden 
sollte. Seine Frau, die Awdotja Lichowidjewna (Böses sehend) ge- 
nannt wird, starb zuerst und Potok ließ sich mit ihr lebendig begraben. 
Um Mittemacht erschien ein großer Drache, der den Potok verbrennen 
wollte; dieser tödtete ihn imd belebte mit dessen Blute seine Frau. 
Sie wurden darauf ausgegraben und lebten eine Zeitlang glücklich, 
Bei einer der vielen Abwesenheiten Potok's kommt ein litthauischer 
Fürst nach Kiev und entführt Potok's Frau. Zurückgekehrt, zieht 
letzterer sich wie ein Pilger an und begibt sich so an den Hof des 
Litthauers. Seine Frau erkennt ihn, täuscht ihn mit erheuchelter 
Liebe und verwandelt ihn in einen Stein. Ilja mit den andern Helden 
fahren aus um ihn zu suchen; der heilige Nicolaus zeigt ihnen den 
Stein und gibt Potok seine frühere Gestalt zurück. Potok kommt 
wieder zu seiner Frau, wird abermals von ihr getäuscht und aa ^vcl^ 
Wand genagelt Die Tochter des litthauisclieii E^üc^IqH) kwsi^^ ^^^^"^ 



G8 F. LIEBRErHT 

sich iu ihn uud befreit ihn, worauf er seine firühere Frau tddtet and 
diese Anna heirathet" 

Was nun den in der letztangeftlhrten Version erscheinenden 
Drachen y der Potok verbrennen will, betrifft, so ist nicht zu bezweifeln, 
daß unter demselben der in den russischen Wladiroirsagen oft auftretende 
feuerspeiende Bergdrache Tugarin zu verstehen sei, dessen Tödtung, wie 
Bistrom anfahrt, vielen Heldengenossen AMadimir's zugeschrieben wird, 
wie dem Ilja^ dem Alosa, dem Dük, dem Dobrinja, welcher letztere 
auch die von Tugarin geraubte Enkelin Wladimir's, Supama, aus 
des Drachen Gewalt befreit^ indem er ihn nach dreitägigem Kampfe er- 
schlägt. Die gleiche That verrichtet, wie wir gesehen, auch Potok, nnd 
man könnte daher auf den Gedanken kommen^ daß sie sämmtlich nur 
Differenzierungen einer ursprilnglich identischen Gestalt bilden. Wie 
dem jedoch sei, so bietet diese Sagenreihe in dem, was sie von Do- 
brinja und Potok berichtet, eine auffallende Übereinstimmung mit der 
deutschen Sage vom hürnen Siegfried, wie er Krimhilt, die der Feuer- 
drache geraubt hatte, aus dessen Gewalt befreit, wobei der Berg, in 
welchem Krimhilt gefangen gewesen (acht Klafter unter der Erde) an 
das Grab erinnert, worin Potok und seine Frau sich befunden; auch wird 
letztere sowohl wie Krimhilt wieder ins Leben zurlickgerufen, jene 
durch das Drachenblut, diese durch eine Wurzel, die der Zwerj^ Engel 
ihr in den Mund steckt. Es scheint also, daß eine nähere Verwandt- 
schaft der angeführten deutschen mit der russischen Drachensage nicht 
zu bezweifeln ist, und zwar dürfte wohl die deutsche die Priorität be- 
anspruchen. Ganz anders jedoch verhält es sich mit den übrigen Um- 
ständen der Potoksage, die außer der slavischeu Walthariussage auch 
noch mit dem Grimmischen Märchen, Kr. 16 ,,Die drei Schlangenblätter* 
aufs Genaueste verwandt ist; Benfey, Pantsch. 1,454, hat letzteres 
bereits in diesen Kreis gezogen, wenngleich ohne Verweisung auf die 
genannte sjavische Sagenreihe, welcher, um auch dies noch zu er- 
wähnen, sich Parthenius c. 8 gleichfalls anschließt, wie Landau, die 
Quellen des Decani. S. 94, bereits bemerkt hat. 

2. Isländisches. 

In Jon Amason's Islenzkar I^Joctsögur og ^fintyri, Leipzig 1864, 
II, 572 wird folgendes mitgetheilt: 

'Der nächste Monat nach Mittwinter heißt noch jetzt, wie all- 
bekannt, r orri, der nächste Monat nach diesem Goa, der letzte Win- 
termonat Einnianadur, der nächste Sommermonat II arpa. Die alten 
SagSLs berichten, wie dit* beiden ersten Monate ihre Namen erhielten (•• 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 69 

FAS. II, 1. 17. FLB. I, 21-22. 219)*), aber mir ist nicht bekannt, wes- 
halb die beiden letzten die ihrigen bekamen ; jedoch bietet die mtlndliche 
Überlieferung eine kleine Abweichung; denn während in den Saga's 
Porri und G6a Vater und Tochter genannt werden, macht jene sie zu 
Mann und Frau, deren Kinder Einmanadr und Harpa sind. Es lag 
nun den Hofbesitzern ob, I^orri zu empfangen (ad fagna Ferra) oder 
ihn in's Haus zu laden (bjöda honum i gard), wobei sie an dem Morgen, 
wo Porri anlangte, früher als alle andern Bewohner des Hofes auf den 
Beinen sein und sobald sie aufgestanden, vor das Haus hinaus mußten» 
im bloßen Hemde und mit bloßen Beinen und Füßen, indem sie nur 
in das eine Hosenbein fuhren, während das andere am Boden 
nachschleppte. In diesem Aufzuge giengen sie zur Hofthür, schlössen 
sie auf, hüpften dann auf einem Beine um das ganze Gehöft und hießen 
Porri in Haus und Hof willkommen. An einigen Orten des Nordlandes 
heißt der erste Tag des Porri noch immer der „Hofwirthstag" (bon- 
dadagur), an welchem die Hausfrau ihren Mann gut verpflegen muß, 
und dieser Festtag heißt nocli heute „Porriopfcr (Porrabl6t)^. Die 
Hausfrauen mußten G6a ebenso empfangen wie ihre Männer den rorri; 
sie mußten nämlich am Morgen des ersten G6atages früher ajs andere 
Hausbewohner aufstehen und ganz leicht bekleidet, dreimal um das 
Gehöft gehen, wobei sie sagten: 

„Sei willkommen, liebe G6a, geh' in das Gehöft hinein; 

Bleib nicht draußen in dem Wind den ganzen lieben langen Tag!" 

(Velkomin sertu, Goa m!n, og gakktu inn i baeinn; 
Vertu ekki liti i vindinum vorlängan daginn) 

und an dem nämlichen Tage mußten auch die Hausfrauen ihre Nach- 
barinnen bewirthen. Auch die jungen Männer mußten Einmanadr und 
die Mädchen Harpa auf dieselbe Weise empfangen, wie die Männer 
und Frauen rorri und Goa, und es ist kaum zu bezweifeln, daß diese 
ganze Sitte ein Überrest des alten I^orriopfers, Göaopfers, Einmanadr- 
opfers und Sommerbeginnopfers ist, obwohl sich jetzt nur noch geringe 
Spuren daran vorfinden'. 



*) „Thorri war König in Gottland und Finnland, von dem großen Opfer, das 
er BU Mittwinter ordnete, hieß der Monat porramanadr; al» Goi, seine Tochter, aus 
dem Lande gieng, ließ der König einen Monat später opfern und so begann göi. Land- 
nimabok 4, 7 meldet, daß Hrolfr Gö heiratete, nach welcher Goimänadr genannt 
ist. Vielleicht darf auch von ihrem Bruder Gor gormänadr gedeutet werden, wo 
nicht umgekehrt alle diese Personiücationen aus alten Monatsnamen entspringen.** 
Grimm, Gesch. d. d. Sprache 93. 



70 F. LIEBRECHT 

Soweit Amason. Obwohl nun die, eben mitgctheilte Stelle durch- 
weg in mehr als einer Beziehung, Anziehendes bietet, so ist es doch 
eigentlich nur der Umstand des nachschleppenden Hosenbeines, 
der mich zunächst veranlaßte, dieselbe hier wiederzugeben und jenen 
Gebrauch, der so höchst seltsam scheint, zu besprechen. Es erklXii 
sich nämlich durch Grimmas RA. 98 ff., wo zur Bezeichnung einer 
schnellen Handlung unter Nr. 6 aus der Rastetter Dorfgerichts- 
ordnung folgendes angeführt ist: „und so ein gut verkauft würde and 
kinder oder fründ die natürlich löscr weren, die dan ußlendisch and 
nit inlendisch weren, die haben ein jar losung, also mit dem geding, 
sobald inen für kompt, daß seins vatters oder anderer geplüter fründ 
guter verkauft, die löser weren, den kauf erfaren, die sollen von stund 
an, so einer ein hose angethon und die ander nity so soU er die^ so noch 
nit angethon, an die hand nemmen und die losung thon ungeferlich*^ 
Die symbolische Handlung der alten Isländer sollte also die große 
Hast ausdrücken, mit welcher sie dem Gott, um ihn nicht warten su 
lassen, entgegeneilten und zwar eine noch viel größere als die in dem 
Rastetter Weisthum; denn während letzteres das noch nicht ange- 
zogene Hosenbein doch wenigstens aufzuheben und in die Hand lu 
nehmen gestattete, war dem Isländer auch dies nicht einmal erlaubt, 
sondern er mußte es herabhängen lassen und nachschleppen (Uta hina 
svo lafa eda draga hana eptir s^r ä ödrum foeti), wodurch allerdings 
der höchste Grad von Eile ausgedrückt wird. Eine weitere Hinweisung 
auf diesen symbolischen Ausdruck der letztem findet sich in dem mhd. 
Gedichte Mauritius und Beamimt in v. d. Hagen's Germ, oder Neues 
Jahrb. u. s. w. IX, 131 v. 1544 — 7, wo es heißt: „her Mauritius gienc 
vürbaz. siner hosen eine an dem gerehten beine erklanc üf dem 
esteiich^. Aus dem An^eftlhrten erklärt sich nun auch leicht, warum 
die Isländer den l^orri im bloßen Hemde und barfüßig empfiengen; 
wiederum beides Zeichen großer Eile, wie es denn auch RA. a. a. O., 
Nr. 8 heißt : „und wenne ein man von der vogtie gefangen wirt, so sol 
er (der herre von Ohsenstein) ane sume barrußig, ob das pfert nit ge- 
sattelt ist, und wer er och an eime fuße barfuß, er sol sich nicht 
sumen, unz er och den andern Schuck angelege, und sol nachilen, den man 
zu errettende." Was aber den weiteren Umstand anlangt, daß der Is- 
länder beim Empfang t'orri's auf einem Beine um das ganze Gehöft 
hüpfen mußte, so scheint dies anzudeuten, daß selbst im Falle er wegen 
eines schlimmes Beines dasselbe nicht gehörig brauchen konnte, er sich 
gleichwohl dadurch nicht abhalten ließ, don Gott, so gut es eben gieng, 
aufzusuchen. 



KLEINE MITTHEELUNGEN. 71 

Noch will ich den Ausdruck v&rlomgcmn daginn in der Ansprache 
der Frauen an die Göttin G6a hervorheben^ der eigentlich „den früh- 
lingslangen Tag^ oder „den langen Frühlingstag^ bedeutet und worin 
eine Hinweisung auf das am 22. Febr. beginnende Frühjahr liegen 
könnte; jedoch scheint dies nicht der Fall zu sein und darunter eben 
nur ein langer Tag verstanden werden zu müssen , wie bei dem in altn. 
Eüdesformeln vorkommenden Ausdruck „valr flygr vorlangan dag^y ob- 
wohl mir nicht recht erhellt, warum hierbei nicht das doch auch vor- 
handene sumarldngi' gebraucht wurde, da ein Sommertag doch noch 
länger ist als ein Frühlingstag; oder schienen die Frühlingstage be- 
sonders deswegen so lang, weil sie zunächst auf die kurzen Winter- 
tage folgten? Denn die von Uhland, Schriften 6, 155, nach Oken an- 
geführte Erklärung geht nur auf den Hochflug des Falken zur 
Frühlingszeit, läßt aber die in der altn. Formel und in dem Göa- 
grüße besonders hervorgehobene Länge des Frtlhlingstages unerläutert 

Obwohl nun hiei*mit die Besprechung der in Rede stehenden 
Stelle aus Amason's Sammlung zu Ende ist, so kann ich dennoch nicht 
umhin dieser vortrefflichen, höchst inhaltreichen Arbeit noch einiges 
Andere wenn auch nur Weniges von dem zu entnehmen, was mir be- 
sonders bemerkenswerth scheint. Weiteres nicht hierher gehörendes, 
mir ftlr andere Orte aufbewahrend. 

Bd. H, S. 8 wird unter Überschrift „Schiffssprache (Skipa- 
mäl)^ Folgendes berichtet: ^Zuweilen hört man es in den Schiffen 
knarren (marra), obschon es windstill ist und sie sich in den Schi£k- 
häusem (1 naustum, gr. vewgoiycoi) befinden. Man nennt dies die Sprache 
der Schiffe, welche zu verstehen nur Wenigen gegeben ist. Einer der 
80 Begünstigten kam nun einmal an das Meeresufer, wo zwei Schiffe 
standen und hörte wie das eine zum andern sagte: „Wir sind jetzt lange 
zusammen gewesen, aber morgen müssen wir uns trennen." — „Das 
wird nimmermehr geschehen, erwiderte letzteres, wir sind 30 Jahre bei 
einander gewesen und mit einander alt geworden; wenn aber wirklich eins 
von uns untergehen soll, so muß das andere mituntergehen." — ^jDas 
wird gleichwohl nicht geschehen, entgegnete das erstere; denn obschon 
heute Abends gutes Wetter ist, wird es doch morgen umschlagen und 
Niemand in See gehen, ausgenommen dein Capitän, während ich und alle 
andern Sohiffe zurückbleiben. Du aber wirst abfahren und nimmer wieder- 
kehren, und mit unserem Zusammensein ist es für immer vorbei." — 
„Nimmermehr, versetzte das andere; denn ich werde nicht von der 
Stelle weichen!" — „Du wirst aber müssen, antwortete das erste, und 
dies ist die letzte Nacht unseres Zusammenseins," — „Wenn du nicht 



72 F. LIEBRECHT 

fährst^ fahre ich auch nicht, rief endlich das zweite; es sei denn, daß 
der Teufel selbst seine Hand dabei im Spiele habe!^ Darnach sprachen 
die Schiffe so leise, daß der im nahen Walde verborgene Lauscher 
ihr Flüstern nicht mehr vernehmen konnte.' 

^Am darauffolgenden Morgen war das Wasser sehr umwölkt und 
es schien Niemand recht räthlich in die See zu gehen, außer einem ein- 
zigen Capitän und seiner Mannschaft. Sie begaben sich daher ans 
Ufer und mit ihnen noch manche Ändere von denen, welche zurQck- 
bleiben wollten. „Legt an eure Lederkleider in Jesu Namen^, com- 
mandierte der Capitän, wie es Gebrauch ist und seine Leute thaten 
also. — „Vorwärts mit dem Schiff in Jesu Namen!" rief er weiter 
und jene stießen za^ aber das Schiff rührte sich nicht vom Fleck. Da 
forderte der Capitän einige andere Seeleute, die dort umherstanden, 
auf, mitzuhelfen, was sie auch thaten, aber es half zu nichts, denn das 
Schiff wollte nicht vom Platze. Endlich bat er denn sämmtliche zur 
Stelle befindliche Leute hilfreiche Hand zu leisten und commandierte 
dann nochmals: „Vorwärts mit dem Schiff in Jesu Namen!" aber 
letzteres blieb wie festgebannt stehen, so daß er endlich mit lauter 
Stimme ausrief: „Vorwärts mit dem Schiff in des Teufels Namen!" 
und unverzüglich setzte sich das Schiff in Bewegung und lief so schnell 
vom Lande in die See hinaus, daß man es fast nicht mehr zurück- 
halten konnte. Bald darauf stieg die Mannschaft an Bord und fuhr 
ab; das Schiff kam aber niemals wieder und ist wohl mit Mann und 
Maus untergegangen.^ 

Zuvörderst nun will ich hiezu bemerken^ daß der Glaube an spre- 
chende Schiffe sich schon im alten Norden fand; Amason verweist in 
dieser Beziehung auf die F16amannas. c. 36, wo die Schiffe Hinagautr und 
Stjakanhöfdi mit einander sprechen und von dem Schiff EUida, füge 
ich hinzu, wird in der Fri})jofss. c. 6 wenigstens gesagt, daß es die 
Sprache der Menschen verstanden habe. Daß die Vorstellung von re- 
denden Schiffen übrigens viel älter ist, zeigt das Schiff Argo, dem man 
gleichfalls menschliche Sprache beilegte, wie ja überhaupt in der Urzeit 
alle Thiere und sonstigen Gegenstände fUr belebt und mit menschlichen 
Eigenschaften begabt gehalten wurden. Indes scheint bei dem in Rede 
stehenden Glauben doch auch noch eine Beobachtung der Wirklichkeit zu 
Grunde zu liegen; denn abgesehen davon, daß bei heftigen Stürmen das 
Gebälk und Mastwerk der Schiffe laut knarrt und ächzt, habe ich über- 
dies in einem Artikel des Spectator (1851) folgende Bemerkung ge- 
funden: „Man hat wahrgenommen, daß Schiffe, die nicht länger see- 
tüchtig und nahe daran sind in Folge des Andrangs von Wind und 



KLEDVE UTTHEILUNGEN. 73 

Wellen zusammenzubrechen, wamendei gleichsam klagende Laute ver- 
nehmen lassen, wobei die Seeleute sich gar nicht vorstellen können 
wie dieselben entstehen oder von welchem speciellen Flecke des 
Schiffes her sie kommen , obwohl sie nur gar zu gut wissen^ was sie 
bedeuten und deshalb allen Mnth verlieren^*). 

Von dem sonstigen isländischen Aberglauben theile ich aus Ar- 
nason hier noch folgendes mit: 

11, 547. Wann die dordingvU**) genannte Spinne von der Stuben- 
decke herabhängt, soll man sie nicht herunterreissen, sondern die um- 
gekehrte Hand darunter halten und sagen: ^Hinauf, hinauf, Fischersmann 
(fiskikarl); deine Frau liegt krank zu Bette***), 18 Kinder im Schoß *^ ; 
oder: „Rudre herab, Fischersmann, wenn du Gutes bedeutest, aber 
hinauf, wenn du Schlimmes bedeutest.'' 

S. 549. Wenn man sich die Nägel abschneidet oder abschnippst, 
so soll man jeden Nagel immer in drei Stücken abschneiden, ab- 
schnippsen oder abbeissen; denn sonst macht der böse Feind aus den 
Nägeln den ganzen Bord eines Leichenschiffes (heilt umfar i näskipi). 
Jedoch sagt man auch, daÜ wenn die Nägel im Ganzen abgeschnitten 
werden, der Böse daraus schöne Schiffe oder Buderfähren mache. 
Andere sagen, daß er nur mit ihnen das Schiff zusammennagelt In 
der Nähe von Jökull (Gletscher) gieng einmal eine Schiffsmannschaft 
etwas später als die andern Mannschaften in See und zwar auf einem 
Schiffe, welche sie für das ihrige hielte weil es an der Stelle desselben 
lag. Die Leute ruderten mit alier Anstrengung, denn sie glaubten zu 
lange geschlafen zu haben; als sie sich aber eine kleine Strecke vom 
Lande befanden, ging das Schiff unter und alle die sich darin befanden, 
verloren das Leben. Diejenigen aber, welche vor ihnen abgefahren 
waren, sagten aus, daß ihnen das Schiff aus lauter Menschennägeln 
zusammengesetzt, jedoch wunderschön gebaut zu sein schien. 

Hierher gehört auch folgender von Arnason in einem früheren 
Abschnitte (S. 2) mitgetheilter Schwank, wonach Gott kaum den 



*) „Ships no longer seaworthy, when abont to break np between the strain 
of Winds and waves, have been known to give forth monitory sounds like wailing : the 
sailor cannot conjecture how the noise is made, or the exaet spot whence it pro- 
ceeds, bnt he knows too well its Import, and his heart falls him.** 

**) oder dorgdingull (aranea bipunctata); sie heißt h\xc\i fiik%karl\ beide Aus- 
drücke bezeichnen jetzt aber gewöhnlich eine Ameise. Dorg ist Angelschnur, dinguü 
Bisii^fen. 

♦*♦) oder: „liegt auf der Erde", d. h. ist in Wochen, weil bekanntlich Frauen 
in diesen Umständen ehedem dorthin auf Stroh gelegt wurden. 



74 F. LIEBRECHT 

Menschen geschaffen hatte, als auch schon der Teufel diesen beneidete 
und versuchen wollte^ ihm Schaden zuzufUgen. Er begab sich daher 
zu dem Allmächtigen und bat ihn um die vorstehenden Glieder von 
allen Fingern des Menschen, so daß letztere gleich lang würden. Unser 
Herrgott versprach sie ihm in dem Falle, daß die Finger bei geschloa- 
sener Hand nicht gleich lang wären. Da nun der Teufel sah, daß ihm 
dieses Versprechen nicht viel nützte , bat er ihn um den Koth, den 
der Mensch bei seinen Ausleerungen von sich gebe, und unser Herr 
schenkte ihm denselben auch wirklich, jedoch nur uüter der Bedingung, 
daß der Mensch nach Verrichtung seines Geschäftes nicht hinter sich 
blicke; man sagt aber, daß die meisten Menschen dies thun. Als nun 
der Böse sah, daß ihm auch dies nicht zu Theil wurde, bat er um die 
Nägel, die der Mensch sich abschneide oder abschnippse, und Gott ge- 
währte sie ihm, wenn die Nägel in einem Schnitt und nicht stückweise 
abgeschnitten würden; geschähe dies aber in drei Theilen, so sollte der 
Teufel davon nichts bekommen. Deshalb schneidet sich jeder Mensch 
die Nägel in drei oder mehr Theilen ab; denn sonst sammelt der 
Teufel die im ganzen abgeschnittenen Nagel so lange, bis er sich daraus 
Schuhe machen kann, wie dies schon zuweilen der Fall gewesen ist 
— Amason verweist hierbei auf das Schiff Naglfari und auf Vidars 
ijchuh und bemerkt (S. 549), daß dieser Aberglaube in Betreff des 
Nägelabschneidens^ so wie der über die Sonne in Wolfsnoth*), abge- 
sehen von der noch bestehenden Gewohnheit aus den Schuhen, da 
wo die Zehen und Fersen sitzen, Streifen auszuschneiden, fast die ein- 
zigen Überreste der altheidnischen Religion in Island zu sein scheinen. 

S. 550. Wenn eine Lichtputze nachglimmt, nachdem man sie 
zur Erde geworfen, so soll man sie nicht auslöschen, sondern von selbst 
ausgehen lassen, denn dies sei ein Werk großer Barmherzigkeit, und 
wer das nicht beachte, gerathe in schweres Unglück. Im Orient näm- 
lich soll irgendwo ein Volk leben, das nur so lange Ruhe und Rast hat, 
wie dergleichen Lichtputzeu glimmen; andere jedoch sagen, daß die 
Eiben (dlfar) ihre Lichter daran anzünden. 

S. 552. Wenn eine Sternschnuppe bei einem Fenster vorüberftlhrt, 
wo in der Stube gerade vor demselben ein Licht brennt, so fließt die 
Sternschnuppe mit der Lichtflamme zusammen und steckt das Gehöft 
in Brand. Dieser kann nur mit dem Blute von sieben ohne Unter- 
brechung hinter einander geborenen Brüdern gelöscht werden. 

*) Wenn zwei Nebensonnen, die eine vor, die andere hinter der Sonne ^Behen 
werden, so sAgt man, die Sonne sei in Wolfsnoth (sölin se i ülfakreppu) mit Bmii|^ 
Muf den Wolf Sköll in der Edda. Amason II, 658 f. 



KLEINE MJTTHEILUNGEN. 75 

S. 553. Wenn man awf der See zu wenig Fahrwind hat, so soll 
man das Hemd ausziehen und die Läuse aus demselben im Segel 
setzen, dann wird der Wind alsbald zunehmen. 

S. 554. Man soll seinen Feind nicht wissen lassen, wo in Einem 
der Lebensfisch zappelt (d. h. wo eine Muskel zuckt); denn jener 
braucht bloß darauf zu schlagen, dann ist man todt. 

Ebend. SmervaUigill heißt bei Schafen und Rindvieh das Bein im 
Schenkel, wo der Bauernknöchel (b6ndahnüta) und der Scheiikelknochen 
zusammentreffen; es heißt auch Schluckbein (gleypibein) und man darf 
ihn nicht den Hunden vorwerfen, denn es ist ein verwünschter Königs^ 
söhn und schützt vor dem Viehsterben, wenn man ihn entweder ver- 
schluckt (und daher sein Name) oder ihn in ein Loch der Wand steckt 
und dabei zugleich sagt: „Ich stecke dich in das Loch der Wand; 
schütze du mich vor dem Viehsterben, wie ich dich vor dem Hunde- 
rachen schütze.** Wenn alle Menschen das thäten, wäre der schöne 
Königssohn bald aus der Verwünschung erlöst. 

Ebend. Alle Schluckbeine (auch smfervalir, smfervalsugir, smir- 
valsiglir genannt) soll man so tief in die Erde vergraben, wie es irgend 
angeht und dabei sprechen: „Schütze mich vor dem Höllenrachen, wie 
ich dich vor dem Hunderachen schütze.^ 

Ebend. Der Nebel ist eine verwünschte Königstochter, die erlöst 
wird, wenn alle Schafhirten sich zusammenmachen und sie segnen. 
(Dies wird wohl nimmer geschehen.) 

3. Bicnenaberglaube. 

Oben Bd. I, S. 109 führt Höfer an, es sei *zwar lächerlicher, aber 
ziemlich allgemeiner Glaube, daß eine ihnen (den im Wegziehen be- 
griffenen Bienen) nachfolgende weibliche Person sie „durch Zeigen des 
blanken Hintern^ zur Rückkehr bewegen könne'. Zur Erklärung dieses 
Glaubens bemerke ich, daß man wohl beachten müsse wie hier von 
dem Hintern einer weiblichen Person die Rede ist und vergleiche 
damit folgende Stelle aus Vintler's Blume der Tugend, v. 7534 — 7 
(Grimm, Myth. 1. Ausg., S. LIV; hier nach Ignaz von Zingerle, Sitten 
u, 8. w. des Tiroler Volks, Innsbruck 1871, S. 387): 'so sein etleich 
als unbesint, wenn man in frömde huener pringt, so sprechen sie: 
„peleib hie haim, als die fut pei meinem pain"'. Aus dieser Weise^ 
die Hühner an das Haus festzubannen, erhellt klärlich, daß auch bei 
dem Bienenglauben eigentlich und ursprünglich mit dem Hintern die 
fut gemeint sei, nicht aber umgekehrt; denn allbekannt ist, welch' 
eine wichtige Rolle letztere so wie überhaupt aphrodiBisc.\\^ Q^^^^^scx 



76 F. LIEBRECHT 

in den alten Religionen gespielt haben, so daß es fast gewiß scheint, die 
von Vintler angeführte Formel, die ja auch bei den Bienen gar nicht 
in Anwendung kommt, sei erst später entstanden als das Verständniss 
der ursprünglichen Gebärde verloren gegangen war, welche auch aus 
gleichem Grunde bei den Bienen eine andere Form annahm. Hin- 
sichtlich jener verweise ich zur Vergleichung hier nur auf Diod. 1, 85> 
wonach es während der 40 Tage, die der neugefundene Apis sich in 
Nilopolis aufhielt, nur den Frauen gestattet war ihn zu sehen, wobei 
sie aber vor ihn hintretend sich die Kleider aufheben und ihm rä 
eavTwv yewr^iima ^oqia zeigen mußten. Anderes der Art übergehe ich. 

4. Gooseberry. 

In Betreff dieses englischen Teufelsnamcns, den ich oben Bd. XVIII, 
S. 458 angeführt, s. noch Hoppe, Fnglisch-deutschcs Supplement Lex 
Berlin 1871 s. v., woraus erhellt, daß derselbe auch ausserhalb Lan- 
cashire gebräuchlich zu sein scheint, wenngleich er von dort her- 
stammen mag, in welcher Beziehung ich folgende Stelle aus Southey's 
Doctor p. 348 (ed. 1849) anführe: „Lancashire is the county in which 
the gooseberry has been most cultivated; there is a gooseberry book 
annually printed at Manchester; and the Manchester newspapers, re- 
cording the death of a person and saying that he bore a severe 
illness with Christian fortitude and rcsignation, add that he was much 
esteemed among the class of Gooseberry Growers.*^ Wie nun aber der 
Stachelbeerbau in Lancashire zu dem Spitznamen des Teufels Veran- 
lassung gegeben haben mag, ist allerdings nicht klar^ es sei denn, daß 
man den ^gentleman in blacks' als in jener Grafschaft ganz besonders 
heimisch ansah, in welcher Beziehung ich an die zu Anfang des 17. 
Jahrh. ganz besonders berüchtigten Lancashirer Hexen erinnere; s. über 
diese unter anderm Harland and Wilkinson's Legends and Traditions 
of Lancashire. Lond. 1873, p. 247 ff.: „The Lancashire Witches.** 

5. Grashalm im Munde. 

Gelegentlich meiner Anzeige von Elliot's Glossary of Indian 
Terms in den Heidelb. Jahrb. 1870, S. 748 habe ich folgendes bemerkt: 
^Wer den Zorn eines Andern beschwichtigen oder vollständige Unter- 
werfung ausdrücken will, nimmt einen Stroh- oder Grashalm in den 
Mund und steht dabei auf einem Beine. Diese Sitte ist nach Elliot ein 
Beweis der hohen Achtung, welche der Hindu vor der Kuh hegt: denn 
jene Handlung soll so viel sagen, wie *ich bin deine Kuh und habe 
daher ein Kecht auf deinen Scbutz\ Eine Anspielung auf diese sehr 



KLEINE MITTHEILÜNGEN. 77 

alte Sitte enthält die Inschrift auf dem Lai Firo^ Schah's zu Delhi: 
^hränen zeigen sich in den Augen der Gattin deines Feindes; Gras- 
halme sind zwischen den Zähnen deines Gegners zu sehen/ Ich denke 
jedoch nichty daß die Kuh mit jener symbolischen Handlung irgend 
etwas zu schaffen hat^ wie sie bekanntlich auch nicht auf einem Beine 
stehty obwohl im Übrigen Flliot's Erklärung sicherlich ganz richtig ist 
Spuren der in Rede stehenden Symbolik finden sich auch sonst; so in 
Keller's Fastnachtssp. S. 125 f. wo Jemand sagt: 

^Mir hat ein schone frau gezilt, 

Sie wolt mir leihen iren schilt, 

Do man mit den speren einsticht^ 

Die sich piegen imd keins abpricht. 

Sie sprach: Wilt du in mein schilt stechen^ 

So must du mir das vor versprechen, 

Das du das recht aug wollest zuthun 

Und wollest ein jar mit einem aug gan 

Und steck ein halm in den munty 

Dobei erkenn ich dich alle stunt 

Das must ich thun zwei ganze jar; 

Also was ich ein narr und ein tor.^ 
Der Liebhaber mußte also die ganze Zeit hindurch den ihm von 
der Geliebten in Nachahmung früherer, minnedienstlicher Grillen aufer- 
legten Zwang (hier eines zugemachten Auges) ertragen und überdies 
durch den in den Mund genommenen Halm sich als ihren Knecht 
bekennen. Femer heißt es in CampbelFs Populär Tales of the Western 
Highlands II, 304: „he went to the fair and he took a straw in his 
mouth, to show that he was for taking Service." An den Markttagen 
nämlich stellen sich an vielen Orten auch die dienstsuchenden Knechte 
und Mägde ein und nehmen dabei, wie wir sehen, im westlichen 
Hochlande Schottlands einen Strohhalm in den Mund , zum Zeichen 
eben, daß sie Dienst suchen, d. h. dienstunterthänig werden wollen. 
Damit scheint auch die alte Sitte, sich durch dargereichtes Gras fUr 
besiegt zu bekennen (Grimm RA. 112), in Verbindung zu stehen und 
der sich Unterwerfende trug also den Grashalm bald im Munde bald 
reichte er ihn dem Herrn oder Sieger dar. Wenn beide Handlungen 
wirklich einander entsprechen, so muß die von Grimm gegebene Er- 
klärung wohl modificiert werden. Da es sich übrigens dabei von einer 
Verzichtleistung auf Freiheit imd Unabhängigkeit handelt, so paßt 
hierher die Bemerkung Grimm's S. 127, der Halm sei „nicht bloß 
Symbol fUr die Auflassung von Grund und Boden, filt LlaXkäx%:Q3ss^^^^^^ 



78 F. LIEBRECHT 

sondern auch fbr andere Verhältnisse und Gelübde, wo irgend etwas auf- 
zusagen, freizugeben, zu verzichten ist^, wogegen die specielle For- 
mel ^mitHalm und Munde** (S. 124 ff.) ebensowenig hierher zu gehören 
scheint, wie die Redensart „in's Gh*as beissen^, an die ich Heid. Jahrb. 
a. a. 0. dachte. 

Die ganze Auffassung und Erklärung der in Rede stehenden 
symbolischen Handlung findet eine fernere Bestätigung durch das von 
Elliot erwähnte Stehen auf einem Beine von Seiten dessen der den 
Halm im Munde trägt, welches gleichfalls als ein Zeichen der De- 
müthigung und Ehrfurcht zu betrachten ist, wie auch Callaway (Nur- 
sery Tales etc. of the Zulus. Natal 1868. I, 199) anfiihrt, daß der 
Marquis von Hastings während seines Aufenthaltes in Indien als Vice- 
könig einst eine Gesandtschaft aus dem Innern erhielt und den Ge- 
sandten auf keine Weise dazu bringen konnte, während der ganzen 
Dauer der sehr langen Audienz mehr als ein Bein zu gebrauchen. 

6. Hochzeitsprügel. 

Wie Weinhold, Deutsche Frauen S. 262 anf\ihrt, war es ein alter 
Brauch, daß der Bräutigam unmittelbar nach dem Zusammengeben 
von den anwesenden Männern unter furchtbarem Schreien gerauft und 
geprügelt wurde (Hätzlerin 260", Ring 14^, Frank, Weltbuch CXXVIII). 
Anders in Litthauen, wo nämlich die Braut zwar bekränzt zu Bett 
gelegt wird, aber unter Prügeln von allen Seiten, so daß sie nur wohl 
durchgebläuet zu dem Bräutigam kommt ; s. Tettau und Temme, Volks- 
sagen Ostpreußens, Litthauens imd Westpreußens S.257. Der ursprüng- 
liche Sinn dieses deutschen und litthauischen Gebrauchs ist schwer 
anzugeben ; weniger schwer vielleicht der eines portugiesischen. Wann 
nämlich in Miranda do Douro ein Mädchen im Begrifi* steht sich zu 
verheiraten, so trifft sie kurz vor der Hochzeit zufälligerweise mit 
ihrem Bräutigam zusammen und dieser gibt ihr alsbald eine tüchtige 
Tracht PrügeL Allerdings nimmt sie diesen Beweis zärtlicher Liebe 
nicht mit Gelassenheit hin, sondern sucht Gleiches mit Gleichem zu 
vergelten, indem sie aus allen Kräften auf ihren zukünftigen Eheherm 
losschlägt, wobei zu bemerken ist, daß keiner der etwaigen Augen- 
zeugen dieses Zweikampfes sich in denselben einzumengen Miene macht; 
s. Os Fastos de Public Ovidio Nasäo com traduccao em verso portu- 
gues por Antonio Feliciano de Castilho. Seguidos de copiosas anno- 
tafSes. Lisboa 1862. l, Ö72. Hierbei also ist die Muthmaßung zulässig, 
daß aus dem Undergebniss dieses secundantenlosen DueUs gefolgert 
werden sollte, welche von den beiden Parteien späterhin im ehelichen 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 79 

Leben die Hosen tragen würde ; jetzt jedoch verlautet von einer solchen 
Folgerung nichts mehr. Übrigens berichtet auch Aelian V. H. 12, 38, es 
sei bei den Sakern Sitte gewesen, daß der eine Jungfrau Heiratende mit 
dieser einen Zweikampf bestehen mußte und der siegende Theil dann 
später Herr im Hause war. Vgl. auch Dunlop S. 257 und Anm. 331. 

7. Eine gimpelhafte Frage. 

Das deutsche Wort Gimpel hat folgende Bedeutungen: 1. mhd. 
penis; 2. nhd. Blutfink; 3. Tölpel*). 

Dieselben finden sich auch zusammen im Roman.; 1. it. minchia, 
pinco, pincio =^ penis; 2. it. pincione, frz. pinson Fink; 3. it. min- 
chione, pincone, Gimpel, Tölpel. 

Das deutsche Wort Schwanz bedeutet 1. cauda, penis; 2. Gim- 
pel, Tölpel**). 

Es fragt sich nun, welches der Grundbegriff ist, aus dem diese 
dreifache Bedeutung sich entwickelt hat. Bei penis und Tölpel könnte 
man zur Erklärung an das griech. noaS^wv denken, welches nicht nur 
bene mutoniatus, sondern auch Gimpel, Tölpel bedeutet, also in beider 
Beziehung ganz dem Begriff des Esels entspricht; wie aber verhält 
es sich hierzu mit der Bedeutung Fink, Gimpel? Ist diese etwa die zu 
Grund liegende und stammen aus derselben die andern beiden? Ich 
wüßte aber nicht, daß sich dieser Vogel durch einen besonders großen 
Schwanz auszeichne***); andererseits jedoch scheint mir nach dem 
Gesagten die Verwandtschaft von Fink, pinco und Pint (penis) fast 
unzweifelhaft zu sein; in Betreff deijenigen von k und t s. z. B. Max 
MüUer's Lectures etc. 6. ed. 2, 184 ff. 

Ich gehe zu einem andern begriffs verwandten Worte über, welches 
auch etymologisch zu der obigen Gruppe zurückftlhrt. Das lat. men- 
tula nämlich halt ich ftlr das sskr. manthala, manthula Reibinstrument, 
Reiber; s. über dieses A. Kuhn, Herabkunft des Feuers u. s. w., S. 13 f. 
welcher dazu das altn. mönduU lignum teres, axis rotarum etc. stellt und 
wozu ich noch das altschwed. mantol penis (Grimm RA. 721 f.) füge. 
Die Wurzelsilbe von mentula und dem gleichbedeutenden ^lavöaXog (s. 

*) Die Etymologie von Gimpel ist unsicher; Steub mntbmaßt es stamme Ton 
Qundprechi Schlachtenglanz. 

**) Als Beleg letzterer Bedeutung dient auch Mittler, Deutsche Volkslieder 
Nr. 530^ 10: ^Was hat mir denn mein Haun gnutzt? — Da war i ä rechte Schwanz; 
— Wenn i son Racker zusammagebutzt, — Machst du mim glei wieder ganz.*^ 

***) Beiläufig indes will ich daran erinnern, daß er eine Unterart der Sper- 
lingsvögel bildet und eine andere derselben, eben die Sperlinge, wegen ihrer Geilheit 
bekannt sind. 



80 LÜTOLF, KLEINE BEITRAGE ZUR MTTHOLOOIE. 

Passow 8« V. zvJiog) nämlich mefU ^avdy entspricht aber der sskr. Wurzd 
manih Kreis , woran sich die weiteren Bedeutungen ^in die Runde 
drehen, buttern, reiben*^ knüpfen (Kuhn a. a. O. S. 11 ff.) Dieses mad^ 
fiavd, manth nun weist wieder auf die Stammsilbe minch im it minchia, 
zu welcher es sich verhält wie Pint zu pinco. 

LCTTICH. FELIX LIEBRECHT. 

KLEINE BEITRÄGE ZUR MYTHOLOGIE. 



1. Aberglauben. 
h) Aus einer Handschrift medicinischen Inhaltes vom Ende des 14. Jahr- 
hunderts*). 

Bl. 53\ Item ist dir ein frind**) gefangen. So Ifig an einem 
samstag zu nacht, so man das ave Maria lütt wenn du ein Brot in dem 
mund habest, dz selb brot nim vnd bind es in ein rein duch vnd leig 
es vff ynser Frowen altar bitz ix messen dar ob werden gesprochen. 
Die soltu alli irumen vnd opferen vnser lieben Frowen vnd mach dem 
gefangen ein wtß hemd mit einem zwifaltigen goller vnd tä im das 
ins goller vnd schick im dz, er wirt lidig. 

Bl. 58*. Wer bücken by im treit. Dez mag kein vngehür zu 
band gon vnd beschicht dz darvmb also si geheiliget worden ist an 
der wtnacht nacht. Do vnser Herre Jesus Christ geboren wart, do wart 
er vff bücken geleit secundum aliquos in der kripfen, vnd darvmb wer 
bücken by im treit, dem mag kein morder nit gethun, vnd stercket die 
glider die do zu fuß sint dz si wol mügen vber feit gon. 

Bl. 3\ Zu wunden. Nim ein nüwen hafen vnd von einem fli*s- 
senden oder springenden brunnen diin, vnd knüg gegen der sunnen 
vnd mach dry crütz vber dz selb wasser vnd sprich denn den segen etc. 
vnd hfit dich das du nit vfs wasser drettest oder ander Idt wenn man 
die wund hat geweschen. 

LÜTOLF. 



*) Es ist das dieselbe Handschrift die in der Argovia V, 69 und 347 ange- 
fahrt nnd einem Antoni Trautmann ans dem Aargau, der schon 1826, Tor und nach, 
gelebt haben soll, zageschrieben wird. AU ein der Name ist entweder TrQtmann oder 
Trfibmann (das Wort ist fast rerblichen) zu lesen und nach Bl. 10^ ist das Büchlein 
erst am 1390 geschrieben worden and zwar vermnthlich im obem Elsaß. Vorstehendes 
Zaubermittel ist in der Argovia nicht ganz richtig gelesen^ weshalb sein Wiederabdruck 
gerechtfertigt ist. 

**) So und nicht Kind, wie in der Argovia steht, ist das Wort lu lesen. Nebst- 
dem sind noch andere Unrichtigkeiten verbessert. 



LITTERATUR: H. BIELING, EIN BEITRAG ZUR GREGORLEGENDE. 81 



LITTBRATÜR. 



B ieling, Hugo, Ein Beitrag zar Überliefeniiig der Gregorlegende. BerÜD, £d« 
Goetz. 1874. 26 8. 4^ 

Das Verdienst dieses Schriftchens ist, auf eine in normannischem*) Fran- 
zösisch geschriebene Handschrift der Gregoriuslegende aufmerksam gemacht zu 
haben, welche sich im Besitze des Britischen Museums zu London befindet. 
Als normannisches Denkmal ebenso wie in Rücksicht auf die Forschungen über 
die Quelle von Hartmanns Gregor ist dieser Fund von nicht geringem Interesse, 
und die Veröffentlichung dieser Fassung, die, wie Bieling nachweist, sich mit 
Ausnahme des yerkürzten Schlußes eng an die Arseualhs. anschließt, etwa mit 
letzterer zusammen sehr wünschenswerth. Daß H. Bieling diese selbst zu unter- 
nehmen beabsichtigt, erfahren wir p. 9. Nur erschien ihm dazu eine nochmalige 
VergleichuBg der Hs. „wünschenswerth". Nach den Proben jedoch, die der Ver- 
fasser in den p. 11 ff. abgedruckten Stücken von seiner Renntniss des Alt- 
französischen sowie Yon seiner Übung im Lesen und Verstehen von Handschriften 
ablegt, muß man ihm leider die Fähigkeit zur Durchführung dieser Aufgabe 
für jetzt absprechen. Der Leser urtheile selbst. Fol. 75 v. I, 19 liest Mscr.: 
tun, B. iurz. II, 16 schreibt B enguerent und bemerkt dazu: L. : enriquerenL 
Die Hs. bietet enqeret -= enquiererU, B. hat die erste Abkürzung mißverstanden, 
n, 18 Detiengent B. EeÜengent Mscr. H, 20 lair B. otr Mscr. Fol. 76. I, 9 nul 
B. mis Mscr. Was soll auch nul espeir an dieser Stelle bedeuten? U, 3 schreibt 

B. turment und merkt an : L. : triment. Die Hs. hat tment -=:■ torment , turment, 
p. 17. Zu Fol. 91. I, 18 sagt B: L. : le cunte s perdu. Vielleicht h cunte si 
perdu. Die Hs. liest ganz deutlich si. I, 23 moins B. mains Mscr. H, 1 fud B. 
ftuft Mscr. II, 16 affamez B. afamez Mscr. Ein starkes Stuck wird f. 92. I y. 6 
geliefert. Die Hs. bietet: For$ del ostel p lus arifre. Herr B. setzt plus in den 
Text und sagt dazu : L. : plus {p ^ par, per), begreift also nicht, daß lus = 
VuSy und US = ostium ist! II, 2\ de uüe B. de deinte Mscr. Das. mai B. mais 
Mscr. II, 25 sei B. seit Mscr. Fol. 92, 6. I, 13 fie B. m Mscr. II, 4 uois B. mit 
der Bemerkung : L. : uoil (mit undeutl. Z, das auch s sein kann), s ist unzweifel- 
haft in der Hs. II, 9 : deus^ fiz marie B. deus, li fiz marie Mscr. U, 11: un sum 
B. en sum Mscr. II, 17 Sire B. Si Mscr. H, 21 schreibt B. ueer und sagt unten: 
L.: ucer. Aber auch das erste e von ueer kann man unmöglich für c lesen. II, 22 
En B. Enz Mscr. Das. un B. en Mscr. Fol. 93* I, 5: Ci B. Si Mscr. Fol. 93^ 
I, 5: nul B. niUs Mscr. 

Billigen kann man im Allgemeinen, was Herr B. über Hartmanns Ver- 
hältniss zu seiner Quelle und über den Helden der Legende selbst sagt, für 
den man freilich nach den Angaben Yon L (bei B. p. 25) Gregor den Großen 
nicht mehr wird halten dürfen. 

Ganz mit Unrecht aber will Herr B. p. 10 die Notiz des Katalogs über 
die Hs. : „Imperfect at the beginning and end**, berichtigen. „Fol. 1 und 98 
haben offenbar lange als Umschlag gedient und sind in Folge dessen stark an- 
gegriffen, aber lesbar.** Der Katalog täuscht durchaus nicht, denn Yor fol. 1 

*) So ist auch in meinen „BeitrSgen** S. 40 anstatt „anglonormannlRclv'' ixs. V^akqu. 
GERMANIA. Nene Reihe IX. (XXI.) Jahrg. ^ 



82 LITTEIUTUK: H. BIELINO, EIN BEITRAG ZUR GREGORLEGENDE. 

ist ein Blatt weggeschnitten, Yon dem noch eine kleine Ecke vorhanden, und 
auch dieß kann nicht der Anfang gewesen sein, weil es nicht mit einer Initiale 
beginnt. Auch der Schloß ist unvollständig. 

Viel wichtiger indessen ist, daß Herr Bieling sich in einem ganz sonder- 
baren Irrthum befindet, wenn er sich (p. 11) schmeichelt, einen Verfassemamen 
für die Gregorlegende gefunden zu haben, der offenbar jenseits aller bisher 
bekannten Versionen liege. In den daselbst abgedruckten 82 Versen wird kein 
Besonnener etwas anderes herauslesen können, als die Notiz, daß der Diehter 
schließen will, weil seine Vorlage, das Buch des mestre Albri, das er in der 
Panlskirche gefunden hat, ebenfalls nur so weit reicht. Er weiß offenbar noch 
mehr Legenden, aber nur diese scheinen ihm hinreichend beglaubigt. Er widmet 
seine Legendensammlung einem Gregor, dessen derc er sich nennt, zu dem er 
aber mehr in einem Freundschafts- als Abhängigkeiteverhältniss zn stehen 
scheint (fol. 76. I, 9 ff.) und schließt dann mit einem Gebete an die Blaria 
und mit Amen. Darauf folgt mit rother Tinte die Überschrift: De saint Gre- 
gorie. Woraus schließt nun Herr Bieling, daß sich diese Angaben auch auf 
den Gregorius beziehen? Etwa aus den Worten foL 75. II, 6: Pur ieeo he io 
camenecd Selunc le liure gut irrt ntimat, Dwii tnestre albri en est garant etc., 
in dem Wahne, der Dichter wolle nun erst damit anfangen ? Fast muß man es 
glauben. Übrigens erfahren wir ganz genau, wer dieser Autor ist, der nach der 
genannten Vorlage dichtet, an einer Stelle, die Herr B. nicht gelesen hat, fol. 2\ 
I, 21 ff. und die ich hier ganz ausschreibe, weil sie für die frz. Littwatur- 
geschichte von Interesse ist, nicht bloß für unseren Zweck. Es heißt da: 

Del tuit uns uoil mun nun geir, 

Pur ceo ke len seit estriuer, 

Quenz liure se deust numer 

Icil ki le liure translate, 

Par tant iert li liure sanz barate. 

Mut volentirs me numerai: 

Adgar ai nun, mes el isai: 

Li plusur me apelent will am e, 

Bien le puent faire sanz blasme: 

Kar par cel num fui primeseinet 

E puis par adgar baptizet; 

Pur ceo par raisun mest avis^ 

Ke enz es nuns nai rien mespris, 

Ne eil ki willame me claiment: 

Ore me apelgent qi ke milz aiment. 

E io dirai auant lescrit, 

Hais nel uoil estre cuntredit, 

Ke io de mei miracle i feine, 

V raisun ke a bien ne ataigne. 

Sil enquerent del essamplarie: 

Jol ai de saint pol del al marie, 

De saint pol de la noble iglise, 

Ki en lundres est bien asise: 

Tele nad en crestiente, 

Li clerc i sunt mut renume. 



LITTERATUR: E. BERNHARDT, VÜLFILA. 83 

De clergie ne sai lar pers, 
Si sunt chanuines secalers, 
E den leur duint stm parais. 
Auant dirai co kai apris 
Dune cite par nun papie: 
Menieille i fist sainte marie etc. 
Daß diese Angabe und die von Bieling ausgebobene Stelle zusammen 
geboren, siebt man auf den ersten Blick. Der Verfasser nennt sieb William, 
mit dem Taufnamen Adgar, und bekennt sieb selbst als Übersetzer, obne Zweifel 
aus dem lateiniscben Originale des mestre Albri. Die wichtigste dieser Legenden 
ist die von Tbeopbilus (Pol. 22 — 32 incl.), welcbe beginnt: 

Ainz ke la male gent de perse | vindrent a rume tant auerse | pur de- 
strnire cumunement | la dignete oue la gent | ert uns uisdanz -mult renume | 
des celiens en la cite, | ki esteit adane clamee etc. Vgl. Paulin Paris 4, 70. 
Wo diese seine Vorlage abbricbt, scbließt aucb der Dicbter. Da in der Hs. 
nocb Raum war, fugte der Schreiber den verwandten Legendenstoff von 6re- 
gorius binzu, sowie einige Fabliaux, obne daß beides zu der vorigen Sammlung 
in irgend welcher Beziehung stände. Aucb die Arsenalbandschrift (Beiles Lettres 
325. fol.) enthält außer dem Gregorius fast nur kürzere Legenden und einen 
längeren Gesang über das Leiden Christi. 

Damit wird natürlich altes hinfällig, was Herr B. p. 13 f. über Albericb 
von Besan9on als Verfasser des franz. Gregorius muthmasst. 

Wie ich nachträglich sehe, hat Wright: Bibl. Britt. litt. Anglo-Norm. 
per. Lond. 1846 p. 474 f. Ms. und Autor kurz besprochen, wo man vgl. 
LONDON, Juni 1876. E. KÖLBING. 

Ernst Bernhardt, Vulfila oder die gotische Bibel, herausgegeben und erklärt. 
Halle 1875. Waisenhausbucbbandlung. gr. 8. LXX und 654 S. 

In der Einleitung gibt der Verf. des Buches zunächst im Anschluß an 
Bessel (Über das Leben des Ulfilas und die Bekehrung der Goten zum Chri- 
stentbum 1860), von dem er nur in Nebenfragen abweicht, einen Überblick über 
das Leben des Ulfilas. Dankenswerth ist es, daß die wichtigen Mittheilungen des 
Philostorgios (aus Photius) und des Auxentius (nach Waitz) eingeschaltet sind, 
freilich nur die letztere im Originaltext, die erstere in einer Übersetzung. An 
den Lebensabriß schließen sich Bemerkungen über die Diction des Ulfilas, über 
Fremdwörter, Anklänge an das Heidentbum und die Volkssitte in seiner Sprache, 
über seine Eigenthümlichkeit als Übersetzer und über die Vorlagen bei seiner 
Arbeit. In §.15 werden, sehr kurz, die in Frage kommenden griechischen Hss., 
in §. 16 die gotischen ausführlicher beschrieben und charakterisirt, in §§. 19 
bis 36 rechtfertigt der Verf. sein Verfahren bei Herstellung des gotischen 
Textes, in §. 37 nennt er die bisher erschienenen Ausgaben des Ulfilas, in §. 38 
endlich bespricht er die Einrichtung der seinigen. 

Über die äußere Einrichtung des Buches ist zunächst zu bemerken, daß 
der Herausg. die Reibenfolge der Evangelien, wie sie der Cod. arg. bietet (Matth. 
Job. Luc. Marc), beibehalten hat. Das Bestreben, in einer kritischen Ausgabe 
sich möglichst genau in allen Einzeinbeiten der Haupths. anzuschließen, ist 
gewiß SU billigen; doch da Bernhardt in wichtigeren Sachen^ tvaxcw^wxXv^ ^^t 



H4 I.ITTERATUIl: E. BERNHARDT, VULFILA. 

Iiit<Tiiuri(;tiori , «ich von den Hff. entfernt hat, so hätte wohl auch hier die 
Iti'quemlir.hkeit d<!S Ocbrauchs zu Gunsten der gewöhnlichen Anordnung zur 
Geltung kommen können. Unter dem gotischen Text auf jeder Seite steht der 
entsprechende grir'chische, und darunter Anmerkungen zumeist kritischen und 
grammatlNchen Inhalts. Die Lectionen und Divisionen des gotischen Textes 
üind durch senkrechte fttriche bezeichnet. Als im Jahre 1868 der Herausg. ein 
Hpecimen seiner geplanten Ulfilasausgabe bekannt machte, beabsichtigte er, 
kUmmtlicho ZeilenschlUsse der liss. durch derartige Striche zu bezeichnen. 
Heyne tadelte in einer Beurtheilung in der Zeitschrift f. d. Phil, diese 
Einrichtung mit liecht als unschön und nutzlos, und Bemh. behielt sie nur für 
die giöOeren Abschnitte bei. Dabei sind aber leider eine Anzahl Ungenauig- 
ketten vorgefallen; so fehlt zu II. Kor. 12, 15 das Wort laiktjo, zu I. Tim. 1, 18 
fehlt g '^ l\ und laiktjo; nicht bezeichnet sind die Abschnitte in II. Kor. 7, 12. 
H, f). 0, H. U). 10, 11. 12, 2. I.Thess. 2, 13. Verschieden ist das Verfahren Bem- 
liardt's, wenn der Leseabschnitt der Hs. mit einem Absatz im Texte zusammen- 
ftUlt, ohne daß derselbe durch eine Randangabe gekennzeichnet wäre. Da steht 
bisweilen der Strich, wie II. Kor. 6, 1. 11, 1. 1. Tim. 4, 1., bisweilen ist er wegge- 
hiHHen, wie Gal. 0, 1. Es fehlen auch die Divisionen des Cod. Ambros. C zu 
Mtth. 2«, r,7. tig = 313; und Mtth. 26, 69 tid = 314. Unnöthig war die 
Purenthene ((?arol.) zu der Randbemerkung Köm. 12, 1, da dort nur der Carol. 
existiert: weggelassen, obgleich der Deutlichkeit wegen erforderlich, ist dieselbe 
]*areiith(*He zu Hörn. 12, 8. Die Angaben in Bemhardt*s Ausgabe reichen also 
nieht überall aus, um nach ihnen die gotischen Leseabschnitte ohne Benutzung 
von Uppström's Schriften zu finden. 

Für den gotischen Text konnte nach Uppström's Arbeiten kaum eine 
neue, epoehemaehende Leistung erwartet werden; Bernhardt hat sich aber viel- 
leicht gerade durch sein sehr zu lobendes Streben, seine Aufgabe neu und 
nelhstUndig zu fassen, hier und da zu weit führen lassen. In den Abschnittea 
der Einleitung, welche sein kritisches Verfahren rechtfertigen, bespricht er zu- 
nUehst die Verderbnisse, welche durch Vergleichung von Parallelstellen (§. 17), 
durch Glossen (i). 18), durch Abänderungen nach der Itala (§. 19) und end- 
lieh durch SchrtMbfchlor (§. 20) in den Text gekommen sind. Die dort ge- 
gebonoii Sammlungen sind fleißig« obwohl sie Vervollständigung nieht aus- 
itehüessen. l>anu folgen Ungleichheiten der Handschriften untereinander und 
in steh selbst, welche in der Lautlehre der gotischen Sprache ihre Erklärung 
tuuleu $$. 21 — 28« in Bezug auf die Bezeichnung des Nasals Tor k, g^ q 
($ ^1), über das unorganische j i§. 22\ über die Buchstaben d and b vor 
auslautendem s ($. 23\ über die Assimilation des auslautenden h (%. 24)^ vber 
den ^Ve^fail de« h im Inlaut i.§. 25 \ über die Verwechslungen Ton e, ei und i 
y$, 2t>\ von au und u v$. 27\ von u und o ;§. 2$^. In diesen Paragrapbes 
benutzt der Verf. natürlich die trefHiehe Arbeit Ton Leo Mever über die Last- 
•;e!«taltuug der gi>ti$ohen Sprache, besondere die ^?. ol2. 160. SO. 38. 51. 
409, 4^1. 4^4. Es handelte stob hier hauptsächlich darum, zu gleicher Zeit 
den II an dd^ch ritten und der Grammatik cereoht zu werden, und es fragte sid^ 
welche Lesarten in den Text «u $et:en und wdohe in die Anmerkmigem wm. 
^crwei*e« soteu. Der Vert" i*ü5 ttir 4ein«i»n Text mehr als die früherai Her- 
AU*ir^bei die gramm \Ct»che Oeu3iuii:ke:t cec'i'ai'oer der hanisohriftlicheB 
AWiTUWjk- jitr IfeltatijC koiuuiea. In d:rn ^^ -^ — 3-'> eni ich *:ai die 
mMf^^eihfu 6twprvviteu, welche ui^ch ^■?rn''Avr IV* Melniaz reine SohreibIcUcr 



LlTTEßATUR: E. BERNHARDT, VULFILA. 85 

sind, die Verwechslangen von s, — i — u (§. 29), das Aaslasssen des einen von 
swei Doppelbuchstaben (§. 30), die doppelte Schreibang einzelner Silben (§. 31), 
das Zusetzen von Buchstaben (§. 32), das Auslassen von Buchstaben (§. 33), 
▼on ganzen Worten (§. 34), die Verwechslungen von n und m, t und )), das 
Versetzen von Worten (§. 35). Der Verf. gibt in diesem Abschnitte einen er- 
schöpfenden Überblick der in Frage kommenden Erscheinungen. 

Wichtiger war es , des Herausgebers Grundsätze der Textbehandlung 
kennen zu lernen, wo mehrere Handschriften vorhanden sind. Die beiden Stelleu 
Matth. XXVI, 71— XXVII, 1, welche sich im Cod. Arg. und in Cod. Ambr. C, 
and Rom« XU, 1 7 — XIU, 5, welche sich im Cod. Ambr. A und im Cod. Carol. 
findet, bieten kaum irgendwelche kritische Schwierigkeiten und kommen nicht 
in Betracht; wohl aber laufen für große Abschnitte der paulinischen Briefe die 
Ambrosianischen Hss. A und B neben einander her (I. Kor. XV, 48 — XVI, 11. 
XVI, 23. 24. IL Kor. 1,8— IV, 10. V,l— IX, 7. XII, 1— XIU, 13. Gal.1,22— II, 
9. IV, 19—28. V, 17— VI, 18. Eph.I, 1— U, 20. III, 9— IV, 6. IV, 17— V, 3. 
VI, 9—19. Phil. II, 26— IV, 6. Col. I, 10-29. II, 13—20. III, 8. IV, 4—19, 
I. Thess.V, 28—28. IL Thess. I, 1—5. III, 7—17. L Tim. I, 1—9. 18— III, 4. 
IV, 1—8. V, 4—10. 21— VI, 12. IL Tim. I, 5—18. U, 21— IV, 11. Tit. I, 9. 
10). Bernhardt hat, abweichend von den früheren Herausgebern, seinem Texte 
der Episteln vorwiegend den Cod. Ambr. A zu Grunde gelegt. Da, wo durch 
Assimilierung, Buchstabenausstossung , Abstumpfung von Vocalen A sich der 
Sprache des gewöhnlichen Lebens nähert, wird die Schreibweise des gramma- 
tisch correcteren Cod. B genommen. Bernhardt nimmt an, beide Hss. seien 
aus einer und derselben Vorlage entnommen. Ich habe mich von der Rich- 
tigkeit dieser Vermuthung nicht überzeugen können. Es scheint mir leichter 
zu sein, bei der Annahme einer verschiedenen Quelle der beiden Hss. die 
wenigen Übereinstimmungen, welche Bernhardt zum Beweise seiner Hjpotheso 
beibringt, auf irgend eine Art ihrer Beweiskraft für seine Behauptung zu 
entkleiden (auf das Einzelne hier einzugehen, verbietet mir leider der Raum), 
als bei Annahme demselben Cod. archetjpos die große Anzahl wesenth'cher 
Abweichungen beider Hss. von einander eintgermassen befriedigend zu erklären. 
Mit Recht zieht aber der Herausg. die Lesarten des Cod. A denen von B vor. 
Er zeigt in §. 36 (vgl. die Abhandlung in der Zeitschrift f. d. Phil. V, S. 186), 
daß der Text von A dem griechischen Original näher stehe als B; und so 
gestaltet sich sein Text der Episteln wesentlich verschieden von dem der frü- 
heren Herausgeber, welche dem Cod. B wegen seiner alterthümlichen Wert- 
formen den Vorzug gaben. 

Mit großen Erwartungen begrüßte ich den griechischen Text in Bem- 
hardt's Ausgabe. Hier war noch Alles zu leisten. Maßmann*s Ulfilas enthält 
nicht den dem Gotischen entsprechenden Text, und ebenso wenig konnte die 
von Grabelentz und Loebe beigegebene lateinische Übersetung dem Mangel ab- 
helfen. Die letzteren empfanden freilich diese Lücke in den bisherigen Ar- 
beiten über Ulfilas (vgl. Proleg. S. XXIX fg.) und haben auch in ihren 
Anmerkungen viele nützliche Hinweise auf den griechischen Text gegeben; 
allein etwas Ersprießliches konnte erst geleistet werden, nachdem Tischendorf 
mit bewundemswerther Genauigkeit die Lesarten der meisten griechischen 
Uncialhss. des N. T. gesammelt und veröffentlicht hatte. Für alle lexikologischen 
and grammatikalischen Arbeiten war es von Wichtigkeit, einen griechischen 



86 LITTJBRATUR: E. BERNHARDT, VÜLFILA, 

Paralleltezt zu haben, welcher in xaverlässiger Weise die der gotischen Über- 
setzung wahrscheinlich zu Grunde liegenden gpriechischen Worte darstellte. In 
diesem Theile hat mich Bemhardt^s Ausgabe nicht befriedigt. Sein griechischer 
Text überragt freilich die früheren Leistungen bedeutend, doch ist er noch 
lange nicht überall zuverlässig , die Lesarten anderer Hss. unter dem Texte 
sind zum Theil ziemlich planlos ausgewählt. Ich will das Gesagte am Mat- 
thäusevangelium und an einem paulinischen Briefe erweisen. 

In den Evangelien steht des U. Übersetzung dem Cod. Alexandrinus 
(Tischendorf A) am nächsten; wo dessen Text verloren ist, d. h. in dem uns 
erhaltenen gotischen Wortlaut des Biatthäusevangeliums bis XI, 25, harmoniert 
Ulfilas am meisten mit dem Cod. Paris. K und dem Cod. Sangallensis zf. Die 
Aufgabe bei der Herstellung des griechischen Paralleltextes für das Matthäusevan- 
gelium mußte also die sein: den Wortlaut von A, beziehungsweise K^^, aufzu- 
nehmen, wo nicht derselbe der gotischen Übersetzung zuwiderläuft. Lesarten an- 
derer Hss. finden nur Aufnahme, wo dieselben dem Gotischen besser entsprechen. 
In diesem Falle sind die Lesarten von A, bez. K^ unter dem Texte anzu- 
geben, ebenso wenn Discrepanzen zwischen AK^^ sich finden. Alle sonstigen 
Lesarten sind als überflüssig und störend wegzulassen. Höchstens konnte es 
noch von einigem Nutzen sein, die Lesarten des Cod. Paris. L hier und da 
beizufügen, welcher meistens mit zf übereinstimmt. Die obigen Grundsätze 
scheinen vom Verf. auch meist befolgt zu sein, doch sind die häufigen Unge- 
nauigkeiten zu beklagen. Mit allen Hss. war, entsprechend dem Gotischen, 
in dem griechischen Texte zu schreiben: V, 24 v6 dfOQOV <Sov\ 34 i6xCv\ VII, 
16 ano axav^äv'y VHI, 4 nQogivsyxs; VIII, 9 vxo i^ovöCav^ IX, 36 
fjL^ i%ovxa\ X, 27 xrigv^axB inl\ XI, 17 ix6tl;a6&€'^ 23 ftdxQi f^g örf 
fi£QOV] XXVII, 10 övvixa^sv. Besonders aufiallig ist es, daß der Verf. 
V, 42 nicht mit KL^ schrieb didov, sondern dos d>>^ BD, obgleich jenes 
gerade seiner zum vorhergehenden Verse gemachten Bemerkung über den Gre- 
brauch des Imperativ und Conjunctiv im Got. entspricht. Es ließe sich auch 
über die Schreibweise Ueikäxog rechten, die sich nur in A findet, während 
alle übrigen Uncialhss. und auch A theilweise Iltkäxog lesen. Jedenfalls mußte 
dann auch mit ^ in XI, 20. 22 Ssidavi, in XXVII, 46 i^kal und vielleicht 
auch mit A^ 6a.ßax%avBC und 47 tiksiav (gegen KJ gelesen werden. — Wo 
R und ^ übereinstimmen, mußten ihre Lesarten immer, wo möglich für den 
Text, wenigstens für die Anmerkungen Berücksichtigung finden, so V, 44 KL ^ 
xotg fiLöovöiv^ V, 41 Kzf ogxig idv (K om.) 6b (h^ om.) dyyagevöH'^ 

V, 47 RL^ ovt(o(g) (BDMUZ x6 auxo)-^ V, 44 ixriQsa^övx&v vfiäg 
xal dimxovrav; VI, 6 R^^ eigB^^nv xafiiBtov^ VI, 18 RLi^ xQvnxw 
(BD lesen XQV<paip)\ VI, 28 RLi^ avI^dvBi' ov xoTtid ovii vifd'£i, ebenso 

VI, 32 inilrixBt (ß hat den Plural de« Verbs); VIII, 3 o "Inöovg (vgl. 
VIII, 7 BC; om.); IX, 30 RL ivBßQifiiiaato (z/ ivßg.)', IX, 30 yivioöxaxa. 
Femer schreiben Kh^J stets KaxBQvaovfiy U. Rafamaum; VI, 10 RL^ 
ixl x^g y^g'^ VIII, 25 om. avxov^ während Ulf. siponjos is schreibt (C*X 
haben es); IX, 12 aAA'; IX, 13 ikBOv; X, 28 KJ xcd x^v il^vin^ xal x6 
öcofia-, IX, 27 vCh ^avsid; X, 31 tfoßti'&^xB (L. q>oßBLötB); XI, 17 RL-J 
i^QTlvrfiaiisv vutv\ XI, 23 xaraßißaod'i^örj (BD dem Gotischen ent- 
sprechend xaxaßijoi^) und iydvovto. In XI, 16 schreiben RLzf xolg ixigoig 
avxaVf und alle Uss. rtVt dh o^OLciöoHj was doch bemerkt werden mußte, da 



LITTEBATÜR: E. BERNHARDT, VÜLFILA. 87 

Bernhardt das dem Gotischen entsprechende ovv in den Text setzt. In XXVII, 
46 mußte mit AK/^ iyxardXeinsg geschrieben werden. Auch in scheinbar un- 
wesentlichen Schreib- und Formenunterschieden mußte die Lesart der betre£Fenden 
Hss. hergestellt werden; so mußte mit Lz/ in Mtth. V, 21. 27. 31. 38 
iggifh], in V, 29. 30 öxavdaliiy^ in VI, 12 afpCoyi^Bv geschrieben werden. 
Bemerkt sein mußte, daß dieselben in YIII, 16 übereinstimmend mit it. Tg. 
Oüxotq lesen statt avxä und XXYII, 56. 61 MaQiafi. 

Die Lesarten von zl stehen der gotischen Übersetzung viel naher, als 
die von K; dies zeigt sich aus der Vergleichung der Lesarten von Li^ in 
XI, 8 ßaöiUiov (K ßaöUetäv); XI, 6 ual vbkqoC (K vaxQoC)\ Yil, 23 
ovÜTCOzB (K ovdinm)', Vm, 4 Afoa^g (K i^coM^^); VIII; 20 uUvin 
(K nklvsi). Femer, gegen Ulf., läßt K in VI, 5 iötaxigj in VII, 24 ovv, 
in IX, 5 yocQ, in XXVI, 70 nävt€9V, in XXVU, 2 (mit L) avtov weg; 
er fügt dagegen abweichend von Ulfilas und ^ einzelne Wörter hinzu, so in 
IX, 32 (mit L) tmv xoCgmv (hinter ayikti), am Ende von IX, 14 sig iistd- 
voiav\ in IX, 35 iv tp Aa^i; in X, 32 totg (vor ovgavotg); in XI, 5 xa{ 
(Tor ieiCQoi); in XI, 20 6 if^öovg (hinter ^p(aro); in XI, 23 (mit L) xov 
(vor adov) ; in XXVI, 75 (mit L) xov (vor 'Ifjöov). Ferner liest Ulf. mit 
zl in VI, 30 noöp (lälXov (K ov. xolXp iidXkov)\ in X, 33 aQViJ60(i(U 
(KL api/ij<To)fux(); in XXVn, 6 xogßaväv (K xoQßovdv). 

Den Werth von ^ für den gotischen Text hat auch Bernhardt in vielen 
Fällen richtig erkannt und bevorzugt diese Hs. häufig gegen R; so schreibt er 
in VII, 13 €i6iX^ax€j wo K liest iiöiX^ite (vgl. XI, 7. 8. 9. VI, 10); in 
Vm, 14. IX, 9 slSsv (KL Üsv); in XXV, 38. 39. 44. BCdofiSV (KL Mofisv)-, 
in IX, 13 mit dh aXXä (K aXX'); in VHI, 13 ixaxovxäQX9^ (KL ixa- 
xovxaQXjj); in VIII, 17 iXaßsv (KL aviXaßsv); in X, 41 ilijfi^erai (K 
Xiiifsxat'^ in VIII, 2 nQO0iXä(6v (KL iX^dv); in X, 33 Twym avxov (KL 
avxov xayd) ; in XXVII, 9 'lögaiiX (K om.) 

Ebenso war nun aber auch die dem Gotischen mehr entsprechende 
Lesart aus ^ für den griechischen Text zu entnehmen in IX, 23 Iddv av- 
Xfitag-^ in XI, 23 ifi€iVOV\ in VI, 16 oxatg av fpaväöiv; in IX, 11 löovxsg 
OaQLöttloi\ in IX, 19 xaL [Md'iiixal avtov. Auch bei bloßen Abweichungen 
in den Formen war die Lesart von ^ möglichst zu bewahren; in XXVII, 44 
övvötavQm^ivxsg-^ in XI, 18 fitix iödicov^ in VH, 25 XQOödMeöav (vgl. 
Winer, Grammatik des neutest. Sprachidioms §. 13). 

Bei der Wichtigkeit, welche, wie wir gesehen, ^ für die Beurtheilung der 
gotischen Übersetzung hat, mußte natürlich auch gewissenhaft in den Anmer- 
kungen notiert werden, wo sie vom gotischen Texte abwich. So schreibt sie 
in Yl^ 2 iv xatg övvaytoyatg xal iv fv(iMg\ sie schiebt in VI, 4 avxog 
vor anoSciöev ein, am Schlüsse von VI, 18 fügt sie hinzu iv x^ ipav6Q^\ 
in VIII, 19 schreibt sie iv vfitVj in VI, 24 ovdelg oUixffg; in V^ 32 xavxa 
yäg xavxa \ in VII, 17 xaXovg nout xagxovg; sie läßt avx^ aus in VIII, 1 ; 
setzt aber avxijg hinter ßaöiXaiag in VIII, 12; in X, 1 hat sie XQOxaXsöa- 
lisvog dciäexa (la^xdg; in X, 23 dixaöcu (für dvxdöai); in XI, 4 '/o- 
avvBi\ in XI, 13 XQoq>iftav6av (KL nQosqnixevöav)^ in XI, 21 öxoön 
xa^ijfisvai. Zu XXVI, 71 war genauer zu notieren AL^ avxotg ixiC^ 
K xotg ixet. In XXVII, 17 schreibt ^ 6vvrjy(idvc9v xdv dv'o; in XXVII, 
42 K »iöxevaofisv hJt XLöxivöaiisv A nLOxsvoiuVy Kd ix avt^, 



88 LITTERATÜR: E. BERNHARDT, VULFILA. 

A avr^y L in* avtov; in XXVII, 65 z/ itpfj ds-, in IX, 6 läßt z/ die Artikel 6, 
toVf xtp aas. 

Zu bemerken war auch, daß in XXVII, 48 nur D ickr^6ag, alle andern 
HsB. xktjöag ts haben and daß in XXVn, 51 nur L difo ausläßt, alle andern 
äx6 ävad'sv schreiben. 

Von andern Hss. war nur noch zu bemerken^ daß DESUV in V, 31 
schreiben og av inokv0y^ KL^ nag o anoXvmv, Alles übrige ist über- 
flüssig und störend. Namentlich war es durchaus zwecklos^ daß zu Matth. Y. 
Job. V. VL Luc. I. Marc. I der ganze kritische Apparat gegeben wurde. 

An dieser Stelle füge ich noch ein Verzeichniss der von mir im grie- 
chischen Texte des Matthänsevangeliums bemerkten und tou Bernhardt noch 
nicht berichtigten Druckfehler bei:. V, 15 Ti)v ; V^ 19 xovg\ V, 23 i%sl\ 
V, 30 ßkri^', VI, 9 viiBtg' IlaxsQ i^fAiSv; VI, 28 nataiidf^STS; VI, 82 die 
Zahl 32 stott 35; YII, 26 tfjv oixiav und iul trjv ä(i(iov; IX, 32 tdoii. 

Zur Darlegung Ton Bemhardt's kritischem Verfahren bei dem griechischen 
Texte der paulinischen Briefe wähle ich den zweiten Corintherbrief, welchen der 
Herausg. in der Einl. S. XXXTX ebenfalls als Beispiel gebraucht. Er ist hier 
in der Anfuhrung von Lesarten noch weiter gegangen^ als in den Eyangelien, 
weil hier „die Zahl der griechischen Handschriften und ihrer Varianten yiel 
geringer ** war (EinL S. LXVII). Die gotische Übersetzung lehnt sich in den 
Episteln besonders an den Text der italienischen Handschriftenclasse an. Zu 
dieser gehören nach Tischendorf D* (Codex Claromontanus), F (Codex Au- 
giensis), G (Codex Boemerianus). F und G nun gewähren nur in sehr wenigen 
Fällen eine Hülfe bei Feststellung des griechischen Textes^ weichen vielmehr 
so oft vom Gotischen ab, daß es mir zwecklos scheint, großen Fleiß auf Bei- 
bringung ihrer Lesarten zu verwenden^ wie Bernhardt es thut. Bernhardt 
sagt auf S. XXXIX der Einl.: y,Im zweiten Korintherbrief stimmt unter230Stelleny 
die in Betracht kommen, der gotische Text zweihundertmal mit D*FG it. 
vg. oder einem Theile dieser Quellen überein, mit A sechzigmal ^ mit K hun- 
dertmal.'' Dabei hätte es ausgesprochen werden müssen, daß es hauptsächlich 
D^isty womit der gotische Text übereinstimmt; die Lesarten von FG weichen 
Ton demselben an 1 18 Stellen im zweiten Rorintherbriefe ab. Hätte Bernhardt 
bei seinem statistischen Verfahren auch auf diese Zahl geachtet, so wäre der 
Umstand, daß Ulfilas gerade so wie FG die Verse Rom. XVI, 25 --27 wegläßt, 
wohl bei seiner Beurtheilung des Handschriftenverhältnisses nicht so schwer in*8 
Gewicht gefallen. Die Stellen, wo FG ebenso wie andere Hss. mit Ulf. überein- 
stimmen^ können nicht maßgebend sein, wohl aber diejenigen, wo FG im Wort- 
laute dem Ulf. ferner steht, als beispielsweise D*. Die einzige Hs. , welche 
also in Betracht kommt, ist D*. Dieselbe nimmt eine Mittelstellung ein zwi- 
schen der alexandrinischcn und der italischen Classe der Hss. des N. T. Es 
konnte also viel unnöthiger Commentar gespart werden, wenn die Lesarten 
dieser Hs. sorgfaltig gegeben^ die der übrigen Hss. aber nur da beigebracht 
wurden, wo dieselben dem gotischen Texte näher stehen. Auch D* weicht 
bisweilen von Ulf. ab, wie sich zeigen wird, allein oft werden gerade diese Ab- 
weichungen besonders anregend und belehrend. 

Nach seiner Ansicht von dem Verhältniss der Hss. mußte nun Bernhardt 
die Lesarten von D*FG vollständig verzeichnen und dieselben, wenn sie mit 
dem Gotischen übereinstimmen, auch in seinen griechischen Text setzen. So 



LITTERATUR: E. BERNHARDT, VULFILA. 89 

hätte er mit allen drei Hss. schreiben müssen: III, 5 Xoyiisöd^ai'^ III, 1^ iv 
fj avayvci0ii; m, 16 öwötatixaVy V, 12 ovx iv xagdia (got. mit A in 
hairtin, vgl. Einl. p. LXXII ; ich verstehe hier Bemhardt's Unterscheidung nicht, 
eben so wenig für n. Kor. V, 12. Eph. III, 21. I. Tim. II, 6); V, 18 ix ^€0V', 
YUI, 7 nsQiöösvorits; IX, 10 iaix^Qriytov önoQov; X, 9 do^oDfASv^ X, 13 
ilg rd afi€tQOV] X, 18 aXX oV; XI, 18 xara öägxa; XII, 11 ä(p8ilou 
(alle Hss.); XII, 11 xatavagxi^öm vfiag; XII, 19 xaxevdxLOV dfoi;; 
XIII, 9 rovTO xal. 

In die Anmerkungen gehörte wenigstens, daß in III, 16 alle drei Hss. 
nebst it. und vg. das ix vor d'avdrov und ^a^g weglassen, daß sie in II, 17 
schreiben €UiXQLviag\ III, 7 Xi^oig (om. iv)\ III, 9 do^a iötiv\ IV, 6 
tijg doifig avtov und Xqvöxov ^ItjÖOV. In IV, 10 brauchten wir bloß zu 
wissen, daß D*FGf schreiben tov XqiCxov und daß in 11 DFG lesen '/i^tfot; 
XQiO%ov\ in V, 5 d iovg\ V, 6 zov ^aov\ V, 10 a diä tov ödfiatog 
SxQa^sv'y am Ende von V, 16 fügen sie hinzu yiVfOöxoyLSV ov xaxä Cagxa 
und lassen in V, 17 xa ndvxa, in V, 20 ovv aus. In VIII, 3 schreiben sie 
xaga dvvafiiv^ VIII, 8 dox(fia{;ci; VIII, 9 iva x^ aiftov nxGi%tia v[i£tg 
xJLovxiiöfiTS', VIII, 10 itnJQ^aö^ai; Vni, 12 ixsi xig; VIII, 21 nQovoov- 
lisv yuQ'j IX, 8 dvvuxst; X, 6 ^ vxaxorl Vfitov (DF ij^cov); X, 7 Xql- 
0XOV dovkog\ X, 10 tptiiSiv (alle Hss); XI, 14 ^aviia\ XI, 20 üg ngo^tonov 
vfiäg; XIII, 4 yuQ i(SxavQci9ri ; XIIl, 7 €Vx6(iB^a\ XIII, 10 axoxofiag 

Auch orthographische Abweichungen der drei Hss. anzugeben, war nicht 
überflüssig, so III, 2. 3. ivysygafjifisvti^ V, 10 ivxQ06^av\ VI, 16 fSvv- 
xaxa^sfSig und ivxsQtnaxiiöoa-^ IX, 8 avxaQxCav\ X, 12 6vvxQtvai und 
6vvxQ£vovx£g\ X, 15 jcsgccöiav; XII, 12 xaxriQydö^ri-^ Xu, 16 aXXd 
vnuQxav, 

So hätte Bernhardt verfahren müssen. Es mußten aber auch die Les- 
arten der wichtigsten Hs. D* im Texte Aufnahme finden, so weit sie vom 
Gotischen nicht abwichen, so VII, 10 igyd^axaL^ VIII, 2 xaxd ßdd'og'^ X, 
12 du' avxoL; X, 18 dU' ov; XI, 3 fifj (og; XI, 11 d'sog oldsv] XI, 16 
sl dh ^1^; XII, 5 düd^sviifiaaiv; Xn, 15 ^(SiSov\ XII, 16 ovx ißdgriiSa: 
XII, 7 dXXd iva. 

Die Stellen , wo D * vom gotischen Texte abweicht , waren ebenfalls 
genau anzugeben III, 9 7C€Qi66€V6€i\ HI, 13 «qoCoxov iavxov'^ III, 15 dva- 
yivdöxrixaL; III, 17 xvgiov^ iXsvd'egia-, IV, 2 aXXd dxEixdfis^a; IV, 4 
xaxavydöai,'^ IV, 6 qxog XdfAilfSi og iXa^il)SV\ IV, 9 ivxaxaXsixdfiSVOi; 

V, 8 ngog ^sov; V, 12 ngog avxovg; VI, 1 om. Vfiäg'^ VI, 14 ^ord?; 

VI, 15 (Svvq>civfjöig '^ VTI, 4 ngog vfidg iöxiv; VH, 7 fjv nagsxX'nd'fiv -^ 

VII, 10 om. i/vt/; VTI, 11 xaxrjgydöaxo ; VTI, 12 vfioSi/ t^v virip vficSi/; 
Vin, 18 övvsTcivilfCtaev^ IX, 7 jcgoaigstxai; IX, 6 ^g fvAG^/Ziffg d'sgiöH-^ 

IX, 8 tfin^arog yap; IX, 11 eü xig xaxsgydt^exac^ X, 5 xa^atgovvxcav ; 

X, 12 ivxgtvac; X, 13 om. xai;;|ri2ad|[i£^a ; XI, 3 om. xal xijg ayvoxtixog-^ 

XI, 5 add. iv Vfitv] XI, 6 iSidxrig si^i; XI, 10 om. Xqlöxov; XI, 15 TfAo^ 
itSxiv; XI, 16 xat;;(ij<yo^a(; XI, 21 a «t/; XI, 31 6 ^«05 roi; 'löga^X xal 
naxiig xov xvgCov rifidv ^Itjöov Xqiöxov; XII, 3 iv rflä 6d^axi und 
Xopcff xov (Sdfiaxog; Xu, 5 Äfpl dh ifAavxov:, XII, 8 tov xtigiov xglg-^ 
xn, 15 danaprjöa xal ixSanavf^Om \xn^ ii %Bgi66oxig(og\X\\,ll ixevt^a\ 



90 LITTERATUB: E. BERNHARDT, VULFILA. 

XlUy 2 ngofigtixiv yag und agoldya naQi6v\ XJll, 5 vfitv; el\ Xill, 10. 
tairc aiciiv\ XIII, 12 aylqi fp&kfjfiati'^ U, 6 avtrj ij vxo (FG om. ^ imo 
tdv xlBiovav). 

Die Lesarten yon FG waren nach meiner Ansicht nar da anzufahren^ 
wo sie den Worten des Ulfilas näher stehen als D*. So hätte Bernhardt nach 
FG schreiben sollen XI, 10 (pQayiiöeTai iv ifioi und xX^(ia.0iv ^A%aCag'^ 
XIII, 8 xaxa aXtid-siag alXa vnig dkr^^Blag*^ II, 12 FG 8i.ä x6 svayyd- 
JUov DE dcä tov ivayysXCov mit A in aiyaggeljons (vgl. Einl. S. LXII und 
oben). Von Druckfehlem sind noch zu erwähnen I, 16 ax6\ VIII, 1 ti)i/; 
IX, 16 rcS. 

Auf diese Art wäre ein Text geschaffen worden, welcher kSnffcigen Ar- 
beiten über des Ulfilas* Sprache mit Sicherheit zu Gh*unde gelegt werden 
konnte, und die Anmerkungen wären nicht mit unnützem Ballast überladen 
worden. Bemhardt's griechischer Text ist also noch nicht zuverlässig und un- 
bedingt brauchbar. Wie schädlich ein ungenauer griechischer Text sein kann, 
davon habe ich bereits einige Beweise in des Verf. 's jüngster Schrift über den 
Artikel im Grotischen bemerkt, in welcher derselbe einigemal auf Grund eines 
ungenauen griechischen Textes ungenaue Angaben über den Gebrauch des 
Artikels im Gotischen macht. Die Ungleichheiten der Behandlung, welche der 
Yerf. auf S. VI der Vorrede zu entschuldigen bittet, haben wir also haupt- 
sächlich im griechischen Texte zu suchen. Möge dieser Übelstand in dem sonst 
so fleissigen und brauchbaren Buche bei einer zweiten Auflage Abhülfe finden. 

Nun zum Schluß noch ein Wort über die Anmerkungen. Dieselben sind 
meist kritischer oder grammatisch - lexikalischer Art. Es wäre gut gewesen, 
wenn diese beiden Bestandtheile auch äusserlich hätten auseinander gehalten 
werden können. Über die Anmerkungen kritischen Inhalts ist schon oben ge- 
sprochen; hinzufügen will ich nur noch, daß die Schreibweisen Hejne's, Maß- 
mann's, Uppström*s und die von Gabelentz und Lobe mit großer Sorgfalt an- 
gegeben sind. Der grammatisch-lexikalische Theil der Anmerkungen ist reich- 
haltig und bringt manches Neue. Freilich hätten sie auch hier und da noch 
vertieft werden können, wie auch Heyne bei der Recension des Specimen be- 
merkt, und lakonische Bemerkungen, wie: „freie Übersetzung*' oder „im grie- 
chischen so , im Gotischen so**, oder «im Gotischen umgekehrte Stellung*' 
oder „das und das zugesetzt", «das und das weggelassen' zeigen oft die 
Stellen an, wo gründlichere Untersuchungen am Platze gewesen wären. 

Hinter den Schriften des N. T. folgen die Bruchstücke aus Esra und 
Nehemia, mit daronterstehendem griechischen Text der Septuaginta, sodann 
der Kalender, die Skeireins mit ausführlicher Einleitung und mit dem latei- 
nischen Paralleltext und endlich die gotischen Urkunden. Über die Bruch- 
stücke aus Esra und Nehemia, sowie über die Skeireins in Bemhardt's Aus- 
gabe verspare ich mir die Bemerkungen auf eine andere Grelegenheit. 

ALTONA, im December 1875. P. PIPER. 



LITTERATÜR: BEMERKUNGEN ÜBER NEUERE EDDALITTERATUR. 91 



Bemerkiingeii über neuere BddaUtteratur. 

Von 1869 an hat EttmuUer in dieser Zeitschrift „Beiträge zur Kritik 
der Eddalieder'' publiciert und zwar Bd. XIV ^ S. 805 — 23 (1. Lokasenna. 
2. Gröugaldr und Fiöl8Yinn8m4I). Bd. XVII, S. 1—18 (3. VöIundarkTida. 4. 
Sigurdar kvida Fafnisbana önnur. 5. Fafnismäl. 6. Sigrdrlfumftl). Bd. XVIII, 
S. 160—175 (7. Sigurdarkvida Fafnisbana })ridja. 8. Brot af BiTnhildarkvidu. 
9. Helreid Brynhildar). Bd. XIX, S. ö— 18 (10.*) Gudrünarkvida I. 11. Gudr- 
ünarkvida önnur. 12. Oddrünar grfttr). Diese Beiträge enthalten fSr eine 
Anzahl Stellen recht annehmbare Besserungen, z. B. für Fjölsrinnsm. 13'; 
aber dies Gute herauszusuchen, ist ein mühsames Stück Arbeit, denn — unbe- 
schadet EttmüUer's sonstiger Verdienste — die Beiträge involvieren von An- 
fang bis zu Ende einen unerhörten Anachronismus. Eddali tteratur nach 
1859 existiert für den Verfasser absolut nicht. Das ist ein harter 
Vorwurf, aber ich werde seine Richtigkeit erweisen. 

Ich hebe zu diesem Zwecke ein paar Stellen heraus, zu denen ich mir 
gerade Notizen gemacht habe. 

Die Erörterung über den Stabreim in Lokasenna (a. a. 0. S. 305) er- 
ledigt sich durch die Bemerkung Bugge*8 p. 400* [vgl. jetzt auch Hildebrand, 
Ztechr. f. d. Phil., Ergsbd. p. 109 Anm.]. 

Das. S. 312 heißt es zu Strophe 39: „So alle Handschriften and, so 
viel ich weiß, auch alle Ausgaben. ** Lokasenna ist ausser in den werthlosen 
Papiermss. nur in Cod. R erhalten. Daß Bugge ihre Abhängigkeit von R er- 
wiesen hat, weiß Ettmüller also gar nicht! Bugge schlug, um den Reim her- 
zustellen, vor, statt vd betr zu lesen. Wieder anders Grundtvig. Zu Str. 46 
(S. 313): „So die Ausgaben nach den Handschriften. ** Über diese Mehrzahl 
s. 0. E. will ne vor mäUu streichen. „Darin liegt keine Verhöhnung, daß die 
Männer, die da kämpften, den Bjggvi nicht im Stroh des Gebänkes fanden etc." 
Diese Änderung ist ganz unnöthig. Gerade darin liegt die Schande, daß er 
sich so tief in das Stroh verkrochen hat, daß man ihn trotz des Suchens 
nicht findet. 

Bei der Besprechung von Gröugaldr und Fiölsvinnsmäl, über die ich an 
anderem Orte ausführlich gehandelt habe, wird die Aufstellung der Ansicht, 
daß Gr. und Fi. zusammengehörten und der auf die Svendalsvise gegründete 
Beweis davon mit Unrecht Grundtvig zugewiesen, anstatt Bugge. 

Völ. Str. 4 (a. a. 0. Bd. XVII, S. 3) will Ettm. die erste Zeile: Kom 
par af veidi vegrejgr skyti, wegstreichen. „Sie steht hier sinnlos and unter- 
bricht den Zusammenhang mit dem Vorhergehenden.'' Sie ist vielmehr ganz 
unentbehrlich. Alle drei Mädchen sind entflohen, folglich auch Völunds Ge- 
liebte; es muß also dieser vedreygr skjti eine Umschreibung für Vöiund sein; 
nach skyti ist ein Komma zu setzen, ebenso wie nach Egill; die Umschreibung 
des ersten Namens steht den zwei andern parallel ; Grundtvig*s Versuch (2. Aufl.), 
durch den Einschub von zwei Zeilen auch Vöiund namentlich einzuführen, ist 



*) a. a. O. unrichtig mit 9 bezeichnet, was sich natürlich auch auf die fol- 
genden Nummern überträgt. 



92 LITTERATUR: BEMERKUNGEN ÜBER NEUERE EDDALITT ERATUR. 

natfirlich nur eine Idee; daß er aber überhaupt hier, direct oder indirect er- 
wähnt werden muß, liegt auf der Hand. 

Zu Str. 9* (das. p. 4) vgl. Bugge und Grundtvig. 

Str. 12^ ist nach ))eir, er weggelassen. 

Daß die ersten Verse von Str. 27 mit dem vorigen susammen genommen 
werden müssen, hat vor E. Bugge gesehen; vgl. p. 406, Anm. zu v. 28 — 29. 
Und doch sagt E. : „So lautet diese Strophe in den mir zugänglichen Aus- 
gaben.^ Zu diesen gehört also die Bugge*8che nicht. Auch die ganze weitere 
Erörterung über die Interpunction dieser Stelle hätte ein Blick in Bugge erspart« 

Zu Str. 35, 2 vgl. Bugge p. 604. 

Zu Sigurdarkv. Fafn. UI (Bd. XVII, S. 160) bemerkt E.: „Die vier 
ersten Strophen sollen, nach Lüning's Behauptung, später hinzugedichtet sein. 
Einen Grund dafür gibt er nicht an und er wird auch keinen andern haben, 
als daß eben diese Strophen nicht im Cod. R stehen und einer Papierhand- 
Schrift entnommen sind. Soll dieser Grund giltig sein, so mußten auch Str. 19 
bis 37 des Sigrdrifumäl als unecht bezeichnet werden, denn diese Strophen 
fallen in die gleiche Lücke, die Cod. R hier hat. Es wäre zu untersuchen: 
1. ob die Papierhandschriften wirklich nur Abschriften des Cod. R. sind; 2. ob 
die Lücke in Cod. R schon vorhanden war, als die Abschriften genommen 
wurden.^ Das überschreitet denn doch die Grenzen erlaubten Irrthums! Daß 
die ersten Verse nicht in Cod. R fehlen , hätte der Verfasser schon aus der 
Kop. Ausgabe lernen können, wo zu v. 2 .Mbr**. citiert wird. Warum Lüning 
die Strophen für unecht hielt, weiß ich auch nicht; vielleicht, weil das Lied 
erst von v. 6 an in der Völsunga Saga benützt ist. 

Zu Str. 3, 2 vgL Zupitza, Ztschr. f. d. Phil. IV, p. 447. Zu Str. 6 
vgL Bugge. Ebenso zu Str. 14. 

Zu Str. 33 bemerkt E. (a. a. 0. S. 165): „Bei Str. 33 ist die epische 
Formel „pk kvad pat Brynhildr, Budla döttir** in Klammem eingeschlossen, ohne 
Zweifel, weil sie einer späteren Handschrift entnommen ist.'' Bugge z. d. St. 
bespricht die Sache. 

Str. 41—46 will E neu hersteilen (S. 167). Da sollen nun die Worte: 
Seggi vil ek alla i sal ganga, einen Vers schliessen und: pina med minum, den 
folgenden beginnen! 

Zu Brot af Brynhildarkvidu [muß Sigurdarkvidu heissen; vgl. Bugge zur 
Überschrift] Str. 13 sagt E. (a. a. 0. S. 173): „Bödvi kann unmöglich richtig 
sein, aber Niemand nimmt daran Anstoß.*' Aber badmi zu lesen, hatte 7 Jahr 
vor ihm schon Bugge vorgeschlagen! 

Diese St-ellen, denke ich, genügen, um meine Behauptung zu erweisen. 
Die Abhandlungen sind — wohl absichtlich — nicht datiert und dürften aus 
dem Anfang der sechziger Jahre stammen, als LQning*s Ausgabe das Beste war, 
was wir besassen. Jetzt hat der Verfasser sie in genau derselben Gestalt 
drucken lassen, obwohl inzwischen Bugge*8 Ausgabe erschien, von der eine 
ganz neue Epoche der Eddakritik datiert, indem er sich begnügte, an ein paar 
Stellen bei der Correctur Bugge's Emendation in Klammem beizufügen. Für 
ein solches Verfahren das richtige Wort zu brauchen, fehlt mir Prof. Ettmüller 
gegenüber der Muth. 



LITTERATÜR: BEMERKUNGEN ÜBER NEUERE EDDALITTERATUR. 93 

Der Titel des andern Werkes, das ich hier karz besprechen möchte, 
lautet: Die ältere Edda übersetzt und erklärt. Vorlesungen von Adolf Holtz* 
mann. Herausgegeben von Alfred Holder. Leipzig. Teubner. 1875. 603 S. 8®. 

Die Kritik ist im Allgemeinen auf die von A. Holder aus Holtzmann's 
Nachlaß publicierten Schriften nicht sehr gut zn sprechen and wie ich glaube, 
nicht ohne Grund. Es heißt nicht, Holtzmanns Gedächtniß ehren, sondern ihm 
schaden, wenn man Collegienhefte , an deren Veröffentlichung er selbst im 
Traume nicht gedacht hat^ in die Welt hinaus schickt. 

Die Übersetzung ist, wie Holder uns im Vorwort mittheilt, nach des 
Lehrers Munde nachgeschrieben, der sie nicht ablas, sondern frisch von der 
Urschrift weg extemporierte. Für ein Colleg mag das ganz gut gewesen sein, 
aber eine so entstandene Übersetzung der Edda, die vielmehr mit jahre- 
langem Fleisse am Studiertische ausgearbeitet sein will und auf welche dann 
noch, mehr als auf irgend eine Arbeit sonst, das nonum prematur in annum 
anwendbar wäre , selbst wenn Holtzmann das mühsame Werk unternommen 
hätte — eine aus dem Stegreif gemachte Übertragung drucken zu lassen, das 
zeugt von einem Mangel an Verständniss für die Schwierigkeit der Aufgabe. 
Lassen wir also die Übersetzung bei Seite, um uns an die Erklärungen zn 
halten. Ein Commentar zur Edda, der die Wege der Kritik bis auf die neueste 
Zeit hin verfolgte und über die verschiedenen Ansichten mit selbständigem 
Urtheil entschiede, wäre eine verdienstliche Leistung. Freilich wäre es für 
diesen Zweck bedenklich, eine im Winter 1861/62 gehaltene Vorlesung zu 
Grunde zu legen. Sehen wir uns daraufhin Holderes Buch an. 

Zunächst fällt die vielfach häßliche, zuweilen geradezu unverständliche 
Sprache der Anmerkungen auf, die für ein Collegienheft zur Noth entschuldbar 
wäre, z. B. S. 51: Lüning hat hier nicht den Codex Regius befolgt. S. 52: 
. . . Das ist ansprechend; aber knft heißt immer nur „kann'', nie „weiß", 
sonst sehr ansprechend. S. 121: Letzter Theil von H&vamäl (Odins Runenlied), 
der dunkelste, schwierigste Theil. Man hat eine tiefe mystische Weisheit 
darin finden wollen, Lüning Hegersche Philosophie! Mythen kommen darin vor, 
die wir nicht kennen, Mythen, die in die Zeit der Theogonte gehören. Reine 
sehr tiefe Weisheit: Odinn weiß nichts anderes anzugeben, als daß er 
Zauberlieder kann; deutet auf ein sehr tiefes (sie!) Alter, aber keineswegs auf 
sehr hohe Weisheit. 

S. 381: „Nach nordischer Darstellung ist Sigurdr zuerst bei König 
Hjälprek geboren. Dann kommt Regln etc.^ Wo ist denn Sigurd das zweite 
Mal geboren? 

Eine Probe von Un Verständlichkeit hatte ich schon oben S. 27 zu er- 
wähnen. So heißt es ferner S. 374: „Überhaupt sind hier allerlei Widersprüche; 
für die Kritik ist das ganze Gedicht sehr wichtig; in Strophe 13 zu Gjdki 
und dann erst die andern eingefügt; späterer Zusatz. ** »Herr, dunkel ist der 
Rede Sinn!** 

Ich denke, von dem Stil des Buches hat der Leser genug. Aus solchen 
abgerissenen Sätzen und der Erklärung von einer Menge von Worten, unter 
denen ohne Auswahl die allerbekanntesten uns nicht erspart bleiben, setzt sich 
Holder*s Commentar zusammen. Eines wollen wir ihm übrigens lassen: man 
sieht, daß der Herausgeber sich wenigstens bemüht hat, die seit jener Zeit 
erschienenen kritischen Arbeiten über die Edda dem Buche — oder ^enaxxex 



94 LITTERATUR: BEMERKUNGEN OBER NEUERE EDDAUTTERATUR 

gesagt, seinem Hefte — einzQTerleiben ; aber gerade die Art und Weite, wie 
er das thut, seigt, daß die Aufgabe seine Kräfte überstieg. Die neue von 
Bergmann aufgestellte Ansicht, daß Harbardr nicht Odin, sondern Loki repi^ 
sentiere*), theilt Holder in einer Anmerkung (S. 230) mit, sowie auch im 
Commentar einige von Bergmannes Lesangen. Holder's eigne Ansicht über die 
Frage wird uns vorenthalten, so daß man nicht weiß, ob er überhaupt eine 
solche sich gebildet habe. Den Zweifel daran erhöhen auch andere Bemer- 
kungen im Commentar; zu v. 41 (3. 236) heißt es: ^Also Harbardr hat Krieg 
geführt gegen die Äsen. Diese Stelle beweist, daß Harbardr nicht Odinn 
Ist, wie gewöhnlich angenommen wird; man geht immer in der Erklärung des 
Gedichtes davon aus, daß Harbardr = Odinn sei.'' Dag. heißt es am Schlüsse 
(8. 238): „Dieser Schluß scheint darauf zu deuten, daß Harbardr gleich Odinn 
ist. Harbardr kommt allerdings in Snorra Edda als Name vor; es (sie) könnte 
aber auf etwas anderes sich beziehen.^ Nebenbei sind das auch wieder schöne 
Sprachproben ! 

Aber Holder beherrscht nicht einmal bibliographisch die Eddalitteratur. 
Der Aufsatz Zupitza's: Zur älteren Edda, in Ztschr. f. d. Phil., Bd. IV ist ihm 
unbekannt, vgl. Sig. kv. Fafnisbana HI, v. 3 zu vegakunni; ebenso zu Gudr. 
n, V. 4^ 

Wollte ich alle Schwächen des Holder'schen Buches aufzählen, so könnte 
ich noch viele Seiten füllen; aber ich hoffe, das Gesagte genügt um es zu 
charakterisieren und um auf das Bedenkliche solcher Publicationen aus Colle- 
gienheften aufmerksam zu machen. 

Auf Prof. Bergmann 's neuestes Werkchen komme ich vielleicht an anderem 
Orte zu sprechen. Aber folgendes seltsame Buch will ich wenigstens erwähnen, 
da es dem Leser der Germania vielleicht einmal zu Gesichte kommt: Deutsch- 
lands Olympia (Secretiora Germaniae); oder Vom Gottesgericht über Roms 
Sieggötter I Vermnthungen und Untersuchungen über die deutsche Götter- und 
Heldensage, die wahre Heimath der Eddalieder, ihren Ursprung und ihre Be* 
deutung von G. August B. Schierenberg. Mit einer Karte und 4 Abbildungen. 
Frankfurt a. M. Jäger. [1875]. — Diesem Buche zufolge sollen die Eddalieder 
Verherrlichungen der Römerkämpfe, speciell der Varusschlacht sein ; Schierenberg 
loealisiert sie in der Gegend von Paderborn und Altenbeken. Ich hätte Stoff 
genug, um den Leser mit einer Fülle von Sonderbarkeiten zu amüsieren, die 
in diesem Werke zu lesen sind ; ich unterlasse es, weil ich dem mir persönlich 
unbekannten Verfasser wegen seines unermüdlichen Fleisses und seiner rührenden 
Hingebung an eine Sache, die freilich in unseren Augen eine absolut hoffiiungs* 
loee ist, meine volle Achtung zollen muß. 

Eine neue deutsche Ausgabe der Edda mit Anmerkungen und Glossar, 
die man Uni?ersitätsvorlesungen und Übungen zu Grunde legen könnte, ist ein 
unabweisbares Bedürfniss ; ihr Fehlen fast eine Calamität, denn man kann nicht 
fordern, daß die Zuhörer sich Grundtvig*s Ausgabe und daneben noch zur 
Präparation Egilsson oder Lüning anschaffen. Hildebrand's früher Tod, dessen Ar- 
beiten zu so schönen Hoffnungen berechtigten, hat uns der Frucht seines Fleisses, 



*) Sv. Gnmdtvig hat ebenfalls nicht für gut befanden, dieselbe in die 2. Auf- 
lage seiner Edda aafznnehmen, während G. Vigrassoa im Wörterbach S. 774^ freudig 
zustimmt. 



LTTTERATUR: E. SIEVERS, DER HELIAND UND DIE AGS. GENESIS. 95 

seiner Ausgabe, bis jetzt wenigstens, beraubt; wer wird sie vollenden? [Sie ist 
inzwischen, von Möbius besorgt, erschienen, doch ohne Glossar. Anders wo mehr 
darüber.] Vielleicht mahnen auch diese Zeilen Prof. Znpitza, an die Veröffent- 
lichung seines, wie ich weiß, schon längst ausgearbeiteten Edda- Wörterbuches zu 
denken, in welchem wir gewiß ein vortreffliches Hilfsmittel erhalten würden. 
BRESLAU, Nov. 1876. £. KÖLBINQ. 



Der Heiland und die angelsächsische Genesis von Eduard Sievers. Halle 
a. S. Lippert'sche Buchhandlung (Max Niemejer) 1875. 49 S. 8. 

Die kleine Schrift, welche Friedrich Zamcke zum fünfzigjährigen Ge- 
burtstag gewidmet ist, liefert einen höchst interessanten ffeiträg zur""aTtTlSd 
angel8äch8T8cheir~Xitteraturgeschichte. Es wird darin der Nachweis geführt^ 
daß in die angelsächsische Genesis ein Stück interpoliert ist^ welches nach 
einer Lücke in der Hs. mit v. 235 beginnt und mit v. 851 endigt. Als Ein- 
schub gibt sich dasselbe zunächst dadurch zu erkennen^ daß darin noch ein- 
mal djrJ Fall der Engel erzählt wird, der schon v. 28 ff. berichtet ist. Fem er 
verhält sich dieser Theil ganz anders als das übrige Gedicht zur Bibel. Wäh- 
rend sich dasselbe sonst sehr genau an diese anschließt, liegt hier eine stark 
abweichende, sehr breit ausmahlende Darstellung vor. Sievers weist an einigen 
Stellen Benutzung von Avitus , d^ origjne mundi nach. Doch sind die Über- 
einstimmungen gering und erstrecken sich nur auf Nebendinge. Für die ganz 
eigenthümliche Umgestaltung der Versuchungsgeschichte ist keine Quelle auf- 
gefunden und S. ist daher der Ansicht, daß sie Eigenthum des Verf. ist. Was 
aber am meisten zwingt, das fragliche Stück von dem übrigen zu sondern, ist 
die Beobachtung des Sprachgebrauches. Derselbe weicht sehr entschieden nicht ( 
nur von dem der übrigen Theile der Genesis, sondern von dem der angelsäch- ^ 
Bischen Poesie überhaupt ab, zeigt dagegen die auffallendste Übereinstimmung 
mit dem des Hgliand. Um dies Verhältniss klar zu legen, gibt der Verf. 
S. 24 ff. einen Abdruck des Bruchstückes mit Anmerkungen^ welche die Parallel- 
steilen aus dem Heiland beibringen. Vorher stellt er diejenigen Wörter, 
Formeln und längeren Wendungen zusammen, in welchen die Übereinstimmung 
mit dem Heiland und die Abweichung von der übrigen Genesis am schlagend- 
sten zu Tage tritt. Es ist darunter eine Anzahl solcher, die dem Angelsäch- ^ 
sischen gänzlich fremd sind. Besonders belehrend ist die Zusammenstellung J\ 
der v ersch iedenen Bezeichnungen für_Gott S. 8 ff. Der Schluß , welchen S. 
aus diesem Verhältniss zieht, ist der, daß wir es hier mit dem Bruchstücke \ ^ 
eines ursprünglich altsächsischen und zwar vom Dichter des Heliand verfaßten t ! 
Werkes zu thun haben. Man wird nicht umhin können beizustimmen. Wenig- 
stens scheint mir der altsächsische Ursprung zweifellos. Gegen die Identität ' 
des Verfs. mit dem des Heliand erheben sich allerdings noch einige Bedenken. 
Besonders unterscheidet sich das Bruchstück vom Heliand durch die Freiheit 
in der Gestaltung des Stoffes und die grosse Weitschweifigkeit in der Aus- 
führung. Kaum werden wir in der Entdeckung von S. eine Rechtfertigung 
der Angabe der praefatijLin- librum an tiquum sehen dürfen, wonach der alt- 
sächsische Dichter das ganze alte und neue Testament bearbeitet hätte. Denn 
wir wissen gar nicht, ob das altsächsische Gedicht den Inhalt d^A x^xw^ ^s.- 



96 LITTERATUR: H. LEO, ANGELSÄCHSISCHES GLOSSAR. 

haltenen Bnicbstiickes viel überschritten hat. Auch scheint mir von Windisch 
nberzengend dargethan, daß die Angabe auf einem Mißverständnisse beruht, 
durch eine fluchtige Ansicht der Einleitung des Heliand veranlaßt. Auch S. 
nimmt an, daß höchstens einzelne Stücke aus dem alten Testament von dem 
Dichter bearbeitet seien und zwar wahrscheinlich nach dem Heliand. Von einem 
Versuche aus dem uns vorliegenden angelsächsischen Texte das altsächsische 
Original zu reconstruieren hat S. abgesehen und man muß dies wohl billigen, 
da ein solcher Versuch nicht ohne grosse Willkühr durchzuführen sein würde. 
Wünschenswerth aber wäre vielleicht gewesen eine Znsammenstellung aller in 
dem Bruchstück vorkommenden speciflsch angelsächsischen Wörter und Wen* 
düngen, wonach sich etwa der Grad der Überarbeitung hätte bestimmen lassen. 
FREIBÜRG i/B., Juli 1876. H. PAUL. 



Angehächsisches Glossar von Heinrich Leo. Erste Abtheilung. Halle, Verlag 
der Buchhandlung des Waisenhauses. 1872. XVI und 418 SS. 

H. Leo, seit 1887 sowohl durch eigene Theilnahme an den angelsäch- 
sischen Studien, wie durch Andern gewährte Anregung — wie erinnern an 
M. Hejne's Beövulf- Ausgabe — auf diesem Felde hinreichend bewandert, legt 
hier, offenbar als Frucht langjähriger Arbeit, uns ein Glossar vor, das den 
ags. Wortvorrath nach etymologischen Gesichtspunkten zu sichten und zu er- 
läutern sucht. Beigegeben ist der ersten Abtheilung bereits eine Einleitung, 
welche den Standpunkt des historischen Fachmannes nicht verläugnend in erster 
Linie Gewicht legt auf den reichen Inhalt der ags. Literatur und die Bedeu- 
tung derselben für unsere nationale Culturgeschichte. Mit Recht wird hervor- 
gehoben, daß die ags. Poesie reicher an nationalen Elementen als die alt- 
sächsische und althochdeutsche, andererseits uns näher stehe als die altnor- 
dische. Aber soviel eigenthümlich-norrönische Elemente die Letztere auch ent- 
halten mag, so möchten wir dieselbe doch nicht schlechthin als eine «uns fremde*' 
(S. IX, Z. 5 V. u.), sondern nur relativ als eine uns etwas femer stehende 
bezeichnen. Neben der iahaltlichen Bedeutung der ags. Litteratur würdigt Leo 
übrigens auch das sprachliche Moment von einem Standpunkte aus, den ich 
als ästhetisierend bezeichnen mochte, ohne damit die Berechtigung auch einer 
ästhetischen Sprach- Betrachtung überhaupt, wie sie neuerdings freilich im Hin- 
blick auf die Gefahr autoschediastischer Phantasien mehr vielleicht als billig 
gemieden wird, in Abrede stellen zu wollen. Übrigens tritt in dem Wörter- 
buche selbst die angedeutete Richtung völlig zurück gegen den etTmologischen 
Standpunkt, der von den erreichbar ältesten Formen auf historischem Wege 
weitergehend und verwandte Sprachen und Mundarten zu Rathe ziehend, mit 
leichterer Mühe den Anspruch auf objective Giltigkeit erhebt. Das hier uns 
gebotene reiche Material wird sicher manchem Freunde der ags. Studien will- 
kommen sein und anstatt einzelnen Meinungsverschiedenheiten Ausdruck zu 
geben, möchten wir vielmehr mit dem Wunsche schliessen, daß durch das be- 
klagenswerthe Leiden des Verf. die Ausgabe der zweiten Abtheilung und des 
alphabetischen Registers nicht allzulange sich hinziehe, da durch das Letztere 
die praktische Benutzung des Buches wesentlich erleichtert sein würde. 

E. WILKEN. 



LTTTERATUR: SMITH, DE TRE iELDSTE DAMSKE SKÜESPIL. 97 



De tre aldtte danske SkuespU („Christieni Hansen's Komedicr'') udgivne for 
det KoDgelige Danske Selskab for Fsedrelandets Historie og Sprog red 
S. Birket Smith. KjöbenhaTn. Loais Kleins Bogtrykkeri. 1874. 147 S. 8. 

GhreTens og Friherrens Xomedie. £n dramatisk Satire fra Christian V. Tid. 
Udgivet af S. Birket Smith. Anden Udgave. Kjöbenhavn. Forlagt af den 
Gjldendalske Boghandel. 1874. 66 S. Klein-8. 

Eine grössere , jetzt Tollendete Arbeit, hat mich bisher wider meinen 
Willen wie von manchem andern, so auch von der Besprechung der beiden vor- 
liegenden Publicationen abgehalten , obwohl sie sich bereits seit längerer Zeit 
in meinen Händen befinden und mannigfaches Interesse gewähren. Jedoch 
eben dieser letztere Umstand wird es nicht zu spät erscheinen lassen, wenn ich 
jetzt das Versäumte nachhole und die Freunde der dänischen, namentlich dra- 
matischen, Litteratur auch nachträglich auf jene so wichtigen Beiträge zur 
Kenntniss derselben aufmerksam mache, wofern sie ihnen nämlich noch unbe- 
kannt sind. Was nun den ersten betrifft, so besagt zum Theil der Titel selbst, 
daß hier die drei ältesten dänischen Schauspiele zum ersten Male vollständig 
abgedruckt sind (aus einer in der königlichen Bibliothek zu Kopenhagen be- 
findlichen Handschrift), die ältesten nämlich, insoweit sich zwar allerdings auf 
das Vorhandensein früherer derartiger Publicationen wie in andern Ländern so 
auch in Dänemark zur Zeit des Mittelalters schliessen läßt, allein jene gleichwohl 
alles sind, was aus der Zeit vor der Reformation auf uns gekommen ist. Sie 
gehören gleich fast sämmtlichen dänischen Schauspielen des 16. und 17. Jahrb. 
in dieClasse der sogenannten „ Schulkomödien ", die von Schülern dargestellt wurden 
und sind auch deshalb von Interesse, weil sie eine jede der drei Gattungen der 
mittelalterlichen Dramatik repräsentieren, indem nämlich „die untreue Haus- 
fr au** ein Fastnachtspiel, „das Urtheil des Paris** eine classische Alle- 
gorie und die „Comoedia de sancta Virgine Dorothea^ ein geistliches 
Schauspiel ist. 

Ausser einer allgemeinen Einleitung hat der Herausgeber auch noch jedes 
einzelne Stück durch besondere eingehende Aufklärungen in das gehörige Licht 
gestellt, welche mir in allem hier Mitgetheilten als Leitfaden dienen. So erfahren 
wir unter anderm daß, um die Zügel der Schuldisciplin nicht zu locker werden zu 
lassen, namentlich Christian II. um das Jahr 1521 eine sehr strenge Schulver- 
ordnung gegen das Aufführen von Fastnachtspielen durch umherziehende Schüler 
erließ und zwar bei einer Veranlassung, die ihm nicht geringes Argemiss ver- 
ursacht haben muß. £r hatte nämlich im Jahre 1520 einen lutherischen Prädi- 
canten, den Magister Martin Beinhart, zur Verkündigung der neuen Lehre nach 
Dänemark berufen, dieser aber seine Predigten in Kopenhagen mit einer so 
auffälligen Mimik begleitet, daß man sich aller Orten darüber lustig machte 
und die katholische Geistlichkeit diesen Umstand benutzte, um einen aufge- 
weckten Burschen zur Nachäffung jener Grimassen zu veranlassen, was ihm auch 
80 gut gelang, daß er sehr häufig zu Gastmälem und Festen jeder Art einge- 
laden wurde, wo er dann, auf passende Weise ausstaffiert und nach gebührender 
Bewirthung, allerhand Narrentheiding mit jenen lächerlichen Gesticulationen be- 
gleitete. Sieht man nun davon ab, daß der Bursche allein agierte, so erino 
alle mit teinem Auftreten verbundenen Umstände iu ^%d«t ^^ski^'qsq^ vok 

^BBMANU. NM« Mh€. UL (XII.) Jskrg. ^ 



98 UTTEBATUR: SMITH, DE TRE ^LDSTE DANSKE 8KUE8PIL. 

Fattomchtspiele» und da der ganze Vorfall allem Anschein nach das Ifiss^^fieken 
des ersten Versnchs der Einfuhrong der Reformation in DänemariL heribeifShren 
half, so läßt sich wohl annehmen, daß er andererseits nicht wenig lom Erlaß 
der obengenannten Schnlverordnang beitmg. Diese jedoch so wie noch manche 
andere spätere Erlasse blieben ohne dauernde Wirkung, wie yielleicht sehon 
das Torliegende Fastnacbtspiel beweist, zwischen dessen Abfassungszeit und der 
des dritten Stückes, welche in das Jahr 1531 fallt, kein sehr bedeutender 
Unterschied sein kann, obwohl aus verschiedenen Umständen erhellt, daß es 
Uter ist als letzteres. Was nun den Inhalt der „untreuen Hausfrau* an- 
langt, so ist er kürzlich folgender. Zuerst tritt ein Mann auf, der seiner Frau 
mitlheilty er wolle, um seine Sünden los zu werden, eine Pilgerfahrt untemdimen, 
und diesen Vorsatz auch ausfuhrt, trotz der Widerrede seiner Frau, die 
bisher glücklich mit ihm gelebt hat. Kaum aber ist er fort, so erschdnt 
auch sdion ein Bauer, der das hübsche Weib, das er allein sieht, zur Untreue 
TerfÜhren will, jedoch scharf abgeführt wird, trotzdem er sich tou dem ihm 
Torgeworfenen Schmutz in aller Eile bei einem Bader gereinigt und den Bart 
mit einem Lichte abgesengt hat. Endlich kommt sogar seine eigene, noch 
kurz vorher von ihm als todt ausgegebene Frau, hinzu, so daß er, zumal seine 
Buhlerei durch den jetzt auftretenden Mönch verrathen wird, allen Muth Terliert 
und sich von der erbitterten Ehegesponsin , die ihm, dem bei andern Frauen 
so zudringlichen, über seine Zurückhaltung bei der eigenen die schneidendsten 
Vorwürfe macht, an den Haaren fortschleppen läßt, wobei sie freilich hoffiiungs- 
loi ausruft: 

„Hjem skall du i Sorrigs Navn, 
Alligevel det vorder mig ej til Gkvn.* 
Alsbald nun beginnt der Mönch seinerseits einen Sturm auf die zurück- 
bleibende Schöne, wird indes gleichfalls abgeschlagen und bekommt dabei zu 
hören, daß, wenn sie sich wirklich einmal vergessen sollte, sie doch jedenftdls 
einen „Hofmann" einem Mönche vorziehen würde. „Und eh* sie noch das 
Wort gesprochen", tritt auch schon ein solcher feiner Herr ein, der den Mönch 
spottend fragt, ob eine derartige Freierei sich wohl für ihn schicke, worauf 
aber der Mönch mit tugendhafter Entrüstung erwidert, dergleichen Gredanken 
lägen ihm fem und er sei lediglich gekommen, um für sein Kloster einige Käse 
SU holen. Der Hofmann läßt sich nicht narren, heißt ihn einen Lügner und 
jagt ihn mit einer tüchtigen Tracht Prügel zur Thüre hinaus, nachdem er ihm 
noch vorher die Kutte abgerissen. Ohne Verzug rückt er dann selbst mit 
einer Liebeserklärung heraus, erfahrt jedoch dieselbe Zurückweisung wie seine 
Vorgänger, trotzdem er die Schöne an ihre gegen den Mönch gethane Äusse- 
rung erinnert, so daß er dann die Hilfe einer Zauberin in Anspruch nimmt 
und diese in Folge dessen einen Teufel herbeiruft, der aber erst kommt, nach- 
dem ihm mit der Intervention alter Weiber gedroht worden, die er bekanntlich 
mehr furchtet als alles in der Welt. Allein auch s^ine Bemühungen bei der 
schönen Frau sind erfolglos, und, mit Hohn abgewiesen, kehrt er zu seiner Ge- 
bieterin zurück, wo ihn indes auch nur Schelte und Prügel erwarten. Allein 
damit ist der Hofmann nicht zufrieden, und in Folge seiner Drohungen wegen 
betrügerisch abgenommenen Greldes ersinnt das Zauberweib ein neues Mittel, 
um ihren Zweck zu erreichen, indem sie selbst sich in Gestalt einer weinenden 
Beitleria mu der schönen Frau begibt und auf die Frage nach der Umohe 



UTTERATUR: SMITH, DE TRE iBLDSTE DANSKE SKUESPIL. 99 

ihrer Thränen erwidert, der sie begleitende Hund sei ihre Tochter, welche die 
Bewerbungen eines jungen Mannes zurückgewiesen und wegen dieser Grausam- 
keit in dieses Thier verwandelt worden wäre. Die Furcht vor einem ähnlichen 
Schicksale bricht die bisherige Standhaftigkeit der Schönen, sie läßt auf den 
Rath der Zauberin den Hofmann alsbald herbeiholen und ei^bt sich ihm auf 
Gkiade und Ungnade. 

Was nun den dramatischen Werth dieses Stückes betrifft, so bemerkt 
der Herausgeber, daß es mancherlei Züge echter Laune enthält und wenn die 
einielnen Scenen auch nur an einem dünnen Faden an einander gereiht sind, 
sich doch ein gewisser Sinn für dramatische Wirkung äußert^ indem sich 
namentlich eine fortwährende und zwar ziemlich abwechselnde Handlung dar- 
bietet und die Aufmerksamkeit der Zuschauer in immer höherem Grade gefesselt 
wird. Auch die meisten und besten Episoden und einzelne Züge scheinen von 
dem Verf. des Stückes erfanden zu sein, so daß also nur die Abreise des 
Mannes, in Folge deren die Frau der Versuchung ausgesetzt bleibt, so wie der 
Zug mit dem Hunde enüiehen sind. Letztcrem begegnet man auch noch sonst als 
Erzählung in dänischer Sprache, jedoch erst nach der Abfassungszeit des in Rede 
stehenden Fastnachtspiels, nämlich in den ^Joco Seria: eller Skimpt oc Alvar^, 
Ropenh. 1625, einer Übersetzung von Pauli's Schimpf und Ernst, wo sich diese 
Erzählung aber erst in der Ausgabe von 1570 vorfindet; hinsichtlich der 
früheren Ausgaben verweist Smith auf Lappenberg*s Ulenspiegel und Grässe's 
Tresor, so daß ihm also die Österlej's (m der Bibliothek des Litter. Vereins), 
wo über diesen Gegenstand ausführlich gehandelt ist, unbekannt geblieben zu 
sein scheint. Die nächste Quelle Hansen*s für den in Rede stehenden Zug 
möchte nach des Herausgebers Ansicht eine Version der Erzählung gewesen 
sein, die in ihrer Grundform dieselbe war, wie die im Steinhöwerschen Aesop, 
in der Disciplina Clericalis und in den Gesta Romanorum, zu deren c. 38 
Osterlej in seiner Ausgabe der letzteren ausführliche Nachweise über die ver- 
schiedenen Fassungen gesammelt hat. 

Über das zweite Stück „Das Urtbeil des Paris^ ist wenig zu be- 
merken. Die in demselben auftretenden Göttinnen stellen verschiedene Tu- 
genden und Untugenden dar, so wie der der Venus den Preis zuerkennende 
Paris ein Bild der Tborheit und des Verderbens der Menschen sein soll, welche 
ohne sich um die Tugend zu bekümmern, dem Vergnügen nachlaufen. Das Spiel 
ist also eine Art „Moralität^ mit classiscben Figuren und hinsichtlich der Aus- 
führung kaum anders zu nennen als eine Stümperarbeit, weshalb es auch 
gleichgUtig scheint, ob darin ein Original oder eine Übersetzung vorliegt. Für 
eine ITbersctrung aus dem Deuteeben hält es der Herausgeber in keinem Falle, 
eher noch könnte es die Bearbeitung eineb lateinischen Stückeb sein. 

Wir kommen nun zu dem dritten Stück ,,Dorotheae Komedie^. 
Die Geschichte dieser Heiligen ist schon früh dramatisiert worden, so z. B. 
in Deutschland spätestens in der ersten Hälfte des 14. Jahrb., und noch lange 
nach dem Schluß des Mittelalters erschien in letzterem Lande die beilige 
Dorothea als dramatischer Stoff besonders anziehend für Autoren, die fQr ihr 
Publicum starker Reizmittel bedurften, so daß noch zu Ende des 17. und am 
Anfang des 18. Jahrb. Dorothea's ,, öffentliche Enthauptung'^ ein Lieblings* 
thema der Marionettenspiele und der „Haupt- und Staatsactionen^ b\V^^\.« Vc^ 
Dänemark findet sich ausser dem hier mitgelWU^Ti iixxx t^qOgl ^\\w ^wax^^ 



100 UTTERATUB: 8MITH, DE TEE 2£LDSTE DANSKE 8KUESPIL. 

Schauspiel aus älterer Zeit, das ein Heiligenleben behandelt , nämlich der Ton 
Birket Smith im Jahre 1868 herausgegebene ^Ludus de s. Ranuto duce*, 
der sich jedoch nur mit den rein historischen Seiten der Lebensgeschichte 
seines Helden beschäftigt, während „Dorotheae Komedie" als echt mittelalter- 
liches Mirakelspiel den Hauptnachdruck auf die Wunderthaten der Heilige» 
legt. Das Stück ist übrigens nur die Übersetzung eines lateinischen Originals^ 
welches zu Anfang des 16. Jahrh. der Ritter Kilian aus Meilerstadt verfaßte 
(Chiliani equitis Mellerstatini comedia gloriose parthenices et martiris Dorothee 
agoniam passionemque depingens. Leipzig^ 1507). Diese Arbeit ist in Prosa, 
nur die Schilderung des Paradieses in Versen und die dänische Bearbeitung 
folgt ihr Schritt vor Schritt; doch sind die einzelnen Beden nicht selten mit 
einiger Freiheit behandelt und daher auch durchgehends länger als die latei- 
nischen. Diese scheinbare Selbständigkeit dürfte indes bloß beweisen, wie viel 
Mühe es dem Übersetzer gekostet hat, das Original dänisch wiederzugeben und 
zwar ganz in Versen. Der Ausdruck ist daher auch häufig auffiülend matt 
und gezwungen, so daß das Stück der ^untreuen Hausfrau* nicht wenig nach- 
steht, wenn es auch andererseits „das Urtheil des Paris ^ bei weitem übertrifft. 
Zu Ende des Spiels folgt noch in dänischer Sprache ein Epilog ,De fide 
et operibus breuis ad spectantes comediam diuae Dorotheae contionatio*. Im 
lateinischen Original befindet sich nichts Entsprechendes und der zu den 
heimischen Zuständen passende Inhalt zeugt auch entschieden für die Selbstän- 
digkeit dieser „kleinen Predigt", wie ihr Verf. sie nennt. Daß sie im Jahre 
1531 geschrieben und Christiern Hansen eben dieser Verf. ist, erhellt aus 
seiner eigenen, unmittelbar nach dem Epilog folgenden Notiz, woraus sowohl 
hervorgeht, daß er Schulmeister in dem Liebfrauenkirchspiel zu Odensee war, 
wie daß letztere nicht wenige Jahre nach 1531 niedergeschrieben wurde. Auch 
dünkt es dem Herausgeber höchst wahrscheinlich, daß genannte Zahl auch auf 
das Stück selbst geht und Hansen sich nicht bloß als Verf. des Epilogs, son- 
dern ebenso als Bearbeiter des ersteren bezeichnen will. Sonst ist über Hansen 
nichts bekannt. 

Das Schlußergebniss über die vorliegende Sammlung faßt der Heraus- 
geber nach eingehender und allseitiger Untersuchung dahin zusammen, daß 
dieselbe gleichsam das dramatische Repertoir der Liebfrauenschule unter Chri- 
stiem Hansen's Leitung bildete und ein Stück von ihm selbst so wie seine Be- 
arbeitung von „Dorotheae Komedie'' enthält, daß aber ^das Urtheil des Paris*^ 
eher wie ein Versuch eines seiner Schüler aussieht. 

Wir gehen demnächst zu der zweiten der rubricierten Publicationen über, 
nämlich der ^^Grevens og Friherrens Komedie'^, die aber in den Hand- 
schriften auch noch andere Benennungen führt, wie aHerrestandskomedie^ 
oder ,,Peders og Mettes Historie" u. s. w. Unter dem von dem Her- 
ausgeber vorgezogenen Titel ist sie früher auch im 2. Bande von Suhm's Nje 
Samlinger gedruckt worden. Sie stammt aus der ersten Zeit Christians V«, 
welcher nämlich gleich im Jahre nach seiner Thronbesteigung (1671) einen hofieren 
Adel, den der Grafen und Freiherren, geschaffen und ihm zahlreiche und grosse 
Vorrechte verliehen, dadurch aber zugleich bei dem grosseren Theil der alten 
Familien des Landes eine ausserordentliche Unzufriedenheit erweckt hatte, da 
I sie selbst in den Hintergrund traten und überdies nur wenig Aussicht auf eine 
^ Erhöhung hatten, zu der weder eine lange Ahuenreihe, noch personliche Ver- 



UTTERATUB: SlilTH, DE TRE ^LDSTE DANSKE SKUE8PIL. 101 

dienste, sondern lediglich die Gunst des Monarchen und der Besitz grossen 
Beichthnms verhalfen. Einen Beweis der Erbitterung des alten Adels gegen 
diesen neuen „ Herrenstand ** bietet nun die vorliegende beissende Satire, für 
deren Verf. es als ausgemachte Thatsache gilt, daß ein Graf oder Freiherr 
bestenfalls ein Narr in Folio ist, was jedoch nicht hindert, daß auch geradezu 
ein Schurke in ihm stecke. Von diesem Gesichtspunkte aus sind die in dem 
Stücke auftretenden Repräsentanten des Herrenstandes geschildert und zwar 
mit einem so schonungslosen Spott, zugleich aber auch mit so viel Witz und 
echtkomischer Kraft, daß man sich leicht vorstellen kann, welche Wirkung da- 
durch auf die Zeitgenossen hervorgebracht wurde und zwar besonders auf die, 
gegen welche die Satire gerichtet war. Wenn der Verf. letzterer eine drama- 
tische Form gegeben hat, so that er dies mit dem vollen Bewußtsein, wie sehr 
sie dadurch an Leben und Anschaulichkeit gewinnen würde, obwohl ihm übrigens 
die Erfüllung der strengeren Pflichten jener Form offenbar nicht sonderlich 
am Herzen lag, zumal das Stück weder zur Aufführung noch auch selbst zum 
Druck bestimmt war. Trotzdem jedoch hat nach des Herausgebers Ansicht 
dasselbe gerade vom dramatischen Gesichtspunkt aus seine größte Bedeutung, 
da es einer ganz andern Richtung als der bis dahin in der dänischen Schau- 
spieldichtung herrschenden angehört, nämlich derjenigen, die durch Holberg 
eine so merkwürdige und reiche Entwickclung erlangte und deren Grundzügen 
wir denmach 40—50 Jahre früher begegnen. Smith beabsichtet diese für die 
Geschichte der dänischen Dramatik so wichtige Thatsache bei anderer Ge- 
legenheit ausführlicher zu entwickeln, bemerkt indes andeutungsweise schon 
jetzt, daß der Gegensatz zwischen der Kunst der Schulkomödie und derjenigen, 
welche in der ^Grafen- und Freiherrenkomödie ^ zum Ausdruck kommt, so wie 
die Verwandtschaft der letzteren mit der Komödie der Renaissance fast überall 
hervortritt, von dem Umstand an, daß der Stoff unmittelbar den gesellschaftlichen 
Verhältnissen der Gegenwart entnommen ist, so wie daß die ganze Darstellung 
trotz ihrer Übertreibung durch das Gepräge der Wirklichkeit und des individuellen 
Lebens charakterisiert wird, bis auf den echtdramatischen Bau und sogar die 
prosaische Form des Dialogs. Auch in der Wahl der Gesellschaftskreise, denen 
die auftretenden Personen entnommen sind, so wie dem Verhältniss wie diese 
Personen zu einander, so wie zur Handlung stehen, tritt die Kunstanschauung 
der Renaissance deutlich zu Tage, und in letzterer Beziehung ist besonders als 
etwas der Schulkomödie ganz unbekanntes hervorzuheben, daß hier ein keusches 
Liebesverhältniss zwischen zwei jungen Personen zum ersten Mal, jedenfalls 
wenigstens in einer freierftindenen Fabel, als dramatisches Hauptmotiv gebraucht 
wird, so wie daß die Intrigue von dienenden Personen, namentlich von der 
Kammerjungfer und Vertrauten der Liebhaberin ausgeht, einer echt Holberg- 
sehen Pemille in nuce. Die Erwähnung Pernille's giebt Smith Veranlassung 
zu der weitem Bemerkung, daß das vorliegende Stück sich nicht nur da- 
durch als Vorläufer des Holberg'schen Lustspiels verkündigt, daß sie beide Er- 
zeugnisse eines und desselben Kunstprincips sind, sondern auch dadurch, daß 
nicht wenige Einzelheiten unmittelbar auf die Modification hinweisen, welche 
die Kunst der Renaissance durch Holberg erlitten; so ist es namentlich inter- 
essant zu sehen, daß so eigenthümlich Hol berg sehe Züge, wie die scharfe Dar- 
stellung des Liebesverhältnisses und das unverhältnissmässige Uh<^rgewicht der 
Charakterschilderung über das Intriguenelcment *\c\i va ^^\ „^vi^Vcra.- xisÄ. 



102 LTTTERATUB: SMITH, DE TBE iBLDSTE DANSKE 8KUE8PIL. 

Freiberrencomödie^ gleichfalls wiederfinden. Auch in der ganzen Art und Weise 
wie der Verf. der letztem seine satirische Aufgabe auffiifit und in dem Cha- 
rakter der Laune erinnert yieles an Holberg, und es finden sich riele Wechsel- 
reden und kleine komische Motive, wo die Gleichheit so stark hervortritt, daß 
man versucht ist zu glauben, Holberg habe nicht nur unsere Komödie gekannt, 
was durchaus wahrscheinlich ist, sondern auch vielleicht einen und den andern 
komischen Zug derselben entliehen. 

Was die Zeit der Abfassung anlangt, so kann die „Grafen- und Freiherren- 
komödie^, wie aus verschiedenen Umsttnden hervorgeht, nicht vor das Jahr 1678 
fallen, die älteste Handschrift, die man bis jetzt besitzt, stammt ungefähr 
aus dem Jahr 1680 oder ist etwas junger. Als Verf. des Stfickes betnehtet 
Smith aus Gründen, die er gleichfalls bei anderer Gelegenheit darzulegen beab- 
uchtet, den auch sonst in der dänischen Literatur bekannten Mogens Skeel 
auf Fusirgo und Odden. Er war der Sohn des wackeren Patrioten, Beichs- 
raths Christen Skeel und 1658 geboren, er starb 1694 zu Lingen in West- 
falen auf der Rückreise von England, wo er eine Zeit lang als ausserordent- 
licher Gesandter fungiert hatte. Im Alter von 16 Jahren ließ er eine fSr seine 
Tjmt ungewöhnlich gegluckte Übersetzung von Opitzens nach dem Italienischen 
bearbeiteten Singstück Judith erscheinen. 

Das sind einige der wichtigsten Punkte, die der Herausgeber in seiner 
durchaus anziehenden Einleitung der „Grafen- und Freiherrencomödie" darlegt 
und will ich selbst nur noch eine kurze Angabe der übrigens sehr einftohen 
Fabel des fünfactigen Stückes hinzufügen. Die Tochter eines neugebackenen 
Grafen soll den Sohn dnes Freiherm gleichen Schlages heirathen ; da sie aber 
mit einem jungen Vetter ein Ldebesverhältniss hat, so geräth sie darüber gans 
in Verzweiflung und fleht ihre Kammerfungfer Mette um Bettung ans ihrer 
Noth an. Mette schafft auch wirklich Rath, indem, da eben im Hause des 
Grafen die Trauung seiner Tochter stattfinden soll, Peter, der Kanmierdiener 
des Grafen und Mette*s Liebhaber in den Saal stürzt und die Nachricht bringt, 
der Fiscal sei in diesem Augenblick beim BriLutigam und lege auf dessen ganzes 
Hab und Qnt im Namen des Königs Beschlag, da es ursprünglich diesem ge- 
hört habe und ihm nur von dem Baron abgestohlen worden sei. Der Bräutigam 
eilt fort, inzwischen aber findet auf Mette's Bath die Trauung statt mit 
letzterem, vielmehr mit ihrem als Hochzeitsgast gegenwärtigen Vetter, den der 
Graf selbst stets für einen wackeren jungen Mann gehalten, und als der Bräu- 
tigam ausser Athem zurückkehrt, hält ihn der Graf durch mancherlei Beden 
so lange auf, bis der Trauungsact im Nebenzimmer zu Ende ist, so daß seine 
Erklärung, die Geschichte auf dem Fiscal sei wahrscheinlich nur ein schlechter 
Spaß lustiger Kameraden gewesen, zu spät konmit. Auch Mette wird der aus- 
bedungene Lohn zu Theil und sie bekommt Peter zum Mann. 

Ausser den hier genannten Personen treten aber auch noch einige andere 
auf, nämlich der Hofmeister des jungen Grafen, Dr2_J^au8tus^ ein kriechender 
Pedant, und zwei Petschierstecher, ^n_JiiuJi4eutoch<^ und em 
von denen ersterer, der als der schlauere das Petschaft des Freiherm zu stechen 
bekommt, dazu bemerkt: «Gar gut, Hr. Baron, freiherrliche Ezcellenz. Die 
Homer aber will ich wegnehmen"; worauf die Freiin in die Worte ausbricht; 
„Faa jeg Skam, om I skal. Han bar baaren dem saa Isange, hau skal vist 
beholde dem herefter. Vil I ssette ham endnu et Par til, for at fylde op, det 



JÖmiyikmga laga efter skinnboken N** 7, 4^ a kangl. bibliotek^t i Stook- 
holzD, utgif^en af Gastay Cederschiöld. Land 1875, Berlings bok- 

tiyckeri (Aftryck or Lands Univenitets Arskrift tom. XI, 1874). Xu, 
38 SS. 4® (mit Facsim.) 

Die J^maWkingar sind bekanntlich jene dänischen Vikinger, die die am 
östlichen Aoslanfe der Oder im Vendenland gelegene J6msborg (d. i. Wollin) 
während des 10. Jahrhunderts inne hatten und von hier Jahr ein Jahr auf 
die Küsten und Inseln der Ost- und Nordsee mit ihren Schiffen befahren 
and plQndemd heimsachten. Der sagenhafte Palnatoki, einer der nordischen 
Wilhelm Teils, yerherrlicht darch Ohlenschläger*s Tragödie, war eine Zeit lang 
Häapiling dieser dareh feste Gesetze geschlossenen Gemeinschaft and die See- 
•chlaeht in der Hjdrang-Baeht an Norwegens Westküste (985 oder 986), in 
der freilieh ihr G^egner Häkon jarl den Sieg davon trag, ist das meist herror- 
ragttide Ereigniss ihrer Geschichte. Die alten Isländer haben in Vers and 
Prosa reichlich für ihr Angedenken gesorgt. Noch besitzen wir fast Tollständig 
die J6msvikingadr4pa des orkadischen Bischofs Bjame Rolbeinsson*), eine 
Reihe Ton Strophen aus der H&konardr&pa und dem Jömsvfkingaflokkr des 
Tindr Hallkelsson, der selber mitfocht, ebenso ans Porkel Gilssons Büadräpa 
auf einen der Hauptkämpfer gegen H&kon, anderer Einzelstrophen za ge- 
schweigen. Die Olafs saga Tryggrasonar, sowohl lu der Heimskringla als in 
Odds Bearbeitung und in der ausführlicheren (Fms.), so wie Fagrskinna -— 
sie alle enthalten mehr oder minder ausführlichere Mittheilungen über die 
Jömsvfkiogar und die berühmte Schlacht im HjörangaY4gr. Endlich ist ans 
aber auch eine besondere Saga erhalten, die JömsYikinga saga. Diese in 
einer kürzeren und drei längeren Fassungen; letztere 1. in AM 291 , 4®« gedr. 
in Ems. XI, 1 — 162; 2. in der Flateyjarbök , in zwei Stücken der Olafs s. 
TryggYasonar eingeschaltet, col. 45 — 50 und 75 — 103, gedr. in FlaL I, 
96 — 106 und 153 — 203; 3. in dem der Ausgabe von Magn. Adlerstamm 
(Stockh. 1815, 4^ zu Grunde liegenden Codex (?). Gegenüber den nahver- 
wandten 1. und 2. erscheint 3. (mit Tinds Strophen) als jüngste und ausführ- 
lichste. Die kürzere J^msvfkingasaga liegt in einer Membrane der kgl. Bibliothek 
zu Stockholm yot: Cod. Holm. 7, 4° — und zwar nur in dieser. Auch sie 
war bereits gedruckt, doch unvollständig und sehr ungenau, nämlich — abge- 

*) Es sei gestattet hierbei der soeben in Aarbög. f. n. Oldk. 1875, p. 209—246 
erschienenen höchst interessanten Abhandl. S. Bngges su gedenken, worin er den 
Bjarne Kolbeinsson, den Dichter der Jömsvfk. und wohl auch des MilähdttakvcBdi als 
Verf. des nafii^^ulur in S£ nachzuweisen sucht. 



y 



LFTTERATUIt: Q. GEDEBSCHIÖLD, JÖMSVtONGA SAGA. 103 

kan I gjore.^ Im Vorübergehen will ich erwähnen, daß mir bei einer BepHk 
des Niederdeutschen: „Wo nu, tom Düwel! Sint ok de Grawen allhir nieh -y^ 
grütter, as dat man s e öwerpissen kann", das mhd. „hoehsaicher" einfiel. 
Hiermit hätte ich uFer "die ^Seiden sehr schätzenswerthen Publicationen 
Birket Smith*s das Nothwendigste mitgetheilt, hoffe aber mit nächstem noeh 
auf einige andere, nicht minder verdienstliche Arbeiten des dänischen Gelehrten 
zarückzukommen, 

LÜTTICH. FELIX UEBBECHT. 



104 UTTERiLTUR: O. CEDERSCHIÖLD, JÖMSVIKINGA 8A0A. 

sehen von dem An&ige in FmB. XI, 1 — 2^ — etwas mehr als die beiden 
leteten Drittel, d. i. die eigentliche JömsYikingasaga in dem Synishom der 
Fommannasögar Havn. 1824 (s. Catal. p. 118). 

Hr. Dr. Gustav Cederschiöld, Docent der nord. Philologie an der 
Universität Land, dem man bereits den Abdrack der Bandamannasaga ans Cod. 
reg. 2845 (s. K. Maurer in dieser Zeitschrift XIX, 443 ff.) und die Ausgabe von 
Einar Skülasons Geisli nach der Bergsbök (Lund 1874, 4?) verdankt, hat sich 
nun das Verdienst erworben, unter obigem Titel einen nicht allein vollstiindigen, 
sondern auch überaus genauen und sorgfaltigen Addruck der kürzeren J6ms- 
vikinga saga nach Cod. Holm 7, 4® zu veröffentlichen. 

Dem Texte der Saga (S. 1 — 35) geht ein Vorwort Toraus (p. I — Xu) 
und folgt ein Verzeichniss der Eigennamen nebst Berichtigungen (S. 86 — 38); 
eine Seite der Hds. (S. 67) ist in photolithographischem Facsimile beigefügt. 

Das Vorwort handelt von der Hds. und von dem Ver&hren, das der 
Herausgeber bei ihrer graphischen Wiedergabe befolgte. Die Hds. gehört in 
den Anfang des 14. Jhd. ; sie zählt 58 Blätter und enthält: Konrads^saga 
(ohne Auf.), Hrölfs s. Gautr. (ohne Auf.), Jömsvik., Asmundar s. kapp., Orvar- 
Odds s., Egils 8. Skallagr. (nur Anf.). Bfangel von Fortsetzung und Schluß 
der letzten saga wie von Anfang der beiden ersten Sögur und in Verbindung 
hiermit die alte Blattnumerierung der Hds.: 51 — 59 (Konr.) und 75 — 122 
(€hmtr. bis Eg.) erweisen die Hds. als unvollständig. Um so interessanter 
ist es nun auf p. IH — IV zu vernehmen, daß Gudbrandr Vigfdsson — wie 
ihm ja schon mehr als einmal gelang disjecta membra isländischer Hdss. zu- 
sammenzufinden — wenn auch nicht den ganzen, so doch einen recht ansehn- 
lichen Rest der Stockholmer Hds. in Kopenhagen entdeckte, nämlich in den 
durch K. Gulason (frinp. p. XLIV — XL VI) bekannten beiden Ama-Magn. 
Membranfragmenten 580 A, 4® und 580 B, 4®; Schrift, Pergament, Blattnu- 
merierung — Alles stimmt. Prof. Unger aus Christiania, zur selbigen Zeit mit 
Gudbr. Vigfdsson in Kopenhagen anwesend, theilte Herrn Cederschiöld diese 
Entdeckung und zugleich eine nähere Beschreibung der Fragmente mit; 580 A, 
4® enthält: 1 Blatt aus Elissaga und 25 Blätter theils aus Börings s., theils ans 
Flovents s., dagegen 580 B, 4®: 6 Blätter aus Magus saga. 

Auf eine Charakteristik der Orthographie der Hds. hat sich Hr. Ceder- 
schiöld nicht näher eingelassen, indem er nur im Allgemeinen auf die, wie schon 
früher von Bask, so auch neuerdings von Unger, Rydquist, Vigfdsson anerkannte 
Güte derselben hinweist. Sie erscheint auf der höchsten Stufe der Entwicklung, 
die die altisländische Sprache in dieser Beziehung überhaupt erreicht hat 
(Gudbr. Vigfdsson nennt — in der Vorrede zur Ejrbyggia — den Anfang 
des 14. Jahrh. das goldne Zeitalter der isl. Orthographie'); es tritt dies, wie 
uns scheint, namentlich in der inneren Gleich mässigkeit und Abmndung und 
in dem specifisch isländischen Charakter hervor, wodurch sie sich zu dieser 
Zeit vor der des 13. (und 12.) Jahrh. auszeichnet; sie bildet zugleich die 
Basis für die ganze spätere isl. Lautform, so sehr auch diese im Verlaufe der 
späteren Jahrhunderte sich mehr und mehr von jener Reinheit wieder entfernte. 
Nur auf zwei Punkte macht Hr. Cederschiöld im Besondem aufmerksam : 
auf die (relative) Sorgfalt, die bich einerseits im Gebrauch der Accente, an- 
dererseits in dem der einfachen oder doppelten Consonanten zeigt; in diesem 
wie jenem Falle ist sie, wie anderwärts, so auch hier eine mehr negative, als 



UTTERATUB: G. CEDERSCHIÖLD, JÖMSViKlNGA SAGA. 105 

podtiTe, d. h. Accente und DoppelcoMonaDten werden nicht sowohl überall 
richtig, als vielmehr selten falsch angewendet. 

S. Vll — XII spricht Hr. Cederschiold von seiner Wiedergabe der Hds. 
durch vorliegenden Druck; dieser sollte sowohl and zwar vonnigsweise ein 
graphisches Abbild der Hds. bieten, als auch dem Bedürfniss einer Handaus- 
gabe dieser kürseren Jömsvikinga saga dienen. In ersterer Beziehung hat er 
alle graphischen Eigenthümlichkeiten , die nicht wesentlich sind, abergangen, 
ferner Initialen für den Anlaut der Eigennamen angewendet, bez. das der Hds. 
eigenthümliche große / in larl, lol, lom- belassen, endlich die Abbreviaturen 
ai]^gelöst; im Interesse der Handausgabe, ohne eine erschöpfende kritische Be- 
handlung des Textes geben zu wollen, hat er entschiedene Fehler gebessert 
und die falsche Lesart unter den Text verwiesen. 

Dieser Text selbst nun (S. 1 — 35), in Verbindung mit den ergänzenden 
Anmerkungen unter ihm selber wie io der Vorrede, nebst dem zur Gontrole 
dienenden Facsimile, träten wir nicht schon mit dem günstigsten durch Hm. 
Cederschiöld's frühere Arbeiten begründeten Vorurtheile heran, macht iu der That 
den Eindruck, daß uns hier von der Hand eines ebenso gewissenhaften als 
sprachkundigen Herausgebers ein so treues und zuverlässiges Bild von der 
Jömsvfkingasaga im Cod. Holm, dargeboten wird, als es auf typographischem 
Wege nur erreichbar war. Wir haben hier das wohlthuende Gefühl auf sicherem 
Boden zu stehen. Je mehr wir aber aus solchen und ähnlichen Ausgaben, 
deren die neuere Zeit ja mehrere gebracht, erkennen lernen, was zur treuen 
Wiedergabe einer Hds. gehört, welcherlei Zutrauen dürfen wir zu jenen frvL- 
heren noch aus den ersten 30 — 40 Jahren dieses Jhs. hegen, denen solcher 
Aufwand umsichtiger Sorgfalt nicht entfernt zu Theil ward — während doch 
ein guter Theil unserer nordischen Sach- und Sprachkunde noch auf jenen 
Texten beruht I 

Nur in einem Punkte köuneu wir uns mit Hrn. Cederschiöld's Verfahren 
durchaus nicht befreunden und dies um so weniger, als der Abdruck der Hds. 
nicht blos für den grammatischen, sondern auch den historischeu Leser bestimmt 
ist, nämlich in der Beibehaltung der handschriftlichen, d. h. der, wie in jeder 
anderen Hds. häufig geradezu sinnlosen Interpunction (instar omnium: 27*^'*^ 
die Namen der einander im Kampfe gegenübergestellten, vgl. mit Fms. XI, 
V26^^ ff. und Fiat. I, 188^ ff.); die Hemmnisse aber, die dadurch dem Leser in 
den Weg gelegt sind, werden im vorliegenden Falle dadurch nur noch ge- 
steigert, daß Hr. Cederschiold in allzu regem Eifer für treue Wiedergabe 
der Hds. all ihre Zeilen durch Verticale trennt, dies aber in der Art, daß er 
jedes Zeilenpaar durch fettere, dessen beide Zeilen durch feinere von einander 
scheidet, so daß die Leetüre durch dies theils interpunctipnslose , theils falsch 
interpungierte Gitterwerk wahrlich keine behagliche ist. Und wird wohl auch, 
wer den vorliegenden Text zu citieren hat, dies nicht lieber und leichter nach 
Seite und Zeile des Druckes thun, statt die hier durch Zählung der Zeilen- 
paare am Rande (z. B. 73, 3. 5. 7 u. s. w.) insinuierte Citation nach Seite und 
Zeile der Hds. zu wählen? Sei uns wenigstens bei nachstehenden Bemerkungen 
die erstere Citationsweise gestattet. 

Vollständig von Anfang bis zu Ende, läßt der vorliegende Sagatext bei 
der Kürze und Gedrungenheit seines Vortrages, so sehr auftU ^^^ T&naoL^i^uBa^ 



106 UTTERATUR: 0. CEDER8CHIÖLD, JÖMSViKINOA SAOiu 

•traacheln laßt, sich doch sehr angenehm lesen. Er ist im Ganzen fast dorchaus 
correct ra nennen. Nor ein entschiedoies Verderbniss, das zugleich den Codex 
als Abschrift erweist, liegt 30 '^'^^ vor, wo mit theilweiser Wiederholung korz 
Torher gesagter Worte (ok kaUadi h&tt: fyrir bord, aUir Bda Udarl' 30<^ ff. 
and 80'^ ff.) eine Kampfscene zwischen Bne nnd dem der Saga sonst ganz 
fremden Sigmondr Brestisson nach bereits ToUendetem Kampfe nachträglich ein- 
geschoben wird; sie wird an richtiger Stelle aosfShrlich in der Jömsrik. der 
Fiat. (I, 193—194) erzählt Ln Übrigen finden wir nur wenige kleine Ver- 
sehen oder Lacken, deren Berichtigang, bez. Ergänzung, sobald sie sich nicht 
sofort aas dem Zosammenhange des Textes selbst ergab, mit Sicherheit dareh 
einen der langem 8aga*s bewirkt werden konnte. Einige Stellen haben unsere 
Bedenken erregt, die wir in Verbindung mit dem was uns sonst von einzelnen 
Ausdrücken, Redeweisen u. s. w. auffiel, hier noch kurz besprechoi wollen. 

1^' Peir urdu epHr §tad§% (p, ti. e. Haddir Adlerst. 4^^|7. dvokku ^fHr 
Fiat I, 97^. Von allen Wbb. fuhrt das Oxf. allein dies interessante Hadgi, 
oder Tielmehr HadiOf a^j. indecl. als ein asr. Xsy. auf, das in der Phrase 
verda $t. sich in einem Verse auf dem Vorsatzblatt der Ups. Edda finde. 
Sehwacher Masculina giebt es mehrere: o/ti^ vantif gdUi u. a. 

2 14-15 g|Q fanden ein Knäbchen unter einer Eiche und ^Jenut mäbrnn* in 
den Zweigen oben darüber. Dies haut kann nicht richtig sein. Der Knoten 
{faiiiitr\ nach dem das Kind seinen Namen Knut erhält, ist der Knoten des 
Seidenbandes, das ihm um den Kopf geschlungen und in welches ein örtag 
Gold geknfipft war, vgL 1*® ^ok kaüa En^ af JM ai guU vor bnyU um emd 
hmu ebenso FUt I, 97*« (rgl. Fms. I, 118—114). Was soU auch ein 'bdir 
mUdU i Ihnmum yfir uppf bedeuten? Dazu kommt, daß Holm, nidit einfaoh 
liest kmUf sondern ihm dasselbe ^ beifügt, wie 7«: nor^^ d. i. Ncregi und 12^*: 
pahuWy d. i. PalncUoki, so daß KtnW nur der Anfang des betreffenden Wortes 
ist; eine Bestätigung bietet Adlerstamm's (an sich offenbar falsche) Lesart A^i 
kmUer ndkifm^ also ebenso wenig einfaches knut. Ich selbst rermag diesen 
Knoten nicht zu losen, vermuthe aber darin ein schfitzendes Dach oder ein 
Zeichen, das die Vorfibergehenden auf das Knäbchen (J>cU var lagt undir vidar 
rmW Fiat I, 97** u. Fms. I, 113*^) aufmerksam machen sollte. 

4^' und 25' zeigen ein wunderbares eig (= eigii non), dem wir nur 
schwed. und dän. aldrig (= aldri-gi) vergleichen könnten, wenn nicht dg hier, 
nicht sowohl für ei-gi, als Tielmehr fSr eij (= e», d. i. dgi) zu fassen ist. 

4** fdkynsl (^fokymul) — ebenso Adlerst. 18^', dagegen in miklo undr 
Fms. XI, 12* und hveH undrit Fiat I, 103** — fehlt in den Wbb.; fdkgnttr 
in Gfsl. (1849) 34' u. ö., ist verschieden, und einfaches kynsl wie kym^^ als 
neutr« pl., in der Bedeutung undr kommen gesondert vor. 

5* enn konungi 9kUdiz ud ord Jarh oh potti »kapUg vera] doch wenig- 
stens Mkilduz (»kOdost Fms. XI, 13^* und skilduxst Fiat I, 104^'^®) wenn aach 
PatH (patte Fiat) bestehen kann. 

7*Vi5 ^ >««* ^^^ — ^ P^^^ '^« Adlerst 27 und Fms. XI, 44", sUtt 
des gewöhnl. bloss i pat mund und ip<ßr mund%r\ 'i pau mund auch Hom. 
holm. 1284. 21 jt^. 

7 und 8 neben dem Nom. Palnir (6 mal), die Form Palna als Gen. 
(1 mal) und als Dat. (3 mal), während Fms. den Dat Paine ^ Gen. Palna 
(XI^ 43^ nsd Fiat (I, 155**) Gen. Pahua aufweisen. 



UTTERATUB: G. CEDERSCHIÖLD, JÖMSViKINGA 8A0A. 107 

10^ illbfjli (= UU Adlent 44^ wohl selten in dieser abstracten Be- 
dentang; Fms. and Fiat, lassen den betrefPenden Passas (Sveins Drohong) 
ganz weg. 

13® [Palnatoka] Hr. Cederschiöld Ues sich darch das %' (in % mcmna\ 
das er hant las, verleiten, vorher PdLnaioka aa ergänzen; doch der Vergleich 
mit Fms. XI, 70^ and Fiat I, 167® ergiebt, daß h. für hundraä steht and 
sonach PalncUdka^ wie es in Fms. and Fiat, fehlt^ so auch hier überflössig ist. 

14^ idim der Hds. ändert Hr. Cederschiöld in t^; doch möchte iäm 
nicht sowohl falsche Lesart ^ als vielmehr nar orthographische Eigenheit sein, 
die sich obwohl vorzagsweise norwegisch, doch auch buweilen in ul. Hdss. findet; 
z. B. hcBidmir = häanir in OH (1849) 81^^ s. Unger (p. IX). 

ISVe Pot^ por LXXX manna hltUgängt (ok Mjdtatt af pvi Ude LXXX 
manna Fms. XI, 89^® ok mi LXXX manna i Wg teknir Fiat. I, 172^) — wohl 
hhUgengir*^ vgL eigi Pykkkir pd hltUgengr edr jafn hinum u. s. w. Eg. cap. 6 
(10« jf). 

20'* hinpcL\ d. i. kempa (ahd. eamphio): pagnator; 'nach Analogie des 
echten kanpr (altfries. kan^): barba, das zu kampr wird S. Bugge. 

22'^ d it »kip wohl kaam richtig statt d pal Mkip Fms. XI, 102*® und 
FUt I, 176«*. 

28*^ pa hreytU id {hltOrinn) % tkdlinm] Hr. Cederschiöld vermathet p. XU: 
breifUi', warum nicht bröUi (Im'oIUi) — se moveret, was Adlerst 189^® bietet and 
aaoh Fritsner and G. Vigfüsson belegen? (Fms. XI, 129® liest frreysCt (?), 
während Fiat diesen Passas ganz wegläßt) 

29^'^^ wird eine laosavisa des Isländer Krleifr skdma aafgefHhrt Auf 
die Frage des Eirfkr jarl, was er mit seiner grossen Keole wolle, antwortet er : 
htfik i hendi 

tu hö/uds gÖTüüf 8Jd ikal verda, 

hembrot Büoy ef v^r lifutn, 

ba Sigwdda, eikOcyl/a 

vd vÜHnga dpörf DlSnum. 

v^m Hdkonar\ 

Wenn Hr. Cederschiöld p. XH die Form dieser visa, die in Fms. XI, 
180 und Fiat I, 189 mit ganz denselben Worten fiberliefert ist, unb^edigend 
nennt, so gestehen wir nicht zu wissen, warum? Denn der etwa auffällige 
Mangel des Objectes {kylfu) in den ersten Versen erklärt sich doch dadurch, 
daß dem Subject der Frage in der sich unmittelbar anschliessenden Antwort 
dessen Prädicierung folgt und deshalb dem in Versen antwortenden Porleifr 
die wiederholte Nennung desselben überflüssig erscheint 

32** 'Mir wird es ergehen, wie meinem Vater rorkell; In wiefern? *li^gg 
pu. dö kann, pd höggr Parkell kann. Jedenfalls umzustellen: ^dö kann (mein 
Vater); högg pdf da dies dö kann nach ^högg pd* ebenso unzulässig als vor 
*pd hög^ PorkeU hamn. (Fms. XI, 148*' und Fiat I, 197«*, auch Adlerst 166 
lassen rorkells Frage und die Antwort weg.) 

Noch bleibt eine Anzahl Stellen übrig, die wir gemeinsam besprechen, 
da sie eine jede für die Beschaffenheit der kürzeren Fassung in Holm, und 
deren Verhältniss zu den längeren Saga's in besonderem Grade charakteristisch 
sind and, wie uns scheint, nur im Hinblick auf dies Verhältniss richtig beor« 
iheilt werden können. 



106 LITTERATUR: O. CEDERSCHIOLD, JÖMSVfKINOA SAGA. 

Obne daß wir dasselbe mm Gegenstand einer Alles um^senden Unter- 
•nebnng gemacbt, glaaben wir docb nacb den gelegentlicben Beobacbtangen, 
die sich nns beim Vergleiebe der yerschiedenen Jömsyikingasögar aufgedrängt, 
Folgendes mit einiger Sicherheit behaupten zu dürfen. 

Der Töllig identischen, langem oder kSrzem Stellen in Holm., Fms. 
(AM), Fiat., Adlerst sind so viele, daß die Verwandtschaft, d. h. der gemein- 
same Ursprang dieser 4 Fassungen ausser allem Zweifel steht. 

Sofort aber scheiden sich quantitativ: Holm, einerseits, die übrigen an- 
dererseits und zwar so — um uns zunächst auf diese zwei zu beschränken — 
daß der oft bis zur Unverständlichkeit kurze Cod. Holm, den völligsten G^en- 
satz bildet zu dem sehr oft bis zur Weitschweifigkeit ausführlichen Cod. AM 
(Fms.). Es liegt die Vermuthung nahe, daß einer derselben, Holm, oder AM, 
das Original und der eine entweder Ezcerpt oder aber Erweiterung des andern 
sei, und zwar — da der kürzere Holm, die um vieles jüngere Hds. ist — 
daß AM das Original, dagegen Holm, dessen Ezcerpt sei. (Die entgegengesetzte 
Annahme, daß Holm, das Original, AM aber die Erweiterung, wird durch das 
jüngere Alter von Holm, nicht unmöglich gemacht; denn da Holm., wie wir 
gesehen, unter allen Umständen nur eine Abschrift ist, könnte ja deren altes 
Original dem erweiternden AM vorgelegen haben) Indessen jene Vermuthung 
ergiebt sich durchaus als unhaltbar im Hinblick auf die Eigenthümlichkeit des 
Vortrags in einer jeden dieser Fassungen. Nicht die Kürze und die Ausführ- 
liehkeit an sich und überhaupt, sondern die eigenthümliche Art der einen wie 
der andern ist es, die bestimmt darauf hinweist, 1. daß Holm, ebenso wenig 
all AM ein Original, 2. daß beide von einander unabhängig sind und daß 
dem excerpierenden Holm, und dem erweiternden AM eine dritte Fassung zur 
gemeinsamen Vorlage diente; fast will es uns scheinen, daß uns deren Bild für 
Holm, durch Adlerst., für Fms. (AM) durch Fiat vermittelt werde. 

Dieser ezcerptartige Charakter des Cod. Holm., mit dem wir es hier zu- 
nächst zu thun haben, und dies Bestroben nach möglichst kurzer Ausdrucks- 
weise, selbst auf Kosten der Verständlichkeit , ja sogar der Richtigkeit, tritt an 
einigen Stellen deutlich hervor; Verständlichkeit and correcte Form ergibt sich 
in der Regel alsbald durch Vergleichung mit den andern Fassungen. 

Von solchen Stellen möchten wir namentlich folgende hervorheben; es sei 
erlaubt, daß wir uns hierbei der normalen Schreibweise bedienen: 

3^^: *t>cU mun vera fyrir ofridi storefUs manna hir i landi ok per ntmir 
i fr€Bnd9emi . Mit diesem unverständlichen und unsyntactischen : o, p, n. i 
fr. vgl. pcU mun r. /. 6Jt, st, ok finnaH h6r i Danmötk .... pess er mir ok 
vdn at pdr menn sumir sd pir ndmr at froendHimi er vid verda htaddir vid 
nokkam üfridirm Fiat. I, 101*«"**, Fms. XI, T'^'^a. 

3<3-S4 ^ ^ hverjum misserum pddan frd par lü er hallcerit kam enn pd 
müeadi pau aus ekki . . . Das ungehörige enn entstand beim Elzcerpieren von 
FUt I, 101«® ff. und Fms. XI, 6 ff: 

5* ok meiri vdn at pessum firdi (fridi) afspringr nokkurr,] Hr. Ceder- 

schiöld vermuthet p. XII darin einen Fehler; er ergibt sich einfach aus Adlerst. 

19*^, wo denselben Worten die von Holm, eben weggelassnen, folgen: at (lies: 

af) üfridi peim d Lfmaßördum-^ ausführlicher in Fms. XI, 13* ff. und Fiat. 

i J04l 



LITTERATUB: G. CEDERSCHIÖLD, JÖMSViKINGA SAGA. 109 

1^ ok fddu d pd tjöld wird nur verständlich durch da« in Fms. XI, 
46^^*^ und Fiat. XI, 154^*^34) vorausgehende peir Aki kafa tjöld d landi. 

9'^ und 9^^ dtti wäre nur haltbar, wenn der erst später eintretende wirk- 
liche Besitz schon hier bezeichnet werden sollte, doch richtiger wohl cetti, d. h. 
er hätte oder er sollte haben, wie für das erstere dtti in der That Fms. XI, 
50^^ und Fiat. I, 156^ oMi aufweisen; für das andere dUi liest Fms. XI, 51^: 
diU aJt hafa und Fiat I, 157'^: dtti at iaka. 

lö'^^Cund ebenso 18*''') f deshalb wurde er Strutharald genannt, weil 
er einen Hut hatte, er büinn var med X merkr gulW], Was heißt: ein Hat, 
gefertigt mit (d. i. aus! s. G. V. 419**) 10 Mark Goldes und inwiefern eine Er- 
klärung des Namens Stnlt'{Haraldr)'^ Fms. XI, 77^ ff. (vgl. 85**) and Fiat I, 
167^* ff. (vgl. 170*^) berichten: kann dtti höU einn pann er Hrdtr var d nd- 
km, kann var af brendu gtUle giörr ok 9vd mikill, at härm etdd 10 merkr guüSf 
ok padan af fekk kann pat nafn at kann var kalladr Str. 

20^^ ok eigi byd ek hanum petta med minna kappi enn Sigvaldi beri§ vid 
ose u. s. w.] lies: m. m. k, enn evd at S. b. v, o. mit Fms. XI, 94*^ und 
FUt I, 173'». 

25"-** skjött er pat sc. at eegja mit Fms. XI, 114** und Fiat I, 182**. 

25 18- 19 'iiJq),^ 2u erwarten, daß ihr den Hakon besiegt, sobald er vorher 
von euch bort (und sich vorbereiten kann add. Fms. XI, 115** und Fiat I, 
183'), ef er tigriz pö eigi at kann viti önga van f] diese letzten Worte — in 
Fms. bloß : ef pir fdit nd dsigr — erhalten ihren Aufischluß nur durch Fiat : 
ef nokktU er pees at pir farit pd ösigr pö at engi friU fari fyrir ydr. Der 
Sinn ist: ^während ihr, auch wenn der Jarl keine Ahnung von eurer Ankunft 
hat, dennoch nicht siegen werdet ; Astrid prophezeit also für jeden Fall ihre 
Niederlage. 

27* oA; flyr undan peim allir peir ei pvi koma vid okpö drepa heir Jjölda 
fölke u. 8. w.] vgl.: ^ok flyr hotvetna undan herinom Fms. XI, 122** *okfl. h! 
Fiat I, 186**. Holm., ohne das bewahrte flyr der Vorlage noch lu beachten, 
verändert hotvetna in Mir peir, fügt ihm aber die WW. bei: *er pvi koma vi^ 
(die es, nämlich zu fliehen, vermögen), welche auf einen zweifachen Ausdruek 
der Vorlage zurückzugehen scheinen, theils auf die WW. : eem peir koma 
Fiat oder $em peir koma vid^ Fms. ( wohin sie, nämlich die Jömsvfkinger kommen), 
theils auf die WW.: "^ hotvetna pat er komast ma Fiat, oder ^hotvetna pat er 
. . . undan ma komast Fms. (alles was nur entkommen kann), während andrer- 
seits die WW. ^ok pö drepa u. s. w. die im Holm, folgen, in Fms. und Fiat 
dem ^flyr u. s. w. vorangehen. 

31** "illa hefir pinn fadir pd haldii kaum verständlich ohne die WW.: 
ef pd skaU deyja Ur Fms. XI, 144* und Fiat I, 195*®. 

KIEL, Febr. 1876. TH. MÖBIUS. 

NS. Ich verweise nachträglich auf Jac. Grimmas Anz. von Jömsvfk. 
Kpmh. 1824' in Kl. Sehr. IV, 274—281 und auf Konr. Maurers Anm. 21 
in seiner Abhandl. *üb. Altnord.' S. 106 — 113; leider kamen mir beide höchst 
leaenswerthe Artikel zu Gesicht, nachdem ich das Mscr. obiger Anzeige schon 
abgesendet 

KIEL, 21. März 1876. TH. MBS. 



] 10 UTTERATUR: A. HARTMANN, WEIHNACHTLIED U. WEIHNACHTSPIEL. 



Weilmaohtlied und Weihnaohtspiel in 0b6rbaienL Von Angiut Hartmann. 

Sonderabdmck aus dem 84. Bde. des oberbairischen Archi?B. München. 
Christian Kaiser. 1875. gr. 8®. 190 Seiten. Preis 2 Mark. 

I>er Verf. bezeichnet die Aufgabe « die er sich gestellt, S. 8 wie folgt: 
,,Ein verdienstliches Werk, £. Wilkens G^eschichte der geistlichen Spiele, läßt 
zwar die bis in die letzten Jahrhunderte hinabreichenden Ansläofer nicht TÖllig 
bei Seite, *will aber nur da ans dem Mittelalter in die neaere Zeit übergreifen, 
wo der Lanf der Entwickelong keine Schranke duldet'. Ohne diesem Standpunkt 
seine Berechtigung abzusprechen, stelle ich doch umgekehrt meiner Arbeit 
hanptMchlich die Angabe, das Alte im Neueren henrorzuheben und in ein 
Ganzes zu rereinigen.'' 

Da es dem Verf. namentlich um Herausgabe von Weihnachtliedem und 
Spielen zu thnn ist, wie sie in Oberbaiem noch im Schwang sind oder min- 
destens bis in unser Jahrhundert herein waren, so versteht es sich wohl von 
selbst, daß er so verfahren mußte. 

Aus Oberbaiem fehlte uns bisher noch jede Nachricht über diesen Gregen- 
stand. Um so überraschender erscheint das hiermit mit Umsicht und Ver- 
stSndniss Mitgetheilte , indem es sich in der That als ein höchst werthvoUer 
Beitrag zur Geschichte des deutschen Volksscbauspiels herausstellt und einen 
Zusammenbang ersichtlich macht, der bisher wohl vermuthet, aber lange nicht 
so deutlich und bestimmt hervorgetreten war, wie dies nun durch diese ober- 
bairischen Spiele der Fall ist. 

Die geschichtliche Einleitung S. 7 — 30 hält sich an das Buch Wilkens, 
allerdings ohne die Erinnerungen Schönbach's Ztschr. f. d. Philologie 4, 364 £L 
zu berücksichtigen. 

Die Spiele, die seit vielen Generationen in den Händen des Volkes sind, 
sich beim Volke forterhalten und nicht mehr in der Kirche, sondern ausserhalb 
derselben, ohne Theilnahme der Geistlichkeit, dargestellt werden, sind so vielen 
ZnfiiUigkeiten unterworfen, daß sie von den kirchlichen Spielen, die von der 
Greistlichkeit, als ein Theil der kirchlichen Feierlichkeiten, bei festen Formen 
bewahrt werden, zu trennen sind. In die volkmässigen Spiele sind neue Zu- 
sätze hineingekommen, die man auf alte kirchliche Vorbilder nicht mehr zurück- 
zuführen vermag. 

Es sind in der Entwickelung der Volkssprache und der Volksdichtung im 
Beginno der neuen Zeit Momente »ingetreten, die die Darstollung einec ununter- 
brochenen Zosammeuhang» mit der Vergangenheit ausserordentlich erschweren. 
Welche Kluft öffilet sich immer noch der Forschung zwischen den Mundarten, 
wie sie in Sprachdenkmalen der mittleren Zeit erscheinen, und deren gegen- 
wirtigem Stand I Aber auch in der Entwickelung der Dichtung bemerken wir 
beim Beginn der neuen Zeit Wandlungen, die den Zusammenbang mit der Ver- 
gangenheit formlich zu zerreissen scheinen. Ich hoffe auf diesen Punkt noch 
einmal in anderem Zusammenhange zurückzukommen. Welcher Umschwung ist 
eingetreten in dem Treiben der Meistersinger im 16. Jahrhundert! 

Indem die älteren Meistersingerhandschriften bis in's 15. Jh. noch an der 
Erh^chMh der JCionesinger zehren und Lieder FrauenloVs| Heinrichs von Mügeloi 



UTTERATUB: A. HARTMANN, WEIHNACHTLIED U. WEIHNACHT8PIEL. Hl 

aber auch Wolfram's, Walther^s, Konrads tod Wirzburg, des Mamer*s, des 
StoUen n. a. neben neuem Diehtnngen bringen, sind in den Meistersingerhand- 
schriften aus der sweiten Hälfte des 16. Jhs., in der der Meistersang m&chtig 
neu aufblühte, diese Überlieferungen auf einmal wie yerschwunden. Eoium 
daß die Namen älterer Dichter noch in ihren dornen fortleben. Die G^edichte 
selbst behandeln fast ausschließlich nur Oegenstände der heiligen Schrift; von 
Minneliedem keine Spur. Die Ausbreitung des Evangeliums im Sinne der 
Reformation, das ist der Gegenstand, dem sich nun der Meisteraang zuwendete. 
Der Aufschwung, den er im 16. Jh. nahm, knäpft nur äusserlich an die Über- 
lieferung, der eigentliche Anstoß, den er erhält, geht aus Tom Protestan- 
tismus, von ihm hat er neuen Inhalt gewonnen, durch den er sich gehoben 
fuhlL Die Meistersinger zu Iglau in Mähren wollen, nach dem Wortlaute einer 
Bittschrift von 2. April 1571 daselbst „ein bruderschaft und Schulordnung bei 

dieser stat anrichten got zu lob und ehr und ausbreitung tdnes $eU^ 

machenden Wortes und den jungen geseUen zu anleitung , daß sie sieh 

darifme ubeten und in der heil, schrift erfaren tDurden*^^ s. meinen Aufsatz: 
Meistersinger in Osterreich, germanist. Studien II, 8. 205. Die Singschule zu 
Pimitz in Mähren wird ausdrücklich eine „akatholische Singschule ** genannt, 
das. S. 204. 

Einen ähnlichen Umschwung müssen wir in jener Zeit, in der zweiten 
Hälfte des 16. Jh., annehmen in der Entwickelung des volksmässigen geist- 
lichen — nicht kirchlichen — Schauspiels. Er hängt zusammen mit der pro- 
testantischen Bewegung, mit dem Interesse des Volkes für das Evangelium. 
Gewiß kam es nun in manchen Gegenden vor, daß sich Gesellschaften bildeten 
nach dem Vorbilde der Meistersinger, um heilige Spiele einzuüben, 
auch ausdrücklich um sich mit der heiligen Schrift zu beschäftigen und in den 
kirchlichen Gesängen zu üben. 

Das ist allerdings eine Annahme, die ich mir erlaube, indem ich aus den 
gegenwärtig noch vorkommenden Gepflogenheiten von Spielgesellschaften auf 
ihre Vergangenheit, ja auf ihren Ursprung im 16. Jh. zarückschliesse , ich 
glaube aber mit Recht. Es sei mir gestattet, hier auf diesen Gegenstand ein- 
mal näher einzugehen, wodurch ich zur Würdigung der Mittheilung Hartmann's 
beizutragen hoffe. 

Auf dem ungrischen „Heideboden^, in der Wiesclburger Gespanschaft 
und in dem benachbarten Presburg und Oberufer haben sich bis in unser 
Jahrhandert, zum Theil bis zur Gegenwart, bei den protestantischen deutschen 
Gemeinden — » erst in unserem Jahrhundert, soviel bekannt ist, tauchte die Er- 
scheinung auch bei einer katholischen auf — Spiele erhalten, die zu Ende des 
16. Jhs. entstanden sind. Sie sind das Eigeuthum der Nachkommen von ver- 
triebenen Protestanten aus Osterreich, Steiermark, Kärnten, die etwa zwischen 
1597 und 1633 eingewandert sind. Indem man sonst in deutschen Gegenden 
nur unvollständig, meistens durch mündliche Überlieferung erhaltene, geistliche 
Spiele antrifft, die, obwohl sie Manches miteinander gemein haben, doch nicht 
an zwei Orten gleichlautend gefunden werden, so haben die protestantischen 
Gemeinden des ungrischen Heidebodens gleichlautende Texte eines Weihnacht- 
spiels, eines Paradis- und eines Fasnachtspiels abschriftlich bewahrt in den 
Orten Presburg, Oberufer, Ragendorf, Deutsch-Jandorf (Taaden, Gols, Karlbnrgt 
StraQaommereln, Leiden, Kaltenstein) , NicketedoT^^ Tkatn^^xl ^o^cA ^^^ \i^ 



112 UTTERATUB: A. HARTMANN, WEIHNACHTLIED U. WEmNACHTSPEEL. 

mehrereo noch*). Mit den Texten haben sich bei ihnen die Sitten nnd Ge- 
briUiche« die bei der Aufführung beobachtet werden, auch das Zusammentreten 
au Gesellschaften, die sich an gewisse Vorschriften binden , bis 4n unser Jahr- 
hundert erhalten. 

Es ist hier demnach eine Erscheinung ganz eigener Art Torhanden; ein 
Yolksdrama, das in unreranderter Gestalt Jahrhunderte hindurch gepflegt wird 
und twar ohne Einfluß der Geistlichen oder Gelehrten, gana allein vom armen 
Landvolke. Nicht aber nur tou ^iner Gemeinde etwa, es gehört mit zu den 
Sitten und Gebräuchen eines ganzen Volksstammes, der in fremden Lianden eine 
Welt för sich bildet. Von erstem Adrent bis Heilige Dreikönige wurden an 
Sonn- und Feiertagen überall in den genannten Orten diese Spiele aufgeführt. 
Wenn an einem Orte die gehörige Anzahl geeigneter Spieler nicht aufzubringen 
war, so kamen wohl Spieler aus benachbarten Orten an den Werktagen zwischen 
erstem Adrent und Heilige Dreikönige und durften spielen. Die Erlaubniss dazu 
wurde mit Räthselfragen erkämpft. Der Hauptmann des Herodes Ton der 
fremden Spielgesellschaft trat vor und forderte zur Beantwortung seiner Rathsel 
auf. War aber nun eine einheimische Gesellschaft Torhanden, so trat sie ihm 
entgegen, legte ihm ihre Räthsel vor und er mußte mit seiner Gesellschaft 
abziehen, da er sie nicht beantworten konnte. Eine Sitte wie sie ähnlich im 
nord. Alterthuro, bei den Angelsachsen, bei den Liederdichtem des deutschen 
Mittelalters und fortwährend in den Schulen der Meistersänger, aber auch Im 
deutschen Volksgesange vorkommt, s. Uhland*s Schriften HI, 182. 

Sind diese Spiele nun schon wegen dieser Pflege, die sie geniessen, so 
wie auch wegen ihrer poetischen Abrund ang, von Bedeutung, so gewinnen sie 
noch durch den Umstand, daß die meisten bekannten volksmässigen Weihnacht- 
spiele mit ihnen näher oder femer verwandt sind. So vollständig und gut er- 
halten als die deutsch-ungrischen sind aber alle die übrigen Spiele nicht; sie 
enthalten, im Vergleich zu den ungrischen, nur Splitter, Trümmer derselben. 
Daß sie bei den Exulanten sich besser erhielten als bei den zurückgebliebenen 
Brüdern, die katholisch geworden sind, das liegt eben dann, daß diese katho- 



*) Von den eingeklammerten Orten weiß ich nur, daß dort gespielt wurde, von 
Handschriften daselbst habe ich keine Nachricht. Die Presbnrger, die im Besitze der 
Spiele sind, sind gleichfalls Protestanten und zwar Weingärtner, „Hsaer% die in der 
Vorstadt wohnen und mit den Protestanten des Heidebodens und Obemfers vielfach 
verschwägert sind. Aach in den benachbarten Orten Ratschdorf, St Georgen nnd Bösing 
haben sieb im 17. Jh. protestantische Flüchtlinge niedergelassen, die mit den Pres- 
bürgern und Heidebanern verschwägert sind. Die Obemferer haben auch noch 1868 
in St. Georgen gespielt — Wann und wo zuerst gespielt wurde ist nicht bekannt 
Die älteste Aufführung von der wir wissen fand 1652 in der protestantischen Gemeinde 
zu Bagendorf statt Die Spiele wurden daselbst aber anch noch 1773 in Ehren ge- 
halten, so wie in Presburg noch 1792 und bis heute noch in Obemfer bei Prote- 
stanten. Erst in neuerer Zeit scheinen die Spiele anch von Katholiken gespielt 
worden zu sein. Ob die im Besitz des Benedictiners Stachowitz in Raab bennd&che 
AbsehiÜt, die 1810 ein gewisser A. Lang fertigte, für Katholiken oder Protestanten 
gemacht ist, weiß ich nicht Die einzige AnffÜhmng in einem katholischen Ort, von 
der ich Kunde habe, fand 1850 in St. Johann statt. Von einer spätem, die erst nach 
Erscheinen meines Buches und angeregt darch dasselbe stattfand, habe ich berichtet 
Meistersinger in Osterr. S. 238. Die Gesammtzahl der Bevölkerung des Heidebodens 
beträgt gegen 28,000 Seelen, davon sind nur etwa 8000 Protestanten, wobei freilich 
die Protestanten von Presburg, Oberufer, Batschdorf, St Georgen, Bösing etc., Orten 
die nidit zum Heideboden gehören, nicht gereehnet sind 



UTTBR^TUB: A. HARTliANN, WEIHNACHTLIED U. WEIHNAOHTdPIBL. US 

liich geworden, jene Protestanten geblieben sind und daher auch ihre gnten Schalen 
behielten, während bei den Katholiken der Unterricht herabsank. Bevor ich 
das Treiben der „Kumpanei^ in Oberufer, der Brüderschaft, die die Weihnacht* 
spiele pflegte, kennen lernte, hatte ich selbst keine richtige Vorstellong von 
dem „Sieh üben in der Schrift — und in den Gesängen^, wie das dort noch 
185S getrieben wurde, ganz im Geiste der Meistersinger zu Iglan im Jahre 1571, 
an die ich oben erinnerte« — Ich fand da unter anderm die Sitte, daß diese 
Leute, Alt und Jung, lange Winterabende hindurch, zusammen sassen und um 
die Wette im Aufschlagen in der Bibel sich übten. Sie stellten sich schwierige 
Fragen, die mit Belegstellen aus der heiligen Schrift zu beantworten waren. 
Es war ihr Stolz, daß sie bei jedem Anlaß sogleich ein passendes Lied aus 
dem Gesangbuch anzustimmen wußten. Auf unnütz Geschwätz stand Geld- 
strafe, so bei der Kumpanei der Weihnacht8i)ielbrüderschaf%, wie in der Schule 
der Meftstersinger von ^lau; s. Meisters, in Ost, S. 202« 

Die Texte der Spiele hatten aber Stellen aus Hans Sachs angenommen. 
Den König Melchior im Weihnachtspiel soll ein Greis mit weissem Bart spielen, 
ein »Meistersinger'', so nennt man den Darsteller heute noch. Es ist der Vor- 
sänger in den Chören. Wenn zwei Spielgesellschaften sich gegenüber treten 
und sich Räthsel aufgegeben, singen sie sich zu: ^Grüeß euch GU>tt meister- 
singer hochgeboren, Gott hat dich zeinem meistersinger auserkoren etc. darauf: 
'dank euch Gott, meistersinger mit al dein fragen, daß du mich so trostreich 
tust fragen etc. oder: 'bist mir ein singer, iez wil ich dich fragen. In einem 
allgemeinen Begrüssungsliede heißt es: grüeßen wir unsere meistersinger gut 
und grüeßen den meistersinger sein hut etc.'. Ganz wie in einer Strophe Peter 
Zwinger's aus dem 15. Jh.: Got griieß die singer in der singer schule, got 
grüß die meister uf der kunsten stule, got grüeß uch meistersinger al gelich etc. 
Germ. 5, 210 f. 

Wenn wir finden, daß die Spiele Verse von Hans Sachs aufgenommen 
haben (das ist der Fall in dem Vordemberger Spiel, im Kremnitzer Spiel, im 
deutschungrischen Spiel von Oberufer etc. und — wie wir nun wissen — im 
oberbairischen Spiel), so ist anzunehmen, daß die Texte nach Hans Sachs 
entstanden sind, also nach 1560, in welchem Jahre Hans Sachsens Weihnacht- 
spiel erschien. Femer wird aus dem Umstände auch eine Beziehung zu den 
Meistersingern wahrscheinlich. H. Sachs hat den Band reiner Werke, der das 
Spiel enthält, einem Herrn von Gastein dediciert. Wenn wir nun in den Jahren 
zwischen 1562 — 1620 ein Aufblühen des Meistergesanges in Österreich, Steier, 
Kärnten, Mähren nachweisen können (von 1562 datiert die Tabulatur der 
Singer von Steier, Kärnten, Österreich, L. Wesels von Essen, 1571 entsteht 
die Singschule in Iglau, 1586 — 1590 entsteht eine Hs. von Dichtungen der 
Meistersänger, gesammelt von Peter Heiberger, fortgesetzt zwischen 1612 — 1615), 
wenn wir nachweisen können, daß der Meistergesang in den Jahren gedeiht, 
wo der Protestantismus sich regen darf und verstummt in den Jahren, in denen 
er unterdrückt wird; wenn wir ferner bei den Nachkommen der gegen Ende 
des 16. Jh. bis gegen 1620 aus Österreich, Steiermark, Kärnten vertriebenen 
Protestanten Weihnachtspiele antreffen, die vollständiger erhalten sind als bei 
ihren zurückgebliebenen katholisch gewordenen Brüdern, Weihnachtspiele, mit 
denen Erinnerungen an H. Sachs, an den Meistergesang, an Sitten und Ten- 
denzen der Meistersinger verbunden sind, dann> d^u^. \Ocv^ ^\x^ ^^x Xs^vsk. 

OKSauni. Nw€ Reih« iX (XU,) Jahry. ^ 



114 LITTBRATUB: A. HABTIfANN, WEIHNACHTLIED U. WEIHNACHT8FIEL. 

erheOende ZuBammenhaog auch denjenigen ei nieachten, die bisher über die Be- 
merking nicht hinweg konnten, daß das geistliche Schauspiel in Deatschland 
uralt sei und weit über die Anfange der Reformation hinaus reiche, was noch 
Niemand geleugnet hat. 

Besonders merkwürdig an den von Hartmann mitgetheilten Spielen iai 
die wörtliche Übereinstimmung derselben in etwa 94 Versen mit denen tob 
ungesehen Heideboden. Das Dreikönigspiel aus Rosenheim wurde noch um 
1846 gespielt. Der Lehrmeister des Spiels war, wie in Oberufer noch 1854, 
ein Zinunermann. So ein Dorfsimmermann, halb Bauer halb Handwerker, durdi 
sein Gewerbe, das das des heil. Joseph ist, schon eiirwürdig, konnte auf der 
Wanderschaft wohl mit Meistersingern bekannt geworden sein und den Zu- 
sammenhang derselben mit dem Landvolke herstellen. Eine Handschrift ist in 
Rosenheim nicht vorhanden. Der von Hartmsnn mitgetheilte Text ist aus der 
Erinnerung alter Leute niedergeschrieben. Sie sind katholisch. Hartmaan be- 
merkt dazu mit Recht: „Gewiß ist es nicht ohne Interesse, ein suerst in Ungarn 
entdecktes Denkmal auch in Deutschland zu begegnen, noch dazu in nemlicher 
Entfernung.^ S. 12 bespricht der Herausgeber die Stellen, die ans H. Saehs 
entlehnt sind und wendet sich gegen eine Ansicht, die er mir zuschreibt: 
„Schroer erklärt dies S0| H. Sachs habe in den fraglichen Stellen ein schon 
vorhandenes volksmässiges Spiel benützt. Sicher kannte H. Sachs ältere Spide 
und ohne Zweifel waren sie ihm bei seiner Dichtung bis zu einem gewissen 
Maaße gegenwärtig. Daß er aber jene Stellen direct entlehnt, ist mir nicht 
wahrscheinlich, vielmehr dürften entschieden die volksthümlichen Spiele aus H. 
Sachs geschöpft haben. ^ 

Als ich die Stelle las erschrak ich in der That darübcTi daß ich so 
etwas, wie mir hier zugeschrieben wird, behauptet haben soll. Zum Glück bt^ 
sagt aber die Stelle S. 174 in meinem Bache, auf die hingewiesen wird, so 
ziemlich dasselbe, was auch H.'s Ansicht ist. Es heißt dort: „Dies scheint die 
Vermuthung zur Gewißheit zu erheben, daß ein volksmäßiges Weihnachtspiel 
vorhanden war, das H. Sachs für den 8. und 9. Act seines Spieles und zur 
Anlage der Hirtenscene benutst hat; möglich daß dann an dem volksmäßigea 
Spiele wieder gefeilt wurde und auch aus H. Sachs einige Verse wieder 
aufgenommen worden sind.^ — So war es gewiß und ich bedaure nur, daß ich 
hier y^möglich* gesagt habe, denn es ist ja eine Thatsache : das Volksschauspid 
hat offenbar aus H. Sachs einige Stellen entlehnt Es muß zu Ende des 16. Jh. 
in Kreisen, die mit Meistersingern in Verbindung standen, vielleicht unter Ein- 
fluß ^ines versprengten Meistersingers — dessen Andenken im Altkünig Melchior 
dem ^^Meistersinger'' noch fortlebt — ein neuer Text des Weihnachtspiels und 
Paradiesspiels sich constituiert haben, zu dem die alten volksmässigen Spiele 
aber auch von H. Sachs schon benutzt wurden. Neu hinzu gekommen ist der 
tragische Schluß unseres volksthümlichen Spiels, wie es sich nun gestaltet 
hatte, was ich schon in meinem Buche, in Hinblick auf die Weihnachtspiele 
von H. Sachs, Edelpöck u. a. bemerkte*). Gegen diese Ansieht verweist nun 
Hartmann S. 12 f. auf H. Sachsens Stück: ^tragedi der wütrich könig Herodes 



*) Bemerkenswerth ist, daß^ wie ich in meinem Bache S. 173 bemerkte, die 
Presburger Hs. an einer Stelle, wo die Obemfer Hs. H. Sachs folgt, einen Wechsel- 
gmaag hMt, 



UTTEB^TUB: A. HARTKANN, WEIHNACHTLIED U. WEIHNACHTSPIEL. 115 

wie der sein drei son nnd sein gemahel ambbracht.^ Diese Tragödie ist Ton 
H. Sacbs ^aus Josephe gennmen^, also gewiß kein Volksschauspiel und daraus 
stimmen drei Stellen, je ein Reimpaar, mit Stellen des Obemferer Spiels über- 
ein. Wenn alle drei Stellen wirklich ans H. Sachs entlehnt sind, was nur bei 
der ersten gewiß scheint, so spricht das doch nicht im Geringsten gegen meine 
Anschaanng. Sie werden ebenso aus H. Sachs hereingenommen sein wie die 
Mheren« Daß aber im Volksschauspiel das Spiel zu einem tiefempfundenen 
tragisehen Abschloß gelangt, das ist dem Volksschauspiel eigen und daran hat 
H. Sachs gar nicht gedacht! — Es seheint mir statthaft anzunehmen, daß erst 
durch die .tiefgehende Bewegung in den Geistern, in der Zeit als sich die Re- 
formation ausbreitete, als unter Leiden und Verfolgung der Protestanten der 
ELampf f&r den Glauben Volkssache wurde, gegen Ende des 16. Jhs., als auch 
die Faustsage (vom Weltgelehrten der mit dem Bösen im Bunde ist, im Gegensatz 
in dem Gottesgelehrten Luther, der ihn bekämpft) sich rasch zu einem er* 
schüttemden Ganzen abrundete, als in England Shakspeare sich entfaltete, das 
Gef&hl f&r das Tragische beim Volke sich deutlicher herausbildete. — Daß H. 
Saehs die Mordgreuel innerhalb der jüdischen Königsfamilie als einen selbstän- 
digen Stoff behandelte und den Tod Herodes des Ghroßen nicht in Zusammen- 
hang brachte mit Christi Geburt und mit dem bethlehemschen Kindermord, wie 
das volksmässige Weihnachtspiel thut, das zeigt uns eben, daß er das Bedürfniss 
nicht hatte, das Schauspiel zu einer wahren Tragödie zu vertiefen. Die Hand- 
lung des Herodes ist an sich nur abscheulich, nicht tragisch, sie wird es aber, 
indem das Volksschauspiel ihn Reue fühlen läßt, wo es zu spät ist. Indem er 
erfährt, daß der Mord vergeblich geschehen, erfüllt ihu Entsetzen und er ver- 
fällt in Wahnsinn, der Teufel tritt auf und trotz alles Flehens des Herodes 
muß er ihm folgen. — Der Schluß des Weihnachtspiels, wie er in den Texten 
vom ung^chen Heideboden erhalten ist, ist ein Prachtstück volksmässiger 
Dramatik, dem nur der Schluß des volksthümlichen Faust an die Seite zu 
stellen ist. 

Nach den Auftritten wie der Engel die Könige mahnt nicht zu Herodes 
zu gehen , um ihm , wie sie versprachen , zu sagen, wo der Heiland geboren, 
nachdem der Engel Joseph und Maria geheißen zu fliehen und die heil. Familie 
nach Egypten geflohen^ tritt Herodes auf. Er wundert sieh, daß die 3 Könige 
nicht kommen. Er sieht sich verrathen. Zorn nnd Angst vor dorn neugebornen 
König der Juden ergreifen ihn. Er befiehlt den Kindermord. Gegenvorstellungen, 
die ihm gemacht werden, weist er mit steigender Wuth zurück. Zuerst ein 
Weib, dann einen Mann. Letzterer wird zum Tod vernrtheilt Er wird hinaus- 
geführt, indem er entsetzlich schreit und ein Knecht ein blankes Schwert ihm 
an den Hals setzt. Bald erscheinen die ELriegsknechte und berichten über den 
geschehenen Mord. Aber der Hauptmann sagt: alle Knäblein haben wir ge- 
todtet „aber den neugebornen König haben wir nicht gefunden^. Herodes fühlt 
sich wie vernichtet („halber todt^). Er zieht das Schwert nnd will ihn selber 
suchen, bricht aber zusammen und verfällt in Wahnsinn. Der Engel tritt vor 
ihn, macht ihm Vorwürfe wegen des Kindermords und übergibt ihn den Teu- 
feln. In steigender Verzweiflung bittet Herodes um sein Leben. Doch der 
Teufel wirft die Kriegsknechte des Herodes auseinander und trägt den jam- 
mernden Herodes hinaus. 



116 LITTERATUR: A. HARTMANN, WEIHNACHTUED U. WEIHNACHTSPIEL. 

Doch haben wir allerdings Kunde Ton einem Weihnachtspiel, das schon 
1589 zu Berlin aufgeführt wurde und das damit schließt, daß den Herodes 
nach dem Kindermord die Teufel zerreissen. Es ist das Spiel: von der liebl. 
gehurt unsers Herrn etc. zu Cöln an der Spree gehalten durch Henricum 
Chnustinum (gedruckt) 1641 (neu gedruckt, Berlin, W. Hertz, 1862). Das- 
selbe enthält keine wörtliche Übereinstimmung mit Spielen die mir bekannt 
sind*). Am Schluß, mitten in der Scene wo Herodes seine Freude über den 
Kindermord ausspricht, kömmt Ghibriel y,percutit gladio Herodem et 
dicit"« Er verflucht ihn und tröstet die leidenden Mütter. Herodes empfindet 
keine Reue, sondern befiehlt, daß man alle Reichen tödte, damit man über 
seinen Tod sich nicht freue, sondern weine und ersticht sich : „hie diaboli cum 
diripiunt.^ Ein Canticum diabolorum spricht noch Jubel darüber aus y^wenn die 
großen Hanse und Herrn also sich wollen zu uns kem^. — Es ist also 
auch noch keine Spur von der tragischen und dramatischen Ausführung, die 
das Yolksmässige Weihnachtspiel auszeichnet. Nur der Zug, daß Herodes sich 
tödtet und die Teufel ihn zu sich nehmen ist schon da. Das Volkaschauspiel 
hat ihn aufgegriffen und ausgebildet Freilich, der Zug kann auch anderswo 
vorkommen, wie sollte gerade diese Berliner Schulcomödie dem österreichischen 
Volksschauspid eine Anregung gegeben haben? — Es scheint unwahrscheinlich 
und doch ist ein Zusanmienhang — er möge wie immer erklärt werden — vor- 
handen. Indem Herodes sich ersticht spricht er (nach den Worten i^hic sese 
transfodit^) : 

^Wolan so far ich in Abrams garten.^ 

Darauf Gabriel: 

„Ir Teufel thut seiner warten.^ 

Vgl. meine Weihnachtspiele S. 120 

Herodes spricht: 

^Ich far dahin in Abrahams garten. '^ 

Engel spricht: 

„Ir teofel tut nur seiner warten!^ 
kann diese Übereinstimmung Zufall sein? 

Ich glaube, wir sehen hier der naiven Volksdichtung bis auf den Orund. 
Sie nimmt Elemente auf, wo sie sie findet und bildet sie selbständig aus« 

Ich will hier nur noch zu dem von mir mitgetheilten Stemgomlg b6- 
merken (Weihnachtsp. aus Ungarn S. 59 f. vgl. dazu Hartmann S. M)^*' 
dieses hymnenartige Grüssen (Segnen) von Sonne, Mond und Sternen 
Umschreibungen des Gesanges der drei Männer im Feuer (V. 58 — 89)' 
zuführen ist, vgl. Diemer 854 f., dazu Müllenhoff- Scherer S. 407, 
Grcrmania V, 210. Uhlands Volkslieder 3. 

Zu den Träumen der Hirten Weihnachtsp. S. 83 — 85 sind 
vergleichen die wörtlich übereinstimmenden Lieder, die aus einem 
aus Kärnten vom Jahre 1623 mitgetheilt sind bei Lezer, kämt 
S. 303. 312. 

8CHRÖE 




*) Der formelhafte Gebrauch von weis in: die magi weis, der König 
Zebaot weis erinnert an die deutsch-ungr. Spiele; s. Eva weis S. 124. iS't 
hua Sibniä we)a s. Scbmeller IV, 181. 



UTTERiiTUB: A. HARTMANN, WEIHNACHTLIED U. WEIHNACHTSPIEL. 115 

wie der sein drei son nnd sein gemahel nmbbracht.^ Diese Tragödie ist von 
H. Sachs ^ans Josephe genumen^, also gewiß kein Volksschauspiel und daraus 
fünuDen drei Stellen, je ein Reimpaar, mit Stellen des Obemferer Spiels über- 
ein. Wenn alle drei Stellen wirklich ans H. Sachs entlehnt sind, was nur bei 
der ersten gewiß scheint, so spricht das doch nicht im Geringsten gegen meine 
Antchannng. Sie werden ebenso ans H. Sachs hereingenommen sein wie die 
firfiheren. Daß aber im Volksschanspiel das Spiel zn einem tiefempfundenen 
tragisehen Abschloß gelangt, das ist dem Volksschanspiel eigen und daran hat 
H. Sachs gar nicht gedacht! — Es scheint mir statthaft anzunehmen, daß erst 
durch die .tiefgehende Bewegung in den Geistern, in der Zeit als sich die Re- 
formation ausbreitete, als unter Leiden und Verfolgung der Protestanten der 
ELampf f&r den Glauben Volkssache wurde, gegen Ende des 16. Jhs., als auch 
die Faustsage (vom Weltgelehrten der mit dem Bösen im Bunde ist, im Gegensatz 
in dem Gottesgelehrten Luther, der ihn bekämpft) sich rasch zu einem er- 
schütternden Ganzen abrundete, als in England Shakspeare sich entfaltete, das 
GkfÜhl für das Tragische beim Volke sich deutlicher herausbildete. — Daß H. 
Saehs die Mordgreuel innerhalb der jüdischen Königsfamilie als einen selbstän- 
digen Stoff behandelte und den Tod Herodes des Großen nicht in Zusammen- 
hang brachte mit Christi Geburt und mit dem bethlehemschen Kindermord, wie 
das Tolksmässige Weihnachtspiel thut, das zeigt uns eben, daß er das Bedürfniss 
nicht hatte, das Schauspiel zu einer wahren Tragödie zu vertiefen. Die Hand- 
lung des Herodes ist an sich nur abscheulich, nicht tragisch, sie wird es aber, 
indem das Volksschauspiel ihn Reue fühlen läßt, wo es zu spät ist. Indem er 
erfährt, daß der Mord vergeblich geschehen, erfüllt ihn Entsetzen und er ver- 
fällt in Wahnsinn, der Teufel tritt auf nnd trotz alles Flehens des Herodes 
muß er ihm folgen. — Der Schluß des Weihnachtspiels, wie er in den Texten 
vom ungrischen Heideboden erhalten ist, ist ein Prachtstück volksmässiger 
Dramatik, dem nur der Schluß des volksthümlichen Faust an die Seite zu 
stellen ist. 

Nach den Auftritten wie der Engel die Könige mahnt nicht zu Herodes 
zu gehen, um ihm, wie sie versprachen, zu sagen, wo der Heiland geboren, 
nachdem der Engel Joseph und Maria geheißen zu fliehen und die heil. Familie 
nach Egypten geflohen^ tritt Herodes auf. Er wundert sieh, daß die 3 Könige 
nicht kommen. Er sieht sich verrathen. Zorn nnd Angst vor dem nengebornen 
König der Juden ergreifen ihn. Er befiehlt den Kindermord. Gegenvorstellungen, 
die ihm gemacht werden, weist er mit steigender Wuth zurück. Zuerst ein 
Weib, dann einen Mann. Letzterer wird zum Tod vernrtheilt. Er wird hinaus- 
geführt, indem er entsetzlich schreit und ein Knecht ein blankes Schwert ihm 
an den Hals setzt. Bald erscheinen die ELriegsknechte und berichten über den 
geschehenen Mord. Aber der Hauptmann sagt: alle Knäblein haben wir ge- 
todtet „aber den neugebornen König haben wir nicht gefunden^. Herodes fühlt 
jNeb wie vernichtet („halber todt^). Er zieht das Schwert und will ihn selber 
"«• bricht aber zusammen und verfällt in Wahnsinn. Der Engel tritt vor 
VA»«{irfe wegen des Kindermords und übergibt ihn den Teu- 
■^eiflung bittet Herodes um sein Leben. Doch der 
"hte des Herodes auseinander und trägt den jam- 

8* 



116 LITTERATUR: A. HAKTMANN, WEIHNACHTUED U. WEIHNACBTTSPIEL. 

Doch haben wir allerdings Kunde Ton einem Weihnachtspiel, das schon 
1589 zu Berlin aufgeföhrt wurde nnd das damit schließt, daß den Herodes 
nach dem Kindermord die Teufel zerreissen. Es ist das Spiel: von der liebl. 
geburt unsers Herrn etc. zu Cöln an der Spree gehalten durch Henricnm 
Chnustinum (gedruckt) 1641 (neu gedruckt, Berlin, W. Hertz, 1862). Das- 
selbe enthält keine wörtliche Ubereinstimmuog mit Spielen die mir bekannt 
sind*)* Am Schluß, mitten in der Scene wo Herodes seine Freude über den 
Kindermord ausspricht, kömmt Ghibriel y,percutit gladio Herodem et 
dicit". Er verflucht ihn und tröstet die leidenden Mutter. Herodes empfindet 
keine Beue, sondern befiehlt, daß man alle Reichen tödte, damit man über 
seinen Tod sich nicht freue, sondern weine und ersticht sich: „hie diaboli cum 
diripiunt.^ EHn Canticum diabolorum spricht noch Jubel darüber aus y^wenn die 
großen Hanse und Herrn also sich wollen zu uns kem^. — Es ist also 
auch noch keine Spur Ton der tragischen und dramatischen Ausführung, die 
das volksmässige Weihnachtspiel auszeichnet. Nur der Zug, daß Herodes sich 
tddtet und die Teufel ihn zu sich nehmen ist schon da. Das Volksschauspiel 
hat ihn aufgegriffen und ausgebildet. Freilich, der Zug kann auch anderswo 
▼orkonmien, wie sollte gerade diese Berliner Schulcomödie dem österreichischen 
Volksschauspiel eine Anregung gegeben haben? — Es scheint unwahrscheinlich 
und doch ist ein Zusammenhang — er möge wie immer erklärt werden — vor- 
handen. Indem Herodes sich ersticht spricht er (nach den Worten |,hic sese 
transfodit^) : 

^Wolan so far ich in Abrams garten.^ 
Darauf Grabriel: 

„Ir Teufel thut seiner warten.^ 
Vgl. meine Weihnachtspiele S. 120 
Herodes spricht: 

^Ich far dahin in Abrahams garten. '^ 
Engel spricht: 

„Ir teufel tut nur seiner warten!^ 
kann diese Übereinstimmung Zufall sein? 

Ich glaube, wir sehen hier der naiven Volksdichtung bis auf den Grund. 
Sie ninmit Elemente auf, wo sie sie findet und bildet sie selbständig aus. 

Ich will hier nur noch zu dem von mir mitgetheilten Stemgesang be- 
merken (Weihnachtsp. aus Ungarn S. 59 f. vgl. dazu Hartmann S. 28), daß 
dieses hymnenartige Orüssen (Segnen) von Sonne, Mond und Sternen auf alte 
Umschreibungen des Gesanges der drei Männer im Feuer (V. 58 — 82) zurück- 
zufuhren ist, vgl. Diemer 854 f., dazu MüUenhoff- Scherer S. 407, dazu auch 
Grermania V, 210. Uhlands Volkslieder 3. 

Zu den Traumen der Hirten Weihnachtsp. S. 83 — 85 sind femer zu 
vergleichen die wörtlich übereinstimmenden Lieder, die aus einem Gesangbuche 
ans Kärnten vom Jahre 1623 mitgetheilt sind bei Lezer, kämt. Worterb. 
S. 303. 312. 

8CHRÖER. 



*) Der formelhafte Gebrauch von weis in: die magi weis, der König weis, 
Zebaot weis erinnert an die deutsch-ungr. Spiele; s. Eva weis S. 124. 137. 215. 
Dmmu SibWa weis a. Scbmeller IV, 181. 



UTTEBATUB: L. BLUME, DAS ID£AL DES HELDEN U. DES WEIBES. 117 



Blnme, Lndwig, Das Ideal des Helden und des Weibes bei Homer. Mit Rücksicht 
auf das dentsche Alterthum. Wien. Alfred Holder (Beck'sche Universitäts- 
buchbandlnng). 1874. VI, 55 SS. 8^ 

Das vorliegende Heftchen — ein Sonderabdruck aus dem Jahresberichte 
des k. k. akademischen Gymnasiums in Wien — rerdankt seine Entstehung 
den Anregungen K. MüllenhofiTs und W. Scberer's. Der Verf. fuhrt uns den 
griech. Helden wie er bei Homer erscheint vor und sucht die Verschiedenheit 
der Erscheinung des griech. und deutschen Helden aus dem Gegensatze der 
Grundmotive im Wesen der Hellenen und Germanen zu erfassen. loh halte die 
Untersuchung Blume's für einen fruchtbaren Beitrag zur Erkenntniss der beiden 
Volkscharaktere. Auch der Weg der Untersuchung ist unstreitig der richtige. Er 
sucht die Helden beider Völker in möglichst verwandten Situationen und beob- 
achtet sie in ihrem Verhalten. 

Das Schriftchen erweckt den Wunsch, daß der Verf. einmal daran gehe, 
das deutsche Heldenideal auf breiterer Grundlage als es hier geschehen konnte 
darzulegen. 

Zusätze zu einzelnen Punkten ergeben sich dem in der einschlagigen 
Litteratur Bewanderten leicht und es soll das weder als Vorwarf gegen das 
Schriftchen gelten, noch soll das was hier angefügt wird, Anspruch auf irgend 
welche Vollständigkeit machen. Ich gebe nur was ich mir bei der einmaligen 
Leetüre angemerkt. 

S. 25, wo als „Reizmittel, die ihren (griech.) Helden Muth zum Kampfe etc. 
entflammen sollen", Geschenke angeführt werden, hätte man eine Besprechung 
von Nibel.-Noth 1837 und 1844 erwartet. 

S. 30 war wohl der Stelle Ilias XI, 254 entgegenzuhalten N. N. 1989. 
1994. Daß auch den griech. Helden Wunden nicht vom Kampfe zurück- 
halten, beweisen die den Versen aus dem deutschen Volksepos so vergleich- 
baren Worte: 

aiX iaoQovös Kotavy i%fov avsfiotgsfplg iy%og xrA. 

Freilich heiiSt es später echt griechisch Vers 267 ff. 

atnäg ins) x6 yiiv slxog ixigöaxo^ navöato d' alfia 

ol^sttti i* odvvai dvvov [livog *AtQei6ao 

ig düpQOv if avoQovffe xtA. 

Für die Griechen hatte eben das Leben schon Werth. 

Belege für „Wohlredenheit" germanischer Helden S. 37 liefern auch 
Beovulf 287 : aghvädres sceal acearp Bcyldmga gescäd vitan vorda and vorca. Vgl. 
auch Jänicke, Deutsches Heldenbuch, 4. Bd., S. 325 zu Wolfdietrich CD 54, 2. 

Der zweite Theil der Abhandlung beschäftigt sich mit dem Ideal des Weibes. 
Hier sind die Hinweisungen auf germanische Verhältnisse seltener. Richtig 
werden S. 41 die Schwierigkeiten betont , welche eine Vergleichung des weib- 
lichen Ideals im heroischen Zeitalter bei Griechen und Germanen findet. Nicht 
minder richtig ist es wenn behauptet wird, das bei unserem Volke dat$ Weib 
durch die im heroischen Zeitalter herrschenden Motive stärker be<iu\£LM&L -m^x^ 



118 lOSCELLEN. 

als bei den Griechen. E^ner Gegen&berstelliing beider geht aber der Verf. 
leider ans dem Wege. 

Im flbrigen dürfen wir wohl das Schriftchen als eine Torlänfige Probe 
späterer ToIIständiger Ausfahmng der vorgeführten Probleme ansehen und in 
diesem Sinne begrüssen wir es. 

MÖDLING. J. STBOBL. 



MI8CELLEN. 



Der Briefvrechiel der Brüder Orimm mit Joseph Odrres (Schluß). 

Interessant für den damaligen Standpunkt Wilhelm*s (und wohl auch 
Jaeob's) ist folgende Bemerkung über die gefälschte Chronik Hanibald*s, die 
Q6rres knn Torher in SchlegeFs Museum behandelt hatte: n Ihren Hnnibmld 
haben wir auch erst vor ganz kurzem erhalten. Ich hatte ihn vorher schon so 
beikommender Abhandlung durchgelesen und war überzeugt, daß da von keiner 
Erfindung und Verfälschung die Bede sein könne, wiewohl immer allerlei Um- 
stände wunderlich sind etc.'' 

£s tritt eine längere Pause ein im Briefwechsel der Freunde. Gförree 
hat sich wieder auf die Politik geworfen und haut grimmig drein im nea 
gegründeten „Rheinischen Merkur". Jacob Grimm, Legationssecretär, weilt im 
Hauptquartier der verbündeten Heere und im April und Juni 1814 zum zweiten 
Mal in Paris. Erst im Juli ist er wieder in der Heimat und datiert seinen 
nächsten Brief (Nr. 132) Cassel, 18. Juli 1814: »Ich breche wieder einmal 
mein langes Stillschweigen, wie ich auch sehr lange nichts von Ihnen gehört 
hatte. Der Wilhelm wird Ihnen gemeldet haben, daß und warum ich mit unserer 
Gesandtschaft zum Hauptquartier abging; jetzt bereue ich es nicht, wiewohl 
ich im öffentlichen wohl weniger habe wirken können, als ich mir selbst 
dachte; unter dem vielen schlechten und gewöhnlichen hab ich doch auch 
manches gute und erfreuende gesehen und erlebt In meinen Studien war ich 
gewaltijr gestört, von den Arbeiten und meinem Bruder abgerissen, die ersten 
drei Monate völlig einsam und ohne Briefe; in den zwei letzten zu Paris 
konnte ich aber vieles auf der Bibliothek suchen und finden, worunter für uns 
ein mittellateinischer Renardus und Isengrimns (eine ganz eigenthümliche Ge- 
stalt der Fabel) leicht das wichtigste; von dem übrigen ein andermal in 
ruhigeren Zeiten, denn ich arbeite hier viel, weil ich wieder mit zum Wiener 
Congress abgehen soll, an der Edda und dem armen Heinrich| den wir für 
unsere Soldaten herausgeben und wozu uns Glöckle, der noch in Rom ist, die 
vaticanische Handschrift copiert hat.*' 

Schon der folgende Brief an Görres (Nr. 140) kommt von Wien her, wo 
Jacob Grimm von October 1814 bis Juni 1815 beim Congresse sich befindet 
und woher er auch politische Mittheilungen für den „Rhein. Merkur" schreibt 
(vrgl. Eingang von Nr. 140 und Nr. 143), was, — soviel ich weiss — noeh 
nicht bemerkt worden ist, ebensowenig als Wilhelm*s Correspondenzen (vrgL 
Nr. 156) aoB CasBel in diese einzig dastehende Zeitung. , Predigen Sie liebe 



mSCELLEN. 119 

and Festhaltung an unserer Ehre**! ruft Jacob, dessen hohes Gerechtigkeits- 
gefShl glänsend ans diesen Zeilen leuchtet, dem oft leidenschaftlichen Journa- 
listen zu. Wilhelm besorgt indessen den zweiten Band der Märchen, der Ende 
Januar 1816 an Görres abgeht. „Die Arbeit daran — heißts im Begleite 
sehreiben (Nr. 142) — wax eine Erheiterung in den rerschiedenen Stimmungen 
des vergangenen Jahres; einiges habe ich aufgeschrieben, als die russischen 
Jäger neben in der Stube sangen." Im November schreibt Wilhelm, sehnsüchtig 
auf den Bruder harrend, der abermals nach Paris gereist ist, um geraubte 
Handschriften zuräckzu verlangen : i,Ich sitze hier ganz einsamlich zwischen den 
Bildern meiner Eltern bis zu meinem Urgroßvater, der ein Geistlicher war und 
meinem Bruder Jacob auf ein Haar gleicht, nur daß der jugendlich ist. Ludwig 
ist in München angelangt, nachdem er auch erst die Bilder (Boisser^e's) in 
^Heidelberg gesehen; er ist gestürzt und hat sich auf der Brust weh gethan; 
das macht mir Sorge. ^ 

Nach seiner Rückkehr wurde Jacob im April 1816 zum zweiten Biblio- 
thekar der Casseler Bibliothek ernannt , was er dem Freunde meldet und den 
Wunsch beilegt, Görres möchte (nachdem der Merkur eingegangen) aus der 
Herbheit des politischen Wesens wieder in die alte Milde und Stille gelehrter 
Beschäftigungen zurückkehren (Nr. 166). 

Im Deoember 1816 berichtet Wilhelm von einem Besuch, den er bei 
Arnim in Wiepersdorf gemacht. ^Neuerdings — fährt er fort — ist eine 
scharfsinnige Abhandlung von Laohmann über die ursprüngliche Gestalt der 
Nibelungen^ der ich im Ganzen Recht gebe, und eine seltsame, etwas phantasie- 
reiehe , aber nicht ohne Geist geschriebene von Göttling, der ich in fast 
nichts Recht gebe, erschienen" (Nr. 168). Jacob geht am 22. März 1817 auf 
vier Wochen nach Heidelberg, wohin durch Wiikeins Bemühung eine Anzahl 
deutscher Handschriften der Palatina aus Rom zurückgekehrt 'waren und wohin 
Grörres auch die Anzeige seiner eben erschienenen „altdeutschen Volks- und 
Meisterlieder'' Übermacht 

Höchst interessant ist eine Stelle aus Brief Nr. 183 vom 18. Juni 1817, 
wonach die Bemerkung in Wilhelm Scherer *s Jacob Grimm p. 98 zu berichtigen 
ist. Nachdem Jacob von seinen litterarischen Plänen, Reinhart Fuchs, dem 
zweiten Band der Sagen etc. gesprochen, föhrt er fort: «Ausserdem habe 
ich vor, eine recht ausführliche, altdeutsche Grammatik zu 
sehreiben, besonders der ältesten carolingischen Zeit, es haben 
sich mir mancherlei merkwürdige Aufschlüsse ergeben.* — Im Hungerjahr 1817 
betheiligte sich Jacob auch an dem von Görres gestifteten Coblenser Hilfs- 
verein und konnte dorn Freunde bald 300 Franken, den Erlös abgesetzter Loose, 
zur Linderung der Noth mittheilen. 

Aus einem Schreiben von Görres (Nr. 197) erhellt, daß Jacob Grinmi 
eine Stelle in Bonn angetragen war; wie zähe die Brüder Wurzeln in die 
Heimatserde geschlagen, ist bekannt. 

1819 erscheint der erste Band der Grammatik. „Hiemit sende ich 
Ihnen, werthester Freund, — schreibt Grimm am 13. März an Görres (Nr. 209) 
-*• meine deutsche Grammatik zu, der man den Fleiß wohl eher als andere 
Eigenschaften und Fähigkeiten ansehen wird. Vielleicht sehen Sie mir zu Liebe 
«twas mehr darin und finden bald heraus, worauf sich weiter bauen lassen 
wird und in mancherlei Weise. Welche Menge BtofS t\]&l\ ^^^ ti^^ yo^. ^«o^ 



120 MISGELLEN. 

was ans DeaUchen gehört, wo man nnr anzuklopfen braucht und et thut ai«k 
immer auf! Manche gescheidte Leute, welche über deutsche Sprache und Ge* 
schichte nachgedacht and recht gut wußten^ daß das Kleine zum Großen führt» 
haben dennoch der Kleinheit wegen diese Untersuchungen verachtet und ein 
so nahe vorhandenes und handgreifliches Material ungenutzt liegen lassen." — 
Und : ^Diese Grammatik ist auch Schuld gewesen , dass wir Ihnen so lange 
nichts von uns gemeldet haben, sie sollte schon vor einem halben Jahre 
herauskommen, hernaeh blieb der Druck liegen/ Kaum ist das Buch zwei 
Tage in seinen Händen, antwortet der rasche Görres treffend: ,ylch erstaune 
Über den grossen, unermüdlichen Fleii^ der auf jeder der siebenthalbhnndert 
Sttten zu Tage tritt, aber es freut mich am meisten daran, daß Sie 
mitten in dem gelehrten Wüste den Sinn so frisch, das Leben so gesund und 
den Geist so klar erhalten haben, so daß Alles, was Sie verarbeitet habeni 
Ihnen nicht, wie so gewöhnlich in Teutschland, zu einem gelehrten Schmer- 
bauch geworden, sondern zu einem kräftigen, geschmeidigen, wohl proportio- 
nierten und mit einer Idee beseelten Leibe, in dem jedes Glied lebt für sich und 
das Ganze in allen. — — Ich setze Ihr Buch Bitteres vergleiehender Geogra- 
phie zur Seite, an der ich mich auch einmal wieder ergötzt, was mir selten 
an einem Buch zu Theil wird etc. Wohl gefallen hat mir Ihre Zueignung an 
Savignj, die nicht in ausgesuchten Feiertagsworten Sermonen hält, sondern ein 
stilles, vertrauliches Gespräch nnr laut vor der Welt zu Ende redet. Gefreut 
hat mich, was Sie in der Einleitung über das Bemühen sagen, die Mutter- 
sprache in der Schule zur gelehrten umzuserren. Ich habe noch jetzt mein 
Wohlgefallen daran, daß ich in der Schule nie mit einem Auge in den Gott- 
sched und später in den Adelung gesehen; es kam mir gar zu abgeschmackt 
vor, nochmal ans dem Buch zu lernen, was ich schon könne, und ich band 
einmal im Zorne meinen Gottsched der vielen Pönitenzen wegen, die er mir 
zugezogen, an einer Schnur ans Bein und schleppte ihn so hinter mir über die 
Straße zur Sehnte^ wo er denn mit jämmerlich zerfetztem Lederkleidchen ankam. 
Jetzt machen sie's noch toller und lehren die Kinder, wie sie das Maul stellen 
sollen, um die Buchstaben, die sie längst schon mit Worten und Wortstellang 
können, hervorzubringen^ (Nr. 210). 

Görres schließt den Brief mit einer Einladung an den Rhein. In weniger 
als einem Tag fliege ein Kranich von Cassel herüber nach Coblenz und ,,da 
die Brüder in der Regel mit einander arbeiten, so könnten sie auch einmal 
mit einander reisen, und einer dem andern beim Müdwerden den Schnabel anf 
die Schultern legen." 

Von jetzt an nimmt der eifrige Briefwechsel zwischen Görres und den 
Brüdern ab. Er selber, der feurige unerschrockene, muß in Folge seiner Frei- 
müthigkeit gegenüber dem König von Preußen 1819 in's — übrigens ganz 
erträgliche Elend fahren, nach Frankreich und in die Schweiz. Hier tritt er 
auch mit Laßberg in Berührung, dem er u. A. eine Abschrift der Pariser 
Liederhandschrift besorgen sollte. Erst 1822 kommt Jacob Grinmi dazu, dem 
Flüchtigen seine Theilnahme zu bezeugen (Nr. 251), er meldet von Wilhelm*s 
„Runen*', von einer neuen Ausgabe der Grammatik ; Wilhelm übersendet die 
neu aufgelegten Märchen (258), und Görres, der an der Sagengeschichte 
arbeitet, sucht bei Jacob Hilfe über Gatten. Es vergehen wiederum zwei Jahre, 
hh Jacob das Schweigen bricht (Nr. 300). Er bittet im September 1825 nm 



laSCELLEN. I9l 

die Glöckle*8che Abschrift des Gregorias sameist für Benecke und LacbmannV 
Zwecke. Über sein häuslicbes Leben gibt Jacob in diesem leisten Brief an 
Qorres folgendes Bild: n^on Ihnen haben wir freilich lange nidits yer- 
nommen , als daß Sie eben auch Oroßvater geworden sind, welche Würde ich 
allem Anschein nach nie erreichen werde. Doch maß ich melden, daß wenig- 
stens Wilhelm vorigen Mai Hochseit gehalten hat mit einem braven, uns allefi 
längst bekannten M&dchen, geheißen Dortchen, denn die Vornamen gelten ja 
im hänslichen Leben. Unser Beisammenleben and -wohnen and ewige GClter- 
gemeinschaft hat darunter nichts gelitten; wir drei Brüder (der dritte der 
Mahler Ludwig) wohnen und essen susammen, und stossen Einnahme und Ana- 
gäbe susammen , um uns leichter durchzuschleppen. Die Schwester, einige Jahre 
früher ▼erheiratet, hat einen hübschen, gesunden Jungen, der mein Pathe Ist, 
und geht jetzt mit dem zweiten Kind. So verschleissen wir das Leben, äusser- 
lioh leidlich, innerlieh nach alter Weise arbeitsam und Tergnügt, Tage, Wochen, 
Monate fliegen wie Pfeile davon. Die Gesundheiten könnten wohl besser sein, 
doch selbst das, wie eine Art Inoculation, schützt wider gähes Sterben." 

Unterdessen hat GÖrres in München eine Stätte gefunden und Wilhelm 
stellt sich zum leisten Mal bei demselben ein mit dem „GraYe Rudoir* 1828 
(Nr. 388). Görres erhält noch vereinzelte Nachrichten über die Brüder durch 
Arnim, der 1839 die Anstellung derselben inG^ttingen berichtet nnd denen Gürres 
noch hin und wieder ein Paar Zeilen übersendet. Nach der Absetsang der 
Grimm schreibt Creuzer dem Münchner Freund, wie er sogleich an den Minister 
geschrieben, damit die beiden Männer für Heidelberg gewonnen würden, nun 
höre er aber, daß die Hessen ihre Landslenie bei sich behalten wollten (Nr. 408). 

Überschaut man diesen reichen Briefwechsel, so entgeht einem nicht, 
daß derselbe mit der Periode abbricht, wo Jacob Grimmas Wendung snr grüod- 
Kchsien Wissenschaftlichkeit erfolgt, d. h. mit dem Erscheinen der Grrammatik, 
womit er sich von allen Einflüssen, die bisher hemmend und verwirrend auf 
ihn wirkten, losringt. Vielleicht auch, daß sich die Brüder in der Folgeseit von 
Görres und dessen spätem religiösen und politischen Ansichten nicht mehr an- 
gezogen ftihlten, wie einst. 

Doch sehen wir hievon ab. Mit den Freundesbriefen von Görres ist auch 
dem Litteratoren und speciell dem der romantischen Schule eine neue, reiche 
Fandgrabe aufgethan; er wird auf jeder Seite neues Material finden über 
Sterbliche und Unsterbliche, sumal über: Brentano, Voß, Eichendorff, Jeafi 
Paul, Schlegel, Tieck, Bettina, H. v. Kleist, Arnim, Gtöthe etc. 

Zu großem Danke verpflichtet sind wir schließlich der Familie Görres 
and namentlich dem Herrn Herausgeber, der die Briefe mit trefflicher Einlei- 
iong und Anmerkongen, ausführlichem Inhaltsverzeichniss der einzelnen Episteln, 
und den sorgsamsten Registern versehen hat. Möchte endlich auch Hermann 
Grimm den längst in Aussicht gestellten Briefwechsel seines Vaters und Oheims 
mit Arnim, Savignj etc. Gesammtgut der Nation werden lassen, oder möchte 
vielmehr Hand an eine Sammlung der Grimmischen Briefe gelegt werden! 

80L0THURN, im Juli 1876. JACOB BAECHTOLD. 



122 inSCELLEN. 

Heinrich Bftekert. 

(Nekrolog, vorgetragen auf der Phflologenvenammlang zu Rostock, am 30. Sep« 

tember 1875.) 

Der Tod, der im vorigen Jahre so reiche Ernte in dem germanistiflehen 
Kreise hielt und alte wie jnnge Kräfte dahinnahm, ist in dem jetat abgelaofenen 
schonender an nns vorübergegangen. Bereits wnrde in der ersten Sitzung der 
beiden Männer gedacht, die aus unserer lütte geschieden sind: der eine jung 
und Hoffiiung erweckend, vor nicht langer Zeit sum ersten Male aufgetreten , und 
mm vor wenig Wochen ein uns allen seit mehr als zwei Decennien wohlbe- 
kannter Name: H. Ruckert. Von ihm, dem ich seit nahezu 20 Jahren person- 
lich bekannt und bald auch befireundet war, lassen Sie mich einige Worte m 
Ihnen reden. 

Rückert ist heimgegangen in der besten Kraft der Manneajahre. Er war 
am 14. Februar 1823 in Koburg geboren, Friedr. Ruckert's ältester Sohn. 
Der Dichter lebte damals als Privatgelehrter in Koburg, bis er 1826 als Prof. 
der oriental. Sprachen nach Erlangen berufen wurde. Theils auf dem dortigen 
Gymnasium, theils auf dem zu Koburg, erhielt H. R. seine Ausbildung und 
bezog im Jahre 1840, also mit 17 Jahren, die Universität Erlangen um Phi- 
lologie zu studieren. Die Übersiedlung des Vaters nach Berlin im Jahre 1841 
führte auch ihn dorthin, um die in Bonn fortgesetzten Studien im Jahre 1844 
m vollenden und durch die Promotion zum Dr. philos. abzuschliessen. Im 
folgenden Jahre (1845) habilitierte er sich als Privatdocent für Gkschichte und 
deutsches Alterthum an der Universitilt Jena. Ostern 1852 erhielt er als Nach- 
folger Weinhold's eine ausserordentliche Professur in Breslau, ruckte später ins 
Ordinariat auf und hat dieser Universität bis zu seinem Tode angehört. Er 
kam wohl schon leidend nach Breslau, wenigstens war er die ganzen 23 Jahre 
seines dortigen Aufenthaltes nie recht gesund; in den letzten Jahren sah er 
sich wiederholt genothigt, seine Vorlesungen längere Zeit auszusetzen, dabei 
aber war er unausgesetzt litterariseh thätig und geistig rüstig. Ein unerseti- 
licher Verlust war es, als ihm im vorigen Jahre während des Aufenthaltes in 
der Schweiz die treue Gefährtin des Lebens nach kurzer Krankheit entrissen 
wurde. Damals schrieb er einem Freunde, er könne nie wieder hoffen zu ar- 
beiten, so ganz fShle er sich im Innersten gebrochen. Er hat sich im Winter 
wieder au^^erafft zu geistiger Arbeit und in ihr wie mancher andere in ähn- 
licher Lage Trost gesucht und gefunden. Aber seine Gesundheit war unter- 
graben, ein hartnäckiger Rheumatismus nöthigte ihn, den ganzen Sommer d. 
J. die Vorlesungen aufzugeben nnd im Bsde Landeck Genesong zu suchen. 
Von dort schrieb er auch noch heitere Briefe, in denen ungeminderte Arbeits- 
kraft sich aussprach. Um so überraschender und erschütternder war die Todes- 
kunde für alle seine Freunde. Er war Anfang September nach Breslau zurück- 
gekehrt und dort ist er am 11. September gestorben. 

Rückert's Thätigkeit war von Anfang an nicht eine ausschließlich philolo- 
gische, sondern zugleich auf Geschichtsforschung gerichtet. Diese Doppelent- 
wickelung ist auch bei Beurtheilung seiner philolog. Arbeiten, die uns hier zu- 
nächst angehen, zu beachten. Sie ließ ihn auch auf philolog. Gebiete das Augen- 
merk vorzugsweise auf die geschichtlichen Zusammenhänge, auf die culturhistor. 
Seite unserer Wissenschaft richten. Sie verlieh seinen Arbeiten den freien und 



MI8CELLEN. 123 

weiten Blick, der dem eigentlichen Philologen nnr zu leicht abhanden kommt* 
Sie hat ihn auch daTor gewahrt, sich einem eigentlichen Schalzwang nntenn- 
ordnen und hat ihn überall Freiheit nnd Selbständigkeit des Urtheils sich erhalten 
lassen. Freilich können weder seine Annalen der deutschen Geschichte, die su- 
erst 1850, dann in 2. umgearb. Auflage 1861 erschienen, noch seine 1852 
▼eroffentlichte Oeschichte des Mittelalters den Werth grolkirtiger auf selbstän- 
diger Forschung ruhender Darstellungen beanspruchen, aber sie zeigen eine 
durchweg geistrolle Auffassung und Gruppierung des Stoffes. Den bedeutendsten 
Werth unter seinen historischen Arbeiten hat unbedingt seine Deutsche Cultur- 
getchichte in der Zeit des Überganges aus dem Heidenthum in das Christen- 
thum (2 Bde. 1853 — 54), die durchaus auf eigener Forschung und Verar- 
beitung beruht und Tiele feine Gedanken enthält — Als Herausgeber alt- 
deutscher Werke trat er zuerst 1850 mit der £dition des in thüring. Mund- 
art geschriebenen Prosalebens des heil. Ludwig von Friedr. von Köldiz herror, 
das, wie es stofflich dem Geschichtsgebiete angebort, RQckert*s Übergang yon 
geschichtlichen zu sprachlichen Arbeiten bezeichnet. Bedeutsamer für uns Philo- 
logen war seine Ausgabe des welschen Gastes (1851), die erste und einzige kri* 
tische dieses Gedichtes, zu der Frommann das hs. Material gesammelt hatte. Zwei 
Jahre nachher gab er, ebenfalls zum ersten Male, Bruder Philipps Marienleben 
heraus; freilich war hier von Seiten der sprachlichen Behandlung mancherlei ein- 
anwenden, indem der mitteldeutsche Charakter des allerdings in einem österreiehi- 
sehen Kloster geschriebenen Gedichtes ganz rerkannt war. 1857 erschien B.'s 
Ausgabe des Lohengrin, die wie jene Tom sprachlichen, so hier vom kritischen 
Standpunkte aus yiel zu wünschen übrig ließ, wie meine Recension im 8. Bde. 
der Germania des näheren nachwies. In den letzten Jahren ist R. wieder zur 
Thätigkeit eines Heraasgebers zurückgekehrt, indem er in meinen Dichtungen 
des Mittelalters den K. Bother publicierte. Über der Ausgabe de« Heliand, für 
die ich ihm meine Collation des Cottonianus zur Verfugnog stellte und die eben- 
falls in meiner Sammlung erscheinen wird, ist er dahin gegangen. 

Ziehen wir die Summe des auf diesem Gebiete geleisteten, so läßt sidi 
an seinen Ausgaben die gute Schule, die er in Berlin unter Lachmann durch- 
gemacht hatte, nicht Terkennen. Doch werden wir sagen müssen, daß er zum 
Herausgeber nicht geboren war. Dazu fehlte es ihm an rücksichtsloser Ehit- 
schiedenheit y daher wir häufig ein fär einen Kritiker bedenkliches Schwanken 
finden. Dagegen war er zum Erklärer altdeutscher Schriftwerke trefflieh an* 
gelegt und seine feinsinnige Art wird, wie ich glaube, in seinem Heliand am 
schönsten herrortreten. Sein langer Aufenthalt in Schlesien yeranlaßte ihn 
seinen Blick auf die ihm von Hause aus fremde und doch ihrem Ursprung 
nach ihn heimisch berührende schlesische Mundart su richten und seine hier- 
herfallenden Arbeiten in der Zeitschrift des schles. Geschichtsvereins und der 
Zeitschrift für deutsche Philologie gehören zu den besten mundartlichen For- 
schungsarbeiten der letzten Jahre. Das sprachgeschichtliche Gebiet hat ihn 
auch in seinem zuletzt veröffentlichten Werke gefesselt: vor einigen Monaten 
ersehien der 1. Band der Geschichte der nhd. Schriftsprache, die nun wohl 
ein Fragment bleiben wird *), leider, wie mich dünkt, etwas zu breit angelegt und 
daher kaum den günstigen Eindruck machend, den das Buch sonst verdiente 



*) Inzwischen ist noch der 2. Band erschienen. 



124 lOSCELLEN. 

Eitt gewisser Mangel an Präcision schadet überhaupt seiner Darstellung » sie war 
m wortreieh and die geistrollen Qedanken, an denen er reich war, Terloroi 
dadnich an Bedeotong und Eindringlichkeit Und dies scheint, wenn ich nach 
emtgen Standen, die ich 1853 bei ihm hospitierend hörte, ortheilen kann, auch 
seine geistrollen akademischen Vorträge beeinträchtigt zn haben. — Seine Per* 
sdnlichkeit war die liebenswürdigste and homanste. Sein Äusseres erinnerte 
lebhaft an seinen groOen Vater. Wie dieser war er schlank und hochgewachs^, 
aber der Vater breitschultrig und hünenartig, Heiorioh schmal und sierlieh. 
Er hatte des Vaters dunkles schönes Auge, nur war auch hier das mächtige 
Feuer, das aus Fr. R. Auge leuchtete, zu einem milden Lichte gedämpft. 
Wie er in seiner schriftstellerischen Thädgkeit eine durchaus sanfte, ▼ermit- 
telnde, der Schroffheit entbehrende Natur war, so erschien er als solche auch im 
persönlichen Verkehr. Ein hartes Urtheil hat man wohl kaum aus seinem Munde 
▼emommen. Auch gegen&ber dem litterarischen Gregner verlor er nie das rechte 
Maß der Beurtheilung. Rühmen muß ich wie, auch nachdem meine Recension 
seines Lohengrin erschienen wsr, er bei wiederholtem Besuche meinerseits nie 
Gereistheit und Unfreundlichkeit merken ließ. Ja unser Verhältniss wurde mehr 
und mehr Tertrauliche? und freundschaftlicher, auch er erkannte wohl, daß 
keinerlei persönliche Ursache mich zu jener Kritik veranlaßt hatte« — Trota- 
dem daß er ausserordentlich zurückgezogen lebte, war er von allen seinen CoUegen 
hochgeschätzt und wertbgehalten, und die Wenigen, die in näherer Verlnndung 
mit ihm standen, haben seinen reichen Geist und sein reiches Gemüth kennen 
und lieben gelernt. Auf ihn läßt das schöne Wort in der Antigone sich anwenden: 

Nicht mitzuhaßen, mitzulieben bin ich da. 

Er war ein echter Vertreter humaner Gesinnung, mit voller Liebe dem 
Dienste unserer Wissenschaft hingegeben, in der sein Wirken zwar keine tief* 
einschneidenden Bahnen bezeichnet, die aber an ihm einen an Charakter und 
Geist bedeutenden Träger verloren hat. 

K. BARTSCH. 



Oermaniftische Vorlesungen im Wintersemester 1875/76*). 

Vergleichende Grammatik und Sprachwissenschaft: Verglei* 
chende Grammatik der indogerm. Sprachen: Breslau- Stenzler ; Göttingen* Benfey ; 
Wien-Müller; vergl. Grammatik des Gotischfn und Althochdeutschen mit den 
classischen Sprachen: Halle- Pott; Einleitung in die vergl. Sprachwissenschaft: 
Heidelberg-Kuhn; Straßburg- Windisch ; Einleitung in das Sprachstudium: Jena- 
Delbrück; Sprachwissenschaft und Völkerkunde: Würzburg- Joliy; allgemeine und 
historische vergl. Sprachwissenschaft: Berlin (Akad.)-Techmer ; Cours de glosao- 
logie: Straßburg- Bergmann; Einleitung in die Geschichte der indogerm. Sprachen 
und Litteraturen als Einleitung in die deutdcbe Grammatik: Königsberg-Schade ; 
Elemente der Lantph jsiologie : Jena-Sievers ; über die indoeuropäische Declination 
und Conjugation: Bonn- Aufrecht 

Deutsche Grammatik: Berlin (Akad.)-Begemann; Bern Bäblcr; Bonn- 
Biriinger; Breslau • Pfeifi*er ; Erlangen -Raumer; Greifswald - Wilmanns ; Halle- 
Zacher; Heidelberg-Bartsch ; Königsberg-Schade ; Tübingen-Keller; Wien-HeinzeL 



*) Nicht eingegangen war das Verseiohniss von Prag. 



MISCELLEK. 126 

— Deatsche STAtaz; (Breslaii-Racken); KieKGroth; BoBtock-Bechsteb. — Über 
deti deatschen Stil: Bonn-Andresen. — Über deutsche Volksetymologie: Boim^ 
Andresen. 

GotischeGrammatik: Bonn-ReifPerscheid ; Halle-Pott ; Leiden-de Vrie« ; 
Marburg-Justi. 

Gotische, Althochdeutsche und Altsächsische Grrammatik, Litteratar- 
geschichte und Tezterklärung ; München • Hof mann ; gotische und altdeutsche 
Grammatik: Straßbnrg-Steinmejer. 

Althochdeutsche Grammatik: Bonn-Diez, Beifferseheid ; G^ttingett- 
Wilken; Müuster-Stork ; althochd. Dialekte und ihre Quellen: GöttiagenBez- 
senberger. 

Mittelhochdeutsche Grammatik: Bem-Hirzel; Freibnrg-Paul; W&v- 
burg-Lexer. 

Niederländische Grammatik: Ghroningen-MoltEer ; Leiden-de Vries. 

Altfriesische Grammatik: Leiden-de Vries. 

Angelsächsische Grammatik: Leiden-de Vries. 

EngliseheGrammatik: Basel-Heyne ; WSrzburg-Mall ; Syntax: Berlin 
(AkadO-Schmidt 

Altnordische Grammatik: Basel-Meyer; 6ötting:en-W. Müller; Kiel- 
Möbius ; Straßburg- Steinmeyer. 

Deutsche Mythologie: Graz - Schönbach ; Kiel • Weinhold ; Erklärung 
deutscher Sagen und Bräuche mythologischen Inhaltes: Jena-Klopfleisch. 

Deutsche Alterthümer: Bonn-Birlinger ; Graz-Schönbach ; Tacitus Ger- 
mania: Berlin-Müllenhoff; Dorpat-Meyer; Göttingen- Wilken; Heidelberg- Seherrer; 
Leipzig- Brand es; Straßburg- Scherer; Zürich- Schweizer Sidler; Culturgeschichte 
Deutschlands im Mittelalter: München-Riehl; allgemeine Culturgeschichte von der 
Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrb.: Zürich- Vögelin. 

Deutsche Bechtsquellen: Breslau - Gierke ; Er langen* Gengier; Frei- 
burg-Buß ; Göttiogen • Frensdorff ; Graz - Luschin ; Lex Salica : Halle - Boretius ; 
Sachsenspiegel: Jena-Schulz; Kiel-Hänel; Leipzig-Höck ; Marburg-Röstell ; über 
altdeutsches Gerichtsverfahren im Anschluß an Reineke Fuchs: Jena-Knitschky ; 
ältere Österreich. Rechtsdenkmäler: Wien-Tomaschek. 

Deutsche Litteraturgeschichte: Grundzüge der allgemeinen Litte- 
raturgeschichte : Zfirich-Tobler ; Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur: 
Bonn-Simrock; Geschichte der deutschen Litteratur: DorpatMasing; Straßburg- 
Scherer; die Hauptströmungen der deutschen Litteratur: Graz- Schön bach; deutsche 
Litteratur bis 1720: Gießen- Weigaod ; altgermanische: Jena-Sievers ; altdeutsche: 
Berlin- Müllenboff; Marburg - Lucae ; des Mittelalters: Freiburg - Paul ; Gießen- 
Zimmermann; Greifswald- Vogt; ältere deutsche: Göttingen-Tittmann; Würzburg- 
Lezer; bis zur Reformation: Czemowitz-Strobl; Leipzig-Zarneke ; mittelhoch- 
deutsche: Bern-Schöne; neuere Litteraturgeschichte: Innsbruok-Zingerle; yoq 
Luther bis Gk)ethe: Halle-Gosche; in der Reformationszeit: Bern- Schöne; seit 
dem 17. Jahrb.: Kiel-Groth; von Opitz bis Goethe: Breslau -Bobertag; im 
18. Jahrb. seit Klopstock und Lessing: München-Bemays; im 19. Jahrb.: Beni- 
Hirael; Wien-Tomaschek; Zürich-Honegger; die Hauptströmungen der Litteratur 
der G^enwart : Halle-Gosche. — Die Lyrik in ihrer Entwicklung nach Volksmässig- 
keit, Kunst und Natur: Leipzig- Minckwitz. — Über Herder: Halle Haym; über 
Leseing: Heidelberg- Fischer; Würzburg- Schmidt^ RÜLr^^at^ Ci^^^\A\ ^v^'^tjc 



126 MI8CELLEN. 

Wdgand; Goethe nnd Schiller: Breslau-Pfeiffer; Gk>ethe8 Liederdichtang: Leipsig- 
HildebraDd; ErkläniDg von Goethes Gedichten: Tabingen- Holland; GoedMe 
Faiut: Breslau -Bobertag; Heidelberg • Reichlin Meldegg; Straßbarg -Idebauuin; 
Tobingen-Köstlin; Zürich - Honegger ; 2. Theil: Leipsig-Marbach; Sehiller mit 
besonderer Rficksicht auf seine philosoph. Dichtungen: Munchen-Carri^; dim 
Singer der deutschen Befreiungskriege: Gießen-Zimmermann; H. Heine «mI 
Zeitgenossen: Gottingen-Goedeke. 

Niederländische Litteratur: Leiden-de Vries; besonders die diusa- 
tuche: Groningen-Molfser. 

Angelsächsische und altenglische Litteratur: Marburg-Örein ; 
alt- und mittelenglische: Straßburg-ten Brink; altenglische, von der norouuioi- 
schen Eroberung bis zum 16. Jahrb.: Leipzig- Wulcker. 
Sprachdenkmäler: 

Gotische: Innsbruck - Zingerle ; Lucas: Bonn-Reifferscheid; Ifatthaens: 
Gießen-Zimmermann. 

Altdeutsche: Bonn-Simrock. 

Althochdeutsche: (Breslau -Rfickert); Erlangen -Raumer; Innsbruck- 
Zingerle; Z&rich-Tobler; nach Braune: Berlin (Akad.)-Begemann; Leipdg- 
Branne; Otfrid: Bonn-Birlinger, Reifferscheid; Jena-Sierers. 

Mittelhochdeutsche: Greifswald -Vogt; Leipsig-Braune. 

Hartmann: Gregor: Gras-Schönbach; Iwein: Berlin (Akad.)-Begemann. 
Kndrun: Innsbrnck-Zingerle; Leipsig-Zamcke. 

Liederdichter des 12. Jahrhs. : Heidelberg -Bartsch; Würzburg- 
Schmidt; nach Bartsch: Leipzig-Hildebrand; Leben und Dichten der Minne- 
sänger: Münster-Storck. 

Nibelungen: Czemowitz-Strobl ; Rostock-Bechstein ; cursorisch : Halle- 
Zacher; mit Einleitung in die deutsche Heldensage; Gröttingen • W. Müller; 
Einführung in das Studium des NL. mit Erklärung: Basel-He3rne. 
Walther: Kiei-Weinhold ; Zürich- Vetter. 

Wolframs Parziyal: Wien - Heinzel ; Fortsetzung: Marburg -Lucae; 
ausgewählte Stücke: Würzburg-Lezer. 

Mittelniederländische: Leiden-de Vries: ran Sinte Brandane, borg- 
grayinne yan Vergi, Renout van Montalbaen: Groningen-Moltzer. 

Angelsächsische: Gießen-Weigand ; GÖttingen-Wilken ; nach Zupitsa: 
Greifswald-Höfer; Beowulf: Berlin (Akad.)-Zemial ; Breslau - Kölbiog ; Leiden- 
de Vries; Tübingen-Keller; Wien-Zupitza ; Zürich-Ettmüller. 

Altenglische: Münster- Suchier; Chaucers Canterbury Tales: Berlin 
(Akad.)-Vatke; Wien-Zupitza. 

Altnordische: Leipzig- Braune; ältere Edda: Basel-Mcyer; Bonn- Auf- 
recht; Breslau-Kölbing; Marburg-Grein ; Tübingen -Holland; Zürich-Ettmüller; 
jüngere Edda: Bonn- Aufrecht; Straßbarg- Bergmann. 

Übungen in Seminarien, Gesellschaften, Societäten, Kränzchen werden 
gehalten in Basel, Berlin, Bonn, Breslau, Czemowitz, Frei bürg. Gießen, Gdt- 
tingen, Graz, Greifiswald, Halle, Heidelberg, Kiel, Königsberg, Leipzig, Mar- 
burg, München, Rostock, Straßburg, Tübingen, Wien, Würzburg und Zürich« 



MI8CELLEM. 127 

Pertonalnotixen. 

Dr. Anton Edsardi hat sich fiir ältere germanische Sprachen' und Litte- 
ratnr an der Universität Leipzig habilitiert. 

Dr. Anton Schönbach, bisher ausserordentlicher Professor an der Uni- 
▼erdtat Graz, ist zum Ordinarius ernannt worden. 

Dr. Karl Yollmoller hat sich für romanische Sprachen an der Uni- 
yersitilt Straßbnrg habilitiert. 

Professor Dr. Karl Weinhold in Kiel ist als Nachfolger RSckerts nach 
Breslau berufen worden und beginnt seine Lehrthätigkeit daselbst Ostern 1876; 
an seine Stelle in Kiel kommt der ausserordentl. Professor Dr. Friedrich Pfeiffer 
in Breslau. 

Der Privatdocent Dr. Richard Wülcker in Leipzig ist zum ausserordent- 
lichen Professor ernannt worden. 



Die skandinavischen Philologen haben sich nach dem Vorbilde der deut- 
schen auc£ zu jährlichen Versammlungen vereinigt. Die erste nordische Phi- 
lologenversammlung, aus vier Sectionen bestehend, je einer för classische, ger- 
manische, neuere Philologie und für Pädagogik, wird in Kopenhagen vom 
18. — 21. Juli d. J. stattfinden. 



Handschriften in englischem Privatbesitie. 

Der Burlington finc arts club hat einen Illuminated Manuscripts Cata- 
log^e' herausgegeben (1874. 4.), welcher eine Reihe interessanter Handschriften 
mit Bildern beschreibt, die meist im Besitze von Herrn William Bragge 
sind. Ich führe daraus an (S. 4) einen Roman de la Rose (14. Jahrb. 187 
Blätter), mit den Schlußzeilen 

Ci finilt (1. finist) le Romant de la Rose, 
Du (1. Ou) lart damours est toute enclose; 

ferner, (S. 14) eine Bible in Rhyme (15. Jahrh. 266 Bl.)y geschrieben von 
einem Caplan Dietrich für den Grafen und die Gräfin von Toggenburg 1411 
( contains many curious pictures), wahrscheinlich eine der bekannten Welt- 
chroniken; sodann (S. 15) Bible History in Verse (14. Jahrh. 225 BL), wohl 
eine lateinische Dichtung, Petrus de Riga oder ähnliches; weiter (S. 23) Rey- 
nars, eine Handschrift des französischen Renart, die auch E. Martin noch 
unbekannt blieb (15. Jahrh. 44 Bl. in gespaltenen Seiten); Pelerinage de la 
vie humaine (S. 24) im Besitze von Herrn Henry H. Gibbs (15. Jahrh. 154 Bl.); 
Gedichte von Petrarca in einer Handschrift des 15. Jahrhs. (S. 30) und man- 
ches andere. 



Aufruf lur Bmchtung eines Grabdenkmals fär Heinrich Bfiokert. 

Am 11. September vorigen Jahres verschied zu Breslau der ord. Pro- 
fessor der deutschen Sprache und Litteratur, Dr. Heinrich Rückert. Mit ihm 
bt ein gelehrter Forscher auf dem Gebiete der SpxajcVlV\Ba«üaK^1lS^l^ ^vok ^<> 



128 MI8CELLEN. 

dankenreicher Geschichtsschreiber, ein ebenso tiefer ^ als omfikssender 
ein patriotischer Charakter von glühender Vaterlandsliebe, ein deutscher Mann 
im besten Sinne des Wortes von uns geschieden. Sein Andenken lebt onana- 
ISschlich fort im Hersen seiner Freonde, wie in der Geschichte s^er Wissen- 
schaft, aber es ist ein Bedürfniss der Pietät, dieses Andenken auch durch ein 
insseres Zeichen der Erinnerung unter uns zu yerewigen. In diesem Sinne 
sind wir heute xusammengetreten , um dem Dahingeschiedenen ein einfaches» 
aber würdiges Denkmal su errichten. In diesem Sinne wenden wir uns an 
die sahireichen Freunde , Verehrer und Schüler desselben mit der herxlichen 
Bitte, diesem Unternehmen ihre werkthatige Unterstützung angedeihen su lassen. 
Mochte unser Aufruf von reichem Erfolge begleitet und uns so yergonnt seiSt 
recht bald auf Heinrich Rückert*8 letzter Ruhestatte durch Künstlerhand ein 
Grabdenkmal su errichten, welches seinen Freunden zur Freude, unserer Stadt 
und ihrer Hochschule zur Ehre y koumienden Geschlechtem zur Erinnerong 
dienen wird. 

Breslau, den 25. Februar 1876. 

Commerzien- imd AdmiralitStsgerichtsrath Dr. Ab egg zu Beriin. Geh. Hofrath 
Prof. Dr. Karl Bartsch in Heidelberg. Dr. W. Brachmann, SecretiLr des 
eraog.-lutherischen Oberkirchencollegiums. Dr. Alois E Isner, ordentl. Lehrer 
am kathol. Gymnssium. Dr. Karl Frommann, Director des germ. Museums 
zu Nürnberg. Prof. Dr. Galle, s. Z. Rector der Universität. Dr. Gustaf 
Gärtner. Ministerialdirector, wirkl. Geh. Ober-Regierungsrath Dr. Greiff 
su Berlin. Archivrath Prof. Dr. C. Grünhagen. Karl von Holt ei. ProWn- 
cial-Schulrath Dr. Höpfner in Coblenz. Reinhard Juris ch, ordentL Lehrer 
an der Realschule am Zwinger. PriTatdocent Dr. Eugen Kölbing. Rob. Mer- 
kelt, ordentl. Lehrer am kathoL Gymnasium. Prediger Meyer. Dr. Möller 
in Ketting bei Augustenburg (Schleswig-Holstein). Prof. Dr. Karl Naumann. 
C. Petzet, Redacteur der Scbles. Ztg. Dr. Paul Piefsch. Dr. Pfeiffer, 
Professor. Dr. Pohls, ordentl. Lehrer am Magdalenaum. Julian Reichelt, 
ordentl. Lehrer am Magdalenaum. Dr. AI. Reifferscheid, Docent an der 
Universität zu Bonn. Prof. Dr. Emil Richter. Prof. Constantin Roß 1er zu 
Berlin. Geh. Rath Prof. Dr. Hermann Schulze. Prof. Dr. Spiegel Su Er- 
langen. Prof. Dr. Stenzler. Scbulrath Prof. Dr. Stoy zu Jena. Prof. Dr. 
Karl Weinhold in Kiel. Prof. Dr. Zacher in Halle. Prof. Dr. Zupitsa 

zu Wien. 

Beiträge zum projectierten Denkmale und Mittheilungen in Angelegenheiten 
desselben ninunt die Redaction der Schlesischen Zeitung in Breslau entgegen. 



ST.-P AULER BRUCHSTÜCKE AUS NOTKER'S 

PSALTER 



mtgetheih Ton 

ALFRED HOLDER. 



Bei den freandlichen Benedictinem zn St Paul in Lavandthal 
fand ich im Spätsommer voriges Jahrs drei zunächst aus St Blasien im 
Schwarzwalde stammende Pergamentblätter, 0*268" hoch und 0*178™ 
breit Auf dem ersten Blatt stehen je 30, auf den beiden folgenden je 
29 Zeilen auf der Seite. Sie enthalten, in erneuter Sprache des 12. Jahr- 
hunderts, in welchem sie geschrieben sind, Notker's mit der dicken 
Lippe (t 1022) Übersetzung und Auslegung von Psalm 17 , V. 37 bis 
51 und Psalm 118, V. 170 bis Psalm 120, V. 1. Die Kehrseite des 
ersten Blattes hat rechts durch Beschneiden etwas gelitten. 

Bl. 1' volle komen. (17, 37) Dilatasti gressus meos atibtus me. \ 
Dy zerbreitost mine wege vnder mir. Dv hieze mine lide volgen d^ | 

witi des mvtes. div witi ist Caritas. M non sunt infirmata \ uestigia mea. 

minn« 

Vn vnderleget sint mine vAze da von. wan Caritas | mit In ist. (38) Per- 
sequar inimicos meos & comphen \ dam illos. & non conuertar donec defi- 
ciant. I (39) Confringam iUos nee poterunt stare cadent \ subi^ pedes meos. 
Ich iagon mine viende vn gevahe si. vn ir | winde ^ nivt 3 si 
irlegen sint Ich zerbriche si. noh si mvgent vor | mir niht gestan. ab' 

▼laiaellcb« 

si vallent vnd' mine y^e. De klt allez sament | Ich irvihte carnales 

f«lTtte 

delectationes. vn wirde vber si gewaltic. vn ist de | vox fidelium. Aber 

vox ;|(pi diy da mitte sprichet div wirt alsus v'nom. | Die mir widere sint 
die iagon ich vn gevahe si. vn gebriche si nah | mir. vfi vnder tvn si 



«on 



mit hamescharon mine legib*. Salic sint die | dien so geschiht (40) 
Et fcinxisti me uirtute ad beUü. \ Vn mit d' uirtute tempanti^ begvrtost 

GEBMAMU. Nene Beihe. IX. (XXI. Jihrg.) ^ 



130 A HOLDER 

iienimede gcdvlti 

dv mich ze wider stsne. Aide | in xV^ psona kit ez mit patientiQ 

•tmrU. 

fortitudine. hiez dv mich d^ sivndigoii | ahtunge ^tragen. Supplantasti 
tnsurgentes in me \ svhtua me. Die mich an wolton. die irvaltost dv so. de 
si vnder | mir lagen. (41) Et inimicoa meos dedisti michi dorsü, \ Vn 
mine viende gsebe dv mir zc rvgge. wan si mir volgent. alse | pauIus 
tvt. vü manigc andere d^ ivdon. Et odientes me \ dispdidistü Die aber 
volle stvnden in ir vbeli vü mich hazzeton | die vlvre dv. (42) Clama- 
uer nee erat qui saltws faceret, \ Die hareton innöte. vn nieman was d^ 
si behielte. Wer solte. do got | niht wolte? Ad dnm nee exaudiuü eos. 
Ze gote hareton | si er gehorte si aber niht. (43) Et comminuam eos 
ut pul I uerem ante faciem uentu Vn ich vmvle si. als de stvppe | de 
vor dem winde vert. Ut Ititum platearü deleho eos. \ Als de hör ander 
fltraze vtilegon ich si. Die den breiten wec gant 

Bl. 1\ mit dem hvrlvste. die sint de hör d^ straze. de got 
tilegot. (44) Eri \ pies me de contradictionib' ppti, Dv lösest mich 

▼be wir ia Usia 

von I den wider sprachon d^ livte die da sprachen. Si dimiserim' eü 

lebenden dir werlt gmt «Ilir nah ime. 

uiuü I scim post illü uadit. Constitues me incaput gentium. \ Du set- 

dlete kriatenhelU 

zest mich ze hovbete d^ gentiü. ze hovbetc d^ ecct^ (45) Papla \ 

di. UbUeh ^ 

qui non eognoui seruitiit michi. De livt d^ gentiü dem | ich corporalit ze 

iadon 

ovgon niht kam. so ich iudeis tete. de d/////te (lies: dienote) mir | In 
ob auditu auris ohaudiuit michi. Mit oron gehörend | gehorter mir. ane 
ovgon gesiht. (46) Filij alieni mentifi sunt \ michi. Vremidiv kint. weh- 
sei kint ivden. irlvgen mir die triv \ßlij alieni imieterati sunt. Vre- 

nirrer fiiAd''// 

midiv kint sint ervimet | die ich mit noua gratia niwon wolte. si kle- 
in d^ alten iT/rnge d^ nlwna 

bcnt in uet'i testamen | to. noui d^ rvchent si niht. Et claudicatterunL 

d^ eltvl fwge 

Vn hinkent | si tiua////si mit ein////// vuze gant. ueteris testamenti. 
A semitis \ suis. De ist in geschehen von ir wegen von ir adinventionib' 

rn Ton hsnde mgewascbcncn vn ron hent Tauen. 

suis. I so die sint. de non lotis manib'. de calicibus. (47) Siuit (lies: 
Viuit) dns & bene \ dictus ds m^. & exaltet'^ äs salutis me^. Aber mir 
lebet I got. vn ist d^ gesegenote got. d* ze gvte genande min got vü 
werde er | irhShet. er ist got mines heiles, an mir werde er irh6het. 
(48) Ds qui I daa uindidas michi <fe suldis pplos sub me. Dv bist | got 

A////t9 dS diete 

dv riebest mich, vü pplos gentiü vnder tvst dv mir. JUbei-at^qr) \ ms 



ST.-PAULER BRÜCHSTÜCKE AUS NOTKER'S PSALTER. 131 

de inimicis meis iracundis. Min lösser von irbolge | nen vienden. Serien- 

criTceg« in crivccg« in 

ten. Crueitige. crucifige eü. (49) Ab in8urgent{{bu8) \ in me excdtabü me. 

nnd^ m«rt«r nnd^ vT«t«nd« 

Von den die mich anewent inpassione irh5 | Iiestv mich inresurrectione. 
Auiro iniquo eripies me, \ Von vnrehteme manne d* min ahtet lösest 
dv mich. (5O0 Pr(ypt\ea) \ conßtebor tibi inpplis dne. & psalmü dicä tibi in \ 

in zpan«n livten 

gentib'. Da von begih ich dir inpplis xpianis. vn singe dir psalm | mvn 

Indcn diäten 

ingentib\ (51) Magnificans aalutes regia e€, Got me... | de heil sines 

diäten 

kuneges. sines svdos. die er gentib' gibet Etfadene \\ 

Blatt 2'. Min gebet kome vur dih. nah dime geheize löse 
mih. Daz ist änderest | daz selbe. Wol bitet d* also bitet Ver- 
nvnst enpfahende wirt sin rat. | wan dvrh sih niht vnemende. wirt 
sin ynrat (171) Eructabunt \ labia mea ymnü cu docueris me iuetifica- 
tiones I taas. Mine lefsen sprechent lobesanc. so dv mih lerest dine 

gellmige got« 

rehtvnge. | Got leret die. die da sint docibiles dei. daz sie niht ein ge- 

hvgende. ab^ | gotes reht tvnde. behvtin gotes rehtvnge. (172) Pr(munr 
tiabit I lingtia mea eloquiü tuü quia oma mandata \ tua equitas. Min zvnge 
saget din geköse. leret diniv gebot, wan | siv alliv sint reht Von div 

dienar des wortes. bredigar. rebt 

wil ih werden minister nerbi. wan dar"^ | equitas ist. Ih weiz ab^ daz 

▼on wid^ tprecblnten. m abtönten 

a 

wol daz mir vreise begagenen sol acont | dicentib' & psequentib,. Waz 
wirt min danne? (173) liat manus \ hui ut saliiet me quo mandata tua 
elegi. alse | kome din helfe daz sie mih behalte, vll ih and^ sele niht 

minne 

vlom wMe. I wan ih diniv gebot Irwelte. alse daz ih mit ir amore vb* 

die Torbt«. 

wunde | timore. (174) Concwpiui salutare tuü dne & lex tua \ m^ditatio 
mea est. Eisten dinen behaltser wolte ih. sin | gerote ih. vn din § ist 
min hvgede. wan div git xpo vrkivnde. | (175) JJiuet anima mea & 
laudabit te & iudicia \ tua adiuuabunt me. An ime lebet min sele. vfi lobet 

komint 

dih. I vn dine vrteilde helfent mir. mit den die gehören svln. Uenite | 

gesegenote minei rater. 

benedicti patris mei. (176) Erraui aicui ouis qu^ piit \ quere seruü tuü 
quia mandata tua non sü \ oblit\ Ih gienc irre alse vlom schäf. svche mih. 
svche dinen schale. | wan ih diner gebotte niht \^gaz. Die dv svhtost. 
die fvnde dv. noh | svche die dv vindest vn gehaltest. | Einen ivden 

«Almen d sproson 

in sine wis witzigen vragete man wa von cantica | graduü alse ge- 



132 A. HOLDER 

namot wserin. Der antwurie alsvs. Do dauid | willen hate daz templü 
gote zimberon. do ebenoter den berc des tempils. 

Bl. 2^. vli scbvf in alnah div so er den tempil bildon wolte. Un 
begrvb In alse | daz vf dem b*ge ein bergeli wart. da"//////sse Wolter 
daz templü zim | beron. U£fen deme bergeline worhter d^ ßvnfgradvs 
dries. vnt ombe | vn vmbe daz die werchlfvte vn all /// // ^vte deste 
gemachlich vf vn I nid^ gan mäht Vn wan er wände daz er daz werch 
volle vrvmen | solti. so lieb sangoter sa dem selben werche. ih meine 

den qoindecim | gradib; mit alse manigeme salmen. vn scheinde sa 
an dem ersten cantico | daz er inaidos & contdictores vmbe daz selbe 

kerr* tot« aite« ttU von tmrtkum l^f»*» 

werch habete. Da von spracht | Dni lib^a animä med alabija ini- 

«iTvM« 9mk9ttigrr ttnfw. 9n «a^f». «n« her der iede $• vfl wume ä rinde kmik. tremiek «AI 

guis & a Ungtui dolosa. & ceta, Usque huc \ iudeus quarUü adecrticem, 

ül er ae wtmmkende. galorMfra das aare 

^nendus tum credo. \ übe aber wir von fidelib^ die medollam ex- 

presserant iegediht svzers | dinges gesraecket habin. vn so vil des 
an vns wesen mac. her vnr bringen | wellen. Den willen nemme nfe- 
men hohvart. wan er scheinet niht in | uidiam inpbis pedissequä. wie 
ad alliv kristenheit die//////fter d* leitere | d* gvt«te. an ir liden ze hi- 

mele stiget. vn in iegelicheme cantico livte. | daz ist wnnnesam ze 

T bTent«n In rlavtii 

kiesenne. S/e sprichet aller erst sih hie nidenan | mit habitantib' cedar» 
die sa wendent daz sie niht stige. Dar nah kit | si daz sie ir ovgen 

Ben botoB 

ad aptos vf heve. vnsi an ir zweltere gradvm .stopfen | welle, die d^ 
bvrc fvndement sint. indie si ze ivngest volle stigen wil | vn danne 

dar in komeniv exultans cantare. Ecce nc ben. Dar nah stopfet | sie 

■proscaa larrftander •tiaa« b« d^ ob tb. 

anden dritten gradum. Jnaoce sospirantis adsnpnä ihrlm. dar sie | wis- 
sagen vn boten troston ze volle komenne. vn kit Grat' sum inhis | 

•■ den dägem dir mir gMMf et sint in das goto« rarln wir. 

qu^ dicta i m indomü dm ibimus. daz sie geleistet habin. ake sie ir | 

■proBsea d dTraahton aal 

gehiezen. Andem vierden gradv. d^ nnmems pfectomm ist so hebet 

weiaeeUeba 

eccl^a I ir ovgen flebiliter ze gote selbem dröwentem. daz sie div ovgen 
ab ime | niht neme ^ er ir gnäde sende. Andem ftvnften sprozzen. so 

dl« aartarara 

nimet si | martyres inhant vn stepfet alse vaste daz si ioh andere 



ST.-PAÜLER BRUCHSTÜCKE AUS NOTKER'S PSALTER. 133 

ordenrnff« d^ gelorbif «/// aUrkl 

ordines iideliü | mit robore höher vn hoher setzet, vüze hin anden 
zehenden d^ ir selb^ | svnder sprozze wirt Der Behste Bprozze ist d^ 
bihtsre. Der sibinde 

o 
Jok WM «r i«sp 

Bl. 3'. sprozze. d^ die inzil li'woro. Dai cmei iudas. lam eni ia- 

TtoOct 

dieat' erat. Der | ahtode. ist sante Märten mit andren mageden vn wi- 

tewon. Der nivnde | ist coningatorom. Der zehende ist eccl§. vü aller 
d* die Vvam sint. Andisem | sprozzen s//// //eno// sie sich ir viende 

Uli K»rdon teifen slni- 

vndankes ///die ^i^fUJi mit ir mani | pulis. Alse daz die profundi pecca- 

dmre enpfkneMe sK 

tores danne gesehent. die vil nah temp' | acceptabile ylom haton. so 

s 

bTscbelUv s« Tbrvn- 

beginnet si ir selber furhtent. daz sie niht | fa'ciculi werdin ad com- 

B*na« das ist and einlUV/ o^e 

barendü. vn stepfent danne sp&te. ide in vnde | cima hora. anden ein- 
liften sprozzen. Deprofundis* vli werdent danne mit | snphabundanti grä 

■proase d^ Unde m' Tiia«hTld/// 

erlöset Der zweifle gradus. d^ ist infantü & inno | centü. die darf 

e 
d* gnade m^tar 

niht samenon sca. eccta. Mater grä sovget sie an ir arme. | An dem 
dricehenden sprozzen. so garwent sih die volle komenen hirte | vn 

d^ entm ttole* daa Ist batta gawant mit dem btirtagaTma 

herte mit stola prima mit der sie cü sponso brvten svln. alsez kit, | 

Ih aab Uirlm goaiexia alaa aina brrt gatn Ir maa. 

a 

Vidi ihrim omatam tam^ sponsam uiro suo. In dem vierzehenden | • 
8 Ecee qua bofi. vn | hi- 

waa got gebot hie tegea. 

melriche. vn sprechent. Qu5 illic mandanit dns bened . . . | henden sproz- 
zen canticü singent sie vf des brvtstvles höh.. . | alsus. Ecce nc be- 

gote lob. an dem breha aorfUU vn wieebeU 

ned\ Alleluia. Amen, alse in apoealipsi ist. Ben... | & claritas & sapia. 

brenten ind Ttnstrl. 

Mit dem tröste sprichet nv ze ivngest §cc} . . . | noh habitantib' cedar. 

iTnge//en T gawalticUebe in nahten 

Sid iv anden extremis svs gnadecliche. . . | mvge. Confident innoctib' 

Tf hebent iw^re heade ind^ helllkelte rn loben 

extoUite oms man* uras. inscä&... | Daz noctiV di//es ivngesten salmen 
gehillet dem cedar des ersten; | (1) (roth) Canf ana | bathmon. id est 

a 

gduü. AiJbe cü tribularer da \ rruiui & ex \ audüti me Ich rvfte ze dir 
herre vn dv er | hortest mih do ih in arbeiten was. (2) I>nB \ enie 
animä med alahijs iniustis \ & a lingua suhdola. Herre löse miK ^<s\^ 



134 A- HOLDER 

YDrehten vfi von | vnkivstigCD wortcn. Älse d^ wort sint die mih ilent 
beswichen. | vn wenden daz ih niht Btige de uieiis ad nirtutes. War 
wiltv Bprechent sie. | 

Bl. 3^- dv wilt ze verre. verrer danne dv mygist (3) Quid dch 

i i 

hit^ t I & quid adponet^ t ad linguä dolosam. Do sprach | ih ze mir 
selbem. Waz wirt gelazen. dir. vH waz wirt dir gefhe | gestellet, das 
kit. waz wirt dir zestellenne gein so beswichlichen | werten? (4) 8a- 
gitte potentis acut§ cü carbonib' | desolatoriß. i. uastantib'. Daz tvnt waase 
sträla des mahtigen. | daz sint gotes wort div setze dar geine mit 

störenten zanderon. daz | kit mit der ebenbilde, die ^ kvle waren. 
vn sie aber sih selben zvnton. | fr rede zest6renne. vfi ir irreden. So 

tvnde stigestv p gradas alse ovh | sie täten. (5) Heu m quia tneolai^ 
meua longinquus \ f actus est? Ah mih kistv danne. war vmbe ist min 
eilende | alse lanc worden? Wan dih sa belangen hin beginnet, so dy 
zetvgende | gestigest. vn dir d^ andrer vnreht gestat wegen, da von 
dvnket dih | sa din ser lip eilende vfi karlich. Inhahitaui cu tabema \ 
cutis. L cü habitantib\ cedar, Ih sitze mit den bventen in cedar | da 

ismahelis gesseze ist. d^ vzer gotes riche sol vstoren werden. Alse// 

wir r* die dimTB vn ir cm. wan es wir nitit der dimTia sni mit der ttItii ame. 

kit. Ecce ancillam & iiliä ei' non enl erit heres fili' ancille cü filio | lib^e. 

rinctrin«. 

Sine herberge sint cedar. daz kit tenebre. In den sitzent sivndige | 
mit den ih hie bve. (6) Multü i)egrinata est anima mea. \ Min sele ist hie 
vil eilende. Si bedrivzet d* ismahelis herbergon. (7) Cü | his qui od&r 

e 

pacs erä pacificus. Vride hi,lt ih mit den | die in hazzent. Daz sint die 
mit den ih in cedar sitze den ih ir vbeli vtage | daz vnd* vns //// fri- 

de ist Ca loquerer iUis debellabant \ me gratis. Undurftes 

(lies : ne rorderot«) 

. . . wider mir. so ih sie grvzte. wan | ih mine vrvme m. . vor do 

ih sie grvzte. ab^ ir sselde die in xpo \ sint. //wan sie vride hazzent. 

1.1 * *•* ▼»»er Trid« 

da von mahton sie neheinen gewaht | gehören xfi qui est pax nra. (roth) 
Cant gd. (= Canticum graduum) | (1) Leuaui ocuhs meos ad montes 
unde ue \ niet auxiliü michi, Ih sah vf andie berge, daz 



DIE OLOSSAE SAN-BLASIANÄE. 135 

DIE GLOSSAE SAN-BLASIANAE. 

Mitgetheiltjon 

ALPRED HOLDER. 



Wie die Augsburger Glossen (vgl. oben S. 1 — 18), haben" auch 
die von St. Blasien sich in St. Paul im Lavandthale wieder gefunden. 
Von Martin Gerbert im Anhang zu seinem Iter Alemannicum (Typis 
San-Blasianis 1765) pp. 4 — 10 abgedruckt und von dem Baseler Pro- 
fessor J. Spreng erläutert, wurden dieselben von Jac. Grimm in der 
Grammatik P (1819), S. LXIII. *') und von August Heinrich Hoffinann, 
Althochdeutsche Glossen I (1826), §. 2 S. X, kurz besprochen. Sie 
sind im Anfange des zehnten, vielleicht schon zu Ende des neunten 
Jahrhunderts geschrieben. 

Es sind im ganzen drei Blätter, 0-296"» hoch und 0'226™ breit. 
Das erste Blatt (I) ist lose, die Vorderseite vierspaltig, die Kehrseite 
dreispaltig beschrieben. Blatt V unten steht lib' augie maioris; also 
ist Reichenau die Heimat dieser Glossen. 

Die beiden andern (H). hangen unter sich zusammen und sindPalim- 
psest; von der zweispaltigen Urschrift zu 25 Zeilen ist auf Bl. 2' bloß 
noch das lateinische Wort eorü in Uncialschrift zu erkennen. Auf jeder 
Seite ist ein Evangelist abgebildet, Bl. 1' Mattha&us, 1^ Marcus, 2' Lucas 
und 2^ Johannes. 

I 

DE GENEST, delcramcnta. tobunga, 

Praesagio. fora uuizzida, & hiberas inepta. ungazamiu, 

Obtrectatorum pis. bracharo. Nenias. carmina leotn, 

latratib; Luotidom, Archanum. thougini. 

Sugillationem. uurgida Non uulgarent. nigi märtin. 

Cudere Smidon Sciptatarent. (1. Scriptit :) scri- 

Ingenium. clauuida, bilotin 

Testati« sim. urchon dontipim, ' R&uierint frä b^ctin. 

opes. e Contulisse. ebono brinc^an. 

focdare. unsubran. «^^;« ^;««u* 

n -x 1. /1. r \' copia. fi^munt. 

rZte TrLißfert. frä bri-git 

°i... ' 1 .j afflatus. ciblait 

editione. arrechida m -^ • i^ 

TJ-anktione. fri rechidalga- hi^torfä. teSacha. 

T 1 ' t h t emule. //// ellinari. 

^^ r j-1 ü- u»x Spiritalia. atü licho 

confodit Bigrebit. tuW reddor. 

Promulgauit. fora gimar ta. Ceconomicü. (1. : Oec. :) r&hor. 

Proferamus. fora pnngemes, protkcri, fo^tL (,V. .jt^ Q^«i^^•:^ 

apocritorum zui ualero. *^oi ^ ^ ^ 



136 



A. HOLDER 



xenofontis. po&a. 

et platonis. philoBOphas 

Fftagorä. philoB (s auf p) oplk 

et domestenis« (1. Demostn.) 

r&bor. 

Chrismata. (1.: Char:) ans^ge- 

bono. 

Concitas. anazes. 

Consule. frage 

Usarpata. bihabania. 

exemplaria. bilidhi 
1,26 Imagine. analichida 
2, 1 Omatos. cieritba. 

2, 6 Uirgaltü am. somar lataiu 

6 Supficie. ubar slihtida. 

7 formauit. gibilidta 
luspirauit anagibleas 

10 adinrigandü. cigifuhtanne 
12 Bidelliü prasinus. stein co- 

manin, 
28 Uirago, 

3, 1 Callidior, Uizufora. 



6 CoDsuenint giBacton. 
Perizomatay 

8 addara. (lies: ad aaram) 

15 Inimititias. fiant scaf 
Insidiaueris. lagos, 

23 Uersatile. Uuerfantaz. 
4, 4 adipib; 
4; 5 concidit 

7 adp&itas. kemi. 

9 Num. ina« 

12 Uagos. aauiceun 
Profugus. freidig. 

16 Nequaqoa. nec^ätist. 
Piini&ur. far goltauaerde. 

16 PUgä. pihalbu. 

eden. 
20 Intentorüs. ingiceltom 

22 MaUeator. hamarari 

23 Inaul nus meü. inaunton 
In liaorem meu. intolo 
famosL marre. 



(Eebrseite) 

7,13 Inarticulo. Ingiduoin ge. 
9,i0pecodib; nozzil. 

11 deinceps. fona hinan. 

16 Uegitat. Cifiiarit. 

20 exercerc. gihur scan. 

22 Uerendor. (1. : uerenda). era 

10, 9 Robustus. strenger. 

11 Assor. 

11, 3 Cemento. calc. 
7 CoDfiindamus. gimiscemes. 

28 Inur caldeorü. inzundidu. 
12^ 6 Uallem inlustrem. tale mar- 

rema. 
13, 1 Ad aastralem plag. 
3 ameridie. fona sundirL 

6 armenta. 

7 Rixa, secchia, 

8 lurgiü. paga. 

12 Inoppidis. Introphom. 
14 ad aquilonem. Zanor dri. 
18 coDualle mähre, ciebantalc 

14^ 3 Inualle siluestre. intal uoildaz. 
6 Campestria. fraoil di, 
8 aciem. anauuigi^ 
J3 auserat (1: enaaerat). arfloh. 



14 

16 

22 
23 

15,2 

7 
10 
11 
12 



17 
16,6 
17,11 

12 

18,6 



Pepigerant. 

(r auf Bmwt t«b b) 

expeditos. piderbe 

Uemaculus. inpurro. 

Inruit. anafeal. 

ad lenä damasci. 

possessore. herron 

afilo tegminis. . . fona fadome 

uueppes; 

Liberos. 

Procuratoris. foracaumen. 

Possessuros. pisizzenter. 

Altrinsecus. peda halp. 

Cadaaera. hreae 

ahigebat uuerita. 

Occamber&. pisaz. 

Sopor. suuebito. 

lampas. faccia. 

Utere ea. niozsea. 

Preputii. 

empticius. gicoofter. 

Destirpe. fona canne. 

accelera 

Tria sata. 

Simile conmisce. 



DIE QLOSSAE 8AN-BLA8IÄNAE. 



137 



10 Comite. gUantema 

11 Prouecteq; fragi 
fuar temu, 

15 perterrita. kibrattiu 

19, 8 Calmmis mei. firstes mines, 

12 Generum. eidum. 

15 Inscelere. 

16 Dissiroulante. 

20, 1 ProfectuB. faranter, 

16 clamen. (1. : uelamen) holi- 
lachan. 

21, 8 ablactationis. sinera pispeniti. 
34 colonas. lantsidilo. 

22, 5 properantes. farante. 
22, 8 rrouidebit. fora gisihit 

9 Struem. huffo 



10 Immolarft. caplemzzi. 

11 Peperceris. libis (b auf p) 
18 Uepres. brammon. 

17 Inlitore. instade. 
23,3.4 funeris. ins reht 

8 Inter cedite. die ch&. 
16 SicIoB. untia. 
23,13 MuD&e, 

16 Publice, (b Yon 2. Hand auf p) 
luit licheru, 

20 antrum. hol. femur 

24, 8 Non teneberis. nibist pihabft, 

21 ProBperum. flunigan (L: b1.) 
22. 30 armillaB. boaga. 

32 ac destrauit. eutimsatulota. 



n 



Bl. 1' 

24,50 placidum (lies : placitum) eius 
diuge Binemu. 

58 SuBcitati (lies: Sciscitati) sunt. 
forBConti uuarun. 

59 ComiteB eiuB, casinde sine« 

60 Inprecantes. 
25,22 Conlidebantur. 

25 hispidus. 

27 adultis. kizoganem 

29 Rufa. 

30 Oppido lasBUB sum. 

34 eaulio. muase. 
26, 5 cerimonias. euua 

7 Reputans. kizellenti. 

9 Perspicuü est duruh siun lih 
12 Locupl&atus e gi ehti goter 
17 Ad torrentem gerare eile 
uuinun 

Bl. V 

26,29 adtigimus. 

30 Mutuo. uuehsallihho 

35 offenderunt 
27,34 Inruit ana fei. 

38 heiulatio. uuei node. 
45lndi^atio eius. abulgi. 

orbabor, arsiduphit. 
46 Taed& me. unlustidot mih. 
28,13 Innixü scale. analinentan. 
14 Septemtrione. 



28 Intitulü. inmarka. 
29,10 Consubrinä. 

17 Lippis. brehene ■» 

UenuBta. sineccarliL (lies : 

smecc.) 
27 huius copule. dera gimachida. 
30 potiu8(l.: potitus). pruchenter. 

33 contemptui. dera farsem. 

34 Copulabitur. ist camah 
30, 2 qui priuauit der piteilta 

8 Conparauit me. uuiaar maz mih. 

Inualui. gima^&a, 
10 feliciter. salicuhho. 
14 Mandragoras. epphli. 
32 Sparso uellere. 

fuluum. elo 

furuum. suuarz 

Masculorü. (1.: maculoBum) 

flecchoti. 
34 Gratum habeo 
37 populeas uirides. rasinä postat 

(eher rt als st) 

amigdaUnas. hnuz boum 

platanias 



Bl. 2' 



d&ractisq; 

candor 

uarius. 
39 coitus. 
42 SeroViiTia 



138 



A. HOLDER, DIE GLOSSAE SAN-BLASIANAE. 



admissura erant. 

conceptuB. extremoB. 
31y 1 Inclitus. mar rer 
2 an imaduertite. 
8 F&U8. giburt 

14 Residui. cileipa. 

15 Repatauit nos 

21 amne. stroume 

26 abigeres, far tribis, 
28 Non es passas. 

31 uiolent notlicho. 

32 Nec&ur. ciuaizzinot 

34 Sic delnsa soUicitudo so piho 
hotiu (lies: notiu) sorga. 

36 Tumensq; suuellenti. 
exareisti. arbluhitos. 

37 Suppellectilem. azzasi. 

46 Tumulü, hlec. 

47 aeeruom. hiiffo. 

52 Transiero. ptransiero.ubar gan. 
32y 6 Properat. zuanahit 

14 f&as . . melcho. 

22 Mature. 
Uadam, stroum. 

24 Luctabatur. Rang 

25 Neruü. B^no adra. 

Bl. 2^ 

emarcuit 
2G aurora. 
32 obstipaerit 
33,14 paulatim 

15 Indigeo. 

34, 3 Conglutinata. 

Blanditiis deliniü. 

7 Inlicitä rem 
perp&rass& 

8 conubia. 
exerc&e eä 

13 obstuprum, 

14 Nefarium. 
19 Nee distulit. 
22 emitantes. 

stora chinä 
Inlaecis. 
Sub lentisco. 
Subglande 
Glaus luctiis. 



Inter ca8taar&. 

Ippodromo. 
Cabrataterre. 
Jnaboliü suü. 
Usque du imple 

n 

r& albea; 

Linü triticum alieä. 

rames'en. 

Cue cotin. inoto. 

Epauleü inter mag 

dolü inter mare. 

inelsefon inelim 

hoc est insin. 

Inter elim & sina 

inraphidin //// (ter ausradiert). 

tercio mense uenerunt 



mere mosm; 



hoc est. de tabemaculo 
pectornlem. ü bon^. 
tunicä. redimiculü. 
habente subucula; 
podere; eideri zonä. 
Logiü. spitames linea. 
Fimbrie, aspidis cas sei ficiü. 

nolas. 
aductoriü. craticulä. nadllü 

uialas. tabliciü. 
forfiees. forcibus aparatus •'.• 

plagana azima 

f auf e 

consegra///tus manu saro n. 

intera 

nea subtortilem scimatoram 

scitulas instinc. insa. 

cione. se'din mes se. 

antdas. inaures. ua 

rios negere. sublem 

ti. & ab scise sunt. 

Scimacia. 

Uersatilia. bitulä 

subpositoria lamellä. 

emericionis. propsides. 

libatoria. turcas. 

iialas. sciatos. 

truUas. crateres. 

- -^<5arissos deforraati. 

deeandclabro. suflbso 



O. BEHAGHEL, ZUM HELIAND. 139 

riü anri toria aurea. ad oborrant. 

emuncturia supposito fricta matara 

ria. scapü. antemia facta, recia. adi 

ansas. cömiBurä. anc pe & lübü & pinnä 

conas serras q; imoccinas; semel 

läne auri brateas. lä & propalauit. pec 

grosses aureos. cü deie. pra & alo 

epomidis pduas piciä adoborrant 

pinnas. inloma contra dum & au 

te; delauticisa fert gecur conün 

pra sacrarium. nis uis siculü. 



ZUM HELIAND. 



Der Heliand gilt allgemein als ein ausserordentlich durchsichtiges, 
dem Verständniss wenig Schwierigkeiten bietendes Denkmal unseres 
deutschen Alterthums. Und gewiß, Otfrid, Beowulf, die Edda setzen 
dem Forscher weit größere Hindemisse entgegen und manches Räthsel 
bleibt bis auf den heutigen Tag ungelöst Aber doch ist auch im 
Heliand noch nicht jede Dunkelheit aufgehellt, noch nicht alles Un- 
ebene geglättet. Daß dem so sei, beweist der Umstand, daß gegen- 
wärtig zwei neue Ausgaben des altsächsischen Gedichtes ihrer Vollen- 
dung entgegen gehen. Gleichwohl scheint auch mit diesen noch kein 
endgiltiger Abschluß von Erklärung imd Kritik erreicht zu sein, so- 
weit ich das nach den Bemerkungen von Sievers in der Zeitschr. f. 
deutsches Alterthum und einem flüchtigen Einblick in die Druckbogen 
von Rückert's Ausgabe beurtheilen kann. So mögen weitere Beiträge 
zum Verständniss des Heliand nicht ganz überflüssig erscheinen. 

Ich gebe meine Anführungen nach den Zahlen in Hejne's Aus- 
gabe. Es ist zu bedauern, daß Sievers dieselben nicht beibehält trotz 
seiner neuen und jedenfalls richtigeren Versabtheilung. Denn wohin 
soll es führen, wenn jede weitere Ausgabe eine andere Zählung bringt? 
zu Nichts als zu einer ausserordentlichen Erschwerung in dem Auf* 
suchen von Citaten. Hier allerdings, wo Heyne imd Sievers nur um 
wenige Verse abweichen, wird sich das Meiste richtig finden lassen; 
allein wenn es sich um Dinge handelt, die sehr häufig erscheinen, um 
Verweisungen auf Partikeln, Infinitive, Conjunctive und dergleichen, 
so ist leicht ein Zweifel möglich. 

In der Hauptsache selbst bin ich mit Sievers davon überzeugt, 
daß der Monacensis gegen den Cottonianus zu bevorzugen ist. Es 
wäre deshalb zwecklos, jeden einzelnen FalV zu ct^tVätw^ ^^ väö.^^^^^'^ 



140 O. B£HAGH£L 

Begrflndung nicht beistimmen kann. Nor einiges sei bemerkt Sieven 
fährt seinen Beweis dadurch, daß er die Stellen, die ftU* M sprechen, 
sowie die ftlr C sprechen, zusanmienstellt Darunter befindet sich nun 
eine ganze Anzahl von Stellen, wo allerdings M oder C die bessere 
Lesart gewähren, wo aber ganz gat möglich ist, daß die schlechtere 
Lesart schon in der Vorlage gestanden und M und C auf eigene 
Hand die Verbesserang eingeflELhrt; oder es liegen ganz gemeine 
Schreibemachlässigkeiten vor, deren Beachtung nicht den geringsten 
Einfluß auf die Werthschätzung eines Textes haben kann. Denn 
welchen Rang würde nach einer solchen Beurtheilung z. B. die Nibe- 
lungenhandschrift A einnehmen? Solche Fälle sind z. B. 433 M biliffi, 
C blithi (bei Sievers p. 65). 680 C seBan fbr sweban. 1235 C falsch 
thär fbr tharod. 1278 C falsch wesan ftlr wisean. 2170 C l^a fbr 
l^a. 2177 C mano fflr namo. 

5005. wanskefti C ftlr wamskefti ; (hier hält Sievers selbst einen 
Schreibfehler für möglich). 

133. C wid selba fbr w. selBan (p. 66 b. Sievers). 

201. C wann Air wärun (im Hauptsatze). 290. C loVon ftlr gi- 
löbon. 

879. C (hebanriki is gin&hid manno) bam gegen bamun M (p. 67). 
888 C thoh welleat (Concessivsatz) fbr willean. 1213 C (halde endi) 
blindan fbr blinde. 2736 C heritogo für heritogono. 2802 C (was im 
iro) herro (d6d) für herron. 

2909. C skiran (wator) för skir. 3227 C (is) räda (saga) fllr räd 
(p. 68). 3246 C (sundea) lätan ftlr alätan. 3275 C (thinun) fnund (hold) 
ftar friundun. 

3375. C andwardia ftlr andwordida. 3385 C fastnöd (Partie) ftlr 
gifastnod. 3765 C droh ftlr drohtin. 

4516. C (ni habes) §niga (del) ftir enigan. 

693 hat M (morgan) hwem fbr gihwen (p. 69). 

1557. M (nedö thu) ut fbr it. 2273 M gis^nid für giserid. 

4181. M (hie ne wolda tho an thia) megin (innan) ftlr menigl 
4526 M thiodo för thiodan. 

5252. M the god ftlr the godo. 

1604. M al mr alla. 2987 M barmo ftlr härm. 3276 M (thi) gi- 
niodo (most) ftir giniodon. 

3733 M (nebu man) spraka ftlr spreke. 

4893. M (ni stodi) gifastnost ftlr gifastnod. 

Ahnlich verhält es sich mit den Auslassungen; indes ich denke, 
die gegebenen Beispiele werden genügen, um meine vorhin ausge- 



ZUM HELIAND. 141 

eprochene Behauptung zu rechtfertigen. Wenn also bei M weniger der- 
artige Fehler zu verzeichnen sind, so kann das eine bessere Erhaltung 
der Vorlage beweisen; es kann aber ebenso gut darthun, daß M sich 
nicht begntlgt, Buchstaben für Buchstaben auch Unverständliches nach- 
zuschreiben, sondern einen erträglichen Sinn herzustellen bestrebt ist. 

Ich komme zu denjenigen Stellen, bei denen es mir scheint, daß 
Sievers mit Unrecht einer der beiden Handschriften den Vorzug ge- 
geben, M und C also gleichberechtigt sind. Dies ist besonders da der 
Fall, wo Verschiedenheit des Modus erscheint. Da ich jedoch in 
Bälde eine zusammenhängende Darstellung tlber den Optativ im He- 
liand zu geben gedenke, so will ich hier nur wenige Stellen hervor- 
heben. 

1312 C sittean (S. p. 67) ist völlig berechtigter Conjunctiv nach 
dem Imperativ willeat 

2787. quam ebenso gut als quftmi cf. 2045, 2063, 4343, 4413. 

3038. gikorane, that giwunödin so berechtigt als der Indicativ, 
cf. V. 3141 und 4151 M (Sievers p. 68). An dieser letzteren Stelle 
zieht sogar Sievers selbst (p. 68) den Conjunctiv scoldi vor gegen den 
Indicativ scolda in C. 

3653. fargaf that muostun ebenso berechtigt als möstin cf. v. 2437, 
3074. 

4135 C awekida, that mösta sehan; ich weiß nicht, was gegen diesen 
Indicativ eingewendet werden sollte. Der Satz ist in der Lesart von C 
einfache Folge: er erweckte ihn, so daß er das Leben sehen durfte. 

4540. gi folgon skulun, so gi gisehan C ist richtig, denn im 
Nebensatze des Imperativsatzes kann der Conjunctiv stehen, auch wenn 
der Imperativ durch skulan ersetzt wird. 

4843 (S. p. 71): so gi willead C ist ganz klar und richtig: indem 
ihr Noth bereiten wollt welchem der Menschen? 

Von Fällen anderer Art erwähne ich: 

2344. ni weldun hörian hebankunige M von Sievers verworfen 
(p« "^0) gegen hebankuniges C, wohl aus dem p. 67 zu v. 2661 an- 
gegebenen Grunde, daß „nicht das bloße Anhören, sondern das Glauben 
und Befolgen" gemeint sei. (Hier 2660 wird der Accusativ gegenüber 
dem Genetiv verworfen.) 

Aber gerade in dem von Sievers geforderten Sinne steht fast aus- 
schließlich der Dativ: 

1982. miDun wordun horid endi thiu werk frumid. 

2264. imu the wind endi the wäg wordu hördin. 

3151. themu gi horian skulun, fulgangad imu gemo. 



142 O. BEHAGHKL 

4267. ni weldan is worde gihorian; noch 497, 499 , ebenso im 
Gotischen: Luc. 10, 16; Joh. 12, 47; im Ags.: Beowulf v. 10, 66, 2755. 

Auch der von Sievers verworfene Accusativ ist zulässig: HeL 1727 
iuwa helag word horean ne willead, fulgangan godes l^run. 

Dagegen im Heliand nur eine Stelle, wo in beiden Mss. der 
Genetiv steht: v. 2264. Indessen möchte ich den Genetiv nicht ftür 
unzulässig erklären: er steht auch im Gotischen Joh. 18, 37: Wer 
aus der Wahrheit ist, hausei}) stibnais meinaizos (Hei. 3956 gehört 
natürlich nicht hierher). 

2814. Sievers p. 67/68 verlangt den Singular for wegen des vor- 
angehenden Singulars werod. Allein der Fall ist nicht selten, daß bei 
dem collectiven werod zuerst das Verbum im Singular steht und sodann 
mit dem Plural fortgefahren wird: 527 fagonöda werod, gihordun, 
cf. femer v. 620, 3682. 

4413. M (the minniston therö the) standid von Sievers p. 71 ver- 
worfen gegen den Plural standad in C. Mit Unrecht; cf. v. 835 allerd 
bamö betsta thero the gio giboran wurdi; ebenso 5269. (2045 therd 
gesteo, the at them gomun was, themu heroston ; hier kann allerdings der 
Relativsatz direct auf den Singular themu heroston bezogen werden.) 
2787 thes wisoston thero the quämi. (4334 C that minnista therd 
witeo, the giwerdan skal. Hier kann ähnlich wie 2045 der Relativsatz 
direct auch auf that minnista bezogen werden). 

4329. mansterbonö mest thero the swulti. 

923, 3883. enig thero the wäri. 

Allerdings sind alle diese Fälle darin von 4413 unterschieden, daß 
in ihnen der partitive Genetiv von einem Singular abhängt, in 4413 
von einem Plural. Allein dies kann von keinem Einfluß sein. Denn 
die eigenthümliche Erscheinung dieses Singulars nach thero the ist doch 
wohl so zu erklären, daß the das neutrale that ersetzt, und auf diese 
Weise die Gesammtheit der Fälle in ein Ganzes zusammengefaßt und 
so dem einzelnen gegenübergestellt wird. 

Demnach ist weit eher der Plural standad für unrichtig zu er- 
klären, denn v. 4334 M (minnista thero witcö, the skulun) und v. 3051 
(enhwilik thero wärsagonu, the l^rdun) lassen sich wohl nicht als Stütze 
anftihren, da kein thero vor the steht und die Sache hierdurch ein 
ganz anderes Aussehen gewinnt. 

5008. Sievers bemerkt (p. 69): „C firinwerco falschlich von dem 
adverbial gebrauchten wiht (in v. 5(X)8) abhängig gemacht." Ein ad- 
verbialer Gebrauch von wiht ist hier nicht anzunehmen, weil is davon 
abliängig ist (is gibotian wiht), diesem is parallel wäre dann auch firin- 



ZUM HELIAND. 143 

wcrkd zulässig. Allerdings Hesse sich eine andere Auffassung wenig- 
stens denken — und diese wird wohl der Bemerkung von Sievers zu 
Grunde liegen — daß man is zu firinwerk zieht und Petrus darunter 
versteht; allein die Wortstellung wftre alsdann eine ausserordentlich 
gezwungene, ohne daß sich ein Grund dafür denken ließe. 

Endlich gelange ich zu meiner Hauptaufgabe, zur Erörterung 
derjenigen Stellen, wo Sievers oder Heyne nach meiner Ansicht einer 
unrichtigen Lesung den Vorzug gegeben haben, oder wo überhaupt 
die gemeinsame Überlieferung der Handschriften und die bisherige 
Erklärung nicht zu befriedigen scheinen. 

V. 151. erklärt Heyne ellendädi: „Kraftthat, Zeugungsact." Daß 
hier von dem letzteren speciellen Sinne keine Rede ist, beweist v. 152, 
wo die Folge ausgesprochen wird von habad binoman ellean-dädi: 
„80 daß wir an unserm Gesichte geschwächt sind." 

V. 168. wänum wird von Heyne als Dativ des Plural erklärt mit 
adverbialer Bedeutung. 

Nun wäre es doch höchst merkwürdig, wenn gerade bei diesem 
einzigen wän im Dat. PL sich stets das ursprünglich schließende m 
erhalten, das sich sonst fast durchgängig in n gewandelt Ich glaube 
daher, daß wänum als Adjectiv anzusetzen ist = wänam. Keine der 
Stellen, in denen wänum vorkommt, widerspricht dieser Erklärung: 
V. 392 lioht godes wänum thurh thiu wolkan. 447 that barn antfgng, 
wänum ti thesaro weroldi. 649 gengun thiu kumbal, wänum undar 
wolknum. 4105 wänum up ares te thesumu lichte. 

211. mi thunkid an is wisu giltk jak an is gibärea, that he si 
betara than wi. gilik wird von Heyne und Schade als Adverb angesetzt 
Allein das Adverbium heißt giliko und niemals ausser dieser Stelle 
gilik. Ferner würde ich auch den Sinn nicht verstehen: es dünkt mir 
in gleicher Weise^ daß er besser sei? oder etwa gar: gilik jak in der 
Bedeutung von aeque ac? — gilik ist ganz einfach Nom. Sing. Masc.: 
und es ist eine Constructionsvermischung eingetreten, wie sie im He- 
iland nicht selten ist, nämlich von: es dünkt mich, daß er besser sei, 
und: er dünkt mich einem gleich^ der besser ist. Auch v. 5508 ist 
die Construction bei gelik nicht streng logisch: hie was an is dädion 
gilik al so bliksmun lioht (fUr: er war wie das Licht, oder: er war 
gleich dem Licht). 

299. Joseph bemerkte, daß| Maria schwanger war: ni wända thes 
mid wihti, that im that wif habdi giwardod so waroliko. So Heyne mit 
M, und Sievers stellt das in C vor that überUeferte neua unter die 
unpassenden Zusätze (p. 63). Das hiesse also: er hatte mit tlvääjsö. 



144 O. BEHAGHEL 

geglaubt, daß das Weib sich sorgsam bewahrt habe. Nun hat sie sidi 
nach seiner spätem Ansicht gerade nicht bewahrt; die Lesart von M 
gibt also gerade das Oegentheil von dem, was der Sinn verlangt Denn 
daran kann doch wohl im Holland nicht gedacht werden, s6 waroUko 
ironisch, im Sinne von ^so unaufmerksam^ zu nehmen. Dagegen bei 
C ist Alles in schönster Ordnung: er hatte das (thes, that siu habdm 
bam undar iru) nicht erwartet, sondern daß sie sich so soi^sam be- 
hütet habe^. 

879. nu Ifitad an iwan mödseBon iwar selborö sundeft hrewai^ 
l^das, that gi firemidun sunde& bezeichnet Heyne Gloss. p. 317 ab 
Acc. plur. Wie ist es aber möglich, daß zu dem Acc. plur. der gen. 
sing, ledas parallel ist? Die Sache erfordert also nähere Betrachtung^ 
bei der von Bedeutung und Construction von hrewan auszugehen ist. 
Heyne sagt: hrewan unpersönl. st. v. c. dat pers., acc. rei leid sein, 
schmerzen. Offenbar liegt hier ein Versehen vor, wenigstens ist es 
mir bis jetzt nicht gelungen, den Gedanken eines derartig construierten 
Verbums durchzudenken. Unpersönlich ist hrewan niemals, aber in- 
transitiv: 

V. 1140. that sie im irö barm werk hrewan IStin. 
V. 3480. lätid im is bittrun d&d an is hugie hrewan. 
V. 4733. ne thurbun iu thius werk tregan, hrewan min hinfard. 
V. 5149. bigan imu thiu däd hrewan an is hugea. Daneben kommt 
hrewan transitiv vor = beklagen. 

V. 5012. is selbes word s^rur hrewan, karön efda kümian. 

Unentschieden ist: 

V. 5t24. gomöda, hrau im so hardo, that habda. 

Aus allen diesen Beispielen geht hervor, daß ein Genetiv bei 
hrewan nicht zulässig ist, also auf diese Weise keine Übereinstimmung 
zwischen sundefi und l^das geschaffen werden kann. Es ist daher 
lidas als unrichtig zu bezeichnen und l^d zu lesen. (Eine Änderung 
von hrewan etwa in hriwig widerlegt die Analogie von y.ll40 und 3480.) 

984. Christus stieg (nach der Taufe) heraus, he that land afstöp. 
Wie die Präposition af hier stehen könne, weiß ich nicht zu sagen, 
af bezeichnet die Trennung, afstapan that land heißt niemals das 
Land betreten. Offenbar ist atstöp zu lesen. (Bei Schade fehlt afstapan 
aber auch atstapan.) 



*) Deshalb hat auch Müllenhoff hier die Lesart Ton C beibehalten, nach dem 
sein Text g^earbeitet ist 



ZUM HELIAND. 145 

1353. ne williad thes farlfitan wiht m@n-githähtid, thes sie an ir6 
möd spenit. Heyne (p. 310): von den Gedanken, die ihr Gemüth ver- 
locken. Diese Übersetzung wird dem Wortlaut nicht gerecht. Höch- 
stens könnte es heißen: von den Gedanken, die sie antreiben in 
ihren möd. Wollte man auch annehmen, daß möd in prägnantem Sinne 
für schlechter Sinn stehe, so wäre es identisch mit m^n-githähti und 
könnte nicht die Wirkung derselben sein. Es ist ganz einfach mit 
unbedeutender Änderung zu lesen: an irö möde. 

Vielleicht wäre noch eine andere Erklärung möglich mit Bewah- 
rung des Überlieferten: „wozu sie an ihr Sinn treibt". Allein ich be- 
zweifle die Zulässigkeit des Genetivs thes nach spanan in diesem Sinne. 

1562. so hwat so thu gid^Ieas M und Heyne, sowie Sievers. So 
wie die Stelle bei Heyne steht, ist der Conjunctiv unerklärlich. Es 
ist zu schreiben: 

so hwat so thu gedeleas — so is üsumu 
drohtine werd — , ne galpö thu te swido. 

Dann ist gedeleas der Conjunctiv, der im Nebensatze des Imperativs 
stehen kann. 

1620. alätid iu waldand-god firinwerk mikil managorö m§n- 
skuldeö. Nach mikil ist ein Komma zu setzen, denn mön-skuldeö ist 
keineswegs von firinwerk abhängig, sondern steht ihm parallel, indem 
hier alätan mit Acc. der Person und Gen. der Sache construiert ist. 
Ich erwähne diese an sich unbedeutende Correctur eben wegen der 
eigenthtlmlichen Erscheinung, daß in einem und demselben Satze zwei 
verschiedene mögliche Constructionen zeugmatisch mit einem Verbum 
verbunden sind; sie begegnet auch noch an anderen Stellen: 

V. 2264. imu wordu hördin, b^dea is gibod-skepies. 

V. 2753. ef thu mi therä bedä tugidos, nun word fora thesun 
liudiun. 

V. 3529. hoskes gihörian endi harmquidi; hier ist auch möglich^ 
daß noch filu aus v. 3528 auf den Genetiv hoskes einwirkt. 

3768. was iru §nfald hugi, willeon gödes. 

4829. bSd metoda-giskapu, torhterö ttdeö. 

5650. hie sia an dna spunsia uam, lidö thes iSdöston. 

(Ein Zeugma von etwas anderer Art in: 

V. 2218. thena the ^r ddd fomam, an suhtbeddeon swalt; 

V. 2323. ni mahti giwerdan so, grim-werk fargeb^an biutan god öno.) 

1752. M und Heyne: than menid thöh breosthugi. Es fehlt das 
Subject im Satze, denn breosthugi ist Accusativ (parallel i^t \!CL«x^%.^^t^ 

OEBMANU. Neae Reihe. IX, (XXI.) J^hrg. \^ 



146 O. BEHAGHEL 

modseBon); daher ist C: that vorzuziehen. Auch die analoge Stelle 
y. 1492 erregt Bedenken. Nachdem Christus auseinandergesetst die 
Lehre: ärgert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus^ fthrt er fort: 
than mSnid thiu lefh^d, that inig liudeö ni skal „nun bedeutet die 
Krankheit". Nun ist vorher von einer Krankheit gar nicht die Bede^ 
und wollte man zugeben, daß lefhed hier den Sinn einer Verstümme- 
lung habe, so ist es doch unmöglich, daß in diesem thiu l§fh^d die 
vorhergehende Gleichnissrede zusanmiengefaßt ist Ich schlage vor 
zu lesen: that meuid thea lefhed "*), das bedeutet die menschliche 
Schwachheit, die darin besteht^ daß man gern der Verlockung folgt; 
statt eines solchen Explicativsatzes ist aber^ parallel dem Substantiv 
(in Bezug auf diesen ParaUelisrous von Satz und Substantiv verweise 
ich auf meine demnächst erscheinende Abhandlung über den Optativ 
imHeUand), in einen Behauptungssatz umgewandelt: das bedeutet die 
menschliche Schwachheit, (es bedeutet), daß Niemand sich verleiten 
lassen soll. 

Möglich wäre an sich auch, zu lesen: that menid thiu lefhed, 
mit einer im Ahd. nicht ungewöhnlichen Vertauschung von Symbol 
und dem durch das Symbol Bezeichneten, allein hiergegen spricht die 
Analogie von 3462: that mendun thea wuruhteon und 3592: that menid 
liudeö bam, hwo sie god giwarahta. 

1861. thena lereand skulun fodian that folkskepi; thes sind 
thea firuma werda, leoblfkes Idnes, the hi them liudiun sagad. So M; 
C bietet: thes hie im te frumu werthe. Sievers (p. 73) zieht zwar M 
vor, hält aber eine objective Entscheidung nicht flir möglich. Ich glaube 
eine solche läßt sich doch gewinnen. Die Lesart von C würde heißen: 
den Lehrenden soll das Volk ernähren, dafiir daß er ihm zu Nutzen 
werde, ftir den lieblichen Lohn, den er den Leuten sagt Das aber 
läßt sich wohl nicht bestreiten, daß der Inhalt der Rede des Lehrenden 
nicht leoblik Ion ist, sondern daß unter 1. 1. die Wohlthat zu verstehen 
ist, die von dem folkskepi ausgeht und dem lereand zu Theil wird. 
Übersetzt man etwa: ^den Lehrenden soll das Volk ernähren, dafilr 
daß er ihm zum Nutzen werde, mit lieblichem Lohne, den (seil, den 
Nutzen) er den Leuten sagt", so ist immer noch der Conjimctiv werthe 
unerklärlich'^'^). Wollte man endlich sagen: Den Lehrenden soll das 



*) In der That liest auch C thftt, was bei Heyne nicht angegeben ist, 
*^) Abgesehen ganz von dem Überspringen in der Beziehung; was ich jedoch 
nicht an sich für unstatthaft erklfiren will, cf. v. 60 skolda thuo that sehsta (aldar) 
kuman thuru godes kraft endi Kristas gebärd, helanderö betst, heiagas gestes. 



ZUM HELIAND. 147 

Volk ernähren; dafür werde er ihm zum Nutzen, ftlr den lieblichen 
Lohn, den er den Leuten sagt", so haben wir den vollkommenen Un- 
sinn. Kurz, auf keine Weise läßt sich mit C etwas anfangen, und M 
bietet unbedingt das Richtige. 

1987. an allard halBa gihwiltka. — halBa als Acc. Sing, ist un- 
richtig, denn wenn zu dem BegriflF Jeder noch der verstärkende Gen. 
Plur. hinzutritt, so steht ganz regelmässig auch das Substantiv im 
Genetiv PL Ich gebe ein vollständiges Verzeichniss der Belege: 

V. 975. aUaro rehtö gihwilik, 1218, 1421, 1537, 1691, 1750, 1805. 
1917, 1987. 

V. 1203. allard burg6 gihwem. 

V. 1551. thes alles gihwat, 1655, 1661, 1825, 1925. 

V. 1218. allarö dago gihwüikes, 1917, 2169, 2347, 3334, 3499, 3782. 

V. 1412. allaro bamö gehwilik. 

V. 1537. allaro erlo gehwilik, 1825, 2051, 5460. 

V. 1691. allard gödo gehwiliku. 

V. 1655. allaro mannö gihwes, 1926, 2972, 2617, 4251. 

V. 1661. aUoro thingo gihwes. 

V. 1805. allorö liudeö s6 hw., 2619, 3508, 4377. 

V. 2065. allorö gumon5 gehw. 2593 allard akkarö gehw. 

V. 3852. allaro wibö gehwilik. 

Demnach dürfte ftlr 1987 sich halbd als unzweifelhafte Besserung 
herausstellen. Diese seltene Genetivform (Heyne, kl. alts. Gramm, 
p. 73) war die Veranlassung zur Entstellung in halba. 

2404. Was auf dem Wege zu wachsen begann, famam thes 
folkes fard mikil. Heyne im Glossar: fard 2. Der betretene Weg, 
Fährte: nom. sg. 2404. Daß der betretene Weg, die Fährte Nichts 
hinweg nehmen kann, ist wohl klar. Vielmehr ist auch hier die Be- 
deutung unter 1. anzusetzen: Zug, Reise, Gang. Der Menschen Fahrt 
= die dahinfahrenden, gehenden Menschen. 

2986. siu was iru adali-geburdeö kunnies fan EananSolande. Was 
soll hier der Genetiv Plur. neben dem Gen. Sing, kunnies? Wie kann 
überhaupt bei einem Einzelnen von seinen Geburten die Rede sein? 
zumal auch sonst sogar beim Plural in diesem Gen. der Relation der 
Singular steht: 1265 sie wärun fon swestrun twSm knösles kumana. 
566 wärun adalies man. 

Gleichfalls erregt Bedenken v. 557 gi sind ediligiburdiun kimnies 
fon knosle gödun. Selbst zugegeben, daß der bloße Instrumentalis 
bei sin stehen könne — was ich nicht glaube — so wäre es doch eine 
ganz merkwürdige Tautologie : „ihr seid vermöge edler Geburt vo. E^'l^^ 



148 ^' BEHAGHEL 

auf eure Abstammung von gutem Oeschlechte''*). Es ist wohl ein 
Substantiv adali-geburdeo = Sproß eines edeln Geschlechtes anzuBetBen» 
wodurch sich beide Stellen auf die einfachste Weise erklSren. 

Allerdings weiß ich eäiligiburdeo aus andern germanischen Dia* 
lecten nicht zu belegen. Aber auch obarhöbdio ist dem Heliand 
eigenthümlich. 

3016. nis mannes reht, that he is bamun br6des afÜhey wende 
imu oftar willeon. Der Singular imu ist kaum zulfissig, denn an einen 
Dativus ethicus kann hier nicht gedacht werden. Es ist im zu lesen, 
bezogen auf bamun. 

3437. tholödun manag araßid-werkö, unmet hgt skinandia smma. 
Heyne: ^het scheint adverbial zu stehen.^ Eine solche Annahme ist 
ganz überfltlssigy wenn man nach h^t ein Komma setzt: „wir erduldeten 
viele Arbeit, unmäßige Hitze , den Schein der Sonne (eig. die schei- 
nende Sonne). ^ Zu dem substantivischen Gebrauche des Adjectiva 
h3t vergleiche man: 1780 het endi swart. 1911 iuwa das Eurige. 3831 
sin das Seinige. 3905 rehta das Rechte. 4591, 4674 hriwig Kummer. 

3448. Heyne: hwo thär erlös quämun, so skulun man-kunniea 
bam duan. Im Gloss. p. 232 : hw5 3. correlativ zu s5 v. 3448. Außer- 
dem ist keine Stelle angefahrt Eine solche Bedeutung hat hw6 nie- 
mals^ kann sie auch nicht haben ^ und sie wird auch von dieser Stelle 
nicht erfordert. Es ist einfach zu verbinden: obar that mannö folk 
wordun spr&ki, hwö erlös quämun. So skulun duan. Auf eine andere 
Stelle, wo nach Heyne's Auffassung ebenfalls relative Bedeutung von 
hwö anzunehmen wäre^ v. 5945, komme ich noch zu sprechen. 

3786. that it bigan hladan. Das Subject he kann unmöglich 
fehlen. 

3913. he theru thiod giböd: ,,sö hwe so bithwungan wfiri, BÖ 
ganga imu.^ Der Wechsel von Imperfectum und Präsens des Con- 
junctiv wäre unverständlich, so hwe so wäri ist noch oratio obliqua, die 
unabhängige Rede beginnt erst mit so ganga. 

3991. Der Punkt nach awerpan ist wohl nur Druckfehler statt 
des Fragezeichens. 

4291. hwan is eft thin wän kuman Heyne mit M. Im Glossar: 
„wän 2. Zuversicht, Vorsatz", also: ^wann ist dein Vorsatz zu konmien.*^ 
Allein dies ist unmöglich. Es mtlßte schlechterdings das Gerundium 



*) Das ist jedenfalls unmöglich, nach ediligibardinn ein Komma zu machen 
and sn erklSren: ihr seid von edelm Geschlecht Denn so, im Sinn des lateinischea 
Eigenschaftsablatiyiu, ist der Dativ niemals gebraucht. ^ 



ZUM HELIAND. 149 

te kumanne stehen. Hier bietet C das Richtige: hwan is thtn eft 
wän kuman, aus metrischen Gründen umgestellt, fUr hwan is thin 
kuman wän, wann ist dein Kommen zu hoffen. So ist y. 2441 mina 
weit von seinem Substantiv ISra getrennt: that gi mina thiu bet oBar 
al thit land-skepi l%r§L farstandan. 

4691. wisarö trewond. Was das sei^ weiß ich trotz Vihnars Er. 
klärung nicht, wenn er sagt: „einer Treue, die ihres Weges und Zieles 
sicher ist^ wisa trewa ist eine erfahrene, kluge, einsichtige Treue, 
weiter Nichts. Aber allerdings ist der von Vilmar gegebene Sinn der 
hier nothwendige, und ich lese daher ohne Bedenken wissaro. wisaro 
ist nur durch den Cottonianus gestützt, dessen Nachlässigkeit in Buch- 
stabenauslassungen bekannt ist Zum Überfluß liest er wenige Zeilen 
später, mit dem gleichen Fehler, wisa ftlr wissa (sciebat) in v. 4722. 

4759. Simla he to drothine ford thiu m^r aftar thiu mahtigna 
grötta. Hier ist es unmöglich, daß te drohtine von grotta abhängig 
ist. Nothwendig muß ein weiteres Verbum ausgefallen sein. Ich lese: 
simla he hreop te drohtine ford, mahtigna grotta. Es hat Überspringen 
stattgefunden in Folge der beiden h im Anfang von he und hreop. 
Mit dieser Besserung ist die Analogie zu v. 4793 hergestellt: he was 
an theru bedu simla endi is fadar grdtta. 

4900. he swiltit imu oft swerdes eggiun: „Er stirbt oft durch 
des Schwertes Scheide" gibt doch wohl keinen Sinn. Es ist zu lesen: 
eft = wieder, seinerseits. 

5041. be thiu nis mannes bäg mikilun bitherbi, hagu-staldes hröm 
M. C be thiu is. Wie Sievers dazu kommt, die Lesart von C vorzu- 
ziehen (p. 71), begreife ich nicht. Es ist die Rede davon, daß des 
Menschen Kraft Nichts ist too thea mäht godes (v. 5034). Nun wird 
fortgefahren: deshalb ist der Hochmuth, der Trotz des Menschen 
nichts nütze. 

5064. bigunnun rädan thö, hw6 sie gewisödin mid wärlösun 
mannun, mSngiwitun an mahtigna Erist, te giseggiane sundeä thurh is 
selBes Word = quaerebant falsum testimonium contra Jesum. Heyne 
gibt zur Erklärung folgendes: „gewisian 5.c. praep. an Anweisung geben 
in Bezug auf. 5065"^ und „te giseggiane sundeä Sünden auszusagen, zu 
bezeugen*' (p. 292). Dagegen ist verschiedenes einzuwenden. Einmal 
kann gewisdn mid mannun niemals heißen: den Männern Anweisung 
geben. Sodann was will Heyne mit thurh is selbes word anfangen? Soll 
te giseggiane s. th. i. s. w. heißen: zu bezeugen, daß er durch seine 
Worte Sündhaftes ausgesprochen? Eine solche Comprimierung des 
Ausdrucks wäre vielleicht bei Tacitus möglich, aber xüßklVk^raiX^v&Äföt 



150 O. BEHAGHEL 

des Heliand. — Nothwendig maß zu giseggiane die Person Subject 
sein, die mit is seBles bezeichnet wird, also Christus. Dann heißt das 
Ganze: wie sie mit falschen Zeugen gegen Christus die Anzeige, den 
Beweis erbrächten, Sünde zu reden, oder daß er Sünde rede durch seine 
Worte. Ich verkenne nicht die Schwierigkeit, die darin liegt, daß daa 
Gerundium dann für einen abhängigen Behauptungssatz steht; allein ich 
weiß sonst mit der Stelle Nichts anzufangen. 

5160. thu sähi ist von Heyne aus Versehen (sehan Nr. 8) ab 
conj. praet sg. U bezeichnet 

5242. quädun that he bigunni endi oBar Judeon för. Die directe 
Rede ist schon nach bigunni zu eröffnen, sonst wäre der Indicatiy för 
unerklärlich. 

5300. Senda ina eft thanan Erodes the kuning an that öder folk. 
Ledian het ina lungra man. ledian ohne bestimmendes Object ist un- 
verständlich. Der Punkt nach folk muß gestrichen werden, so daß 
an that folk dxo xocvov auch Bestimmung zu ISdian ist. Oder wer 
Lust hat, mag dann nach kuning eine Interpunction setzen und an 
that folk nur zu dem Folgenden beziehen. 

5312. habdun sia grama barn farskundid. grama bam soll die 
Teufel bedeuten. Allein wenn bam nicht im eigentlichen Sinne ge- 
braucht ist, so gewinnt es seine Bedeutung erst durch einen hinzu- 
tretenden Genetiv. Es ist deshalb das handschriftliche gramo nicht in 
grama sondern gramono zu ändern. 

5317. hwat gi mi thesan man sendun endi selben anbudun^ 
that he awerdit habdi. Heyne: anbiodan bringen, darbringen. Es ist 
kein Grund vorhanden, hier für anbudun eine andere als die gewöhn- 
liche Bedeutung entbieten anzunehmen und ein Verbum des Sagens 
zu ergänzen. Es heißt: weshalb habt ihr mir diesen Mann gesendet 
und mir selber sagen lassen, daß er etc. 

5346. „Mir haben diese Leute übergeben, verliehen, daß ich 
freie Hand habe, (daß ich die Macht haben darf), dich sowohl ans 
Kreuz zu schlagen als dich leben zu lassen.'^ Das haben die Juden 
gewiß nicht gethan, diese Alternative dem Pilatus nicht gestellt. Es 
ist zu lesen : mi thi hebbiat thesa liudi fargeßan (cf. 5215 mi thi thius 
menigi bifalh), und der Sinn ist: du bist in meine Hand gegeben, so 
daß ich dich tödten oder leben lassen kann, nach meinem Belieben. 

5748. liabdun sorogia. Woher in diesen Acc. PI. das i kommen 
soll, vermag ich nicht zu sagen. Offenbar steht sorogia falsch für 
Boroga unter dem Einfluß des folgenden ginuogia. 



ZUM HELIAND. 161 

5762. wirdit thit folk gimerrit, ef sia biginnat märian hier. Das 
it nach biginnad kann unmöglich fehlen. 

5945. sagda, hwö iru sellbo gibdd, torhterö t^knd. Heyne: ^sagte 
von den glänzenden Wunderzeichen, wie er ihr selbst geboten hatte. *^ 
Erstens hat hwo keine relative Bedeutung; zweitens ist seggian mit 
dem Qen. eine unmögliche Construction. Es heißt vielmehr: sie be- 
richtete, wie er in leuchtenden Zeichen geboten. 

Über die Vertretung des Instrumentalis durch den Genetiv ver- 
gleiche man: Möller, Über den Instrumentalis im Heliand und das 
Homerische Suffix tpi, p. 14, im Programm des Gymnasiums zu Danzig 
vom Jahre 1874^ wo freilich gerade unsere Stelle nicht angeführt ist. 

Noch sind einige Stellen zu erwägen^ in denen mir eine sichere 
Besserung nicht gelungen ist 

1309. thes mötun sie weräan gifullit. Es steht nicht da, wo- 
mit sie erfüllt werden sollen. Heyne will thes auf rehto beziehen. 
Allein erstens ist diese Beziehung auf ein Adverbium nicht wohl 
möglich, und wenn auch, so hieße es: mit diesem, nämlich mit dem ^in 
gerechter Weise**. Und das soll nun gleich sein mit „mit Gerechtig- 
heit erfiillt werden". Wozu das? Gerecht sind sie ja schon, da sie 
rehto addmiad. Es könnte nur gemeint sein : sie sollen gerechtfertigt 
werden. Das wäre wieder eine Ktlnstlichkeit des Ausdrucks , wie sie 
im Heliand undenkbar ist Es kann also jedenfalls thes nicht Object 
zu gifullid sein^ sondern ist als causal aufzufassen: „dafdr^ deshalb." 
Nun ist ein Doppeltes möglich. Entweder ist gifullid entstellt, steht 
etwa für gefehöd oder gifroirid, oder es ist ein Substantiv ausgefallen, 
etwa welono oder ein ähnliches. Nur ist fllr ein solches schwer eine 
Stelle zu finden, zumal man erwarten mQßtC; daß es ziemlich starken 
Ton und einen Stab trüge. Man müßte etwa annehmen^ daß nach 
Ausfall des einen Stabes ein anderer eingeschoben worden ^ also viel- 
leicht: ferahes gifullit thurh iro dädi. Nur müßte man dann voraus- 
setzen , das schon die Vorlage von M und C in ihrem Originale den 
Fehler vorgefunden und dann den Stab ergänzt. KurZ; etwas Sicheres 
ist nicht zu gewinnen. 

2477. 80 an themu lande dudt that kom, thär it gikrund haBad 
endi imu thiii wurä bihagöd. C liest gigrund, was nicht alliteriert. 
Dagegen ist gikrund zwar dem Reime genügend, aber meines Wissens 
noch nicht erklärt. Grein schlägt gikrüt vor, allein das paßt auch 
nicht: wo es Kraut hat und ihm der Boden behagt. Der erste Theil 
des Satzes muß ebenfalls aussagen, daß die Stelle dem Wurzelfassen, 
dem Wachsthum günstig gewesen. Vielleicht ht zu lesen: thär it ^ 



152 O. BEHAGHEL, ZUM HELIAND. 

kroma hatiad endi imu bihagöd, vielleicht noch gi fiLr endi, das gesetst 
wurde, nachdem man das erste gi nicht mehr verstand, kmma stünde 
dann im Sinne von lockerem Ackerboden ^ nur weiß ich keinen alten 
Beleg für diese Bedentang beizubringen. 

3350. is Sndago gimanödun mahtiun suid M, gimanoda magtig 
mahtiom suith suht C. Eine ziemlich verzweifelte Stelle. Sidier 
scheint mir nur das Eine, daß suht nicht spätere Interpolation is^ 
sondern dem ursprünglichen Texte angehört Nun aber ist eine Alli- 
teration auf s (suith suht) hier unzulässig. Nur zu fragen wage ich, 
ob in dem suith nach mahtiom vielleicht ein mislik steckt und ob die 
Stelle etwa so gelautet: is ^ndago gimanödun mahtig, mislik suht 

4901. swiltit, d6t im bidröragan. dot ist nach Heyne 3 P. S. v. 
don; also er thut blutig sterben = er stirbt Allein eine solche Con- 
struction von ddn mit dem Infinitiv scheint mir im Heliand undenkbar 
zu sein, daher wird eine Anderang nothwendig. Man könnte denken 
an: dot ina bidröragan er bewirkt, daß er stirbt, bringt sich zum 
Tode. Allein hiergegen spricht einmal der ParaUelismus zu swilti^ 
und außerdem liegt doch hier ein starker Gegensatz: wer wfipnö ntd 
frummian wili, der bewirkt seinen eigenen Tod; man würde also er- 
warten ina selbon. Man wende nicht ein, daß auch in v. 4900 imu 
ohne seKon steht; hier wird der Gegensatz durch eft ausgedrückt 
(wie nothwendig statt oft zu lesen). Es bliebe somit nur der zweite 
Weg, dot oder vielmehr doit mit C als „er stirbt^ zu fassen. Dann 
ist natürlich der Infinitiv bidröragan nicht mehr möglich. Daß drOrag G 
nicht das Richtige bietet, brauche ich kaum zu bemerken. Man könnte 
also nur etwa an ein Particip bidroragand oder bidröragöd denken« 
Auch das will nicht recht befriedigen. Dazu kommen gewichtige Be- 
denken gegen das Wort bidröragan selbst. Einmal begreife ich nichts 
was die Zusammensetzung mit bi bedeuten soll. Femer gibt es keine 
Ableitungen auf -agan. Das möchte noch hingehen, denn man kann 
ja leicht hier und 5512 (jedesmal bietet nur ein Ms. das Wort) Ver- 
schreibung fUr -agon annehmen. Allein meines Wissens haben sämmt- 
liehe Ableitungen auf -agön (bez. auf -on von Adjectiven auf -ag) 
transitive Bedeutung. Ich möchte deshalb fragen, ob bedroragan nicht 
vielleicht ganz aus dem deutschen Wortschatz zu streichen ist, und 
möchte dann lesen : doit im bi droragun, er stirbt durch die Schneiden 
des Schwertes^ er stirbt durch die blutigen. Nur macht hier 5512 
Schwierigkeit: hie skolda bedroragan, sweltan sundionö los. Man 
müßte eben dann annehmen, daß bedroragun allgemein adverbial = in 
blutiger Weise stünde (oder könnte drörag als ein Synonjmum f^ 



H. TREUTLEB, BRUCHSTÜCK DES JÜNGERN TITUREL. 153 

Schwert aufgefaßt werden?) Auch hier ist mir abo etwas Zweifel- 
loses nicht erreichbar. 

Möchten aber meine Vorschläge, wenn sie auch nicht durchaus 
das Richtige treffen^ wenigstens den Erfolg haben, daß den betreffenden 
Stellen eine erneute Aufmerksamkeit zugewendet wird. 

HEIDELBERG. OTTO BEHAGHEL. 



BRÜCHSTÜCK EINER HANDSCHRIFT DES JÜN- 
GERN TITUREL. 



Herr S. B. Smith, Archivar der Universität zu Kopenhagen^ 
hatte die Freundlichkeit mich auf ein Fragment einer deutschen 
Handschrift, das er gefunden, aufmerksam zu machen. Es ergab 
sich leicht, daß dasselbe einer Handschrift des jungem Titurel ange- 
hört Weiteres konnte ich selbst nicht feststellen, da ein Exemplar 
von Hahn's Abdruck hier nicht zu erlangen war. Die Angabe der 
Strophenzahlen von Hahn, sowie einige weitere Bemerkungen verdanke 
ich der Gtlte des Herrn Prof. Zamcke, dem ich den Fund mitgetheilt 
hatte. Hier will ich das Bruchsttlck auch weiteren Kreisen zugäng- 
lich machen. 

Das innere Blatt des vordem Umschlags*) an einer auf dem 
Universitätsarchiv befindlichen Rechnungslegung Air die Frauenkirche 
zu Kopenhagen von den Jahren 1552 — 1569 enthält die unten mitge- 
theilten Strophen des Titurel. Das Blatt, Pergament, hat eine Breite 
von 1174 ^^U ^^^ ^^^® Höhe von 9 Zoll und ist in 2 Spalten bo- 
schrieben. Oben und an beiden Seiten ist ein breiter Rand gelassen, 
unten ist es schief abgeschnitten. Die Strophen sind abgesetzt, der 
Schluß der einzelnen Verse fast inmier durch einen Punkt in der lau- 
fenden Zeile bezeichnet. 

Auf der Vorderseite sind in jeder Spalte 24 Zeilen erhalten, und 
die obem Hälften der fünfundzwanzigsten, die aber von links nach 
rechts sich verjüngen; auf der Rückseite nur 24, da die Schrift hier 
ziemlich eine Zeile tiefer beginnt, die 24. Zeile der linken Spalte ist 
ein wenig beschnitten. 



*) Der ganze Umschlag besteht ans 4 Pergamentbl&ttem, 3 sind lateinisch, 
kirchlichen Inhalts. 



IM H. TREUTLER 

Die Vorderseite ist gut lesbar, die Rückseite, die beim Einbinden 
nach vom genommen nnd mit dem ersten Blatt des Deckels froher 
zusammengeklebt war; ist in Folge dessen stellen weis schwerer za 
lesen. Auf derselben finden sich, doch nur noch an den Rftndem, 
Spuren einer senkrecht gegen die Schrift des Titurel laufenden, mit 
rothen, blau gefüllten Initialen, die aber auch dort so abgeschabt ist, 
daß ein Wort zusammen zu bringen mir nicht möglich war. 

Die (obere) Schrift ist sehr sauber, die Hand gehört dem 14. Jh* 
an, was die Form des a bezeugt, or wird stets durch die Ligatur des 
o mit dem uncialen R gegeben, doch hat sich der zweite Theil der- 
selben noch nirgend als r emancipiert (vgl. Wattenbach's Lat Paläo- 
graphie S. 14). Die Initialen zu jeder Strophe reichen gewöhnlich 
über 3 Zeilen, das I Strophe 5414 über 4, sie sind klein vorgezeichnet 
und in rother Farbe groß ausgefilhrt, wobei helles mit dunklerem Roth 
abzuwechseln scheint 

Erhalten sind nun: 
auf der Vorderseite: Spalte 1, Str. 5412, Z. 2 Schluß bis 5414, Z. 7 vor- 

letzte Silbe. 

Spalte 2. Str. 5416 bis 5418, Z. 7 Mitte, 
auf der Rückseite: Spalte 1, Str. 5419, Z. 7, letzte Silben bis 5422, Z. 5, 

erste Silbe. 

Spalte 2, Str. 5423, Z. 5, letzte Silben bis 5426, Z. 2, 

gegen Ende. 
Die 3 Lücken zwischen dem uns erhaltenen betragen also je 
etwas mehr als eine Strophe, die Lücke zwischen Spalte 1 und 2 der 
Rückseite ist verhältnismässig die größte, da hier außer einer Strophe 
ziemlich ein ganzer Rinfhebiger Vers fehlt In der Handschrift ftlUt 
eine Strophe durchschnittlich 9 Zeilen, nur acht 5417, neun 5413. 16. 
20. 21. wohl auch 5418, zehn 5425, von 5424 steht die letzte Silbe 
[plvjmen herabgerückt am Ende der zeh'nten Zeile, die als erste der 
folgenden Strophe angehört, von Div nam durch ein Strich getrennt. 
Auf der Vorderseite fehlen vermuthlich 9 — 10 Zeilen, auf der Rückseite 
wohl eine mehr, im Ganzen also 10 oder 11, das ergäbe ftlr die Spalte 
jeder Seite gleichmäßig 34 (oder 35) Zeilen. Bei 34 hätte der beschriebene 
Kaum auf der Seite ohne Rand eine Größe von 11 Zoll Höhe und 
8*4 Zoll Breite gehabt. 

Unser Fragment gewährt eine nicht schlechte Überlieferung. Flüch- 
tigkeiten begegnen wie namentlich 5313, Vers 3 das Reimwort valde, 
5421, V. 2 die Copula sit fehlt; an 2 Stellen übertrifft es dagegen offen- 
bar die Heidelb. Handschrift, 5421, V. 5 enlige ftlr ensige, 5424, V. 7 
vreut für fvrt. 



BBUCH8TÜCK EINER HANDSCHRIFT DES JÜNGERN TITUBEL. 155 

Was die Sprachformen betrifft, so sind die vollen Endungen noch 
oft erhalten, neben Formen wie hohiv 5416, V. 2, elliv 5421, V. 4 und der 
öfters vorkommenden Form diu erscheint aber auch das geschwächte 
die als Nom. des femininen Artikels. 

Die Vocalverbreitung beginnt eben, neben iuch 5421, V. 1.7 ivwer 
5421, V. 7, auch euwer 5421, V. 3.5, treuwen 5418, V. 7, halben 5413, 
V. 7. Somit dürfte die Handschrift dem Anfang des 14. Jh. zuzuweisen 
sein. Ihre Heimat werden wir in Süddeutschland, wohl Baiem, zu suchen 
haben^ Mitteldeutschland ist ausgeschlossen durch die Bezeichnung des 
Diphthongen uo (p). Mitunter ist das feiner geschriebene o sehr verblichen. 

In dem Abdruck löse ich die Ligatur für or, die wenigen Ab- 
kürzungen behalte ich bei. Nicht sicher gelesene Buchstaben deute 
ich durch Cursiv an. Die Strophenzahlen nach Hahn's Abdruck. 

Vorderseite. 

Sp. 1, Str. 5412 

(kun)de w»re. 

Die not mins hertzen quele. Vnd mines libes vberlestik swsere. 

Ich hanz da für daz siz vil licht beweinte. 

sich mochten vlinse klieben. Daz ich an vreuden bin die so vereinte. 

5413 
Kathelangen vnd graswalde. Den si wir beide verre. 
Ir leit ist maniger. Der ich doch was ein vrowe vnd dv ein herre. 
die sint an vns verweisent also tife. 
ob ich ein engel wsere. daz ich die leit nicht halbev vber riefe. 

5414 
IN disen manigen sorgen. Mit iamer gar verworren. 
Mvz ich vil arme worgen. in dirre not mit chlage in iam^ dorren, 
ward mir ye vreuden Hecht von dir getragende. 
Daz ist ein vinster trübe, isemerlichen worden mir al chlage | 

Sp. 2, Str. 5416 
DEn helt richer koste. Den iagt euch hohiv minne. 
Und grales grozzer vloste. Zaller zit vf prise. nach dem gewinne, 
reit er vnd was parcifal genenet. 
Sin strit in manigen laden, in machte verre den ritt^ rot erkennet 

5417 
Die svze nicht die chlare. von chlsegelichen malen, 
erkande nicht für wäre, ir mümen kint den edelen parcifalen. 
Jamer rurt si bi des hertzen gründe. 
Daz si gar vber dachte, sprechen hören sehen ander stvde. 



156 H. TREUTLER, BBUCHSTOCK DES JOMGERN TTTUREL. 

5418 
Ovch was er walt gestviide. geriten walt gevilde. 
Daz er nicht reden kvnde. Der stimme was er verirret von der wilde. 
Wan daz in twanc ir chlage der vil svzen. 
Daz lert in svzichlichen. do die reinen treuw6iu 

Rückseite. 

Sp. 1, Str. 5419 

. .nieten. 
5420 

Die edel hertzoginnen. antwurten im begvde. 

Iz wundert mine sinne, ob din stimme ge vz engeis munde. 

Der mit so reinen Worten ist gesvzet 

din amblick din svze wort mich sam tschyonatulander grvzet 

5421 
Daz bede ein wip iuch bemde. si dem ir wol geliche. 
euwer blic der werden bemde. Durch elliv wip tvt mich an vreuden riche. 
vnd daz alle euwer vreude nicht enlige. 
als mir do tvt die mine. vnd ivwer lip ivch lieplichen wige. 

5422 
ER was wol mir gemage. so sagte mir ein vrowe. 
an vreuden euch die trage, div saz ob im in einer wilden ouwe. 
Ich 

Sp. 2, Str. 5423 

brvder 
mir nam vnd disen fursten. er darf mir fiirbaz werfen mer kein Ifider. 

5424 
Sich erkande vz leide swinde. Sjgvne die wol geherte« 
Gen ir mvmen kinde. Die edel svz des iamers sich bekerte« 
si sprach herre. dv bist kint miner mflmen. 
Ich meine hertzelauden. wan si vrevt die hertz baz danne die plvmem 

5425 
Div nam ir zeinem manne, den kvnic von antschouwen. 
des ir vreuden banne, ir hertz mit iamer durchel ward verhouwen. 
Do si den hochgelopten kvde vliesen. 
durch chlage walt vnd wilde wolt si für alle kvnicriche erkiese. 

5426 
Gamuret lobeliche. sus was der helt ge | 

KOPENHAGEN, Juni 187Ö. H. TREUTLER. 



O. MILCHSACK, BBUCHSTOCKE DES JÜNGEEN TTTUBEL. 157 

BRUCHSTÜCKE VON DREI HANDSCHRIFTEN 

DES JÜNGERN TITUREL. 



Durch die Gefälligkeit der Herren Prof. Bartsch und Zarncke 
bin ich in den Stand gesetzt, über die nachstehenden, bis jetzt noch 
nicht beschriebenen Fragmente dreier Titnrelhandschriftenj Auskunft 
zu geben. 

1. Zwei Bruchstücke auf der königl. Bibliothek zu Han- 
nover, IV , 486 , welche zum Zusammenheften von Acten benutzt 
gewesen und im Jahre 1837 von dem damaligen Oberbibliothekar 
Pertz aufgefunden worden sind, bestehen das eine aus zwei, das andere 
aus drei kleinen, je unter sich zusammengehörenden Pergamentblätt- 
chen einer Handschrift des 13/14. Jhds«, klein Folio, zweispaltig, die 
Columne zu 38 Zeilen. Die Strophen sind abgesetzt und, mit ab- 
wechselnd rothen und blauen Initialen geschmückt, fortlaufend, in 
durchschnittlich sechs Zeilen schön, doch nicht genau geschrieben, die 
Reimzeilen aber durch einen rothen Strich im Anfangsbuchstaben her- 
vorgehoben. Der Schreiber bezeichnet das i regelmäßig durch einen 
schräg übergelegten Strich und setzt am Schlüsse der Strophen nie- 
mals einen Punkt. Diese beiden Bruchstücke entsprechen bei Hahn 
das erste Str. 2863, 2864, 2869, 2870, 2875, 2880, 2881 (im Druck von 
1477 Cap. 22, Bl. 302 ff.), das zweite Str. 3839—3843, 3845—3847 (es 
fehlt in der Handschrift Str. 3848), 3849, 3850, 3852—3861 (im Druck 
von 1477 Cap. 27, Bl. 349»* ff.). 

2. Ein einzelnes Pergamentblatt auf der königl. Bibliothek zu 
Berlin, Ms. Qerm. Fol. 744^ aus der Bibliothek des Consistorialraths 
Busch in Arnstadt stammend, mit welcher es am 25. April 1825 in 
Erftirt versteigert wurde und in den Besitz des Freiherm von Meuse- 
bach gelangte. Dasselbe hat als Einband mehrerer Schriften von 
Caspar Schwenkfeld gedient und die vordere Spalte ist über die Hälfte, 
der obere Rand bis zur zweiten Zeile abgeschnitten; dazu ist besonders 
die nach außen gekehrte Seite durch vielfachen Gebrauch und Flecken 
zum Theil unleserlich geworden. Die Handschrift, dem 14. Jh. angehörig, 
war zweispaltig, die Spalte zu 38 Zeilen. Die Strophen sind abgesetzt 
und, mit abwechselnd rothen und blauen Initialen geziert, in durch- 
schnittlich sechs Zeilen fortlaufend geschrieben^ jedoch werden die 
Reimzeilen durch große mit einem rothen Strich versehene Anfangs- 
buchstaben kenntlich gemacht Der Schreiber, dessen HaM. ^\^^\a.^ 



158 ^- lOLCHSACK 

sehr wie seine Ungenauigkeit auf geringe Übung schließen Iftßt^ pflegt 
b und k durch p und ch (vgl. Str. 4977; 4 chlagende, 5 pei ; 4978, 4 
chvn; 4981, 1 chrancze, 4 chan^ preit; 4982, 4 pin, pringest n. s. w»), 
femer t durch ei, ei durch ai, ü durch ou (vgl. Str. 4981, 3 mainet, ver- 
ainet; 4982, 1 tail, 2 waise; 4986, 3 streit, tempelaise, fraise; 4988, 2 
lout, 4 houser; 4990, 3 und 4991, 3 tousent u. s. f.) wiederzugeben 
und war also ein Baier. Dieses Bruchstück umfaßt die Strophen bei 
Hahn 4974-5000 (im Druck von 1477, Cap. 34, Bl. 404' S.) 

LEIPZIG, October 1876. GUSTAV MILCHSACK. 

I. Hannoverische Bruchstücke. 
1. Bruchstück. 

TW. a. 

2863 von lande f^ren 

ir helfer (al gemei)ne. dvrch mannes kraft dar vmbe sie nv swuren. 

daz mans an keiner note sehe wichen. 

denne mit dem tod aleine oder sie gesigen ritterlichen 

2864 Iz ist vil schad eriche. vnsem hohen e(r)en. 
daz vns so vrefeliche. d^ parok 

2869 V 2870 Sigv 

ich von de 2875 min riwe 

doch vil V noh phen 

ritterlich n eine 

heidenisc izzet. so 

siner kr 



b 



2880 angen. 
hete ob dv niht quemest da mite so wer min leit doch vnder vangen. 

2881 Nv si mir got daz gebende, durh sine hohe milde. 

daz er diu hvte lebende, als er davide ze schirm Schilde. 

vor goliam dar an sin krarft tet wund\ 

vn groze zeichen riche die selbe kraft hast dv noch 

2. Bruchstück. 

TW. a. 

3839 bte. swer gein im e. verebte was d^ tra 
ende, die striten svnd^ sorge ich bin allen 
ride vor im sagende 

3840 Als wir nv ackerinen, mit sige al vb^ 
winden, se laze ich al die sinen an ga 



BRUCHSTOCKE VON DREI HANDSCHRIFTEN DES JÜNGERN TITUREL. 159 

vreten selben räche vinden. essidemons 
ze svUe wir miden. nah dem kokodriUen 
n ich manhchen in stvrme riden 

3841 Vil diet d^ sinne wilde, han ich vz ma 
nigen landen, durh die des trachen 

(l)de. ich niht vor wandet noh die helfanden 
z sie d^ wapen werden iht verirret, der 
vre mit d^ swertze vz dem gelwen samit 
viten virret 

3842 Kartis von kartigale des mvren sich 
gesine. baz vil denne rimale. sol dir ge 
ingen al die gote mine. habent gar zom 
ein mir gelazen. vfi gein mir ze prise wer 
en wellen sie helfe mir gar besazen 

3843 Naz gein den getovften. wellent sie im 
mer riehen, an eren die bestrovften 

b ^ 

384Ö an im gesigende daz han 
gar gedingen 

3846 Mit kvnigen selbe 
dv min da soldest. 

ste. ob dv hoher seiden w 
so mohtest dv dich hoher 
den in die schar killicra(t) 
hie in stvrme wisen 

3847 Die andern riten a 

erst bin schamde* vn swie daz spil 
gevalle. so sit alle vf die getovften vamde 
daz sie von erste sin die gar v^drvkten. 
daz sie in d^ vespere ie so vil der sper gein 
vns ze brvkten 

3849 Sie werdent wol gespiset mit in nv hiez er bringen, 
hamasch d' wer gepriset sin als wir nah wibe lone ringen, 
wer die sin die sich des wolden nieten. 

daz sie den babilonen beiden svnd^ hamasch solden nieten 

3850 Die sint hie niht benennet, vn al ir 

manz ze hofe er 
vVapent ob vnd 
gen waz ir zeichen 



160 O. MILCH8ACK 

3852 (v)r(o) die h^berge dvrh die 

rnannes pris kan vnd^ 

t er ofte geletzet in aven 
en wol manigen letzen 

3853 manheit lere, waz er 

e habende, eins babilo 
gein im darb hohen mvt 
z daz in beiden tioste wart 
lieh ersprenget ich wen 
ir etweder da vergeze 

3854 Des willen vngescheiden. was ir beider kriege 

ir tioste began do kleiden, den hat vil hohe svnd^ veder yligen. 

itweders sper daz sin zebreche lerte. 

daz sich in sprizen kleine, von d^ hohe sam die sine herte. 

3855 Hie mite was ovh ligende. d^ babilon vil werde. 

d^ blvmen vnverzigende. da mite vil rieh bedecket was die erde. 

die waren VDgetretet noh von strite. 

von mecka d' gefVge mvst ovh hie vergezzen 

3856 Des Schildes 
habes vf 

Aventvre (roth) 

3857 pris kran(c)z er werben 

3858 Iz stet vns zen eiden. den sol ich mi . halp steten. 

mit triwen vngescheiden. hie mit v^stvnt sich dirre baz mit greten. 

wart d^ vntriwe liste fvnden 

als vor vns gamvreten damite er (w). . . vor baldac vber wvnden 

3859 Der wegesten er gedahte. wie erz an ende erfvre. 

vil kleine im daz . . .smahte. er entstrichte den babilon die s. .re. 

darze kvrsit wapen rok die beide 

von baldac sine wapen kvnd er bedeken wol mit vlizem kleide 

3860 Vnd des ors von babilone. mvst also hie biten. 

d^ satel waz vil sc ne. dem ors geswenket vnd^ fvze von d^ siten. 

vnd hienc im an dem f?rbvg(e) aleine. 

sin snelheit die vreche mit de(r) verte was von dannen kleine 

3861 Sin witze kvnd in leren, daz ors m satel decken. 

daz sine von im kere sach er gein dem bam wid^ trecken 



BRUCHSTÜCKE VON DREI HANDSCHRIFTEN DES JÜNGERN TITÜREL. 161 

n. Berliner Bruchstück. 

4974 zwi *® *^^ ^^®- ^(^^) ^ö^^ö »^* 

4975 rüg ^^ '^ ^^ •^••- ^^»^ 

(d) erlischet. Daz Oßt erwinden 

ovch gescheyde. De .'^J"^-^ ^° «^'^*'*(^) 

et froud.n riche. zv ' ^"^ ''*''^® ™* ™ 

froud vn leit die 4979 Uen. WaD si in not 

4976 den. dafvr si nieme ^^*® widerzillen ouz 
en d* g.zalte. Gar al '^^ ^}^^^ spehnde. 
im Bchabnde. Nach ^^^ ^^^-^ leiden. Mit 
gemezzen. vol chom ®- Uncz .n den tot si 
(a'iz da niendert hiesse ^ 

4977 ze. sprach da mu(t) 4980 (V)az ir d* fvrst inzvhte 
niten ze widerstozze. legende, als dich ist 

re. Dein geverte. ..vhte. Dv fVrsten chlt 

ere chla.ende. Daz er rales des heylez bem 

aer pci ir verlegen hört d.heins wan 

4981 D em chrancze. 

Ich si div ab gewiset. Ez wart nie meinez herczen wil der gancze 
(S)waz dinez h^czen wille niht (e)n main(e)t 
Daz chan pei meinem willen. Beliben niht an spannen preit ver- 
ainet 

4982 Sit du hast ganczen willen. Vn solher freise. 

Ein tail solt du mich stille Wan ich mvz aller frouden sein ein waise 

Beid ich geleb daz du div lant eringest. 

So pin ich gein dir gemde.Daz dv mich zv dem herenGrale pringest 

4983 Da wont gesinde reines Den got ist (n)iht v^sagnde 

In rechter bet gemeine. Deins werden libez pin ich sorg di tragende 

Sege vn salme pin ich dir da lesende. 

D(e)r dirre pete svnder. Pin ich vil mange« vn genesnde. 

4984 Ich wil och (dar) durch b . (hte) girde mein meste 

J. . h. . g(e) leihte. Hie wider vat* svn(den)heren (geiste) 

Da von vns peidcn froude z . . so leng . . 

Div (fr)uht von tyturelle. Wirt da vil (leih), von sunden (sus) gestrenget 

4985 Daz vint man an dem ze (puzze) . . . di schulde. 

Doch weiz ich le. Ouf mir hie niht wan (daz) ich 

Nach diner minn niht wan ze rehten dingen 

durch sus getaniv maere. Soltu mich hVe zv dem Qval^ ßrisi^^ 

GERMANIA. Heue Reibe IX. (IXi) Jahrg. W 



162 0. MILCHSACK 

4986 Nv sag vil reine suzze. Wie pring Ich dich zdem Grale. 

Div warit vüsenfte gruzze. Hat mich in vngeverte zallem maki 

Streit den furht ich da niht der tempelaise. 

Wan durh div liebe deine. Vn ouch durch got lazz ich gein in di firaiaa. 

4987 Si sprach da wirst gefuret Von mir der not gar svnd^ 
Daz niemmer dich gervret 

4987 gewendet 

und wol erchant in aUen. Da von so wirt ir hazOein uns yerawendet 

4988 Wir muzzen chost och füren. Durch wüst de(n) (S)olitane. 

Zit wir niht lovt pemren. Dez waldez drizzig meile sei wir ane. 

Von vailem choufe noch vmb sust div peide. 

Kiht danne walt der wibe. Gar houser bloz un zv akher heyde 

4989 Nu het er gedenche. Ob er ir volge iaehe. 

Oein valsche gar der chranche. Ob im nv iemen vorhte dar an saehe. 

Daz er gein disen noten waer v^zagende. 

De werden und den hohen, waz ez et alle werdedich behagnde. 

4990 O wol dem werden leibe. Di werden waren iehnde. 

Dem ie der saelden schibe. So wol gelieff daz er den Gral ist sehnde. 

Vil tousent meile waren dar vil chleine. 

Waz da vil mang^ iehnde. Daz ich da waer niht dann ein naht aleine. 

4991 Ekunat waz da gemde. Chlouduten der vil weisen. 

Ob si di weil enbemde. Da wolde sein der stränge daz sol ich prisen. 

Nu peiden hoch vnd waer si tovsent landen wert. 

Si wirt gar diu eige. Dar umb stet mein werdecheit ze pfände. 

4992 Sigvne lach mit girde. Daz si ez g^ne taete. 

Si hiez in chlainer wirte. ün nam si dez vil hole durch di staete. 

Daz iemen iaehe still ull offenbaere. 

Daz frowen chvrcz gemvte in h^cze tragen vnder langem harr 

4993 Dez wart jdoch sygvnen. mit warheit wol gevriet. 

Swie lang ir har daz prone. Da waz ir mvt waz doch vil lang 

gezweiet. 
Ir wider stvnt div sträng von 



4994 s'tre 


4995 Dann man ges 


si einande 


so trovrichleic 


bevalch er chv 


beiden. Sach man 


im wol behielten 


sleichen. Der riebe 


liehen sinne 


trugen. Ich wen d 




dann di rehticheit 



BRÜCHSTÜCKE VON DREI HANDSCHRIFTEN DES JÜNGERN TITÜREL. 163 

4996 Vil diche wurde 4998 Pei allen disen 
da gesvngen mrten. So wa 
ahe. Un ouff der li bI im disen mano 
vngen. Si dauht tschyonover het 
zeriten. Chun(g) v aller mejst sigr 
werden gesten za ten wunderleich 

4997 Di ßtvnde groz v 4999 Da hab dein brac 
ze eren. vier v chlagte. Daz er 
Ir Buzze milticheit leben immer me 
manger handelv bens flust waa er 
Der ehest alsam gein dem talph 
vnt ir triwen inh begebende 

5000 An lehelein zeleb 

3. Zwölf Bruehstücke auf der königlichen Landesbibliothek zu 
Düsseldorf, auf welche Herr Prof. Bartsch mich freundlich aufmerk- 
sam machte und die Herr Archivrath und Bibliothekar Dr. Harleß 
die Güte hatte an Herrn Prof. Zarncke zu übersenden, der sie mir 
zur Bestimmung übergab. Nach einer Mittheilung des Herrn Dr. 
Harleß ,, dürften dieselben von Einsatzblättem alter Holzlederbände 
der hiesigen Bibliothek herrtlhren, mithin einer der am Kiederrhein 
zwischen Werden . und Düsseldorf vorhanden gewesenen geistlichen 
Corporationen entstammen, deren Büchervorräthe zum Theil 1803 ff. 
hieher (nach Düsseldorf) gelangt sind''. 

Diese Fragmente, aus sechzehn Streifen bestehend, von denen 
viermal zwei (I, HI, VI, und VH) je unter sich zusammengehören, 
entspringen einer Pergamenthandschrift des 13./14. Jhs. in Eleinfolio, 
zweispaltig, die Spalte zu 42 Zeilen*), mit abgesetzten Strophen, die 
gleichmäßig mit rothen Initialen anheben und gewöhnlich in sechs 
Zeilen wohl hübsch aber doch ziemlich fehlerhaft geschrieben sind. 
Keines dieser Bruchstücke bietet eine unverstümmelte Strophe. Die 



*) Die Berechnmig der Zeilenzahl erg^ibt bei I 42, 43, 46, bei II, V, Vn und VUI 
42, bei III 48, 86, 42, bei IV 36, bei VI 41 Zellen für eine Colamne. Die Differenz zwi- 
schen 41 — 46 macht, abgesehen davon, daß die Handschrift in der Zeilenzahl gewech- 
selt haben kann (XII hat auf der einen Seite 42, anf der andern 48 geschriebene 
Zeilen), schon darum keine Schwierigkeit, weil bei der durchschnittlichen Annahme 
Ton sechs Zeilen für jede Strophe , diejenigen ausser Betracht kommen , welche nur 
f&nf oder auch sieben Zeilen (vgl V, Str. 4413) beanspruchen. Wo wie bei IV und einmal 
bei III nur 86 Zeilen herauskommen, steht der Vermuthung, da5 in diesen Partien eine 
Strophe fehle, nichts im Wege, da die beiden Hauptgruppen der Titurelhandschriftea 
dafür in der Anordnung der Strophen wesentlich toh eVn&a^ot «^^«l^vü« 



l&l 0. MILOHSACK 

StropheDreste finden sich bei Hahn I, Str. 2273—2274, 2280—2281, 
2288, 2295; U, Str. 2445— 2459; III, Str. 3092 -3095, 3101—3102, 3107— 
3108, 3112-3115; IV, Str. 3088-3090, 3108—3110; V, Str. 4411— 
4424; VI, Str. 4707-4710, 4714—4717; VH, Str. 5001-5005, 5008 
bis 5012; VIII, Str. 5000—5001, 5021—5022; Nr. IX-XH sind Blatt- 
ränder, auf denen die Scheere oft nicht einmal einen Buchstaben zu- 
rückgelassen hat Sie schienen mir nicht bedeutend genug, um den 
zeitraubenden und schwierigen Versuch, ihren Ort in dem umfanjf- 
reichen Titurel au£suspüren, zu wagen. Dieses und daß ich die spir- 
lichcn Reste^ statt untereinander, in Zeilen geschrieben habe, werden 
die Leser dieser Zeitschrift, hoffe ich, nicht tadeln. 

III. Düsseldorfer Bruchstücke. 

I. 



TW. a. 



2273 spocte grozzer vngeri 

danne euch ir warp 
r niht was entrunnen. 
(n) me danne tvsent leie. 

2274 th sente. swenne 



\-w. b. 



2280 phlihte. artus ab^ sine boten sande uf wel 
her Sache mere. man in hete gesuchet 

in sinem lande. 

2281 Fisidol Joffreite. ze boten wart gesen- 
det, in des hers breite, wart mit witze 

rw. a. 

2288 Voget aller zvhte. lat mit genade 

winden, durch willen edelre fiirste. nu lat 
disv ynfuge also v^swinden. so daz mih 
uw^ herre noch d^ mine. darinne niht 
enhazzen. des must ich doln schamlich 

2295 Sit er mit allen sinne 
geh i vre. nach wirde w 
daz da heizzit vremd 
ich bringe im werd^ ave 
div im kan ynd^ scheide(n) 

U. 

rw. b. 

2445 b^nde. ob ich den keiser gen. mit d* schulde. 

t* lere wer div w*nde (w)itze. het vb'wnden. 

24J6 V mine. vil g*ne ich div wise. diu bist d' 

hoben lere dine doch «^ gebunden. 



BRUCHSTOCKE VON DREI HANDSCHRITOEN DES JÜNGERN TITUREL. 165 



2447 (f)urbaz mere. enzoge 
(n) vb^igiv ere. sich ie 
er nahen zilte. daz 
uzze artusen gfite 

sen m^ken. vnde die 
anne ir gemvte 

2448 B 80 stete, vb* elliv lant 
(m)an in ge bete, des was 
vn er veret. daz misse 

en melianze. ob ich 
sprach er du mich v^ 
r schanze. 

2449 hinovere. swest* waz 
sprach di hohsten ere. 
e warn vü be sorgen 

t da" in ein* bete, ze 
swest\ so lege vil gar 
(r)ank* sete. 

2450 vnd* vamde. ez er ge 
re. gen artus vn spam- 
eise, der klar vü d* fiere. 
hsen verre vz er lande, 
ver noch d* kunk. noch 

a ZV hove er kande. 

2451 (w)ol v^dahte. sprach dod* 
met wi*) mich brahte 
(h)ez lop VZ lande verre. 
ken sweimet in den 

(r) grozzen milte. daz 
t vö iv gfiften. 

2452 ede. swes ieman ist be- 
(t) si von iv sagede. sit ir 
(k) nud* gew^nde. so bin 
imm^ gehende, daz aller 

^' '• kunge lop ist blint. (w) 
daz ist ge sehende 

2453 Der lutt* der ge we 
bende. d* vorhte de he(i) 



mit argen listen vrv(n) 
sprach ir lobet mich (s) 
swes ir nu sit d* g^nde 
so krenket mich an (p) 

2454 Ir habet gewalde kl(i) 
genende, funszehen 
suln zehinv warten 
iw* wip ir habet doch 
daz lop von iurre m 
rest ge pruvet wite 

2455 Do sprach d* sund* g 
get niht hie ze lande 
schalle, an kunges w 
alsolh* schände, od* ir (m) 
dar umme liden. d* iv 
zet ob ir toren wise 

2456 Ich han nach toren fu(r) 
de heine schände, ge 
re. h*re kunk ob iw* p 
daz ir mich heizzet b 
te. so were ich wol ei(n) 
niht daz weg* nemen 

2457 Div kunges wort (m) 
so ge mähet stete. si(n) 
hefte, gar en zwei d* 
te. erwarget^) sus mi 
swa kunge in wandel 
so wanchlichen wet 

2458 Do wart dem em (r) 

ni so nahen, an sin er(e) 
daz konde sin er ger(n) 
in solh* Bcham daz im 
durch willen aller z(v) 
lat einz an mir ge s 

2459 Daz mir die kung 
nemt ir alle di kröne 
ir ist noch me. di w 
me lan ze lonne. ich 



*) w aas V corrigiert. ♦*) Es stand a, das in o corrigiert iat^ und dft« ävs-Vsäx- 
heit wegen ist noch ein o fiberschrieben. 



166 



G. MILCHSACK 



m. 



3092 d^ minste wrde 
ende was. so tr 
die bvrde 

3093 rise. vn von al 
ie 80 wise. daz 
e ritze, nie ge 
wnden. ir iop 
gen von in vr 
nden. 

3094 arie. vn Prim 
masiel die dr(i) 
ein Bcharph^ p(i) 
(o)rdibe8 d^ vierde 
em. da sint si 
ierde 

3095 chose. sol dinen h^zeic- 
alshelose*). nie zaglich^ 
e weichen. Galvsideiz 

STÖI de(n) 

3102 W 
sal 
ich 



3088 wan dv solt den strit 
sin an die babilon. 
vn in sterben geb 

3089 Ich wil dich eins w 
dir pris gevellet, 
posten. wirstv hoh^ 
vn alle ir fvrsten 

di bi dir heim vn (b) 
lichten schilt hie d 

3090 Persia dem lande 
daz man it**) wH er 
rieh mohte ge nie 



3107 (e) ro 
eide 

3108 (m)azv 

rw. b. 

3112 v^smahen. vn C 
.die kvndez mi 
(n). ir mvt ist scie 
(n). swi tvnkel va 
en daz d^ vinde 

3113 Tangvloz dem J 
zen. den man 
grisol den kvn 
wen sint die vi 
rft in keiner he(r) 
b si dir entwich 

3114 ezzvlet vil iar(e) 
tzen. dir zimt 

n an daz werde 
dv hast vf kvnkliche 
diner banden mit z 
en phahent kröne. 

3115 Di nivnden treit di 



IV. 



3108 d* twale. vil dinste 
(i)mt vntvre. dir ze 
vnden. dvrch liehe 
ze dinste dir vil höh 

3109 chte. gip ich dir scho- 
vn ir geshehte. wr- 
(n) sich de spamde 
rdekeit be halten. 

t daz si werde vnde 
n. 

3110 e. theoris d* kvne. 



*) e ist Correctur aus o. 
**) Es sieht deatlich it da, obwohl ie das Richtige sein wird. 



BBUCH8TÜCKE VON DBEI HAKDSCHRIFTEN DES JÜNGERN TITUSEL. 167 



V. 



TW. b. 

4411 



4412 



4413 



4414 



4415 



4416 



baz ge meret. ein wunder 
fvr daz ander also hohe g 
aller Christen wisheit wa 
ze prwen vnt ze chenne(n) 
es wer nach paradise geh 

Es warn die chemenate(n) 
rieh berihtet div vb^ Bpe(n) 
von siden vnt von golde*) p 
slihtet. daz selbe warn di(v) 
breitet mit tischen mit g 
romichs cheiser ein sedel d 

Ein Zierde wart ge wnn 
die was man verre sehend 
div dach besvnnet warn 
so helle brehende. von gold 
so Ivhten steine, noch lieht 
Sterne, von schovbe lieht b 
da chleine« 

Noch al vmbe die virre. d 
nie so tvnchel. es gie da ni(e) 
liehtes da was so vil der ka 
vnt ander oder steine di v(o) 
al so ge formt daz si bi nah 
lieht vil zarte 

Artvs die hohgezite. niht 
dvrch die mere. ob im vo(n) 
ieman cheine der im sage 
der chlagebem schar der 
dvrch di werden chomende« 
vil den vrovde was er how 

Di mangels noch der mi 
sor iehende waren ^. doch h 
gewinne, die von der vb* 
de erbaren, als lehelin vn 
gerte. daz in der vogt vo(n) 
vor nantis vmbe die stra(n) 



4417 Als da was erteilt, vf f(l) 
dem plane, im was der ar(m) 
moht in iam drin wol w(o) 
swes in der Grahardoyz da 
sich hvb ein chlage da von 
div noh vil d^ hertzcn led(i) 



rw. d. 



4418 omelvn* vnt erolas der chla- 
zet mich fortvne. also zom- 
ir vare. ich het noch chla- 
rsten dole. an Iblet dem svz 
an di lenge noch chlaget 

e. 

4419 t ich chlagende. noch bin 
lenge« me danne ich hie 
it werten si es git mit ia- 

e. ich mvz ovch selbe war- 
teils, was mir der brache 
eht mit chvnft sinz argen 
nselde heizzet (seils 

4420 (e)n immer mere. sit seil vn- 
zzet. sch^f ZV mir so si daz 
re. ZV em seile vnheil dv 
den. idoch wil ich mit heile 
seil zem champhe sin er 

4421 dvrch champhes mere. dan 
az seil vnselde. so daz man 
e. chiesen mvzze vf lichte 
Ide. vnt Ivt erchlingen lieh- 
vre. es wirt so niht geschei 
ol da f^nchen fliegen sehe 
(e). 

4422 wol bescheiden vil gerne 
olte gen disen beiden bei- 
an den champh dvrch in 
solte. mit der chvneginne 



*) golde ist nnterpimctiert und durchstrichen. 
**) Das a ist Corrector aas e. 



168 



G. MILCHSACK 



(n) werden, daz warn vlor- 
(in) wart ver sagt des si von 
en. 

4423 8 was enphaDgen. von fVr 
f landen, von den in wider 
am mere dar an si wol er 



ie der champh mit rehte 
ndic. da man hie vride bre 
(b)ezalt der triwen phendic 

4424 (o)nahtvlander. der was von 
(t). des vander niht die and^ 
rden vil von im gevnr^cht 



VI. 



4707 hohe ge(blvmet des lop). 
wart vber alle beiden hob ge 
sin wapen (blvmet 

4708 krei ovch sine krie. Graswalt 
e. mit rvffe d^ da hiez d^ valsehes 
den div aventivre herre nen- 
tscbionabtvlander di zwen 
vil gar noch vnbechennet. 

4709 (b)e ist ovch der dritte, d' diso 
da svchet. von isse vnz an par 
rt nie sigs mit solher gir gc 
n gerten ovch mit sige ein an- 
(n). was disiv gir ge meine, ia 
es vil ge seilen. 

4710 da beide gerten. siges vfi ovch 
mit breiten scharphe swerte. 
si niht vinger breit entwelles 

(dem) wol be 



4714 (dem) ge 
sich het der helme chlanch a 
wol raste lanch ge mezzen. d 
den dannoh vngeseret. 

4715 Beidenthap vor wanden, i 
svchet harte, nv het der ein 
von grozzer liebe er des an 
te. swenne er schriete kaa(k) 
ende, daz gap im hob gem 
warf daz swert ie hoher 

4716 Unt lie nv paradise. vil gar 
sinne, von graswalt der wise 
sich wol es wer von der mi(n) 
er vil lihte gen secvdillen 
oder gen arabadillen ob di 
gende len ze tode sl^ge. 

4717 Dvrch daz begvnde er de 
(hertzen svnder krie an daz) 



vn. 



b. 



5001 zwei paradise 
vne 

5002 te. er weit zem 
erdient harte, 
ristenheit ze pri 
am der talphialte 
(e)n ez wer gen pa 

5003 eine, vri vor misse 
e aleine. wolt er 
den« wer ein mä 



nde. solt ich dem 
radise wer ich im 

5004 zem grale. so dvht 
(d)a tvsent iar mit 
n tach lat mich ge 
werden dar geset 
genozzet so hazzet 
it wirde letze. 

5005 tragende, idoch bi 
daz ieman sagen- 
ben. vnder einro 
st mit manheit 



BRUCHSTÜCKE VON DREI HANDSCHRIFTEN DES JÜNGERN TITUREL. 169 



5008 erech er si mit im 
be schvlde in hie g 
fe rvrte 

5009 Ze drahte noch 
artvse. riten gen 
pretzilie pitime(n) 
reit der Grahar(d) 
sigTnen zo em f 
chrone. 

5010 Vergezzen wa 
hove schieden, ein 
gab im der grave 



5000 (wol hete ein teil b) 
aller meist daz go 
gen der seiden stiv 
dem Grahardoyz g 

5001 az im der böte bra 
(b)er mile. do in der 
e getorste ich noc 
die im ge Ivnet wa 



ez so wol er bot 
w* div tohter disiv 
er kande. 

5011 Jdoch tnrch si div(r) 
brvnnen. leider 
vart si mvsten no 
allen den tach v^ 
verte. sigvnen wa 

5012 Des Waldes groz 
belibes al si mah 
ffe. nein si chvnde 
ten ob in di(y sei) 

vm. 

rw. b. 

5021 z im frvme er w 

sol man die selbe v (r) 

5022 liv Witze, vn vil ge 
Iphin iens vü ditze 
an svlt ir gedenke 
sinne rieh* witze le 
riebe idoch so hilfe(t) 
re. 



IX. 

I I |d|J| |g|dMa|D|d|u'h|li|e 
d,de| ov |80 |D i vb|ir|da|do|h|A| a |v|v| v| S 



t I in 
Ych|ge[in|ze|s 



^ir 

elr In 



a) 



h) 



X. 

d) li I g |sw|n|n|D|ch|so|w| h | 
h) art|yn| |rt|z| . |in|er| |nde| 

XL 

a) (mi)|all|V| n |ist| m |de|d| 
h) |(n)tj |sich|en.|(n)ge.|agi|ch| 

xn. 

a) gl K |al(l)Ide.| ste| vi| 
6) |risen| ge | |vart|nen| 



D 

V 

e 



r 
n 

nä 



h|n 

k|(r).|ine|edo| n | | 



|de|y|e|S|n | 



t|et|ic-|(n).l 



170 A. JETTTELES, ZUM PA88IONAL. 



ZUM PASSIONAL. 



Ein von Eirchenrechnungen der Gemeinde Pols in Steiermaik 
abgelöstes Pergamentblatt in Folio ^ das als Deckel der Rechnongen 
gedient hat and im steiermärkischen Landesarchiv zu Oraz aufbewahrt 
ist, enthält vom Passional nach Hahns Abdruck S. 299, 84—301, 
64. Die Handschrift^ sehr sauber geschrieben, stammt aus dem 13. Jahr- 
hundert Die Seiten sind zweispaltig, jede Spalte enthält 44 liniierte 
Zeilen. Die Initialen jedes Verspaares sind roth untermalt. Auf jeder 
der beiden Seiten steht roth die Überschrift: Von sant Matheo. Fol- 
gendes sind die abweichenden Lesarten von Hahns Texte. 

299, 84 nur lesbar: als er pflac; 85 nur: der heiligen diet 
87 ze himel solte. 89 verhowen. 90 do. 92 tugentwislicher. 
94 do fehlt. 300, 2 ez. 5 euch] ot 8 kunic waz. vrouden. 
12 sin tugentwislicher rat (=^ 299, 92). 13 ditz mac 14 seile. 

15 der vil. 16 begund umb ein teil slan. 17 solchen. 20 hört. 
23 vervlizzen. 24 solt. 25 und euch. 26 kunic. 27 ein. liep. 
28 dan. dar. 29 des herren. 31 er fehlt, gen. 34 kunic. 

35 da fehlt. 36 eia kunic. 37 sie. 39 unsers. 43 unreht 
(: kneht). 45 gen dime kunige gen dime got 46 veruntriwes. 
47 irrikeit 50 swaz. gepflogen. 51 diu ist 52 seht kunige. 
53 hart 54 euch fehlt 58 warn, undeutlich. 60 mohte man sie. 
61 getrübte herticlichen. 62 sie duhten. 63 kuniges tobesuht 
64 wan er. unzuht 66 getriwen. 67 Matheus der zwelfpote. 
68 gap. 69 sie. 70 er sprach swaz ir. 71 swerliche not 
72 für uns erbot 73 und so vil. 74 nimmer. 75 wan ers. 
77 dem. 78 wise uch an daz. 79 laz. 81 kunic. ungetriwe. 
82 stetem, bleip. 83 zwelfpoten. 85 verkurtzen sust 86 wan. 
87 zeinem spot 88 zwelfpot 89 die predige volbrahte. 90 ge- 
dahte. 91 messe ampt 93 gotes höh gelobten. 95 dem. 
301, 3 ze. 5 niwen. 6 gotes miltikeit 8 warn, beneben. 

9 kuniges. 10 vintlicher. 12 dar. sie. 13 slac 15 besul- 
wet. 17 ze himel in rehten. 19 edel. 20 da fehlt ze. 21 hoh- 
gelobter. 22 waz. 24 sie begund ir triwe iagen. 26 sie. 27 ze 
huf ein. 28 weiten, ze. 29 den kunic und den. 30 dise. 

31 pfaffen. sie. 32 iglich. 34 sie. 35 waz in unde zom. 

36 waz verlorn. 37 waz geslagen. 38 waz. 41 grap. ..zehant 
42 daz da bi der gotes wigant 44 reinikeit 45 truc der kunic 



A. EDZARDI, DIE STUTTGARTER 08W ALTPROSA. 171 

46 yrowen. 47 wan sie. 48 zwelfpoten. 50 des tet er. ubeln. 
51 ie fehlt. 52 er wolt ir gar verbrechen. 54 hin beneben. 

56 verrunte alder die tur. 57 mohte. 58 fiwer. 59 und umb 

• • • 

und umb. 61 sie. iemerlich zu got 62 seht, zwelipote. 64 sie 
wurden des sere vro, 

A. JEITTELES. 



DIE STUTTGARTER OSWALTPROSA. 



n. 

Im Anschlüsse an meinen Aufsatz in dieser Zeitschrift XX, 
190 — 206 gebe ich im folgenden einen Abdruck des noch fehlenden 
Stückes 9 welches den Versen 871 — 3384 Ettm. entspricht. Hieran 
schließt sich wieder der im Anzeiger 1857, p. 39 f. abgedruckte Schluß 
der Oswaltprosa = Ettm. 3385 — 3444. Über das Verhältniss von s zu 
den Hss. des Gedichtes habe ich inzwischen noch in meinen ,,Unter- 
suchungen über das Gedicht von St Oswalt'' und zwar im ersten 
Theil gehandelt. 

In Betreff der Widergabe des handschriftlichen Textes in gra- 
phischer Beziehung gilt das XX, 191 f. gesagte. Doch gebe ich nun- 
mehr auch das Zeichen * oder ' durch er wider, wo über die Auflösung 
kein Zweifel bestehen kann. Femer habe ich, um das Citieren zu 
erleichtem, die Zeilenzahlen von 5 zu 5 an den rechten Rand setzen 
lassen, während links, wie in dem ersten Stücke, die entsprechenden 
Verszahlen des EttmüUerschen Textes stehen. 

Der künig sprach Sit du mich an min firauwe hast gemanet 
vfi an min lant, so verzyhe ich dir den firiden nit wie mir j och*) 

875 dar ümb geschieht. Der Rabe sprach Sit ich den friden habe, so 
will ich dich lassen wissen Künig OswaÜ jn engellant hat mich 
gesant her zu dir vfi hat dir enbotten vfi bittet dich das du jm 5 
din dochter gebest Werlich dem hochgelobten fürsten soltu din 

885 dochter gern geben Im dienent zwelff königrich vfi zwölff könig 
die da gülden cronen tragen, vfi vier vfi zwentzig hertzoge^ 

891 Sehs vfi drissig Grauen mit manche werde mäfi vnd darzu nüne 

897 [sie] bischoff vfi wirt din dochter jm zu einer fi'auwen so ist sie lo 



*) Beachtenswerthe Wörter and bemerkenswerthe Lesarten hebe ich dorch ge- 
sperrten Druck hervor. 



172 A. EDZARDI 

wol beraten Der beide erscbrack sere vfi sacb uff zömiglich vli 

905 sprach Dz will ich allen minen bellen clagen der rabe rette 

mir an min ere. Dz ich jm fride han geben Dz rttwet mich, die 

wil ich dz leben han Ir herren alle dunt das durch minen willen 

916 vn bittent Macbmet ynsem herren das der Rabe nit von hinnen 6 

kumme^ Der heidisch könig brach den friden vn spräche, Machet 

dürc vn fenster zu, also wart dz hnse verslossen, Dz der rabe 

925 niergent uß mocht. Im wart gach zu fliegen, die beiden ylten jm 

930 fast nach, Do mocht er nit entrinnen vn ward balde gefangen. 

Vn krefftiglich gebunden mit hirßen riemen. Der könig hieß jn an 10 

el stang hencken vn sprach Vn bot es die weit geswom so mustu 

* (260^) din leben Verliesen. Do die jung königin dz bort. Do 

939 ging sie balde zu dem vatter vn sprach Vatter din synne hant 

dich betrogen an de wonniglichen fogel. Nu het du im frid geben 

950 beide sine lybe vn sine leben, Das stet dinen eren übel ver- 15 

lieset*) er sin leben jn de friden, du must sin jmmer laster 

956 haben wo man es jmmer von dir singt oder sagt Man spricht do 

955 syst ei fridbrechender man vn wirdest keines biderben mans 

genoße. vatter wie stat dir das an. Der beide sprach zömiglich 

965 Ich sag dir das min liebe dochter Ich laß jn nit lenger leben, SO 

deß gebe ich dir min trüwe, Mom frll wil ich jn hin uß hencken 

ftlr den wilden walt. Die jung künigin [sprach] Neyn min lieber 

vatter als liep dir min mutter sy so laße den raben mit de leben 

976 von hynnen Er sprach Dochter das mag nit geschehen, Der fogel 

979 ist her geflogen uf min wirde vn uff min ere Sie sprach Sider du «5 

981 den raben nit wilt lassen leben wann du mich dann wilt geben 

983 eine heidischen man Dar an tune ich nyiTier dinen willen. Deß 

986 will ich dir min trüwe geben Ich will mich uß de land heben mit 

985 eine spilmä deß hettestu doch jiTier schände, Der vatter sprach, 

990 Dochter du fügest nit wol zu eine spil wyp Dar zu ist din lyp 30 

997 zu edel**). Dar timb biß (261') nit leidig Vn wer alles das ge- 

fügel nach dir her geflogen dz jn engellant nit [sie] möcht gesin 

1000 Ich geb dir es min liebe dochter wann ich han nu gesehen wie 

din clag ist umb den raben. Der rabe mag wol vor mir alt 

1005 werden wiltu sin nit entwesen | biß nümo [sie] aller sorgen fry. S5 

1010 trage jn wo du jn aller liebst wilt haben. Die junc künigin ümb 

fieng den vatter lieplich vn sprach Sit du mir hast geben den 

raben so wil ich dir dienen diewyle ich leben***) Vfl sie erlost 

♦) Oder verlür et? ♦*) liier sind die Verse 991— 99b' (absichtlich oder unab- 
ifJchtlich?) auagefällen. ***) Vor Vn steht D roth durchstrichen. 



DIE STUTTGARTER OSWALTPROSA. 173 

den fogel selber mit irer hant vn trug jn mit ir in ir kcminat vü 

1020 hieß ir balde dar bringen wecke*) va guten wyne und ander 
ding Do der Rabe gaß vn getranck Do swang er sin gefider uß 
einander Vn sprach Edel königin löse mir den brieffe vü dz fin- 

1030 gerlin daz hat by mir gesant könig Oswalt von engellant vn merk & 
fraawe eben was er dir enbotten hat, vfl der forste enbtlte [«ic] 
dir auch daz im on got nit liebers sy dann du, v& wiltu cristen 

1039 glauben an dich nemmcn dz soltu jn lassen wissen so wil er zu 
sammen bringen ein michel here, das ist die botschaffl; die ich 
werben sol, Mü bit ich dich edele königin gib mir vrlaub von 10 

1050 hynnen wann ich besorge mines libes, Do sprach die königin Hin 
vatter dut dir nymmerme kein leit weder an lybe noch an gut^ 

1057 Dar ümb habe einen festen mute Wann du magst keinen vrlaub 
gehaben (26 P) du must lenger hie bliben bis ich mich bereit**), 

1065 So wil ich dich dann mit grossen eren heym senden Also hatt if^ 
sie den raben verborgen biß an den nünden dag Vfi an de nünden 

1070 dag an de morgen frü giog sie zu de raben vfl stricket jm vnder 
sin gefider einen brieffe vll ein fingerlin mit einer syden snure vfl 
sprach Min hertzer [sie] lieber Rabe IVu helff du* der himmelsch 

1081 got heym zu dinem lieben herren vn sag dö werden fiirsten dz 20 
mir on got nit Hebers sy dann er Ich wil ob got wil sin frauwe 
werden vn ich wil an ish'm xpiii glauben. Sag auch dem hochge- 

1090 lopten forsten wann der winter ein ende habe wolle er dann nach 
mir über mere faren so muß er -Lxxij- kyle han vn als manch 
dusent ritter die so sint ryches mutes vH sint sie deß lybes nit 2f^ 

1100 piderbe jr keiner kümt lebendig wider hey. Sprich auch zu de 
edeln könig Das er der kyel mast bäume heiß schöne mit edeln 

1 105 Carfunckel steynen beslagen, Das sie ktinnen gesehen wo sie des 
nachtes faren uflF dem mere Heiß jn auch tragen uff die kyele 
weß er jn acht jaren bedarff, kost vn gut gewant jm vfl 30 
allen sinen holten, Auch muß er haben einen tlbergülten 

1115fairsen, Sag auch dem hoch gebornen fiirsten kumme er über on 
(262') dich sin arbeit sy verlorn. Hertzer [sie] lieber Rabe min 
kumm herwider mit dine liebsten herren. Der Rabe sprach Mit 
mine lieben herren kumm ich gern wider begert sin nümde [sie] 3/^ 

1125 min herre, min hilff sol im vnverzigen sin flrauwo du solt mir 
einen vrlaub geben ich wil mich hey zu lande heben, Sie cn- 



*) Mbd. Wb III, Ö43^ 
**) Doch wohl beraty wie das Gedicht hat. 



174 A. EDZARDI 

pfalch jn der himmelschen königm, Do ylet der Rabe Ton der 

1135 feste vn flog aber bis an den zehenden dag zu der none sijt 
do swebet er ob dem mere Nv kam ein vngeftlger stormwint Ds 
der ßabe drystunt über worflen wart über massen groß was sin 
clage wann er deß fluges nit gehaben mocht, deß troret er fast 6 

1143 Die syden snure erlost sich vn fiel jm dz fingerlin in deß meres 

1151 grünt, Do der rabe mereket dz im dz fingerlin enpfallen was, Er 
flog mit grossem leit an ein ende deß meres vn saß off eine 
stein vn was jm alle sin freüde benümen vn begonde troren vn clagen, 
Nu fant er einen einsidel uff dem selben steyn der was da ge- lo 

1160 sessen wol zwey vn drissig jar, Do jn der selbe ein sidel erst 
an sach Do grust er jn vn sprach Rabe bis mir got wilkümen 
Ich han wol vemummen din clage^ was ist dir zu leit geschehen 

1170 dz soltu mir sagen. Wann ich kenn dich wol Ich weiß wol das 
du dienest könig Oswalt jn engellant Deß raben herti wart er- 15 
fireüwet sere vn sprach Sit du minen herren wol kennest, so kan 
ich dir nit v'(swy) holen*) (262*") Ich muß dir künden was mir 

1180 ist zu leit geschehen Ich wil [sie] mine herren erwerben wirde vn 
ere vn flog hin jn das laut zu de könig Araan vn erwarbe die kO- 
nigin nach alle sine willen NA sendet jm die königin by mir ein 20 

1187 gülden fingerlin dz ist mir enpfallen jn das mere Sider ich nA 

1193 mine herren nit mit grossen eren mag hey kummen so kumm ich 
nymmer me jn engellant, Do sprach der einsidel Rabe habe einen 
festen mäte vn ergibe es dem lebendigen got, der aller ding ge* 

1200 waltig ist So mag das fingerlin wol funden werden, Also fiele der 86 
einsidel crützwyse uff die erde vn bat got vn sin liebe mutter 

1210 vmb das fingerlin Do wart er schier gewert wann ein fisch druge 
das selbe fingerlin in sine monde vn fürt es von gottes gebott uff 
den sant deß meres des nam der gut einsidel wäre vn hub sich 
dar zu dem fische, vn fiel nider uff sin knye vn enfing das fin- so 
gerlin von de fische, Do sprach er zu de raben, Gehabe dich 

1220 wol Ich han das fingerlin nu fiire es hey in engellant, Do der 
Rabe das erhört do wart er uß der massen firo vn do** jm der 

1226 einsidel dz fingerlin wider jn das gefider gestricket do enpfalch 
er jn got vn siner lieben mutter. Also floch der edel rabe fast S6 

1232 vn sere [biser] **) kam zu sines herren bürge vn dar ob swebet 
(263*) Do vergaß er aller not vn setzet sich uff einen hohen 



*) ncy ist durchstrichen. 
**J biser [d, h. bis er] tua Rande. 



DIE 8TUTT0ABTER 08WALTPR0SA. 175 

tr&me[?]*^) vn macht einen großen schalle dz es in der boi^ 
erhalle wann sin hertze swebet in freüden Sant OswaÜs diener 

1240 vier erhörten den raben, sie begunden fast ylen wann sie grosse 
fireüde bezwang je einer trang fUr den andern zu dem könig Do er 

1247 zu disch was gesessen vn wolt essen mit sinen besten helten. Do 6 
sprachen die ner hörent herre wir wollen ttch von üwer lieben 

1255 raben sagen der ist zu lande kummen wir han in mit unsem äugen 
gesehen, Sant OawaÜ sprang von de disch mit grossen freüden 
vn warff einen mantel an vn ging do der Rabe was vn warff do 
den mantel nider uff die erde, des nam der rabe wäre vn flöge lO 

1265 uff den mantel do bücket sich Sant OstoaÜ vn nam den raben 
lieplich zu jm vfi sp'ch Min lieber rabe bis mir gotwilkumen, 
Der Rabe wart hochgemute vn sprach nu danck üch got, Sant 
OstoaU [trug] den raben mit jm in sin beste kemminat do sie 

1275nieman hört noch sach vn sprach zu jm O hertze(r)**^) lieber 16 
rabe min Nu sage mir was mir die kflnigin enbotten hat Der Rabe 
sprach Herre jr sint zu (gihe)***) ein wenig zu gehe, mir hat 
die müde vn der hunger min leben bezwungen daz ich kein 

1285 rede mag gehaben Ir soUent mir zu essen vn zu drincken gebem 
so mag ich desto baß mit üch reden, Ir müssent jn sorgen leben 20 

1290 diso nacht bis mom so sollent ir dann wider zu mir kummen, 
(263*") Do erschrack sant OstoaÜ sere vn hieß balde sine lieben 
raben zu essen bringen vn auch zu trinken, Aber sant Oswalt 
bezwang große sorge vn was jm die nacht [woljf) eines halben 

1300 jars lang. An de morgen früwe ging er zu de raben , Nu soltu 25 
mir sagen was du mir botschaffte hast bracht, oder was sich der 
könig bedacht habe, Do erswange der rabe sin gefider vn sprach 
Lieber herre min löse mir den brieffe vn das fingerlin uß mine 

1308 gefider dz hat dir die künigin von aroen [sie] gesant vn sie en- 

1311 büt dir das ir on got nit liebers sy dann du, Sie wil ob got 30 
wil din frauwe werden vn wil dem heiligen grabe undertane sin 
vnd an ish'm xpm glauben, Sie hat dir auch enbotten WöUestu 

1320 faren über mere nach ir so soltn dich wol wol be waren mit 
•Lxxij- kylen vn also manig tusent ritter soltu mit dir über das 

1328 mere füren, sint sie des lybes nit biderbe jr keiner kümt wider 85 



*) Wohl trSrne statt turne verschrieben? 
**) r ist roth darchstriehen, vgl. 173, 19. 33. 
***) gahe ist durchstrichen, 
t) wol am Rande. 



176 A. EDZARDI 

1329—32 hei, auch soltu die kiele schöne beslagen mit Carfunkel stem, 
1333 wenn da nachtes verst uff de mere dz du vii din here gesehen 
können Du solt auch mit dir nemen in die kiel uff acht jar kost 
1340 yfi gut gewant vn was du jn fremden landen bedarfst. Da most 
auch haben einen vergulten hirsen, Vfi mich mustu mit dir nem- 6 
men anders din arbeit ist verlorn, also han ich die botschafft 
1350 (264*) gesaget, Ny sich was jn de brieff geschrieben sy Saut 
1358 OswaÜ brach den brieffe uff, vfi läse jn vü wart zumal frölich 
1364. 65 wann die königin hatt jn selber geschrieben Damach sprach er 
1368 Alle min dienstman dunt darzu dz mir zwen vü sibentzig kiel 10 
werden gemacht vnd heissent sie feste machen Vfi also bereit er rieh 
den langen winter mit grosser sorge vfi arbeit daz er keiner Rast 
1376 pflage hin bis zu sant Jörgen dag, Do hatt er es alles bereit vll 
zu Samen bracht Vfi darnach hieß er jm bringen golt vll silber 
1385 vfi sant nach Goltsmiden vfi hieß jm machen -Lxxxij-*} gfllden 15 
1401 crtttz. Die crütz wurden schier gemacht vfi der konig wart fro 
1412 vfi lonet den goltsmiden, Darnach ließ er jm briefe schryben vn 
1421 sant nach allen sinen lands herren do sie die botschafft vemamen 
1424 do kamen sie balde zu hoffe nach Ritterliche sitten wol bereit 
1442 mit zierliche hamasche Do enphieng er [sie] sie sant Oswalt er- sa 
1448 lieh vfi wirdiglich Er hatt sie so kreffdglich besant über alle 
1450 sin Rjche dz er zu samen bracht zwen vfi dryssig dusent man 
die do waren helten lybes vfi mutes, Sant OswaU frettwet sich 
1460 dz er so mangen dienstherren hatt, Do fragten die zwelff könig 
sant Osicalt vfi sprachen Ku westen wir recht gern war ttmb ir sft 
uns hette zu samen bracht, dz wollet ims zu wissen t&ne Er 
sprach dz will ich sagen Ich wil faren über mere vfi jn die 
heidenschaffi; ziehen vfi cristen (264*") glauben meren Vfi wil et 
1475 heidische klinigin über mere her bringen Es sy de beiden 
1481 ire vatter lieb oder leit Wer mir nu wolle by ston der laß mich 80 
es wissen wer zu Ritter worden ist oder Ritter werden welle der 
laß jm die vart nit swer sin Wafi wer uff der fart erslagen 
wirt Deß sele wirt**) große gnade haben jn de ewigen 
1490 leben, deß wil ich üch min triwe geben lybe vfi sele ist 
behalten jmmerme Ir sollent mir trüwe erzeigen wafi ir alle min 8( 
eigen sint, Darzu wil ich üch ryclieu seit geben golt vfi silber. 



•) So statt LXXII 
**) Ettm. 1488 mfiß, sonst sind die gesperrt gedruckten Worte genaa gleich 
i:ttm. 1487—90. 



DIE STUTTGARTER 08 WALTPROSA. 177 

1500 vü wil üch lyhen vn geben die wyle ich dz leben han Wol uff 

jr edeln könig die von mir hant bürge unt lant Ir hochgebomen 

hertzogen Vli ir Gb*afen alle, sy jglicher an sin trüwe gemanet vn 

1509 auch ir bischoffe ir hant von mir wirde vn ere wol uff vnverzaget 

1515 vli sint mir schone bereit , Ir aller trüwe do wol erscheyne vfi 5 

sp'chen zu dem herren wir wollen (wellen?) uch gerne helffen mit 
1520 lybe vn mit gut vn wollen vns frölich wagen mit üch über dz wilde 
mere, Do hieß sant OswaÜ die crütz uff heben vfi hieß sie tragen 
1529 uff einen aoger Vn sprach jr herren nemet war Wer mir in der 
1538 fart wil bystan der muß der crützlin eins haben Ob wir würden lo 
1544 bestanden (265*) von den beiden so weren wir alle cristen, so 
1535 ff. bekennet einander by den crützen Do wart ein groß ge- 
1541 ff. drenge zu den crützen vfi wolt jeglicher eins haben Vn sie 
machten sie an die wappenrocklin^ ob sie kemen in fremde lant 

1544 Und von den beiden bestanden würden, dz sie by den crützen 15 
1555 sich bekenten, also wurden sie schier bereit^ Nv het sant Oswalt 
1547 ff. einen schonen hirtze uff sine hofe*) wol achtzehen [nc] jar 
1554 erzogen den hirtzen namen sie mit jn vfi ylete uff die fart. Aber 

1545 f. nyemä nam des raben wäre, sant Oswalt mit den herren allen 

1558 vergassen deß raben dohey**) Also hub sich ein frölicher 20 

1559 schalle von dem h're. vfi zoch sant Oswalt mit allem sine here 
1570 mit freyde dannen, vfi ylten zu den kylen vfi schickten sich 

uff das wilde mere, Do sprach mä jn manchen guten segen nach, 
Do sie nu ein jar vfi zwelff wochen waren uff de mere gefaren. 
do kamen sie hin gey Aron [sie] in das lant. Nu sahen sie by 25 

1580 de mere stan ein gar schöne lobesanie bürg die lüchtet von golde 
als ob sie brunne gey der sonnen. Und vfi [sie] was uff j gliche 

1590 tum ein wachter Daruff sie dag vfi nacht lagen vfi pflagen der 
bürg schöne, Do sant Oswalt die festen an sach sprach er. Dz 
mag wol die bürg sin Dar uff (265^) myn liebe frawe wonet IVu 30 
was es spat an eine abent Do ging sant Oswalt zu rat vfi sp'ch 
Nu ratent mir alle min lieben herren Wann ich han vernommen 

1600 dz wir kommen sint jn das lant das do heisset***) Aron [sie], 
wie wollen wir es an gryffen dz vnser die heyden nit jnnen 
werden, Nu het er einen alten dienstman der sp'ch. Ich wil üch 35 



♦) Hier ist erzöge roth durchstrichen. 
**) Über diese beachtenswerthe Umstellung sprach ich eingehend in meinen 
lUntersnchungen" 30 f.; vgl. auch JM. 

***) R und noch ein halber Buchstabe ist hier durchstrichen. 

GERMANIA. Neue Reibe IX. (XXI. Jahrg.) V2k 



178 A. EDZARDI 

raten ob ich kan Ich sich dort by de wilden mere zwen*) gar hoch 

1610 berge, dar zwischen ist el breiter Anger [nc], Do haben wir gut her- 
berge, Dar nff sollen wir vns zu velde legen, Do sin ?nr sicher TU 
lybes lebens vn gutes wol beh&te, Sie folgten alle sine rat yü ylten 

1620 mit einander an das gestat Vn hefiten an Vn draten von den kylen 6 

1630 Vn leyten sich zu velde uff den wyten anger, Do slugen sie 
manch schöne gezelt uff^ also lagen sie da verborgen vn lebten 
doch nit on sorge, Do sie nu zu velde waren kümen, Der milt herre 
sant Oswalt sant nach sine kemmerer Und (266*) hieß jm sinen 

1640 Baben geben, Vn sp'ch Ich wil mich nit lenger sümen. Ich maß i( 
jn zu der königin senden, das er mir an ir erfare was ir noch 

1650 zu mfite sy. Der kemmerer erschrach fast Vn sach den herren 
truriglichen an Vn sprach ich muß ttch der warheit verjehen das 
ich nye an den Raben hau gedacht dz ich jn het mit mir ge- 
nümen Ich wolt wenen Edeler könig Ir hette [ric] jn selber mit li 
ttch geftbrt, Der kemmerer besorget sines herren zom vn meynt 

1660 er müst sin leben verlorn han Vn kniet nider ftlr jn vn sprach 
Min leben stat in üwer haut, Sant Oswalt erschrack ser vn 

1670 claget vor leyt vn sprach Nu han ich alle min arbeit verlorn 
Wie wollen wir es an gryffen Wir han gar unrecht getan das M 

1680 wir den Raben haben do heyme gelassen, Ob wir nu von den 
wilden beyden werden bestanden, so werend ttch dz ist not Wann 
ich han iuch jn den dot verfbrt, Deß erschraken die herren alle 

1690 gar fast vn wart große not da Vn gedachten alle hey zu lande 
an ir wybe vn kinde, dz sie (266^) das sie selten verwyset sin vn tf 
wenden ir hende vor leide. Do sant OswaU die große clage sach, Do 

1701 sprach er zu in allen Ir werden beiden nemet an ttch festen mute 
vn vallet nider crützwyse uff die erde Vn riiffent got von hymmd 

1710 an vn bittet die hymmelsche königin dz sie vns frölich von hynnoi 
helffe, Sie folgten ires herren rat Vn ylten uß de hamasch vtt si 
zugen abe ir strytgewant Vn vielen crtttzewyse uff die erde Vn 
baten den hymmelschen könig das er sie jn siner h&te het vn sie 

1720 beschirmet vor den wilden hey den, Do det in got vn sin liebe 
mutter ir gnade [schin?] vn sant einen engel geyn engellant Do 
sant OstDoÜs Rabe was, Der engel gebot dem Raben da er ttber H 

1735 mere zu sine herren flüge jn das heydisch lant"*^) wann wo er jm 

1736 nit zu hilff kerne jn kurtzer zijt so müsten sie alle jr lybe verlieieDi 



*) Hier steht berge roth dorchstrichen. 
^) Verkante Wldergabe der Verse 1726—1734? 



DIE STUTTGARTER 08WALTPR08A. 179 

1784 Do sprach der Rabe*) Mine herren (267*) kan ich nit gehelffen 
wan do min herre von dem lande kam Do wart mir min pfiründe 
1789 genfimen von de koch vfi von dem keller, die begunden min 
vergessen, Man gab mir weder brot noch wijn vn must essen 
mit den swynen Von honger han ich groß not erlitten Dar 6 
1799 ümb ist mir min gefider zer zerret Vn mag keynen finge me 
gehaben. Der engel sprach Rabe erswinge din gefider als hoch als 
1809 drtl spere mügen sin magstu dann deß fiags nit gehaben, so laß 
[dich] herwider nider zu der erde, also bezwang der engel den 
Raben das er sich jn die luSt zoch wol zwelff sperre hoch vn 10 
1820 wolt sich do wider zu der erden haben gelassen Do begonde jm 
der engel widerstone vfi bezwang den Raben das er sin gefider 
hoch erswange vfi fioch hin über das wilde mere Vfi kam an de 
virden dag ^ Do sant OswaU jn großen nöten was Vfi saß uff 
1829 eine segel baAme vfi vergäße aller müde Do det er einen vnge- 15 
1833 fagen halle , Das erhört (267^) ein schiffman dem möcht nit 
1838 liebers sin geschehen, Von frejde sprang er balde von 
dem schiffe vfi kam zu sant OstoaU vfi sprach gebet mir das 
1848 betten brot Vnser not wil ein ende haben Ich han üwem Raben 
gesehen er ist her zu lande kummen, Do sant OswaÜ die rede 20 
hört Do begunde er lachen vfi sprach Ist min Rabe uß engellant 
her kummen, zehen marck goldes gib ich dir jn din hant vfi mach 
1859 dich zu Ritter Keyn schiff knecht bistu nymmermer, Er ging balde 
1876 zu dem Raben**) vfi sprach Bis mir gotwilkom Wie gern han ich 
1886 din zu kunfit vemummen hertz lieber Rabe min leider du her 26 
1889 kummen bist so ist mir vil leydes benämen Der Rabe wart hoch- 
gemut Vfi dancket sant OsvxiÜen Do fraget jn sant Oawak Wie 
1893 der fride in engellant were, Do sp'ch der Rabe, Fride vfi gnade 
ist in engellant vnder (268*) allen dinen dienstlttten. Doch kan 
ich nit gelassen ich muß dir clagen über den koch vfi über den $0 
keller | als bald als du von dem lande werde [nc] ge[fa]***) zogen 
1900 Do wart mir min pfründe genAmen Sie pfiegen weder wirden noch 
eren wann sie mejmen du kummest nymmerme zu lande, Sie 
vergassen min schier Vfi gaben mir weder zu essen noch zu 
drincken, weder brot noch wyn, Vfi leit von hunger not, Ich 95 
must mit den swynen vfi mit den hunden essen. Welche hunde 



*) 1741—1783 fehlen durch Abirren (?) oder durch Überschlagen einer Seitei 
eines Blattes? 

**) Abirren von 1862 au 1876? 
/a dnrchstrichen. 

Vi* 



180 A. EDZARDI 

1910 ich sin spyse name der gnarret*) mich jemerlich an, Herre ii& 
gib mir din trttwe zu pfände wenn du wider hey zu lande kün- 
nest Das du sie bede wollest fahen vfi an einen galgen^ hencken 
Do sp^ch der könig Rabe du solt dinen zom lassen so wil ich 

1920 dir min trüwe geben | Dwyl [sie] wir beide leben so kümstu von 6 
myner schusseln njmerme, Vfi wolt got das du bettest din ge- 
fider, so wolt ich dich senden zu der königin Do sprach der 
Rabe Herre nä merck Es sint hüt vier tage dz ich dennoch 

1929 in engellant was ich weiß nit ob ich geflogen bin, Ich wil 
dir din (268^) botschafflt noch werben vfi solt ich dar fimb 10 
sterben, Der konig [sie] sprach, So sag mir der königin [flyssig- 

1939 lieh] ^) mynen dienst , vfi das ich sy her kummen dureh iren 
willen jn diß laut Das sie mir Rat gebe wie ich sy uß der bürg 
gewynnen sol. Ob ich sol ümb sie vechten das wolle ich gerne 

1949 dune Der Rabe was listig vfi nam vrlaub von dem könig vfi 15 
schiede frölich dannen hyn geyn der bürg über den bej^e, 

1960 Do er nu zu der vesten kam do gab jm got das glück dz er 
die königin allein fant obe an einer zynnen stan, Der Rabe sich 
fröleich zu ir nider ließe , Do zuckt sie jn balde uff zu ir durch 

1970 ein fensterlin vfi hieß jn wilkom sin Vnd fragt jn vfi [re]***) jo 

1977 sprach Sag mir wa ist din lieber herre werlich ich wolt jn 

1981 gern sehen , Der Rabe sprach Ich töne uch zu wissen dz min 
herre ist her kummen mit manche werde Ritter die er hat 
[herbracht] t) über mere herbracht , vfi haben ir herberge zwi- 
schen den zweyn bergen Do lige sie mit sorgen verborgen Nu 26 

1990 hat mich min herre her gesant dz ir jm rat gebent Wann er hat 
mangen dienstman herren (269*) vfi knecht, Do sprach die kü- 
nigin Rabe das sy dir vfi dine herren gesaget, Vfi das cristen 

2000 vfi beiden vfi alle die weit sin eigen weren vfi het sich da mit 
ftlr die bürg geleit so möcht er nichts geschaden. Aber nu wil so 
ich dine herren Raten ob ich kan Heyß jn nemen ein schiffelin 
vfi dar jn hundert beiden die irs lybes sint hochgemut, was er sust 

2010 dienstlüt mag gehaben die sol er zwischen den bergen lan, Hit 
hundert künen holten sol er sich ftlr die bürg legen Dz möß in 
einer dunckel geschehen Dz sie niemä gesehen müge Vn so er 86 
für die burck uff das velt kümt so heyß ein schönes gezelt uff 

*) „gnarren swv. md. knurren" Lex. I, 1041. DWB. V, 1354. 
**) Überschrieben. 
*•♦) re ist roth darchstrichen. 
f) herbrticht \ai roth darchstrichen (vgl. Germ. XX, 198). 



DIE STUTTGARTER 0SWALTI»R08A. 181 

slagen Vn wer sie fragt der mere Dz sie daan alle sprechen sie 
2020 sin goltsmit vn faren durch fremde lant nach irm sitte, so werden 
sie schöne enpfangen von mine vatter vn von sinen dienst- 
mannen, bis ich zu Rat werde wie ich mit jm von hynnen kumme, 
2030 Der Rabe flöge balde wider zn sine herren vn det jm die mere 6 
kunt Vn sprach wiltu etwz erjagen so mnstu haben zwelff golt- 
smit I Deß erschrack sant OsvoaU fast vn sprach Httt vfi jm- 
merme*) Nu han ich weder geztlg noch goltsmit, vnd mvß sin 
noch nemmen schaden Dz ich keinen goltsmit gehaben kan^ Die 
2040 Rede erhörten xij- heyden [nc] die waren (269**) mit jm über 10 
mere gefaren, Die sprachen herre gehabet üch wol wir wollen 
üch gut mer sagen Vnser sint -xij' jung mani^ die alle goltsmit 
2049 sint gewesen vnd sint gutes rych worden vfi. sint nu Ritter 
2052 worden, Nu haben wir werckzüg' mit vns bracht, [do]**) Sant 
2061 OsfoaÜ die rede hört wart er uß der massen fro vfi sprach^ Dar 16 

ümb wil ich uch lyhen vfi geben dwyl ich das leben han^ Zu 
5070 den -xij- mannen nam er hundert mann mit den hub er sich Air 
die vesten jn einer dunckele das sie nyemä weder hört noch sach 
vfi richtet do uff ein kleynes gezelt, Ein [d. h. Sin] golt smit 
richten sich zu der arbeit, mit hemmem vfi mit zangen machten 20 
sie ein groß getemmer Das erhörten des königs wechter Es 
2080 ducht sie ein wunderlich mere, Nu ging der wechter einer 
hin fiir sines herren kemminat, Vfi sprach Woluff edeler könig 
jch kan dir nit lenger verswygen jch muß dir fremde mere sagen 
2090 Es sint fremde gest fiir die bürg kummen von manchem werde 25 
man, die wollen dir din lant angewynnen Do sprach der heidisch 
könig Das getörst nyemä han getan Aber es sint (270*) hotten 
uß eine fremde lande vfi sint her gesant nach miner dochter. Es 
2100 sint cristen weck uff min gesinde sie müssen alle hangen, Do 
2107 ging der wechter zu hant vfi wecket die beiden vfi sagt jn 80 
2114 die mere Deß erschracken die beiden gar fast, vfi leiten an ir 
strytgewant vfi wappenten sich vfi bunden jr heim uffvfijglicher 
2121 gefieng beid swert vfi schilt. Das erhörte die königin vfi leit 
an einen syden mantel, vfi ging balde zu de vatter vfi sp^ch 
2129 züchtiglich zu im Hertz lieber vatter min, Du solt zucht pflegen^ 35 
woUtestu mir es nit v^übel han jch wolt dir die warheit sagen 
wer die geste sin Es sint alle recht goltsmit vfi faren durch fremde 



•) 9ic! wafen fehlt. 
*•) (lo überschrieben. 



Ig2 A. EDZABDI 

lant nach irem Bitten [ne]f vn sint her gefaren durch dines landes 

2139 ere, Da solt nit so gach sin yn erzeige den cristen kein smacheit 
Wann vatter es wer dir*) nit gat Wir bedürffen doch wol Ring vll 

2160hefftelin So bedarfihi selber wol ey gttlde cron fdie)**) die 
können sie die [d. h, dir] aß golt wol gemachen Dar ümb gib 5 
jn Rychen solt Deß mflsta jmmer ere haben , wo man es singet 
oder saget. Also überkam***) die dochter den vatter das er von 

2158 de zom ließ, yfi schaff mit sinen herren allen samet dz sie stryt 

2166 gewant ab zagen Damach sprach die dochter zu de vatter Her 

2170 vater Da (21(f*) solt za jn gon vnd sie wirdiglich enpfahen, ds 10 
zimt dinen eren wol, Do schaff der könig mit sinen dienstmannen 
das sie ander kleider an leyten, vn also kleydeten sich die 

2180 stoltzen heyden schon vfi zagen jrem herren (nach)f ) de Rychen 
könig Aren [sie] nach, Der milt könig sant OswaU ließ die 
goltsmit ston vn begand balde [zao] dem heidische könig gan U 
Do sie der heyde an sach do grttst er sie vfi sp^ch za jn Sint 

2190 mir wilkAmen ir cristen, üwer zakanfit hab ich gern vemumen 
ttwer cratz sint gülden ir möget wol gat cristen sin Jch sich 
wol jr sint Ritter vfi knecht Nv saget mir die rechte warheit 

2198 Hat üch jemä zu botte [Uet botte] here gesant, Do sprach Sant M 
OswaU züchtiglich vns hat niemä her gesant Ich wil ach die 
warheit sagen Wir sin recht goltsmitt vfi faren darch die lant 
nach vnsem sitten, vns was gesaget. Wie das üwer dochter oz 

2210 geben were, do wir das vemamen, Do kamen wir here äff dinen 
trost vü weren gern gntes Ryche Do sp'ch der heidisch könig, 26 

2220 Meister lant üch nit wesen leyde , sint ir darch miner eren 
willen here kämmen , so siehe ich ach recht gern, so sollet 

2228 ir von mir haben hilff vfi rat, Do sant OswaU die rede bort, Do 
wart er gar fro. Der heydisch könig hieß do za hant den 
meister[n] schryben, was sie ei gantz jar müsten haben. Dz hieß 30 

2240 er jn beruß von (271*) der barg tragen bede brot vn wyn« 
Also lagen sie vor der barg, ein jar vfi zwelff Wochen Dz sie 
nye keyn firaawen bilde gesahen , Dez beganden sie grossen 

2250 kiimber haben Do sp'ch der milt könig sant OsuhmU za sinen 
golt smiden Ir herren ich wolt wir weren do hey in engellant 86 



*) Es stand dich, eh roth unterpunktirt, r oberschrieben. 
^ Das erste die ist roth darchstrichen. 
***) Im Gedichte 2166 iibergie = 1813. 
t) nach roth dorchstrieheo. 



DIE 8TUTT0ABTER 08WALTPR08A. 183 

2257 Ich möcht verzeren alles min here vn mttst dennoch wider hey 
faren ds ich nit jnnen würde wie die königin were gestalt Nu*) 
geschach an eine mantag zu morgen das sant Oswalt was entslaffen 
Do kam jm in de slaffe fbr Wie er die königin möcht aß der 

2270 borg gewynnen. Do er erwachet do sach er uff von großen 6 
frettden yn sprach zu den synen jr herren gehabet üch wol ich 
wil uch gut mere sagen. Mir habet geraten myn synne wie ich die 
königin gewynnen sol, Do von sint alle fro vfi machet mir mine 

2280 hirtzen gülden claen die bindet jm an sin fuße, Damach hieß er 

jm machen zwey gülden hirshom v& hieß sie jnnen hole machen 10 

als sie der hirs uff sine haubt solt tragen, Damach sp^ch sant 

OstoaU Nu muß ich auch ei gülden decke haben das sie de 

hirzen**) uff die erde gang so nym ich jn dan vfi für jn an den 

2290 bürg graben hyn zu eins morges frtt , So kümt der könig vfi 
jaget mir den hirß her dan er vfi alle sin diener (271^) villycht 15 
blybt das tor vnbehut, so gewynnen ich die königin, Die golt smit 

2302 wurden alle firo vfi wirckten dag vfi nacht bis an den sibenden 
morgen, do wart dz gesmyde alles bereit, Sant Oswalt gevieng 

2310 den hirsen an ein syden seyle vfi sprach Herre got gib mir glück 
vfi heyle vfi an de achten morgen fort er jn an den bürg graben 20 
hinzu, Do ließ er den hirtzen stan vfi ging er wider zu den 
goltsmiden. Des königes wachter er sach den hirsen vfi du cht 
jn wunderlich vfi lieffe aber balde zu sines herren kemminat vfi 

2320Rufft woluff Rycher könig (Aron)***) hüt solt du gern jagen Ich 
hau einen gülden hirsen gesehen der gat ussen an de bürg graben 25 

2330 das sag ich uch fürwar, Do sprach der könig Nu weck mir 
[baldejf) uff min hof gesynde, vfi gebüt wer einen stab möge 

2340 getragen dz er mir helff den hirsen jagen, Do ging der wachter 
balde zu menger schöner kemminat vfi begunde die diener wecken 
uß de slaff Vfi saget jn wie ein güldener hirtzff ) wer kummen so 

2350 an den bürg graben. Den wolt der könig hüt jagen, Do sie die 

2352 rede horten Do wurden sie fast firo, junge vfi alte Sprüngen von 

2356 den betten vfi begunden sich an legen Swert (272*) vfi spieße 

2380hiessen sie herbringen, Der hirß sach ümb vfi erschrack von de 



*) Es stand Ih\ dies ist roth dorehstriehen, ^tt übergeschrieben. 
^) Es stand hirHn\ % flber.« geschrieben, blasser. 
***) Aron ist roth ond schwarz durchstrichen. 

t) holde fibergeschrieben, 
ff) Vor w9r schon k (von kummeri) durchstrichen; dies ist ein fernerer Beleg 
SU Genn. XX, 198. 



Ig4 A. EDZARDI 

heyden v& hunden Er begunde fliehen vn floch an den berg, der 
was 80*) usser massen hoch dz man sagt Es wer nye lebentiges 

2391 dar über kommen dann n&n die wilden vögel Also wurden 
die beiden mit de hirß betrogen. Der hirß als es got selber wolt 

2400 mit de golde kam hin über den berge do er fant sant Oswaldes 5 
here, Do er vnder das here kam vn dz die herren vemamen Do 
hatt es sie groß wonder wie der hirs zu jn kummen were. Aber 

2407 de heydische könig geschach uß der massen leyde dz sie den 
hirtzen verlorn betten Nu stunt die jung königin obe an einer 
zynnen by ir mutier der alten königin Vn vier vn zwentzig junc- IC 

2420frauweny mit den sie wol behut was^ Do sprach sie zu der die 
zunehst by ir stunt, Liebe gespile min**) tue es durch miner 
[sie] tHiwe willen vn laß dir sin Ionen vnd hebe mir min cron 
vn minen mantel vn stant da here an min statt für min mutter 

2430 die königin vn tue glych als ich es selber [sie] sy (272^) mir ist 1< 
in dem haubt we worden dz ich nit lenger mag geston ich muß 
gon von der zynnen Ich wil mich erkuleu in myner kemminat. 
Wenn mir baß wird so wil ich wider kummen Die juncfrauwe 
det was ir die junc königin gebot^ Sie warff ümb den mantel vn 

2440 satzt uff ir haubt die cron, Die königin begunde sich von dannen 2( 
heben Die mutter nam sin nit war | Nu lieff die jung königin 

2450 balde jn ir kemminat vn dry schöner juncfrauwen gingen mit jr 
Vn lieffen do sie vier rock funden die hatten sie vor bereit als 
uns die bücher sagen. Die rock leiten sie an als ob sie jung 

2459 man wcren, jeglich setzt einen hut uff vn gürte vmb gülde2C 
sporn jn aller der geberde als ob sie weren heidisch 

2471 Ritter***) vn namen swert jn ir hende, sie betten nit me zu beiten 
Vn kamen zu de tor Do was es mit starcken Rigeln vn slossen 
versperret dz sie ny ergebt) mochten uß kummen, Do wurden sie 
von hertzen trurig [Sie gingen] ff) obe an ein zynnen vn namen 8( 
war ob sie möchten hinab springen, Do was die mur vil zu hoch, 

2480 Die jung königin ging wider her abe zu de tor Die dry ylten ir fast 
nach, Do fiele die junge (273*) königin uff ir knye vn Rufft an 

2490 Marien dz sie jn ir gnade dete dz sie frölich möchten von dannen 



*) Vor u$ter ist hoch roth durchstrichen. 

**) Hier sind zwei unleserliche Buchstaben roth darchstrichen. 
♦*♦) Fast wörtlich = Ettm. 2466—8. 
f ) Darüber liat eine andere Hand mit schwärzerer Tinte niener geschrieben, 
ff) Die eingeklammerten Worte fehlen in meiner Abschrift, ich mag sie aber 
in der Us. übersehen haben. 



DIE STÜTTGABTER 0SWALTPR08A 185 

knmmeiiy zu hant brach sich das tor uff jn aller wjse als het es 
ein großer wint uff geworffeu. Die stoltzen juncfrauwen sumten sich 
2500 nit me jn was wol gelungen y vn Sprüngen balde für das tor 
herußy als balde S!e beruß kamen do weet das tor wider zu vn 
was baß beslossen dann vor^ Do ylten sie über dz wyt feit hin 5 
2510 zu sant OswaÜs gezelte, Nu was der Rabe uff die goltsmitte 
gesessen vn do er die juncfrauwen gesach Do sp'ch er zu sine 
herren Herre jch wil dir gut mere sagen Ich sehe vier junc- 
frauwen von der bürge [her]*)gan; Mich triegen dann alle my 
2518 synne so ist es die die jung königin, Sant OswaÜ nye liebers 10 
2526 gesach Er ging balde der königin entgegen vn sie was jm vO 
2530 jn allen bekant Wann sie trüge ein gülden harbant, Do mit 
bezeyget sie das sie die königin selber was**^); Sant Ostotdt 
hub sich balde zu den goltsmiden vn die dry juncfrauen ylten 
balde hin nach Do sprach sant Oswalt wol uffent [sie] alle min 15 
dienstmann vfi lassent vns heben von hynnen mit der jungen kö* 
2543 nigin^^^^). Also hüben sie sich stilliglich von dannen vfi Hessen Die 
smitten vor der bürge ston. Er für zwischen (273^) die berge do 
er alle sin diener faut vfi hieß jn rüffen vfi sagen die gut mere 
2550 Dz er frOlich wer kummen Do hup sich ein michel schall f) von 20 
2555 den herren das sie mit einander uff brachen von grossen freuden 
dz sie betten die königin jn möcht allen nit liebers geschehen sin 
2565 Sant Oswalt hub sich wider uff das mere mit alle sine here, 
2570 Do kamen die marner vfi namen die Ruder in die hant Vfi füren 
firölich [mit gesang]ff) von dannen Wann jn was wol gelungen 25 
Nu sollen wir fürbaß sagen wie die alt königin sp*ch zu de 
2580 heydische könig Do sie jn sach kommen geritten Bis mir wil- 
kummen Rycher könig Aron du vfi alle din dienst mann Ich 
west gern wie es üch an de gejeyde were ergangen ob ir den 
hirtzen gefangen betten. Der könig sprach Hin liebe frauwe Laß so 
dir nit leit sin ümb ein kleynes gut, wir haben noch vil 
2590 goldesy so haben min goltsmide kunst sie künnen wol einen 
andern hirtzen machen , Die königin begunde lachen vfi sprach 
Edeler könig bis nit zornig din hirtz vfi din gejegde [sie] kümt 



*) Überschrieben. 
**) Die vorhergehende Stelle entspricht fast wörtlich Ettm. 2527—80. 
♦**) Das vorhergehende entspricht 13 Plusversen von ^BL 
t) In der Zeile steht freyde roth durchstrichen, darüber achaU, 
tt) Überschrieben. 



186 ^ EDZARDI 

2597 vns sa grossem \ejde Unser doehter ist mit den goltsmiden Ton 
hynnen, sie wn dry (274*) jancfinrawen, Der kOnig schre Int We 
ich west wol ließ ich de Raben fliegen dz ich sin za schaden 

2606 kerne, dz ist Onoak aß engellant der ftaret mir min dochter hin, Nn 

2610 kan er mir nit entrinnen Ich ertrencke jn jn de wilden mere mit 5 
alle sine gesinde Na hatt der hejde ein gfilden hom dz was ge- 
macht mit zaaberlisten, wenn er es bliese kreAiglich so hört 

2620 man es jn de dritten kOnig rych. Er bliese sin hom dz es an 
massen lat erhalle, Dz erhörten (all)^) die lands herren vn sprachen 
Was mag jm gewerden, wir haben gebort dz hom vnsem [ne] 1( 

2630 herren ist ernst, Sie namen ir dienstmann vn haben sich äff ds 
sie jrm herren za hilff kemoi vn kamen za hofe geritten wol ge- 

2646 hamast nach höfflichen sitten Vn firagten der mere was jrm herren 

2661 were geschehen Deß worden sie balde bescheyden, IKe heyd^i 
beganden £ut ylen za dem mere vn der kOnig nam selber dz 16 
Bader jn die hant also daten anch die mamer Vli also ylten sie 

2660 sant Oswali fast nach Do was sant OnoaU in grossen sorgen 
Doch west er nit dz jm die beiden so nahe waren kämmen. Na 
was der Rabe off eine kile gesessen yfi do er die beiden ersach 

2671 (274^) Sprach er Lieber herre min Ich höre dz mere sere dosen to 
Yfi sich die heyden herza fliessen Got wOUe es dan ynderston 
Ich Yorcht wir mflssen alle dz leben Yerlieren, Deß erschraok die 

2680königin sere Yfi sp'ch Hat Yfi jmmermerfwafen?] jst min Yatter 
her nach kommen, so get ez mange werde cristen an dz 
leben wann jm ist leyde Ymb mich. Ich ftlrcbte die cristen werden ss 

2690 alle erslagen. Er wirt Yns in de mere ertrenchen. Do sant 0#- 
wclU )r dage bort Yfi sach Do sprach er, joncfraowe gehabent 
fich wol On got kan Yns nichtes geschaden zo de haben wir 

2710 cristen einen trost, Sant OtwaU Yiele nider off sin knie Yfi höbe 
sin hende o£^ Yfi sprach Himmelscher ftirst nymm hin min trüwe 80 
Dz mich off ertrich nymmerme keyn mensch sol gebitten dorch 

2721 got Er sol sin Yon mir werden gewert Yfi bete er mich tUnb 
min haobt jch wil es jm geben dorch dinen willen, hilff mir mit 
eren Yon disem heidische könig Dz ich nit zo schaden komme 
hie Yon den (276*) wilden heyden, Do sant OsuxUt die gelflbt 35 
gedety zo hant tobet dz mere. Dz er jn einer kleynen wyle in 

2730 eine halbe dag fore [sie] me dann Yierdhalb hondert mylen 
Vfi wart by de heyden so donokel dz sie nit mochten gesdien, 



*) all iat roth darchstrichen. 



DIE STUTTGARTER 08WALTPR0SA« 187 

2740 Aber off sant Osuxdt fart was es klar yH scheyn die liechte 

2747 sonne, Also kamen die cristen by de mere vff den sant^ Do sie 

2755 nu zu felde waren kamen, Do kamen die wilden heyden do sie 
die cristen fanden vn do sie sie sahen do beganden sie fast ylen 

2760 vn sprachen vn het sin die weit versworen , so müssen die 6 
cristen alle ir leben verlieren, Do*) sant OswaU die heyden sach 
kämmen, do sprach er za den sinen Na wolan ir werden cristen, 

2770 nemment an ach vesten mat vn werent üch der heyden vn sint 
bestendig Wer na von den beiden wirt erslagen der verdienet dz 
ewig leben deß wil ich üch min trüwe geben sin sele vn lybe lo 
Wirt jmmerme behalten, Do sp'chen die cristen Herre na habet 
selber vesten mat, wir wollen üch mit trüwen by stan, dwyle wir 

2780 das leben haben, Werlich die wilden heyden müssen von vns 
kämmen za schaden, Ir gaben vn jr ylen, versmacht vns dz sie 

2792^ vns nach haben getan, das maß jn na an dz leben gan. Sant 15 
OswaU sach die beiden an Vn sprach zömiglich za jn (275^) Ir 

2798 beiden werent üch, Üch kan nyemant gehelffen**) Do trangen 

2809 sie äff einander heyden vn cristen Sant Ostoalt fart den starme 
[sie] jn siner hant Wann er was der mannheit nit ein tor Er 

2815 facht den synen Ritterlichen vor als ein wilder bere vn gab 20 
den sinen rat vn lere Er fiirt den stryt gar wyßlich das sich sin 
die sinen alle freaten Die cristen waren vnverzaget vn machten 
den beiden arbeit gnonck [sie], Sie trangen mit einander off die 

2820 beiden vn machten ir schar gar smal, maniger beide sin 

2831 leben da verlose Wan jn gar fast mißlang, sie liessen sich ver- 26 
dringen einer hin der ander here. Daramb verlaren sie ere vn 
wirde, Sie fachten einen sammerlangen dag Das nieman keiner 
rawe pflag bis an den abent, Do warden erslagen die heidischen 

2840 man***) vn könig Aron wart siglose dryssig dasent beiden verlor 
er die warden jm erslagen. Na begand man deß köningesf) 30 

2850 Aren schonen vor den andern, Dz dat man nun ümb das er der 
jangen königin vatter was. Die cristen vndergingen die heyden 
bis das sie könig Aron gefiengen vnd (276*) fürten jn für sant 
Ostcaüf Do jn sant OswaU an sach begande er lachen vn sprach, 
Her sweher, sint mir gotwilknmmen, üwer zakanft han ich gern ss 

*) D ist ans A gemacht. 

**) Das Yorhergehende entspricht 4 Plnsyersen, die Ettm. nach 2792 in der 
Hs. 8 übersah und die aach in *M stehen, s. meine Untersnchnngen p. 106. 
***) Hier ist die poetische Wortfolge beibehalten. 
t) So meine Abschrift; hat die Hs. wirklich iBörnnge^f 



]gg A. EDZARDI 

2860 ▼emömeDf Er enpfing in wol mit eren vn sp^ch^jr sollet uch 
lassen tauffen*), Do sprach der hejde zörniglich, Oivxdi wilta 
mich za sweher haben, so soitu min angespottet lan Ich 
glaub nit an dinen got wz mir joch dar ümb geschieht, Do 
sprach der milt könig sant OswaU za jm Da solt minen got nit 5 
2870 schelten da möchtest sin anders engelten. Ich bin sighafil an dir 
worden, Na hat min got wol die krafft das er din lüt heisset uff 

2879 ston , Do sp'ch der heidische könig' O milter könig OswaU 
magstu das erbitten ümb dinen got, dz er den mynen hilfft dz 
sie äff ston von dem tode so will ich mich gern tauffen lassen, 10 
mag dz aber nit geschehen an dinen got wil ich nymmer(me) ^ 

2890 glauben , Uo sach sant OsuxiU uff geyn himmel vn sprach O 
hinmiel ftlrst Ich ermane dich hüt dines todes den du litte Do 
du er lostest dz meschlich gesiecht^ hijff mir durch din heilige 
martel dz die doten alle lebendig werden Do das gebet geschach 15 

2901 Do stunden die doten alle uff jn aller der geberde als ob sie ge- 
slaffen betten. Do sprach sant OswaU Siehestu^*) Edeler könig 
(276^) was Zeichens min got hat getan dar ümb soltu an jn 

2911 glauben, Do sprach der heydisoh könig OsuhmU das wer mir 
jmmer leit, din got ist noch ein junger tore, Er mag mir nit ge- SO 
helffen Ich wil an den alten glauben der sol mynes lebens walten 

2920 Er sprach auch OswaÜ Rycher fürst vn het ich siben hauht er- 
lich uff mine haubt sten als ich nun eins han Die ließ ich mir 
alle sammcnt ab hau wen Deß wolt ich mich nit schemmen, E 
dz ich glaubt an dinen got Wann ich würde aller beiden spot, 26 
Sihestu nit Ostoalt min lüt sint wider lebendig worden, na erst 

2930 wil ich mit dir stryten Die beiden die do lebendig waren worden 
die sprachen herre lant ab von üwerm zom vnd lassent üwer 
kriegen sin, wir wollen üch nit by ston, Wir sint gewesen in der 

2940 dieffen hellen grünt Do ist uns also we geschehen an machmetten 30 

2957 glauben wir nymmerme, Do dz der könig hortf) Do sprach er 
tmriglich, OswaU Edeler fürste Du sp'chest din got sy ein 

2960 hey lant, siehestu***) dort den steynen velsen, dut din got dz 
zeychen dz er uß dem horten steyn einen brennen lesset entsprin- 
gen, Do wil ich mich jnnen lassen tauffen, Sant OswaÜ ging hin 35 



^) Das vorhergehende fast wörtlich gleich dem Gedichte. 
•*) m/R roth durchstrichen. 
**») 9%c\ vgl. 182,26. 
t) Die Verse 2946 — 56 sind übergangen, vielleicht durch Abirren des Schreibers. 



i. 



DIE STUTTGARTER 08WALTPR08A. 189 

2970 uff den steyn vn viel nider uff sin knye Vn nam (277') sin swert 
in sin recht haut vn ließ die spitz nider hangen vn sach uff 

2978 geyn himmel vn sprach O herre himmelscher ftirst durch diner 
heiligen tauffe ere, hilff mir lebendiger got dz hie ein brenne 
entspring das dise beiden jn dine namen cristen werden, Sant 5 
OswaU wart alles deß gewert von got dz er begert vn jm viel 

2990 dz swert uß der hant durch den horten steyn von der krafft 
gottes vn durch boret den vn ließ sich wider her dann dz es 
sahen cristen vn beiden, vn was der schilp also groß hundert 

3000 wagen möchten jn nit getragen haben, Zu hant floß uß de steyn 10 
ein schönes wasser das was -X- klafftern lang vn einer klafftern 
dieffe, Sant OswaU Rufft lut vn sprach Sibestu heidischer man, 
was Zeichens min got getan hat, Darümb soltu dich lassen tauffen 

3009 vn cristen glauben enpfahen , wiltu dz nit dune so slahe ich dir 
itzunt mit mine swert din haubt ab, Der heidisch könig sprach, 16 

3915 Milter könig OswaUj Din got ist gewaltig aller ding, an dem wil 

3025 ich stet blyben, min hertz begeret der tauff, Sant Ostoalt dauffet 

3032 siner [d. h. sinen] sweher vn sprach vor hiessestu der Rych könig 

3034 Aron nu soltu genät werden Centurio über alles cristen lant, 

3036 Darnach tauffet er die vier juncfrauwen, Vn tauffet dry sommer 20 

3041 lang dag Dz er nye keiner Rast pflag | Am dritten dag do sich 
tag vn nacht wollten scheiden (277'') do waren noch zwen vn 
ftinfftzig [sie] beiden vugetaufft die begunden ylen vn verebten sie 

3047 würden versümet vn Sprüngen mit einander dryn vn wui'ffen deß 
Wassers drü mal in den mönt vn wurden also getauffet, Do nA 25 

3052 die beiden alle getauffet wurden | Do sprachen sie, habe wir nu 
den dot überwonden Edeler flirste , leben wir nu jmmer mer Do 
sp'ch sant OswaÜ, Got ist aller ding gewaltig Ich dune üch allen 
kunt. Dz ir jn disem jar alle sterbet, Deß erschracken die getaufileh 

3060 beiden sere | vn sprachen O das wir je her kamen, Nu ist vns 30 
mit dem tode also we geschehen vn raeynten wir betten es nu 
alles über wonden, OswaÜ hilff vns uß sorgen vn bit den him- 

3070 meischen heylant dz wir zuhaut sterben , Wann selten wir das 
gantz jar sorgen so möchten wir verzagen vn an der seien grossen 
schaden nemmen , Sant OswaU det zuhaut dz jn manger getauffter 35 

3080 lieyde bat | vn sprach, herre tue mir din gnade [vgl. 184,34; 192,35] 
vn hilff mir das die getaufften beiden senfftiglich verscheiden vn mit 
dem andern tode din hulde erwerben, Sant Ostoalt wart gewert 
von got der det jm sin gnade schyn, dz die getaufilen (278') 

3090 beiden alle nider suncken vn senfftiglich stürben vn wurden zu 40 



190 A« EDZABDI 

Eschen vll [jr seien wurden gereyniget an der seien*) yll foren 

3103 ir seien za den ewigen freüden, Do nam sant Oswalt sinen 
sweher vnd die vier juncfrauwen vfi alle sin diener yn sagen 
frölich von dannen Er hatt der synen keynen verlorn Deß freu- 

3110 wet sich der hochgebom ftlrst Vll kam [mit] den sinen allen 5 
samment frölich hey jn engellant, Do sejt man die mere vor zu 
engellant das sant OstoaU kommen were mit einer schönen brat 
Deß ireflwet sich alles sin volck | Die Rychen kamen mit gaben 
die armen uff gnade vn erten jr Edeln könig darcb herschafft 

3120 vnd gewalt | Na macht er ein schöne hochzijt von pfingsten bis lo 
an den sibenden dag^ Vnd er gab jedermann zu essen vn za 
drincken Rychen vll armen , Do die hochzijt gescha[. •]***) Do 
schieden sich die herren dannen Vnd zagen alle hey za lande, 

3131 Damach sant Sant OswcUt aß vfi hieß jm arm lüt bringen, den wolt 
er ein spefi [sie] geben mit siner milten hant, Do kam aach dar 16 
der be halt er t) mit siner grossen gnaden vn wolt sant Onoak 

3138 versuchen ob er jm wolt leysten das er jm äff de wilden mere 

3141 verhieß | Do satzt sant Owxüt die armen lüt nid er Der manig 
hundert dar kam Vnser herre satzt sich balde za der ersten 
schare, Do jm nfin da wart gegeben (278^) do habe er sich balde 20 

3148 an die ander schar do er die ander gab enpfing, Do ging er 

3155 balde za der dritten schare : Dz treyb der himmelsche pilgerin 
bis jm den dag nüne [^c] mal wart gegeben, Do die spend 
was gegeben, [do bat vns' herre glych als ein ander arm 

[3160] man, Do die andern armen lüt dannen schieden, Do schiede 85 
er auch dannen [=A/J] dz jn nyeman er kennen kant Dennoch wolt 
vnser herre nit ablassen Er kert balde hin wider Vll wollt 
sant Oswalt den milten forsten noch me versuchen ob er jm 

3170 wolt leysten dz er jm uff de mere verhieße [sie] hett Er kam 
erbarmiglich ftlr den edeln ftlrsten ston vn sprach O milter so 
könig OstoaU da solt mir etwas geben dz dir got din junges 
leben behüte. Der könig sp'ch bilgrin dz sol geschehen, Do 
sprachen die kemmerer, llerre glaubent vns, der bilger hat hüt 

3180 zu sammen getragen er solt dry wochen dar an han. Er ist 
als ein ff) gytiger man als wir jn je gesachen, Wir haben dz 36 
wol war genümen dz er bis an die nun de schar kam, Do 

♦) So die H«. ♦♦) Vor Vnd ist D roth dnrclLBtrichen. 

***) [• .] Ein oder iwei Bachstaben sind dick roth ausgestrichen. 

t) = 'Erlöser', mhd. Wb. I, 628', Lexer I, 161*. 
tt) ef steht am Ende der dinen, cm am Anfange der andern Zeile. 



DIE STUTTOARTEB 0SWALTPB08A. 191 

sp^ch der bilger, Do hau ich zehen kinde TU ei wyp an der 
herberg (279*) gelassen die mochten nit mit mir her gon Der 

3190 milt könig sant Oswalt hieß jm balde hertragen zwelff brot, Darzn 
gab er jm zwelf gülden pfenning, Dz müwet die kemmerer sere 
yn sprachen Nu kämme [nc] nit me her wider. Vnser herre 6 

3200 ging von der festen vn ging zu hant do er arme Ittt fant vll 
gab das gut den armen vü kam do wider zu hofe vn wolt den 

3210 fürsten sant OiwaU noch me versuchen^ Sant Oswalt was zu 
disch gesessen mit sinen herren^ vn man begunde her tragen 

3220 was man essen vn drincken solt, Do begunde der bilger fbr 10 
Sant Ostoaüa disch gon^ Do ersahen jn die kemmerer | vIi ducht 
sie wunderlich Dz er vor de forsten stunde, Die marschalck mut 
es fast, Die buben vn die schintfessel, die trieben*) jn von de 

3230 disch, je einer gab jn de andern dar, Deß nam sant Oswalt eben 
wäre Vn sp'ch Solt ich dz nit vnderston so wer ich nit ein bider 16 
man, Er stunt uff von de disch der edel fürst vn nam den bil- 

3240 gerin mit der hant vn fürt jn zu de ofen vn sprach' Du solt da 

sitzen so heiß ich dir zu essen vn zu drincken geben' Damach 

saß Sant Ostoalt wider zu disch' Do trug man de hochgebomen 

ftlrsten fbr einen guten braten, Den ersach der bilgerin vn sprach so 

Ostoalt durch din Ere gib mir dinen braten das dich got hab jn 

3250 siner hut, Sant Oswalt sprach. Durch got wil ich dich geweren 
(279^) Er hub den braten selber uff vn trug jn zu de ofen vn 
setzet sich do wider zu tisch Do trug man jm fbr fisch vn hünr. 
Nv stvnt vff de disch ein güldener köpf. Der bilgerin sach aber 85 

3260 dar vn sprach Oswalt du solt mir den köpf geben dz dir got din 
junges leben behüt Er zymt dir nit uff dine disch er solt uff eine 
altar ston Sant Ostoalt trug jm den köpf uff den offen balde vn 
satzt sich do wider zu disch | Nu was ein zwehel uff den disch 

3270 geleit die was breit vn lang vn was gar schön beslagen mit silber 80 
vn mit golde, als sie ein könig selber wolt haben, Do sp^ch der 
bilgerin Oswalt gib mir din zwehel so wil ich sie geyn Rome 
tragen das sol man zu eine altar duch haben Sant O^u^aä 

3280 hub die zwehel uff vn trug sie de bilgerin dar vn sprach Trag 
sie hin geyn Rome, das dir sin got lone. Die diener mute gar 35 
sere dz der bilgerin den forsten so vil bat Die schintfessel vn 

3290 die kemmerer zückten ir messer vn wolten jn gestochen 
haben. Dz begimde sant Oswalt vnderston, Der Edel hochgebom 



*) Hb. tHbm, aber i ist e gesohriebeD. 



1 92 A. EDZARDI, DIE STUTTGARTER 08WALTPR08A. 

fürst sprang von de disch vn slage eine scbintfessel za den oren, 
den andern zu dem grinde*) das sie uff den rück fielen | Dem 

33C9 dritten gab er einen slack (280*) das er uff der erde vor jm 
gestreckt lag. Den fierden nam er by de haubt vll swang in 
herümb vü sprach jr bösen buben wie trybet ir so grossen ynfng 5 
Waswollent ir sin, war flmb er mich bit nu gat es doch nit 
uß üwerm kästen**). Ich verhieß dem himmelschen fürsten do 

3310 ich uff de wilden mere was vn jn groU not kam von de heyden, 
dz ich besorget den dot do halff mir got uß großer not, Do gab ich 
de himmelschen heilant min trtlwe zu pfände was man an mich be- lO 
gert durch sinen willen dz solt ein jeglich mensch von mir gewert 
sin vn bete er mich vmb min haubt es solt jm vnversejt sin vn 

3320 also wart den hoffknechten verbotten dz sie de bilgerin nütz [sie] 
dorsten t&ne Sant Ostcalt satzt sich wider nider zu sinen herren, 

3330 Do stunt der bilgerein uff von de Ofen vn ging für den disch 15 
stone vn hatt [vor]***) nyemä keyn sorge Er sprach OmoaU 
edeler fürst Noch wil ich dich mer bitten Alle din lande soltu 

3340 mir jn min hantf) setzen Gib mir uff bede zepter vn krön Ein 
könig sol sin trüwe leysten dz wirt vor got wol vergolten, Do 
sp^ch der milt könig OswaU Got ist aller dinge gewaltig Min 20 
trüwe wil ich leysten Ich gib dir uff bürge vn laut Do sprach 
der bilgerin Gib mir auch din firauwe war zu selten mir wyte 

3350 königrych Ich het dann ein tugentliche firauwe, Sant OswaU er- 
schrack der Rede [sie] sere vn sach die frauwe truriglich an Vn 
sprach Bilger Ich gib dir sie | Miner irauwen wil ich dir nit 25 
verzyhen möcht es nä ir wille sin, Vn sp'ch zu der firauwen, 
Frauwe ich wil dich geben (280^) dem bilgerin durch den willen 

3360 vnsers lieben herren, der bete solt mich geweren Sie sp'ch was 
got wil dz sol geschehen, Sant OswaU nam sin frauwe an die 
haut vnd ging zu de bilgerin vn sp*ch Edeler bilgerin laß dir 30 
sie befolhen sin, Damach sp^ch der fürst, Bilgerin Nu gib mir 

3370 din gewant, das wil ich nu anlegen vn wil glyehen eine arme 
man, vn wil hin gan \sie] von de mynen | jn fremde laut, do ich 
vnerkant bin, Rychtü wil ich myden, Armut wil ich tryben, 
smacheit un eilend lyden bis mir got sin gnade dut^ Vn also 35 



*) Lex. I, 1087. die Gedichths. haben gid. 
*^ kcLHen JA, seckel J, koHen S, fehlt b. 
**♦) übergeschrieben, 
t) Hier stand gebd, roth durchstrichen. 



J. ZINGERLE, ZU WALTHER VON DER VOGELWEIDE. 193 

3380 nam er vrlaub Yon der Edeln königin, von de bilgerin vH 
von den synen^ Sinen herren was leit ümb jn vn clagten sere 
den edehi vn muten fUrsten. 

Der Schluß steht im Anzeiger von 1857, p. 39 f. gedruckt 
(= ly, Seite der Hs.). Aber statt 3396 stan las ich stan^ 3427 las 
ich Das dünt 

LEIPZIG, im Jannar 1876. A. EDZABDL 



ZU WALTHER VON DER VOGELWEIDE. 



Wir wissen aus Walther's Gedichten, daß er in Österreich ^singen 
nnde sagen^ gelernt habe, daß er mit den Herzogen Friedrich und 
Leopold in inniger Beziehung gestanden sei. Aber sonstige urkund- 
liche Zeugnisse für Wallhers Aufenthalt in Österreich fehlten bisher. 
Herrn Professor A. Wolf in Udine, der in den Osterferien 1874 das 
Comraunal-Archiv in Cividale ordnete, gelang es, eilf Pergamentblätter*) 
zu entdecken, auf denen die Ausgaben eines Bischofs während seiner 
Reisen in Deutschland und Italien verzeichnet sind. Daß diese Auf- 
zeichnungen vor dem Tode König Philipps (1208) gemacht worden, 
ergibt sich aus der Stelle: „Apud Widra. Nunciis Domini regis 
Philip pi et marchionis de Land^esperch unum tal.^ Auf demselben 
Blatte liest man: In die sancti Martini apud Niwembnrch (Kloster 
Neuburg) cuidam regulari clerico dim. tal. Ottoni Bibbero, nescio 
quo eunti, LX. den. — pro vadio XIII. den. 

Sequenti die aput Zeize[murum]**) Walthero cantori de Vo- 
gelweide pro pellicio. v. sol. longos''. 

Am Tage nach St. Martin erhielt also Walther in Zeiselmaur, 
wo er damals weilte, das Pelzkleid zum Geschenke. Die angezogene 
Stelle steht auf Bl. 11 nach der jetzigen Bezeichnung. 

Bl. 9 enthält das Concept oder einen Auszug des eilften Blattes. 
Darin heißt es: „Apud Niwenburch cuidam clerico dim. tal. — 
Ottoni Bibbero LX. den. Ibidem pro redemptione pignorum XIH. den. 
Walthero de Vogelweide pro pellicio v. sol. longos". 



*) Es sind eigentlich nur sehn, da ein Blatt zerrissen worden and nun 2 Blätter 
gibt (Bl. 2 und 3). 

**) tnurum ist weggerissen. 
GERMANFA. Neu* Reihe. IX. (XXI.) Jahrg. \^ 



194 



J. ZINGERLE 



Auf BI. 11 ergibt sich folgende Reihe der berührten Ortschaften: 
In monte Qotwicensi (Göttweih). Aput Wasen (Wasen). 



Apnt Sanctumipolitum (St. Polten). 

Aput Zebbingen (Zöbing). 

Aput Cremis (Krems). 

Aput Znoym (Znaim). 

Aput Rez (Hetz). 

Aput Aldemburch (Altenburg). 

Aput Wichardeslage (Weikart- 
schlag). 

Aput Widra (Weitra). 

Aput Senftenberch (Senftenberg). 

Aput Zeizemurum (Zeiselmauer). 

Aput Wiennam (Wien). 

Aput Swabedorf (Schwadorf). 

Aput Niwemburch (Kloster Neu- 
burg). 

Aput Zeize[murum] (Zeiselmauer). 

Aput Thulnam (Tulln). 

Aput Muthame (Mautem). 

Aput Chuonringen (Ktlhnring). 

Aput Rez (Retz). 

Aput Wichardeslage (Weikart- 
schlag). 

Aput Thia (Thaya). 

Aput Widra (Weitra). 

Aput Muthusen (Mauthhausen). 

Aput Ebbelzporch (Ebelsberg). 

Aput Everdingen (Efferding). 

Aput Welse (Wels). 

Aput Vecolabrucchen (Vöckla- 



(Engel- 



Aput Matse (Mattsee). 

Aput Obremberch (Obemberg). 

Aput Pattaviam )Passau). 

Aput Eogelhardescellam 
hardszell). 

Aput Ascha (Aschach). 

Aput Garsten (Garsten). 

Liunze (Linz). 

Aput Garsten (Garsten). 

Aput Everdingen (Efferding). 

Aput Niwenchirchen (Neukirchen 
am Wald). 

Aput Pattaviam (Passau). 

Aput Walthusen (Waldhausen). 

Aput Pattaviam (Passau). 

Aput Everdingen (Efferding). 

Aput Ebbelzperch (Ebelsberg). 

Aput Thaversheim. 

Aput Cremis (Krems). 

Aput Kuonringen (Kühnring). 

Aput Schatowe (Schattau südwestl. 
V. Znaim). 

Aput Niwemburch (Kloster Neu- 
burg). 

Aput Wiennam (Wien). 

Aput Dewin (Theben westlich v. 
Preßburg). 

Aput Stuotpherrich. 

Aput Curiam. 



brück). 

Die wiederholten Reisen zeigen als die äussersten Punkte Rom, 
Nürnberg, Theben bei Preßburg. Es fragt sich nun, wer war 
der Bischof, der diese Reisen unternahm und Walther das „pellicium** 
spendete. Die meisten Wanderungen geschahen in der Nähe von 
Passau, das in unsern Aufzeichnungen vierzehnmal genannt wird. 
Von Passau scheint der Reisende auszugehen, nach Passau zurück- 
zukehren. Wir werden nicht irren, wenn wir in ihm einen Passauer 
Bischof annehmen. Daß er kein Patriarch war, als er diese Aufzeich- 



zu WALTHER VON DER VOGELWEIDE. 195 

nangen machen ließ, ergibt sich daraus, daß er einfach episcopus ge- 
nannt wird. Mit dem Patriarchen stand er aber in Beziehungen. 
Bischof von Passau war am Beginn des 13. Jahrhunderts Wolfger 
von Ellenbrechtskirchen und zugleich Canonicus von Aquileja^ 
Nach des Patriarchen Peregrinus IL Tode wurde ihm (24. Juni 1204) 
das Pallium angeboten und am 27. August d. J. feierte der neue Pa- 
triarch Wolfger seinen Einzug in Aglei**). Wenn wir in den Civi- 
daler Blättern die Ausgaben des Bischofs Wolfger von Passau an- 
nehmen, so erklärt sich auch, daß diese Aufzeichnungen sich nur in 
Cividale befinden. Wolfger hat dieselben aus Passau mit sich ge- 
nommen. Daß diese Aufzeichnungen zum Theile aus dem Jahre 1204 
henühren, bezeugt in schlagender Weise Bl. 8, worauf die Reise von 
Bologna bis Passau verzeichnet ist. Ich gebe das Itinerar: 

In die ascensionis aput Bononiam (1204, S.Juni). 

Feria sexta ibidem (4. Juni). 

Sabbato ibidem (5. Juni). 

Feria secunda in quodam claustro (6. Jimi). 

Nocte aput Mutinam. 

Feria tercia aput Earpam (8. Juni). 

Nocte aput S. Bene dictum. 

Feria quarta aput Gubernum (9. Juni). 

Nocte aput Veronam. Eine Ausgabe gilt: Wilhelme Pattaviam 

currenti. 
Feria quinta ibidem (10. Juni). 
Feria sexta ibidem (11. Juni). 
In vigilia pentecostes (12. Juni). 
In die pentecostes (13. Juni). 
Feria secunda aput Clusam (14. Juni). 
Nocte aput Ale. 
Feria tercia aput Nuozdorf (Nogaredo, Nuceretum am rechten 

Etschufer in der Nähe von Rovoreto) (15. Juni). 
Nocte aput Tri den tum. 
Feria quarta aput Sanctum Florianum (St. Florian zwischen Salum 

und Neumarkt am linken Etschufer) (16. Juni). 
Aput Bozam. 
Feria quinta in ebdom. pentec. aput Lengenstein (Lengstein am 

Ritten) (17. Juni). 



*) Orion Fridanc in ZeiUchrift für denUche Philol. U, 416. 
*») Ebendort 426. 



196 J- zingi:rle, zu waltrer von der vogelweide. 

Nocte et sexta f. aput Brixiam (18 Juni). 

Sabbato aput Gozzensaz (19. Juni). 

In octava pentec. nocte aput Insprurchen (20. Juni). 

Feria secunda aput Zirle (21. Juni). 

Nocte aput Barthinchi rchen. 

Feria quinta aput Withingowe (22. Juni). 

Feria quarta vigilia S. JohanDis aput Thiglingen (23. Juni). 

In die sancto ibidem (24. Juni). 

Nocte et sexta feria aput Augustam (25. Juni). 

Sabbato ibidem (26. Juni). 

Dominica ante festum S. Petri (27. Juni.) 

Nocte aput Werde. 

Feria tercia in die S. Petri (29. Juni), etc. 

Die Zeitangaben passen hier nur auf das Jahr 1204 und als das 
pellicium dem Walther geschenkt wurde, war der Geber noch Bischof. 
Denn es kommen Stellen auf dem nämlichen Blatte vor, wie: equis 
domini episcopi -IIII- den. — pro cirotecis episcopi IUI- den. — pro 
duobus calciolis episcopi. Postea cum per Wiennam transiremus et 
episcopus in domo decani pranderet. 

Daß der Reisende, dessen Ausgaben verzeichnet sind, Bischof 
von Passau war, bestätigt auch die Stelle, die unmittelbar der schon 
anfangs mitgetheilten : „Nunciis domini regis Philippi et marchionia 
de Landesperch etc." folgt. 

„Aput Senftenberch pro pignore X. den. Nuncio, qui attulit 
catulum de Pattavia, XXIIII den. und Bl. 8, das wir schon be- 
rührt, liest man: „Sabbato aput Ratisp onam (10. Juli) Scolari Patta- 
Viani precurrenti." Aus dem Gesagten können wir annehmen, daü das 
Geschenk an Walther von Wolfger war, als er noch Bischof von 
Passau war, also vor 1204, spätestens im November 1203 gespendet 
wurde. 

Diese Cividaler Urkunden sind nicht nur Walther's wegen, sondern 
auch in anderer Hinsicht bedeutungsvoll. Nicht nur der Culturhistoriker, 
sondern auch der Historiker wird darin manche merkwürdige Mit- 
theilung finden. Mir liegt eine genaue Abschrift vor und es freut 
mich, mittheilen zu können, daß die Cividaler Ausgaben- Verzeichnisse 
noch im Verlaufe des Sommers in der Wagnerischen Universitätsbuch- 
handlung erscheinen werden. Für die Entdeckung schulden wir immer 
Herrn Prof. A. Wolf in Udine großen Dank. 

J. ZINGEKLE. 



H. PALM, ZWEI BRUCHSTÜCKE DES WILHELM VON ORLENS. 197 

ZWEI BRUCHSTÜCKE EINER BISHEU UNBE- 
KANNTEN HANDSCHRIFT DES WILHELM VON 

ORLENS. 



Zu den 31 Handschriften des noch immer der Herausgabe war- 
tenden Wilhelm von Orlens, die Fr. PfeiflFer im Anzeiger für Kunde 
der deutschen Vorzeit, Neue Folge 1854 aufzählt, bin ich im Stande 
eine neue, wenn auch nur in Bruchstücken zu fügen. Durch die Güte 
der Beamten des Breslauer Staatsarchivs, des Herrn Archivraths Prof. 
Dr. Grünhagen und Herrn Dr. Ermisch wurde ich aufmerksam ge- 
macht auf ein der Stadt Duisburg gehöriges Rechnungsbuch, das im 
genannten Archive benutzt werden durfte. Die Deckel des im Jahre 
1540 angelegten Buches bildeten Blätter einer Pergamenthandschrift 
in 4® eines mhd. Epos, das aus 2 Versen nahe am Schluße sich als 
der Wilhelm von Rudolf von Ems deutlich kundgab. Die Handschrift 
gehört dem Ende des XIV. Jahrhunderts an, ist gut geschrieben und 
nur an mehreren Stellen stark abgerieben, so daß zu Reagentien ge- 
griffen werden mußte. Dadurch wurde fast alles lesbar bis auf wenige 
Worte und Buchstaben. Der vordere Deckel enthielt zwar 3 Spalten, 
davon ist jedoch eine unbrauchbar, weil das Blatt in der Mitte der 
Spalte zerrissen ist; der hintere Deckel bot dafür auf beiden Seiten 
je 3 Spalten zu 40 Zeilen. So sind 2 Bruchstücke von 80 und 240 Zeilen 
gewonnen. Wie Herr Prof. Dr. Bartsch die Güte hatte mir mitzu- 
theilen, gehören sie einem recht guten Texte an und verdienen den 
Abdruck. Sie sind aus dem Ende des Gedichtes und umfassen V. 13622 
bis 13861 und 15356 — 15435 der Haager Handschrift. Ob sie zu einer der 
schon bekannten gehören, vermag ich nicht zu beurtheilen. Nach 
ihrer Orthographie sind sie gar nicht verwandt mit der Tambacher 
welche Prof. Study im Programm des Coburger Gymnasiums vom 
J. 1872 beschreibt; sehr nahe dagegen stehen sie dem Kölner Bruch- 
stücke, das Director Knebel im Programm des Kölners Friedr. Wil- 
helms-Gymnasium vom J. 1852 veröffentlicht. 

BRESLAU. H. PALM. 

I. 

Und andern die genozen sin Jeglichen als er künde 

Mit Bune solden von im komen Do suhte an der selben stände 

An den rat wart do genomen Der kvnig Wilhelmes rat. 

Her Wilhelm der forste do Der riet im ane misdetat. 

i; n«- •:^* -«- i!''o a lö Den besten rat der do geschach. 

5 Der net aus den? andern ao ..., . ,. , ^ v. 

Mit BiQii«c\\^Vk!Q;\SL \üxi\;^ ^x %j^x^^a^ 



198 



H. PALM 



Heire lieber herre gut 

Ich wil Tch sagen minen mat. 

Ynd das ich Tch raten wiL 

15 Ir habt bis na her an diz siL 
Getan den geoangen woL 
Ynd also wol daz manz Tch soL 
Danken iemermere. 
Die kmiglichen ere. 

20 Solt ir ToUe steten nü 

Das don ich gerne na rat da 
Was ich da des Yolge ich dir 
Na sage dinen willen mir 
Das sage ich herre min 

25 Sit daz die werlt begonde sin 
So wart nie lebendes niht gebom 
Die rientschaft Tnde grozen zom 
Mit solichen dingen 
Ze sone konde bringen. 

30 So wol so reiner wibes lip 
Ir wisset wol ein selig wip 
Ist alles gut Tber gat 
Die hertse sinne vnde mat 
An kusche wipheit keret 

35 Menliche Treade meret 
Wertes wibes gate 
Mit werdem hohgemate. 
Swas man ynminnen sonen sol 
Das sünet nieman also wol 

40 So wip als ich gesprochen han. 
Man siht dek einen man gestan 
Da lihte ein man den andern lat 
Herre daTon ist min rat 
Ynd dar zu die lere min 

45 Sit daz der kvnig witikin 
Ere hat lip vnde gat 
Wirdikeit ynd hohen mat 
Ynd in so rehter wirde lebet 
Daz ir im Ywer dohter gebet 

50 So wirt mit steter frantschaft 
lemer werter tnxwe craft 
Zusehen vch beiden 
Die nieman kan gescheiden 
Die andern gelten vch den schaden 

55 Ein teil des ir sit vberladen 
Daz doch mit fugen mag ergan 
Von irlant den kvnig alan 
Gebe vwiren süne die tohter sin 
Coradise dem neven min 



60 Ynde ncme das ▼£ sioen ejt 
Mit geswom Sicherheit 
Ynde mit haut Testen dar zu 
Das er niemer leit getu 
Dem stifte ysilns de siluojs 

65 Der edel degen Curtovs. 
Der Tnuerzagete amelot 
G^in des fursten rate bot 
Ore. hertse. mde mut 
Es duhte in wislich Tude gat 

70 Amelot der kmig sprach 
Do der rat also geschach 
Neve ich volge gerne dir 
Des du hast geraten mir 
Diner witze vreuwe ich mich 

75 Die got geleit hat an dich 
Das da so wol geraten bist 
Des sie gelobt der suze crisL 
Daz er dich mir hat gesant 
Do sante man zehant 

80 Ir beder rat geben so 

Do die den rat Temamen do 
Er gefiel in allen wol 
Als man den wisen volgen sol 
Vnd seitenz witikine do 

85 Der wart der mere also vro 
Daz im geschach so liebe nie 
Zu amelot er do gie 
Ynd vollefurte mit in so. 
Die yf gesatzten sune do 

90 Do sprach der kunig witikin 
Solte ez nach dem willen diu 
GewÜDschit einer süne han 
Das wirt anders niht getan. 
Wan als es hie geschehen ist. 

95 Sie swuren an der selben Trist 
Daz sie Tolle fürten dran 
Her Wilhelm der wise man 
Der werde mutes riebe 
STnde ez algliche 
100 Daz sie mit frantschaft wurden ein 
Ynd einmütig ir frantschaft schein 
Gewart Tnde gut schart (?) 
Den beiden vf gesetzet wart 
Daz sie dem lande bezzerten da 
105 Nach des kuniges willen sa 
Daz baten (?) sie gutliche 
Ynd swuren dem riebe 



ZWEI BBÜCHSTOCKE des WILHELM VON ORLEN8. 



199 



Zu norwege daz sie iemer 

Ime halfen vnd ime Diemer 
110 Geliezen ez zn keiner not 

Den edeln kunic Amelot 

Swur da wider im Sicherheit 160 

Daz er in helfe were bereit 

8wa sie ez an in sachten 
115 Vnd helf an in gerächten 

Dlz mäste frnntlich ergan 

Von irlant der kvnig alan 165 

Was vf dem hove erbeizet do 

Diz gesetzet was also 
120 Der wart mit kyniglicher craft 

Entpfangen von der ritcrschaft 

Von künden ynde von gesten 170 

Von werden mates Testen 

Grazt iil kvnigliche 
125 Die edele kvnig riche 

Der stoltze degen amelot 

Im groze sTnder ere bot 175 

Vnde dar nach do des zit was 

Fürte er in vf den palas 
130 Zu den stoltzen Trowen 

Vnd liez in vreade schowen 

An den werden Trowen hie 180 

Selbe sehste kTnige er gie 

Mit Treaden af den palas 
135 Darnff der werlte wünsch do was 

Mit schone an hoher wirdikeit 

Für war die aTcntiore seit 185 

Daz da bi den ersten 

Den richsten Tnd den hersten 
140 Wart für den wirdigesten erkant 

Der edele furste Ton brabant 

Der riche knnig witikin 190 

Saz zu der melen sin 

Als in des landes kunig hiez 
145 Vz sinem herzen do Terstiez 

Leit Tnd Tngemiite 

In lerte ir wiplich gute 195 

eher Truden pflegen 

Der ellent hafte werde degen 
150 . . mit süze mere kTut 

. . sin herze zu aller stunt 

. . werden minnen brant 200 

Vur daz er künde erst gewan 

Mit hoTerede daz« gesohach 
155 Swaz sie gein sin rede sprach 



Daz was Tnlanc tiI bloedelich 

Gein im schämte ir kintheit sieh 

Nach kintlieher lere 

Der edel kunig here 

Hiez zn Trowen Ameljen 

Siner trut amjen 

Den fursten sitzen Ton brabant 

Der tet ir onch heimlich erkant 

Swaz er durch iren willen leit 

KTmberlichcr arbeit 

Mit Til gutlichen siten 

Er die durch sie hette erlitten 

Sit im die selde wer geschehen 

Daz er hette sie gesehen 

Vnd gein ir lone solde han 

Gut gedinge Tnd guten wan 

Des tröste in die gute 

Mit minecb'chem mute 

Dar nach do man geschancte sa 

Die herren namen Trlob da 

Vnd schieden von den Trowen 

Alda mehte man wol schowen 

Vil Schalles groze richeit 

Mit schalle ir ieglicher reit 

In sine herberge dan 

Fursten man Tnd dienstman 

Besanden do die herren gar 

Von swannin si do mohten dar 

Uf schalleclichez hohgezit 

Da wurden sie in wider strit 

Von al den Testen landen 

Sie Turben Tnde sanden 

Nach hohgemuter riterschaft 

Wan da mit richlicher craft 

Ir ieglicher wolde han 

Hogezit Tnd die began 

Mit sinem sundem schalle. 

Die werdiste alle 

Die dbe rede Temamen 

Zu norwegen quamen 

So daz baldist moht ergan 

Von jrlant der kTnig alan 

In der süne Tollefur 

Amelotes s&ne er swur 

Zu wibe siner tochter da 

Vrowe saTine gab er sa 

HantTesten Tnd Sicherheit 

Daz er irm closter niemer leit 



200 H. PAUC, ZWEI BRUCHSTOCKE DES WILHELM VON ORLENS. 



Geriete noch getete 

205 Do wart die sune stete. 

Do sich mit richl icher craft. 
Gesamende die ritterschaft 
Mit vreuden richliche 
Zu iiorwegen in dem riche 

210 Vber nibt ze lange zil 
Da was grozer harren vil 
Könige fursten ritter vil wert 
Der dar mit beten was gegert 
Als es ir hoher mut gebot 

215 Der riche kvnig Amelot 
Gap die minelichen 
Die edeln togende riehen 
Vrowe dulzebelen sa zehant 
Dem kTnige wis vnde wert erkant 

220 Dem edelin witikine do 
Des was sin gemute vro 
Die sAzen Amelyen 
Die edelen wandels yrien 

Die edele knniginne, 
Die süze Amelynne, 
Die kusche wandels yrie. 
Die reine unde gute 
5 Wante in dem mute 
Mit unTorkerten minnen 
Mit anfalschen sinnen 
Mit nnToralten truwen 
Zu allen Ziten nnwen 

10 Trugen sie beide under in 
Einen mut und einen sin, 
Einen mut under in zwein. 
Da zweier seien namen schein 
Der werde man sin liebez wip 

15 Mit zwein seien ein lip 
Trugen vnder in beiden 
Eines libes vngescheiden 
Waren sie in dem mute 
Da was gut bi gute 

20 Zuht bi hohgemüte 

Was ie mit werder gute 
Gelich an den gelieben zwein 
Ir mut in einem willen schein 
Der gute gute (sie) gute lerte 

25 Daz sie de vbel kerte 
Mit ir gute ze gute 
Er pflag in sinem mute 



Mette euch al da ze haut 
225 Der iunge furste Ton brabant 
Von Orlens Wilhelms kint 
Des dise auentiure sint. 
Vnde wolde alda verenden gar 

war 

Mit yreuden waz im ie ge// . ? 

230 Ze lande von ir schulden e 
Was in da vor mit iamer we 
So Wirt in nu mit vreuden b. . 
In hertzeliebe sunder haz 
Wie mit freudelichen sitcn 

235 Vf dem ringe wart geriteu 
Von den landen vieren 
Wie man sie behurdieren 
Vnde froliche leben sach 
Waz kurtsewilen da geschaeh 

240 Des mohte ich niht gesagen gar. 



II. 



Ouch also lobelicher site 
Daz er was gepriset mite 

30 Er was mit seliglicher craft 
An allen seiden sigehaft 
Mit zuhten wise vnde gut 
Werhaft kusche hochgemut 
Getruwe miltebere 

35 Ein rehter rihtere 

Den armen demut vnde gut 
Er neigte sinen hohen mut 
Nider zu den guten 
Obe den hochgemuten 

40 Trug er den mut vil hohe empor 
Sin lob lief in allen vor 
Swen er zu einem male sach 
Dem man dekeiner wirde iach 
Der was im iemer mer vnkant 

45 An wem er zuht vnde ere vant 
Den minnete ir von hertzen ie 
Vntrüwen minnete er nie 
Vnde trug in zu allen ziten haz 
Dienstes er nie vergaz 

50 An dekeiner slahte man 
Swer im diente der gewan 
Lon dar nach der dienest was 
Dea genoz ouch pitlipas 



R. KÖHLER, DER ALTE HILDEBRAND ALS PUPPENSPIEL. 



201 



Den mähte er gutes. riche 

55 Vil geweltecliche 

Hiez er in vnderschenke wesen 
Des amptes moht er wol genesen 
Wan ez fugete im mit richeit 
Gut. selde. ere vnd wirdikeit 

60 Die auenture seit für wäre 
Er gebe über sehen iare 
Sinem süne dar nach swert. 
Noch was die vientschaft gewert 
Mit großem hazze vnd ouch der nit 

65 Der biz dar vil lange zit 
Trug der speniol auenis 
Dem ellenthaften herre wis 



Dem*) wart gar verebent do 

Die kunige sunden sich so 
70 Mit steter yestenunge. 

Daz Wilhelm der junge 

Ayenises tohter nam 

Die sune in beiden wol gezam. 

Sie waren edel ynde rieh 
75 Gutes, edelkeit gelich. 

In hoher wirde hochgeborn 

Der edel degen vzerkom. 

Von flandem graue Rubert 

Der wol gebomo furste wert 
80 Was toi. ab ich yemomen han 

Die folgende Spalte ist unbrauchbar 
durch Beschneiden. 



y 



DER ALTE HILDEBRAND ALS PUPPENSPIEL. 



Wilhelm Grimm hat in der Deutschen Heldensage S. 319 folgende 
Stelle aus dem Werke des Johannes Prätorius 'eine Wcltbeschreibung 
von allerley wundcrbarlichcn Menschen^ Magdeburg 1666, [erster Theil], 
S. 273, beigebracht: 

'Närrische Gauckelers Zelte, wo der alte Hildebrand und solche Possen 
mit Docken gespielet werden, Puppen-Comedien genannt/ 

Ein zweites, etwas älteres Zeugnis daftlr, daß es Puppenf^piele oder 
ein Puppenspiel vom alten Hildebrand gab, findet sich nach E. A. 
Hagen, Geschichte des Theaters in Preußen, Königsberg 1854, S. 8, 
in den Ausgabebüchem der herzogl. preußischen Hentenkammer vom 
Jahr 1611, wo ein 'Kurz weiter , der vom alten Hildebrand gespielet', 
vorkömmt 

WEDiAB. B£INHOLD KÖHLER. 



*) Daz oder der ist zweifelhaft. 



202 O. BEHA6HEL 

/ ZU DEN KLEINERN ALTNIEDERDEUTSCHEN 

DENKMÄLERN. 



Psalm 56, 8 steht dem concolcantes me als Übersetzung gegen- 
über teträdon mi. Gegen das a%a\ X^yofiavov teträdon läßt sich an 
sich nichts einwenden. Aber um so mehr Bedenken erregt die un- 
erhörte Constructionsweise , daß das Substantiv hier die Rection des 
Verbums besitzt Heyne sagt: mi flir mina im genauen Anschluß 
an den lateinischen Text Ich bezweifle , ob man die Übersetzung 
eines Particips durch ein Substantiv als einen solchen Anschluß an den 
Orundtext betrachten kann, daß er eine unmögliche Construction recht- 
fertigt Betrachtet man femer die Methode unseres Übersetzers ge- 
nauer, so zeigt sich, daß er ein lateinisches Particip. präsentis niemals 
durch ein Substantiv , sondern stets durch das Particip wiedergibt, 
cf. 2, 6; 18, 5, 8, 9, 10; 54, 8; 55, 1, 13; 57, 5, 6, 8, 10; 58, 2, 3; 59, 
6, 14; 60, 6; 62, 11; 63, 3, 7; 64, 7, 11; 67, 12, 18, 19, 22; 68, 4, 10, 
29, 32; 69, 4; 70, 4, 13; 71, 6; 72, 12, 20; ein einziges Mal steht für 
<las Particip ein Adjectiv 63, 3: malignantium , uveldanigero , wo ein 
Participium kaum zur Verfllgung stand, wenn man nicht eine Um- 
schreibung wählen wollte. 

Auch in den Glossen entspricht stets Particip dem Particip: 5, 
25, 26, 27, 49, 70, 124, 237 (377, 438), 504, 656, 882, 920, 940, 1049 bis 
54, 1089. 

Einige Male auch Adjectiv: 217, 727, 953; wo aber das Adjectiv 
steht, hat das lateinische Particip niemals ein Object bei sich. 

Daher ergibt sich wohl mit Nothwendigkeit, daß statt teträdon 
zu lesen ist tetredondon. 

Ps. 57, 6: venefici-touferes; Heyne vergleicht ahd. zouberäri; dann 
muß aber das altsächsische Wort nicht toufere sondern touferere lauten. 

Ps. 61,4: Hier liegt möglicherweise bei Heyne ein Druckfehler 
vor, denn wenn wirklich das Ms. als Übersetzung von in hominem hat 
an manni, so ist es eine durch Nichts gerechtfertigte Kühnheit, aus 
manni einen Dat. Sing, mannin zu conjicieren wie Heyne es thut (cf. 
Glossar u. Kl. alts. Gramm.). Denn wo wäre im ganzen Gebiet der ger- 
manischen Sprachen eine zweite Form, durch die sich ein schwacher 
Dativ rechtfertigen ließe? Steht aber mannin im Ms., so ist es als 
Acc. aufzufassen, gleich dem got und ahd. mannan mit geschwächter 
Endsilbe 



zu DEN KLEINERN ALTNIEDERDEUTSCHEN DENKMÄLERN. 203 

Ps. 63; 10: timuit omnis homo = forhtida alla man. Diese Stelle 
vergleicht Heyne mit 64, 3 : omnis caro veniet = alla fleisc cuman 
sal und mit 71, 19: replebitur omnis terra = irfuUit wirthit alla ertha 
und er faßt alla als Nom. Plur., der mit dem Singular eines Collectiv- 
begrfffes verbunden ist. Hiergegen ist Verschiedenes einzuwenden. 
Einmal ist man kein Collectivbegriff, ebensowenig ertha, denn sie ist 
nicht (die Summe^ die sich in) eine Gesammtheit, die sich in einzelne 
Individuen zerlegen läßt.- Femer wäre es doch eine ganz merkwürdige 
Construction bei drei unmittelbar nebeneinanderstehenden Worten : 
Singular des Verbums, Plural des Adjectivs, Singular des Substantivs, 
das das Subject des Verbums bildet. Aber Heyne führt Parallelen aus 
dem Heliand an, allein nicht eine einzige Stelle ist beweisend: skal 
ik iu seggian far thesumu werode allun wärltk bilidi. Hier kann man 
einmal allun auf iu beziehen als Dativ Plural, oder, was mir wahr- 
scheinlicher dünkt, allun steht für allumu (cf. Heyne, KL Alts. u. 
Altfr. Gr. p. 85). 

Die gleiche Erklärung ist möglich in v. 3074: thu most allun 
giwaldan kristinum folke, oder auch man könnte hinter giwaldan ein 
Komma setzen und kr. f. als Apposition zu dem Dat. PI. allun auf- 
fassen. Endlich in 4177: that sie the eno man alla weldi werod far- 
winnan ist ganz unzweifelhaft alla zu sia zu beziehen und werod 
ist Apposition zu sie alla. Wären aber auch alle diese Stellen in 
Heynes Sinne aufzufassen, so wäre damit noch gar Nichts bewiesen. 
Denn was in der Dichtung, in einer Sprache, die sich ausserordent- 
lich vieler Freiheiten bedient, gestattet ist, ist deshalb noch nicht zu- 
lässig in einer Wort ftlr Wort sich an den Urtext anschließenden pro- 
saischen Übersetzung. 

Es bleibt nichts übrig als alla als Nominativ Singular anzusehen 
und als Nebenform von al anzuerkennen, alla steht alsdann analog in 
seiner Bildung zu üsa und iuwa. Ja eine solche Form alla wird durch 
das spätere Niederdeutsche geradezu gefordert, wo alle neben al all- 
gemein besteht. Zum Beweis genügt ein Blick ins Niederdeutsche 
Wörterbuch; wir finden dort sogar auch unseren Ausdruck alle 'folk, 
alle vlesc als Nominativ Singular, und hier wird Heyne seine Theorie 
wohl schwerlich anwenden wollen. 

Zu den Glossae Lipsianae. 

502. giwersunthedion aus Psalm 9, 10^ entspricht dem 
nischen adjutor in opportunitatibus. Die richtige Lesung seh« 
ziemlich nahezuliegen: giwer an sunthedion, Beistand im Glüc 



204 O. BEHAQHEL, ZU DEN KL. ALTNIEDERDEUTSCHEN DENKMÄLERN. 

« 

giwer vergleiche man Wamunge : er (got) ist der rehte gewer. sunthed 
ist im Altsächsischen nicht belegt, aber das correspondierende lefh§d. 
Znr übertragenen Bedeutung von sund ist das Angelsächsische zu ver- 
gleichen: Grein IV, 494: sundne sidfät = prosperum iter und 111,459: 
on gesundum thingum Gn. Ex. 57, was genau unserem in Opportuni- 
tät bus entspricht. 

549. harmonethandon calumniantibus aus Ps. 118, 121. Heyne ver- 
muthet harmisöndon, was sich jedoch zu weit von der Überlieferung 
entfernt. Ich glaube, es läßt sich ohne Wegnahme oder Zufügung 
auch nur eines einzigen Buchstaben das Ursprüngliche herstellen: 
harmquethandon , indem also qu als ou gelesen wurde. Diese Besse- 
rung wird durch das Angelsächsische bestätigt, welches der näml. 
Psalmenvers uns so darbietet: thät me aferhydige aefre ne motan 
hearmcvyddian, außerdem in Ps. 71, 5: hearmcvedend calum- 
niatorem. 

Zu den Straßburger Glossen. 

Heyne, p. 90, 66: quibus camis datur geuuelid. Es ist wohl zu 
lesen: gevellit wird zu Theil. cf. Graff HI, 456. 

p. 90, 97 : semina uenenorum sämun hettarwurtio. Was dieses 
hettar sei, hat noch Niemand zu sagen vermocht. Ich vermuthe, daß 
heitarwurtio zu lesen ist mit vorgeschlagenem h für eitarwurtio und ich 
vergleiche eiterkrüt Lexer p. 576 und eiterwurz = aconitum ibidem. 

Zu den Mersebnrger Glossen. 

Hier sieht es mit der Überlieferung sehr bedenklich aus und ich 
habe leider nicht vermocht den Text aufzufinden^ zu dem diese Glos- 
sen gehören. 

p. 93, 25 steht: gulae kieluritht, was Heyne als Substantiv, abge- 
leitet von kelur auffaßt. Allein einmal gibt es keine Ableitungsendung 
-itht und dann gehen die Ableitungen auf -idä wohl alle auf Adjectiva 
bezw. Verba zurück. Man müßte also ein Adjectiv kelur gefrässig 
annehmen, was sein Bedenkliches hat Ich vermuthe deshalb daß zu 
lesen ist kelurechi, kelvrechi die Gier der Kehle, die Eßgier, wie 
ebriositas die Trunksucht ist cf. vrechi ahd. = avaritia, ambitio. 

p. 94, 37 und 38 : nee res ecclesiarum inofiiciose accipere debere 
s= unforthia nadluca, was ganz unverständlich ist. Nimmt man nun 
an, daß die Vorlage unseres Schreibers in scriptio continua abgefaßt 
war, worauf auch die Glossen Nr. 1, 7, 32 weisen (in 32 praesertim 
tithurstledti scheint mir der erste Theil des altsächsischen Wortes dem 
lateinischen zu entsprechen, indem wohl zu lesen ist: li fürst oder ti 



J. BÄCHTOLD, VON DEM HUBÜBEL. 205 

furist, cf. ze furist primum Graff VI, 622; ze vurst adprime p. 623), 
80 liegt es sehr nahe, zu lesen unforthianädluca = unforbtiun andlucce 
cf. Ps. 1, 4; Gloss. Lips. 31. Allerdings fragt sich, ob denn das dem 
Lateinischen entspricht, dessen Sinn aber außerhalb des Zusammen- 
hanges sich nicht genau bestimmen läßt, inofficiosus hat auch die 
Bedeutung unfreundlich (cf. Freund s. v.), also könnte das Ganze be- 
deuten : man dürfe die Gaben der Kirche nicht unfreundlich aufnehmen, 
also positiv: heiter, getrost^ furchtlos. 

HEIDELBERG. OTTO BEH^GHEU 



VON DEM HURÜBEL. 



Die folgende , etwas d elicat e Reimerei , die keineswegs ohne ? ' 
culturhistorisches und sprachliches Interesse ist, ist mir in drei Hand- 
schriften bekannt: 1. In einer Papier-Hs. des XV. Jh. aus der Pro- 
fessoren-Bibliothek in Solothurn (Sammelband Pn, VII, 29) 6 BU. 
in 8°, wovon die letzten drei Seiten unbeschrieben. Das Papier trägt 
das Wasserzeichen der Basler Firma Galizion. 2. Papier-Hs. Nr. 481 
der Hofbibliothek in Karlsruhe aus XIV./XV. Jh. in fol. Bl. 179*» 
bis 180*^ (vgl. A. V. Keller, Altd. Handschriften, p. 25, Tübingen 1864). 
Das Papier dieser Handschrift trägt den Ochsenkopf als Wasser- 
zeichen*). 3. Nach von der Hagens Grundriß p. 418, XXXIII und 
Falkensteins Beschreibung der königl. öffentl. Bibl. zu Dresden p. 392, d 
befindet sich derselbe Spruch auch in einer Dresdener Handschrift. 

Einen Druck mit dem Titel: „Das Hurövell. Von der jtzt re- 
gierenden Kranckheit genannt Schwindsucht oder das Hurövell.** o. O. 
u. J. 4®. m. Holzschn. verzeichnet Weller, Repertor. typogr. S. 4^ Nr. 39; 
ist aber wohl später als in den von Weller gewählten Zeitraum anzu- 
setzen. Noch erschien im XVI. Jh. : „Das ist das new Teutsch Hurübel, 
wen es nit antrifil, der hab es nit verübel. 4 Bll. in 8®. um 1520. An- 
fang: Welcher man ein henn hat etc. Am Schlüsse: Also spricht Niclas 
Wolgemut. Weller, Annalen I, 297 und Repertor. p. 169, Nr. 1405 und 
Supplement p. 19. 

Der folgende leidliche Text ist mit wenigen stets verzeichneten 
Ausnahmen derjenige der Solothurner Hs. (S), nebst den Varianten 
der Karlsruher Hs. (K). Daß es zwei verschiedene Fassungen sind, ist 
leicht ersichtlich. 



*) Eine genaue Collation verdanke ich meinem 1. Freunde Dr« E. Böckel in 
Karlsrahe. 



206 



J. BACHTOLD 



Diß ist ein sprach von dem 
h&rubel. 

(Bl. 1) Hie Yormols got geploget hat 
Die weit ymb ir missetat 
Mit maniger ploge, groß Tod swer, 
Do von gar yil zu sagen wer 
5 Vnd wer gar lang zu sagen al. 
Ein wiser man wenig reden sol. 
Wie die ploge sint genant, 
Das slahe ich alles von der hant 
Vnd loß es ston vnd bin sin fry, 

10 Vmb das die rededesterkürtzersj. 
Von einer ploge wil ich sagen. 
Die yetzundt ist in vnsem tagen, 
Vnd düt den luten also we 
Ledig vnd onch in der ee; 

15 Es sigent lejen oder pfaffen, 
Sie müssen alle werden äffen, 
Wenn sie die selbe sucht bestat, 
Do mag onch dann der artzt kein 

rat, 
Noch in dem wasser mercken eben, 

20 Was er rotes dar zu sol geben. 
Also groß vnd vngeslacht 
Ist die ploge mit ir mäht. 
Von der ploge so sage ich das, 
Daz ir mercken mögen dester bas: 

25 Es ist kürtzlich nfgestanden 
Ein große ploge in den landen 
Gr6ßer, dan die ersten woren 
Die gescheen sint vor langen iaren 
E dan got geboren wart. 

30 Diß ist noch eins also hart; 



Wen sie anget die lident not. 
Vil weger möht im sin der dot 
Ob ich üch die plogen nennen sol. 
So bit ich üch ir h^rer all, 

35 Daz ich sie sprech mit sucht, 
Sie ist genant die hüresuchti 
Das nement nit venibe] 
Man nennet es euch das hurübeL 
Ob sie euch in walhen sje, 

40 Do bin ich nit gewesen bj. 
Tütsche lant ist sin vol mit ein, 
Do ist die ploge gar gemein. 
Wolt got das wenden, das wer not, 
E dann manig mensch lege dot. 

45 Sehent ir nu alles gar 

Vnd nement miner rede war, 
So wolt ich üch von rehter gnnst 
Onch wol ertzeigen min kunst. 
(Bl. 2) Ich wolt üch sagen mit kurtzer lere, 

50 Was das selbe hürubel were, 
Do von ist ein große froge, 
Wann es ist ein grymme ploge. 
Der mich dann dar noch vememe, 
Ich wisete in, wo von es keme, 

55 Vnd was die sucht mir ir brehte. 
Dem herren vor, damoch dem 

knehte. 
Ouch duncket es mich ein große 

gnnst, 
Das ich üch lerte mit miner konst 
Mercken an eins menschen tat, 

60 Das er vast das hürubel hat; 
Darnoch werlich uf das leste 
Wolt ich in leren das aller beste, 



Überschrift in K: Von dem hurvbeL 

2 werlt K. 6 ward K. zu nennen K. 6 wise 8, 7 sein K, 10 Vff 
das K, 12 vnweren tagen 8. 14 Sie seint ledig oder an der ee K. 16 Es 

sein K, 16 Die seücht macht sie all czu aflfcn K, 17 seucht SL Statt sie 

gibt ^ sü. 18 ouch dann fehlt K, 19 nach 8. 20 sali geben K. sieben 

sol 8. 21 Also swind vnd gestalt K. 22 mit ir gewalt K, 23 Das ir nu müget 
mercken bas K. 24 ich euch das K. 26 in disen K. 27 ersten alle woren K. 
29 crist K, 30 wol ein» K, 31 Wen sie bestet, der leidet not K, 32 in 8. 

83 die plog nu K, 34 hören 8, hem K. 36 Das ir mich es lost sprechen K. 

36 hursucht £. 37 Vnd nemet es auch nit K. 39 Ob es K. ouch fehlt 8. 

41 sin aus sie 8, ir K. 42 Das ist K, 43 tet not K. 44 bleib tot K. 

45 Hort ir hem allesarapt g-ar K. alias 8. 46 nemen 8^ nemet K. meyner red K, 
47 ich es thun umb rehte K. 48 Vnd erzeigen K. 60 selbe fehlt K, 61 Do 
wü ist ein große sach K. 62 gar ein K, 64 Ich west auch wüher sie bekem K. 

55 die fehlt K. 67 düncht A'. große fehlt K. 68 üch lerte fehlt K. 69 mer- 
ckent 8f Lert mercken K, on ein dot K, 60 vast] starck K, 62 aller fehlt K, 



VON DEM HURÜBEL. 



207. 



Wie man das hurubel vertrjben sal. 
Das wissent doch die lüte nit all. 

65 Wiltu na leren an disen tagen, 
So mereke gar eben, was ich dir 

sagen. 
Ich sprich zu dem ersten mol: 
Das hurabel ist ein heimlich qnol 
Vnd suchet zu dem hertzen zu, 

70 Das einer gewinnet niemer ru. 
Es ist ouch gar ein grymme sucht, 
Nun kalt, nun hejß, nun fücht. 
Das hurubel ist von der nature, 
Selten kumet es in die geburen ; 

75 Wer es denn den buren ouch gefere, 
Das weren b^se, böse mere. 
Sj liessent pferde vnd pflüge ston, 
Wen sie das hurubel wurden han. 
Vil besser, es sig an vns allein, 

80 Dann wurde es den luten gemein. 
Das hurubel ist also gestalt. 
Es nimmet dem menschen sin 

gewalt. 
Das er sin selber nit enweiß 
Vnd wurt noch thummer, dann 

ein geiß; 

85 Vnd krencket ouch ein iglichen 

man. 
Das er nüt reht gethün kan. 
Ob ich nun frolich derste sagen 
On aller reinen frowen clagen. 
So sprich ich wol mit rechter kunst: 

90 Das b&rubel kuntvon fröwen gunst 
Vnd steteclichen hy in weseu, 
Also han ich in eim buch gelesen. 



Das hurubel kumpt ouch gar dick 

Von briefschriben vnd anblick^ 

95 (Bl. 3) Von mündelin küssen vnd 

bristelin griffen, 
Von luten slahen vnd nahtes pfiffen, 
Von würffeien spielen, ynd heiß zu 

thun, 
Hut gezümet vnd mom ein sun, 
Von Zungen stossen vnd nabel- 

riben, 

100 Zum keiser riten, zit yertriben 
Vnd sust Yon mancher leckery, 
Do ich nit bin gewesen bj. 
Noch sint mancher bände Sachen, 
Die alle das hurabel machen. 

105 Von den sachen wil ich schriben, 
Die do von gont zu allen ziten. 
H6rent nun, wer das hurubel hat, 
Was sach im dovon uf stat: 
Der slof wart im genumen gar, 

110 So muß er lonffen her ynd dar 
Recht als ein ynseniger hunt; 
Er kan geruwen keine stund. 
DoYon wurt im melancolie 
Vnd wurt von sorgen njmmer fry, 

115 Wan er ist alweg in dem wan, 
Wie sie wil ein andern han. 
Er wurt ouch blintvnd doup darzü, 
Sin sinne gewinnent niemer ru, 
Das abnemen in dem seckel ge- 
winnet er ouch, 

120 So wurt er dan zumol ein gouch. 
Das bitter krimmen in dem buch 
Gewinnet er, das sage ich üch. 



63 sol 8. 64 alle 8. 65 nun mercken 8, 66 dir fehlt K. sa^re K, 

67 ersten fehlt 8. 68 quele 8. 69 Vnd sticht K, wohl slichet? 70 r&g 8, 
71 Das hurrbel ist auch eyn K. 72 nu heis vnd feucht. Ist etwa nach heis zu 

ergänzen: nun trocken? 73 auch von K, der fehlt 8. 74 an die gebäwr K, 75 denn 
fehlt K. gebawm K. 76 Das wer vns ein boß mer K. 78 ging an K. 79 V. 
b. ist, es sey bey K. 80 Wan 8. den bawm K. 81 ouch also K, 83 Das es 8K. 
84 Es wirdet K, noch fehlt 8. 85 Es k. auch ein yden K, 86 gedinen kan K. 
87 nur frisch lieh torst K, 88 alle reine K, 89 Sprech K. 90 kumpt K, 

91 wil stet bey K, 92 Das hon ich an den bucher K. 93 also dick K. 96 vnd 
von nachtpfiffen K, 97 Mit wurffein sp. vmb heissen ton 8. spil K. 98 vnd 

fehlt 8, morgen K, 99 zücken stossen K, 100 Zu dem K, vnd zyt K, 

101 sunst fast K, leckerig 8. 102 hie by 8. 104 alles K. 105 seüchten K. 
107 DU merck K 108 Was seücht K, 109 sloffe 8. genumer 8. 110 Nu 

muß K, 111 tobender hunt K, 112 kein 8, zu keiner K. 115 alwegen S. 
116 Das sie woll K. 117, 118 fehlen K. Dafür stehen hier die W. 123, 124. 

119 butel K. 122 er fehlt 8, er auch K, 



208 



J. BÄCHTOLD, VON DEM HUROBEL. 



Der slag bestet in ouch zu ziten, 
Wan er das louffön nit wil miden. 

125 Dis sint großer sachen vil, 

DoYOD ich nit me schriben wil. 
In disen stücken mercketman wol, 
Ob einer des hümbels steck vol: 
Wo sie hin zu kirchen got, 

130 Gar bald er ouch do selbs stot 
Vnd gat gncken har ynd dar, 
Das er ir neme gar eben war 
Vnd er den grüß von ir entpfohe 
Vnd tut sich sü ir gar nohe 

135 Wan sie wider heim gat, 
So bald er ir noch got; 
Wann er dann zu tische sitzet, 
Vor rehten sorgen er dannswitzet^ 
Vnd hencket niderdann sin houpt; 

140 Niemant wurt von im ertoubt, 
Vnd tribet ittel hant geberde^ 
Des nement war on alle geferde. 
(Bl. 4) Süfftzen, tnuren vnd hant tacken. 
Über sich sehen ynd zwehelen 

knüpfen, 

145 Vnd tischlachen mit dem mes^er 

schaben, 
Dise zeichen muß er alle haben. 
Was man düt, so ist im swer, 
Darrmb ist er ein marteler. 
Ouch hat er noch ein großes we, 

150 Des nahtes stot er in dem sne, 
In regen, frost vnd windes vil, 
Vnd machet do ein seitenspil. 



Das tut er durch die wache gantz, 
Des suntags wart im licht ein 

krantz, 

155 Der ist nit ein heilbelings wert, 
Do mit het sie den goach gewert; 
Wenn der narr das schappel oftreit. 
So machet er sich noch eins also 

breit, 
Weiß er sie an dem dantze gan ; 

160 Zii stundt muß erdashurabel han ; 
Oder wo sie in gesellschaft wer, 
Das machet im sin hertz swer. 
Er get gaffen vnd gienen 
Vnd wil die arm zerlaymmen, 

165 Vnd spricht ouch nieman güt- 
lich zu; 
Bruelen get er als ein ku. 
Wenn dan die sach sich gemacht. 
So hat das hürnbel denn sin macht. 
Was sie begert, das muß er tun. 

170 So ist es dan ein wil ein sun, 
Noch sint der zeichen gar yil, 
Der ich nit alle nennen wil. 
Ffürbas me so wil ich schriben. 
Wie man dashumbelsoWertribeD. 

175 Nun lit allererst hie an die mei- 

sterschaft. 
Wer mit dem hurabel ist behaft. 
Das er sin müge werden quit 
Mit rehter list in kortzer zit, 
Der sol yolgen miner 1er; 

180 Wurt es im wol ein wenig swer^ 



123 beseiten JSl 124 Wann er sich seins kauffs K, 125 suchten K. 

126 nymmer K. 127 An den stocken merck K. 128 des fehlt 8. sticket K. 

132 ye eben nem war K. 133—36: Wann sie wider heim go Das er den groß 

yon ir empfo. 138 rehten fehlt K, 139 sencket K, 140 ertöbet 8, erteübt K. 
141 itel] allerlej K. 142 Das 8, 143 truren und] scheren K. hant geberde 

iocken 8, hend jucken K. 144 sehen zweheln placken EL 145 tischlach mit 

den meßem K. 146 Dieß recht K, 148 Donimb so ist er ejn merterer K. 149 euch 
het er onch grosses we 8^ No hat er ein p-oß we K, 150 Nachtes so stet K^ 

152 Vnd do macht er sein K, 153 wacher K. 154 licht fehlt K. 155 niht 

eins heller» K. 156 den narren und gonch 8. in K. 157 scheppel treyt K. 

159 gon K^ weiss 8. 160 Nach diesem Vers schiebt JT ein: Das hend krawen forcht 
er yast, oder das ir einer an das arsloch tast. 161 fehlt in K. 162 mecht seinem 
herczen swer K. 163—166 fehlen in K, DafQr nach V. 162: Vnd wem im auch 

boß mer. 167 sachen 8. sach ist gerecht K, 168 h. die mecht K. 170 es 

fehlt K. 171 Noch seint grosser svchte K, 172 Dovon ich nymmer schreyben 

wil K. 173 F. nie wil ich K. 175 Nun lit es allermeist an m. 8. 177 des 
mfig K. 179 lere K 180 swere K, 



O. STEINER, DIE WINILEOD U. ZWEI UNGEDRUCKTE VARIANTEN etc. 209 



So mag es doch nit lang bliben, 
Ich wil es kSrtzlich von im triben 
Mit ettlichen guten gekrüten. 
Er muß ouch mercken, was sie 

betüten, 

185 Vnd das recept gar wo! verstan, 
Wil er bald gesnntheit han. 
Nun nement des receptes war. 
Also wil ich es schriben dar: 
(Bl. 5) Ein krüttelin heißet miden, 

190 Das soltu endlich absuiden, 
Do bi ein ander krOtlin stat, 
Moßelieb es den nammen hat. 
Ein kmt heißet ablon 
Vnd nahtes scheiden muß man 

darzü han^ 

195 Selten sehen ist ouch gut. 
Der es zu den andern tut. 

SOLOTHURN. 



Die solta alle stoßen mit ein 
In dines hertzen mörsels stein 
Vnd solt die nießen alle zit, 

200 So warstu des hurubels qait. 
Vnd wo du guten gesellen weist, 
Do si din wandel allermeist, 
Mit den solta die zit vertriben, 
Wilta on das hurabel bliben ! 

205 Vnd halt dise krütter alzit bi dir. 
So genisest da, das gloabe mir; 
Vnd hüte dich denn mit gant- 

zem sinn, 
Daß da iht fallest darin. 
DoTor yns got behüte alle, 

210 Daß vnser keiner in das hürnbel 

falle. 
Daz vns das hurabel nit angee, 
Von dem großen hurabel libera 

nos, dominct 

J. BÄCHTOLD. 



DIE WINILEOD UND ZWEI UNGEDRUCKTE OST- 

PREUSSISCHE VARIANTEN DES HERDERSCHEN 

VOLKSLIEDES: KEIN SCHÖNRE FREUD AUF 

ERDEN IST. 



Der Forschung liegt es ob, das Neuere an seine Vorgeschichte 
anzuknüpfen und in die verdunkelte Zeitfeme Licht zu werfen, sagt 
Uhland in seiner Einleitung zu der Abhandlung über die deutschen 
Volkslieder. Den Versuch, einen solchen Schluß von noch Vorhandenem 
auf längst bis auf den Namen Verschollenes zu machen , wurden wir 
durch Auffindung zweier Varianten zu dem Herderschen E^losterliede : 
„Kein schönre Freud auf Erden ist^ veranlaßt Dieses Lied und 
einige ähnliche unter dem Namen Klosterlieder in der Uhlandschen 



181 er 8. 183 ernstlicher K. gekrüttereu 8, kreuttem K. 186 wol durch 
gon K. 187 Nun fehlt K. 188 es nu K. 190 saltu kürczlich K, 191 ander 
fehlt K. ston 8, 194 naht scheiden muß er do bej hon K. 196 Das man es K. 
zu einander 8, 197 Das soltu stoßen K. 198 morsers K. 199 nüczen K. 

202 allermeinst K. 203 dein zeit K. 205—206 fehlen K 206 geniset 8. 

207 dich mit ganczen sinnen K. 208 nit 8. 210 Keiner wider in K. 211 Vnd vns 
daz hürubel nit anstoss, Vnd vns das hdrubel nit angee 8, 212 von dem starck £. 
Unter dem Spruch steht in 8: meister bans wolenber. 

GERMANIA. Nene Reihe. IX. (XXI. Jahrg.) W 



210 ^. STEINER 

Sammlung zasammengefaßte könnten — natürlich nicht so wie sie da- 
stehn, wohl aber in einfacherer Form — einige von jenen Liedern 
sein^ die man seit dem 8. Jhdt. und später als winilöod bezeichnet 
hat und die als solche namentlich den Nonnen zu dichten verboten 
waren. Dieses späte Lied z. B., wie Herder es gibt, mag sich zu 
dem einstigen winili^od verhalten, wie das Hildebrandslied aus dem 
15. Jhdt zu dem uns erhaltenen alten Bruchstücke. 

Als Inhalt dieser winilöod denken wir uns unter anderem 
auch Liebesleid und Klage — nicht moderne Gefiihlsschwelgerei — 
sondern eine einfache Angabe und Beschreibung des jeweiligen Zu- 
Standes. Das Herdersche Klosterlied mag uns eine derartige Situation 
illustrieren helfen. Eine Nonne ist wider ihren Willen im Kloster. 
Sie hat sich Mittel und Wege geschaffen mit ihrem einstigen Buhlen 
wieder in Verbindung zu treten. Sie schreibt und schickt ihm ein 
winiläod, in dem sie ihm einfach, wie in unserem Liede, die ihr un- 
angenehme Klosterordnung angibt und dann als schmerzlichen Gegen- 
satz das Gedenken an den Freund hinzufligt. Muß sie Morgens früh 
aufstehn und die Messe allein singen, da liegt ihr der Liebste immer 
im Sinn ; sieht sie Mittags ihren Tisch allein, so sehnt sie ihren Freund 
herbei; sucht sie Abends ihr Lager auf, so ßilit ihr wiederum ihr 
treuer Schlafbuhle ein. Wir dächten, einfacher könnte ein Lied nicht sein. 

Die Aufzeichnungen unseres Klosterliedcs reichen alle nicht über 
das 18. Jhdt hinaus. Voss druckt es in seinem Musenalmanach von 
1777 als „Nonnelied aus dem Canton Schweiz" ab. Herder gibts in 
den Stimmen der Völker 1778, Erk, Deutsch. Liederhort hats aus 
einem fliegenden Blatt von 1790, das Wunderhorn bringts 1808. 
Uhland druckt es in seiner Sammlung nicht ab, obwohl er die schon 
von Herder aus der Limburger Chronik abgedruckte und unserem 
Liede vorangestellte Strophe: ^Gott geh ihm ein verdorben Jahr*^ und 
auch die zweite, die in der Chronik steht, hat Ob es ihm zu modern 
erschien, oder ob er andere Gründe gegen die A ufaahme hatte? In 
seiner Vorrede zu den Volksliedern (VII) sagt er, er habe vornehmlich 
aus Urkunden des 15.— 17. Jhdts. geschöpft, mündliche Überlie- 
ferung wurde nur dann benutzt, wenn sie noch alterthümliches Ge- 
präge zeigte, vornehmlich wenn das Anrecht auf ein nicht mehr 
in älterer deutscher Aufzeichnung erreichbares Lied ge- 
wahrt werden sollte. Wir meinen, hier liegt der Fall vor, wo man 
sagen kann, dieses Klosterlied gibt uns durch seinen Inhalt ein An- 
recht zu der Vermuthung, daß es ein etwas modernisiertes recht altes 
Lied ist. Eine formale Stütze — allerdings keine erhebliche — könnte 



DIE WINILEOD UND ZWEI ÜNGEDRUCKTE VABUNTEN etc. 211 

die in der Erkschen Variante gebrachte alterthümliche Wendung: 
„Find ich es mein Tischchen allein^ bieten. In welche Zeit könnte 
dieses mediale „find ich es** (es = sich; sich = mich , cf. Gr. Wb., 
Artikel „es") unser Lied hinaufrücken? — Die Singweise, die Erk 
aufgezeichnet hat, ist eine getragen einförmige und kann einer alten 
geistlichen Parodie wohl als Melodie gedient haben. In Ph. Wacker- 
nagels „Kirchenlied'' ist ein an unser Lied sich direct anlehnendes nicht 
zu finden. Die Anfänge: Kein grösser Freud auf Erden ist, Kein 
besser Freud auf Erden nicht ist, geben doch zu geringen Anhalt 
Überdies ist der Herdersche Anfang des Liedes: Kein schönre 
Freud auf Erden ist, jedesfalls nicht der ursprüngliche. Alle Va- 
rianten führen gleich zu Anfang Erläge über das Klosterleben. Der 
Herdersche Anfang „Kein schönre Freud auf Erden ist als in das 
Kloster zu ziehn" setzt sich in directen Widerspruch mit dem Kehr- 
reim, welcher Klage über den gethanen Schritt erhebt. Im Herder- 
schen Liede muß sonach schon eine Vermischung mit einem andern 
Liede vorliegen, wenigstens was die erste Strophe anlangt 

Simrock nennt sein Soldatenlied (Die d. Volksl. Nr. 297): 
Ein soldatisches Leben ein harter Schluß, 
Dieweil ich mein Schätzchen muß meiden etc. 
eine Parodie eines älteren Liedes vom E^losterleben und fährt dazu 
die Varianten zu Herders Klosterlied aus dem Wunderhom und aus 
Erk an. Die Anfänge dort stimmen nicht so genau zu Simrock, wie 
der Anfang einer Variante, die wir hier in folgendem mittheilen. Wir 
haben sie aus dem Munde einer Ermländerin, die nicht weit von 
Herders Heimat im ostpreuflischen Oberlande im Dienste stand: 

1. 
Das Klosterleben ein strenger Schluß, 
Weil ich mein Jnngchen muß meiden^ 
Ich habe mich gänzlich ergeben 
Zu führen ein einsames Leben. 
Himmel, was hab ich gethan! 
Die Liebe war Schuld daran. 

2. 
Wenn ich des Morgens früh aufsteh 
Und ich den Himmel schau an, 
Dann seh ich die Lerche lavieren 
Und ich muß im Kloster studieren. 
O Himmel etc. 



212 O. STEINER, DIE WINILEOD U. ZWEI UNGEDRUCKTE VARIANTEN etc. 

3. 

Wenn ich dann in die Kirche komm. 

Dann knie ich und bete alleine, 

Wenn ich das gloria patri sing, 

Dann liegt mir mein Liebchen stets immer im Sinn. 

O Himmel etc. 

4. 

Wenn ich des Mittags zum Essen geh, 

Dann steht mir mein Tischchen gedecket. 

Ich esse kein Braten und trink auch kein Wein! 

Wenn ich bei meinem Liebchen könnt sein! 

O Himmel etc. 

5. 

Wenn ich des Abends zu Bette geh^ 

So steht mein Bettchen alleine. 

Wo ich mich hinwend und ich mich hinkehr. 

Wo ich hinseh, da ist alles leer! 

O Himmel etc. 

Eine andere ebenfalls noch nicht gedruckte Variante^ die wir aus 
der Mark (Arensdorf bei Teltow) haben, lautet so: 

1. 

O Elosterleben, du Einsamkeit^ 

Darin ich mein Schätzchen muß meiden, 

Ich hab mich dir gänzlich ergeben 

Zu fuhren ein christliches Leben! 

Himmel^ was hab ich gethan, 

Die Liebe ist Schuld daran. 

2. 

Des Morgens, wenn ich früh aufsteh 
Und sehe den Himmel wohl an, 
Das hör ich die Lerche jubilieren, 
Wir Preußen müßen aber marschieren. 
O Himmel etc. 

3. 

Des Mittags, wenn ich dann essen geh, 
Find ich mein Tisch wol bereit; 



C. M. BLAAS, ZUR ST. JOHANNISMINNE. 213 

Ich esse das Brot und trioke den Wein. 

Ach könnt ich bei meinem feinen Liebchen sein! 

O Himmel etc. 

4. 

Wenn ich des Abends zu Bette geh, 
Dann lieg ich und schlafe allein. 
Hier lieg ich und kann nicht erwarmen. 
Ach hätt ich mein Liebchen in den Armen! 
O Himmel etc. 

Diese Variante zeigt schon eine offenbare Vermischung mit einem 
Soldatenliede. In der ganz protestantischen Gegend ^ aus der sie 
stammt, hatten die Zeilen: 

Muß singen die Meß allein, 

Und wenn ich das gloria patri sing 
kein Verständnis»; deshalb wurde daftlr ohne weiteres aus einem Sol- 
datenliede eine Strophe substituiert. 

DANZIQ. OTTO STEINER 



ZUR ST. JOHANNISMINNE. 



1. Als nach Meisterlins Chronik von Nürnberg zur Zeit des Nürn- 
berger Aufruhrs (1348 — 1349) der Kitter Cunrat von Haideck, (welchen 
sein Knecht Henicken, von den Aufrührerischen mit dem Tode bedroht, 
eidlich gelobt hatte zu verrathen)^ von seinem Schlosse Haideck (nördl. 
von Weissenburg) nach Rostall (zwei Stunden südwestl. von Nürnberg) 
reiten wollte, ^do nam er das mal ein mit dem treffenlichen rat von 
Nurenberg, (welcher sich bei ihm aufhielt), und het ein groß freud, 
daß er solich verntlnftig man in seinem schloß hette. do er nun ab- 
schaiden solt do sprach Henicken: 'herr, ewer strengheit soll auf sein, 
es ist zeit, daß wir vor nacht gen Rostal kumen.' do sprach der ritter : 
Veich mir vor sant Johannes lieb.* do trug er ein groß glas mit wein 
her und stund vor dem ritter. do sprach der ritter: ^Henicken, wie 
wurd es geen, wenn wir den von Nurenberg, den schalkhaftigen, zu 
tail wurden auf dieser fart?' do erschrack Henicken und ward zittern 
und erplaich und ließ das glas fallen***). — (Die Chroniken der 
deutschen Städte, Leipzig, 1862. B. HI, S. 149.) 

*) Vgl. Grimm, Myth. 64. 



214 C. M. BLAAS 

2. Albrecht Dürer berichtet u. A. vom Tode seiner Mutter: „sy 
hat mir och for Im segn gebn ynd den gotlichn frid gewünst. Mit 
Till schöner 1er awff das Ich mich vor Sünden solt hütn, sj begert 
awch for zw trynkn sent Johans segn als sj dan tett vnd sy forcht 
den tot hart, aber sj saget, für gott zw kume furchtet sy sich nit, sy 
ist awch hart gestorbn ynd ich merckt das sy ettwas grawsams sach, 
dan sy fortret dz weich wasser ynd het doch vor lang nitt gerett, also 
prachn Ir dy awgn" *). (Campe, Reliquien v. Albrecht Dtlrer, Nürnberg, 
1828. S. 148, 149.) 

3. . . . Nunmehro aof meinen Endzweck und Absehen zu kom- 
men, so glaube ich gewiß, daß schon vor uralten Zeiten der Johannes- 
Seegen unter denen Teutschen aufgekommen, damit sie einmal ihres 
überflüssigen Fressens und Sauffens ein £nd machen, und ihre Zusam- 
menkünfften mit einem Gläßlein Johannes-Seegen schliessen selten.... 
. . . Unsere wahre Römisch-Catholisch* Apostolische ElircheD, hat noch 
biß heuntigen Tag im Gebrauch, zu gewissen Zeiten das Fleisch zu 
seegnen, die Oster-Eyer zu seegnen, das Wax zu seegnen, unter an- 
dern seegnen auch die Priester den Wein an dem Tag des h. Evan- 
gelisten Joannis, zum ewigen Angedenckeu, daß diesem geliebten Jün- 
ger Christi, unter der Tyranney Domitiani, ein Becher mit Giflft dar- 
gereicht ward, welchen er aber nach darüber gegebenen Seegen gantz 
behertzt ausgetruncken, und ihme solches Gifft im geringsten nicht 
geschadet: Dieser geseegnete Johannes- Wein ist über die massen be- 
währt und kräfilig wider alle Zaubereyen, Hexen und Unholden, und 
pfleget man an St Johannes-Tag davon etwelche Tropffen in die Wein- 
Fässer zu giessen**). 

Vor etlich 40 und mehr Jahren, ist unweit Vellspurg ein gantzer 
Keller Wein von denen Hexen ausgesoffen worden, nur seynd etwelche 
wenige Faß noch voll geblieben, worein man vorhero den Johannes- 
Wein gössen***). 

Der Johannes - Seegen bewahret den Menschen auch auf Weeg 
und Strassen t)- 

In Land ob der Ennß ist vor Zeiten , auf der Welser-Heid ein 
gewisses Gespenst umgegangen, welches man die alte Salome genannt, 
dieses Gespenst hat nächtlicher Weil denen Heisenden grossen Schaden 



•) Vgl. Birlinger, Aus Schwaben, Neue Samml. 11, 121, 
*'*) ^^1* Zingerle, Johannissegen und Gertrudenminne (in den Sitzong^ber. d. 
k. Akademie der Wissenschaften, Pbil.-hist. Cl. XL, II) 179. 

***) ^^S^' Birlinger, Aus Schwaben, Neue Sammlang II, 122. 
t) Ygl ühJand, Volkslieder II, 819—820. 



ZUR ST. JOHANNISMINNE. 215 

zugefügt^ jedoch an jene keine Macht gehabt , so da bej ihrem Aus- 
gang der Herberg den Johannes- Seegen getrunoken. 

Ich weiß Selbsten von zwejen Sauffbrüdem, die eine zimliche 
Zeit lang in dem Wirthshaaß gezecht , endlich sagte einer: Bruder! 
es ist schon spat, wir haben genug getruncken, trinckte ihme darauf 
ein Glaß zu : Johannes-Seegen ; Was ? sagt der andere , was schere 
ich mich um des Hänßl seinen Seegen, ich halt mehr auf Bernhards 
Namen*); so kommen wir bald wieder zusammen. Da sie nun beede 
nacher Hauß giengen, fiele derjenige, so den Johannes-Seegen veracht, 
über einen Steg in den Morast, und ist elendiglich darinnen erstickt 

In Böhmen unweit Leuttomischl hat ein Weib in einer Oolatschen 
etwas schädliches bekommen , darauf sie alsobalden tödtlich kranck 
worden, und haben alle bewährtiste Pulver, wie auch Mithridat nichts 
gefruchtet, endlich hat die zum Sterben krancke Person auf ein Flä- 
schel gedeutet, so auf nächsten Kasten stunde, darinn war ein geseg- 
neter Johannes- Wein, von diesen, als man ihr nur einige wenige 
TropflFen eingegeben, ist sie wieder zur vorigen Gesundheit gealnget**)- 

Frcylich wohl ist der Johannes- Wein gar gut , heilig und ge- 
deylich, auch der Johannes-Seegen ersprießlich, wann man damit dem 
Trincken einen Schluß macht, aber den Johannes-Seegen zu oflFt repe- 
tiren, sich darinnen vollsauffen, rauffen und tumiren etc., da hat der 
Johannes-Seegen keine Schuld daran, sondern der Rausch. 

Vor etwelchen wenigen Jahren hat sich ein gewisser Convertit 
(welcher zwar den Glauben auf der Zungen, jedoch den Luther in dem 
Magen hatte) dergestalten an dem Johannes-Seegen angesoffen, daß er 
gantz berauscht nacher Haus gangen, unterweegs aber, vor den Kämth- 
n er - Thor durch die nächtliche Jammer- und Kammer - Diener völlig 
ausgezogen worden, hatte gleich wohlen noch das Glück, daß er mit 
dem Leben davon kommen, da er endlich sein Hauß erreicht, an der 
Thür angeklopfft, und dem armen Tropffen aufgemacht wurde, waren 
seine erste Wort: Hohl der Donner den Johannes-Seegen! welche 
freche Wort nicht ungestrafft blieben, dann eben selbige Wochen wurd 
er völlig bestohlen und hat in dem Haus weder Seegen noch Glück 
gehabt. Ist dannenhero meine obangezogene Lehr gar bewährt: 

Schau nicht zu tieff in Krug! 
Johannes-Seegen ist genug. 
Jedoch alles das Wiederspiel bey vielen Christen, 



*) Vgl. Birlinger a. a. O II, 126-127. 
**) Vgl Zingerle a. a. O. 8. 193. 



216 C. M. BLAAS 

Bei denen Tractamenten und Mahlzeiten, wo man sich unter den 
Rund' und Bund-Trineken also ansaufft, das manche den Bach- Zuber 
vor einen Budel-Himd ansehen, da wird erst auf die Letzt ein grosser 
Pocal mit Wein aufgetragen, und zwar einer von dem Stärckisten, da 
heisset es: Herr Collega! Johannes-Seegen! Herr Bruder! Johannes- 
Seegen! Herr G'vatter! Johannes-Seegen! Reverende Domine! Johan- 
nes-Seegen! und ist ein oder anderer nicht vorhero bezecht, so schlagt 
ihn der Johannes-Seegen erst zum Ritter. 

More palatino bibitur ne gutta supersit 
Unde suam possit musca levare sitim. 
Man trinckt nach Pfaltzer-Art, daß nichts thut tiberbleiben, 
Mit dem ein Fliegen ihr könnt ihren Durst vertreiben. 

Zwey Meister trinken mit einander in dem Wirthshaus bis in die 
sinkende Nacht! gute Gesundheit Herr Meister Gotthard! bedanck 
mich Herr Meister Bernhard! sagt der andere, aber mein lieber Mit- 
Meister, bitt schönstens, wir woUen dem Trincken einmahl ein End 
machen, ich hab morgen zu arbeiten, muß dannenhero früh auf sejn, 
und meine Eundschafft befördern. Ey! was scher ich mich um die 
Eundschafil, wir Handwerksleut lassen uns an keine Wort binden, die 
Kundschafit kann warten, unterdessen schlägt er mit der Eandl auf den 
Tisch, rufil, schreyt, tumirt, haselirt: Kellner! noch eine Maaß Wein 
her? Johannes- Seegen! 

Der Herr Leander unterredt sich mit der Jungfrau Leonorl in der 
Kirchen, und zwar unter der Seegen-Meß, daß sie künfftigen Sonn- 
tag früh Morgens, wann das Wetter änderst schön ist, werden eine 
Spatzierfahrt anstellen^ der Tag kommt an, die Zeit ist schön, der 
Wagen stehet vor dem Thor, und die Kupplerin wart mit Verlangen 
in dem Garten, dann das Brätl samt dem Sällätl ist fertig, auch steht 
der Wein schon einige Zeit in Kühl- Wasser, endlich steigen die an- 
kommende Verliebte aus den Wagen, schnabeliren, parliren, caressiren, 
Bacchus heitzet ein, Cupido schiert zu, die Jungfrau Lenorl muß nach 
Haus gehen, ach nur Gedult! nur noch einen Augenblick Gedult! ein 
Gläsl Johannes-Seegen; und mit diesen Johannes-Seegen geht das gute 
Kind so roth durch die Stadt, als kommete sie gleich von Kitten 
Sieden her. 

Etwelche alte Weiber zipffeln und wipffeln Seidelweiß bey den 
7 Steinern Krügen , Salus Frau Gevatterin ! gesegn Gott Frau G'vat- 
terin ! schauts, dort kommt die alte Sabina und die Salome auch daher, 
wie sie nicht das Maul lecken, es wird sie dürsten, Kellner noch ein 



ZUR ST. JOHANNISMINNE. 217 

Seidel Wein, dieses treiben sie so lang, biß endlich die Abenddunckle 
anbricht, und die zahnluckete Veronica als Ober-Präsidentin eine An- 
rede macht, es seye Zeit zum Aufbruch, sonsten möchte ein oder an- 
derer ihr Mann ihnen ein Capitel aus dem Puffendorff lesen: da heisst 
es erst Johannes-Seegen ! und werden ihnen durch den Johannes-Segen 
die Augen so verkehrt, wie dem Evangelischen Blinden, welcher die 
Leut vor umgekehrte Bäumer angesehen. 

Zum Schluß des Johannes - Seegen , welchen man gemeiniglich 
stehend zu trincken pfleget*) , pflegen manche auch zugleich etwas 
Lächerliches einzuführen und einzumischen: Nun ist in einer gewissen 
Gesellschaft unter dem Johannes-Seegen von einem lustigen und listi- 
gen Vogel, (weilen er dabey zwey Advocaten gesehen) folgendes er- 
zehlet worden: Ein alter Advocat und Rechtsgelehrter schickte seinen 
Sohn auf die Universität, daß er ebenfalls Doctor-mässig wurde, wie 
er nun den Gradum Doctoratus oder den Doctor - Hut überkommen, 
hat er ihme als Procuratur Causarum auch eine gute Mau-Katz, ver- 
stehe ein Weib, procurirt, gäbe ihme nebst andern grossen Mitteln 
zwey fette Processen, welche der Sohn, ihme eine Glori zu machen, in 
kurtzer Zeit zu End gebracht, ein Viertel Jahr hernach fragte ihn der 
Advocat sein Vatter, wie es mit beeden Processen stehe? gar wohl, 
sagte der Sohn, ich habe beede, Gott sei gedanckt! glücklich zu End 
gebracht, der Vatter fragte mehrmahlen : Wie viel er bey diesen zwey 
Processen Brättel gegessen? Keines, antwortete der Sohn, dann ich 
bin zeitlich damit fertig worden, ey! sprach der Vatter, so gehts, wann 
man junge Leut zu Doctorn macht, ich hab von diesen zwey Processen 
schon 20 Jahr nicht allein eine gute Suppen abgeschöpfft, sondern 
täglich ein Brättl und jährlich ein Vaß Johannes - Seegen bekommen, 
du aber mein lieber Sohn, hast weder Suppen noch Brättl, noch Jo- 
hannes- Seegen. 

Der Johannes Seegen ist in alleweg zu loben , wann man damit 
dem übermässigen Trincken einen Schluß machet, und solle so gar ein 
gewisser Pabst einen Ablaß darauf gegeben haben, dadurch denen 
Teutschen das saufien abzustellen, welches ich unterdessen bey guten 
Glauben lasse, ja es ist der Johannes - Seegen niemahlen gedeylicher 
und erfreulicher, als wann man Essen- uud Sauflf - Processen bringt 
zeitlich zum Ende. (Abrahamisches Gehab dich wohl! Nürnberg, 1729. 
S. 364 - 370.) 



•) Vgl. meine Niederösterr. Sitten u. Br. in Müller's Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 
N. F. 1874, S. 270. 



218 E. WILKEN 

4. Segen, (Johannis-) Lat Pocolum S. Joannis, ist ein Gesund- 
heits-Becher, so bey den Römisch-Catholischen gebräuchlich, und den 
Layen sonderlich wider den Gifil zuträglich seyn soll. Der Ursprung 
wird von dem Evangelisten Johannes hergeleitet. Weil nehmlich der- 
selbe aus einem Becher Gifft trinken müssen, derselbe ihm aber weder 
an seiner Gesundheit noch am Leben geschadet, so glaubt man, daß 
alle Becher, so auf dieses Johannis Nahmen gleichsam getauft oder 
geweyht sind, eine dergleichen Kraft wider den Giffit bekommen^). 
Siehe Jac. Thomasii Diss. de Poculo S. Joannis. (Zedlers Universal- 
Lexikon v. J. 1743. B. XXXVI, col. 1260.) 

5. Der Festtag dieses Apostels (des hl. Evangelisten Johannes) 
und Lieblings des Herrn wird seit dem siebenten Jahrhunderte den 
27. December mit einer Octav gefeyert; jedoch ist dieser Tag der- 
mahlen kein gebothener Feyertag mehr. Nach uraltem Gebrauche wird 
an diesem Tage zu Ehren desselben, durch Abbethung der von der 
Kirche vorgeschriebenen Gebethe und mit dem heiligen Kreuze ein 
Wein gesegnet; damit der barmherzige Gott durch die Fürbitte des 
heiligen Johannes alle jene, welche von diesem gesegneten Weine 
trinken, von allen Uebeln befreyen, und an Leib und Seele segnen 
wolle. Deßwegen wird dieser Wein St Johannes-Segen genannt; weil 
die Christgläubigen bei freundschaftlichen Zusammenkünften von einem 
solchen geweihten Weine zu trinken pflegen. (M. Knauers Hundert- 
jähriger Kalender. Bearb. v. C. F. Thomann, Grätz, 1836. Th. 11, S. 79.) 

Ich erlaube mir hier noch zu bemerken , daß ich die Sitte bei 
Hochzeiten Wein — den sog. Johannessegen — zu weihen und zu 
trinken**), ftir Niederösterreich in Müllers Zeitschr. f. deut Kulturgesch. 
N. F. 1874. S. 269—270 nachgewiesen habe. 

STOCKERAU in NiederOsterreich, 27. December 1875. C. M. BLAAS. 



ZU DEN MERSEBÜRGER SPRÜCHEN. 



Es ist hier weder die Absicht, die in Merseburg aufgefundenen 
Zaubersprüche in Bezug auf die deutsche Mythologie zu würdigen, 
was bereits hinlängUch geschehen sein möchte, noch der etymologischen 
Bedeutung einiger axa^ keyofisva nachzugehen, da sich in solchen Fällen 
sehr schwer ein festes Resultat erreichen läßt; nur einige Fragen, bez. 



*) Vgl. Zingerle a. a. O. S. 180. 
**) Vgl. Zingerle a. a. O. S. 181. 



zu DEN MERSEBURGER SPRÜCHEN. 219 

der Auffassung beider Sprüche^ die sich bei der Interpretation als voll- 
gewichtige geltend machen, sollen aiifs Neue erwogen werden. Bei 
dem zweiten Spruche, der hier darum vorgehen möge, ist der Ge- 
dankenzusammenhang im Ganzen deutlich und übersichtlich; die Frage 
entsteht aber, ob man (wie Grimm wollte) fbr den ganzen Spruch 
die Form epischer Erzählung zuläßt, oder mit Müllenhoff schon den 
Halbvers 7 (nach der Zählung in den Denkm.) als Abschluß des 
epischen Theiles ansehen soll, wonach also die fg. Subst ben^ bluot^ 
lid als Nominative und snn als imperativisch gebrauchter Conj. Flur, 
zu betrachten wären. Sachlich genommen scheint ein solcher Über- 
gang von dem Fohlen Balders auf das Pferd, zu dessen Heilung der 
Spruch dienen soll, nicht nur zuläßig, sondern nach der Analogie 
. ähnlicher Segen aus christlicher Zeit (vgl. Denkm. ^ S. 9 — 11, 277, 
Zacher in seiner Zeitschr. IV, 468, wo namentlich die Stelle aus Frisch- 
bier Beachtung verdient u. A. m.) fast erwünscht. Bedenken erregt nur 
sdsej das einfach gesetzt im Ahd. (vgl. Graff VI, 17, wo söso nur 
einmal = sie) fast nur relativisch, also = sicut, prout, quomodo, 
quasi etc. gebraucht zu sein scheint. Immerhin bleibt die Möglich- 
keit, daß sdse hier im Verse ein schleppendes sdsama ersetze, nicht 
ganz ausgeschlossen*)« 

Bei dem ersten Spruch bietet die erste Zeile bekanntlich me- 
trische Schwierigkeit: auf eiris (das dem Sinne nach = an. är, wie 
Zacher bemerkte) und idisi ist hera gebunden. Die gewöhnliche Er- 
klärung ' dieses hera = hierher ist schon dadurch wenig empfohlen, daß 
dem in ferne Zeiten zurückweisenden eiris zur Seite eine Beziehung 
auf den gegenwärtigen Ort des Sprechenden befremden muß •, Ferne der 
Zeit deutet auch auf entrückten Ort. Der richtigen Erklärung, wonach 
hera = ero oder besser — era (vgl. meine Rec. des Wessesbr. Liedes 
bei Zacher IV, 313) war außer Ettmüller auch Simrock (Altd. Lese- 
buch 1859 S. 21) bereits auf der Spur; die etwas schiefe Deutung 
von era duoder als Erdkugel scheint Andere von dem richtigen Wege 
abgeschreckt zu haben. Aber die Erklärung von he/i'a = era ist nicht 
nur sprachlich ganz unbedenklich — Bezeichnung auch des Spiritus 
lenis durch h ist ja aus dem ahd. Matthäus bekannt genug (XII, 40 
haerdä = terrae) und auch sonst bezeugt, vgl. die Denkm. ' S. 316 ci- 
tierte Bemerkung Pfeiffers — sondern hebt auch den metrischen Anstoß 
und wird durch den Zusammenhang fast unbedingt gefordert. Um 



*) Oder es wäre bhi zi h^na n. w. elliptisch zu verstehen wie nhd. Bein zu 
(== komme zu) Bein! Dann bliebe für adse der relatW^ G^\^t«m^\v ^^<^h«^^. 



220 E- WILKEN 

diesen richtig zu erfassen, ist von der Bedeutung der Idise auszugehn, 
die allgemein als göttliche Frauen, hier speciell wohl Walkyrien und 
sicher mit vollem Rechte gefaßt werden. Aber mit der Denkm.^ S. 275 
wiederholten Bemerkung^ daß „die Thätigkeit dieser Idise der Theil- 
nahme der altgermanischen Weiber an der Schlacht durchweg ent- 
spricht**, geht MüUenhoff meines Erachtens zu weit und hat dadurch 
die Erklärung dieses Spruches beeinträchtigt. Die Anerkennung eines 
gewissen Zusammenhangs der Idise mit der wirklichen Frauenwelt 
(wie das Heidenthum seine Ideale ja überall der Wirklichkeit abge- 
winnt) darf die Wahrnehmung mindestens ebenso erheblicher Unter- 
schiede nicht aufheben, soll die Deutlichkeit der Vergleichung nicht 
auf Kosten der Wahrheit bestehen. Zu den besonderen Eigenheiten 
des Walkyrienstandes*) gehört nun einmal äußerlich die Fähigkeit — 
ihrer Verbindung mit den Luftgotte Odinn gemäß — sich auch durch 
die Luft bewegen zu können. Diese Fähigkeit wird entweder ohne 
weitere Vermittlung angedeutet (so Helgakv. Hund. I, 30, wo das ofan 
des Textes von Simrock wohl mit Fug durch „aus den Wolken" wie- 
dergegeben ist), oder es werden Schwanenfederhemden (dlptarhamir, 
Einl. zur Völund. kv.), oder endlich Pferde, die auch durch die Luft 
gehen (Helgakv. Hund. I, 15 und 17, Helgakv. Hiörv. 26, 28) als Mittel 
der Fortbewegung erwähnt. Schon hiedurch war die Stellung der 
Walkyrien, mochten sie auch Lust und Noth der Liebe mit irdischen 
Weibern theilen**), Vätern und Gatten Gehorsam zu schulden glau- 
ben, eine wesentlich andere als die gewöhnlicher Frauen; ihre Theil- 
nähme am Kampf bezweckte weder, wie dies bei Jenen der Fall war, zu- 
nächst und fast ausschließlich Selbstvertheidigung bei drohender Knecht- 
schaft***), noch war sie unwillkürlicher Ausfluß kriegerischer Laune, 
sondern eine geordnete, an Odinns Willen oder das Walten des Schick- 
sals angekntLpfte Thätigkeit. Die Berichte bei Tacitus, Strabo, Plu- 
tarch über germanische Weiber im Allgemeinen werden also zur Er- 
läuterung unserer Idise nur sehr Wenig austragen — eher dürfte noch 
an Veleda erinnert werden, derenJStellung (numinis loco) etwas Idis- 
Ähnliches zeigt. Aber am nächsten liegt es, hier die berühmte Stelle 



*) Es versteht sich von selbst, daß ich diesen hier nur soweit umschreibe, 
ahi für die Erklämng des Spruches nothwendig erscheint. Vgl. übr. Grimm n. Frauer. 
**) Der prosaische Satz in Sigrdrifnmal, wonach Liebe und Ehe einen be- 
stimmten Gegensatz zum Walkjrienstande bildet, scheint doch nicht Ausdruck einer 
allgemein giltigen Vorstellung zu sein, vgl. Helg. Hiörv. Prosa nach Str. 30. 

**♦) Bei Tac. Germ. VII, VIII ist übrigens nur von einer Aufmunterung der 
MäuDcr die Ecde. Steilen, die wirkliches Kämpfen bezeugen, sind sehr vereinzelt 



zu DEN MERSEBURGER SPRÜCHEN. 221 

der Njalssaga vom Walkyrien- Gesänge zu erwähnen. Sie erscheinen 
zunächst zu Pferd e^ lassen sich dann in einer dyngja (Hügelkammer) 
nieder^ wo sie das Gewebe beginnen und unter dem Absingen von Zau- 
berliedem, die dem Einen Tod, dem Andern Ehre und Sieg bedeuten, 
zu Ende führen. Nach solcher Entscheidung der Schlacht wird das 
Gewebe zerrissen und die Walkyrien steigen wieder zu Roß. Von einer 
direkten Tbeilnahme am Kampfe ist hier so wenig die Rede, daß man 
sich die dyngja nicht einmal in nächster Nähe desselben zu denken 
braucht. Zwar wird, wer mit Frauer auch feinere Unterschiede beachtet, 
nicht verkennen, daß eine so dem Walten der Nomen ähnliche, scheinbar 
freie Bestimmung des Menschenlooses (die aber vielmehr wohl aus dem 
Gewebe hervorgeht) den Walkyrien nicht immer beigelegt wird, daß 
sie häufig nur als Dienerinnen Odinns und als zur Ausführung seiner 
Befehle berufen erscheinen. Sollte diese letztere Auffassung auch nicht 
(was immerhin möglich) mehr auf den Norden beschränkt, als gemein- 
germanisch gewesen sein, so sind doch auch in solchen Fällen die Wal- 
kyrien immer als von Oben in den Kampf eingreifende, nicht eigentlich 
direkt dabei betheiligte, am wenigsten aber mit knechtischen Verrich- 
tungen, wie dem Binden der Gefangenen, betraute Wesen zu erkennen. 
Auch darf man die höhere Stellung jener Idise in der Njälssaga nicht 
etwa als vereinzeltes Zeugniss zu entkräften suchen; Verwandtschaft 
der Nornen und Walkyrien ist von unseren Mythologen (zumal von 
Mannhardt) mehrfach begründet, nur dürfte man wohl thun, jene als 
ursprüngliche Quell-Nymphen mit den wolkenähnlichen Walkyrien nicht 
geradezu gleichzusetzen. Diese Betrachtung des Wesens der Idise 
(Walkyrien) wird genügen, um von hieraus die dem Spruche zu Grunde 
liegende Situation erläutern und auch dem Einzelnen die richtige Stelle 
anweisen zu können. 

Das Erste, was von den Idisen ausgesagt wird, ist, daß sie sitzen 
(= sich niedersetzen), es wird dies sogar zweimal gesagt; aber wohin 
setzen sie sich ? Da sie ftir gewöhnlich überall da, wo sie gesellig und 
in thätiger Ausübung ihres Walkyrien-Amtes erscheinen, als dem Luft- 
reiche angehörig sich darstellen*), ist bei dem Niedersitzen, wo nicht 
ein bestimmtes Local (wie jene dyngja der Nj. saga) bezeichnet wird, 
doch die Angabe der Erde, als des Ortes, wo sie, von ihren Wolken- 
pfcrden absteigend, sich niederlassen, geradezu unerläßlich. So heißt 
es denn auch in dem Myth. 402, Denkm.'274 citierten ags. Spruch: 
Sitte <je sigefnfy atgad to eardanl Ich glaube darnach die Erklärung 



*) Ihrer nrsprünglichen Bedeutung als Wolken-Wesen gemäß. 



222 E- WILKEN 

hera = eray erda auch als durch den Zusammenhang gefordert 
bezeichnen zu dürfen*). 

Schwieriger ist allerdings das fg. diioder der Hs., jeden&lls nicht 
anders als duo-der zu trennen. Die falsche Erklärung von hera ver- 
führte dazu, in duoder den Sinn von „dorthin^ zu suchen^ was auch 
von Müllenhoff als unthunlich bezeichnet wird. Seiner eigenen Er- 
klärung von duo = mhd. dd steht im Wege, daß diese Partikel in dem 
zweiten, doch wohl (den Schriftzügen nach) um dieselbe Zeit aufge- 
zeichneten Spruche nur einmal (V. 2) durch dfi2, dreimal (V. 3, 4, 5) 
durch thü ausgedrückt wird. Und was sollte neben eiris noch jenes 
farblose ^damals^. Völlig mit Recht wies dagegen Müllenhoff auf den 
noch im Mhd. ganz bekannten Gebrauch hin, sizan als ein Verbiim 
der Bewegung zu construieren, vgl. mhd. Wb. 11 b, 331. Wenn ich 
nun duo =■ mhd. zuo, as. to^ tuo (letztere Form namentlich dem Cott 
des Hei. eigen), duoder jenem tuote des Gemroder Psalmen- Commen- 
tars (Heyne, kl. and. Dm., S. 61) gleichsetze, so geschieht dies aller- 
dings nicht ohne Bedenken. Freilich ist tö, tuo in dieser adverbialen^ 
aber die Präposition vertretenden Anwendung dem Altsächsischen, 
namentlich dem Heliand (vgl. Heyne im Glossar) ungemein geläufig — 
auch das paragogische r, das auch sonst bei Partikeln (z. B. oder) 



*) Diese Bedeutung scheint hier so sicher, dxß von hier ans eben die Schreibmig 
era im Wessesbronner Liede neues Licht empfangt In den Erläuterungen zu der 
bei Zacher IV, 313 fg. versuchten Reo. dieses geistlichen Gedichtes (denn als Gebet 
ist das Ganze nicht f&glich zu bezeichnen) hätte noch erwähnt werden mögen, da5 im 
Yerspaar 23, 24 durch die Begriffdcorrespondenz der auch durch den Endreim ver- 
knüpAen Worte gtmddd und gaktupa der eigentliche Stabreim ersetzt wird. Dem 
Fortsetzer, der seine Arbeit mit enli (also ohne die a. a. O. yersuchte Umstellung der 
Vv. 18, 19) anknüpfte, kam es auf metrische Correctheit nicht allzu sehr an, doch 
wird Vv. 27—28 die Schreibung der Hs. beizubehalten sein, da eine Betonung wie 
tMarsianUnme dem neunten Jh. wohl nicht unbedingt abgesprochen werden darf, ist 

ons doch jetzt noch wieder-holen und wieder-h61en , über-treten und über-tr^ten, über- 
setzen und übersetzen mit leichtem Begriffswechsel erlaubt. Die Trennbarkeit dieser beton- 
ten Präfixe im Präter. ist wohl nur Folge erschwerter Aussprache; widarstontan von einem 
8nbst.trK2ar«<aiK{, das im Ahd. nicht einmal belegt zu sein scheint, abzuleiten, ist unznläfiig. 
(Auch im ersten Merseb. Spruche Z. 4 halte ich die Betonung {'Mprinc-invar für die 
wahrscheinlich richtige.) Auch W. 21, 22 kehre ich nun zur Hs. zurück, oder ziehe doch 
forgip in den dadurch nur etwas volleren Vers 23, zu dem es dem Sinne nach gehört, 
auch V. 13 ist en/t, V. 16 auh zu belaßen. Die Wiederkehr desselben Reimstabes 
(w) in den beiden letzten Verspaaren ist nach Wirkung (und Tendenz?) dem sogen, 
rührenden Reim der höfischen Dichtung verwandt Übergang von epischer Erzählung 
auf das Bedürfhiss der Gegenwart ist dem Wessesbrunner Carmen mit dem ersten 
Merseburger Spruche, dem Wiener Hnndesegen und anderen Sprüchen gemein. 



zu DEN MERSEBURGER SPRÜCHEN. 223 

erscheint, dürfte nicht irren, aber die Media d befremdet in einem 
Falle nicht wenig , wo das As. constant t, das Ahd. ebenso fest z zu 
zeigen liebt. Abweichung von dem so scharf ausgeprägten Lautstande 
scheint jedoch in einem Denkmale, wo hochdeutsche Weise mit säch- 
sischer wechselt (vgl. Grimm, Kl. Sehr. II, 21), nicht schlechterdings 
unmöglich; die Media läßt sich hier als weichere Aussprache der im 
As. herrschenden Tennis auffassen, wie ja noch jetzt im Reg.-Boz. 
Merseburg und dem Rönigr. Sachsen, Media und Tenuis häufig in der 
Aussprache verwechselt werden. Vielleicht gelingt es später Anderen 
oder mir die durch den Zusammenhang geforderte Bedeutung von 
hera ditoder := iga^Sy ^ erdwärts, zur £rde^ auch sprachlich über jeden 
Zweifel*) zu erheben. 

Ist in der ersten Zeile das Sich Setzen der Idise zweimal her- 
vorgehoben, so wird dies nicht ohne Absicht geschehen sein; sie 
treten zu einer Sitzung zusammen, ähnlich wie dies in der Kjälssaga 
so deutlich beschrieben ist; dem dort erwähnten Weben tritt hier das 
Heften der Hafte als ähnliche symbolische Handlung zur Seite. 
Die symbolische Geltung von hapt heptidun ist schon von Grimm, 
dann unter Berufung auf einige nordische Walkyriennamen auch von 
Konr. Maurer (vgl. Denkm.* 275) vertreten, und findet diese Ansicht 
an der schon von Grimm verglichenen Stelle des Renner weiteren 
Anhalt. MtLllenhoffs Einwand, daß die nächste halbe Zeile dieser 
Auffassung widerspreche, ist wenig triftig; mir ist nie in den Sinn 
gekommen bei heri lezidun an etwas Anderes als das Lähmen eines 
Heeres durch Unheils-Gesänge zu denken, die hier das Heften ebenso 
begleiten, wie in der Njälssaga das Weben und Winden durch Verse 
erläutert wird, die bald Unheil {kved ek rlkum gram rddinn daud'i etc.) 
bald Heil {vel kvedu-ver um konüng üngan etc.) verkündigen. Unheils- 
gesänge werden deutlich auch Sigrdr. 27: 

apt bölvisar konur 

sitja brautu ncer, 

pcer er deyfa sverd ok sefa 
bezeichnet, wo nur eine etwas niedrigere Classe „weiser Frauen" ge- 
meint sein mag. Vgl. auch Gr6g. 9 und Hr6mundars (bei Frauer S. 70) 
Bei der dritten Langzeile, die ich lese: 

sumd kiubodun umhi kuniowidi 



*) So darf das im zweiten Spruche mehrfach begegnende hochd. zi nicht un- 
erwogcn bleiben. Darf aber «tri» dem got airia verglichen werden, so würde (hio in 
duoder mit got. du sich decken 



224 E. WILKEN 

(also mit Endreim wie ZZ. 2 und 4) ist klubon schwerlich mhd. kUbem 
gleichzusetzen, auch Wendungen wie jjdü^'en nach = suchen nach' 
schlagen hier nicht ein, da es sich dort um Früchte^ die aufzuklauben 
oder dort abzupflücken sind, hier um kuniowidi handelt, die jetzt wohl 
Niemand mehr durch Kränze verdeutscht. Auch an Reiser, Geito:!, 
die nun erst gepflückt werden sollen, ist kaum zu denken, da man 
hier vielmehr den Abschluß der (symbolischen) Fesselung erwartet; 
denn ein Fortschritt in der Handlung ist bei der Vertheilnng der 
Geschäfte unter die 3 Haufen doch wohl anzunehmen. Für kbMm, 
klobdn vermuthe ich den Sinn „mit einem Kloben (ahd. Idobo^ as. on- 
belegt) befestigen, oder einen Kloben anbringen'^. Kloben waren im 
Norden (Wcinh. altn. Leben S. 219) auch zum Thtlrverschluß üblich« 
Diese Kloben oder gespaltenen Pflöcke dienten hier zur Befestigung 
der Hafte, wie die Äsen das zur Fesselung des Fenriswolfes dienende 
Band Gleipuir durch oder unter zwei Felsenstücke durchzogen (Sn* 
Edda Gylf , C. 34) und wie die Nomen die Schicksalsfäden Helgis in 
gewiß ähnlicher, nicht ganz klar beschriebener, Weise versicherten 
(Helg. kv. Hund. I, Str. 3 — 4). Vgl. auch die Erzählung von Loki's 
Feßelung Gylf., C. 50. Bei dieser Erklärung ist also mit Z. 3 ein be- 
friedigender Abschluß des epischen Theiles gewonnen, während die 
herrschende Auflassung die Idise in Z. 1 sich setzen läßt^ man weiß 
nicht wo oder wozu, da sie in Z, 2 und 3 dann wieder ganz getrennt 
und an verschiedenen Orten agieren. Das Verhältniss der vierten Zeile 
zu der vorhergehenden fasse ich mit Simrock (Altd. Leseb. 1859) als 
Gegensatz : «^(Du aber) entspringe den fesselnden Banden, entgehe den 
Feinden.^ Wenn man nämlich vtganduny was auch Grimm zugab, so 
auff'aßt und nicht in wigandun ändert, was für den Sinn nicht Viel 
austrägt. Für invar ist aber vielleicht die von Grimm angesetzte Be- 
deutung = introitum (heroibus) festzuhalten^ vgl. Graflf IH, 563 s. v. 
infaraUj so daß hier nicht Dasselbe wie in der ersten Halbzeile, son- 
dern die wieder ermöglichte freie Theilnahme am Kampfe bezeichnet 
und somit eine Steigerung gewonnen wäre. Bereits Simrock verglich 
unserem Spruche Gr6g. 10 und Häv. 150 (Mob.); an ersterer Stelle 
ist der Ausdruck leysigaldr als übliche Bezeichnung dieser Art von 
Zaubersprüchen ersichtlich; das Unterscheidende derselben von gewöhn- 
lichen Heilsprüchen mußte der Natur der Sache nach darin bestehen, 
daß sie nicht von Freunden nach geschehenem Schaden über den Ge- 
fangenen gesprochen werden konnten — denn waren gute Freunde 
überhaupt zur Stelle, bedurfte es eines Zaubers zur Lösung wohl gerade 
nicht. Abgesehen von Fällen, wo wie Häv. 150 0<1inn selbst in Rede 



zu DEN MERSEBURGER SPRÜCHEN. 225 

steht, handelt es sich bei'm leysigaldr um einen Präservativschatz, der 
bereits dem zum Kriege erst Ausziehenden mitgegeben werden mußte 
Dieser Erklärung steht auch Grog. 10 nicht im Wege, wie Simrock, der 
übrigens derselben Ansicht ist, meinte — die lösenden Worte (oder 
Runenzeichen) selbst sind in Orögaldr nicht mitgetheilt, während 
Sigrdr. 7 die auf den Nagel zu ritzende Rune Naud genannt ist. War 
es mit einem so einfachen Zeichen nicht gethan, mußte der Ausziehende 
wohl den Spruch seinem Gedächtniss einzuprägen suchen, um vor- 
kommenden Falls durch Recitation des Verses sich den Fesseln zu ent- 
ziehen. Ob die gehoffte Wirkung in allen Fällen erfolgte, steht frei- 
lich dahin. Nicht unerwähnt soll schließlich bleiben, daß beide Sprtlche, 
in der altd. Litteratur recht vereinzelt dastehend, in mehrfachen Zügen 
nach dem Norden hinauf weisen. Abgesehen von eiris (= <£r), hapt 
heptidurif haptbanduny der im Norden wiederkehrenden engen Verbin- 
dung von Frija und Volla, der ohne Copula erfolgenden Aufzählung 
der Götternamen , die wie auch Grimm bemerkte, mehr nordisch 
als deutsch ist (vgl. noch das bei Haupt II, 188 fg. Gesagte) und 
dem 80 he wola conda (= pviat kann betr kunni), wozu noch die 
von Müllenhoff betonte metrische Einstimmung von VV. 6 — 7 mit 
altn. galdralag kommt, ist es namentlich die Erwähnung Balders, 
welche Naraensform ich trotz der Mythol. 207 versuchten Nachweise 
noch für undeutsch halten muß ; schwerlich waren auch beide Formen 
Phol und Baidur in derselben Gegend nebeneinander üblich; hier 
sollte Z. 2 Pholea volon offenbar vermieden werden. Doch darf, da 
Sinthgunt nicht nordisch, vielmehr sächsisch und auch Sunna gut 
deutsch zu sein scheint, nicht an bare Entlehnung, wie bei dem Abece- 
dariura Nordmannicum, nur an freie Benutzung einer nordischen Vor- 
lage gedacht werden und die Entdeckung Phols als eines Doppel- 
gängers von Baidur bliebe unsem Mythologen jedenfalls unverkümmert. 

E. WILKEK. 



ORRMANIA. Nene Reihe IX. (XXI.) Jahrg. \^ 



22C LITTEKATUR: J. HAUP1\ BEITRÄGE ZUR UTTERATUR DER MYSTIKER. 



LITTERATÜR. 



Haapt, Josef) Beiträge zur Litterator der deutschen Mystiker. Wien 1874. In 
Comm. bei Karl Gerold*s Sohn. 56 SS. 8®. Aus dem Februarhefke dea 
Jahrganges 1874 der Sitzungsberichte der phil. -bist. Classe der kaia. 
Akademie der Wissenschaften (LXXYI Bd., S. 51) besonders abgedmckt. 

Wir müssen Jos. Haupt für die vielen Mittheilungen, mit denen er ans 
dem Sehatze der Wiener Hofbliothek unsere Kenntnisse erweitert, recht hera- 
Hohen Dank sagen. So hat er eben jetzt wieder in der Handschrift 2845 die 
Fährte nach einer Quelle, welche der bekannte Sammler Hermann von Fritzlar 
benutzte, entdeckt. Zwölf Predigten dieser Handschrift finden sich auch ba 
Hermann, sie sind : dt prophSzU zu der ersten messen (Pfeiffer, Mystiker I, 27, 1), 
di andere messe (a. a. 0. 29, 20), die dritte messe (a. a. 0. 34, 33), Senie Ste- 
pkdnus tag des heiligen merterers (a. a. 0. 34, 33), Sente Johannes tag tecm- 
geltsten (a. a« 0. 36, 35), Der kindeltn tag (a. a. 0. 39. 13), Der achte tag d&s 
kristages (a. a. 0. 45, 3), Der ewelfte dbent (a. a. 0. 47, 13), Der swel/te tag 
(a. a. 0. 49, 6), Der achtzinde tag (a. a. 0. 52, 16). Sie bilden bei Herm. nur 
zehn Predigten, da in 2845 die erste und die vierte in je zwei zerlegt sind. In 
ziemlich ausfuhrlichen Auszügen aus der Wiener Handschrift gelingt es Haapt 
den Zusammenhang der beiden Sammlungen klar darzulegen. Beide fahren 
auf eine gemeinsame Quelle zurück, aus der auch Hermann einiges entlehnt. Für 
die Art wie dieser sammelt ist manches zu lernen. Es stört ihn z. B. nicht in 
einer Predigt Hinweisungen auf andere Predigten aufzunehmen, ohne auch diesen 
einen Platz in seiner Sammlung zu gönnen. Es ist ihm offenbar nur daram 
zu thun Predigten für die Festtage der Heiligen zusammenzustellen. Nur ein- 
mal macht er eine bedeutendere Ausnahme — in jenen Predigten auf die 
Weihnachtstage, die er mit unserer Handschrift gemein hat. In wie grober 
Weise er auch hier eklektisch vorgeht, zeigt sich deutlich. 

Die in der Wiener Handschrift vorliegenden Predigten über die Weih- 
nachtzeit behandeln das beliebte mystische Thema von der Geburt Christi in 
der Seele des Menschen in 9 Fragen. Von diesen nimmt Herm. nur die achte 
und neunte in seine Sammlung auf. Ohne an der Stilisierung der Vorlage 
etwas zu ändern beginut er: nu neme ich di achte vrdge, Nu neme ich di 
nunden vrdge* 

Dieselben 9 Fragen werden auch in einem bei Pfeiffer, Mystiker II, 478 ff. 
abgedruckten Tractate Von der gehurt des Ewigen wortes in der sile abge- 
handelt. Haupt weist S. 23 sehr schön nach, wie dieser Tractat enstanden ist, 
in dem sich ein Liebhaber die 9 Fragen und Antworten ans einem unserer 
Quelle verwandten Sammelwerke zusammentrug. Hat sich ja sogar ein Bruch- 
stück der Predigt, bei der die 8. Frage behandelt wird, in dem Tractate er- 
halten, das ganz offenbar den Zusammenhang der Fragen stört. Haupt hfttte 
um die Entstehung dieses Tractates noch weiter zu stützen hinweisen können 
auf den Anfang des eingeschobenen Predigtfragmentes (a. a. 0. 482, 9), das mit 
der in der Wiener Sammlung so beliebten an betreffender Stelle auch von 



LITTER ATUR: J. HAUPT, BEITRÄGE ZUR LITTERATUR DER BfTSTIKER. 227 

Herrn, recipierten EinleituDgsformel beginnt: Nu nime ich daz wortj vgl. Haupt 
S. 18 Nu neme ich eyne frSge, S. 19 wtt neme ich unser vrögen eine^ Nu neme- 
ich aber unser vrögen eine^ S. 21 (= Herrn, y. Fritsl. 55, 4) Nu neme ich di 
achten vräge {== 55, 18)^ nu neme ich di ntinden vrdge. 

In einem Punkte aber kann ich mich mit Haupt nicht einverstanden er- 
klären. Wenn er S. 24 sagt: „Hermann und die Wiener Handschrift haben 
wo nicht unmittelbar, so mittelbar, aus einer Vorlage geschöpft, in welcher die 
Evangelien und Episteln auf die Tage der Heiligen sammt den Erklärungen 
nicht von den sonn- und werktäglichen geschieden waren ^, so scheint er mehr 
SU folgern als erlaubt ist. Es läßt sich nicht mehr sagen als Hermann hat 
aus einer Vorlage, von der die Wiener Handschrift stammt, eine Anzahl von 
Predigten entlehnt. Denn daß er nicht aus ^iner Sammlung seine Stücke 
nimmt, sagt Hermann selbst 4, 15: diz buch ist susamene gelesen wtze vile cm- 
deren btichen. 

Daß er ausser der mit der Wiener Handschrift verwandten noch wenig- 
stens öine andere Sammlung benutzt haben muß, läßt sich erweisen. 

Fragen , welche sich auf das Q^heimniss der Geburt Christi beziehen^ 
enthält nämlich Hermann's Sammlung noch am Schlüsse von sechs Predigten, 
welche wie schon Haupt bemerkt in die Advent- und Weihnachtszeit fallen. Ich 
setze die betreffenden Stellen hierher. 

14, 22. Eb ist ein vräge von deme nüwen kunge, der nu künftig 
istj ob der vaier tun iwig wort möge gespreehen in der siU. di andere vräge isti 
ob di stle daz hrige wort möge enphän in ir. 

15, 15. Ein meister vreget: wan dcu iunge wort werde geborn in der sile^ 
weliche kraft in der sile i» mu alUr Srsten geware werde oder gefule. 

16,5.... sunder ich mache eine Vräge : welich di geiste sin oder di sele 
di der vater von himelriche kir zu nemen wil, da» si stn Sioig wort geistlichen 
mit ime gebem suUen, 

17, 11. Iz ist ein vräge ^ ob kein kriatüre st in himel oder in erden, 
di der sSle gehelfen muge oder si bereiten muge das das iwige wort in ir ge- 
bom werde, 

22, 6 nu ist ein vräge, wie di sile gebem suUe doB ewige wort geist- 
lichen, 

22, 26 fitf ist ein vräge, a5 deiz bezzer si, daz der vater von himelriche 
sin Swigen wort gebere in der sele ader ob daz bezzer sC, daz iz di sile gebere 
in ir selber. 

22, 34 nu ist ein vräge ab di eile in eime gemeinen gräde der gnaden 
daz iwige wart gebem muge ader ab si bedorfe eines sunderltehen gratis darwu. 
.... 28, 1 nu ist di ahte vräge berihtet, 

23, 8. Nu ist ein andere vräge ah daz iwige wort eigenlieher geborn werde 
in eime entsinkende der sile ader in einer geistlicher vroude ader in eime heime* 
liehen gekdse mit gote ader do ein mensdie sine sunde weinet. 

26, 1. Nu woüe wir furbaz sprechen von der iwigen geburt, Iz ist ein 
vräge, weder di eile daz iwige wort eigentlicher gebere in bilden oder simder bilde, 

26, 10. Doch vreget man in weUchen bilden die sile daz iwige wort aller 
eigens gebere, 

26, 23. Nu ist aber ein vräge, ob di geburt des iwigen wertes in der 
sile fluzig si ader wesenlich. 



228 LITTEKATUR: J. HAITPT. BEITRÄGE ZUR LITTERATÜR DER MYSTIKEBL 

26, 28. Nu ist aber ein vräge^ in ufelchtr $tcU di tiU d<u iwige toari 
aller eigens weder gehem sulle ader suchen. 

44, 4. Von deme nüwen gebomen lande. Man vreget war umme goi mi € 
mensche wurde dan er tei, 

44, 15. Ein ander vräge ist, ab di iwige geburt des iwigen wartis m der 
sile keine creatüre zu gründe verstin mug^, 

44, 20. Ein ander vräge ist, ab der vater von himelriche sin iwigen wart 
muge gespreehen in der sile das is di siU nit enpfinde oder unzxe. 

44, 30. Nu ist aber ein vräge ^ ab ein mensche immer in diseme lebene 
afsS voUekomen möge werden , dcu her äne underläz gefule der iwigen gebturt 
und si versti. 

57, 37. Hi laze wir di rede und sprechen von dem nüwen kinde dcu der 
vater von himelriche in uns gebom hat. 

Ein vräge ist wi man diz kint etsen sulle und sougen, 

58, 9 jVu iat aber ein vräge wi man diz kind wigen sulle und singen sulle» 
Es ist hier das GeheimDiss in achtzehn Fragen abgehandelt, in denen 

ein Fortschritt der Gedanken bis zur wirklichen Gebart Christi anschwer zu 
erkennen ist. Die Frage 22, 34 wird in der Antwort als achte bezeichnet, 
sie ist es auch in der Reihenfolge der Sammlung Hermanns. Wir erinnern ans, 
daß später 55, 4 eine der anderen Sammlung entlehnte aaf die Gebart Christi 
bezügliche Frage ebenfalls die achte genannt wird. Wenn wir den nachgewiesenen 
groben Eklekticismns Hermann's nicht auch von seiner Vorlage voraussetzen wollen, 
wenn wir an den ansdrucklichen Worten Hermann^s nicht zweifeln wollen — 
und zu beidem ist nicht der mindeste Grand — so müssen wir schliessen, daß 
die betreffenden Predigten von Hermann aus einem anderen Bache entlehnt 
sind. Ich fü^e noch einiges bei. 

Die achtzehn Fragen vertheilen sich auf sechs Predigten. In der ersten 
Predigt am Tage St. Barbara wird die Folge der Frage eingeleitet mit den 
W^orten: ez ist ein rräge von dem nHiwen kunge der nu künftig ist. In der 
vierten Predigt heißt es: nu wolle wir für baz sprechen von der heiligen geburt^ 
in der fünften am Tage Silvester: von dem nüwen gebomen kinde, in der sechsten 
endlich wie abschliessend : hie läse wir di rede und sprechen von dem nGtwen 
kinde, daz der vater von himelriche in uns gebom hat. 

Nur in der zweiten and dritten Predigt fehlen solche Weiser. Da aber gerade 

in der dritten eine Frage eine Zahl erhalten hat, so ist kein Zweifel, daß wir es 

mit einer Reihe von Predigten za thun haben, in denen anhangsweise von der 

Zeit da der kunig noch künftig ist, bis zu der da der vater das kint in uns 

gebom hat, in achtzehn Fragen das Thema von der Geburt Christi in der Seele 

des Mensclien behandelt wird. Es ist unzweifelhaft, daß es passender gewesen 

wäre, über diesen Gegenstand an den Tagen zu sprechen, an denen es z. B. in 

der Wiener Handschrift 2845 geschah. Unsere Sammlung wird daher nor 

Predigten für Festtage der Heiligen enthalten haben. Ich will nicht weiter 

schliessen und sagen, daß diese zweite Quelle, die ich losgeschält habe, diu 

Hauptgrundlage der Sammlung Hermanns gebildet habe, da Hermann ja mit 

den wenigen Ausnahmen nur Predigten für Heiligenfeste sammelt. Sie war es, 

wie Haupt S. 30 nachweist, gewiß auch für die Predigten an Heiligenfesten 

nicht einzig. 

JOSEPH 8TR0BL. 



LITTERATÜR: F. W. DITFÜRTH, LH IJNGEDRUCKTE BALLADEN. 229 

Zweiondfünfzig nngedruckte Balladen des 16., 17. und 18. Jahrhimderts. 
Aus fliegenden Blättern, handschriftlichen Quellen und mündh'cher Über- 
lieferung gesammelt und herausgegeben von Franz Wilhelm Freiherm von 
Ditfurth. Stuttgart. G. J. Göschen'sche Verlagshandlung 1874. VllI 
und 196 S. 8. 

Auch bei Anzeige der rubricierten Sammlang habe ich lange Aufge- 
schobenes nachzuholen und da an dieser Stelle über dieselbe noch nicht berichtet 
worden, so denke ich, daB einige Worte noch immer nicht unwillkommen sein 
werden , zumal das hier Gebotene eine Erwähnung wohl verdient. Der Her- 
ausgeber hebt nämlich mit Recht hervor, daß die hier gesammelten Lieder 
bisher unbekannt geblieben sind und gerade deshalb bei ihrer sonstigen Frische 
und echten Poesie einen besondem Werth erhalten. Und allerdings sind selbst, 
was die bloßen Stoffe der erzählenden Lieder betrifft, auch mir nur wenige 
vorgekommen, unter diesen aber gleich das erste y,Der Ritter und des 
Pfalzgrafen Tochter^, wo ein schwerverwundeter Ritter in ein Straßburger 
Kloster gebracht, durch das Gebet einer ihn pflegenden Laienschwester, der 
Tochter des Pfalzgrafen, die in ihm ihren Verlobten erkennt, wieder gesundet 
und die Braut die Seine werden sieht. Ahnlich erzählt ein monferrinisches 
Volkslied, wie ein Genueser alles Mögliche anwendet, um die von ihrem Vater 
eingeschlossen gehaltene Geliebte in seine Gewalt zu bringen; vergebens! 
Endlich läßt er seinen Todtendienst in der Kirche halten und das Mädchen 
bekommt Erlaubniss demselben beizuwohnen; da springt der verstellte Todte 
auf und läßt sich mit ihr stehenden Fußes trauen (s. Ferraro Canti Monferrini 
Torino-Firenze 1870, No. 40: ^11 Genovese"). Vgl. Geijer og Afzelius No. 26 
^ Herr Carl eller Klosterrofvet*).*' Wir haben hier das Gegen- und Seitenstück 
zu einer andern Liederreihe, wo es die Liebende ist, die sich todt stellt und 
80 ihren Zweck erreicht, wie bei PuymaigrC; Chants populaires recueillis dans 
le pays messin p. 46 ^La Maitresse captive^ und Walter Scott, Minstrelsy ^The 
gay Goss-hawk." — In Nr. 10 „Die Wiege** bändigt ein Bauer die Zank- 
sucht seiner Frau dadurch, daß er auf den Rath seines Nachbarn sie, während 
sie schläft, in eine große Wiege einschnürt und sie dann so lange hin und 
herschwingt, bis sie ihm hoch und heilig zuschwört, in Zukunft sich zu bessern, 
was dann auch wirklieh geschieht. Ganz gleiches erzählt ein alter französischer 
Schwank (Beuchet, Serdes p. 87) und ebenso ein russischer (Ralston, Russian 
Folk-Tales. Lond. 1873. p. 88 f.). -— Das Lied Nr. 11 „Der kaiserliche 
Musquetier und das Mägdlein^, wo der aus dem Kriege zurückkehrende 
Soldat seine Geliebte durch die Nachricht von seinem Tode erschrecken läßt 
und dann die hierüber Ohnmächtige ins Leben zurückruft, entspricht ganz genau 
der Nr. 91 ^La Ragazza ed i Soldati** in Widter-Wolfs Volksliedern aus Ve- 
netien, Wien 1864, und wenn mit jener falschen Nachricht, wie es scheint, eine 
Prüfung der Treue des Mädchens beabsichtet wird, so gehört dasselbe einem 
weiter ausgedehnten Liederkreise an , der ebendas. zu Nr. 81 ^La Moglie fe- 
dele^ besprochen ist; s. auch meine Bemerkungen in den GÖtt. Gel. Anz. 1870, 
S. 395 zu Uhland Nr. 116 „Unter der Linde****) und ebend. 1873, S. 204 zu 

*) [Vgl. auch die Gottscheer Ballade Hansel Jung bei Schröer S. 102, wo 
die Geliebte über den todt geglaubten aufspringenden Geliebten erschrickt und stirbt 
und er ihr nacbstirbt. Die Red.] 

**; [Vgl. Schröer a. a. O. S. 161. Die Red.] 



230 LITTERATUB: F. W. DITFURTH, LH UNOEDRUCKTE BilLLADEN. 

B«moDi P. IX, Nr. 1 ^D Rttomo della guerra^. — HiDsichtlich der Nr. 29 
^Todeswahl^ wo ein Dieb, dem auf sein Bitten die Wahl der Todesart 
überlassen wird, vor Alter sterben will and die Gewährung seiner Bitte erlangt, 
s. Pauli, Schimpf and Ernst c. 283 mit Osterley's Anm.; füge hinza Philipp 
Wolf Bidpai's Buch der Weisen 2, 269 ff. „Der Bekehrte.^ — Über die in 
Nr« 30 „Spielmann und Teufel'* und Nr. 46 y,Der Reigentanz^ Yor- 
kommende Zaubergeige, so wie andere Instrumente, deren Masik alle, die sie 
hören, zum Tanzen zwingt, s. meine Nachweise in den Heidelb. Jahrb. 1868, 
S. 308 zu Schneller Nr. 16 und Gott. Gel. Anz. 1868, S. 1917 f.; füge hinzu 
Hahn, Griech. Märchen zu Nr. 34; Maspons y Labr6s, Rondallajre. Segona 
Serie. Barcelona 1872, p. 41 ff.: „Lo Fluviol Encantat'^; Imbriani, Novellaja 
Milanese, Bologna 1872, p. 54 Anm. „Giovannino piccolo e ricco u. s. w.; s. auch 
A. Kuhn, Ztschr. f. vergl. Sprachf. 4, 115 ff., Coz, Mythology of the Aryan 
Nations 1, 120 f. — So wie wir hier bei den zwei letztgenannten Liedern einen 
märchen- oder sagenhaften Grund finden, so wird sich wohl bei einigen andern, 
wie Nr. 2 „Der Jäger und das Mägdelein^, wo der angerufene Schlangen- 
könig den Liebenden Beistand leistet, Nr. 17 „Der Schmid*' und Nr. 18 
„Die drei Schwestern^, in welchen beiden der Teufel eine grotSe Rolle, 
spielt, ein gleicher nachweisen lassen, wenngleich ich selbst dies nicht vermag. 
— Noch will ich erwähnen, daß Nr. 23 „Die Liebesprobe", wo der aas 
der Fremde zurückkehrende Liebhaber, trotz seiner Verkleidung von der Ge- 
liebten gleichwohl in aller Treue empfangen, dann aber, nach Abwerfung der 
Bettlerlumpen sich in prächtigem Gewände zeigend, wegen dieser Probe für 
immer Verstössen wird, in diesem letztem Umstand einen directen Gegensatz 
bildet zu y. d. Hagens GA. Nr. 35, 657 ff. „Ehefrau und Bulerin^. — Unter 
den übrigen mehr oder weniger lyrischen Liedern, die, wie bereits bemerkt, 
gleichfalls recht Schönes enthalten, hebe ich als ganz besonders trefflich hervor 
Nr. 4 „Belagerung^, wo eine Schöne nicht so ohne Weiteres mit Sturm 
eingenommen ; sondern erst in aller Form belagert sein will, dann aber aller- 
dings bald die Schamade schlägt. Hier finden wir also gerade das entgegen- 
gesetzte Bild von dem, was sonst in andern Volksliedern vorkommt, wo häufig 
eine belagerte Festung mit einer gefreiten Maid verglichen wird, wie z. B. 
gleich hier in Nr. 49 „Wallenstein vor Nürnberg '^j diese von W. belagerte Stadt 
dessen Braut heißt. Wenn femer er von sich sagt: „Ich Wallenstein bin allen 
ein Stein**, so erinnert man sich alsbald des Schlusses der Capuzinerpredigt 
in „Wallensteins Lager**, wo der Mönch sagt: „Läßt sich nennen den Wallen- 
stein ; Ja freilich ist er uns allen ein Stein Des Anstosscs und des Ärgernisses.^ 
Ob nun wohl Schiller von selbst auf dies Wortspiel gekommen ist oder das- 
selbe dem in Rede stehenden oder einem andern Volksliede entnommen haben 
mag? Weiterhin heißt es: ^Ibr Spott doch thät ihn schier erboßen: Reckten 
ihm den Hintern her^ und verweise ich hierzu auf DW. 1, 565, wo Grimm 
bemerkt: yjDie Geschichte des Mittelalters liefert mehr als ein Beispiel, daß 
solche Schmach vorüberziehenden Feinden vom Strande aus oder von der Burg- 
mauer herab angethan wurde**; s. auch Rochbolz, Glaube und Brauch 2, 318. 
Außer diesem historischen Liede finden wir auch noch einige andere, wahr- 
scheinlich ebenfalls den betreffenden Ereignissen gleichzeitige, von denen ich 
nur noch Nr. 52 „Ludovicus und der Tod** namentlich anführe, weil 
darin die Zeilen vorkommen: „Hast du nicht es ausgesprochen, daß der Staat 



LITTERATUR: A. BEZZENBERGKR, UNTERSUCHUNGEN etc. 231 

nur wärest du?*' Vgl. hierzu Buchmann , Geflügelte Worte. 8. Aufl. Berlin 1874, 
S. 240 f.: „L'^tat c'est moi.** Wir sehen also wie mancherlei in mehrfacher 
Beziehung Interessantes die vorliegende Sammlung des um das Volkslied hoch- 
verdienten Dietfurth darbietet und will ich schließlich nur noch bemerken, da6 
dieselbe nicht nur die auf dem Titel angebenen 52 Balladen enthält, sondern 
in einem Anhange auch noch fünf weitere (Nr. 53 — 58). 

LÜTTICa FELIX UEBRECHT. 



Untersaehongen über die gotlBohen Adverbien und Partikeln von Adalbert 
Bezzenberger, Dr. phil. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisen- 
hauses. 1873. 127 SS. 8. 

Über die A-Eeihe der gotischen Sprache. Eine grammatische Studie yoo 
Dr. Adalbert Bezzenberger, Docenten an der Univ. Göttingen. Gtöt- 
tingen. Verlag von Robert Peppmüller. 1874. 71 SS. 8. 

In der ersteren, bereits einige Jahre zurückliegenden, Arbeit ist das eben 
nicht umfangreiche, aber doch recht instructive Gebiet der gotischen Adverbia 
und Partikeln in einer Weise behandelt, die Sauberkeit und Sorgfalt mit einem 
meist auch vorurtheilsfreien Blicke verbindet. Bei der Menge des im Ver- 
laufe der Untersuchung, oft mehr gelegentlich herangezogenen Details aus 
verschiedenen Sprachgebieten, wobei den Verf., der neuerdings sich mit Vorliebe 
dem preußisch - litauischen Kreise zuzuwenden scheint, recht ausgedehnte lin- 
guistische Kenntnisse unterstützten, würde freilich ein alphabetisches R^^ter 
am Schluß e oder wenigstens eine ausfuhrliche Inhaltsangabe willkommen gewesen 
sein. Abgesehen von diesem Umstände und gelegentlichen Meinungsverschie- 
denheiten kann Ref. in der Hauptsache der Ansicht des Verf., daß die beiden 
gotischeu Adverbialendungen -ba (resp. -aba) und 6 auf nrsprüngl. 'Vant (resp» 
-avant) zurückzufuhren, Bildungen wie "PS^ hve, sv^ dagegen als Instrumental- 
formen zu erklären seien, sich wohl anschließen, allerdings nur mit der Modi- 
fication, überall von avant auf aba (resp. iba, uba)^ nicht von -vant auf -ba 
zu schließen; findet doch auch der Verf. namentlich für die Erklärung von 
-6 (= <!2) nöthig stets a-avant zu schreiben. Ohne mich zu den tiefer Einge- 
weihten der Linguistik rechnen zu dürfen, möchte ich hier zur Unterstützung 
meiner, bereits Germ. XIX, 34 angedeuteten und dort durch weitere Analogien 
gestützten Ansicht nur Folgendes noch hervorheben. Bildungen wie gr. 1%- 
^vofsvt bereiten der gewöhnlichen Erklärung, die wohl gar o als euphonisch 
eingeschoben zu verdächtigen scheint, Schwierigkeiten — auch Bezz. sieht sich 
S. 25 A. 3 zu einer etwas künstlichen Erklärung gezwungen, während eine 
Auffassung wie i%d'V {v := va) -osvt (= avant) sich eigentlich von selbst dar- 
bietet. Aus dem Gotischen selbst sprechen Doppelformen wie glaggvaba^ gl<ig^' 
vuba dafür, daß aba die ursprüngliche Endung, -uba erst in Angleichung an 
die u-Flexion des Adjectivs sich eingebürgert hat, wie denn ähnliche An- 
gleichung an die adj. Flexion sich bei den meisten dieser Adv. auf aba^ uba 
findet. Bei den Adv. auf -iba bezieht sich die Angleichung wohl meist auf 
ursprüngliche j'a-Stämme*). Die Identität beider Endungen (aba und 6) wird 



*) Wem diese Angleichung zu Viel zumuthet, der möge mit Grimm (Gr. II, 
184) iba aus jaba, vha aus vaha erklären. 



232 UTTERATUR: A. BEZZENBERGER, UNTERSUCHUNGEN etc. 

erleichtert, wenn man (vgl. S. 24) dem gotischen b im Inlaut jene weiche re^ 
w-ähnhche Aussprache vindiciert, wie sie das altsächsische h andeutet und auch 
das heutige Dänisch in Formen wie kaabe, haaht noch kennt; interessant aber 
wäre es gewesen, den Gründen fiir die Verschiedenheit der Entwickelung des 
alten avant etwas tiefer nachzuspüren , als dies S. 17 und 43 mit der Bemer- 
kung geschieht, daß sämmtliche Adverbien auf -6 sich an Themen auf a an- 
schließen, was doch mehr ein Erklärungsversuch für das unentbehrliche a in 
avant zu sein scheint; nach meiner Auffassung sind die betr. Themen cod- 
sonan tische. 

Die zweite Arbeit versucht für die neuerdings von verschiedenen Seiten, 
z. B. von Scherer, zur Gesch. d. d. Spr., S. 7 aufgestellte Behauptung einer Laat- 
entwickelung, wonach ursprüngliches a sich zunächst in e und o, später erst in 
t und u abgefärbt habe, eine genauere Begründung bez. der germanischen Sprachen, 
insonderheit der gotischen, zu geben, die ja bei ihren fast durchgängigen % 
nnd u = e und o durch die neue Lehre am empfindlichsten berührt wird. 
Begegnet einer so tiefgreifenden Umgestaltung der früheren Lautauffassung — 
die Lehre vom Umlaut z. B. wird ja völlig verändert — in den Kreisen der 
Germanisten vielfach noch ein schon durch die langjährige Gewöhnung an die 
von Grimm (und Bopp) begründete Gegen-Ansicht leicht erklärliches Mißtrauen, 
so wird es andererseits dem strebsamen Eifer eines jüngeren Mannes gewiß 
nicht verdacht werden dürfen , wenn derselbe — anfänglich offenbar bemüht, 
ganz objectiv sich gegenüber der Streitfrage zu verhalten — doch im weiteren 
Gange seiner Studie mehr und mehr zum Anwalt der neuen Theorie sich hingibt, 
oder doch eine Vorliebe für dieselbe kaum zu verbergen sucht. Diesem, wie 
gesagt, ganz erklärlichen Umstände ist es zuzuschreiben, wenn ungeachtet so 
mancher feinen nnd treffenden Bemerkung zu Gunsten der neuen Theorie doch 
eine völlige Überzeugung von Solchen, die etwa noch schwanken, schwerlich 
erreicht wird*). Um dies zu verdeutlichen, dürfen wir nur an die Weise, 
wie S. 25 got. i in Worten wie thinsan, vinds, midji» auch als Abfärbung 
eines älteren e deduciert werden soll, erinnern; es heiBt: »Auf diese Zusammen- 
stellungen (es findet sich i hier nämlich meist auch in den andern germani- 
schen Dialecten, z. Th. selbst im Lateinischen) einen Einwand gegen die 
früheren (wo das t im Gotischen mehr isoliert erscheint) aufzubauen, ist nnxu- 
laßig, denn das t tritt für e mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit auf, vor y, t, 
vor tf und vor geminierten oder von einer Muta gefolgten Nasal. ** Aber die 
frühere Ansicht, Lautverbindungen, namentlich Doppelconsonanten, vielmehr aU 
eine Schutzwehr für den vorangehenden Vocal zu betrachten, ist doch so viel 
ansprechender, daß man billig Bedenken trägt, einem lat. t in ventus zu Liebe 
g. vinds^ an. vindr, as. afr. windf ags. vind, ahd. wini alle aus älteren Bildungen 
mit e abzuleiten. Ahnliche Schwierigkeiten ergeben sich auch sonst, so Vieles 
andererseits auch für die neuere Ansicht streiten mag, worüber ich anf die 
Studie selbst und die dort citierten Arbeiten Anderer verweise. Eine befriedigende 
Lösung der obwaltenden Schwierigkeiten hält Ref. aber nur durch eine nicht un- 
erhebliche Modification der neuen Theorie möglich oder durch eine Vermittlung 
derselben mit der älteren in folgender Weise. Auf das ungenügende der schrift- 
lichen Ausdrucksweise für den gesprochenen Laut ist man längst — so lange 



*) Vgl. K. B. auch die Anzeige von Bernhardt bei Zacher VI, 232 ff^. 



LITTERATUB: A. BEZZENBERGER, UNTERSUCHUNGEN etc. 233 

man ein physiologisches VerständDiss des Lautsystems versuchte — aufmerksam 
geworden. Es ist jetzt auch in germanistischen Kreisen hinlänglich bekannt und 
anerkannt, daß die graphisch oft so erheblich abweichenden Formen der Yocale 
der Ableitungssilben durchaus nicht auf eine so bedeutende Differens der 
Aussprache zu beziehen sind, daß hier o, e, %, o, u nur verschiedene z. Th. 
ziemlich beliebig wechselnde Umschreibungen für einen sog. „ irrationalen" 
Vocal (vgl. auch Bezzenb. S. 39) seien, der in den meisten Fällen auf ur- 
sprüngliches a zurückweist. Das Deutsche hat bekanntlich mit der Zeit vor- 
zugsweise e zur Bezeichnung dieses wenn nicht irrationalen, so doch häufig 
etwas aequivoken Vocales*) verwandt Ein solcher unbestimmter Übergangs vocal, 

der (soweit altem a entsprechend) einmal durch — bezeichnet sein mag, mußte 

OS 

— meine ich — überall da zunächst sich zeigen, wo es sich um den Übergang 
eines älteren reinen Vocals in eine andere Lautrichtung handelt. Mochte das 
Spiel der Aussprache in Stammsilben auch nicht ganz so willkürlich um sich 
greifen wie in den Ableitungen, der Grund hierfür liegt weniger wohl in dem 
auf der Stammsilbe ruhenden Accente, als in den die Stammsilbe ja in den 
meisten Fällen umgebenden Consonanten. Diese übten, mit ihrer verschiedenen 
lautlichen Bescha£fenheit, auf den in Auflösung begriffenen Stammvocal, also bei 

der ganzen sog. A-Reihe, auf — den Einfluß, sich nach einer der consonantischen 

OB 

Umgebung möglichst zusagenden Richtung, sei es der helleren, durch e und i 
bezeichneten, oder der dumpferen (o und ti) zu wenden und mit der Zeit wirk- 
lich oder doch annähernd wirklich zu 6, resp. t, oder o, resp. u zu werden. Die 
Frage nach der relativen Priorität des e oder », des u oder o in solchen Fällen 
wird bei unserer Auffassung zu einer ziemlich müssigen und jedenfalls so sub- 
tilen, daß nur eine physiologische Lautlehre hier Auskunft geben könnte. Ob 
neben der Einwirkung der consonantischen Umgebung auch ein Yocal der 
nächsten Silbe und wieweit grammatische Analogien bei der Unterbringung von 

— unter die verschiedenen Vocalgruppen maßgebend sich betheiligt haben, mag 

hier noch unerwogen bleiben und nur dem Einwände begegnet werden, als ob 
z. B. das e in lat. ventus neben dem % in vindsj wint u. s. w. der versuchten 
Erklärung spotte. So ungenügend nämlich für die Vocale der graphische Aus- 
druck ist, ähnlich verhält es sich mit den Consonanten, namentlich aber den 
Spiranten. Nimmt man auch an, daß nt in ventus kaum anders als nt in wint 
gelautet habe, so bestand doch wahrscheinlich zwischen der Aussprache des 
das Wort beginnenden Spiranten (der schärfer im Lat., weicher in den germ. 
Sprachen gelautet haben wird) soviel Unterschied, um die Bevorzugung des e 
im Lat., des i im German. völlig begreiflich zu finden. 

Mit dieser Andeutung über die eigene Auffassung mich begnügend, glaube 
ich diese Studie über die A-Reihe als eine Arbeit bezeichnen zu können, welche 
bei jeder künftigen Berücksichtigung der so interessanten Streitfrage in Betracht 
kommen wird, wie auch die fleissige Arbeit A. Amelungs (Der Ursprung der 
deutschen A- Vocale bei Haupt XYIII, 161 fg.) nicht übersehen werden darf, 
wo sich S. 210 schon einige Annäherung an meine Auffassung findet. 

E. WILKEN. 



*) Den Otfrid im Präfix {ar) er, ir durch y umschrieb. 



234 LITTERATUR: M. MIJCH, OERKANISCHE WOHNSITZE etc. 

Oermanisolie Wohnsitie und Baudenkmäler in HiederSsterreioli von Dr. 
Matbäas Mach. Wien 1875. 139 S. Sonderabdruck ans den Mittheilangen 
der anthropologischen Gesellschaft in Wien Nr. 2, 3, 6, 7. 

Der Verf. hat eine große Zahl von auffallenden künstlichen Erdhügeln^ 
zum Theil von Gräben umgebeni kegelförmige Erdwerke mit Stufen, mit Wall und 
Graben, Ringwälle, vierseitige abgestumpfte Pyramiden, Wälle, die Erdhügel mit 
P3nramiden umschließen, Brand wälle (die man durch aufgeschichtete entsöndete 
Holzmassen hart brannte), die in Niederösterreich so häufig vorkommen, untersucht 
und ist, größtentheils gestützt auf die Yergleichung der in denselben gefundenen 
Geräthe, Ziegel, Mönzen, des Mörtels u. s. f. zu dem überraschenden Ergebniss ge- 
langt, daß alle diese, bisher räthselhaften Denkmale einer unbekannten Vorzeit, von 
den deutschen Quaden herrühren. Mir scheint der Beweis gelungen und es 
beleben sich damit jene Denkmale und gewinnen in höherem Grade an In- 
teresse. Der Verf. gibt zahlreiche Abbildungen sowohl der Fundgegenstände 
als auch der Ringwälle, Erdhügel, Pyramiden u. s. f., so daß auch derjenige^ 
der nicht an Ort und Stelle war, sich eine deutliche Vorstellung machen kann, 
von den zum Theil sehr auffallenden Bauwerken unserer Vorfahren. Er hat 
damit ein großes Stück Arbeit vollbracht und sich großen Dank verdient. 

In das Einzelne einzugehen liegt nicht im Bereich dieser Zeitschrift, es 
genüge hier nur daß auf die Schrift aufmerksam gemacht wird. 

Was dem Gebiete der Sprachforschung angehört in der sonst höchst ver- 
dienstvollen Arbeit, wird weniger die Zustimmung der Fachgenossen finden. Es 
konnte ohne Nachtheil wegbleiben. Ich will Einiges hervorheben. Den Orts- 
namen Stillfried findet der Verf. S. 24 urkundlich 1045 (er gibt die Quelle 
nicht an) in der Form Stille fr ieda und deutet ihn: Pfahlburg, in dem er auf 
den Namen der got Stadt »S tili bürg" hinweist. Wenn urkundlich im 11. Jahrb. 
Stille fr ieda vorkommt, wobei das e in frieda auffallt, so erinnert Stille eher 
»n still! in stillimuati, Stillmüthigkeit, das ahd. nachweisbar ist. An 
abd. Stil, stilus zu denken, das sehr selten vorkömmt und, wie es scheint, nur 
in der Bedeutung Stengel s. Graff 6, 662 ist kaum gestattet; wie wäre stil 
zu stille geworden? Das gotische ^Stiliburg^ kommt nur bei Procop vor, wo 
es im Nominativ DcLlißovQyov heißt (wohl ein Schreib- oder Lesefehler für 
2JtLkißovQyLOV wie AöxißovQyiov). Auch hier fällt es schwer zu glauben, 
daß das lateinische stilus in Stili zu suchen ist. Stilus hätte der Gote 
wahrscheinlich, wie asilus^ aggilus, nach der Declination der Themen in 
u decliniert und in der Zusammensetzung hätte er dann wohl Stilubaurgs 
gesagt. 

Noch unstatthafter ist die Deutung des Namens Braunsberg S. 77 als 
der brennende Berg! Der Verf. brauchte nicht auf gotisch brinnan brun- 
nans zu weben, um ein u zu finden; gebrannt heißt in unserer Mundart noch 
prunnan. Daraus sehen wir, daß aus gotischem brunnan in unserer 
Sprache kein braun geworden ist. Es findet sich im 8. Jhd. ein Brunni- 
berg, das ist wohl heute noch Brunnberg, Brunnenberg; hingegen Brünis- 
berg, heute Braunsberg, das ahd. oft vorkommt, ist wohl zurückzuführen, wie 
Brüniswic Braunschweig, auf den Namen Bruno. 

Interessant ist der Nachweis des Verfs. S. 112 f., daß eine gewisse Art 
der besprochenen Bauwerke überall beim Volke den Namen Hausberg haben. 



LITTEKATUR: ZUR KLAGE. 235 

ja «daß eben nur jene vorgeachicbtlichen Baawerke im Yolksmonde Hans berge 
heißen, welche von Wällen und horizontalen ringsnmlanfenden Stafen amgortet, 
umschlossen werden. ** Daß diese Bezeichnung solcher Bauwerke vorkömmt, 
wird mit zahlreichen Beispielen belegt und das ist allerdings beachtenswerth 
Die etymologischen Bemerkungen dazu^ über gafrdan, hagjan, huzdjan, die 
der Verf. S. 112 daran knüpft, sind wohl überflüssig. Daß das Wort Haus 
ursprünglich einen bergenden, umschließenden Raum bedeutet, ist schon oft 
genug erörtert. Hier aber, bei dem Compositum Hausberg, auf die Urbe- 
deutung Yon Haus zurückzugehen, ist gar nicht nothwendig. Wenn ich 
die in vorliegender Schrift S. 94 mitgetheilte Abbildung des Hansberges von 
Stronegg einem Kinde vorlege und £rage: was das für ein Berg ist? so wird 
es wahrscheinlich antworten: „das ist ein Hausberg, ein Berg, der wie ein 
Haus aussieht!^ Und so wird das Wort auch zu erklären sein. Das zusammen- 
gesetzte Wort Hausberg kommt bisher weder gotisch, noch altsächsisch , noch 
althochdeutsch, noch mittelhochdeutsch, noch neuhochdeutsch, noch mundartlich, 
so viel ich weiß, verzeichnet vor. Es ist daher kaum anzunehmen, daß es 
sehr alt ist und wie alt müßte es wohl sein, wenn man bei seiner Zu- 
sammensetzung noch ein Gefühl für die Urbedeutung annehmen wollte, die 
aus den verwandten Wörtern in den germanischen Sprachen (Haut, Hütte etc.) 
gar nicht mehr zu erkennen, sondern erst aus dem Sanskrit : sku bedecken, wie 
gewöhnlich angenommen wird, zu erschliessen ist? 

SCHRÖER. 



Zur Klage. 
(Eine Entgegnung.) 

Im Anzeiger f. d. Altert, u. d. Litt. 1876 hat Henning nach einer im 
Ganzen ruhig und sachlich gehaltenen Anzeige der Klage-Ausgabe von Bartsch 
(129 — 138) auch meine Ausgabe einer Recension unterzogen, der man jene 
Prädicate leider weniger zuerkennen kann. Es wird zwar „die Übersichtlich- 
keit in der Anordnung des Materials** (p. 139) anerkannt — in 2 Zeilen, des- 
gleichen ndas für D geleistete ** (p. 141) — 1 Zeile, endlich p. 149 heißt es: 
„Was sonst Einleitung und Anmerkungen bieten ist zum Theil ganz dankens- 
werth, ich meine besonders die umfangreichen Zusammenstellungen und Unter- 
suchungen über Stil und Wortschatz der Klage" — 3 Zeilen: in summa 6 Zeilen 
der Anerkennung. Die ganze übrige 10 Seiten lange Anzeige — mit Aus- 
nahme von 2y2 Seiten, wo Henning seine eigene Ansicht über die Hand- 
schriftenfrage entwickelt, 145 — 147 — enthält nur Tadel und Ausstellungen, 
die zum großen Theil im belehrenden Tone der Überlegenheit vorgetragen werden. 
Wenn nun ein junger Recensent dem bescheiden genug auftretenden Erstlings- 
werke eines jungen Fachgenossen gegenüber sich zu einem so absprechenden 
Urtheil entschließt, so sollte man meinen, es sei kaum etwas Gutes an dem 
Buche. Glücklicherweise steht es aber nicht so schlimm, wie ich hoffe nach- 
weisen zu können, indem ich die gegen mein Buch und mich erhobenen Vor- 
würfe im Einzelnen durchgehe. 

Zunächst spricht H. über „die handschriftliche Grandlage des Buches^ 
(p. 138—141). Er „gesteht", daß die unschuldigen Worte meines im Ja* 



236 LITTERATÜR: ZUR KLAGE. 

naar 75 geschriebenen Vorwortes, mein Bekenntniss, wie er es nennt^ daß ich 
^vor mehr als Jahresfrist mit den Vorarbeiten far eine Ausgabe der Klage be- 
gonnen habe^y ihn gleich bedenklich gemacht haben. Wenn das gestehe 
hier irgend einen Sinn hat, so vermag ich nur den darin zu finden, daiS er 
sich dadurch zu einem Vorurtheii gegen die Sorgfalt meiner Arbeit hat rer* 
leiten lassen. Mit welchem Grunde aber? Ich begreife in der That nicht, wie f&sf 
Vierteljahre auf diese 6ine Arbeit ausschließlich verwendeter Zeit nicht 
völlig ausreichend erscheinen sollten. Wenn Andere mehr Zeit für eine Arbeil 
brauchen, die , keine so großen Schwierigkeiten bietef, so ist das ihre Sache. 
Ob unter den „sorgfältiger gearbeiteten Ausgaben meiner beiden Vorganger'' 
ausser der von Bartsch die von Lachmann oder von Holtepiann (oder von 
Vollmer?) verstanden wird, weiß ich nicht. 

„'Schon die zahlreichen Nachträge und Berichtigungen (S. 248 — 263) ge- 
reichen dem Buche nicht zur besonderen Empfehlung.^ Die Berichtigungen 
gewiß nicht. Daß dieselben aber nicht sowohl auf Rechnung eines Mangels 
an Sorgfalt als vielmehr der in vieler Beziehung unpraktischen Verbindung 
einer Einleitung, die die Grundlagen für die Kritik des Textes feststellt, mit 
diesem Texte zuzuschreiben ist, indem nach eben diesem Texte eitiert werden 
mußte — das habe ich, wenn nicht zur Entschuldigung, doch zur Erklämngr 
jenes Ubelstandes im Vorworte gesagt. Es stehn nun aber auf diesen Seiten 
auch viele Nachträge, die unwesentliche Ergänzungen bringen, welche allenfalU 
hätten entbehrt werden können; andere, wie die Ergebnisse der Collation von 
P (= N), konnten erst nach dem Drucke der Einleitung mitgetheilt werden; 
sodann enthalten diese Seiten Stucke, die von vom herein für die ^Nachträge' 
bestimmt waren, nämlich: 1. textkritiscbe Bemerkungen, die ihres Umfange» 
wegen unter dem Texte nicht Platz gefunden hätten (solche nehmen in der Haupt- 
sache die Seiten 260 bis zum Scbluße ein) ; 2. ein Verzeichniss der Varianten, 
die ein für alle mal angegeben und in der Folge vorausgesetzt werden (p. 258 f.); 
3. ein Verzeichniss der Versehen und Ungenauigkeiten in Lachmanns Varianten 
p. 254 — 8. Daß Letzteres „dem Buche nicht zur besonderen Empfehlung gereicht^ 
hat, glaube ich allerdings. 

Es werden nun die Versehen aufgezählt, die mir bei den Varianten 
paHsiert sein und die Unzuverlässigkeit meines Apparates begründen sollen» 
Zunächst wird mir die Mangelhaftigkeit der von mir benutzten Collation von d 
vorgehalten, die sich als ziemlich werthlos herausstelle. Dieselbe rührt zunSchet 
nicht von mir her. Daß sie in Betreff graphischer und sonstiger geringer 
Abweichungen wie Schreibfehler*) u. dgl. nicht ganz genau war, merkte ich 
zwar bald; daß sie aber auch wesentliche Abweichungen vielfach nicht angibt^ 
sah ich erst aus Bartschens Varianten. Wenn nun aber H. meint, daß man 
sich nie bestimmt auf die Collation verlassen könne, so ist das doch unrichtig: 
ich wenigstens habe keinen Grund gefunden, den directen Angaben von Ab- 
weichungen zu mißtrauen. Wo ich also d ohne B eitiert habe, muß ich die 
Zuverlässigkeit meiner Quelle aufrecht erhalten. Daß aber, wo Bd zusammen 
eitiert werden^ aus obigem Grunde die Lesart von d nicht immer zuverlässige 



*) Nur die Übereinstimmung in solchen hatte doch die Entstehung von d 
direct aus B erweisen können. Dies zur Entgegnung auf H/s hierauf bezüglichen 



Vorwurf. 



LITTEHATÜK: ZUR KLAGE. 237 

istf habe ich in meinem Vorworte selbst schließlich noch bemerkt. 
Es hätte also des langen Verzeichnisses von Stellen, wo Bartsch die Lesart 
von d genauer gibt, nicht bedurft, um ^die Zuverlässigkeit der aus d ange- 
führten Lesarten zu erschüttern'*. Dies Verzeichniss kann also entweder nur 
den Zweck haben, mein Sündenverzeichniss recht groß erscheinen zu lassen, 
was ich doch nicht wohl annehmen darf — oder Henning hat sich die Mühe 
zum Besten meines Buches gemacht. Nun, wenn das noch lohnt, muß mein 
Buch doch nicht so gar schlecht seini Ich acceptiere diese Verbesserungen also 
mit Dank und bemerke nur für die Besitzer des Buches, die darnach berichtigen 
wollen, daß 2844 die Lesart dciz man da d auf ausdrücklicher Angabe der 
Collation beruht: in den übrigen Fällen bin ich der von mir benutzten Collation 
gefolgt, die immerhin auch an einzelnen anderen Stellen in der Übereinstim- 
mung mit B Hecht haben kann, weil auch Bartsch coUationierte und doch 
wohl nach dem Lachmannschen Texte. Es sind noch folgende unwesentliche 
Nachträge zu machen: 1502 [ne] d. — 1916 deich] daz ich d. — 2568 
[im] d. — 2919 gar] ye ist zu streichen. — In folgenden Fällen beruhen meine 
von Bartsch abweichenden Lesarten auf directen Angaben Starcks: 1373 voarde. — 
1685 diseii] den» — 1692 nimmer] immer, • — 1813 diu nicht die, — 2055 
got iz sie, — 2122 do ye. — 2199 redte. — 2548 hie zu den. — 100 die 
statt sie. 

, Unvergleichlich besser ist Roth's (nicht Franz sondern Karl!) sorgsame 
Abschrift von D, aus ihr ist denn auch Vieles nachgetragen, was in den Les- 
arten von Lachmann und Bartsch fehlt** [oder von Lachmann unrichtig an- 
gegeben war, muß ich hinzusetzen^ vgl. meine Auegabe p. 254^)]: 1118 hat in 
der That D swere, was als Variante nachzutragen ist. 

Es wird mir nun noch eine Reihe von Fehlem in meinen Varianten vor- 
gehalten, von denen mehrere unschuldiger Art sind (AD statt Ad; Bd statt 
D b), indem die Berichtigung sich aus der Stellung der Varianten (links oder 
rechts) ohne Weiteres ergibt. Im Übrigen muß ich bemerken, daß H. „zum 
Nachprüfen nur die Apparate von Lachmann und Bartsch zu Gebote standen", 
deren Übereinstimmung er mir entgegenhält. Da nun aber Bartsch D nur 
coUationierte und I nach Lachmann citierte, so erklärt sich in vielen Fällen 
die Übereinstimmung B. s mit Lm. sehr einfach, ich aber halte die Richtigkeit 
meiner Lesart, gestützt auf mein Material, aufrecht. Dasselbe muß ich nach 
der von mir benutzten sorgfältigen Collation in Betreff meiner Lesarten aus A 
thun^ namentlich in dem Verzeichnisse meiner Abweichungen von Lachmanns 
Angaben. Nur soll bei dieser Gelegenheit ein Druckfehler in eben diesem 
Verzeichnisse berichtigt werden: zu 165 (63) ist ujunne statt trenne D zu lesen, 
wie aus den Varianten neben dem Texte ersichtlich ist. 

Von den p. 140 f. gegebenen „Berichtigungen^, die übrigens nicht 
falsche Angaben, sondern unvollständige Anführung der Varianten betreffen, 
sind die folgenden zu streichen, indem meine Lesart auf der Angabe meines 
Materiales beruht: 1077 hat die Abschrift von B nicht noch. — 1532 hat B 
immer ^ nicht nimmer. — 1567 fehlt dd in B, wie angegeben. — 1592 hat 
P nach meiner Collation, wie ausdrücklich bemerkt alltTy nicht cUter. — 2352 
fehlt in A nach der Collation der künech. — „2697 hat nur B groze^. So 
gab ich auch an. — 755 fehlt allerdings die Variante juncwrowen ABd, 



^^^ LITTERATÜR: ZUR KLAGE. 

WA« ii)>or nicht „in den Text zn setzen war**. — Ich bemerke bei dieser Gele* 
ff<«nhoit duO anch an folgenden von mir gelegentlich notierten Stellen, wo 
mein«» T/«Mrt von der Bartschens abweicht, die meinige auf ansdrücklicheD 
AnffD^H^n meines Materials beruht: 2142 an B, nicht nu>. — 2245 mich eni- 
ki/t in dieser Stellung b. — 2461 kam bd, nicht quam, — 2471 bedumd^ 
auch B. — 2765 triwe B (nicht triwen). — 2766 auch fehlt auch B (?). 

Henning hat mir aber auch in meinem. Texte drei Versehen nachge- 
wiesen. Das erste zeigt sich deutlich als Druckfehler und ist wenigstens un- 
schiidlich. In Betreff der beiden andern muß ich freilich gestehen, daß dfta 
Vorkommen derselben verdrießlich ist und daß ich nicht begreife , wie mir 
diese Schreibfehler trotz aller aufgewandten Sorgfalt haben entgehen können. 
In dem ersten Falle ist Hute aus dem folgenden Verse statt vrowen in den 
Vers 747 gerathen, im andern Falle 940 in statt mit verschrieben. 

Ob aber diese Stellen und die vereinzelten Mängel in den Varianten^ 
die wohl niemals gänzlich zu vermeiden sind und deren ja selbst Lachmann 
noch mehr nicht hat vermeiden können, zu einem so absprechenden Urtheil 
über die Zuverlässigkeit meines Apparates und namentlich die von mir aufge- 
wandte Sorgfalt berechtigen, darüber darf ich das Urtheil getrost den unpar- 
teiischen Lesern dieser Zeilen überlassen. Ich selbst habe mir durch wieder- 
holte Nachprüfung auf etlichen beliebig herausgegriffenen Seiten, wobei sich 
nur öin, auch von H. angeführtes Versehen ergab, die Überzeugung verschaflft, 
daß mein Apparat trotz alledem und alledem zuverlässig und die geringen noch 
übersehenen Mängel ziemlich vollständig von H. aufgedeckt sind. 

Nunmehr wenden wir uns zur Recension meiner Ansichten vom 
Handschriftenverhältnisse und meiner Grundsätze in Betreff der Text- 
kritik (p. 141 f.). Hier wird zunächst die „ Assonanzen theorie" kurz abge- 
fertigt, die übrigens in der vorigen Anzeige eines eingehenderen Widerlegunga- 
versuches gewürdigt ist Es ist zu betonen, daß H. immer einfach in dem 
Vorkommen von Assonanzen den Ausgangspunkt für Bartschens und meine 
Annahme zu finden meint, während doch ich wenigstens darauf das Haupt- 
gewicht leg^e, daß in der Klage die meisten Assonanzen sich nur in einer 
der beiden Recensionen finden, während die andere sie mehr oder minder er- 
kennbar beseitigt hat. Dies und daß ebenfalls bald *B, bald *C Alterthom- 
lichkeiten und seltene Wörter, femer metrische Unebenheiten beseitigt hat, ist 
für mich der Ausgangspunkt gewesen. Übrigens läßt Henning (p. 136 sn 
Lm. 1625) einmal B „den rührenden Reim fortschaffen''. Soll aber nur B 
diese Freiheit haben? Warum nicht auch einmal der Bearbeiter '^B^ wo ^C 
allein den rührenden Reim bewahrt hat? Warum endlich nur rührende Keime 
und nicht auch Assonanzen? 

Nachdem ich im Allgemeinen darauf hingewiesen, daß die große Zahl 
der Stellen y wo die Abweichung sich nur befriedigend erklärt durch An- 
nahme einer gemeinsamen Vorlage (die etwas den späteren Bearbeitern An- 
stössiges enthielt, was sie dann in verschiedener Weise beseitigten), gegen die 
Entstehung sowohl von'^B aus *C, als auch von *C aus *B spricht, sage 
ich: „hierzu kommen aber gewichtigere positive Beweise. Nur erwähnen will 
ich, daß u. s. f." Henning sagt dazu: ^Edzardi lenkt gleich wider ein . . • 
nun kommen diese Stellen, 6 an der Zahl. Aber vielleicht sind sie trota 



LITTERATUR: ZUR KLAGE. 239 

E/s vorsichtigem Ausdruck sehr entscheidend u. s. f.^ Er thnt also, als seien 
dies die gewichtigeren positiven Beweise, während doch die Form des Über- 
ganges zeigen sollte, daß beregter Punkt für mich nur von geringer Bedeutung 
war und daher nur im Vorübergehn berührt werden sollte. Worauf sich obige 
Worte beziehen, das folgt erst p. 12; wo es deutlich heißt: Viel gewichtiger 
als dies ist, daß u. s. f.' und es folgt nun die AnfBhrung der Assonanzen 
und rührenden Reime, die sich nur in öiner Recension erhalten haben, ia 
d«r andern aber beseitigt sind. Diese bilden die Grundlage meiner „Assonan- 
zentheorie" (die dann p. 17 — 40 des Weiteren ausgeführt wird). Dann wird 
zweitens (p. 40 f.) darauf hingewiesen, daß alterthümliche Formen sich 
zuweilen nur in ^iner Recension erhalten haben und wahrscheinlich in der an- 
dern beseitigt sind; drittens das gleiche von alter thümlichen und sei- 
tenen Wörtern, Wendungen und Constructionen (p. 41 — 43) vier- 
tens: das Bestreben den Stil zu bessern ist die Veranlassung zur Ab- 
weichung gewesen, besonders in *C (p. 48 — 45); fünftens wird die Frage 
erwogen, ob dialektische Eigenheiten des Originals einem Bearbeiter 
Veranlassung zur Änderung gegeben haben können (p. 45 ff.). Ist -diese An- 
ordnung meinem Recensenten wirklich nicht klar geworden? Oder hat er alles 
unter zweitens* bis 'fünftens' aufgeführte zur Assonanzentheorie gerechnet? 
Oder hat er Seite 40 — 49 überhaupt übersehen? 

H. scheint in der That jene 6 Stellen, wo ich eine Lücke des gemein- 
samen Originals glaubte annehmen zu müssen ; für das einzige gehalten zu 
haben, was ich mit den 'gewichtigeren Beweisen meinte ; denn nur gegen diese 
wendet er sich. An der ersten Stelle 288 f. findet er „den Sinn in AB so 
gut wie er nur sein kann^. Ich nicht, aber darüber läßt sich nicht streiten. 
— 375 f. i,Niemand wird anstossen, wenn er in AB hier liest: 

Da verlOs der herre Bloedelin der hoehsten und der besten sin 
drizec hundert siner man. 

wol aber hätte Edsardi an dieser Stelle lernen können, daß C 
gerade wider an dem in AB uns vorliegenden Texte herumbessert. Im zweiten 
Halbvers glättet der Bearbeiter von C den Ausdruck von AB, indem er die 
Superlative hoshaten und besten mit den Substantiven vriunde und mäge ver- 
tauscht. Gerade erst durch diese Vertauschung erhielt der letzte Halbvers in 
C sein Schiefes.** [Warum in aller Welt änderte denn aber C?] „Nur bei adjec- 
tivischen Ausdrücken im Vorhergehenden ist das man ohne Anstoß.' Aber ich 
habe ja gar nicht an dem man Anstoß genommen. Ich meine: wie viel man- 
nen verlor Bloedelin denn überhaupt, wenn von den vornehmsten {haüiMten 
unt besten) unter ihnen allein 3000 fielen? Es stand, meinte ich: 

d& verlds der herre Bloedelin 

der hoehsten unt der besten sin 

(gar manche 

und ausserdem) 

drizec hundert siner man. 

3000 vriunde unt mäge schienen '^B zu viel und es machte daraus hoehsten 
unt bestem^ um die Un Wahrscheinlichkeit doch etwas abzuschwächen. Eine 
zweite Möglichkeit , daß nämlich in der gemeinsamen Quelle keine Lü 
sondern nur eine Entstellung anzunehmen sei, ist in der Anm. zu 37^ 



240 LITTERATÜR: ZUR KLAGE. 

mir ausgeführt*). Von der mir zagedachti'ii Belehrung kann ich also in diesem 
Falle keinen Gebrauch machen. — 1285 endlich hat Lachmann fireilich saoi 
Folgenden gezogen. Dies ist aber nach Form und Inhalt unmöglich, wenn aach 
Lachmann durch eine kühne, durchaus nicht gerechtfertigte Umstellung ersteres 
Bedenken beseitigt hat. 

p. 143 heißt es von mir: „mit Ausnahme der bekannten Stellen . . • 
hat er so gut wie gar nicht auf die durchgehenden Merkmale geachtet, welche 
beide Bearbeitungen unterscheiden, ebensowenig auf die durchgehenden MotiTei 
welche den Bearbeiter von C überall veranlaßten auszugleichen, su glätten , an 
erweitem, zusammenzufassen.* Dies ist aber p. 57 — 58 geschehen, ferner p. 56. 
, Ausser den Motiven sachlicher und individueller Art wäre die überaus große 
Kategorie aller der Fälle zu berücksichtigen gewesen , in denen C Stil and 
Wendungen von AB glättet.* Dies ist aber, wie schon gesagt, p. 42—45 
geschehen. Was soll man dazu sagen? Hat H. wirklich die Seiten 
40—45, bezw. 49 gar nicht gelesen, wie ich oben vermuthen mußte? 

Auf obige Sätze, die also ganz ungerechtfertigt sind, wird nun folgender 
Schluß gebaut: «das einzige consequent gehabte Kriterium ist und bleibt die 
Assonanzentheorie.* Ich komme darauf zurück. Hierauf folgen die Wort«: 
„bei den großen Abweichungen ist die Willkür des Herausgebers nicht 
geringer, doch glaubt er übrigens auch selbst nicht bei der Herstellung des 
Originals immer oder auch nur meist gerade das Richtige getroffen zu haben'. 
Es wäre sonach \l) verlorene Arbeit, wollte man alle einzelnen Stellen, in denen 
Edzardi C den Vorzug vor B zuspricht, einer besonderen Widerlegung unter* 
ziehen. Ein Anderer kann mit demselben Rechte andere herausgreifen um von 
ihnen dasselbe zu behaupten. Ich begnüge mich mit der Besprechung der 
paar ersten Fälle u. s. f.** Zunächst in dem ersten der citierten Sätze muß 
doch wohl jeder, der mein Buch nicht liest — und wie viele Leser des Anzeigers 
werden nach solcher Kritik die 10 Mark daran wenden? — meinen, es sei 
von meiner Textherstellung die Rede. Es handelt sich aber um die An- 
sichten, die ich unter dem Texte und im Anhange geäussert habe, was man 
freilich unter Willkür des Herausgebers nicht zu verstehn pflegt. Femer: 
Henning meint, meine Behauptung, man könne die halbe Klage ausschreiben, 
wollte man Beweisstellen dafür vorbringen, daß *C nicht aus *B entstanden 
sein könne, sei „für nicht viel mehr als eine den unbefangenen blen- 
dende Redensart" zu halten. Ich kann diesen nach dem Gesagten weni^ 
begründeten Vorwurf mit besserem Rechte zurückgeben (auch auf das gleich 
folgende Citat aus MüIIenhoffs bekanntem Buche ließe sich die Wendung recht 
passend anwenden). Henning hat nämlich nach dem zweiten der obigen 
Sätze mich nicht verstanden, was ich kaum glauben kann, oder mich nicht 
verstehn wollen. Bei etwas gutem Willen wenigstens wäre ein Mißver- 
ständniss wohl nicht möglich gewesen. Ich sage nämlich p. 38: „daß ich 
nicht glaube bei der Herstellung des Originals immer oder auch nnr 
meist gerade das Richtige getroffen zu haben, brauche ich kaum zu sagen. 
Es lag mir nur daran zu zeigen, daß aus einem so oder ähnlich lautenden 



*) Ich möchte diese letztere nicht mehr aufrecht erhalten und bei dieser Ge- 
legenheit bemerken, daß in jener Anmerkung natürlich der herrt statt mtn herrt sa 
leseu iat 



LITTERATUR: ZUR KLAGE. 241 

Originale die Abweicbungen beider Bearbeitungen sieb ungezwungen erklären 
lassen u. s. f.** und zum Überfluß steht noch im Vorworte: . . . y,daß es nur 
darauf ankomme zu zeigen, daß aus einem so oder ähnlich lautenden Texte 
des Originals der Text beider Bearbeitungen entstehn konnte, ohne daß der 
Text genau so gelautet haben müßte. ^ Damit kann doch nur gemeint sein, 
daß es thöricht wäre, den fortlaufenden Text des verlorenen Originals in solcher 
Weise der Art erschließen zu wollen, daß man denselben etwa in dieser Ge- 
stalt herausgeben könnte. Nioht genau den Wortlaut des Originals, meine 
ich, können meine Herstellungen des Originals immer geben; wohl aber ist mir 
nicht zweifelhaft, daß an solchen Stellen überhaupt eine Assonanz (die an- 
genommene oder eine ähnliche) Grund der Abweichung war. Wie soll man 
nun das „sonach** beurtheilen, mit dem sich H. über eine Widerlegung meiner 
Gründe hinweghilft? 

Er greift nur drei Stellen heraus. In dem ersten Falle erklärte ich mir 
die Sache so — wohlgemerkt: in der Anmerkung, die auf Nachtr. p. 260 
verweist — daß 632 ein Langvers*) gestanden habe, worauf die Enjambements 
in *B {verteilet und wizsen) deuten, indem ^B, was aus dem langen Verse 
entfernt werden mußte, in die vo r hergeh n den Verse hineinschob (die daher 
der Änderung bedurften), während *C es in die folgenden Verse schob, die- 
selben aus dieser Veranlassung seiner Neigung gemäß weitläufig ausführte 
(645 f. = Vrid. 35, 10 f.) und dann die Betrachtung 647 — 676 zum Ab- 
schlüsse der Aventiure anschloß. In den beiden andern Fällen schweigt H. 
über meinen Hauptgrund, deswegen ich die Verse 1165 — 76 C und 1182 — 
95 C glaube für echt halten zu müssen, nämlich die Übereinstimmung mit dem 
ganzen Gedichte in Stil und Wortschatz, deren Beobachtung überhaupt für 
mich ein wesentliches Kriterium war, was HL unschwer aus den Anmerkungen 
hätte sehen können. 

Ich citierte schon den Satz: „das einzige consequent gehandhabte Kri- 
terium ist und bleibt die Assonanzentheorie. " Darauf heißt es weiter: .im 
Übrigen ist der kritische Aufwand ein bescheidener und oberflächlicher." An 
einer andern Stelle (p. 148) m^nt H., so weit er habe erkennen können, sei 
mein einziger kritischer Grundsatss der „keineswegs sehr präcise^, daß, wo Grund 
zu einer absichtlichen Änderung nicht zu ersehen ist, *C in der Regel 
die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, wo aber ein solcher Grund vorzu- 
liegen scheint y in der Regel ^B das Ursprüngliche bewahrt.' Nun geht aber 
aus meiner Behandlung des Textes hervor und war auch wohl aus S. 83 der 
Einleitung herauszulesen , daß ich zu so gar subjectiven Momenten nur griff, 
wo nicht ein anderer triftiger Grund für oder gegen die eine Recension zu 
sprechen schien. Ich muß nach Allem annehmen, daß H. von meinen Anmer- 
kungen nur wenige zu lesen sich die Mühe genommen hat. Ein sehr wesent- 



*) Meine Ansicht, daß im Original der Klage noch einige alte Langverse ge- 
standen haben (die sich, so weit sie wenigstens auf die Teztherstellung von Einfluß 
gewesen ist, auf die handschriftliche Oberlieferung stützt), findet H. verkehrt und 
merkwürdig. In einem Gedichte von 1170 — 1180 ist dergleichen, meine ich 
türlich. Finden sich doch noch in Wemhers etwa gleichzeitigen Marienlie«' 
überlangen Verse, wenn auch häufig nur mit 6 statt 7 Hebungen und v 
von mir in der Süage angenommenen fast immer am Behlnße einer Redi 
Abschnittes in der Erzählung. 

OERMANLL Nea« R«Uie IX. (XXI. Jahxf .) \^ 



242 LITTERATÜR: ZUR KLAGE. 

liches Kriterinm bot mir n&mlicb Stil und Sprachgebrauch der Klage, in Betreff 
deren ich gründliche Untersachnngen angestellt habe, die ja auch H.8 Beifalb 
sich erfreuen. Wo dies Kriterium aber für mich entscheidend war, ist es wohl 
immer in den Anmerkungen angegeben. Femer volksthümliche Wörter 
und stabreimende Formeln sind zwar kein Kriterium ersten Banges, aber immer* 
hin nicht dadurch zu entkräften, daß für *C eioe erneute Berührung mit 
Yolksthümlicher Dichtung als ein Charakteristicum betrachtet werden müsse; demi 
es wird dafür nur die Berührung mit dem Freidankschen Sprüchen angeführt, auf 
die übrigens ich (p. 263) hingewiesen hatten Die metrischen Beobach- 
tungen femer, welche mich bei der Herstellung des Textes mehrfach leiteten, 
sind gewiß nicht mit einem was kann es verschlagen? abzuthun. Denn da die 
zweite Senkung in ^C nur 55 mal, in *B dagegen 137 mal, die erste Sen- 
kung in *C nur 33 mal, in *B aber 68 mal; der Auftakt aber in *C nur 
18 mal, in *B aber 101 mal fehlt, wo ihn die andere Rccension hat — so 
wird wohl kein Unbefangener das Yerhältniss von *C : ^B = 55 : 137, 33 : 68 
= 18 : 101 für zufällig halten. 

Endlich in Bezug auf die Abwägung der mit verschiedenen Lesarten 
sich gegeuüberstehnden Handschriften- Grappen habe ich zwar nicht ausdrücklich 
gesagt, welchen bestimmten Grundsätzen ich gefolgt bin, weil sie nach meiner 
Ansicht sich von selbst verstanden ; aber bei etwas gutem Willen hätte H. auch 
diese wohl «erkennen können. Im Grunde will er wohl nur darauf hinaas. 
daß ich die Stellung von A nicht noch einmal erörtert habe, denn im Übrigen 
ist dies für die Hss. der Gruppen *B und *C von mir geschehen. Hat er 
aber im Ernst erwartet, daß ich alles darüber Gedruckte noch einmal sagen 
sollte? Fast möchte ich vermuthen, daß t*r zu scherzen beliebt, indem er p. 144 
sagt: n^er, wie Bartsch und Edzardi, bei einem so wichtigen Gegenstand 
fast alle bisherigen Grundanschauungen [doch wohl höchstens der stren- 
gen Laclimannianer?] in Frage stellt, hat die Pflicht, den Beweis der zu seinem 
Resultate fuhrt von vorae anzufangen und bis ans Ende durchzuführen.^ 

Nun, die Sache liegt so: unter den Hss. der Grappe *B ist eine, A, 
von nicht unbedeutendem Werthe, aber sehr flüchtig geschrieben, hat häufig 
allen Andern gegenüber offenbare Fehler und, wo auch das nicht gerade an 
sagen ist, steht sie doch häufig allein mit Lesarten, die sehr wohl Abänderungen 
sein können oder sich deutlich als solche zeigen. Wenn man von der 
Gleich werthigk ei t der beiden Gruppen ausgeht, kann also A nur als eine be- 
achtenswerthe Hs. der Gmppe ^B gelten. Wer anderer Ansicht ist, muß seine 
Ansicht erweisen: so steht die Sache. Und einen solchen Nach «reis hat H. in 
der That versucht. Es ist nicht schwer seine Gründe zu widerlegen. 

Er behauptet , alle Hss. ausser A gehn auf ein gemeinsames Original 
zurück (p. 145>, welches ebenso wie A aus der schon verderbten Grundhs. 
abgeschrieben ward. Um das zu erweisen hätte H. viele Fälle anführen müsseni 
wo A deutlich allein die echte Lesart hat, alle andern aber eine Entstellung, 
und zwar die gleiche, zeigen. Solche sind p. 145 zwar nicht beigebracht, wohl 
aber in der vorigen Anzeige p. 134. An den dort angeführten Stellen (160, 
243, 338 [nach Bartsch] u. s. w.) in den gar nicht einmal sehr hervortretenden 
Tautologien, die nur A hat, Alterthümlicbkeiten zu sehen, die in allen andern 
Hss. beseitigt seien, dazu sehe ich keinen Gruud. Viel näher liegt es doch 
bei dem bekaDDten Charakter der Hs., diese Unebenheiten im Ausdruck d«r 



UTTEßATUR: ZUR KLAGE. 243 

Flüchtigkeit des Schreibers zur Last zu legeo. 869 (969) mag A mit wirt 
statt kunec (wie ich schon angedeutet) das Echte allein bewahrt haben. In dem 
gleichen Falle ist aber D (2691) 2965, wo diese Hs. ebenfalls allein imV/ hat, alle 
andern kunec. Für D wird H. aber aus dem gleichen Falle wohl nicht den 
gleichen Schluß ziehen wollen. So ist also anzunehmen , daß auch 869 die 
andern Hss. übereinstimmend auf die naheliegende Änderung in kunec geriethen, 
wie *B (1628) 1840 wirt durch kunec ersetzte« Ebenso map: es 932 (1032) mit heU 
und 1540 (1752) mit degen stehn, wenn hier A wirklich das Ursprüngliche 
bewahrt haben sollte. Daß gremlich (A) in B durch andere Adjectiva ersetzt 
wird, ist richtig. Das aber die andern Hss. hierin meist zu A stimmen, mußte 
dazngesetzt werden, denn dadurch verliert dieser Fall hier alle Beweiskraft. 
Daß der Uote das Beiwort edele zukommt (während A schäme setzt), zeigt der 
Stabreim; s. meine Ausgabe p. 63, Germ. XVIII, 426. 

Das zu HCl f. (1229 ff.) Gesagte brauche ich wohl nicht zu wider- 
legen ; ist wirklich gelangen dem Sinne angemessen , so konnte A bei Beseitigung 
der Assonanz um so eher darauf verfallen. Daß 1114 (1242) er (A) dem der 
kunic der übrigen Hss. vorzuziehen sei, werden auch wenige glauben. In 1102 
(1230) ist mir Lachmanns ^schöne Conjectur veigen statt Jringe doch zu 
scharfsinnig. 

1325 (1521) helt (A, sonst alle hie) könnte das echte sein, wenn die zu 
erweisende Stellung von As{chon erwiesen wäre. An sich kann es aber nichts 
beweis- n, denn A oder seine Vorlage kann auch den Fehler des gemeinsamen 
Originals in dieser sehr natürlichen Weise verbessert haben. 4194 (4556) 
daz in daz leit nider »alt (nicht schalt) A, allerdings ein sehr merkwürdiger 
Ausdruck , meint U. und versucht dann eine sehr gezwungene Erklärung , zu 
der man vielleicht greifen müßte, wenn die Vorzüglichkoit von A und die be- 
hauptete Stellung der Hs. schon erwiesen wäre. Aber selbst wenn es mit der 
Sorgfalt und Zuverlässigkeit von A nicht sehr mißlich stände und wenn nicht 
sonst Alles gegen jene Stellung von A spräche, selbst dann würde sich doch 
nur über eine ganze Reihe derartiger Fälle allenfalls reden lassen. So aber 
sind die beiden letzten Punkte keine stärkeren Beweise, als sie sich zahlreich 
auch für B und C, ja selbst für D (z. B. 2965) und d (z. B. 19) anführen 
Hessen, und man wird also darin nur selbständige Änderungen von A sehen 
können. Ob unt 2078 (2310) falsch ist, ist noch sehr die Frage; 192 ff. (234 ff.) 
wird schwerlich etwas entscheiden können; zu 3254 (3560 f.) habe ich eine 
Erklärung gegeben, nach der gerade B und C den in Folge eines alten Schreib- 
fehlers oder Mißverständnisses verderbten Text zeigen, während A deshalb 
änderte. 

Was nun H.s dritten Absatz auf p. 137 betrifft, so ist 827 (927) in die 
wile unt (A) unt in allen andern Hss. durch daz ersetzt zur Ausfüllung der Sen- 
kung. — 2330 (2580) ist unt doch wohl falsch. — 2701 (2975) unt A, unt ob 
die andern Hss. Entweder ist ob eingeschoben, weil sonst Auftakt und zweite 
Senkung fehlte, oder A ist nur flüchtig gewesen, da es im selben Verse auch 
niht ausläßt, so daß doch, welches auch A im folgenden Verse hat, in A sinn- 
los wird. ^ 3406 (3712) hat k unt ^ allen Hss. außer B inü), — 2226 
(2472) hat A in dem ano xovvov vielleicht das echte erhalten (wie ich schon 
in der Anmerkung vermuthcte)> während alle andern Hss. ( ^nliche 

Construction übereinstimmend beseitigt haben können. — V ^4-); 



244 LITTERATUR: ZUR KLAGE. 

fiii7 die echte Lesart Ut, so theilt A dieselbe mit Dbd, also mit allen Hsa* 
der Gnippe außer B. — Ob 2893 (3179) und 3082 (3380) die Lesart wmt A 
die ältere ist, ist mindestens sweifelhaft — Wenn 3294 (^3600) [st] das echte 
wäre, theilte A diese Lesart wenigstens mit d. — 330 (374) steht A nor Bd 
gegenüber, da *0 die Verse fehlen; das will also nicht Tiel sagen. — 883 
(923; und 837 (937) hat A wirklich das echte? — 2848 (3132) stimmt d an A. 
1794 (2018) dm fehlt wohl eher durch Nachlässigkeit in A. — 2753 (8035) 
wäre immerhin möglich, daß die Lesart yod A in den andern Hss. doreh Aus- 
füllung der Senkung beseitigt wäre. Doch ist mir wahrscheinlicher, dafi hier 
wie oft der Schreiber von A aus Versehen umstellte. Dasselbe gilt yod 3445 
(3751). — 3523 (3853) steht Ad nur B gegenüber; alle andern Hss. haboi 
die Stelle gar nicht oder doch in anderer Fassung. 

Weiter sollen A und die Hs. B (gegenüber andern Hss. der Qrappe) 
gemeinschaftliche Fehler haben. Aber zu 200 kaon beiagi in A and B an- 
fällig übereinstimmend für betagt verschrieben oder das (in dieser Bedeutung) 
ungewöhnlichere betagt ebenfalls zufallig übereinstimmend durch bejagt ersetrt 
sein. Die Lesarten Ton a (ss tage beiait) und Ton D (berait) sind zu be- 
achten. Zu 338 und 425 halte ich meine Lesarten aus d aufrecht. Daß nam • 
läßt vermuthen, daß H. noch andere Beweise in petto hat. Aber warum bringt 
er sie nicht? Wollte man Raum sparen, so war es hier schlechter angebracht 
als anderswo. — Femer sollen mehrfach nur AB die richtige Lesart bewahrt 
haben. Wo man das mit Bestimmtheit sagen kann, da ist eben die Lesart 
von AB alterthümlich oder in irgend einer Art ungewöhnlich (wie 941 A0* 
•lagen^ 1535 die m\ne^ 3899 sunderlingen) und die andern Hss. haben sie, zu- 
fällig in einer naheliegenden Änderung übereinstimmend, beseitigt. — 4689 
halte ich »agen für die ursprüngliche Lesart (s. Einl. 16); 2641 finde ich die 
angeführten Worte nicht; 2716 haben Db oder nicht unt (beide Wörter 
wurden zur Ausfüllung der Senkungen eingeschoben); 2929 stimmt D an AB 
(^D scheint H. überhaupt nicht recht zu berücksichtigen); 3776 ist zweifelhaft 
ob gelegen das echte ist; 4467 hängt die Auslassung von unt mit einer Än- 
derung im Torhergehnden Verse zusammen, in d dagegen ist unt durch Ver- 
sehen ausgefallen. Es bleibt also nur 4694 das gewilS nicht entscheidende brievem 
AB, gegen prGefen Cal, was ich aus prieven zu erklären suchte. 

„Entschieden am nächsten verwandt mit B ist d** und doch soll d mit 
IC .auf ein gemeinsames Original zurückgehen" (p. 146^. Aber 4467 bewetst, 
wie gesagt, nichts und sonst finde ich keinen Beleg für letztere Annahme. — 
DaB ABd mehrfach *CI gegen überstehn , ist gewiß richtig und von mir bei 
der Herstellung des Textes wohl in Betracht gezogen; ich finde aber unter 
den Ton H. p. 146 aufgezählten keinen Fall, wo nicht diese Lesart entweder die 
echte sein oder für eine zufällig übereinstimmende, weil nahe liegende Andernngy 
gehalten werden könnte. Für die echte halte ich die Lesart von ^01 3883. 
3942, 4086 (A: ob nu werte), 4804; 4309 steht B*C gegen Ad; 4063 
stimmt I nicht genau zu *C (tz mähte *C, machet et I). — 3132 kann 
vreudehaftem sehr wohl in *C und I zufällig übereinstimmend durch das ge* 
wohnlichere vrceltchem ersetzt sein. (Erstcres wäre also hier wohl besser in den 
Text zu setzen.) Dafselbe gilt von 2541. Aus metrischen Gründen erklärt 
sich die Änderung 919, 3469 (H. hätte angeben müssen: mir wolivil wol) 
BS9B, 4015 (sollte heißen: der was : iros noch). 3532 finde ich die citierteD 



LTTTERATUR: ZUR KLAGE. 245 

Worte nicht. Die andern Punkte aber (181, 943, 949, 4083) sind so unwe- 
sentlich, daß sie nach keiner Seite hin etwas beweisen. — Was zu 4319 f. (p. 146) 
der Satz bedeuten soll: „merkwürdig ist nur das gemeinsame Fehlen von 4319,20 
(It, 1884), doch darf auch dies bei dem löckenvollen Charakter ron 
I nicht urgiert werden", daß bekenne ich nicht zn verstehn. In I stehnja 
eben die Verse, sie fehlen in d. 

Hier brechen die Beweise ab und es ist doch — nach meinem Urtheil 
wenigstens — noch nichts bewiesen. Und dennoch soll „dies Handschriften- 
verhältniss gegen Barlschens und Edzardis ganze Hjpothese erschwerend ins 
Grewicht fallen.* — Nehmen wir einmal an, H. hätte seine Behauptung er- 
wiesen: wie wfirde sich dann nach seiner Ansicht das HandschriftenTerhältniss 
gestalten? Alle Hss. gehn auf ein gemeinsames Original zurück (p. 132), aus 
dem die gemeinsamen Fehler stammen. Auf dieses geht A direct zurück, alle 
andern wider durch ein ihnen gemeinsames Original (p. 145). AB stehn ein- 
ander am nächsten (p. 145), IdC gehn wider auf ein gemeinsames Original 
zurück (p. 146); d steht aber doch AB am nächsten (p. 146). Ob die com- 
plicierten Annahmen in Betreff der Hss. d und I, die H. bei meiner Ansicht 
für nöthig hält, wirklich nöthig würden, wenn obiges richtig wäre, das will 
ich hier nicht untersuchen. Die Erklärung, ^bei der ich mich beruhigen 
möchte", ist die, daß d zur Gruppe *B gehört und zwar speciell mit Hs. B mit- 
telbar auf die gleiche Vorlage zurückgeht. Denn irgendwie zwingende Beweise 
für ein gemeinsames Original* Cid habe ich in der Klage nicht gefunden. 
Daß Id imLiede*C benutzt haben müsse, davon bin ich keineswegs über- 
zeugt, glaube vielmehr die Möglichkeit wohl in Erwägung ziehen zn müssen, 
daß Id = im Liede das Ursprüngliche bieten, sofern zufällige Überein- 
stimmung ausgeschlossen ist (s. meine Einl. p. 79, Vorw. VII f.). Wenn aber 
auch wirklich das von mir bezweifelte Yerhältniss im Liede anzunehmen sein 
sollte, so ist das gleiche damit doch noch nicht für die Klage erwiesen. Wahr- 
scheinlich mag es sein, daß Lied und Klage, in derselben Hs. erhalten^ auch 
dieselben Schicksale gehabt haben: beweisen kann aber nur das Hand- 
schriften verhältniss in der Klage selbst, zumal bei einer Sammelhandschrift, 
wie d es ist. Daß übrigens in d die Klage (nach Lm. auf Bl. 131 — 139) 
nicht unmittelbar auf das Lied (nach Lm. auf Bl. 95 — 127) folgt (vgL d. 
Nachtrag) scheint mir eher darauf zu deuten, daß die Klage aus einer andern 
Hs. abgeschrieben ward« 

H. selbst „kommt mit der einfachen (?) Annahme aus , daß das Original 
von I auf Grund der gleichfalls verlorenen Vorlage von Od gearbeitet wurde, 
während C andererseits wieder auf jenes Original von I zurückgeht.* 

Er stellt folgenden Stammbaum auf: 




246 UTTGRATUR: ZUR KL.AOE. 

Nacb den wenigen Andeutungen, die er darüber macht, glanbe ich 
80 yerstehn zu müssen : aus einer fehlerhaften Abschrift der Urhandschrift ward 
A abgeschrieben. Aus A entstand (unmittelbar?) B. Nun aber? Ist gemeiiity 
daß die verlorene Vorlage Ton d aus B mit Hinzuziehung von entstanden 
sei? Ich glaube es annehmen zu müssen. Diese verlorene Vorlage von d ward 
wieder umgearbeitet und die so entstandene, übrigens verlorene Hs. war die 
Quelle von L Auf jenes verlorene Original von I geht C zurück. (Von *D 
erfahren wir nichts.) „Immerhin sehr unwahrscheinlich" und eine recht «COB- 
plieierte Annahme*', wenn ich H. recht verstehe. Daß es mir schwer wird, 
ihn zu vcrstehn, liegt vielleicht an mir; dennoch hätte H. gut gethan, seine 
Ansicht über eine so wichtige Frage recht klar und faßlich vorzutragen, xs- 
mal es bei den Gegnern der A-Hypothese bekanntlich mit dem Fassungsver- 
mögen nicht sonderlich bestellt ist. H. selbst trägt diese Lehre in folsrender 
Fassung vor: .Nach solchen Erwägungen müssen wir an Lachmanns Retoltat 
festhalten, daß allen übrigen Handschriften zusammen noch nicht der gleiche 
Werth wie A zukomme. ** 

Mein Standpunkt, den H. als „nur in sehr bedingtem Maße kritiaeh' 
bezeichnet — mit welchem Rechte mögen andere nach Obigem und nacb fol- 
gendem entscheiden — war, um es noch einmal deutlich zu sagen , dieser: wo 
die Hss. B und C übereinstimmen, zumal durch andere Hss. der Gruppen *B 
und *C gestützt, da haben sie Recht, so fem die etwaige Ubereinstimmnng 
der Hs. A mit andern sich als eine zufällige erklären läßt; sie haben Unrecht, 
sofern «lies nicht der Fall ist, wohl aber die Übereinstimmung von B und C eine 
zufällige sein kann. Hat eine der andern Hss. (I oder Gruppe *D) etwas be- 
sonders alterthümliches und gehn die Gruppen *B und ^C auseinander oder 
sie treffen in einer naheliegenden Änderung zusammen, so ist in der Begel 
jene Lesart vorzuziehen. 

Wenn H. meint, man müsse von jedem Standpunkt aus dahin geführt 
werden, „daß die UbercinstimmuDg von A und d die Fehlerhaftigkeit der Ab- 
weichungen des dazwiscbcnliegi'nden B beweiut^, so scheint er *C und meine 
Ansieht über diese Gruppe ganz vergessen zu haben. Unter allen von ihm 
(p. 148) aufgezählten 57 Fällen, wo A durch andere Hss. bestätigt werden 
soll, habe ich übrigens in 24 diu Lesart von A in den Text gesetzt^. 
An den andern Stellt-n stand B = *C gegen Ad 100, 680 u. s. f.; Bd*C 
gegen ADb 2302; BDb*C gegen Ad 1831, 2282, 2536; 1145 fehlt wellei 
in A sinnlos, in allen andern steht es richtig, nur B hat tcccnet'^ 2263 gevremdei 
Bbdy gefrumdet D, gefrumt A, gcfrumet Ca. Hier ist das seltenere gevremdei 
vermieden (s. d. Anm.); ähnlich 2688 wedere in Abd gegen B*C; 8110 
weichen ADbd von Gab ab (naheliegende Ausfüllungen der Senkungen), B 
allein hat das Richtige u. s. f. — Aber ich lasse mich auch gern belehren and 
gebe zu, daß 282 fcol hcet gescheiden von Ad in den Text zu setzen, 1148 
mich nach Ad = ^C im Texte zu streichen sein wird; vielleicht haben auch 
1585 Ad mit unt (gegen wand BDPb*C) und 3065 mit diu (fehlt B) 
der der übrigen Hss. recht. 



♦) So auch, wo otfenbarc Fehler in B vorliegen 161, 370, (915), 1724, 2275, 
^934&), 2655. 



LITTERATUR: ZUR KLAGE. 247 

Es lag nur in meiner Absicht, die von H. erhobenen Bedenken ab nn- 
gerecbtffcrtigt zurückzuweisen, nicht aber Alles, was ich oder andere für die toh 
mir vertretene Ansicht vorgebracht haben, noeh einmal vorzutragen. Auf ^inen 
Punkt muß ich hier aber doch hinweisen, weil er entscheidend ist. An der 
bekannten Stelle 3800 ff. hat offenbar '^'C den echten Text, während die ganze 
Gruppe *B (mit A) einen deutlich durch Abirren des Schreibers entstellten 
Text bieten. Dies allein genügt zum Beweise, daß *C nicht ans AB ent- 
standen sein kann (vgl. meine Ausgabe p. 56). 

Ich habe nun noch einer gelegentlichen Erwähnung zu gedenken, die H. 
in der vorigen Anzeige meinem Aufsatze „über Biterolf und Klage^ (Germ. XX, 
9 ff.) zu Theil werden läßt. Ich bin hier in der eigenthümlichen Lage , eine 
Ansicht Lacbmanus gegen seine Schule zu vertheidigen, wenn auch mit neuen 
Gründen und etwas modificiert. Grimm und Lachmann meinten nach man- 
•eherlei Übereinstimmonp^en , Biterolf und Klage seien vom gleichen Verfasser; 
Jänicke wies nach, daß dies nicht möglich, mußte aber „ dabei stehen bleiben, 
daß jene Übereinstimmungen auf gleiche Heimath und Schule ihres Verfassers 
zurückzuführen seien. ^ Ich suchte beide Ansichten so zu vereinigen, daß ich für 
das Original der Klage von 1170 — 80 und för das Original des Biterolf den 
gleichen Verfasser annahm. Das Original der Klage ist aber kein so gar 
imaginäres Ding, sondern was in *B und ^C übereinstimmt, muß im Großen 
und Ganzen der Wortlaut dieses Originals gewesen sein. In der erhaltenen 
Gestalt des Biterolf sieht man aber auch allgemein eine Überarbeitung. Vom 
Überarbeiter rühren nach Jänicke (XX) die beiden ersten Aventiaren her; also 
auch hier hat man etwas Handgreifliches. Warum ist denn also meine Ansicht 
so gar abenteuerlich, wie es nach H.s Worten scheinen muß: „man nimmt es 
mit diesen verlorenen Schriftstücken nicht so genau und combiniert dieselben 
nach Wohlgefallen. Schon hat Edzardi entdeckt u. s. f.?" — Was über Obiges 
hinaus geht, habe ich nur als bescheidene Vermuthung vorgetragen. — Weiter : 
Diese Ansicht suche ich zu stützen durch eine Reihe von Übereinstimmungen 
in ganzen Sätzen, im Ausdruck, im Wortschatz, die H. als ähnliche, halb- 
ähnliche, unähnliche Redewendungen zu bezeichnen beliebt, welche er mit dem 
Hinweis auf die formelhaften Wendungen und Viderkehrenden Phrasen der 
Epik abfertigen zu können meint. Die Formelhaftigkeit namentlich der volks- 
thümlichen Epik ist mir nun freilich nicht unbekannt. Aber die angeführten 
Sätze, Wendungen etc. hielt ich nicht für solche 'widerkehrenden Phrasen', 
wie ich (p. 16) ausdrücklich gesagt habe. Wörter wie toumeny bediuwen, 
kofiemäc^ enblandenj beneben y enthalten (= Aufenthalt gewähren), widenoinne, 
vreide (Adj. u. Sbst.) widerholen sich eben nicht unausbleiblich in der Lit- 
teratur , sondern kommen ausser Biterolf und Klage zum Theil ^ar nichti zum 
Theil doch nur verhältnissmässig selten in der mhd. Litteratur vor u. s. f. 
Wenn daher H. „sich anheischig macht, mit solchen Gründen die Autor* 
Schaft desselben Dichters auch noch für alle übrigen größeren volksthümllchen 
Gedichte des Mittelalters gerade so wahrscheinlich zu machen **; so ist das sehr 
leicht gesagt und klingt sehr schön — auf die Ausführung aber dürfte man 
gespannt sein. 

D&r ganze Ton endlich, in dem dieser Passus gehalten ist, in Verbindung mit 
den Anführungszeichen, mit denen H. meine Worte selbständige Untersuchungen 
p. 148 (und 14lJ auszeichnet, müssen wol auf die meisten Leser den Eindruck 



248 MISCELLEN. 

machen, sltt sollte ich hier als ein gedankenloser Nachbeter Bartschent gekenn- 
zeichnet werden. Sollte wirklich diese Absicht vorgelegen haben, so kSimte 
ich H. nur yersichem, daß es meine Art nie gewesen ist, eines andern An- 
sicht gedankenlos nachzubeten. Vielmehr bin ich immer meine eigenen Wege 
gegangen, die mich manchmal zn Besultaten gefuhrt haben, die andere sonder- 
bar finden, die mich aber zu meiner Freude auch nicht selten, wie in diesem 
Falle mit andern Forschern zusammengeführt haben, deren Urtheil ich mit 
Grund schätze. Ich weiß sehr wohl, daß ich nicht immer das Richtige tiefieii 
werde, und werde daher für jede Belehrung stets zugänglich sein — nor mnA 
es mit bessern Gründen und in anderm Tone geschehen ab hier. 



Nachtrag. Lachmanns Angaben beruhen wohl auf denen Pri missen 
in BSschings „Wöchentlichen Nachrichten** I, 388. Man könnte Termatheii| 
d^ß Blatt 127 — 131 für die fehlenden letzten Aventiuren 37 — 39 leer ge- 
lassen seien. Doch würden diese den Raum weitaus nicht gefüllt haben, indem 
auch für die Aventiurcn 30 und 32—34 (nach Bartsch, Nib. N. II, 1, 224) 
▼iel weniger Raum frei gelassen ist. In Betreff dieses Punktes und etlicher 
Variantendifferenzen gegenüber Bartschens Ausgabe mir Gewißheit zn verschaflfen, 
hatte ich schon im Mai in Wien die nöthigen Schritte gethan. Es ist daher 
nicht meine Schuld, sondern die Folge ungünstiger Umstände, daß ich auch 
heute, da obige Bemerkungen mir zur Correctur vorliegen, noch nicht im 
sitze der betreffenden Angaben bin. 

LEIPZIG, den 13. Juli 1876. A. EDZARDL 



MISCELLEN. 



Oermaniitisohe VorlesuDgen im Sommer-Semester 1876. 

Vergleichende Grammatik und Sprachwissenschaft: Ver^ 
gleichende Grammatik der indogerm. Sprachen: Wien-Müller; Einleitung in 
dieselbe: Kiel-Pischel ; Münster- Jacobi ; ausgewählte Capitel: Greifswald-Böfer ; 
Übungen im Gebiete der vergleichenden Lautlehre: Göttingen-Bezzenberger; über 
die Aufgaben der vergleich. Sprachwissenschaft: Königsberg-Merguet; Einleitung 
in die Sprachwissenschaft: Bern-Rohr; Halle- Pott; Cours de glossologie: Straß- 
burg-Bergmann. 

DeutscheGrammatik: Berlin-Müllenhoff; Czemowitz-Strobl; Göttingen- 
Müller; Leipzig-Zamcke ; altdeutsche Grammatik: Graz- Schönbach; Entwicklung 
der Laute und Formen vom Gotischen bis zum Neuhochdeutschen: Zürich- 
Schweizer- Sidlcr; ausgewählte Capitel der deutschen Grammatik: Halle- Zacher; 
Einleitung in die deutsche Grammatik: Breslau- Weinhold. — Deutsche Syntax: 
Bonn-Andresen ; Kicl-Groth. 

Gotische Grammatik: Bonn - Birlinger ; Innsbruck - Zingerle ; Jena- 
Sievers; Rostock-Bechstein ; Übungen in got. Grammatik: Kiel-Möbius; Ter- 
gleich. Grammatik der got Sprache: Graz-Schmidt. 



MISCELLEN. 249 

Altbochdeutscbe Orammatik: Basel-Heyne. 

Mittelhochdenttche Grammatik: Basel-Hejne; Mfimter-Storck; 
Prag-Kelle; Einleitong : Jena-Sievers. 

Altsächsische Grammatik: Gottingeo-Wilken. 

Mittelniederländische Grammatik: Straßborg-ten Brink. 

EngliscbeGrammatik: Breslau-Kölbing ; Greifs wald-Schmits; Heidel« 
berg-Ihne; Rostock- Lindner ; Gescbicbte der engl. Sprache: München-Brejmann. 

Altnordische Grammatik: Bonn* Aufrecht; Erlangen-Raumer ; Göt- 
tingen- Wilken ; Eiel-Möbios; Wfirzborg-Lexer. 

Schwedische Grammatik: Berlin (Akad.)-Nordenskjöld. 

Deutsche Mythologie: Halle-Zacher; vergleich. Mythologie: Berlin- 
Steintbal; Mönchen-Bach. 

Deutsche Alterthümer: Breslau- Weinbold ; Germanische Bodenalter- 
tbOmer: Jena-Klopfleiscb; Tacitus* Germania: Basel-Meyer; Freiburg-Amira ; 
Gießen-Clemm; Zuricb-Schweizer«8idler ; Culturgeschicbte des Mittelalters: Mfin- 
•ter-Nordboff; von 1450—1550 (2. Theil): Zarich-Vögelin. 

Deutsche Rechtsquellen: Basel -Heusler; Freiburg-Buß; Gottingen- 
Frensdorff; Wien- Siegel; Sachsenspiegel: Halle- Boretins; Leipzig-Höck ; schwei* 
leriscbe Rechtsquellen: Zfirich-Orelli. 

Deutsche Litteratnrgeschicbte: althochdeutsche: Prag-Kelle; neuere 
Litteraturgeschichte : Innsbruck -Zingerle; der Reformationszeit: Bern-Schöni; 
des 16. Jahrhunderts: Göttingen - Goedeke ; des 16. und 17. Jahrhs.: Würz- 
burg-Schmidt; vom 17. Jahrb. an: Göttingen-Tittman ; von 1720 bis zur Ge- 
genwart: Gießen- Weigand; seit Anfang des 18. Jahrhs.: Bem>Birzel; seit Mitte 
des 18. Jahrhs.: TQbingen-Keller; zur Zeit Lessings: München -Bemays; von 
Lessing bis Goethes Tod: Berlin-Geiger; bis zur Gegenwart: Göttingen* Bohtz; 
des 19. Jahrhs.: Breslau-Bobertag ; Wien-Tomaschek ; zu Goethes und Schillers 
Zeit: Zürich -Hon egger; Lessings Nathan: Bonn-Reifferscheid ; über Goethe und 
•eine Zeit: Kiel-Grotb; Goethe und Schiller: Heidelberg-Laur; von 1794 bis 
1805: Czemowitz-Strobl ; über Goethe bis zur Italien. Reise: Basel-Heyne; 
über Werther: Würzburg -Schmidt; Goethes Gedichte: Prag-Lambel; über 
Faust: Heidelberg-Reichlin Meldegg; über Schiller: Tübingen- Köstlin. — Ge- 
schichte der großen Sagenkreise des Mittelalters: Breslau-Kölbing; über das 
deutsche Volkslied: Bonn-Birlinger. 

Englische Litteraturgeschichte bis 1525: Berlin (Akad.)-8chmidt. 

Deutsche Metrik: Heidelberg -Bartsch; Zürich -Vetter; mittelhoch- 
deutsche: Marburg- Lucae. 

Sprachdenkmäler: 

Gotische: Erlangen-Raumer; Graz-Schmidt; Rostock- Bechstein; Evang. 
Marci; Bonn-Birlinger. 

Althochdeutsche: Greifswald- Vogt; Otfrid: Bonn-Birlinger; Tübingen- 
Keller. 

Mittelhochdeutsche: Bem-Hirzel; Erlangen-Raumer; München-Hof- 
mann; Zürich-Tobler; des 12. Jahrhs.: Königsberg- Schade. 

Hartmanns Gregor: Greifswald-Höfer; Jena-Sievers; Iwein: Bonn- 
Reifferscheid; Prag-Kelle; armer Heinrich: Prag-Martin. 

Kndrun: Greifswald- Wilmanns; Münster- Storch ; Zürich-EttmüUer. 
Minnesangt Frühling: Prag-Lambel. 



250 MI8CELLEN. 

Nibelangealied: Bonn-Simrock; Oießen - Weigand ; Königsberg- 
Schade; Marbui^-Loicae ; Prag-Martin; Straßborg-Scherer; Wien-Heinzel ; Ein- 
leitung und ausgewählte Stücke: Freiburg-Paul; Wurzburg-Lexer« 

Walther Ton der Vogelweide: Basel-^Meyer; Heidelberg-Bartsch; 
Zürich-Vetter. 

Wolframs Parnyal: Breslau- Weinhold ; Göttingen-Müller; Leipxig- 
Zamcke; Zürich- Ettmüller; III. and IV. Buch: Bonn-Birlinger; Willehalm: 
Straßburg-Steinmejer. 

Altsächsische: Heliand: Breslau-Kölbing; Freiburg-Paul ; Göttingen* 
Wilken. 

Angelsächsische: Basel -Heyne; Berlin (Akad.)-Zemial (nach Zu- 
pitza); Beowulf: Berlin-Müllenhoff; Münster-Suchier ; Straßburg-Steinmeyer; Ein- 
leitong: Prag-Martin. 

Altenglische: Basel-Heyne; Wien^ZupitKa; Chaucers Canterbury tales: 
Berlin CAkad.)-Herrig. 

Altnordische: Bonn- Aufrecht (nach Dietrich); Prosatexte: Göttingeo- 
Wilken; Hävamäl: StraGburg-Bergmann. 

Übungen in Seminarien, Gesellschaften, Sodetäten, Kränzchen werden 
gehalten in Basel, Berlin, Bonn, Breslau, Czemowitz, Freiburg, Gießen, Göt- 
tingen, Graz, Greifswald, Halle, Heidelberg, Innsbruck, Königsberg, Leipzig, Mar- 
burg, München, Prag?, Rostock, Straß bürg, Tübingen, Wien, Würzburg und Zürich. 



Za nihd. Mtbrechic. 

Mit den von Sehröer in dieser Zeitschrift XX, 38^ gegen meine daselbst 
XIX, 433 Torgetragene Erklärung von lutbrechic erhobenen Einwendungen kann 
ich auf keine Weise übereinstimmen. 

Sehröer sagt: 'Wenn es heißt vü ftei lautbrechig wurden^ so ist das: 
▼iele Städte wurden berühmt, kamen in der Leute Mund (wegen ihres Un- 
glücks). Zjauibre^ig ist gleich mhd. lütmeere, lütboere, kundbar, famosus. So 
ist das Wort gewiß nicht aufzufassen, wie J. meint : daß viele Städte mächtig 
erdröhnten und in Trümmer fielen , sondern: viele Städte wurden viel genannt 
(lautbrechig)^ weil sie in Trümmer fielen. 

Einen triftigen Haltpunkt für mdne Erklärung glaube ich in jenem Auf- 
satze selbst geboten zu haben, auf welchen, so unbedeutend er sonst ist, ich 
die Leser der Germania hiermit neuerdings zu verweisen verursacht bin. 

Allein auch abgesehen von allen Analogieen liegt es doch ohne Zweifel näher 
in der angefochtenen Stelle eine logisch so wohl zusammenhängende und auch 
etymologisch haltbare Bedeutung wie die von mir gegebene zu suchen, als zo 
der ebenso gezwungenen als sprachlich unrichtigen Auslegung Schröers zu 
greifen, daß die Städte des Erdbebens wegen berühmt wurden, weil sie im 
Trümmer fielen. 

Sehröer begnügt sich übrigens selbst nicht mit der von ihm gegebenen 
Erklärung, sondern wirft sofort die Frage auf, ob etwa latU und prüchig zu- 
sammengehören und nicht in Hinblick auf lauf brechig nur so geschrieben sind , 
so daß es dann hieße: vil ttet laut (d* i. tomultuose) pruchig wurden d. i. 
fielen w Trümmer. 



MI8CELLEN. 251 

Bei dieser Deutung hat Schröer übenehen, daß er meine Erklärung, die 
sich übrigens keineswegs als unbedingt erwiesen ausgibt, durch seine eigene 
Bemerkung wesentlich stützt, daß die Worte prüekig wurden und ze häufen 
fielen*) so trefflich zusammenpassen. 

INNSBRUCK. ADALBERT JEITTELE8. 

lüthreht bedeutet offenbar, Tielbesprochen, lautbrüehig, ruchbar, Lexer 
1, 1995 und Seh melier 1 , 1531. Die Übersetzung yiele Städte mächtig er- 
dröhnten ist daher nicht richtig, sondern Mele Städte wurden berühmt« 

WIEN. 8CHBÖER. 



Hachtrag zu Hartmaus v. Owe Heimath und Stammburg. 

(XVI, S. 155—167 und 252.) 

Daß Hartman „trotz aller Einreden gewiß ein Schwabe war^ 
'sagt sein Herausgeber Bech (IL Aufl., H, 41) bündig genug. Jetzt wieder 
W. Längen (Dissertation 1876) gegen Dr. H. Schreyer. 

Doch nicht bloß als Schwabe und den Franken gegenüber fühlte 
sich der Dichter im Gregor (V. 1401 ff.), sondern bereits als am schwäbischen 
Staufen-Hofe; nämlich mit seinem dort neuhöfischen Brabantisch-Reiten etc. 
über die fränkischen und bairischen Ritter doppelt erhaben. Warum auch 
allda sollte der gefeierte Sänger nicht mit seinem altersgleichen Schwaben- (und 
Franken-) Herzoge Konrad ausgezogen sein, der ja so nl&rgus amicis", „liberalis 
admodum animi ideoqne magna appetens " und tapfer (Burkard Ursperger 
Chronik zum J. 1197 und Otto de S. Blasio C. 37), wenn auch etwas locker 
und wild war? Mochte er nun mit ihm in Franken geweilt, oder aber in seinem 
Abschiedsliede Franken nur statt „Abendland" genannt haben ^ wie jetzt W. 
Längen und E. Martin wollen. 

Wichtiger ist Hartmans von uns nachgewiesene eigentliche Heimat. Als 
solche und als bürg und lant des Herren Heinrich ▼. Owe (Y. 256 ff., Heidelb. 
Hs.) galt auch dem jüngstverstorbenen schwäbischen Geschichtsforscher Stalin 
später nur mehr die einzige in Schwaben vorhandene „Freiherschaft Owe mit 
Burg und Stadt Owe, Obem-Owe, Obern- Au u. s. w. der freien Herren v. Owe." 
Über den Umfang und die wiederaufgedeckte Geschichte dieser Herrschaft, s. 
Stalins Beschreibung des Oberamtes Horb 8. 262, auch 189, 248 u. s. w. 

Diesem freien Geschlechte und Besitze muß denn auch ))Her* Hartman 
„von Owe", „der Owere" (nicht bloß zugehört sondern) angehört haben. Nennt 
er sich doch selbst schon als junger Mann (wie Andere ihn) „Her" Büchl. 
I, 29, Ambraser Hs.). Später gibt er sich stolz den erkämpften „Riter"-Titel 
Dazu — mit offenbarer selbstgefälliger Steigerung und doch nur einmal — im 
Heinrich (nicht mehr im Iwein) hinterher noch eine ganz besondere Amts- 
würde: „und was ein dienstman.'' Bei welchem Hofe? brauchte er seinen 
Landsleuten, seinen schwäbischen wie fränkischen Zuhörern nicht erst zu sagen. 
Klar ist; daß er keinesfalls sagen konnte: er habe die hohe Ritterwürde, sei 



*) Diese von Schröer als die vermeintlich richtige Teztlesnng beigebrachte 
Emendation der Stelle ist aus der Luft gegriffen. 8. Cfcuroniken der deutsch. Städte 
I, 350. 



352 MI8CELLEN. 

aber doch nur ein nntelbttändiger, an fremde Scholle geketteter Diener ohne 
eigenen Besitz und Namen. 

Nor als ein Freier war ja Hartman bald sn Hanse in Schwaben, bald 
auswärts; viel UDbeschäftigt and dann seine Stunden mit ,, Bucherlesen, Über- 
setxen und Dichten '^ ausfüllend; an den Erben seines erwählten Hern nicht 
„gebunden '^ (an den fnoz) und durfte er selbständig das Kreus „nemen*. 
Woxu er noch überdies (laut kaiserl. Edictes, Mon. Germ. XVII, 164) n^^^* 
tatura et argento, quod sibi ad biennium pro emendis victualibus suflQeeret*, Ter- 
sehen, also selir bemittelt sein mulSte. 

Solche freie Herren aus Schwaben als freiwillige zeitweise „Dienst- 
mannen*', wie Hartman am Hofe der Hohenstaufen , waren auch bei dem 
Herzog (dem spätem Konig) Philipp, z. B. noch 1198 in dem Vertrage mit 
Speier: L. comes de Helfenstein, W. comes de Veringen etc. (Böhmer, Bg. 8, 
Locher, Gr. t. Verlogen 38), bei den Weifen u. A. 

Dr. L. Schmid .Hartmans Stand, Heimath und Geschlecht 1875^ gelangt 
gleichfalb zu dem schließlichen Resultat: ^Hartman sei nach der Barg 
Obern-Au bei Rotenburg am Neckar genannt und unter die Ahnen 
des jetzt blühenden Freihermgeschlechts zu stellen.'' Nur hatte er — wie Stalin 
— deren ^vollständig gesammelte Urkunden', Besitz-, Stand- n. a. Verhältnisse 
durchforschen sollen (s. S. 136, Note 1). Dann wäre ihm nicht unter anderen 
Unrichtigkeiten beigekommen , Hartman von seinen Vorfahren und seinem 
Stammseigenthume trennen und mittelst des Vorgängers Herman I v. Owe sii 
einem Zollervogte stempeln zu wollen. Denn dieser Herman war ja advocatna, 
Vogt-Herr, Schirm- Vogt der Kloster Hirschauer Kirche zu Tö£Fingen, ein 
Freier, wie die Ahnen Wolf und Albert, Gerbolt und Wemer; die Stammburg 
Owe in ihrem Besitze DUr freies Eigen (nie zolierisch oder hohenbergisch, 
noch Bamberger Lehen wie Rotenburg), auch ihre Owe ob dem Berge stete 
Freiherschaft, mit eigener Landeshoheit und dem Blutbanne bis 1806. 
Davon hießen die Besitzer und Glieder dieses Geschlechtes „liberi , domini, 
nobiles viri^ und noch im 15. Jahrhundert „Frj''; später Junkher und wieder 
Reichsfreiherm. Sie hatten auch Mannen, die sich aber anders schrieben and 
sind deren keine mit dem gleichen Namen Owe bekannt. 

Schloß WACHENDOBF, im Juni 1876. HANS C. Beichsfreiherr v. GW. 



Offenes Sendsehreiben an Herrn Professor Svend Gmndtvig in Kopenhagen. 

,»Ank]agen ist mein Amt und meine Sendung, 
Es ist mein Herz, das gern beim Lob verweilL« 

Hochgeehrtester Freund! 

Es gibt auf dem ganzen Gebiete der Volksliederforschung kaum einen 
einzigen Namen der sich dem Ublands so würdig zur Seite stellen ließe, wie 
der des Herausgebers von Danmarks Gamle Felke vis er. Die unermüd- 
liche Sammlung und Herbeischaffung oft weitzerstreuter Texte, die genaneate 
Feststellung und Wiedergabe derselben, die sorgfältigste Zusammenstellung der 
Lesarten, die eingehendste, gelehrteste, alles erschöpfende Untersuchung über 
(Gegenstand und Geschichte jedes einzelnen Liedes, die höchste Gewissenhaflig- 
keit in /Seibstkritik und Vervolbtändigung des irgendwo noch Mangelnden durch 



MISCELLEN. 253 

Berichtigangen und Zosätse, kurz was einem derartigen Werke nar immer die 
erreichbarste VollkommeDbeit verschaffen kann, alles dies gewährt jenem xr^fia iig 
au einen unvergänglichen Werth, eine der höchsten Stellen in dem betreffenden 
Litteraturgebiet, cur Seite der gleichartigen Arbeiten des genannten deutschen 
Dichters. Je größer nun aber eben dieser Werth, je höher Ihr Verdienst ist, 
verehrtester Freund, desto größer ist jedoch auch die Ungeduld der gelehrten 
Welt die Herausgabe der Folkeviser vollendet oder doch mindestens rascher 
fortschreiten zu sehen; allein wie steht es damit? Der ganze altdäpische Lie- 
derschatz umfaßt, wie Sie mir mitzutheilen die Güte hatten, ungeHihr 500 Lie- 
der , von denen bis jetzt seit dem Jahre 1853 noch nicht ganz die Hälfte 
(237 Nummern) ans Licht getreten ist, so daß, wenn das Ganze wirklich mit 
der nämlichen Gemächlichkeit fortschreitet, es vielleicht in etwa 25 Jahren 
vollendet sein dürfte! Und doch betrifft diese Rechnung eben nur die Text- 
ausgabe; die erste Ankündigung fügte aber auch noch hinzu: „Udgaven vil 
blive ledsaget af et Glossarium og de fomödne fiegistre, der kunne tjene til 
at lette dens videnskabelige Benyttebe i forskjeliige Öjemed, saasom Sag- 
register^ Fortegnelser over Personers og Steders Navne, over samtlige OmkvsBd 
m. m., Rildemes Beskrivelse, samt endelig en sBsthetisk-historisk Udsigt over 
Danmarks Folkepoesi.^ Werden also wohl 30 Jahre hinreichen zur vollständigen 
Ausführung dieses Programms? Allerdings ist zu hoffen und innigst zu wünschen, 
daß es Ihnen, vortrefflicher Freund, vergönnt sein möge, das so meisterhaft 
begonnene Werk glücklich zu Ende zu fuhren, da keiner sonst dies auf gleiche 
Weise vermöchte; wie viele aber von den jetzigen Zeitgenossen, wenn «ihre 
Kniee nicht zur Zeit noch grünen", werden mit Ihnen das Licht jenes Taget 
der Vollendung schauen ? In der Vorrede zum 3. Bande sagten Sie mit liebens- 
würdiger Bescheidenheit: „Udenfor Norden bar det (nsBrvsBrende Vaerk) vakt 
nogen Oproerk8omhed(!)og er blevet beuyttet til videnskabelige Ojemed 
af Ferdinand Wolf i Wien, Ludwig Uhland i Stuttgart, Hermann Lüning i 
Zürich, August Bassmann i Hessen, Felix Liebrecht i Lüttich, Julius Feifalik i 
Prag og flere andre." Von den hier Genannten sind Wolf, Uhland, Lüning und 
Feifalik bereits schon längst zu den Vätern versammelt und erwarten eine fröh- 
liche Urständ, eine um so fröhlichere als Danemarks Gamle Folkeviser ihnen 
dann wohl in herrlicher Vollendung entgegenstrahlep dürften; was aber mich 
selbst belangt, der ich das im 90. Psalm gestellte Lebensziel in wenigen Jahren 
erreicht haben werde, so betrachte ich mich auch bereits als einen Sterbenden, der 
aber gleichwohl wünscht, seine brechenden Augen, wenn auch nicht nach Art 
der Parsi durch den Anblick eines Phjlax, aber doch durch den eines oder 
aber mehrerer neuen Hefte der Folkeviser erquicken zu können. 

Darum, schatzenswerthester Freund, fordere ich Sie dringend auf mit 
möglichster Zarseiteschiebung aller andern Arbeiten die Förderung jenes opus, 
das in mehr als einer Beziehung ein palmarium zu nennen ist, stets gleich der 
Furcht des Herren zu betrachten, das heißt stets vor den Augen zu behalten; 
Sie haben mir ja selbst nach Herausgabe von Palladius* Visitatz Bog hinsichtlich 
jener Beschleunigung geschrieben : „aber nan schließe ich meine Thüre vor 
allen solchen Tagedieben.^ Freilich sind diese Diebe der Art, daß ihnen 
Jedermann gerne seine Thür sperrangelweit öffnet und sie bestens willkommen 
heißt; allein „for all that and all that^ beschwöre ich Sie gleichwohl die Ge- 
duld und Langmuth der Gelehrtenwelt, die ja sonst sprichwörtlich ist (?), nicht 



254 MISCELLEN. 

anf Äußerste zn erschöpfen and ein Quonsqae tandem k la Scaliger mal 
proTOcieren; denn hente ist es nur «Frau Arentiare, die an Gmndtiigs Thür 
klopft" und mit flehender Stimme um Einlaß und Gkhör bittet. 
„Jetzt weiß ich nichts mehr. Ausgeleert hab' ich 
Der Worte Köcher und erschöpft der Bitten Kraft^; 
nnd somit schließe ich denn diesen Anruf Ihres GelehrtengemssenS; fibeneogt, 
daß ein gutes Wort auch eine gute Stelle findet und Sie ausserdem in dieser 
Epistel nur ein Zeichen davon erkennen werden, wie sehr ich Ihr Meisterwerk 
schätze und wie sehnlich ich dasselbe gefordert zu sehen verlange. 

Um aber doch nicht heute vor Ihnen ganz und gar mit leeren Händen 
zu erscheinen, so will ich mir erlauben, den Notizen, die Sie so freundlich waren 
von mir zu verlangen, auch noch die folgende einzelne hinzuaufagen. In den 
Folkev. Nr. 4 „FrsendehsBvn^ B heißt es: 

10 Suaret det bamn, y wuggen laa, 
det thalde aldrig för: 

11 ^Det ehr icke for guode: 

min fader leer äff min moder" . . • • 

34 Suarit det bamn, y vuggenn laa: 

„Maa ieg leffue, da giör ieg och saa." 
Diese plötzliche wunderbare Rede des Säuglings in der Wiege knüpft 
sich an einem weitverbreiteten Glauben, von dem sich Spuren in den ver* 
schiedensten Ländern finden; s. zuvörderst das von Ihnen selbst zu Kristensen 
Gamle Jyske Folkeviser, Kjöbenh. 1874, S. 16 zu Nr. 8. T3rvene angeführte 
noch nicht herausgegebene isländ. Volkslied, wo ein Rind in der Wiege spricht; 
femer die Bemerkungen des Grafen de la Villemarqu^, Myrdhin, Paris 1862, 
p. 10 ff.; so auch die portugiesische Romance von Grafen Yanno, wo der 
Schluß lautet: 

„Tocam n'os sinos na s^ . . . 

Ai Jesus! quem morrena? 

Responde o filhinho ao peito, 

respondeu — que maravilha! 

— Morreu, foi a nossa infanta 
pelos males que fazia.^ 

S. Wolf und Hofmann, Primavera 2, 126, wo diese Romance nach Almeida- 
Garrett mitgetheilt ist (bei Bellermann, Portugiesische Volkslieder u. s. w. S. 90 
fehlen gerade die beiden betreffenden Mittelzeilen). 

In der monferrinischen Version der bekannten italienischen Ballade j^Donna^ 
Lombarda** heißt e»: 

„Ir fantulin ch* Tera ant ra chin-nha, 

Di novi mei», u s'e bitk a parlö: 

— Sa ve digo, o re me pare, 
Bivilo nent, bivilo nenty 

Culla cridela de la mioi mama 

A j'ha bitaje ir vilenu drent.^ 
S. Ferraro, Canti Popolari Monferrini p. 2; femer ein catalonisches Volkslied,, 
wo eine Mutter durch ihren Säugling gegen die Anschwärzungen ihrer Schwä- 
gerin geschützt wird bei Milk y Fontanals, Observaciones sobre la Poesia po- 
pa}ar p, 123; ein provenzalisches , La Nonrrico dou rei, bei Damase Arband,« 



M18CELLEN. 255 

Chants pop. de la Provence, wo ein todter Säugling plötzlich wieder auflebend 
ausruft: 

„ — N*en pendetz pas ma maire 
Que l'a pas meritat; 
Pendetz n'en la servanto 
Que m'avie *mpoi8onat.* 
S. auch Max Müller, Einleitung in die Religionswissenschaft S. 66 Anm. Bei Luzel,^ 
Guerziou Breiz-Izel „Fiacre Geffroi^ Chants pop. de la Basse- Bretagne 2, 515 f., 
warnt ein Säugling seine Mutter davor sich nicht durch eine Unwahrheit um 
die ewige Seligkeit zu bringen. Eine hierhergehörige Schweizersage erzählt 
wie ein eben getauftes Rind seine Mutter dadurch aus der Gewalt des Teufels 
befreit, daß es ihr beim Niesen zuruft: „Helf dir Gott! ^ Marmier, Tradition» 
de la Suisse in der Revue de Paris 1841, vol. IX. In seinem Buche Les 
diverses Le^ons eh. 21 berichtet Pierre de Messie Folgendes: „II me souvient 
d*une aventure recit^e par Alben-Rayel en son judiciaire au quel il parle comme 
t^moin d'avoir veu qu*un roi, en la cour duquel il demenroit, eut un enfant 
qui dedans les vingt quatre heure? de sa naissance commen^a k parier parfai- 
tcment et k remuer les mains, de quoy tous les assistans esmerveillez entendirent 
qu'il dit & haute voix: ^- Je suis n^ malheureux veu que je viens annoncer que 
le roj mon p^re doit perdre son sceptre et que son royaume doit estre 
destruit. — A la fin desquelles paroles il eut aussi fin de sa vie.^ Der Graf 
Puymaigre, dem ich letztere beiden Citate entlehne (Notes sur la Ressemblance 
de quelques fictions, Metz 1862, p. 38) verweist auch unter anderem auf die 
Legende von dem heiligen Antonius von Padua und auf des Cristoval de Virnes 
Gedicht Monserrate, dessen Held, der verbrecherische Einsiedler Garin, durch 
einen Säugling plötzlich für von seinen Sauden gereinigt erklärt wird. Noch 
erwähne ich die Notiz des Plin. H. N. XI, 51 (112): „Semestris locutus est 
Croesi filius in crepundiis: quo prodigio totum id concidit regnum.^ 

Dies ist Alles was ich, hochgeehrtester Freund, eben jetzt zu bieten ver- 
mag, hoffend, daß Sie die geringe Gabe mit Ihrem gewöhnlichen WolwoUen 
aufnehmen, zugleich aber auch mich selbst so wie meine offene Bitte stets 
in frischem und freundlichem Andenken behalten werden. 

LÜTTICH, am Tage der Lichtmeß 1876*). FELIX LIEBRECHT. 



X fftr ü. 

Um die Mitte des XY. Jahrhunderts erhoben sich in Preußen der preußische 
Adel und die preußischen Städte gegen den deutschen Orden, riefen die Polen 
ins Land und fingen den sog. dreizehnjährigen Krieg an von 1454 — 1466. 

Im Spätsommer 1454 kamen dem Orden deutsche Söldner zu Hilfe, 
schlugen die Polen trotz sechsfacher Übermacht am 18. September bei Konitz 
aufs Haupt und trieben sie aus dem Lande. 

Nach dem Siege aber wollten die Söldner auch Geld haben und derOrden 
hatte keines, so daß dann den Hauptleuten der Söldner nichts übrig blieb, als 



*) Seitdem ich dies geschrieben, ist noch eine Liefenmg der Gamle Folke- 
yiser erschienen, enthaltend Nr. 238—254 und die Zusätze zu Nr. 1 — 10; quod bonum, 
f aus tum, fellx fortunatumque sit! 



256 MISCELLEN. 

Preußen dem yod ihnen besiegten König von Polen in yerkanfeiiy 
der im Verein mit der Stadt Daniig wenigstens die Söldner befriedigen konnte. 

Die Hanptleute der Söldner lagen lum Theil auf den einielnen Borgen 
des Ordens; in Marienbnrg an der Nogat, wo der Hochmeister Lodwig 
von Erlichshansen residierte, befehligten die Hauptlente Oraf Adolf von Glei- 
chen, Herr Tboma in Schauenburg und Herr Ulrich Csirwonka toh 
Zediti ans Böhmen. 

Der König von Polen aber war in Thorn. 

Diese Geschichte hat u. A. ein damals in Marienbnrg lebender ano- 
nymer Geistlicher beschrieben. Sein Werk ist von Toeppen in den Script» 
rer. Pmss. IV, S. 71 ff. beransgegeben unter dem Titel «^Ge schichte wegen 
eines Bunde s**. Da heißt es S. 141: Am Diostag domoch (2. Oct. 1464) 
kam herr Bemdt vom Czionenberge mit andern rjtteren . . . gen Marienbnrg 
aussem selben beer (von Dirschau) und forttertten iren solt, der in vonogen 
wardty dorumb sy fast lomnig woren und sere fluchten. 

Der Lärm fing also an. 

Und S. 161 heißt es: Am Mittwoch in pfingsten 1456, das was der 
XVIl tag mensis Julii kamPetzigk, der Bebmen tolk (Dolmetscher) wider von 
Thorn gen Marienburg von Ulrichs (Czirwonka) wegen. Also begunden die 
hoffleute (d. h. wohl Rottmeister, damals ungefähr so viel, wie hentsutage Haupt- 
leute, während im 15. Jahrb. Hauptleute ungef&hr den Rang einnahmen wie 
heute Obersten) beyde Teutschs nnd Behemisch iren soltt und schaden sa 
zeichen, jedoch was er (Petzigk?) inbrochte, das konde man nicht gewissen, 

and vil die leichenten X vyr V. 

Also X für U machen heißt mit doppelter Kreide anrechneQt 
X fQr V, 10 für 5, und es scheint diese Redensart im 15. Jahrb. und ohne 
Zweifel schon früher gani allgemein im Gebrauch gewesen zu sein. 

JENA, 23. AprU 1876. Prof. FLOTO. 



Die 31. Versammlung deutscher Philologen und SchulmAliner 
wird vom 25. bis 28. Septem ber d. J. in Tübingen abgehalten werden. In- 
dem das unterzeichnete Präsidium zum Besuche derselben freundlichst einladet, 
ersucht es diejenigen Facbgenossen , welche dabei Vorträge zu halten oder 
Thesen aufzustellen gedenken, ihm hiervon bis zum 31. Juli d. J. KenntniM 
zu geben. Vorträge oder Thesen für die pädagogische Section bitten wir 
bei Herrn Oberstudienrath Dr. Schmid in Stuttgart anzumelden. Auf Einzel- 
einladnngen und das Nachsuchen von Eisenbahnvergünstigungen bitten wir nickt 
zu zählen. Preis der Mitgliedskarte 6 Mark. 

Teuffei. Schwabe. 



In dem vorigen Heft (Jahrg. XXI) S. 101 Z. 3 v. u. statt scharfe I. 
schwache; S. 102, Z. 14 v. o. L Fusingo; ebend. Z. 15 v. o. L 1650; 
ebend. Z. 16 v. u. statt findet 1. beginnt. 



/ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER 

SPRACHE WOLFRAMS. 

VON 

QOTTHOLD BÖTTICHER. 



In den phüologischen Studien über die dassische Litteraturperiode 
des Mittelalters fehlt es nicht an Beobachtungen der Sprache und des 
Sprachgebrauches der einzekien Dichter, ja jede Ausgabe eines mhd. 
Dichters ist reich mit Anmerkungen über diesen Punkt versehen. Die 
meisten Ausgaben nun rühren entschieden von Männern her, welche 
sich zu der so genann tem Lachmann'schen Schule bekennen und in 
diesen zeigt sich denn auch eine durchgehende Übereinstimmung darin, 
daß sie fbr das XIII. Jahrhundert die Existenz einer ,,bis auf wenige 
mundartliche Eigenheiten bestimmten unwandelbaren Dichterspsache" 
(Lachmann) annehmen, deren Grundlage das Schwäbische sei und die 
daher von dem Schwaben Hartmann v. Aue in seinem Iwein am rein- 
sten zum Ausdruck gebracht worden sei. Die Annahme basiert auf 
der Voraussetzung, daß sich das Schwäbische mit der Aufnchtong des 
stauffischen Kaiserthrones über alle anderen Dialecte erhob. 

Zugleich gieng nach dieser Ansicht von der modernen franzö« 
sischen Bildung aus eine Reform im Wortgebrauch: alterthümli^e 
Wörter wurden meist durch französische ersetzt und besonders die, 
welche in der Volkspoesie beliebt waren^ gemieden. Diese beiden 
Punkte also, der reine schwäbische Dialect und das Vermeiden gewisBor 
altdeutscher Wörter charakterisieren nach Lachmann die y^Hofsprache" 
und in beiden hat es Hartmann am weitesten gebracht. Mithin ist 
alles, worin andere höfische Dichter von Hartmanns Sprachgebrauch 
im Iwein abweichen, für diesen Standpunkt „unhöfische'' Eigenthüm- 
lichkeit des Einzelnen, welche theils auf seinem Dialect, theils auf 
seinem Mangel an höfischer Bildung beruht 

Oehen nun alle hierhergehörigen Untersuchungen*) darauf hin- 
aus, diese unhöfischen Eigenthümlichkeiten aufzufinden, so haben sie 

*) Sie finden ncli sentreat in Hftopt*s Anmerknngen sam Erec, sn Engelhard, 
Laehmanns ziun Iwein, sn den Nibelungen, Sommere sa Flore, in den Einleitongea 
und Anmerkungen der Herausgeber des d. Heldenbuches, sowie in einzelnen Abhi|nd- 
lungen, wie Jänickes Dissertation „De usu dicendi Wolframi de Eschenbach'', Halia 
18S0 und Schilings ,De usu dicendi Ulrici de ZazikoYen", Hi(üa 18ft^« 
GERMANIA. Nene Beilie IX. (XXI.) Jahrg. V\ 



258 O. BÖTTICHER 

zugleich das höchste Interesse zu zeigen, daß sich fast alle höfischen 
Dichter bemühten — denn anders ist die Herrschaft einer Schriftsprache 
nicht denkbar — diese Schriftsprache möglichst rein anzuwenden, ihre 
dialectischen Abweichungen , ja auch ihren persönlichen Geschmack 
im Wortgebrauch zu ihren Gunsten aufsugeben. 

Es ist diese Frage ohne Zweifel vom höchsten philologischen 
Interesse und am wichtigsten vielleicht von allen hier in Betracht kom- 
menden Dichtem ftir das Verstandniss Wolframs von Eschenbach; 
denn dieser Dichter bietet, obwohl er sich selbst durch die Wahl 
seiner Stoffe in die Reihe der höfischen Dichter stellt und als solcher, 
wie die Litteraturgeschichte zeigt, in hohem Ansehen stand, so ausser- 
ordentlich viel und auffallend abweichendes von der Sprache Hart- 
manns, daß man auf Lachmannschem Standpunkte versucht sein muß, 
die Alternative zu steUen ,,entweder war Hartmann ein höfischer 
Dichter oder Wolfram^ beide können es nicht gewesen sein^. 

Der erste, welcher das Verhftltniss Wolframs zur HofiBpraehe 
näher untersuchte, war Oscar Jänicke ,|de dicendi usu Wolframi de 
Eschenbach, Hai. 1860*^. Er fand, daß Wolfram sich in den beiden 
oben erwähnten Punkten den Forderungen der höfischen Sprache immer 
mehr im Verlaufe seines Dichtens genähert habe. 

Zu demselben Resultate gelangte 1873 Einzel in seiner Disser- 
tation „Zur Charakteristik des WoUramschen Stils'', indem er einige 
Punkte der eigenthümlichen Manier und Ausdrucksweise Wolframs 
nach dieser Seite hin erörterte. Beide suchten also zu erweisen, daß 
Wolfram einige charakteristische Eigenheiten seiner Sprache mit der 
Zeit mehr und mehr aufgab und machten daraus zugleich einen Schloß 
auf die zeitliche Aufeinanderfolge seiner drei Werke. 

Allein in beiden Punkten kann, glaube ich, mit Recht an der 
Stichhaltigkeit der aufgestellten Behauptungen gezweifelt werden. In 
den folgenden Betrachtungen wird sich wiederholt Gelegenheit bieten, 
das in jenen Schriften Beigebrachte in dieser Beziehung zu erörtern. 
Hier sei nur darauf hingewiesen, daß, wenn Wolfram im Titurel z. B. 
ftLr Eva ab Umschreibung noch gebraucht „diu da wuchs üz stelehafter 
rippe^ (9ö, 4) wenn er noch sagen kann: 

„nie seil baz gekündet 

wart, euch was der hunt vil wol geseilet'' (142, 2. 3) 

XL a. dgl. dass man, sage ich, dann schon von vornherein bezweifeln 
muß, ob er wirklich so ernstes Bestreben gezeigt habe, die leichte 
Umgangssprache zu adoptieren, noch mehr, ob man dann aus dem 



Ober die eigenthOmlichketten deb spräche wolframs. 2ö9 

Fehlen einzelner als anhöfisch angesehener Eigenthümlichkeiten im 
Titorel anf dessen späte Abfassungszeit schliessen darf'*'). 

Unbestreitbar dagegen ist das grosse Verdienst besonders der 
Arbeit von Kinzel f(lr das Verständniss Wolframs und seiner Sprache 
überhaupt. Sie gibt die wichtigsten Fingerzeige f&r die Beurtheilung der 
geistigen Individualität Wolframs, fär seine originelle Anschauungs- und 
Ausdrucks weise; sie macht den Anfang, auf rein philologischem Gebiete 
ein Verständniss Wolframs anzubahnen, wie es San Marte in seinen 
fruchtbaren historischen uud ästhetischen Untersuchungen erstrebte. — 
Recht beachtenswerthes Material nach dieser Seite hin hat jüngstens 
noch eine Leipziger Dissertation von P. Tr. Förster ,,Zur Sprache 
und Poesie Wolframs, Leipz. 1874" geliefert, aber, wie der Verfasser 
der letzteren selbst bevorwortet, das reiche Gebiet Wolframscher Ori- 
ginalität ist damit noch lange nicht erschöpft. 

Die folgenden Betrachtungen nun wollen einmal in der bezeich- 
neten Richtung auf einige weitere Punkte aufrnerksam machen, sodann 
aber hauptsächlich versuchen, ein Gesammtbild von der Individualität 
Wolframs aus der Betrachtung aller seiner sprachlichen Eigenlieiten 
in ihrem innem Zusammenhange heraus zu geben^ soweit es eben nach 
den jetzt gemachten und des Verfassers eigenen Beobachtungen mög- 
lich ist. Es mußte daher in manchen Punkten ausfuhrlicher auf die 
genannten früheren Arbeiten zurückgegangen werden, und ganz be- 
sonders erschien es nöthig, das Verhältniss Wolframs zur sogenannten 
höfischen Sprache, wie es von Jänicke erörtert ist, nochmals einer ge- 
naueren Prüfung zu unterziehen. Dasselbe kann aus dem Gesammt- 
bilde von Wolfram heraus erst richtig verstanden werden. 

Wie sehr ich hinter meiner Aufgabe zurückgeblieben bin, wird 
mir ohne Zweifel von kundiger Hand nachgewiesen werden, aber ich 
bitte um Nachsicht, um die Nachsicht, die man wohlwollend einem be- 
scheidenen Versuche entgegenbringt. 

Die Wichtigkeit der Frage nach den höfischen Sprachgesesetzen 
und ihrer qu. Einwirkung auf Wolfram fordert, daß wir mit derselben 
beginnen, d. h. also mit dem, was zerstreut in Anmerkungen und 
kleinen Schriften als „nnhöfische Abweichungen^ bezeichnet worden 
ist oder was doch im Sinne der Schule als solche gelten muß. Dabei 



*) Auf die Titarelfra^e einzn^ehen iat hier natürlich nicht der Ort. Verf, enthält 
sich daher über die anderen für und ge^en Pfeiffers Ansicht beigebrachten Momente 
jedes Urtheils. Ein neuerer Aufsatz in dieser Frage von Herforth (Zs. f. d. Alterth 
18, 281 — 296) scheint abgesehen von den auch dort wiederholten sprachlichen Qründea 
manches Beachtenswerthe zu bieten. 



360 o- BömcHGR 

halten wir uns an die erwähnten zwei Hauptpunkte, den Dialect und 
den Wortgebrauch nebst entsprechenden (volksepischen) Structuren. 
In dieser Feststellung des Verhältnisses Wolframs zur Hofsprache und 
8ur Volkspoesie werden sich uns zugleich Züge des Wolfiramschen 
Geistes ergeben, von denen aus wir leicht weiter gewährt werden. 

Die ursprOngliche Ansicht Lachmanns und seiner Schule kam 
nahezu darauf hinaus, daß nicht allein der Dialect des einzelnen, son- 
dern auch der der Volkspoesie eigenthümliche Wortschatz im guten 
Tone der höfischen Kreise als roh und ungebildet gegolten habe. 
Gegen diese Ansicht wendete sich zuerst Pfeiffer*), der allerdings 
neben vielem Wahren auch manches Unhaltbare brachte. Indessen wird 
man es seinen Schriften doch zuschreiben müssen, daß Müllenhoff in 
der Vorrede zu den Denkmälern (2. Aufl. 1874) jene Ansicht, obwohl 
er den maßgebenden Einfluß des stauffischen Hofes festhält, in fol- 
gender Weise modificiert darstellt: „eine deutsche xoivii hat das Mhd. 
freilich ebensowenig begründet als die Stauffer eine feste Reichsgewalt. 
Nicht nur behielt die Hofsprache im mittleren und nördlichen Deutsch- 
land unverändert ihren besonderen mundartlichen Typus, auch noch 
im Süden artete sie je nach den Landschaften verschieden und die 
Mundart verräth bald mehr, bald weniger die Heimath des Dichters. 
Aber es gab ein Ideal sprachlicher Vollkommenheit und Reinheit, 
dem jeder nachtrachtete und dem die Alemannen von allen am näch- 
sten kamen. ^ 

Den neuerlichen Ausführungen Pauls gegenüber**) wird sich aber 
der Grundsatz von dem Überwiegen des Schwäbischen und der maß- 
gebenden Bedeutung Eburtmanns überhaupt nicht mehr aufrecht er- 
halten lassen. 

Von allen Ghtlnden, welche Paul gegen Müllenhoff ins Feld fährt, 
ist der wichtigste der^ daß sich ja factisch unter den großen Zeitge- 
nossen Hartmanns, bei Walther uud Wolfram keine Spur von einer 
Nachahmung seines Idioms findet, daß vielmehr die Nachahmer Hart- 
manns in der Epigonenzeit lebten^ wo doch nach Lachmann die hö- 
fische Sprache wieder verschwand***). 



*) «Ober Wesen und BUdong der höfischen Sprache in mhd. Zeit" „höfische 
and nnhSfische Worte* in ,^Freie Forschnng«. 

**) Paal: Osb es eine mhd. Schriftsprache? 1874. 
^^^) cf. Jänicke, EinL sn Biterolf im D. H. p. XXII: die späteren Oediehta 
des XIIL Jh. bilden sich nach Epigonenart ans den Werken der früheren Zeit einen 
eklectischen Sprachgebranch, der dialectische Verschiedenheiten ebenso wie den xaa 



ÜBER DIE EIQENTHÜBILICHKEITEN DER SPRACHE W0L1*'RAMS. 261 

Dazu möchte ich das Factum fügen, daß in Gottfrieds bekanntem 
Angriffe auf Wolfram (Tristan 46ö7 ff.) sich keine Spur von einem 
Vorwurfe ungebildeter Sprache findet, sondern nur eine boshafte Kritik 
seines Stiles. Sodann aber weist Paul nach, daß es in jener Zeit an 
jeder Bedingung fehlte, welche zur Bildung einer sprachlichen Einheit 
nöthig ist; es war kein Mittelpunkt vorhanden, der Hof der Stauffer 
war als solcher nur „eine Einbildung Lachmanns^. Ein Hinweis auf 
die französischen Dialecte unterstützt die Ausfiihrungen; die bisher 
angezogenen Beweisstellen für die Existenz der höfischen Normal- 
sprache (aus Ebemant von Erfurt, Albrecht v. Halberstadt) werdoi 
entkräftet^ theilweise gerade zum Ni^chtheil der Lachmannschen An- 
nahme interpretiert. Endlich ist es nach Paul auch nichts weiter als 
natürliche Entwicklung, wenn im 14. und 15. Jahrh. die Dialecte viel 
verschiedener und zahlreicher hervortreten, als im 13. Jahrb., denn er 
betrachtet die Entwicklung der hochdeutschen Sprache als gradatim 
zu der Vielheit der Dialecte aufsteigend. 

Für diesen Standpunkt verschwinden die Schwierigkeiten, welche 
der „unhöfische Sprachgebrauch*^ Wolframs macht, völlig; eine Norm 
existierte eben nicht, jedem Dialect war Freiheit gelassen; wieweit er 
sich behaupten, wieweit er sich anderen, mit welchen er in Berührung 
kam, accomodieren wollte, folglich sind auch die mundartlichen Eigen- 
heiten Wolframs nicht auffallend, er hat sie mit allen bairisch- öster- 
reichischen Dichtem gemein und hatte keinen Grund, sie abzulegen. 
Abweichungen von derselben können sich daher höchstens zu Gunsten 
der mitteldeutschen (thtlringischen) Sprache finden, da er lange Zeit 
in Eisenach lebte. Pfeiffer nun weist wirklich mitteldeutsche Elemente 
bei Wolfram nach"*") und schon aus diesem Grunde läßt sich Pauls 
Meinung^ daß sich alle sprachliehen Eigenheiten Wolframs aus seiner 
heimischen Mundart erklären Hessen*'*'), nicht halten. Indessen es ge- 
nügt schon in dieser Beziehung — und darauf muß sich die Arbeit 
beschränken — zu zeigen, daß Wolfram gewisse ftir das bairische 
charakteristische Eigenthümlichkeiten bewahrt hat'^'^), (Ane daß ein 
Streben nach schwäbischer Reinheit zu bemerken wäre. Sie zeigen 
sich am deutlichsten in der Apocope, der Sjncope, dem Reim 

1200 entschieden hervortretenden Unterschied swischen der Sprache der höfischen 
Dichter und des Volksepos aufhebt (Pass. heil. Elisabeth. Konr. ▼• Würzb.) Schon 
Rudolf y. ]ßms macht den Anfang. 

*) In der Recension der Dissertation JSntckes Germ. VI und „freie Forschung*. 
♦♦) A- a. O. p. 36, Anm. 
***) Die Herkunft Wolframs aus ESschenbach bei Ansbach^ miUuacL ^«i V^dx>ab^&is^ 
Dialect als der heimische Wolframs wird biet al« iQ&\A\A\i«iA NQtvQA^«Rk^^a^M. 



262 G. BÖTTICHEB 

und dem Gebrauch gewisser einzelner Wörter, bei welchen 
Punkten wir daher mit einigen Worten verweilen müssen. 

Nach Haupts Anmerkung zu Erec 7703 beschränkt sich die Apo- 
oope eines auslautenden tonlosen e bei Hartmann auf folgende Fälle: 

1. bei zweisilbigen Präteritis (wundert, meistert^ j&mert); 

2. von Substantivis nur bei den palimbacchischen (boumgart, 
boumwol, garzün, habest), dann bei allen auf aere von ahd. Subst auf 
arii sparwaer, rihtaer, vischaer); 

3. von Adjectivis bei den gleichgemessenen Superlativis: diu wir- 
sest, grözist (hier sogar in der letzten Hebung Elr. 63(X) |,der muoz 
mir ouch der jungest sin^) ; 

4. bei den Ordinalzahlen: diu diizehend. 

Wie wir sehen, sind es alfes mehrsilbige Wörter mit so schwerer 
Betonung, daß das auslautende e unwillkürlich verschwindet. 

Wolfram dagegen apocopiert in viel ausgedehnterem Masse, so im 

Dative ein- und langsilbiger Wörter mit und ohne auslautende liquida, 

was Haupt ftür Hartmann ausdrücklich zurückweist (z. Er. p. 415)*): 

Parc. 298, 1 üf dem Plimizoeles j>2an:s&n cf. ö96, 7 und sonst 

sehr oft 
„ 298, 2ö ir sit mir rdc& ze wol gebom (räche D. G.) cf. Wh. 

305,30 
jt 522, 18 von dem a«f:ga8t 
„ 599, 27 mit sinem wirt Plippalin5t. 
Dative orsy tjost sehr häufig, femer im Will eh. : rtiof 40, 4; 
tüentscheß 57, 18; mit gab 184, 13; mit dem galt 203, 25; laut 229, 
2 u. a. sHur 279, 27; genuoc 332, 1; mit kost 360, 17; einem ir genöz 
212, 4 u. s. w. 

Titurel: bant 4S,4; sölh seü 140, 4**). 

Ausserdem sind Dative wie „dem freuwelm: sin P. 370, 22; der 
k&negin Wh. 102, 29. 203, 5 u. a. sehr häufig und die apocopierten 
Dative von Eigennamen ganz gewöhnlich (Gr&moflanz P. 618, 11. 
709, 13 u- s. w. Bertenoys 526, 22)***). 

*) Auch Grimm erklSrt Gramm. I', p. 30 die Apoeope L A. nur nach kurzem 
Voeal und Liquida für solSssig. Eine Ausnahme muß man hier jedoch mit adver- 
biellen Ausdrücken machen, wie ze ßun, te hü$^ auch hü$ überhaupt, welche auch Hari- 
maiin nicht meidet (cf. Iw. 3066 u. a.). 

**) ffier sei bemerkt, daß alle Citate in dieser Arbeit nur als einzelne Beleg- 
stellen zu betrachten sind. Vollständige Aufzählungen der Fälle erlaubte der Baum 
nicht. Citiert ist nach Lachmanns Ausgabe. 

**^) Bei Hartmann finden sich wohl Dative wie kern Iwem (Iwein 270 n. a.), 
la welcher Verbiadung Iwem als unflectiert anzuflehen ist, aber nicht der Eigenname 



ÜBER DIE EIQEMTHOIILICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 263 

Die Bchwäbisch-alemaDnisohe Mundart ist nach aUgemeinem Zu* 
geBtttndniss die Mundart , welche sich am regelmäßigsten entwickelt 
hat; sie hat daher diese Kürzungen nicht. Da sich nun die regel- 
mäßigen Formen bei Wolfram nach Lachmanns Ausgabe fast noch 
häufiger finden, so könnte man meinen, Wolfram habe wirklich nach 
schwäbischer Reinheit gestrebt und habe die Apocope nur aus Be- 
quemlichkeit angewandt, je nachdem es der Vers verlangte; aber die 
nächste Folgerung wäre doch nur die^ daß er sich der thüringischen 
Mundart accomodiert habe, welche auch nicht kürzte. Das ist mög- 
lich, aber wahrscheinlicher ist, daß er diese Formen seiner heimischen 
Mundart gemäß, welche so stark zu Kürzungen neigte*), viel unbe- 
fangener brauchte, als jetzt aus den Handschriften ersichtlich ist, denn 
daß die Abschreiber ganz ungeniert ihre Mundart einzumischen pflegten, 
ist bekannt. Die Rücksicht auf den Vers mag dazugekommen sein, 
denn diese war bei ihm, wie sich noch öfter zeigen wird^ sehr be- 
deutend, aber bewußte Verstösse gegen das herrschende Idiom waren 
ihm diese Kürzungen keineswegs; sie waren ihm natürlich und von 
Niemandem übel genommen. 

Von diesem Gesichtspunkte sind daher auch andere nicht minder 
auffällige Apocopen zu beurtheilen. 

Bei Adjectiven muß man freilich vorsichtig sein, denn diese 
wurden in sehr weitem Umfange unflectiert gebraucht (Gramm. IV. 
541 ff.). So erklärt Grinmi auch in solchen Verbindungen, wie Pz. 
581, 1 „der &ren riche und lasters arm : warm^ — „arm^ als un- 
flectiertes Adjectiv, weil hier zwei Adjective zusammenkommen — 
aber sollte nicht ein Unterschied zu machen sein, wenn die beiden 
Adjectiva durch „und^ getrennt werden? Unzweifelhaft aber ist apo- 
copiert: 

P. 619, 9 sus ist genant diu lieht gemäl: Parziv&l 
639, 28 die sorgen arm und freuden rieh : urloupltch 
femer im Plural: Uut P. 763, 22, palaa P. 534, 25, beide sehr häufig 
in P. und Wh. 

Von V er bis vergleiche man Conj. mtd Wh. 30, 27, trüeg 266, 9. 

2. sing, praet. : spraech du Wh. 65, 14, du brcieht Wh. 454, 1, du 
riet P. 799, 8; im p erat: gedenc Wh. 342, 8. 

allein ohne e im Dat Oblique Cuub von Fremdwörtern scheint Hartmann überhaupt 
yermieden sn haben. Den Dativ paku a. B., den W. so oft hat, finde ich bei H. 
nicht. Ich habe daher Ws. zahlreiche Apocopen in Fremdwörtern nicht mit angeführt. 
*) cf. Weinhold, bair. Gramm, p. 844, 354. 367, 336 o. s. w., wo sich lahl- 
reiche Belege ans allen bair.-österr. Dichtongen finden. 



20^ G. BÖTTIGHEB 

1. sing, praee. : ich toaeuj ich mein Wh. 100, 18. 200, 8 und öfter. 
<— waer gehr häufig. Doch kürzen uxun und waer fast alle Dichter. 

Auch Adverbia wie gem P. 327, 17, sch^ an Wh. 11, 30. 262, 
28 sehr oft — sind zu erwähnen. Auffallend ist ^ Iw. 5470. 

Nicht minder ausgedehnt und von Hartmanns Gebrauch abwei- 
chend ist die Syncope^ 

Haupt ftlhrt als Belege f&r Hartmann z. Er. p. 41ö nur die Syn- 
cope des e in den „gewöhnlichsten zweisilbigen Wörtern mit langer 
erster l^be an, wie eins, keins, mvu, dxn»y nn»^ näUs, sodann in 
den palimbacchischen Substantiven wie äbents ^ wechaerB, Ckttoeine. 
SbcBso die Endung en bei em, Aem, mit dem gülden bogen, die e»Mn 
schefte''. 

Wolfram aber hat nicht nur sehr häufig diese letzteren Formen wie: 
P. 18, 6 üf einem hernOn schilte 

&8, 6 einn sUßn segel sach er u. s. w., 
— ebenso die ersteren — sondern er hat auch Genetive wie «Btns lamde 
P. 280, 6. 14, 30. WL 185, 17. Tit 61, 4. des riehe Wh. 197, 15. ir 
rekU Wh. 220, 5. sÖ wert ir herr dis$ landes 558, 17. — Er wirft 
auch die Genetivendung ganz ab, doch nur nach einem schon voraus- 
gehendem Genetive: 

P. 14, 30 ganzes lands noch landes ort 

Die Endung en wird ebenfalls viel ausgedehnter syncopiert,' resp. 
abgeworfen, so bei Eigennamen gewöhnlich (G&w&n) — bei Hartmann 
wieder nur in der Verbindung mit A^m, wo also die Eigennamen rich- 
tiger als unflectierte angesehen werden. 

Eine sehr häufige EIrscheinung bei Wolfram ist femer die Aus- 
stossung des en im Partie, praes.: P. 291,3 töude = töuwende; 
weinde= weinende P. 595, 19. 612, 22, Wh. 93, 8; dienden = dienenden 
P. 637, 6 cf Nib. 305, 4; beiden = helenden L. 5, 1 cf. Nib. 436, 4 (s. 
Weinhold a. a. O. p. 312). Femer die Syncope der Infinitivendung in 
der Flexion (Weinh. p. 294): ze dienn Wh. 215, 25; gewinn P. 666, 17. 

Hierher gehört endlich die überaus häufige Zusammenziehung der 
Ekidung et nach vorhei^ehendem t oder d im part. praet 2.pl* 
praes. und praet. 



*) Qrmmm. l\ SO: Sjneope tritt nach m und n lediglieh Tor Liogaalea «in, 
nicht TOT Liqniden. Nach tonloser iweiter fIDt gewöhnlich die gmnze Silbe en ab; 
naeh 2. ttommer bleibt sie (degenen). Von den übrigen Consonanten haben h, s immery 
b, g hinfig Syocope nach sich, aber nnr vor Lingualen (siht, list, aber nicht 
•ehn, lesn). 



ÜBER DIE EIQENTHOMLICBKEITEN DBR SPRACHE WOLFEABIS. 266 

Ich fbhre nur an: 

P. 614, 4 ir getät 17 httet 

516, 16 ir mOht. 620, 18. 646, 3 u. s. w. 

520, 25 wert = werdet. 654, 18 gebiet WL 299, 11. 
P. 568, 29 schiet (D sciedet, g schiedet), 

661, 8 behalt 17. 19 viut = vindet 598, 16 west 

606, 20 het = hetet Wk 90, 20 schämt 

Part praet: Wh. 227, 7 gerant : stont 68, 9 gehart : fort*). 

Bei den meisten derartigen Stellen stimmen alle Handschriften 
in der Kürzung überein, so daß, wo Lachmann gegen einzelne oder 
auch alle die Kürzung hat eintreten lassen, dies durchaus gerecht- 
fertigt ist 

Von Verbalformen sind ausserdem zu bemerken 1. und 3. Plur. 
praes. mit abgeworfenem, resp. syncopiertem en: 643, 1 kumn si. Wh. 
235, 26 si waemd — waem ist im P. und Wh. ganz gewöhnlich. 
Endlich sind anzumerken: 

Der syncopierte Oen. Sing. dienB = dienafes (P. 244, 21. 279, 6. 
362, 3. 608, 3. 664, 1 u. s. w.) **) und das besonders im Willehalm 
häufige wSnc (Wh. 324^ 29. 201, 29. 449, 30 u. s. w.). 

Die Belege sind fast alle nur aus dem XI. und XU. Buche des 
Parzival genommen; sie genügen, um zu zeigen, wie wenig Wolfram 
seine heimische Mundart beschränkte. Eine genauere Aufmerksamkeit 
auf diese und ähnliche Formen, als sie hier Zeit und Raum erlaubte, 
wird jedesfalls präcisere und reichhaltigere Resultate ergeben, als sie 
hier dargelegt werden konnten. Es sollte eben hier nur unter Hin- 
weis auf die Ausführungen Weinholds in seiner bairischen Grammatik 
constatiert werden, daß Wolfram seinen Dialect frei walten ließ, daß 
sich ein Streben nach schwäbischer Färbung nirgends erweisen läßt 
Die Kürzungen sind bei ihm also auch keine ungeschickte Vernach- 
lässigung der Kunstgesetze, sie sind ihm natürlich. 

Dasselbe gilt auch nun von Wolframs Reimen. 

Wolfram hat ungenaue Reime ausserordentlich häufig, aber von 
diesen erklären sich eben die meisten aus der bairischen Aus- 



*) et Weioli. «. a. O, p. 815. Dasa derartige Fennen in den Nibelongen: 
146, 1 wUeL 168, 4 aniwwi. SOS, 1 MH, in, 8 wmi, 498, 1 fUem-waam o. e. w. 
Ebenso im Biterolf and allen bair.-Sslenr. Qedichten. 

**) Daß die Form Qen. des BabstantiYS nnd nieht des InfinitiTS ist, hat neneatens 
Panl (Beiträge II, 78) erwiesen. 



266 ^' BÖTTICHEB 

spräche. Es sind alle die Fälle, in welchen zwei ongleichartige Vo- 
cale gebunden werden , so a:& fast auf jeder Seite. Seltener schon 
aber doch immerhin noch oft genug*) 

o : 6 P. 157, 9. 307, 13. etc. 

e : g P. 563, 25. Wh. 182, 10. 372, 7 u. s. w. 

u : ü P. 561, 20. 661, 7. Wh. 451, 7 u. s. w. 

u : uo besonders häufig in sun : iuon P. 345, 5. 359, 7 etc. stuatU : 
kwU 425, 17. 282, 1. 288, 25 etc. ruarU : hurte 444, 14. 

nu : zuo 433, 15. : firuo 594, 9 etc. tuot : lüt 675, 13. 

a : üe stüende : künde 468. 21. 

i:ie UehtigOd P. 314, 8 : nOit 353, 17. ierimir 682, 16. ifiihUi 
lidäe 613, 11. dir : Hier 795, 29 u. s. w. 

Weinhold constatiert (bair. Gramm, p. 47, 59, 65), daß im Bai- 
rischen die Dehnung alter Kürzen gewaltig um sich gegriffen habe 
und gibt p. 48, 49 S. die zahlreichsten Belege aus allen bair.-österr. 
Autoren**). Wir müssen uns also denken, datt Wolfram die breite bai- 
rische Aussprache als die ihm angebome beibehielt und so ohne sich 
der Unregelmässigkeiten bewußt zu sein, ursprünglich kurze Vooale 
auf lange reimte. Einen gewissen Unterschied der Quantität fireilich 
muß er gekannt, haben, denn sonst würde er doch schwerlich P. 519, 
19 — 24 sechsmal a haben aufeinander folgen lassen: 

wie gewinne ich ktlnde dises man 

dem der gral ist undertän? 

si sant ir kleinoete dar 

zwei mennisch wunderlich gevar 

Cundrien und ir bruoder clär 

si sant im mgr dannoch ftir wfir. 

Dieselbe Neigung der Baiem zur Dehnung vcranlaßte auch 
Diphthongierung (Weinh. p. 101, 102, 110, 111) daher in allen 
bairischen Dichtungen (c£ Biter. Nib.) die häufigen Reime u : uo etc., 
die Wolfram um so unbedenklicher setzte, als er selbst nicht schreiben 
konnte und seine Oedichte dictierte***). 



*) Die näheren Nachweise 8. in San Bfartes ReimwSrterbnch. 
**) Pfeiffer dageg^ setart diese Reime Wolframs «trots allen Widerspraehes* 
mor auf Bechnnng eines Einflnsses der thflringischen Mandnrti welche sa Kfirinng^en 
der langen Vocale neigte (fireie Forsehnng p. 106, Amn.). 

***) Aach im Verse setst Lachmann P. 764, 20 gegen DG «der nion Ar- 



niven". 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLIGHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 267 

Über i:ie endlich bemerkt Weinbold p. 92: ^Neben dem alten 
echten ie zeigt der Dialect ein anderes, das als consonantische Bre- 
chung von i zu nehmen ist und sich dem gotischen ai aus i vor r 
und h vergleicht Auch im Bairischen bewirken r und h fast aus- 
schließlich dieses wirklich gesprochene ie.^ 

Aber auch vor Labialen findet sich diese Eigenheit z. B. P. Ö99, 4 
liep : sip. Hier würde man also ebenfalls Diphthongierung anneh- 
men müssen. 

O. Jänicke (a. a. O. p. 32) behauptet, im Willehalm fänden sich 
verhältnissmäßig viel weniger solcher Verbindungen als im Parzival, 
woraus folge, daß Wolfram den höfischen Kunstgesetzen mehr und mehr 
Aufmerksamkeit geschenkt habe. Aber gerade in diesen vocali sehen 
Reimungenauigkeiten läßt sich im Willehalm durchaus keine Abnahme 
spüren und das konnte ja nach dem eben erörterten auch nicht anders 
sein. Mit mehr Recht dagegen behauptet dies Jänicke in Bezug auf 
Ungenauigkeiten in der consonantischen Bindung. Reime wie 
ou^en : rou&en F. 10, 25. gä&en : lägen 17, 29. Razalic : wij> 46, 1. 
g&be : m§Lge 53, 19. selbe : velde 93, 23. ges^en: pfl^^en 164, 7 sind, mit 
Ausnahme vielleicht des letzten (cf. Weinh. §. 177) im Bairischen so 
gut falsch wie in jeder andern Mundart. Wenn daher Wolfram über- 
haupt den Grundsatz der Kunstpoesie kannte, nach welchem die Reime 
auch consonantisch ganz genau sein mußten — der übrigens auch in 
Nib. und Kudrun streng befolgt ist — so hat er sich hier wirkliche 
bewußte Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen lassen. Und wenn 
sich nun zeigt, wie Jänicke nachweist, daß derartige Reime in den 
späteren Büchern des Parzival und im Wh. vermieden werden — es 
kommt im Wh. ausser einem m : n nur noch sw^er : nider Wh. 143^ 
11. schilt : sint Wh. 241, 27 vor — so ist allerdings der Schluß richtig, 
daß Wolfram im Anfange seines Auftretens die Kunstgesetze weniger 
beachtete als später, nachdem er vielleicht manches spöttelnde Wort 
darüber hatte hören mtlssen. Nur hat dies nichts mit dem schwabi- 
schen Idiom und der qu. Hofsprache zu thun. 

Ich schließe hieran noch einige Einzelheiten, welche mir bei 
der Leetüre gerade auffielen. Es ist eine gewisse Vorliebe Wolframs 
flir manche Verbalformen in e und der Gebrauch der Partikeln och, 
sdUf halt. 

Nach Weinhold p. 324 nehmen dio bairischen Dichter als Plur. 
präs. ind. sowohl, wie durch den ganzen Conjunctiv von mac gern die 
Form in e\ mege, megevL Erst im 14. Jahrhundert habe u die Ober- 



288 Q' BömcHER 

hflad gewonnen*). Bei Wolfram finden sich beide Fonnen £ut in 
gleicher Anzahl. Es wird jedoch auch hier wieder viel anf Rachnnng 
der Abschreiber kommen, welche gewiß oft genug ohne weiteres 
^mOget, mugen, müge^ einsetzten, wenn sie selbst so sprachen. Ala 
Beispiele von „megen^ seien verzeichnet: 

megen 1. Plur. ind. P. 674, 12 u. a. 

meget 2. „ ,, F. 582, 12. 544, 24 u. a. 

megen 3. „ „ Wh. 246, 26 u. a. 

mege 1 Sing. Conj. F. 441, 13. 530, 20 u. a. 

meget 2. Plur. Conj. F. 521, 5. 537, 22 u. a. 

megen 3. . „ F. 743, 12. 

Vgl. „mugen" F. 599, 7. 600, 24. 624, 8 u. s. w. 

Von Wichtigkeit wäre hier zu wissen, ob die Form in u im 
Thüringischen beliebt gewesen sei. Sehr bemerkenswerth ist aber, 
daß die Formen in u nach San Martes Reimregister p. 101 nie im 
Reim vorkommen. — Eine ähnliche Vorliebe fbr e zeigt sich auch in 
den Formen von stän und gän (cf. Weinh. p. 281, Anm. 284). Wol- 
fram gebraucht sie noch mehr als alle andern bairischen Dichter, ob- 
wohl sie alle Neigung dazu haben. Im Iwein ist gin und sten nicht 
selten, aber merkwürdiger Weise nur ausser dem Reime**), während 
es sich bei Wolfram gerade umgekehrt meistens im Reime findet. 

Endlich ist der Gebrauch jener drei Partikeln nicht unwichtig ftbr 
die Beurtheilung der mundartlichen Eigenthümlichkeiten Wolframs. 

och ist eine „entartende Verkürzung^ des ouch im Bairischen 
(Weinh. p. 37), gehört also speciell dem bairisch-österr. Dialect. Den- 
noch findet es sich ausserordentlich häufig in allen drei Qedichten Wol- 
frams, cf. P. 508, 27. 787, 5. 577, 18. 1, 29 u. s. w. Wh. 353, 15. Tit 
40, 1. 50, 2. 74, 2. Ebenso in den Nibelungen z. B. 1681, 1. 1021, 2 et 
(}ramm. P, 194. Hartmann hat.es nirgends. 

aän. Die Belege für die Anwendung dieser Partikel gibt Jänicke 
a. a. O. p. 32. Derselbe weist darauf hin, daß diese Partikel, ,, welche 
im Anfang des 13. Jahrh. anfieng zu veralten^ (MüUenh., zur Qesch* 
der N. N. p. 91, Anm.) in den ersten sechs Büchern des Parcival 78 mal, 
dann immer spärlicher, endlich im Willehalm nur noch 2 mal ganz za 
Anfang vorkomme (Wh. 50, 30. 75, 2) und leitet daher den Beweia, 
daß Wolfram den Gesetzen der höfischen Sprache und Poesie mit der 

*) Der Iwein hat ,megen*' dreimal im Reime Iw. 1043. 7144. 7406. Qc 
T. Straßbnrg Öfter. Möglich, daß hier eine Einwirkung des Bairiachen auf das 
manniflche stattgefunden hat. Ulr. y. Tflrh. gebraucht es noch geläufiger. 
••) cf. Beneke W. B. lu Iw. p. 126. 410. 



DBEB die EIOENTHOMUCHKEITEN der SPRACHE WOLFRAMS. 269 

Zeit immer sorgfkltiger nachgekommen sei. Da nämlich Hartmann — 
dies ist die Prämisse — das Wort nicht gebraucht — statt dessen immer 
sä — so war es in der höfischen Dichtung nicht erUubt. Pfeiffer da- 
gegen sucht nachzuweisen, daß sän ein eigenthttmlich mitteldeut- 
sches Wort sei (a. a. O. p. 107) aus got. 9unSf alts. säna^ welches 
einige bair.-österr. Dichter mit angenommen hätten (Ottokar), welches 
aber den schwäbisch-alemannischen Dichtem immer firemd gewesen und 
geblieben sei — sie hatten dafUr sä aus ahd. sdr. 

Richtig ist hier gewiss , daß die Veraltung nicht bewiesen wer- 
den kann, denn Heinrich v. Freiberg, der Fortsetzer Gottfrieds, 
gebraucht gerade sän fast ausschließlich und dichtete doch ganz am 
Ende des 13. Jahrh. Er war aber ein Meißner — also ein sehr 
günstiges Zeugniss ftlr Pfeiffers Ansicht (s. H. Trist 5372. 5384. 5884. 
5881 u. 8- w.). 

Woliram hätte also seiner heimischen Mundart gemäß sä schreiben 
müssen. Wenn er daher in der zweiten Hälfte des Parcival sän immer 
spärlicher und im Willehalm sä durchaus gebraucht , so kann das 
weiter nichts als eine Rückkehr zu seiner heimischen Mundart be- 
zeugen. Wie er aber dazu kam, im Parc. I — VI sän mit solcher Vor- 
liebe zu gebrauchen, darauf wirft die Thatsache ein Licht ^ daß er 
es fast ausschließlich im Reime gebraucht, während im Verse mit 
alleiniger Ausnahme von 33, 25 (Ggg sä). 213, 30 (DG sä). 306, 6 — 
immer sä steht cf. P. 52, 16. 119, 11. 124, 5. 220, 24 u. s. w. Er 
scheint es also nur als ein bequemes Reimwort verwerthet zu haben, 
daher steht es denn auch oft genug ganz überflüssig cf. 29, 1. 34, 20. 
Die größere Fertigkeit, welche er mit der Zeit, wie wir schon oben p.267 
bemerkten, im Reimen erwarb, ersparte ihm dann die Füll- und Flick- 
wörter immer mehr und so verschwand endlich das sän ganz aus seinen 
Gedichten. Der Gebrauch des Wörtchens ist ako allerdings ein Be- 
weis für die fortschreitende Kunst Wolframs, aber nicht im Sinne 
Jänickes, als ob er sich befleissigt habe, sän als unhöfisch zu ver- 
meiden — denn am thüringischen Hofe hatte er es ja erst angenom- 
men — sondern nur, insofern er freier und ungezwungener reimen 
lernte*). 



■eh jener Aosicht nnhsfiseh geweMo 

d s. H., im Iwein aber nie mehr 

^ selten, obwohl er $A wuhmi 

«ehant, im Pars, steht es 




270 0* BömcHER 

Diese Auffitssung des Gebranches von sfin Bcheint mir in ge* 
msserBeziehnng durch den Gebrauch von „halt*^ ontersttttzt zu werden* 

Das Wörtchen „halt* ist noch heute dem bair.-öBterr. Dialecte 
ganz geläufig; es war ihm auch damals eigenthOmlich und ist daher 
fast ausschließlich in den bair.-österr. Gedichten zu finden (Nib. Klag^ 
Biter. Minnelieder des Kümbergers etc.). Aber auch der Meißner 
Heinrich v. Freiberg hat es (Trist. 464. 994 u. a.) und dies weist, meine 
ich, auf einen ganz ähnlichen Austausch zwischen bairisch- und mittel- 
deutsch hin, wie wir ihn bei sän bemerkten. Hartmann undGottfiied aber 
haben das Wort nie — soll es nun deshalb „unhöfisch '^ gewesen sein? 
JedesfaUs hat es Wolfram nicht Air nöthig gehalten, sich das Wört- 
chen abzugewöhnen, denn er hat es im Willehalm ganz in derselben 
Weise und derselben Freiheit wie im Parzival (s. Wh. 170, 10. 291, 
30. 384, 30 u. s. w.). 

Es verhält sich also einfach so: Wolfram ftuid durchaus keine 
Veranlassimg seine dialectischen Eigenthümlichkeiten zu Gunsten irgend 
einer andern Mundart abzulegen, wohl aber nahm er aus seiner Um- 
gebung Ausdrücke und Formen an, die ihm gerade gefielen und die er 
bequem verwerthen konnte, so also sän und ausserdem die nieder- 
deutschen Elemente, auf welche Pfeifier (a. a. O. p. 106 Anm.) auf- 
merksam macht, z. B. das Verbam trecken P. 62, 29. 357, 2. 18, 30. 
Wh. 199, 11. 313, 12 u. a. bevom : urbom P. 221, 18*). 

Es genüge, hiemut die Gesichtspunkte festgestellt zu haben, unter 
welchen Wolframs dialectische Abweichtmgen von Hartmanns Sprache 
zu betrachten sind, wie überhaupt in dieser Beziehung sein Verhältniss 
zu der angenommenen Hofsprache zu beurtheilen ist. Wir kommen also 
zu dem zweiten Punkte, welcher die höfische Sprache charakterisieren soll. 

Es ist der Gebrauch, resp. Nichtgebrauch gewisser Worte, For- 
meln und Structuren, welche vorzüglich in den Volksepen beliebt 
waren. Dahin gehören hauptsächlich die von Jänicke einer näheren 
Untersuchung unterzogenen Ausdrücke, welche sich auf das alte Kriegs- 
und Ritterwesen beziehen, Air den Ritter: imgant, recke^ degen, helt und 
die Adjectiva und Epitheta maere^ halt, veige, gemeit^ snely eUenthaft, 

*) Ober pr^ter : mßster Wh. 464, 1, 2 8. Braane bei Zacher IV, 276. Ober den 
bei Lachmann hftnfigen and aach von -Bartsch beibehaltenen nddt. Artikel die .= 
der 8. Paul, Beiträge II, 64 ff. Er ist sicher nicht hierher zu rechnen, denn auch 
da, wo man sich auf Gknnd der Hss. fllr ihn entscheiden könnte« wird man ihn doch 
lieber anf Rechnung der Schreiber setzen , als daß man annimmt , Wolfram habe die 
eigenartige Form rein willkürlich abwechselnd gebraucht, zumal nicht einmal der 
Reim Veranlassung bieten konnte. [Ich behalte mir eine Widerlegung dieser Ansicht 
anf ein ander Mal Tor. K. B.] 



ÜBER DIE EIGENTHOMUCHREITEN DEK SPRACHE WOLFRAMS. 271 

vermezzen, mxltej ellenm%ch^ küene, vreeh, vrevel — fiir Krieg, Schwert eto. : 
hervart, vne^ urliuge, toal, ger, ecke, eüen, marc und die Adjectiva trod^- 
lidi, dürkdf ferner Formeln und Constructionen wie ein heU zen hon- 
deuj rdtez goü, bürge unde lant, ander herzeleit, daz maere fliuget, nu 
nähent maerej die dXnen nStj der Gäwänes muntf der bruoder Liäzenj 
anker die euxieren,^ 

Jänicke ist zu folgenden Resoltaten gelangt: 

Alle diese Wörter — wir bleiben zunächst bei den einzelnen Aus- 
drücken — sind der Sprache des Volksepos geläufig, Wolfiram ge- 
braucht sie alle, nur die einen mehr, die andern weniger; die tlbrigen 
höfischen Dichter gebrauchen sie nur theilweise, jedesfalls viel seltener 
als Wolfram; insbesondere hat Hartmann zwar noch viele derselben 
im Erec, aber im I wein hat er sie fast gänzlich vermieden, nur helt 
und degen kommt noch je 4 mal vor. Folglich waren diese Wörter, 
wie das schon längst behauptet wurde, der feinen Hofsprache nicht 
mehr angemessen, die Dichter suchen sie zu vermeiden und Hartmann 
ist dies im Iwein am besten gelungen. Es ist daher eine Eigenthtlm- 
lichkeit der Wolframschen Sprache, daß er diese Wörter mit Vorliebe 
gebraucht, daß er sich also im wesentlichen an die Sprache der Volks- 
poesie anschließt im Gegensatz zur höfischen. Es läßt sich aber 
auch endlich bemerken, daß sich auch Wolfram dem Einfluß des hö- 
fischen Tons nicht hat entziehen können, auch er hat sich bestrebt, 
höfischer zu sprechen, denn im Wh. kommen einige von jenen Aus- 
drücken (degen, vrech, marc, helt zen banden) gar nicht mehr vor; 
andere werden viel seltener gebraucht (wigant, recke, helt msere, ge- 
meit, halt, urliuge, dürkel). Zwar kommen noch andere wie hervart, 
wal, ecke, ger, schroten im Wh. öfter vor als im P., indessen L a. 
müsse man doch sagen, W. habe sich die höfische Ausdrucksweise 
immer mehr angeeignet; auch im P. VH — XVI im Vergleich zu I — VI 
sei diese Beobachtung zu machen, z. B. bei den Worten reeke, maere^ 
gemeit, vrech, wie, rdtez golt. 

In diesen Sätzen ist ohne Zweifel richtig, daß eine Eigenthüm- 
lichkeit des Wolframschen Sprachgebrauches in der Vorliebe ftar diese 
Ausdrücke liegt und daß er femer diese Vorliebe mit der Volkspoesie 
gemein hat Falsch aber ist, wie aus dem Folgenden hervorgehen 
wird, die Meinung, daß W. damit gegen den guten höfischen Ge- 
schmack Verstössen habe. Wir mtlssen hierauf etwas eingehen, weil 
die beiden Männer, welche bis jetzt allein gegen die Ansichten der 
Lachmannschen Schule in dieser Beziehung aufgetreten sind — Pfeiffer 
und Paul in ihren bereits erwähnten Schriften — das Verhältniss des 



272 ^- bOtticheb 

Gtobranebes dieser Wörter doch noch nicht hinreichend klar gestellt 
SU haben scheinen. 

Pfeifier bestreitet in seiner Recension der Jinickeschen Disser- 
tation, daß im Gebrauch dieser Wörter im 13 Jahrh. irgend eine 
VOTindenmg Tor sich gegangen sei. Er hftlt es nicht nur fbr unmög- 
lich, daß diese Wörter von der feineren Gesellschaft bei Hofe als 
^unfein^ oder gar als ^roh und unanstftndig'' gemieden seien, sondern 
er kann auch nicht zugeben, daß die Wörter in der Umgangs- 
sprache angefangen hätten zu veralten, oder daß sie im Volke 
beliebter gewesen seien als bei Hofe. G^gen den höfischen Braudi 
hfttten unmöglich Ausdrucke, die sich ganz speciell auf das Ritterwesen 
bezogen, Verstössen können und es fehle an jeder Andeutmig, daß die 
Redefireiheit in den höfischen Ejreisen jemals eine solche Beschränkung 
erfahren habe. Daß sie Wolfram besonders geläufig seien, erkläre 
sich einmal aus dem Inhalte seiner Gedichte, welche von Schlachtge- 
tAmmel, endlosen Kämpfen, Mord und Todtschlag wiederhallen, wäh- 
rend z. B. Iwein und Tristan mehr Seelenzustände malen, sodann 
daraus, daß er von Kindheit an mit den Volksepen, welche ja meist 
in Baiem- Österreich entstanden, vertraut gewesen sei, während die 
Alemannen sie und ihre Sprache nur th eil weise kennen lernten, daftlr 
aber auch wieder ihre eigenen Eigenthtlmlichkeiten hatten (Fr. F. 
p. 104. 105. 347). 

Aber damit werden nicht alle Schwierigkeiten erledigt. 

Richtig ist ohne Zweifel, daß die Wörter von Hartmann nicht 
ab „unhöfisch'' in dem Sinne von „unfein^ gemieden sein können. 
Denn wäre es wirklich wahr, daß die Dichter, indem sie nach dem 
unausgesprochenen „Ideal der mhd. Schrift- und Dichtersprache^ 
(MüUenh., Vorr. z. d. Dkm. p. XXVUI) strebten, dieselben fiir un- 
passend oder gar fbr roh hielten, so wäre es doch geradezu unbe- 
greiflich, daß sich nicht blos Wolfrnm ihrer mit so ausgesprochener 
Vorliebe bedient und daß ihn Gottfi*ied in jener bekannten Stelle hier- 
über nicht tadelt, sondern daß auch Hartmann einige im Iwein tlber- 
haupt noch gebraucht. Woran soll man sich denn halten, wenn auch 
Hartmann, den man doch wieder als Elriterium der höfischen Sprache 
ansieht, einem so leicht zu befolgenden äußeren Gesetze nicht ganz nach- 
gekommen ist, wenn er z. B. das angeblich „unhöfische*^ Wort „holt* 
im Erec nur einmal, im Iwein aber, in welchem er doch so große 
Fortschritte gemacht haben soll, viermal gebraucht (s. Jänicke p. 3)? 
Wenn femer derartige Wörter, welche Hartmann und Gottfried gar 
nicht haben, bei Rudolf v. Ems (z. B. wigant) und bei Konrad v. 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 273 

Würzburg, den durchaus dem höfischen Oeschmacke ergebenen Nach- 
ahmern des letzteren ganz gewöhnlich sind? Darin also werden wir 
Pfeiffem zustimmen. Aber wir müssen noch einen Schritt weiter 
gehen^ der uns zugleich in Widerspruch gegen Ffeifiers zweite Be- 
hauptung führt, daß die Wörter auch gar nicht veraltet sein könnten. 

Ein Unterschied nämlich zwischen der Anwendung der Ausdrücke 
im Volksepos und bei den höfischen , d. h. französische und britanni- 
sche Stoffe behandelnden Dichtem liegt auf der Hand. Das fast gänz- 
liche Verschwinden der Ausdrücke im Iwein ist doch auffallend und 
läßt sich aus dem Inhalte und aus der Heimat des Verfassers aUein 
nicht erklären, denn im Tristan, der doch noch entfernter vom Kriegs- 
getümmel ist, sind sie weit häufiger. Man darf auch nicht übersehen, 
daß der Iwein die aus dem Französischen entlehnten Termini (tjost, 
poynder etc.) sehr häufig hat und man muH überhaupt die Thatsache 
bestehen lassen^ daß die meisten jener Ausdrücke, wenigstens alle 
termini technici des ritterlichen Kampfes, nach dem zweiten Ejreuz- 
zuge durch herübergenommene französische Bezeichnungen ersetzt 
wurden. Es läßt sich endlich nicht leugnen^ daß gerade der geläufige 
Gebrauch dieser und ähnlicher Wörter das Volksepos dem höfischen 
gegenüber charakterisiert Eine Änderung also muß im Gebrauche der 
Wörter eingetreten sein und diese haben wir uns klar zu machen. 

Man gewinnt den Eindruck, als ob viele dieser Ausdrücke im 
Volksepos recht eigentlich zu Hause seien, während sie von höfischen 
Dichtem nur ausnahmsweise, in besonderer Absicht gebraucht wurden 
und hier wieder von dem einen dies, von dem anderen jenes mit be- 
sonderer Vorliebe. Einiges einzelne möge dies für alle erläutern. 

,.recke^ z. B. ist bei allen — wenn wir uns auf die Zeitgenossen 
Hartmanns beschränken — selten, bei Wolfram nur P. 35, 29. 259, 4. 
706; 11. Wh. 442, 11 (Jänicke p. 4), in diesen Stellen aber jedesmal im 
Reim und der eigentlichen Bedeutung „Aventurier, fahrender Ritter" ent- 
sprechend, nie hat es die abgeschwächte Bedeutung „Ritter, Elrieger* 
überhaupt, wie in den Nib. Der Grund für diesen seltenen und be- 
sonderen Gebrauch muß in der wirklichen Veraltung des Wortes 
liegen, denn die Vorstellung, die es gab, paßte nicht mehr recht zu den 
durch den französischen Einfluß veränderten Anschauungen. Es wurde 
also gewiß in der höfischen Umgangssprache nicht mehr gebraucht 
und, wie Paul a. a. O. p. 33 voraussetzt, auch wohl nicht mehr in der 
Volkssprache , unverändert aber in jenen Gegenden , welche von dem 
französischen Einfluße mehr oder weniger frei blieben, also in Baiem- 
Osterreich. Aber auch aus der modernen Umgangssprache wurde es 

GERMANIA. Neue R«ihe. IX. (XXI.) J»hrj. \^ 



274 ö. BÖTTICHER 

nun nicht etwa als unfein verbannt — vielmehr scheint es eine aus- 
zeichnende Bedeutung, etwa „Ritter-IdeaP gewonnen zu haben 
und wurde deshalb eben nicht mehr in der abgeschwächten Bedeutang 
wie im Volksepos gebraucht Statt also zu sageji^ das Wort sei aus 
der Dichtersprache gestrichen worden, mtlßte man vielmehr annehmen, 
es sei von da an recht eigentlich ein poetisches Wort geworden, 
indem man es gebrauchte, um die Vorstellung von einem Ritter zu 
steigern, zu idealisieren — wenigstens hinsichtlich seines Muthes 
und seiner Eörperstärke. Daß es aber auch aus rein äußeren QrQnden 

— etwa zur Abwechslung oder des Reimes wegen — besonders von 
schwächeren Dichtem gebraucht wurde, zeigt z. B. charakteristisch der 
allerdings etwas spätere Albrecht v. Kemenaten. In der Virginal 
steht es nur einmal 224, 4 und zwar ironisierend „der kleine Reoke*^ 

— im Eckenliede dagegen steht es ausserordentlich häufig und zwar 
allermeist im Reime auf „Ecke^. Auch bei Wolfram steht es nur im 
Reime und es ist wohl möglich, daß derselbe die Veranlassung wurde, 
wie dieser bei ihm tlberhaupt nicht selten Ungewöhnlichkeiten herbei- 
führt (s. o. p. 266 und 269). 

Ungleich häufiger bei ihm und andern ist die Bezeichnung des 
Ritters durch ^degen^. Im wesentlichen mit „recke^ synonym scheint 
es doch beliebter gewesen zu sein, nach unserer Auflassung der be- 
liebteste Ausdruck flir einen Musterritter, denn auch Hartmann, der 
doch „die natürliche Sprache des Verkehrs am reinsten wiedergibt^ 
(Paul), hat es im £rec elfmal (Jänicke p. 4), im Iwein noch viermal, ob- 
wohl er hier doch weniger Veranlassung hatte. Die Stellen des Iwein 
geben hier gerade den besten Commentar. Wenn es heißt: 

Iw. 6998 ez l&ret diu gewonheit 
einen zagehaften man 
daz er getar unde kan 
baz vehten danne ein küener degen 
der es niht h&t gepflogen 

so ist offenbar „küener degen" als superlativer Begriff eines 
tiqpferen Mannes in Vergleich gezogen. Wenn wir femer lesen: 

Iw. 3Q27 so was her Iwein &ne strit 

ein degen vor des und baz slt, 

so scheint Hartmann gewisserma«^ das Resumi, den zasammenfas- 
senden Gesichtspunkt aufzustellen, unter dem Iwein betrachtet werden 
soll und dazu bot sich ihm das alte Eernwort j^degen"^ als das tref- 
fendste. Auch 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 275 

Iw. 3249 er was ein degen hewaeret 

und ein JieU uneroaeret 
sind doch diese beiden ;,degen" und „helt" nicht unabsichtlich neben- 
einandergestellt. Hartmann will vielmehr den höchsten Begriff 
von Iweins Stärke und Tapferkeit geben, um die Macht der Minne 
um so mehr hervortreten zu lassen. 

Nicht minder bezeichnend steht es endlich 
Iw. 7740 do verstuondens alrSrst sich 

daz ez der degen masre 

mittem lewen wsere 

von dem si vmnder hörten sagen 

und der den risen het erslagen. 
In derselben Weise ist y^heU^ verwendet, wie schon das vorige 
Beispiel zeigte. Ich glaube nun, daß sich der Begriff des Gewaltigen, 
Mächtigen fast auf alle bekannten kriegerischen WOrter und Epitheta 
der Heldensage ausdehnte; darauf fiihrt uns z. B. auch, um nur nodi 
eines hervorzuheben, der Gebrauch von j^marc"' bei Wolfram, von dem 
man gerade seine „Unhöfischheit'' herleiten wollte. WolfSttun gebraucht 
das Wort zweimal von den häßlichen Kleppern der Ound/Ae und des 
MalcrSatiure. An diesen Stellen aber will er unter „marc^ nicht etwa 
im Gegensatz zu der alten Bedeutung (= Streitroß) ein schlechtes 
Pferd verstanden wissen, vielmehr h'it er gerade den alten Begriff 
des gewaltigen Streitrosses im Sinne und sagt nach seiner Weise iro- 
nisierend: 

P. 312, 10 ein mfil .... nassnitec und verbrant 

als ungerschiu marc erkant 
und P. 530, 22 daz mare (Malcrgatiures) begunde er schouwen. 

Von der Stelle P. 540, 25 „ein marc er vant" (d. h. als er von 
seinem wiedergefundenen Roß Qringuljete abgestiegen war) müßen 
wir absehen, denn dort liegt die Bedeutung marc = signum, nota viel 
näher. Aber auch jene beiden Stellen ergeben schon genug. Wolfram 
stellte sich unter ^marc' jedesfalls ein so gewaltiges Roß vor, wie^es 
seiner Meinung nach damals nicht mehr existierte , deshalb konnte er 
damit auch nicht gut die Rosse seiner Helden ohne weiteres bezeichnen, 
gebrauchte es also nur zur ironischen Vergleichung. Bei den Be- 
zeichnungen f&r die Helden selbst war es anders; diese standen* ihrer 
ganzen Persönlichkeit, besonders ihres Mut h es wegdki mit den alten 
deutschen Helden auf einer Stufe. 

Ähnliches wird sich auch bei der Beobachtung des Gebrauches 
der andern Wörter, besonders auch der Epitheta (bslt^ ^Vl^^c&a&^ 



276 G. BÖTTICHER 

ellensrichy sodann auch zusammengesetzter Partie, wie üz erkant, üz 
erweit) ergeben. Manche werden naturgemäß tlberhaupt aus dem 
Wortschätze der Zeit verschwunden sein. 

Wir müssen also auf der einen Seite im Gegensatz zu Pfeiffer 
behaupten; daß die Wörter im gewöhnlichen Verkehr wirklich mehr 
oder weniger ungebräuchlich, veraltet waren; aber weit entfernt davon, 
darin eine Schmälerung ihrer Würde und edlen Bedeutung zu sehen, 
die Pfeiffer vor allen Dingen wahren will, müssen wir sie auf der an- 
deren Seite sogar höher stellen, als es Pfeiffer thut, indem wir sie als 
eigentlich poetische, also im besten Sinne edle Ausdrücke betrachten. 

Wurden sie also so i. a. nur ausnahmsweise von den Dichtem 
verwendet, so ist es auch erklärlich, daß nicht alle Dichter sie in 
gleicher Weise gebrauchten. Bei manchen verbot, wie auch Pfeiffer 
bemerkt, schon der Stoff ihre Anwendung in weiterem Umfange. So 
kam es Gottfrieden natürlich nicht darauf an, den Tristan als „msren 
beiden^ oder als „snellen degen*^ oder „wigant^ oder „recken^ hinzu- 
stellen; er will ihn uns ja nur als den Geliebten Isotes zeigen und da 
können wir uns doch nicht wundem, wenn wir alle jene Ausdrücke 
(nur heU steht einmal 5490) im Tristan nicht finden? Ähnliches gilt 
für den Iwein, während sie iür den Stoff des Erec sehr gut paßten. 

Dazu kommt aber als zweites wichtiges Moment der Geschmack 
des einzelnen Dichters und hier liegt jedesfalls auch der Grund^ wes- 
halb Hartmann die Wörter auch im Erec verhältnissroässig sparsam 
anwendet und weshalb dies und jenes Wort bei dem einen fehlt, beim 
anderen dagegen beliebt ist Eben weil sie rein poetisches Material 
waren, stand die Auswahl völlig frei. Hartmann nun — das wird 
von allen anerkannt — gibt die moderne Umgangssprache am reinsten 
wieder; er fühlte und dachte modern, bei ihm hatten dann jene alten 
Ausdrücke die Bedeutung der Auszeichnung im höchsten Masse; sie 
standen seiner ganzen Anschauungsweise femer und deshalb brauchte 
er sie so wenig und in so besonderer gewichtiger Weise, wie wir im 
Iwein sahen. Von Wolfram dagegen sagt MüUenhoff mit Recht (Zur 
Gesch. d. N. N. p. 15) „daß er das Höchste in mhd. Poesie erreicht 
habe, weil er den fremden Stoff in der nationalen volksepi- 
schen Form zu behandeln anfieng". Er verarbeitete den fremden Stoff 
in originell deutscher Weise, er gab der Parzivalsage den aus seinem 
deutschen Gemüthe entsprungenen religiösen Hintergrund, er tauchte 
seine Helden bei allem modern-romanischen Glänze doch in den Duft 
der alten eigenthümlich deutschen Poesie, in welchem ihm ein Sieg- 
fried^ Günther, Rüdeger in der Seele lebte. Ihm ergaben sich daher 



Ober die eioenthümlichkeiten der spräche wolframs. 277 

jene Ausdrücke aus dem innersten Wesen heraus, in welchem er seine 
Helden auffaßte und deshalb finden wir sie bei ihm in der natürlich- 
liebsten Verbindung, ja als stehende Bezeichnungen und in einer Fülle, 
die nur mit den Nibelungen selbst zu vergleichen ist und die deshalb 
als Eigenthümlichkeit seiner Sprache mit Recht angesehen wird. 

Bei Wolfram waren aber auch alle Bedingungen vorhanden, 
welche ihm die alten deutschen Bezeichnungen und Anschauungen 
lieb und werth machen konnten. Er war ja gewissermaßen unter dem 
Gesänge der Nibelungenlieder aufgewachsen, er sog ihren Ton, ihre 
eigenthümliche Poesie von klein auf ein, und wie sie ihm stets gegen«- 
wärtig waren, darauf deuten die Anspielungen in seinen Werken (cf 
P. 420. P. 30 ff.)* In diesem Verhältniss standen nicht alle zur Volks- 
poesie — und dies ist der ebenfalls schon von Pfeiffer berührte dritte 
Punkt, der zur Würdigung des Ganzen in Betracht kommt: neben 
dem Stoff^ neben dem Geschmack des Einzelnen ist schließlich die 
Heimat maßgebend für den Gebrauch dieser oder jener Wörter. Am 
Rheine, in Schwaben waren sicher nicht alle Ausdrücke bekannt, welche 
in Baiem geläufig waren; welche dies freilich im Einzelnen waren, 
läßt sich jetzt schwerlich mehr herausfinden (cf. Paul a. a. O. p. 33). 

Wir fassen das Ergebniss der Betrachtung in folgende Sätze 
zusammen: 

1. Jene Wörter waren nicht „unhöfische^ in dem Sinne, als ob 
sie von der feinen Gesellschaft als roh gemieden seien, denn es fehlt 
an jedem Anhalte zu dieser Annahme, ja der allgemeine Gebrauch 
im 13. Jhdt. spricht ftlr das Gegentheil. Eine nähere Betrachtung 
zeigt auch wirklich, daß sie zwar im gewöhnlichen Verkehr veralteten, 
aber eben deshalb als besonders edle, steigernde und gerade der 
poetischen Sprache willkommene Ausdrücke galten. 

2. Der geringere oder größere Gebranch der einzelnen oder auch 
der ganzen Gattung hieng von dem Stoff und der Idee, von Ge- 
schmack und Heimat des Dichters ab. 

3. Der auffallende Gebrauch bei Wolfram aber ist mit Recht 
als eine Eigentbümlichkeit seiner Sprache anzusehen und aus seiner 
ganzen durch das Volksepos beeinflußten und gebildeten Auffas- 
sungs- und Anschauungsweise zu erklären. 

Wir schließen diesen Passus mit einigen Worten über das Ver- 
hältniss des Willehalm zum Parzival in Bezug auf diesen Gebrauch^ 
aus welchem, wie schon erwähnt, Jänicke erweisen will, daß Wolfram 
später zu Gunsten höfischer Ausdruckweisen viel von jener Eigen« 
thümlichkeit aufgegeben habe. 



278 ^' HÖTTICHER 

Daß im WiUehaim, wie Jänicke nachweist, einige Ausdrücke 
auffidlend weniger gebraucht werden als im Parzival, trotzdem der 
Stoff Veranlassung genug bot, z. B. wigant^ helty baU, eüensrieh 
(denn reeksy gemeü, maere, vrevd, urliugej welche J. noch anfbhrti sind 
im P. verhfiltnissmäßig nicht häufiger), ja daß sogar degea im Wh. 
gar nicht steht, kann zwar merkwürdig genannt werden, aber der 
Schluß, den J. daraus zieht, wird durch den Gebrauch der anderen 
^hervart, wal, ecke, ger^ venchr$Un^ (cf. a. a. O. p. 33) TdU^ wieder 
au%ehoben. Da diese letzteren im Wh. häufiger sind als im P. 
und die meisten der andern ohne bemerkenswerthe Verschiedenheit 
daneben gebraucht werden, so müssen wir vielmehr schließan, Wolfram 
habe diese lagenthümlichkeit» so lange er überhaupt dichtete, bewahrt 
und habe sich dadurch gerade vortheilhtaft vor andern ausgezeich- 
net Dabei ist nicht ausgeschlossen, daß das eine oder das andere Wort^ 
welches er aus seiner Heimat mitbraehtCf in Thüringen nicht mehr 
recht bekannt war (s. p. 277) und daß er es deshalb später weniger 
gebrauchte. Vielleicht ist das der Grund f&r manche Verschiedenr 
heiten des Willehalm. 

Das eben Gesagte gilt von allen den Ausdrfteken, welche sich 
auf das Bitterwesen beziehen, Bezeichnungen ftür die Bitter selbst, 
ihre Epitheta, f^ ihre Waffen, ftür Kampf und Sieg. Aber W. hat 
auch Eigenthümlichkeiten mit d«i Volksepen gemein, welche ledig- 
lich den Stil betreffen und welche daher auch von ganz anderen Ge- 
sichtspunkten aus zu betrachten sind. Es sind gewisse formelhafte 
Bedensarten, alterthümliche Structuren, Unregelmäßige 
keiten in Satzverbindungen, wie Construction ano xoivavj Über- 
gang aus der indirecten Bede in die directe u. s. w., welche ebenfalls 
bereits von Jänicke und zum Theil Förster in den genannten Disser- 
tationen angefahrt sind. Sie alle müssen, mit Hartmanns Sprache ver- 
glichen, von jenem mdbrerwähnten Standpunkte aus als „unhöfisch'' 
bezeichnet werden, wir müssen also auch für sie untersuchen, ob dies 
gerechtfertigt ist. Die näheren Nachweise ihres Gebrauches sehe man 
in den bezeichneten Schriften ein (Förster p. 26 ff. Jänicke p. 26 ff.), 
hier beschränken wir uns auf das filr unseren Zweck Nothwendige. 
Hieran schließen sich dann weitere Unregelmäßigkeiten Wolframs, 
welche er ganz allein hat, welche uns daher auch erst recht in seine 
Originalität einführen. 

Was zunächst jene ersteren Punkte betrifft, so scheint man hier 
in der That den Vorwurf der ,«unhöv6sehe]t*^ mit mehr Becht zu er- 
heben als bei den vorhin behandelten Ausdrücken. 



Ober die eigenthOmlichkeiten der spräche wolframs. 279 

Formeln, in welchen sich die unmittelbare Wechselbeziehung zwi- 
schen Zuhörern und Dichter ausspricht und welche dem Volksepos so 
charakteristisch sind, z. B. die lebhafte Einführung einer neuen Si- 
tuation durch j^man 9ac% man vant^ man hdrtej man Teds etc.*^, häufige 
Berufung auf die Quelle j^sus hdrt ich sagen^ diu äventinre saget, 
daz maere gikt^ man sagte mir u. s. w. Versicherungen der Wahr- 
heit des Gesagten, die häufigen Anreden der Zuhörer, Fragen 
aus ihrem Munde, den Fortgang der Erzählung betreffend — alle diese 
Formeln, durch welche die Zuhörer immer mitten in den Gang der 
Ereignisse hineingezogen werden, sind augenscheinlich von den hö* 
fischen Dichtem ausser von Wolfram gemieden worden. Bei Hart- 
mann findet sich nur mitunter „als ich iu sage^ bescheide^ (cf. Anm. 
zu Iw. 1107) bei keinem die mannigfaltigen Beziehungen wie bei Wol- 
fram. Der Grund dazu läßt sich vermuthen. 

Mochte auch die höfische Weise der Poesie „noch auf dem Grunde 
eines unverjährten uralten Herkommens ruhen' und „in ihrem durch- 
greifenden Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Leben, an das sie 
sich in allen Formen anschließt, nur als eine Fortsetzung der alten 
volksmäßigen Dichtung dastehen, mochte endlich auch der Dichter der 
höfischen Erzählungen, wie früher seinen Standpunkt einem Zuhörer- 
kreise gegenüber einnehmen^ (s. Mtülenh. z. G^sch. der N. N. p. 14), 
so liegt doch in der Natur der Sache, daß nach der Verbreitung der 
französischen Bildung und des französischen Hoftones, besonders aber 
durch die allgemeinere Verbreitung der Schrift das Verhält- 
niss zwischen Dichtem und Zuhörern lockerer geworden war, daß 
der höfische Dichter ganz naturgemäß sein Augenmerk mehr auf die 
Form seines Werkes an und fiir sich, auf den eleganten Stil, den 
feinen Ausdruck richtete, als darauf, wie er die Hörer unmittelbar 
feßele und in möglichst sinnlicher Darstellung mit sich in die Ereig- 
nisse der Erzählung fortreisse. Die Darstellung wurde mit einem 
Worte abstracter und dies nraßte besonders bei solchen hervortreten, 
welche wie Hartmann ihre Werke selbst schrieben, sie also schließ- 
lich als Ganzes geschrieben vor sich sahen. Da mußten also allmäh- 
lich ganz von selbst jene Formeln der volksmäßigen Dichtungsart ver- 
schwinden, welche durch das unmittelbare Wechselverhältniss zwischen 
Hörern und Dichtem entstanden waren und mit ihm stehen und fallen 
mußten. Man kann sich vorstellen, daß es schließlich zum guten Stil 
gehörte, nur die allgemeinsten derartiger Beziehungen zu haben und 
dies Bestreben mußte um so stärker werden, je mehr diese Formeln 



280 O* BÖTTICHER 

die Spielmannspoesie zu charakterisieren anfiengen , wie sie denn in 
dieser anch in Blüte geblieben sind, so lange sie tlberhaupt existierte. 

Hieraus also erklären wir es uns, daß Hartmann im Iwein, wie 
schon bemerkt, nor die eine Wendung hat ^als ich iu sage, bescheide'' 
(Iw. 1030. 2989. 3036 etc.) allerdings auch etwas modificiert wie 1135 
^ich wil iu von dem h^e sagen*^, 2716 „und ich sage iu war an*, 
5700 „als ich iu hän gesagt^, 5034 „daz ich daz wol sagen mac'*, 
wobei aber noch zu bemerken ist, daß die Fälle meist durch die 
Disposition Teranlaßt zu sein scheinen. Gottfried scheint gar nichts 
daTon zu haben — Wolfram dagegen scheint sich in seinen Dichtungen 
völlig in jenes unmittelbare Verhältniss zu seinen Zuhörern versetzt zu 
haben, welches z. B. aus manchen Partieen des Nibelungenliedes spricht 
und welches factisch bei den fahrenden Sängern tiberall hervortrat. 
Bei ihm aber ist das auch ganz verständlich, da er eben jenes loc- 
kernde Medium , die Schrift , nicht kannte. Er versetzt sich so in die 
Empfindungs- und Denkweise seines Publicums, daß er gleichsam mit 
ihnen erst aUes erlebt, daß er z. B. mit ihnen eine neu hervortretende 
Burg betritt und ihre Beschreibung nun einleitet durch y^man gach, man 
9chiouwet^ etc., daß er femer, wo er etwas Neues erzählen muß, sich 
nachdrücklich auf seine Quelle beruft durch j^hort ich $(tgen, als ichs 
hän vemomen*^ etc. oder t,sus toert diu dventiure mich, als mir diu 
äveniiure swuor*^ u. s. w.; daß er endlich die Hörer in der mannich- 
faltigsten Weise anredet jyfiu hoert, wizzet, präevet, sprechet, vr%f, räUt^ 
merket'^ u. s. w. und sie so in der lebhaftesten Beziehung zu den Er- 
eignissen, ja in engster persönlicher zu den Helden selbst erhält. Die 
vollständige Aufzählung der betr. Stellen findet sich bei Förster p. 26 ff., 
sie fallen übrigens bei der Liectüre sofort in die Augen. Aus allen 
erkennt man auch ohne Mühe, daß wir es hier nicht mit blosser Nach- 
ahmung der Volkspoesie zu thun haben, sondern daß der Geist der 
Volksdichtungen, den er von Jugend auf einsog, selbständig aus Wol- 
fram spricht Man beachte in dieser Hinsicht nur, wie viel mannich- 
faltiger er diese Bezugnahmen auf den Hörerkreis zu gestalten weiß, 
als alle Volksepen zusammen, die Fragen aus dem Munde der Za- 
hörer u. s. w. 

Insofern nun diese Darstellungsweise dem Charakter der modernen 
Verhältnisse nicht mehr entsprach, können wir sie „unhöfisch^ nennen ; 
wir werden sie jedoch weder als ungebildet noch als von den Kunst- 
gesetzen verboten ansehen; modern gebildete Dichter wandten sie ganz 
unwillkürlich nur deshalb nioht au, weil sie sich nicht mehr in jenem 



Ober die eigenthOmucukeiten der spräche wolframs. 281 

engen Verhältnisse zum Publicam fahlen konnten, welches sie hervor- 
gerufen hatte. 

Verwandt mit dieser Weise W.s ist auch die, daß er oft Frage- 
sätze für Relativsätze setzt. Es sind dies zwar keine Fragen der 
ZuhOrer, aber wie diese dienen sie zur Erhöhung der Lebhaftigkeit 
der Rede z. B. 

P. 3, 8 toie stsBte ist ein dünnez is 

daz ougestheize sunnen hat? 

ir lop vil balde cUsus zergät. 
511^ 12 toer mac minne ungedienet hfin? 

muoz ich iu daz künden 

der treit si hin mit stlnden*) 
597, 28 toä hat diu helmsnuor ir stric? 

des turkoyten tjost in traf aldä. 
Wh. 354> 28 wie vert sunn durch edeln stein, 

daz er doch scharten gar verbirt? 

aled wSnc hftt sie verirt. . . 
Auch F. 613, 20 wie louft ob al den stemen 

der snelle Sfttumus? 

wird man hierher rechnen können; es wird aber, statt daß folgen 
sollte „so Cidegast ob allen rittem^ mit einem neuen Vergleich fort- 
gefahren 

„der triwe em monfzirus 

Sit ich die w&rheit sprechen kan 

8US was min erwünschet man. 
Im Gebrauch aller dieser Formeln finden wir im Wh. durchaus 
keine Beschränkung (nach Försters Aufzählung). Wir schließen also, 
daß W. keinen Grund fand, von seiner eigenthümUchen Manier abzu- 
gehen, wenn auch andere höfische Dichter sich anders ausdrückten. 
Es herrschte sicher überall grosse Toleranz gegen den Ton, welchen 
ein Dichter anschlug, sofern derselbe nur nicht wirklich roh, c2arper- 
tich und gemein war. Besonderen Anstoß scheinen nicht einmal die 
schon bedenklicheren alterthümlichen Formeln und Structuren gegeben 
zu haben, welche Jänicke a. a. O. p. 26. 27 anführt (s. o. p. 278). 



^) Doreh diese Stelle wird, glaabe ich, Pauls jfingste Behaaptang in den Bei* 
trXgen II, p. 70, daß man rergebens bei Wolfiram nach einem Beispiele snchen 
werde, wo in einem Vordersätze wer steht und im Nachsatse ein entsprechendes der, 
widerlegt. Dabei kann jedoch seine und Klldens Anffassang speciell der Stelle P. 1, 
26^28 als rhetorische Frage gegen Lachmann TÖlUg bestehen. 



I 

•1 

I 



1 



i! 



282 O. BÖTTICHEB 

Die Verbindimg von j^anier^ in Nib. 970, 4 A als Ausdruck des 
gesteigerten Leides (Lachm. z. d. St.), welche Jan. zuerst anfährt, ist 
von geringerer Bedeutung, weil sie nur wenig gebraucht ist Indessen 
läßt sie sich immerhin als Eigenthflmliehkeit W.s ansehen, welche er 
aus jener Stelle angenommen haben kann. Ausser P. 400, 15 und 92, 
10 bietet übrigens auch der Wh. noch einige Beispiele: 

Wh. 39, 19 unde ist daz mtn cmder töt 

daz ich dich l&ze in sOlher ndt 
327, 15 sich huop alr§rst tr ander val 
460, 11 gestern was mtn ander tac 

d. h. wo ihm noch mehr Leids geschah 
cf. 459, 30 owg tac und ander tac! 

Die nächsten formelhaften Verbindungen sind, wie Jänickes An- 
ftihrung selbst ergibt, entweder auch bei W. ungebräuchlich wie hdt 
zen handen das nur P. 48, 30 im Reim auf Qruonlanden steht, oder sie 
sind von Gottfried in derselben Weise gebraucht, wie ,fiürge und lant, 
rdtez goU^f so daß sie also ebenfalls den Vorwurf der „unhövescheit^ 
I nicht verdienen. Dasselbe bemerkt man bei den angedeuteten syn- 

1 tactischen Eigenheiten und Unregelmäßigkeiten, ja diese 

bezeugen erst recht eine sehr weitgehende Toleranz der qu. höfischen 
Sprachgesetze. 

Der Gebrauch des schwachflectierten Pron. Pers. mit dem Artikel 
(„die dinen nöf" Wh. 54, 17. 353^ 24), die Einschiebung eines Eigen- 
! namens zwischen Art und Subst. wie „der Gäwänes munt*' (im P. 15, im 

' Wh. 17 Mal) die Verbindung eines unarticulierten Eigennamens im Ge- 

netiv mit einem articulierten Subst regens (der bruoder loäzen P. 
195, 6 „der suon Amiven^ 764, 28. Tit 35, 1 daz kint Frimutelles und 
Wh. 41, 5 daz her Gerhandes), das mit dem Artikel nachgesetzte Ad- 
jectiv (anker die swseren) — alle diese sind veraltende, jedesfalls 
schwerfällig klingende Verbindungen und doch finden sie sich, wie 
Jänicke selbst zeigt, mehr oder weniger auch bei Go ttfried, dem man 
doch die höchste Eleganz des Stils ohne Streit zuerkennt und merk- 
würdigerweise sind sie es gerade, die verhältnissmäßig im Wh. noch 
häufiger vorkommen als im P., so daß er gerade diese auffallenden 
Unebenheiten in seinem Streben nach höfischer Reinheit vernachlässigt 
haben mttßte. Wir kommen also immer wieder zu dem Schlüsse, daß 
die qu. höfischen Sprachgesetze gegen die Vorliebe Wolframs fUr die alter- 
thümlich klingenden volksepischen Ausdrücke und Wendungen nichts 
e/nzawenden hatten. 



Ober die eigenthOmlichkeiten dektsprache wolfram8 283 

Über die Construction a«o xotvov fspricht Haupt z. Er. 
p. 391— 395 ausftlhrlich. Sie ist den alterthümlichen und volksmäßigea 
Gedichten geläufige „dem ausgebildeten Stile des 13. Jh. war sie fremd 
geworden*'. »Daß Wolfram und Ulr. v. Lichtenstein sie häufig an- 
wenden, hängt vielleicht damit zusammen, daß beide nicht schreiben 
konnten; denn das Schreiben yerbannt manche Freiheiten der Rede^ 
(a. a. O. z. Er. 5414). Das letztere war also auch unzweifelhaft der 
Grund fiir das Erscheinen dieser Construction in der älteren Zeit 
Wir haben sie mithin tlberhaupt nicht als eine beabsichtigte Wendung, 
etwa als Figur anzusehen^ sondern als eine unbewußte freie Rede- 
weise solcher Dichter, welche nicht lesen und schreiben konnten. Die 
Bedeutung der Schrift fhr den Stil erkannten wir schon nach einer 
anderen Seite (s. p. 279), wir werden auch im Folgenden noch wieder- 
holt Gelegenheit finden, auf sie zurückzukommen. 

Haupt hat fast alle Fälle der Construction verzeichnet and classi- 
ficiert; nachzutragen würden noch sein: 
ad 1 P. 389, 2 wan sin pfl»ge ein künee hiez Anfortas 
371, 7 f^ Unglückes schür ein dach 
bin ich iu senftedtch gemach 
501, 20 wer was ein man lac vorme gräl? 
Wh. 348, 18 den Franzoysen schaden tuot 

dvM hurtecUchen paj/nder$ brach 
sol si wol I6ren ungemach 
390, 30 dane künde niht geharren 

dn vane mit grdzem kundewiers 
kom gevam ze triviers. 
ad 3 (Substantiv als Nom. und Accus.) 
P. 529, 30 do geschach ez G&wäne 
für sin ors ze behalten 
336, 24 wart iu geteilet dA sin habe 
mit valsche niht gewiset abe. 
ad 5 (ein Verbum zu zwei Substantiven) 

P. 341, 8 (sper) diu gemalt wären besunder 
juncherren gegeben in die hant 
Wh. 44^ 13 von salsen suppierren 

sich Tybalt muose vierren 
von sinem wibe und alle ir kint. 
ad 6 (Subst. mit einer Präpos. zu 2 Verben) 
Wh. 174, 7 zuo einander si demider 

vors küneges hette an eine stat 
in diu künegin sitien \)at. 



284 o. BömcHER 

Dazu kommen Bchließlich FftUe, wo ganze Satzglieder doppelte 
Besiehnng haben, z. B.: 

WL 376, 24 ob daz gediende niht sin hant 

het er ir minne künde 
da mite erwarb er Sünde 
tet er durch si niht sölhe tat 
P. 659, 6 er solte euch vride von im hän 
des jäher offenbare 
$wer di$e äventiure erlüe 
daz dem sin g&be wonte mite. 

Wolfram bediente sich also dieser Freiheit in ausgedehntestem 
Masse; nicht minder auch des dem Volksepos geläufigen unvermit- 
telten Überganges aus der indirecten Rede in die directe. 

Jftnicke hat aUe Beispiele davon aufgezählt, sie sind im Wh. 
verhältnissmäßig noch häufiger als im P. Von höfischen Dichtem 
bieten nur noch Uhr. v. Zatzikoven und Ulr. v. Lichtenstein Beispiele. 
Hier stehe als firläuterung 

P. 30, 1 ze vrägen er begunde 

ober wolde baneken riten 
^und schouwet wä wir striten 
wie unser porten s!n behuot*^. 

Die Redeweise entspricht ganz Wolframs lebhaftem Geiste, der 
sich mitten in die Ereignisse versetzte; deshalb ist sie auch bei ihnii 
so ausserordentlich häufig, häufiger noch als in allen Volksepen. 

Die Verbindungen von Singular und Plural femer, die 
hier ebenfidls erwähnt werden müssen, sind in manchen Fällen im 
Uhd. gar nicht auffallend. £in Verbum im Plur. z. B. als Prädicat zu 
einem singularen CoUectivbegriff ist ganz normal (s. Gramm. IV, 191 ff. 
cf. ni, 472—476). Wolfram aber hat nicht nur die „schon kQhnere 
Construction^ (Gr. IV, 194) von j^manec'^ c. pl. z. B.: 

P. 75, 4 da liefen unde giengen 
manee werder man 

57, 25 manec sper zebrächen, s. 792, 21. 797, 14. 624 14. 826, 4. 
Wh. 152, 5. 6. 264, 5. 6. 35, 30. 66, 26. 72, 11. 278, 16. 366, 1 u. s. w. 
femer »waz c. pL wenn es einen persönlichen Gen. PI. bei sich hat 
(Gr. IV, 195) z. B. 

P. 761, 18 9UHiz hie werder Hute eint 
Wb. 185, 3 swaz mit al den ftlrstcn rtter nnt — 



ÜBER DIE EIGENTHOMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 285 

beide Verbindtingen finden sich bei Hartmann nie — sondern er be- 
zieht auch z. B. den (Dat. PI.) auf stoer: 

Wh. 312, 20 stoer guotes willen künde leben 

den gap wirt unde wirtin 

femer auf voüe: 

P. 99, 19 wan solt ich volkea h@rre sin 
den taete wS der jämer min 

und auf her: 

682, 22 ein also clärez frouwen her 

den man da lichter varwe jach. 

Noch auffallender weicht W. vom regelrechten Sprachgebrauch 
durch Verbindung eines S übst, im Plur. mit einem Verb, im Sing, 
ab. Hartmann hat diese Construction nur Er. 6854. 7862. Greg. 63 
(s. Haupt z. Er. 354; Lachm. z. Iw. 576) und zwar nur in der sehr 
leichten Auffassung der runden Zahl 30 als coUectiv. W. aber er- 
weitert nicht nur Collectivbegriffe ausserordentlich, sondern er verbindet 
auch ganz beliebige Zahlen c. sing. In ersterer Beziehung sind zu 
vergleichen 

P. 22, 30 balde wart do Gahmurete 
richiu kleider dar getragen 
305, 15 ir snüere unz an die sine gienc^ 234, 3. 447, 6. 227, 15. 
48, 29. 695, 1. 471, 26. 672. 16. 563, 8. 762, 12. 19, 7. 
363, 18. Wh. 125, 13. 178, 6. 209, 6. 233, 11. 404, 1. 

Dazu Verbindungen von tn7, wenir, mSr 

P. 83, 4 vil müeder ritter n&ch ir dranc 

116, 22 ich waene ir nu vil winic lebe cf. 387, 12. 410, 12. 
683, 5. 399, 16. 275, 7. 565, 5. Wh. 8, 14. 289, 30. 
P. 707, 14 des muose euch mSre Hute sehen. 

In der zweiten Beziehung (Zahlwörter c. sing.) sind zu be- 
merken : 

P. 85, 5 flir daz poulün dd reit 

zwen ritter üf ir Sicherheit 
120, 24 nu seht, dort kom geschuftet her 

dri ritter nach wünsche var 
243, 20 (vier). 376. 10 (zwelf). 569, 4 (fttnf hundert). 229, 28 

(hundert). 808, 12. 230, 9 (driu). 

Die Fälle, in welchen zwei oder mehrere singulare Sub- 
stantiva c. sing, construiert werden, können wir unter Hinweis auf 



286 (^' BÖTTICHER 

Gramm. IV, 198 ttbei^eheii. Das Verbam kami hier ohne Schwierige 
keit zu dem einen gezogen werden und die anderen sind dann in 
einer Art dxo xoivov angehängt, cf. Iw. 3337. 5017. 3387. 

ünregelmässiger aber wird die Verbindung schon , wenn von 
mehreren Substantiven eines im Sing., das andere imPlur. steht. 
Grimm gibt aus W. folgende Belege: 

P. 352, 28 ein linde und ölboume 

unden bi der müre stuont 
720, 27 dö in geapnich Bdne unt diu küU cf. 627, 19. 93, 15. 
Wh. 178, 6. Zu vgl. Nib. 2296, 2. 1087, 1. 1534, 3. 1318, 2, 

femer, wenn beide Subst im Plur. stehen (Gr. IV, 290): 

Wh. 139, 21 dö lief her ab die grgde 

alt und junge b^e 
P. 19, 19 moere unde mcerinne 

wa8 heidiu wtp unde man 

cf. Nib. 42, 2. 113, 3 — meist jedoch steht hier der Plural cf. F. 
190, 12. 27, 7. 18, 23. Nib. 49, 1 — bei Hartmann natürlich inuner. 

Man fühlte aber auch die Härte solcher Constructionen und fägte 
daher oft nach den Substantivis noch ein zusammenfassendes „daz*^ 
ein, z. B. Nib. 42, 2 «ros unde kleider, daz stoup in von der hant*^. 

Wir müssen alle diese Verbindungen als populäre Redewei- 
sen betrachten und als solche füge ich schließlich noch hinzu den 
ebenfalls im Volksepos beliebten unmotivierten Wechsel vonModis 
und Temporibus im Satze. 

Wir finden im Parz. oft den Indicativ wo die Construction den 
Oonjunctiv verlangt und umgekehrt Hartmann und Gottfined haben 
dergleichen nicht und Wolfiram selbst scheint diese Schwäche später 
abgelegt zu haben, denn der Willehalm scheint firei davon zu sein» 
Der Indicativ statt des Oonjunctiv steht: 

P. 513, 6 si stuonden ode Ugen 

ode gesaezen in gezelten .... 
die vergäzen . . . 
527, 28 ich bat daz klagehafte wip, 
Sit si mit ir ougen 9ach 
daz ich si manliche räch 
daz si durch wfbes güete 
senfte ir gemfiete 
(Die indirecte Rede verlangt $aehe, raeehe) cf. 555, 19 ff. 285, 7 ff. 



ÜHER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 287 

Aus einer derartigen Vermischung der Grenze zwischen Indicatiy 
und Conjunctiv ist es wohl auch eu erklären, daß wir bei Wolfram 
öfter geradezu Conjunctivformen satt der Indicative finden. Z. B.: 

P. 25, 19 noch hat hie riter mSre 
Kajlet von Hoskurast 
die braehten alle in diz laut 
der Schotten künec Vridebrant .... 
217, 1 etslicher hin zir spraeche : staeche. 

besonders häufig aber in der Form tocLer ftLr wcu, die auch im Wh. 
noch öfter steht, cf. P. 53, 15. 82, 12. 102, 8. 166, 7. 81, 5. 209, 2. 
221, 9. 231, 6. 423, 13. 553, 24 u. s. w. 

Von anderen Eigenthümlichkeiten Wolframs, welche an den 
volksepischen Stil erinnern, nenne ich nur noch die zahlreichen 
Parenthesen. Es sind eingestreute Bemerkungen des Dichters selbst 
oder der gerade redenden Person, die theils an Vergangenes oder an 
besondere Umstände erinnern, theils zur Vervollständigung des Bildes 
dienen, theils eine persönliche Empfindung des Dichters aussprechen, 
theils endlich auch nur des Reimes wegen gemacht zu sein scheinen. 

Für jede Art ein Beispiel: 

ä) P. 214, 20 da t&ten guote riterschaft 

niun hundert ritter die wol striten 
(gewäpent ors die alle riten) 
und fünfzehen hundert saijant 
(gewäpeni ich se in strfte vant) 
den gebrast niht wan der schilte. 

b) 227, 9 durch schimpf er (der hof) niht zetretet was 

(da stuont al kurze grtlene gras 
da was buhurdiem vermiten) 
mit baniem selten Überriten .... 

c) 240, 2 owS daz er niht vrägte dö 

(des bin ich noch für in unvr6). 
d) 511, 21 vart jenen pfat (dst niht ein wec) 
dort über jenen hdhen stec 
cf. P. 285, 29. 291, 26. 384, 27. 479, 4. 508, 18. 559, 12. 743, 24. 
800, 22 u- s. w. Wh. 154, 28. 170, 27. 176, 24. 194, 22. 233, 24. 234, 
24. 279, 1. 292, 17. 301, 22 u. s. w. 

Dahin gehört auch die wiederholte Einschiebung eines j,9prach 
er« bei längerer Rede einer Person z. B. P. 472, 12 ff. 461, 1 ff. 493, 
9 ff 516, 2 ff. Wh. 194, 27 ff 292, 10 ff. u. b. w. 



288 G- BÖTTICHER 

Der mündliche Vortrag führte darauf unmittelbar, denn bei Ifin- 
gerem Zwiegespräch konnten die Hörer leicht vergesBen, wer da spraefa. 
Diejenigen, welche ihre Werke schrieben, wie Hartmann und Gt>tfe- 
fried, haben dergleichen nicht. 

Manche einzelne Anklänge an den volksepischen Stil mögen sich 
bei W. noch finden; alle aber werden sich unter dem Gesichtspunkte 
vereinigen lassen, den wir hier durchzuführen versucht haben : daß sie 
nämlich nicht als Nachahmungen von Seiten Wolframs anzusehen 
sind, sondern bei ihm auf denselben Bedingungen beruhen wie bei dem. 
volksmäßigen Dichtem selbst Die wichtigsten derselben waren, wie wir 
sahen, die Unkenntniss der Schrift, die ja auch grammatische Freiheiten 
sehr begünstigt und das unmittelbare Wechselverhältniss zwischen 
Dichter und Publicum, das aber auch nur da bestehen kann, wo das 
Mittel der Schrift noch keinen Eingang, gefunden hat Mit diesem Re- 
sultate, welches uns in Verbindung mit dem, was wir vorher bei der 
Besprechung des Gebrauches der einzehien auf Krieg und Ritterwesen 
bezüglichen Ausdrücke fanden, die geistige Individualität des Dichters 
wenigstens nach einer Seite hin verstehen läßt, können wir es viel- 
leicht entschuldigen, daß wir uns so lange bei diesen oft erwähnten 
Beziehungen Wolframs zum Volksepos aufgehalten haben. Es war 
ausserdem durchaus geboten, Stellung zu der Frage „höfisch oder un- 
höfisch*^ zu nehmen. Von höherer Wichtigkeit sind für uns freilich 
die Eigenthümlichkeiten Wolframs, welche Zeugnisse sind fflr 
seine durchaus eigenartige Persönlichkeit, welche er daher 
auch mit keinem andern Dichter gemein hat. 

Wie schon oben erwähnt, gelangen wir zu ihnen in unmittelbarem 
Anschluß an die zuletzt erörterten Punkte. Wie diese nämlich sind 
andere Eigenheiten an und für sich nur gewisse Unregelmässigkeiten und 
Freiheiten im Satzbau, die auch ein anderer haben könnte, aber im 
Ganzen betrachtet und mit einander verglichen tragen sie nicht mehr 
bloss den Charakter nachlässiger, populärer Redeweise, sondern den 
Stempel einer durchaus originellen Auffassungs- und Denk- 
weise. 

Dies sind die Menge von Anacoluthien jeder Art, und ihnen 
haben wir jetzt einige Aufmerksamkeit zu widmen. 

Anacoluthien sind niemals eine Schönheit der Diction, folglich 
auch bei Wolfram nicht; im Gegen theil, in ihnen haben wir jedesfails 
einen der Punkte zu suchen, auf welche sich Gottfrieds Tadel im Tri- 
stan bezieht, denn sie machen in der That seine Rede oft so dunkel^ 
daß „tiutaere^ zu ihrem Verständniss nöthig sind, daß man „glöse 



ÜBER DIE EIOENTHOMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 289 

suchen'' müßte, um in ihren Sinn einzudringen*). Indessen kann eine 
Darstellung durch Anacoluthien interessant werden und inwieweit 
dies bei Wolfram zutrifft , werden wir aus dem Folgenden erkennen. 
Eine conseqnente Classificierung war bei der Mannichfaltigkeit der 
Fälle nicht durchzuführen ; in den Hauptpunkten ist jedoch der Ver- 
such dazu gemacht. 

Am häufigsten ist der Fall, daß der Hauptbegriff eines Satzes 
ohne Construction im Nominativ vorausgeschickt — gleichviel ob er 
in der regelmässigen Construction Subject oder Casus obliquus sein 
würde — und dann durch ein Pronomen im Nominativ oder in dem vom 
Verbum verlangten Casus wieder aufgenommen wird. Nach dem Casus 
des wiederaufnehmenden Pronomens theilen wir die Fälle ein. 
Dasselbe steht: 

1. im Nominativ: 

P. 18, 2 sine knappen und sin hamas, 

wie daz gefeitieret was 
176; 20 den man dA hiez den ritter rdt, 

swaz der ezzen wolde cf. 202, 21 
288, 16 Parciväl daz sper von Trojs 

daz veste unt daz zaehe . . 

daz begund^r senken 
Wh. 46, 1 Halzebier der clftre 

mit reidbrünem hfire ... 

swaz Sterke heten sehs man, 

die truoc von Falfund§ der künec 
174, 9 juncfrouwen und juncherrelln, 

sus gebdt diu künegfn, 

daz siz hamasch .... von in nemen. 
Auffallender und bei weitem häufiger sind die Fälle: 

2. im Genetiv: 

P. 25, 4 ein künec, heizet Hemant, 
den er durh Herlinde sluoc, 
des mäge tuont im leit genuoc 

*) Trist 4681 ff. die selben wildenaere 

tt müezen tnUaere 
mü tr maere Üben gän 
wir mtt(^ ir dft nach niht TeratAo 
als man si hoeret unde siht 
80 euhän wir oach der mnoze niht 
daz wir die gld$e mtochen 
in den swarzen baochen. 
OERMANIA. Veue Tteihe JX. (XXI.) Jahrg. \^ 



290 O. BÖTTICHEB 

37, 1 sine schiltriemeD, 

Bwaz d^ dar zuo gehörte 
76| 1 ein wfp diech % genennet hän, 
hie kom ein ir kappelän 

129, 27 duc Orilus de Lalander, 
des wip dort onde vander 

286, 23 der jnnge stolze ftne hart, 

nn ors und er gewfipent wart ef. 234^ 12 ff. 339, 1 £ 
508, 11 f. 535, 19 f. 561, 23 ff 575, 11 ff 589, 14 iE 
733,9ff 811, 11 ff Wk32,8fl 55^ 7 £ 154^20ff 4S6,8£ 

3. im Dativ: 

P. 289, 12 saelden phlihtaer, dem half got 
301, 5 des künec G&hmaretes kint, 

dröwen und vlehn was im ein wint 
378, 21 Gfiwän and der schahtelior, 
durch der s^le &yentiiir 
ein pfaffe in eine messe gap 
cf. Wh. 52, 7 ff. 102, 26 ff 125, 12 ff. 

4. im Accasativ: 

P. 155, 23 helmes snüer noch dnin schinnelier, 
mit stnen blanken handen fier 
kunder« niht üf gestricken 
174, 23 der junge süeze äne hart, 
den truoc diu minne . . • • 
122, 13 aller manne schoBue ein bluomen kränz, 
den vrägte Kamahkamanz cf. 486, 13 ff 
Einen ähnlichen Fall finde ich 
Virg. 456, 7 und einer, heizet Hiltebrant, 

den grttezet si besnnder. 
Überhaupt erinnert Albrecht v. Kemenaten in manchen Ponkten 
an W., die noch weiter unten zur Sprache kommen. Er dichtete 
etwa 20 Jahre später als W., kann daher manches von ihm ange» 
nommen haben. 

5. mit Präpositionen: 

P. 145, 29 der kOnec von Eukümerlant, 
al rdt von golde üf eintr hont 
stuont ein köpf vil wol ergraben 
722, 21 al irdischiu rfcheit, 

op d'erde waer noch also breit, 
dd ß!r naem ich si einen 



ÜBER DI£ EIOENTHÜHLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 291 

73, 14 der minnen gemde Riwalin, 

von des sper sntte ein niwe leis. 
Wb. 9, 17 diu edel küneginne, 

durch liebes friwendes minne 
.... was kristen leben an ir bekant 
cf. Wh. 21, 1 ff. 40, 8 f. 163, 1 ff. 437, 28 f. 140, 13 f. 

Der Begriff wird aber auch in demselben Casus vorausge- 
schickt, in welchem er der Construction gemftß stehen mtlßte, z. B. 

P. 214, ö ine wil dich niht erläzen, 
ir vater Li&zen 

dune bringst im dtne Sicherheit 
470, 19 der rUertichen bruoderschaft, 

pfrüende in git des gräles kraft 
s. Wh. 134, 15 f. 423, 10 f. 

Auch mit Präpositionen: 

P. 481, 8 gein (upis^ ecidemon 
ehcontius unt lisis . . . 
swaz ieman däßir weiz 
unt ftLr ander würm, diez eiter tragent, 
.... der keinz gehelfen künde« 

Auch der umgekehrte Fall ist zu bemerken; die Einführung 
eines erst nachfolgenden Substantivs durch ein Pronomen« 

P. 569, 15 es möhte jugent werden grä 
des gemaches 
Wh. 10, 30 diz was ze bdder Me ir tröst 

niht wan manUchiu wer cf. Wh. 26, 6. 425, 12. 433, 16. 
P. 821, 6. 751, 12. 

Femer werden auch ganze Sätze, welche allgemeine Bestim- 
mungen geben, in dieser Weise an die Spitze gestellt: 
P. 62, 11 si jehent swer habe geruoehe^ 
op c2er ir herren suoche, 
den scheider von der swaere 
338, 25 swem ist ze söthen werken gäeh^ 

pfliht Werder Itp an den gewin . . . 
421, 14 wan swaz sin oeheim Artus 
hat, unt die von Indiä, 
der mir« hier gaebe .... 
ähnlich die Umschreibung von Personen cf. unter 1 : 176, 30. 202, 21. 
unter 2: 535, 19. 733, 9. unter 3: 54, 24. 338, 1 s. u. p. 304. 



292 G. BOTTICHER 

Schließlich seien noch einige Ffille erwähnt, wo der voraasg^ 
nommene Gedanke oder Begriff ganz aufgegeben und entweder durch 
ein Synonymum ersetzt wird oder nur dem Sinne nach wieder sa er- 
gänzen ist. Zum ersteren gehört 

P. 47 1, 15 dt newederhalp gestuondeny 

dö striten begunden 

Lucifer unt Trinitas, 

«troz der selben engel was 

die edelen unt die werden 

muosen üf die erden .... 
Zum anderen 
P. 562, 11 er sprach zem wirte:gan mirs got 

ixcer getriulieh urboty 

daz ir min sus pflllget, 

gelts mich niht betraget 
der letzte Vers soll sich dem Sinne nach auch auf V. 13 bezieheii| 
der Construction nach gehört er aber nur zu V. 14. 

Daß derartige Fälle hier erschöpfend aufgezählt seien , soll, wie 
schon oben befürwortet wurde , nicht beansprucht werden. Das An- 
gefahrte aber genügt, um diese Eigenthümlichkeit Wolframs zu cha- 
rakterisieren. Die Belege sind auch zahlreich genug, um erkennen su 
lassen, daß wir es hier nicht mit zufällig dem Dichter entschlüpften 
Ungenauigkeiten zu thun haben, sondern daß es wirklich eine be- 
liebte Redeweise Wolframs war. Sie verräth einen ungemein lebhaften, 
feurigen Geist, der überall sogleich den Hauptbegriff seines Gedankens 
ins Auge faßte. Der Gedanke strömte ihm — diesen Eindruck gewinnt 
man — in solcher Fülle zu, daß er es nicht vermochte, ihn logisch und 
grammatisch richtig zu ordnen und darzustellen; er setzte daher den Haupt- 
begriff, der ihm vorschwebte, ohne weiteres voran und schloß ihm nun 
den Gedanken an, wie es ihm gerade am bequemsten war. Eine nahe 
Verwandtschaft mit populärer Redeweise läßt sich darin nicht ver- 
kennen (auch im Volksepos findet sich dergleichen cf Kib. 50, 1 ff. 
329, 3, 524, 1. 2. 583, 3. 636, 1. 737, 2), ja ich gebe zu, daß sich darin 
zugleich ein Mangel an grammatischer und litterarischer Bildung zeigt, 
aber auch die erwähnte eigen thüm liehe Geistesanlage darf darin um so 
weniger verkannt werden, als sie sich in noch vielem andern ausspricht, 
was demnächst zu erörtern ist. 

War derartiges höfisch, d. h. nahm die Gesellschaft keinen An- 
stoß daran? Undeutlich freihch, worauf wir oben Gottfrieds Tadel be- 
zogen, waren solche Sätze noch nicht, aber ein eleganter Stil, wie 



ÜBER DIE EIGENTHÜMUCHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 293 

ihn ein gebildetes Pnblicura verlangt , war es doch auch nicht. Bei 
Hartmann tind Gottfried , welche hauptsftchlich zur Unterhaltung dieses 
Publicums schrieben , sind denn auch solche Sätze ganz undenk- 
bar, und wir bezweifeln daher nicht, daß es in Bezug auf die Eleganz 
der Darstellung ein Ideal gab, welchem Hartmann und Gottfried 
ungleich näher standen, als Wolfram. Der Anstoß aber, den er in 
dieser Hinsicht erregen mußte, wurde durch seine originelle hochpoe- 
tische Denk* und Empfindungsweise aufgewogen, und eben weil diese 
zum grossen Theil die schwierige Darstellung verursachte, wurde viel- 
leicht das, was man an anderen verurtheilte, ftlr viele interessant. Wir 
werden im Folgenden aber auch öfter Gelegenheit haben, zu bemerken, 
daß die Darstellung im Willehalm auffallend klarer wird. In Bezug 
auf die eben berührten speciellen Fälle läßt sich dies allerdings erst 
vom 4. Buche an behaupten, vielmehr aber tritt dies schon hervor bei 
den Anacoluthien im eigentlichen Sinne, unter welchen man 
unvollendet gebliebene Sätze versteht. Sie stören die Darstellung viel- 
mehr als jene Anticipationen, sind daher auch mit größerer Sorgfalt 
zu beseitigen. Im Parzival sind sie häufig: 

Mitunter vergißt Wolfram den Anfang des Satzes ganz und geht 
zu einem ganz neuen über, öfler aber wird er durch irgend einen be- 
rührten Begriff von dem ursprünglichen Gedanken abgezogen; er knüpft 
dann oft ganz unmittelbar einen neuen Gedanken an den letzten Begriff 
und schließt damit den Satz. Als Beispiele ersterer Art seien angeführt: 
P. 13, 26 seht wie man kristen e heget 

ze Rdme als uns der touf vergibt, 

heidensch orden man dort (ze Baldac) siht .... . 

Man erwartet nach V. 27 so auch in Baldac, statt dessen folgt 
ein neuer Satz „heidensch orden^. 

P. 409, 23 swenne im diu muoze geschach 
daz er die maget reht ersach 
ir munt, ir ougen und ir nasen. 
Bartsch erklärt' diese Stelle als ein ino xoivov: „ir munt, ir ougen 
unde ir nasen^ sei Nachsatz und als Verb, dazu „ersach^ aus V. 24 
zu ergänzen. Aber das ist doch sehr gezwungen der viel näherlie- 
genden Auffassung gegenüber, daß ir munt etc. attributiv zu niaget 
steht als Specialisierung von maget. In diesem Falle also fehlt jeder 
Nachsatz *). 

*) E8;,kann ihm allerdings was Paul, Beitr. II, 89 geltend macht, 410, 6 ff. als 
Nachsats sehr wohl vorgeschwebt haben; er gab aber doch die angefangene Con- 
stmction völlig auf. 



294 G. BÖTTICHEB 

P. 264, 16 er möhte ir sine halde 

versagen, swenner wolde: 

nieman daz wenden solde, 

ob man des wtbes hat gewalt .... 
Man erwartet hier etwa „aber sie so zu behandeln, ist yerwerflioh*. 
Der Dichter aber fthrt mit einem ganz neuen Gedanken fort: 

Parziy&l der degen halt 

Orilüses holde gerte. 
Aus Willehalm habe ich nur ein Beispiel: 
Wh. 98, 16 der lao wol dem geliche 

daz JUahualex sin vater 

(die werden üz den bcesen jater 

so den distel üz der s&t) 

stns Täter helfe und des rät 

frumt in üz stme lande ... u. s. w. 

Die andere Art des Anacoluthes ist die gewöhnliche. Sie findet sieh 

F. 86, 14 Morholt, der minen neven stal 
von dem sol er ledic sin. 

Der neve ist Hauptperson, er verdrängt daher den Morholt, das 
ursprüngliche Subject des Satzes, und ganz unvermittelt heißt es ,|T0II 
dem sol er (der neve) ledic sin^. 

F. 316, 28 waer ze Munsalvaesche iu vrägens mite, 
in heidenschaft ze Tabronite 
diu stat hat erden Wunsches solt: 
hie het iu vrägen mer erholt 

Der Dichter will sagen: „In Munsalvaesche hätte euch fragen 
mehr genützt als zu Tabronite, welche Stadt doch „erden wanschea 
solt'' hat. Das Fragen in Munsalvaesche ist der Hauptgedanke; die 
Bedeutung der Frage sollte durch einen Vergleichungssatz hervor* 
gehoben werden, sie beherrscht aber den Gedanken so, daß der ange- 
fangene Vergleichungssatz in der Mitte abgebrochen wird und dem 
Leser überlassen bleibt, sich selbst die hingeworfenen Worte logisch 
zurecht zu legen. 

P. 436, 11 swelch wtp nu durch geselleschaft 
verbirt, und durch ir zühte kraft 
pflihte an vremder minne, 
als ich michs versinne, 
laet siz bi ir mannes leben, 
dem wart an ir wünsch gegeben. 



ÜBER DIE EIGENTHOMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 295 

Wir haben zwei Vordersätze (swelch wtp . . . and V. 15 laet siz • . .)• 
Im Nachsatz erwartet man etwa «das Weib ist vor allen hoch zu 
preisen^ oder dem Gedanken Wolframs mehr entsprechend ^das Weib 
hat ihrem Manne „den wünsch^ gegeben^. Aber das Interesse des 
Mannes an einem solchen Weibe ist dem Dichter der Hauptgedanke; 
deshalb gibt er die begonnene Constmction auf und schließt „dem wart 
an ir wünsch gegeben*^ in unmittelbarem Anschluß an das vorletzte Wort 
^mannes^, das eine ganz untergeordnete Stellung im Satze hat Ähnlich 
P. 478; 8 ff. dd min bruoder gein den jftren 

kom für der granspmnge ztt, 

mit seiher jugent hftt minne ir strit; 

so twingts ir friunt sd s&re^ 

man mages ir jehn zun^re. 
Als Nachsatz erwartet man V. 10 „da verfiel er der Minne" oder 
„da brachte ihn die Minne in Gefahr ''^ der Dichter aber hat die Jugend- 
zeit im Auge, welche solche Gefahren am ersten zu bestehen hat; er 
macht daher „die jugent" im Folgenden zum Hauptbegriff, bricht die 
Constmction ab und fUhrt in einem selbständigen Satze fort „mit seiher 
jugent hftt minne ir strit u. s. w.". 

In der folgenden Stelle läßt ihn „diu herzogtn" die Construction 
vergessen : 

P. 640, 17 hat sich diu herzogin bewegen 

daz 86 iwer wil mit decke pflegen 

noch htnte gesellecliche, 

diu ist helfe unt rätee fiche. 
Femer der Verrath an Jesus und seine Strafe 
219, 24 Pilatus von Ponciä 

und der arme Jddas, 

der bt eime küsse was 

an der triuweldeen vart^ 

da Jgsus verrftten wart, 

swie daz ir schep&er raeche, 

die n6t ich niht verspraeche, 

daz Brdbarzaere frouwen Itp 

mit ir hnlden waer mtn wlp. 
Zu vergleichen sind dazu femer 531, 27 ff. 241, 21 ff. Letzteres 
ist besonders charakteristisch: 

swer aber dem sin maere schiuzet, 

des in durch ndt verdriuzet: 

wan daz (maere) hat dft niender stat u. s. w. 



i 



296 0. BÖTTICHER 

„maere^ fährt den Gedanken weiter und der Vordersats, swer 
aber . . . wird vergesBen. Ausserdem Wh. 200, 6 ff. 151, 19 ff. 

Das charakteristische aller dieser Redeweisen ist dies, daß Wol- 
fram, wie es scheint, den gewaltigen Fluß seiner Gedanken nicht eu 
beherrschen weiß, daß er also deshalb bald von einem Gedanken un- 
vermittelt abspringt, wenn sich ihm ein neuer lebhaft aufdrSngt, theils 
sich von irgend einem neu eingeführten Begriff nach einer anderen 
Seite hin zu kleinen Abschweifungen verleiten läßt; mit einem Worte 
also, er hat — und dies tritt besonders im Anfang des Parzival her- 
vor — noch nicht eine solche Herrschaft über die Sprache erlangt^ 
daß er einen reichen Inhalt in entsprechender schöner Form geben 
konnte. Damit hängen denn auch noch eine ganze Reihe anderer 
Eigenheiten zusammen. 

So dehnt er femer die Freiheit elliptischer Sätze weiter ans 
als irgend ein anderer Dichter. 

Gh-amm. IV, 31 ff. fUhrt aus, daß Ellipsen überhaupt nur da statt 
haben können, wo durch die Auslassungen keine Undeutlichkeit er- 
wächst, so ausser der Ellipse von „ist^ die Ellipse des Infinitives bei 
sollen, mögen, wollen (daz sol her umbe mich, seil, stn Wh. 296, 11)^ 
lassen (Ifit iu niht leit, seil, wesen P. 24, 18) — die Auslassung von 
gehen und fahren (nach diner muoter balde Wh. 160,2) endlich 
Nominalellipsen bei einem näherbestimmenden Gen. Plur. (Gr. IV, 
260 ff) z. B. die Begriffe Haus, Familie, Geschlecht, liute, man, auch 
zit (bi Karlen) und ähnliche. 

Wolfram aber hat Ellipsen, welche die Sätze fast unverständlich 
machen. Es ist zunächst die im Sinne liegende Ergänzung eines 
Subjects, Objects oder Verbums aus einem vorhergehen- 
den oder nachfolgenden Substantiv auch Adjectiv gleiches 
Stammes. 

Ein neues Subject ist z. B. zu ergänzen 

P. 142, 15 dft inne was ein arger wirt 
als noch üf ungeslähte birt. 
Aus ^arger'^ ist das Substantiv „erge*^ als Subject zu „birt'' zu ergänzen 
(= „wie auf unedlem Stamme immer Habgier wächst** W. B. I, 137*). 

Ein Object P. 293, 24 swä twingende &ouwen sint; aus Parzivals 
Zustand ist als Object zu twingende zu ergänzen »den muot^ oder 
„die witze". 

P. 609, 24 ich sol für sin lasters not, 
hän ich werdeclichez leben 
üf kämpf lUr in ze gisel geben. 



ÜBER DIE EIOENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 297 

„werdeclichez leben" oder bloß „leben* muß das im Sinne liegende 
Object zu ^geben" sein. Man erwartet wenigstens ein „cz". 
Noch merkwürdiger 
P. 610, 12 iu bringet ziwerm teile 
iwer oeheim Artus 
von eime lande daz alsus 
15 Löver ist genennet; 
habt ir die stat erkennet 
Bems bt der Korea? 
diu masaeme ist elliu da: 
Das Object zu „bringet" V. 12 war im Sinne Wolframs „die maa- 
senie^. Der einfache Ausdruck aber „er bringt sie von Löver nach 
Bems" paßte vielleicht nicht gleich in seinen Vers, er sagt daher in 
seiner beliebten Manier der Frage „habt ir die statu, s.w."; dem 
Leser überlassend, sich das Object aus V. 18 selbst zu nehmen. 

Noch gewöhnlicher aber ist dies Verfahren bei Verben. Zwei 
sehr schwer verstandliche Stellen bietet der Willehalm: 

Wh. 214, 18 Bwaz er angest sit erkür 

do er von Vivtanze schiet; 
20 und des morgens dö sin manheit riet 
flimfzehen künege rieh erkant, 
die entschumphiert sin eines haut. 

Von ffriet" V. 20 sollte gewiß abhängen „fümfzehen künege ze beatän^ 
oder dgl. 

Wh. 275, 29 jft zert ich dirre spise 

m§r dann ein kleiniu zise^ 
möhte ich vor iwerm schimpfe. 

Wollte man „möhte ich vor iwerm schimphe" als Vordersatz fassen 
und übersetzen: „ich würde wahrlich mehr als ein kleiner Zeisig 
(= tüchtig) essen ; könnte ich es nur vor eurem Spotte seil, thun** 
so würde dieser Satz doch sehr wenig mitten in die Drohungen 275, 
19 ff. passen. Bei Lachmanns Interpunction ist die Stelle wohl über- 
haupt nicht zu erklären. Aber vielleicht kann man interpungieren : 

ja zert ich dirre spise, 
mer dann ein kleiniu zise 
möhte ich vor iwerem schimpfe. 

und übersetzen: „hätte ich nur erst von dieser Speise gegessen, so 
würde ich mehr als ein kleiner Zeisig vor eurem Spotte seil, sicher 
sein. Dazu würden dann die folgenden Verse sehr gut passen: 



298 G. BÖTTICHEK 

„na httet iuch vor onglimphe^. 
Rennewarte was zer spise gäch u. s. w. 

Er will also nur erst essen und die Spötter dann züchtigen. 
Femer P. 227,12 durch schimpf er (der hofj niht zetretet was 

mit banieren selten ttberriten, 

also der anger z'Äbenberc 

sciL „ttberriten ist** 

232, 13 nu hoert wie diu geprtLevet sint 
daz si wol gaeben minnen solt 
swerz d& mit dienste het erholt 

Die Stelle ist nur verständlich^ wenn man aus „gepraevet^ ein sinnver- 
wandtes Verb, regens zu dem folgenden daz ergänzt. 

523, 2 diu frouwe es lachete m^re 

denn inder Schimpfes in gezam. 

Zu ergänzen „lachen" : „die Frau lachte mehr dartlber, als ihm irgend 
passend schien, über einen Scherz zu lachen ^^^ d. h. auch wenn die 
Entführung von Gawans Roß ein Scherz gewesen wäre (während es 
eine Schlechtigkeit war), hätte sie als gebildete Frau so nicht darüber 
lachen dürfen (Bartsch z. d. St.). 

Bei allen Dichtem femer linden sich im Gebrauch der Con- 
junction „ti?an^ Ellipsen. Gewöhnlich aber ist nur dasselbe Verbum 
aus dem Vordersatz zu ergänzen, so daß es ohne weiteres durch „ausser, 
nur" übersetzt werden kann. Auch Lachm. z. Nib. 852, 3 berührt nur 
derartige Fälle (cf. W. B. HI, 474 ff.), Wolfram aber läßt oft ein ganz 
neues Verbum zu toan ergänzen, das nur aus dem Zusammenhange 
errathen werden kann. 

P. 656, 2 toan tr, ich hets den llp verlorn 
327, 13 ich hetz behalten wol, wan ir 
788, 13 si beten kumbers in erlöst, 
wan der troestenRche trost 
den Trevrizent dort vorne sprach 
275, 21 bi den tracfaen üfem kursit 

erkande sin wol, wan ein strU: 
WL 453, 13 wan dtn eilen üz erkam^ 

mtn alter vater waere verlorn 
430, 1 wan daz hamasch würmin^ 

der künec Purrel müeste sin . . . 



ÜBER DIE EIOENTHÜMUCHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 299 

226, 7 er waere vor leide erstorben 

des morgens, uxm An manUch ort of. P. 356, 15. 812, 

21. Wh. 453, 15 u.a.*). 
Diese Neigung zu Kürzungen im Ausdruck veranlaßt nun auch 
Attractionen und Zusammenziehungen, welche den Sinn eines 
Satzes sehr unklar machen. Wolfram hat nicht blos die gewöhnliche 
in allen Sprachen übliche Attraction (z. B. 

P. 476, 17 „der möhte mich ergetzien niht 

des maers mir iwer munt vergibt cf. Iw. 522. 5339 u. a.) 
obwohl es auch hier nicht an hartklingenden Constructionen fehlt: z. B. 
P. 473, 9 daz der gräl ist unerkennet 

vxin (den) die dar sint benennet 
749, 1 owol diu wlp dich sulen sehen cf. 198, 27 ff. 211, 29. 
265, 18. 
— sondern er hat eine förmliche Liebhaberei ftLr Zusammenziehung 
seiner Gedanken in möglichst kurze, fragmentartige Ausdrücke. 
Er gibt öfter einen ganzen Gedanken durch ein Adverbium oder einen 
adverbialen Ausdruck, den man verstftndlich nur durch einen gan- 
zen Satz wiedergeben kann; er läßt Zwischengedanken ganz ausf 
coordiniert Sätze, die logisch subordiniert sein müßten, 
blos weil ihm die verbindenden Conjunctionen zu lang erscheinen. 
In der ersten Beziehung beachte man: 
P. 29, 21 mir ist vä dieneetUchen leit 

daz iwer kumber ist sd breit 
womit er etwa sagen will: ,,Euer Kummer ist mir so leid, daß ich 
euch dienen möchte, um ihn zu wenden.^ Eis liegt in diesem y^die- 
nestlfchen^ jedesfalls mehr als P. 182, 28 „ich pin iu dienestlichen holt^ 
wo es einfach heißt „im Dienstverhältnisse. 
P. 376, 14 daz ieslich zingel muose hän 
ze orse Hz dri barbig&n, 
d. h. daß jede Mauer 3 barbigän für den Ausfall hatte. 
308, 2 do trnoc der junge Pandv&l 
dne flügd engela nUU 
sus geblüet fif der erden, 
d. h. engeis mal, nur daß er keine Flügel hatte. 



^) Ähnlichas findet rieh aber aneb in den Nib. s. B. 227, 3 swas sie nftcb 

^en striten, das was gar ein wint, wan alleime S^/rü (s. W. B. m, 488). Auch ans 

Gottfried und Walther bringt das W. B. einige Belege. Im Iwein aber isl nichta 
davon za finden (cf. Benekes W. B. zu Iw. p. 527 ff.). 



300 O. BOTTICHES 

815, 11 Anfortas vor sieeheit zU 

sinen pria gemachet bete wit 
(= ehe er siech wurde). 

Tit 136, 2 des f&rsten bracke, dem er enphaor üz der hende 
nider üf diu shrctUnüec mcUj 
d. b. auf die durch die PfeilschaO-Wonde verarsachte Blutspor. 
Dahin gehört auch vielfach der Gebrauch von durch: 
P. 120y 13 er brach durch hUdes stimme en zw!c, 
d. b« um auf Blättern zu blasen. 

233, 22 durch die Ithte in (den stein) dünne sneit 
swer in zeime tische maz 
= um ihn leicht zu machen. 

288, 2 Parziväl durch drQ niht sprach 
Tit 154, 4 durch die schrift üz ze lesenne. 

Die Beispiele, welche Auslassungen von Zwischengedanken zeigen, 
sind sehr zahlreich. Hier seien folgende erwähnt: 
P. 80, 1 doch laese ich samfter stleze bim 
swie die ritter vor im nider rim. 
tertium ist das Auflesen, dem aber das Schütteln der Birnen (= Ab- 
stechen der Ritter) vorhergeht Der vollständige Gedanke ist also: 
„Bequemer wäre es doch für mich^ stLsse Birnen (zu schtLtteln und) 
aufzulesen als die Ritter (abzustechen und aufzulesen), obwohl die- 
selben nur so vor ihm hinsanken.^ 

136, 28 ir enphähet mSr dehein gewant, 
wan als ich iuch sitzen vant 
d. h. als Ihr hattet, so wie ich Euch sitzen fand. 
188, 6 ff. Liazen schoene was ein wint 
gein der meide diu hie saz, 
an der got Wunsches niht vergaz 
(diu was des landes frouwe), 
10 als von dem stlezen touwe 
diu rose üz ir bälgelin 
blecket niuwen werden schin, 
der beidiu wlz ist unde rot 
zu ergänzen nach V. 9 „die so schön war***). 



*) Pftal will swar jetzt (s. Beitr. II, 76) hinter vergax einen Punkt machen und 
mit Ggg lesen: do was des landes frouwe, als von etc. aber der eingeschobene Sata 
„diu was etc.** entspricht doch Wolframs Manier so durchaas, dal> ich keinen Grund 
sehe von Ddd abzuweichen. 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLIGHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 301 

224, 10 ein dinc in mttete sere 

daz er von ir gescheiden was, 
daz munt von wibe nie gelas 
noch BUB gOBagte maere, 
diu Bchoenr und bezzer waere 

hinter V. 11 ist offenbar einzuschieben: 

^die 80 Bchön war, daß u. s. w. 
311; 15 Bwer in ze rehte wolde spehen, 

Bo hat sich manec frouwe ersehen 

in trüeberm glase dann waer stn munt 

d. h. wer ihn richtig beurtheilen wollte, der fand, daß sich manche 
Frau in einem Spiegel gesehen hat, der trttber war als sein Mund. 

557, 25 aller kumber ist ein niht 
wan dem ze Uien gesehiht 
disiu äventiure, 

d. h. aller Kummer ist ein Nichts gegen den Kummer dessen „dem ze 
Itden gescliiht disiu äventiure^. 

Im Willehalm finde ich nur: 
Wh. 90, 19 waert ir hftrr diss landes, 

ir schämt iuch maneges phandes 
als iwer folc dort ttdet 
phant ist metaphorisch direct fär not gebraucht und mit Itden verbunden, 
das doch erst eine Folge des phant gebens ist. 
144, 12 sine zuht begunde er stoeren, 
der merken wolte siniu wort 
seil, das konnte der beobachten, der merken wollte. 

Die Manier endlich, die logischen Bindeglieder wegzulassen und 
dadurch logisch subordinierte Sätze in ein coordiniertes Verhältniss zu 
bringen, sei durch folgende Stellen erläutert: 

P. 84, 13 vrou Herzeloyde gap den schin, 

waem erloschen gar die kerzen sin, 
d& waer doch lieht von ir genuoc 
hinter „gap den schin* fehlt daz. 

188, 15 sin manlich zuht was im so ganz, 
Sit in der werde Gumemanz 
von siner tumpheit geschiet, 
. . . bi der küneginne riebe 
saz sin munt gar äne wort 
vor bi ist daz zu ergänzen. 



302 G. BÖTTICHER 

Alinlich 285; 6 ninder ist so breit der Ria, 

saeher stiitn am andern Stade, 
da wurde w6nec nach dem bade 
getasty ez waer warm ode kalt 
224, 23 uns tuot diu äventiure bekaut, 
daz er bi dem tage reit, 
ein vogel hetes arbeit 
solt erz allez han erflogen 
254; 9 ff. sint diu stücke niht verr&rt, 
der 8e reht zeinander k^rt, 
so se der brunne machet naz, 
^712 unde aterker baz 
wirt im valz und ecke sin. 
Wh. 9, 27 Terram^rs richeit 

was kreftic wit unde breit, 
und dttz andei' künege ir kröne 
. . . von siner hende empfiengen 
35, 7 ... da der tages sterre üf g^t 
80 nähy 8wer da ze fuoze stSt, 
in dunct wol daz er reichte dran. 
Wh. 40, 4 und der beiden ruof so lüt erhal, 
es mohten leioen weif genesen 
ausserdem Wh. 41, 6. 64, 1. 66, 13. 70, 28. 100, 20. 133, 16. 159, 8. 
229, 1. 298, 1. 326, 11 u. s. w. 

Manche andere Zusammenziehungen, welche die Eigenthflnüich- 
keit Wolframs nach derselben Seite hin charakterisieren, wie die bis- 
her erwähnten, lassen sich schwer classificieren, z. B. 

P. 328, 30 des tat durch yrip kan Iiden ptn 
d. h. der durch Ritterthat um Weibes willen Pein leiden kann. 
Wh. 113, iiO des marcgraven durchvart 

enpfienc vil manegen swertes swanc. 
P. 472, 28 stu jugent unt sin richeit 

der werlde an im fuogte leit 
d. h. ihm und in ihm der Welt. 

511, 20 min dienst bedarf decheines zagen 
(= kann keinen Zagen gebrauchen), 
ferner Participialconstructionen wie 
Wh. 93, 11 owe din eines kommenden vart 
159, 19 durch dtne körnende tugent 
(= weil du Tugendhafte kommst). 




CBEH die EIGENTHÜMLICHKEITEN DEH SPRACHE WOLFHAMS 303 

P. 312, 19 010 getounneii »ic verlorn 

wart sunder da mit strtte erkora 

Ihre genauere Beobachtung muß einer apäteren Arbeit vorbehaltec 
bleiben. 

Wir sind hier weit in Eigenthdralichkeiten Wolframs hineingerathen, 
welche wir nur als Schwücheo seines Stiles ansehen können, welche 
sicher den Anforderungen nicht entsprachen, die die gebildete ha- 
fiscfae Oesellschaft an den Stil ihrer Dichter stellen mußte. Wir konnten 
eie theils, wie die zuerat behandelten syntactiscben UnregelmäUigkeiten 
mit seinem Bildungsgänge entschuldigen, theils, wie die zuletzt bespro- 
chene springende oft dunkle undacheinbar zusammenhangslose Redeweise 
aus der ausserordentlichen Gedankenfülle und dem beweglichen Oeiate 
des Uichters erklären, aber wir verstehen doch auch vollkommen, wie 
solche Urtheile über Wolfram wie das Gottfrieds entstehen konnten. — Und 
doch waren diese Urtheile einseitig! Ließen sie doch ein höchst cha- 
rakteristisehps Moment der Sprache Wolframs ungewürdigt ja unbe- 
rücksichtigt, und merkwürdiger Weise gerade das, was jenen Schwächen 
die Wage hält, was sie in einer andern Natur vielleicht auch völlig 
überwunden hfitte. 

Wir bemerkten schon oben wie sich der Dichter ausserordentlich 
bemüht, den Hörer resp. Leser für die Ereignisse zu interessieren, 
wie er sie durch hiiufige Anreden, Fragen etc, in den Gang der Er- 
zählung selbst hineinzieht, wie er selbst bei jeder Gelegenheit sein 
Interesse, seine Theilnahme an Leiden und Freuden seiner Helden her- 
vortreten iäUt, daß er also, kurz gesagt, auch eine nicht geringe Gabe 
zur Verauschaulichung besitzt 

Mit dieser Seite seines Wesens nun hängen Spracheigen thnmlich- 
keiten zusammen, welche sich, wie wir sehen werden, alle auf ein 
Streben zurtickführen lassen, den Gedanken in einer möghchst con- 
creten, sinnlichen Form zum Ausdruck zu bringen. — Es ist klar, 
daß diese Bestrebungen durch das eben gerade in Bezug auf klare 
Darstellung erkannte künstlerische Unvermögen Wolframs vielfach 
bfieioträchtigt werden mußten, — und wir werden in der That dessen 
-Einfluss finden — aber mitunter berühren sich auch dieExtreme in merk- 
wQrdiger Weise. Wir Bu<;t(:ii z. B. oben schon, jeue unconstruierten vor- 
pfctam'NiMY.inotivu \iä.\,e der Dichter eben als Hauptbegriffo 
stellt, um dann das andere bequem anzu- 
D hloli liiiLzuzuftigen, daU er dies vielleicht 
,t, um diese sofort aufmerksam zu 
OedankenB, so zeigt sit-h hier das- 



I 




304 O. BÖTTICHER 

selbe Bestreben, den Hörern die Vorstellungen zu erleichtem, wie in 
der nun zu erörternden Versinnlichung der Vorstellungen von 
Äusseren und inneren Vorgängen ja selbst rein abstracten 
und geistigen Dingen. 

Die in dieser Absicht von Wolfram angewandten Mittel sind eben 
so mannichfaltig als originell. Ich hebe zunächst die Fülle seiner 
Umschreibungen hervor ^ die bei keinem anderen Dichter in ahn* 
lieber Weise zu finden ist Daran schliesse ich die besondere Art und 
Weise y wie er abstracto Begriffe zu versinnlichen sucht , endlich 
die ebenfalls aus diesem Bestreben hervorgehende eigenthtLmliche 
Verwendung des Gleichnisses und der Metapher. 

Für eine ganze Reihe von Umschreibungen kann ich auf das 
von Kinzel beigebrachte und von Förster theilweise ergänzte reich- 
haltige Material verweisen; man stelle es nur unter den hier aufge- 
stellten Gesichtspunkt. 

Es scheint nämlich Wolfram, wie den meisten Dichtem, zu dürftig 
zu sein, eine Person einfach mit ihrem Namen einzuftlhren und dann 
im Pronomen weiter von ihr zu reden. Aber er begnügt sich, indem 
er die Hörer für sie interessieren will, nicht mit dem gewöhnlichen 
epischen Mittel der epitheta omantia — die er übrigens ebenfalls in 
sehr ausgedehnter Weise verwendet — sondern er will gleich eine 
ganz bestimmte Vorstellung von ihr geben^ er zeigt sie mitten in ihrem 
Handeln und Denken. Er umschreibt daher gewöhnlich das einfache 
Pron. Pers. durch ,,das thätige Organ'' (z. B. P. 188, 20 bi der küne- 
ginne riebe saz sin munt gar äne wort s. Kjnzel a. a. O. p. 23) oder 
„durch den Zustand, in welchem oder die Eigenschaft, durch welche 
der Betreffende etwas bewirkt^ (z. B. P. 288, 1 iwer vollen rüert den 
sne, 15, 25 sin herzengir nach prise greif s. Kinzel a. a. O. p. 24) und 
den Namen endlich durch eine charakteristische Eigenschaft des Helden, 
oder indem er ihn durch Verweisung auf eine That, einen Zustand 
von ihm einftlhrt (der, der das und das gesagt, gethan hatte) also meist in 
einem ganzen Satze (s. Kinzel p. 25. 26 und besd. Förster p. 38 — 42). 

Man vermißt dort noch eine Gruppierung der einzelnen Arten 
der Umschreibung besonders bei den so ausserordentlich mannichfalti- 
gen Umschreibungen Parzivals. Durch Charaktereigenschaften z. B. ist 
er bezeichnet P. 145, 6. 148, 30. 157, 30. 181, 25. 221, 14. 165, 4u. s. w. 
durch Hinweis auf den Zustand, in welchem er sich jedesmal be- 
findet, besonders als im die drei Blutstropfen die Sinne rauben, und 
vorher, als er noch in tumpheit lebte P. 287, 6. 167, 9. 163, 21. 165, 4. 
7^4 13. 155, 28. u. 8. w. endlich durch Hinweise auf Thaten von ihm 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 305 

und Erinnerungen an andere Umstände seiner Geschichte : P. 389, 8. 
559, 9. 717, 21. 280, 9. 198, 2. 218, 10. u. s. w. 199, 28. 230, 22. 249, 
22. 300, 15. 688, 19 u. s. w. Aach wäre eine Bezeichnung des um« 
schriebenen Objectes, besonders der „anderen Personen und Personen- 
kategorien^ und der concreten und abstracten Dinge (F. p. 42^) er- 
wntlscht gewesen, z. B. 

Wh. 294, 18 der den sac von der müle treit = Esel. 

P. 51, 24 die nach der helle warn gevar = schwarze = Heiden. 
Wh. 298, 26 die den hdhsten got hänt gesmähet = Sarazenen. 
Wozu ich als besonders merkwürdig fllge: 

Tit. 95, 4 diu da wuohs üz stelehafter rippe = E v a. 
ferner der gewaltige Kampf: 

P. 79, 22 si worhten mit ir henden 

daz den walt begunde swenden 
der Gral 

P. 240, 21 si brähten wider in zer tür 

daz si mit zuht e truogen vür. 
Parcivals Schönheit: 

P. 244, 4 daz man gein liehter vai*we ziU, 
daz begunde ir ougen süezen. 
das Abendmahl Wh. 65, 11. 68, 4. Blut Wh. 430, 10. Speerveerk- 
Stätte Wh. 370,21. Stäubchen P. 198,20. 
Unlogisch ist das wägen umschrieben: 
P. 330, 23 Sit ich üf Munsalvaesche liez 

daz mich von wären freuden stiez. 
Denselben Zweck aber erreicht Wolfram auch durch gewisse 
Übertragungen, indem er eine That, eine Charaktereigenschafl; der 
Person durch ein abstractes Substantiv bezeichnet, und dies ihr die 
Person einsetzt. Diese Fälle sind hier anzufügen: 

P. 23, 7 der minnen geltes Ion = Gahmuret 
565, 25 ir (der Frauen Clinschors) freuden kunft, ir saelden tac 

= Gawan 
10, 24 mins herzen kraft = G and in. 
155, 11 der valschheit widersatz = Ither 
520,3 der würze und der sterne mäc = Malcrfeatiure 
815, 29 SUIS (Feirefiz) herzen slöz = Repanse 
314, 12 trurens urhap, freuden twinc = Cundrie 
316, 28 ir freuden letze, ir trürens wer = Parzival cf. 371, 
7. 740,6. 715,9. 748,30. 508,28. 146,9. 143,26. 
613, 9. 600, 9. 141, 22 u. a. 

GERMANIA. N«ae Reihe IX. (XXI.) Jalirjj. '^1^ 



3iM; G. BÖTTICHER 

Damit kommen wir zugleich zu den Umschreibungen im wei- 
teren Sinne; wir werden nun sehen wie sie sich bei Vorgängen und 
Zuständen gestalten. 

Die mhd. Sprache war überhaupt sinnlicher als die unserige, ihr 
sind also viele Umschreibungen geläufig, die wir nicht mehr verwen- 
den, so besonders mit tuon und geben z. B. schin tuon = scheinen, 
zeigen u. a. ; aber auch schon in solchen Verbindungen hat W. merk- 
würdiges z. B. P. 573, 13 aller sin tet im entiötch, — Daß femer ein 
Dichter nicht einfach sagen will „als es wieder Sommer wurde^ son- 
dern dafür eine Umschreibung wählt wie 

P. 789, 5 nu hete diu wil des erbiten, 

daz Mars oder Jupiter 

wären komen wider her 

al zomec mit ir loufte .... 

dar si sich von sprunge huobcn, 
das sehen wir als natürlichen Schmuck poetischer Ausdrucksweise 
an. Auffallend und eigenthümlich erscheint es uns aber wenn z. B. 
„einen durchstechen*' ausgedrückt wird durch „em lanzen durch 
in pfat leren^ (P. 413, 15) oder „das Roß mußte über Ronen schreiten" 
durch „mit gewaü den zoum daz ros truoc über ronen unt durchez mos*'', 
(P. 224, 19). Wir bemerken dabei die Neigung Wolframs, den gewöhn- 
lichen geläufigen Ausdruck als zu bedeutungslos zu vermeiden und 
daf[ir einen lebensvolleren einschneidenderen zu setzen, eine Neigung 
die, wie wir später sehen werden, geradezu sonderbare Eigenheiten 
veranlasste. Bei der Beobachtung derartiger Umschieibungen wird 
man im Allgemeinen finden, daß durch sie die Vorstellungen auf drei- 
erlei Weise veranschaulicht werden; es wird entweder ein charak- 
teristisches Merkmal eines Vorganges oder Zustandes angeführt 
— also durch Metonymie — oder an Stelle des Zustandes tritt 
Handlung, sei es die, welche denselben hervorrief oder eine solche, 
welche er selbst veranlaßt oder endlich eine fingierte — drittens endlich 
versinnlicbt Wolfram eine Vorstellung durch metaphorischen Aus- 
druck, indem sie durch diesen nach einer bestimmten Richtung hin 
gelenkt wird. Es treten also überall specielle Momente an Stelle 
des Allgemeinen. 

Zu der ersten Art gehören folgende Beispiele: 
P. 201, 3 den burgaern in die kolen trouf 
d. h. sie hatten wieder etwas zu essen, 
ähnlich 184, 24 ein Trühendingacr pfanne 

mit kraphen selten da erschrei 



ÜBBR DIE EI6ENTHÜMLICHREITEN DEK SPRACHE WOLFRAMS. 307 

vom essen femer 

Wh. 275, 1 er vei'schoup also der wangen toant 
mit spUej dier vor im da vant. 

vom stürmischen Angriff heißt es: 

P. 211, 26 ir ieweder des geruochte, 

daz erz ßwer im keime euochte 

Tit. 41, 2 iser zetrennen 

dazu Wh. 393, 8 wie si den orsen ströuten 

mit manegem gezimiertem man = töten 

52, 6 in wä.ren diu strites muoder 

mit swerten alze wit gesniten (= sie w^ren tot) 

Vater und Mutter heißen 

P. 300, 16 ungezaltiu sippe, weil die Stammeltem, von denen man 

rechnete, als Glieder nicht mitgezählt wurden; s. W. B. 

Der Begriff des Verrathes soll ausgedrückt werden: 

P. 32], 11 ein kua, den Judaa teiUey 

im solhen willen veilte. 
ch lagen ist 401, 15 daz vel brechen. 

Statt zu sagen, die aufwartenden bei Antikonit) waren Mädcheüi 
heißt es, um dies anzudeuten: 

P. 423, 29 ir decheim diu koiennestel brach. 
Die ganze Erde 426, 3 swaz erden hat umbelagenz mer. 

Der unermessliche Hort: 

Wh. 34, 19 diu zal stnes hordes 

was endea mit der schrifte vrl. 

Statt „wie sehr sie froren" heißt es: 

P. 449, 27 swie tiur von frost da was der eweiz. 

Um auszudrücken „ihre Mahlzeit war so frugal, daß sie nicht ein* 
mal Fische hatten^, sagt Wolfram: 

P. 487, 1 swaz da was spise für getragen, 
beliben si da nach ungetwagen, 
daz enschadet in an den ougen niht, 
als man den fischegen handen giht. 

Man glaubte also, daß „fischege'^ Hände den Augen schadeten. 

„Nicht enthauptet, sondern erdrosselt werden^ ist P. 527, 22 ster- 
ben äne bluotige hant. 

Der Kaufmann ist 531, 15 eins kr^es pflege; |,das Haupt hatte 
eine Beule" ist 

P. 579, 18 da engein daz houbot was erzogen. 



308 «• BÖTTICHER 

Diese Beispiele mögen genügen, sie lassen sieb natürlich reich- 
lieh mehren. 

An Stelle des Zustandes tritt Handlung in folgenden Fällen: 
P. 207, 17 swaz er da. ritter nidor sluoc, 
die fanden arbeit genuoc: 
die künde man si l^ren 
zer balsperge g^ren: 
die burgaer täten rfiche schtn, 
si erstächen si zen slitzen in. 
Der Dichter will sagen: die Ritter fanden Noth genug durch die An- 
griffe der Feinde. Dies wird sogleich specialisiert durch den Hinweis 
auf das Verfahren der Einzelnen ,,die künde man si leren etc. 
In P. 223, 11 ff. soll gesagt werden, der gränät jächant des gräles, 
den die vier Jungfrauen trugen, sei eine dünne Platte gewesen, 
welche dem Anfortas zum Tische diente. Dies drückt er aber aus, 
indem er den Künstler, welcher die Platte verfertigte, handelnd einfährt: 
P. 233, 22 durch die lihte in dünne sneit 
swer in zeime tische maz; 
da obe der wirt durch rtcheit äz. 
Femer 335, 29 gein sorgen tcielzen siniu dinc 
= seine Lage wurde sorgenvoll. 

423, 15 als der tac Itez sinen ttrit = als es Abend wurde. 
413, 15 wand der stolze Ehkunat 

ein lanzen durch in lerte pfat 
Wh. 183, 6 . . . und sine zuht genähet 

hin zer missewende 
251, 18 wir waem üz werdekeit vertribn 

413, 20 des riehen Terramires haut imz leben üzem verhe sneit 
Wh. 361, 16 d6 der tot sinen sämen 

under si gesaete 
Besonders schön ist das Weinen im Willehalm umschrieben: 
Wh. 120, 26 diz bekande herzeleit 

und disiu jamerlichen dinc 
zuctens herzen ursprinc 
Arnolde üf durch d'ougen sin 
259, 15 ir neh eines herze des vergaz, 

ez engaebe den ougen stiure mit wazzer 
311, 4 ir herz durch d'ougen rvAAe 
vil wazzers an diu wangen 
cf. Tit 82, 2 der vil wazzers üz ougen gererte 



ÜBER DIE EIGENTHOMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 309 

Aas Tit 8. noch 154, 2 (Schionatulander) vienc der frOude den mangel 
P. 823, 18 diu valschheit üz ir herze stiez = die nicht falsch war. 
Nicht geringen Einfluß auf Veranschaulichung und Versinnlichung 
eines Vorganges oder Zustandes haben endlich die metaphorischen 
Umschreibungen, mit Hilfe welcher Wolfram zugleich die reichste 
Abwechselung im Ausdruck möglich macht Auch hier einige Beispiele : 

P. 248, 8 der zins von freuden gtt 
d. h. der viel Freuden verloren hat, — aber ganz freudenlos war er 
noch nicht. 

Wh. 76, 8 gein eime swaeren zinse 

die beide b^de lägen 
Wh. 97, 2 si woltens leben verzinsen 
P. 344, 24 unerloeset phandes stuofd sin ellenthaftez leben 
= er mußte sterben. 

Wh. 430, 26 swelher im da niht entran, 

des leben muoste sin ein phant. 
P. 230, 18 ez was worden wette 

zwischen im und der fröude 
330, 202dä von mm grüeniu freude ist val 
Wh. 122, 25 (si erbarmet) miniu dürren herzeser^ 

mir begruonet vreude ninmier mer 
P. 566, 28 stiure begrifen mit den fuozen == stehen 
Wh. 280, 8 daz des marcgräven trüric muot 

toart mit freuden undersnit-en 
(= er konnte sich auch manchmal freuen) 
162, 26 mitten in s!m herzen lac 

gruntveste der sorgen fundamint 
391, 26 manec leben wart da ilhersigelet 
mit des tödes hantveste 
38, 25 euch frumte der geteuften wie 
daz gein der helle manec stic 
wart en sträze wts gebaut, 
diu heidenschaft wart des ermant, 
da von diu helle wart geireut 
cf. Wh. 365, 20. 450, 27. 416, 14. 405, 24 u. s. w. 
Tit 20, 3 Schoysiänen t6t half im üz borgen 
die flust an rehten fröuden« 
Andere Umschreibungen, welche sich im Einzelnen nicht mehr 
classificieren laßen, sind noch außerordentlich zahhreich. Sie alle auf- 
zusuchen würde eine überflttßige Mühe sein; es genügt, bervorzu- 



310 O* BÖTTICHER 

hoben, daß man bei allen — wofern sie nicht reine Pleonasmen sind^ 
wie „äne wankes anehaft'' P. 223, 4 „gein nigen si ir houbet wcgten^ 
223, 27 — eine versinnliehende Wirkung finden wird (z. B. P. 35, 27 
sin herze gap von stözen schal Wh. 177, 12 durch daz was herzen- 
balp sin brüst wol hende breit gesunken = er war traurig geworden). 

Dagegen ftkhrt uns die Verwendung der Metapher in den zuletzt 
erwähnten Stellen unmittelbar zu einer besonders zu behandelnden Art 
von Versinnlichung, zu der abstracter Begriffe. Wolfram ver- 
wendet dazu nämlich in eigenthümlicher Weise die Übertragung von 
Substantivis, Adjectivis und Verbis concretis, ausserdem 
aber auch die Personification. 

Ein ausreichendes und sehr mannichfaltiges Material ist ftlr jene 
Fälle, obwohl unter anderem Gesichtspunkte von Kinzel a. a. O. p. 14 
bis 22, für diese von Förster a. a. O. p. 43—45 gesammelt worden. 
Ich mache deshalb in diesem Zusammenhange nur noch auf einige 
Gesichtspunkte aufmerksam : 

Wenn Wolfram gleich 1, 1 sagt: 

ist zwivel herzen nächgebür, 
daz muoz der sele werden sür 

so macht sich der Leser sofort das anschauliche Bild, wie der Zweifel 
als ein unleidlicher Nachbar dem Herzen jede frohe Stunde verküm- 
mert £^ liegt darin sowohl das ununterbrochene als auch das ge- 
wissermaßen schadenfrohe Anstiften von Unfriede. Ahnlich 

P. 332, 17 ir scheiden gab in truren 
ze strengen nächgebüren 
femer P. 350, 30 der zwivel was sins herzen Havel 

Die Sorge ist die überall hemmende, die Thatkraft bindende. 
Paher: 

Wh. 275, 10 si warn mit seilen banden 

verstricket 
456, 20 ich waer immer unrelöst 
YOT jämers gebende 
vgl.Virg. 152,12der wise entsioz im sorgen bant. 

Der Mangel einer sittlichen Eigenschaft stellt sich unter dem 
Bilde des Gastes dar. 

Wh. 62, 10 hoher pris wart nie diu gast. 
165, 6 mir sol nach dinem tode gast 
immer sin der h6he muot 
cf. Virg. 174, 1 sin haut diu wart des swertes gast. 



ÜBER DIE EIGENTIIÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. SU 

Manchmal veranlaßt ein (ursprünglich sinnliches) Ephiteton eines 
abstracten Begriffes , das im gewöhnlichen Verkehr seiner sinnlichen 
Bedeutung schon ganz entkleidet ist oder mit dem Abstractum zu einem 
Begriffe verschmolzen ist (höher mnot), eine metaphorische Ausführung / 
d. h. eigentlich wird cUe ursprüngliche sinnliche Bed eutung nur fest-^ 
gehalten z. B. 

P. 195, 10 sin höher muot kam in ein tat 
cf. Wh. 51; 2 freude und höher muot 

ir beide slget mir te tal 
82, 19 des wart sin fireude erhoehet 
diu e was gar gefloehet 
üz sime herzen hin ze tal 
ähnlich 167, 4 n^ fioehe ist niderbrüeiec 
172, 7 mtns höhen muotes eiecheiL 
Der Analogie wegen, obwohl erst weiter unten am Platze, sei 
auch angeführt: 

Wh. 119, 12 so ewaere sorge ich fäere 

daz si min ors her getruoc 
do hetez ungemach genuoc 
Besonders häufig werden Ausdrücke, ganze Situationen vom rit- 
terlichen Kampfe auf abstracta übertragen: „Schildes ambet^ ist ja 
Wolframs Art (P. 115, 12). 

P. 103, 18 do brast ir freuden klinge 
mitten ime hefte enzwei 
76, 14 diner minnen lanze 
424, 28 min bester schilt was für den tot 

daz ich dar um bot mtne hant 
508, 30 si waere . . . ein spansenwe des herzen 
326, 4 reht werdekeit was stn gewete 
Wh. 105, 1 er gab des fianze, 

daz diu jämers lanze 
sin herze immer twunge 
P. 339, 5 stn herze was ze velde ein btirc 
cf. P. 178, 4. 571, 4. 680, 7 ff. 142, 22. 90, 11 u. s. w. 

Andererseits werden auch wieder Waffen und Kampf durch 
metaphorische Umschreibung lebendiger gemacht: Die Schwerter wer- 
den P. 364, 8 ^des strttes nieder** genannt cf. 694, 13 Jämers ruoder. 
Der Zusammenhang zwischen riwe und Thränen führt zu folgenden 
schönen Bildern: 

P. 114, 4 ir schimph ertranc in riwen fürt 



312 G. BÖTTICHER 

113, 27 sich begaz des landes frouwo 
mit ir herzen jämers Umwe 
cf. 319, 6 herzen jämer ougen saf 
191| 29 liehter ougen herzen regen 
Wh. 177, 14 , . . sin freade in rvme ertrunken. 
Der jämer wird als Krankheit betrachtet; 

Wh. 60, 22 min herse muoa des jämers suht 

&n ßreade erzente tragen 
Im ttbrigen vgl. Kinzel a. a. O. p. 15. 

In folgender Stelle verwirren sich die Bilder: 
P. 84, 16 wan daz groz jämer nndersluoc 
die hoehe an siner freude breit. 
Dasselbe ist scheinbar der Fall in P. 533 , 1 ff. Die Stelle zeigt 
aber, welche Fülle von Bildern sich Wolfram überall nn willkürlich 
aufdrängten. Es sind 4 Zeilen und in jeder Zeile ein anderes Bild : 

lät naher gen, her minnen druc 
ir tnot der freade alsolhen zuc, 
daz sich dürkeh freuden sfat 
unt bant sich der riwen pfat 

daran anknüpfend, aber wieder modificiert, heiüt es weiter: 

sus breitet sich der ritoen slä: 
gienge ir reise anderswä 
dann in des herzen hohen muot, 
daz diuhte mich gein freuden guot, 

und wieder in einem neuen Bilde: 

V. 9 ist minne ir unfuoge halt, 
dar zuo dunkt si mich zalt, 
ode gibt sis nf ir kintheit, 
sweni si Aieget herzeleit? 
unfuoge gan ich paz tr jugent 
dan daz si ir alter braeche tugent. 

Daß eine solche Häufung eine besondere Schönheit sei, wird 
man nicht behaupten können. Wir glauben vielmehr darin wieder den 
^ngel an Beherrschung der Oedanken zu erkennen. 

Über die Adjectiva ist zu dem von Kanzel p, 16 — 18 ausge- 
führten nichts weiter zu erinnern; nur muß hervorgehoben werden, 
daß sich für diese Adjectiva aus dem Willehalm nicht bloß «einige 
Belege und manche Eigenthümlichkeiten" beibringen lassen, wie Kinzel 
p. 35 meint, sondern daß überhaupt keine Veränderung im Gebrauch 



Ober die eigenthümlichkeiten der spräche wolframs. 313 

zu spüren ist. Zu vgl kranc Wh. 79, 8. 155, 26. 179, 30. 194, 22 u. s. w. 
Tit. 67, 2. 115, 3. 

maf Wh. 255, 26. 343, 8 u. s. w. 

Inm „ 112, 20. 455, 18 u. s. w. 

blint „ 355, 3. bloz 456, 6. 

Bemerkenswerth ist Wh. 102, 26: „vor schänden gar diu nacte und 
der hohen freude ein toeise^. — Von anderen Adjectiven: 
Wh. ]71, 2 mirst freude wilde und sorge zam 
20, 17 si wäm ir lebens miüe 
23, 4 dehein ort an stner tugent 

was ninder niasec noch murc. 

Die Übertragung von Verbis concretis auf abstracta endlich 
wird ebenfalls hinlänglich durch die von Kinzel p. 18—22 gegebenen 
Beispiele erläutert. Die meisten sind, wie auch bei den Adjectiven 
zu bemerken war, vom ritterlichen Kampfe und von den menschlichen 
Leiden entlehnt, und beide Arten haben zugleich den Zweck der Ne- 
gation (s. u. p. 322). Aber auch die verschiedensten anderen Gebiete 
sind vertreten; indessen fehlt gerade eines der merkwürdigsten Bei- 
spiele, das ich hier nachtrage: 

Wh. 174, 22 die wil diu sorge ir angel 

in mm herze hat geschoben. 

Wurde nun durch solche Übertragungen abstracte n Begriffen 
g leichsam Leben beigelegt, sie gewissermassen als denkend und em- 
pfindend gedacht, so ist es bis zur völligen Personification derselben 
nur noch ein kleiner Schritt — und daß Wolfram auch diesen gethan 
hat, kann uns nach allem, was wir von seiner originellen Auffnssungs- 
weise kennen gelernt haben, nicht wundern. Dabei sehen wir natür- 
lich von den auch sonst geläufig personificierten Abstracten (gewon- 
heit, eilen cf. Kinzel p. 26) ab, denn Wolfram gebraucht eigentlich 
alle abstracta so, je nachdem es ihm paßt. Die sorgfältige Aufzäh- 
lung bei Förster p. 43—45 zeigt, daß ihm die Verbindung aller mög- 
lichen abstracta als Subjecte mit raten, leren, gebieten, maneny heizen 
am geläufigsten ist, ja dieser Gebrauch ist ihm so gewöhnlich, daß er 
formelhaft und die beabsichtigte Sinnlichkeit der Vorstellung dadurch 
verflüchtigt erscheint. Um so mehr sind die anderen sehr mannich- 
f altigen Verbindungen hervorzuheben, wie sie schon Kinzel p. 28 unter 
der Rubrik ^allein nach Wolframs Manier** verzeichnet hat, die aber 
durch folgende noch vervollständigt werden können: 

P. 442, 28 ungeverte im undervienc 
eine slä dier het crkorn. 



314 G- BÖTTICHER 

465, 8 dem erbarme git geselleschaft 
483y 10 der würze ist so ze muote, 

si Mt al des luftes art. 
557, 10 iwer leben wil in den tot 
16 op min gemach an arbeit 

Ton disen fronwen hinnen rite? 
646, 2 sit hat sorge unde leit 

mit krache üf mich geleit ir vltz. 
789, 4 nu hete diu wile des erbiten 
792, 1 etslicher (stein) l^rte hohen muot 
Wh. 280, 10 diu sorge im was so verre entriten, 

si möhte erreichen nicht ein sper 
317, 24 daz mir diu werdekeit ir haz 
niht anders mac erzeigen 
330, 2 gröz werdekeit hat in gesant 
in ir herze sölhe gir 
cf. R 184, 16. 105, 16. 460, 30. 327, 12. 53, 6, 191, 28. 412, 18 u. s. w. 
Bemerkenswerth ist endlich die Personification von „ftttrc". Sie 
wehrt sich gegen stürm und ungefüegen haz P. 399, 23. 508, 7 cf. 564, 
30. 226, 14. 20. 

Wh. 453, 22 sölhes bibens Alischanz nu fflac. 

Der Hofeprache , auch der poetischen , war derartiges sicher 
fremd, den sie neigte offenbar schon zur A bstrac tion^ war diesem Sta- 
dium natürlicher und naivsinnlicher Anschauungsweise entwachsen. 

Anhangsweise zu diesem Abschnitte sei noch bemerkt, wie wenig 
abstracte Begriffe in Wolf rams ganzer Denkweise Platz hatten. Wo 
jene Versinnlichungen nicht eintreten, läßt es sich doch meist beo- 
bachten, daß er bei abstracten immer den zu Gb*unde liegenden Ver- 
balbegriff im Auge hat z. B. Wh. 181, 2 iwer m&ge, die durch we 
min lernt ame tdde sint erfunden (Nominalrection) feiner 
P. 779, 16 den künec unt die künegin 

bat si helfe und an ir rede sm 
wo das Substantiv „helfe^ imd ein substantivierter Infinitiv als ganz 
gleichartige Worte neben einander gestellt sind, ein Fall, der nach 
Gr. IV, 260 cf. Lachm. z. N. 1, 3 sehr selten ist Überhaupt scheint 
Wolfiram die substantivierten Infinitive viel häufiger anzuwenden als 
irgend ein anderer Dichter; er ersetzte durch sie geradezu viele ab- 
stracto, weil ihm die sinnliche Verbalnatur viel mehr zusagte. 

Schon im bisherigen konnte es nicht vermieden werden, die von 
Wolfram so ganz besonders geliebte bildliohe Kcdewcise zu berühren. 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 315 

Sie spielt in alle Einzelheiten seiner Sprache hinein und gibt e igcnt- 
lieh äusserlich der Wolframschett Sprache den am deutlichsten er- 
kennbaren Charakter. Wir sahen nun oben in einigen Einzelheiten, 
wie sein angebomes Streben nach möglichster Sinnlichkeit in der Dar- 
stellung ihn ganz von selbst zur metaphorischen Redeweise führte. Er 
hätte es aber zu solcher Originalität auf diesem Gebiete nicht bringen 
können, wenn ihm nicht auch ein Reichthum von Anschauungen, ein 
Geflihl für die unendliche Fülle der Natur angeboren gewesen wäre, 
das £ast an orientalische Phantasie erinnert. Wir müssen daher, was / 
wir oben von der Versinnlichung durch Bilder nur in Bezug auf ab- 
stracto BegriflFe anführten, hier als allgemeines charakteristisches Mo- 
ment für Wolframs Sprache hervorheben. Wolfram ist in Bildern 
und Gleichnissen geradezu unerschöpflich. 

Es gehört nun natürlich nicht in diese Arbeit, alle Bilder und 
Gleichnisse, die er anwendet, auszuziehen, zu classificieren etc. Ftlr 
seinen Sprachgebrauch ist es bloß wichtig zu beobachten, wie er die 
Bilder anwendet, wie er sie einführt, ausführt, endlich, wo er sich 
auffallend durch die Wahl seiner Bilder auszeichnet. 

Den ersteren Gesichtspunkt betreffend müssen wir zunächst an 
die schon oben berührten metaphorischen Ausdruckweisen erinnern. 
Sie zeigen uns, wie lebendig sich alles Wolframs Geiste darstellte, 
wie unwillkürlich er sich Vorstellungen in sinnliche Bilder umsetzte; 
daher die unmittelbare Übertragung ohne ein vermittelndes ^gleichsam, 
als, wie". Dies ist nun noch nicht gerade ungewöhnlich; merkwür- 
diger aber wird es schon bei weiter ausgeführten Übertragungen z. B. 
in den bekannten Stellen vom Würfelspiel, welches auf den Kampf 
übertragen wird : 

P. 82, 13 da was gewunnen und verlorn: 

genuoge beten schaden erkom, 

die andern pris und ere. 

nu ist zit daz man si kere 

von ein ander, nieman hie gesiht: 

sine wert der phander liehtes niht: 

wer solt euch vinsterlingen spiln? 

es mac die müeden doch beviln. 
cf. 591, 1 «. auf anderes übertragen 115, 19 «. 179, 10 ff. 248, 10 ff. 
112, 9. 289, 24 u. a. 

Wh. 402, 12 ze beder sit si sazten phant 

diu nimmer mtigen toe^'den quit 

vor der urtcillichen zit. 



316 ö- BÖTTICHER 

P. 292^ 9 (Frau Minne) ir habt mir mangel vor gezilt 
und miner ougen ecke also verspilt, 
daz ich iu niht getrüwen mac. 

Bei dieser letzten Stelle kann man unklar sein, was sich der 
Dichter vorstellt; Kinzel p. 22, versteht lieber „ougen ecke" = als 
Tropus vom Schwert. Aber am einfachsten liegt doch die Er- 
klärung so: die Minne spielt mit den Äugen als Würfel; sie wirft 
ihre (der Augen) Blicke (ecke vielleicht =^ acies) umher wie der Spie- 
lende die Würfel (ecke = Würfel als pars pro toto). Sie hat nun 
damit so gespielt „daz er ir niht mer getrüwen mac" — verspiln c. 
acc. also = unglücklich spielen mit. Dieser Gebrauch von ver- 
spiln wird sich freilich sonst nicht belegen lassen, aber bei Wolfram 
wäre er doch nicht so unmöglich. Hat er doch z. B. nicht minder 
auffallend sporn c. acc. der pers. u. gen. der Sache, (s. auch unten 
p. 329 bei verpfenden): P. 181, 8 die man schockes niht wil spam. 

Femer Wh. 373, 13 hurta wie die getouften 

borgeten und verkouften 
mangen wehsei äne tumbrel, 
etslicher was so snel, 
daz si nider sancte unz an den tot 

Ganz auffallend aber da, wo der Satz ursprünglich allem An- 
schein nach auf einen wirklichen mit den Verbindungs werten „als ein, 
wie" etc. einzuleitenden Vergleich angelegt war. Dies zeigt sich be- 
sonders bei Vergleichung von Personen mit Naturgegenständen. Der 
zur Vergleichung herangezogene Gegenstand verbindet sich schon im 
ersten Moment der Vorstellung so innig mit dem zu vergleichenden, 
daß er das Wort unmittelbar mit der Person verbindet. Einzel führt 
p. 29 —31 viele der Art auf: 

P. 56, 3 so wirt ab er an strite ein schür 
cf. 514, 20 das bezeichnende jfSunnenblicker schür'* 
hagel P. 72, 22. 2, 19. 297, 11. Wh. 54, 24. 332, 4. 
cf. Virg. 96, 1 sin swert wart der heiden hagel 
76, 6 der manheit gar ein kerren 
12, 8 der ere ein kerne. 
Besonders bezeichnend: 
P. 39, 22 er hhiome an mannes schoene 
252, 16 wipl icher kiusche ein bluome 
ist si, geliutert äne tou. 
Tit. 103, 3 si liuhtec bluome üf beide 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE W0L*'RAM8. 317 

33, 3 81 reiniu fitiht 

P. 4, 15 er stahely 8wä er ze strite kam 

128, 27 sus ßwr die lones bemden vart 

ein Wurzel der güete 

nnd ein stam der diemüete 

im Übrigen s. Rinzel. 

Aber ancfa ganz ausgeftihrte Gleichnisse finden sich in dieser 

Weise: z. B. 

P. 286; 28 (an Segramors und seinem Rosse) 

manec guldin schelle dran erklanc 

üf der decke und an dem man. 

man mökt in wol geworfen hän 

zem fasän inz domach. 

swems ze suochen waere gäch, 

der funde in bi den schellen. 

Wolfram betrachtet den Segramors unmittelbar unter dem Bilde 

des beschellten Falken, ohne den Falken auch nur zu nennen. Zu vgl. 

Wh. 273, 12 der selbe mHzaere (= Heimrich) 

erfluge den kranech wol, würf in dar 
em ist niht zagelich gevar 

Oder P. 49, 1 S. zw&n künge mit grozer kraft 

die vluot von der riterschaft 

si brUhten unde manegen kiel. 
Bild ist: die Ritterschaft ist wie die Meeresflut; die sie durch- 
schneidenden Kiele die Fürsten. Zu vgl. 
Wh. 453, 18 du waere mtnes kieles ruoder 

und der rehte segelwint, 

da von al Heimriches kint 

hänt gankert roemisch erde 
ferner P. 217, 11 diu messenie vor im az . . . 

und manec juncfrouwe stolz 

daz niht wan tjoste was ir bolz: 

ir ßriwent ai gein dem vinde schoz 
Wh. 281, 11 Sit daz man ie trürens jach 

zeinem esteriche und zeime dach 

nebn, binden, fUr, zen wenden 
so noch viele Fälle. 

Wir sehen zugleich, daß alle diese unmittelbaren Übertragungen 
im Wh., wenn auch nicht so mannichfaltig, so doch gewiß nicht auf- 
fallend seltener sind als im Parz. wie Kinzel meint (p. 36 ad III) 



318 G- BÖTTICHKR 

Von jenen (hagel, schür etc.) führt er allerdings nur neun Stellen an, 
aber es sind noch viele hinzufügen z. B. 167, 12. 48, 24. 54, 24. 15, 
15. 332, 4. 13, 22. 279, 30. Bei den übrigen ist überhaupt kein Unter- 
schied vorhanden. 

Wie trefilich diese Fülle der Anschauung aber auch auf den 
Hörer wirkt, oft scheinen sich dem Dichter so viele Gesichtspunkte 
und entsprechende Bilder mit einem Male au&udrängen, daß sich die 
Vorstellungen verwirren. Er führt dann entweder das Gleichniss 
anders aus als es die Consequenz des Gedankens erwarten läßt, 
oder er springt von einem Bilde zum anderen über, geräth dadurch 
in Anacoluthien und bringt so eine Ausführung zu Stande, wie sie 
Gottfried ungef^r im Auge gehabt hat, als er sagte: 

^wir mügen ir d& nach niht verstän 

als man si hoeret unde siht (Tr. 4684). 
Für beide Eigenthümlichkeiten in der Ausführung einen Fall: 
P. 510, 1 ff. Orgeluse sagt zu Gawan : 

„wie habt ir minne an mich erholt? 

maneger sfniu ougen holt, 

er möhts üf einer slingen 

ze senfterm würfe bringen, 
5 ob er sehen niht vermidet 

daz im sin herze snidet 
V. 1 — 4 an sich sind verständlich; tertium würde die Heftigkeit 
des Wurfes sein. V. 5 und 6 aber zeigen, daß der Dichter die Folge 
des Wurfes im Auge hatte und dadurch wird alles schief, denn 
durch den Schleuderwurf wird allein der getroffene Gegenstand be- 
schädigt, beim Augen werfen aber ist es der getroffene Gegenstand, 
welcher dem Werfenden ,daz herze snidet". 

Charakteristisch nach dieser Seite hin ist auch 
P. 593, 14 ist diu nieswurz in der nasn 

draete unde strenge, 

durch sin herze enge 

kom alsus die künegin 

durch siniu ougen oben in. 
Tertium sollte jedesfalls die „enge" sein: wie die Nieswurz durch 
die enge Öffnung in die Nase kommt, so die Herzogin durch die 
kleine Öffnung der Augen (durch den Kopf) in sein Herz. Dazu kam 
gewiß noch die Vergleichung der „strenge" der Nieswurz mit dem 
„pin" den ihm Orgeluse verursachte; bei der Nieswurz wird die 
„strenge^ hervorgehoben, bei der Herzogin die „enge" und dem Leser 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS 319 

wird es überlassen sich beides zusammen zu reimen. Dergleichen 
Beispiele sind nicht selten. Den zweiten Fall erläutert am besten 
P. 241, 9 fF. Wolfrflm rechtfertigt die Ökonomie seiner Dichtung durch 
olgeudes Gleichniss: 

diu senewe ist ein bispel. 
10 nu dunket iuch der böge snel: 

doch ist sneller daz diu senewe jaget 
ob ich iu rehte hän gesaget, 
diu senewe glichet maeren sieht: 
diu dunkeut euch die liute reht. 
15 swer iu saget von der krümbe, 
der wil iuch leiten llmbe^ 
swer den bogen gespanncn siht. 
der senewen er der siebte gibt; 
man welle si zer biuge erdonen 
20 so si den schuz muoz menen. 

swer aber dem sin maere schiuzet 
des in durch not verdriuzet: 
wan daz hat da ninder stat 
und vil gerümeclichen pfat, 
25 zeinem ören in^ zem andern für. 
min arbeit ich gar verlür 
op den min maere drunge: 
ich sagte ode sunge, 
daz ez noch paz vernaeme ein boc 
odr ein ulmiger stoc. 
Der einfache Sinn der Ausführung ist ungefähr der*): Wolfram 
Landelt nach einem festen Plane, die Hörer sollen ihm vertrauen, 
sollen nicht unaufmerksam werden, denn mit solchen will er nichts 
gemein haben. Aber wie schwierig ist die Darstellung dieses Ge- 
dankens! Er wollte den Hauptsatz (V. 13 diu senewe glichet maeren 
sieht) im einzelnen ausführen. Dazu stellt er zunächst der slihte die 
hmmhe gegenüber V. 15. Dann aber kommt er natürlich darauf, daß 
man allerdings die senewe, wenn sie schießen soll, ^zer biuge erdenen^ 
19; dadurch bietet , '^^ ein neuer Vergleichungspunkt (maere 
id 80 hättftftiM 9 Vorstellungen derart, daß er von 

übe] ^ klar zu sagen, was er will. Er 

m in lauter Anacoluthien. Nähere 

aliquot locis. 




320 G. BÖTTICHER 

Ausitlhrnng würde zu weit führen (cf. Lucae), ich mache daher nur 
anf die Hauptpunkte aufinerksam: V. 10 und 11 „nu dunket iuch der 
böge snely doch ist sneller daz diu senewe jaget^ scheint Bogen und 
Pfeil gegenüberzustellen; aber er will die Bedeutung der senewe für 
den Bogen hervorheben; sie ist, will er sagen, der Haupt- und eigent- 
lich wirksame Theil des Bogens im Gegensatz zu der Krümmung 
(krümbe). Den Unterschied beider sieht er in der Wirkung auf 
das Geschoß; seine Vorstellung bleibt nun bei diesem haften und 
statt zu sagen V. 11 »doch gibt die Sehne erst dem Pfeil die snelle" 
sagt er ^doch ist sneller daz diu senewe jaget^, läßt also einen Schluß 
von der Wirkung auf die Ursache machen. 

V. 21. 22 swer aber dem sin maere schiuzet 

des in durch not verdriuzet 
stehen zu V. 26 ß, im Verhältniss von Vorder- und Nachsatz (min 
arbeit ich gar verlür). Dazwischen ist eingeschoben als eine Art er- 
läuternde Parenthese V. 23—25 „wan daz hat d& ninder stat und vil 
gerümeclichen pfat, zeinem oren in, zem andern für**. Die höchst 
nachlässige Beziehung der Pronomina aber (sie wird durch jeden 
neuen Begriff zerstört) macht das Verständniss so sehr schwierig: auf 
swer V. 21 folgt nicht der sondern V. 26 ich; auf dem V. 21 folgt 
nicht V. 22 den verdriuzet, sondern das Relativum wird zum letzten 
Substantiv maere gezogen (des) und dann das erwartete Demonstrativ 
durch in ersetzt. Endlich wird dieses dem V. 21, nachdem es fast 
vergessen ist, wieder durch den V. 27 aufgenommen. 

Wir kommen hier also wieder auf dieselben Schwächen der Dar- 
stellung die wir oben bemerkten. 

Auf weitere Betrachtungen über Wolframs Gleichnisse müssen wir 
hier verzichten; das Angeführte aber wird seine Eigenthümlichkeit in 
dieser Beziehung wenigstens in allgemeinen Umrissen gekennzeichnet 
haben. Nur über die Gleichnisse im Willehalm ist ein Wort hinzu- 
zufügen. Die Fülle der Anschauung zeigt Wolfram auch im Wille- 
halm, wenn sie dort auch nicht reicher ist, wie Förster meint a. a. O. 
p. 69. Dagegen ist ein entschiedener Fortschritt in der Ausführung 
zu bemerken. Ein solches Überspringen von einem Bilde zum anderen, 
80 unklare Beziehungen wie im Parzival finden wir dort nicht mehr. 
Das auffallendste von unvermittelter Häufung ist etwa: 
Wh. 174, 22 die wil diu sorge ir angel 

in min herze hat geschoben, 

mit stoerten wart von mir gekloben 

freude und höchgemüete. 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 321 

Will man sich dagegen von der grösseren Durchsichtigkeit und 
Klarheit der Ausführungen überzeugen, so vergleiche man z. B. die 
schönen Gleichnisse Wh. 188, 20-189, 24. 270, 19—24, welche zur 
Verherrlichung Rennewai*ts dienen. Überhaupt sei hier bemerkt, daß 
die ganze Darstellung im Willehalm flüssiger, leichter, aber auch — 
langweiliger erscheint. Der Gehalt der neun Bücher ist doch im 
Ganzen gering — mit Parzival verglichen schwach — daher zwar eine 
reiche Ausstattung mit schön ausgeführten Gleichnissen, aber keine 
rechte Frische und Abwechslung, kein fesselnder Gedanke. Die Gleich- 
nisse bewegen sich meist um denselben Punkt : Pracht und Stärke des 
Heeres oder eines Einzelnen — und das muÜ schließlich ermüden. 

Viele der Vergleichungen klingen uns gesucht , geschraubt — 
auch im Wh. — und in der That, wenn wir auch mit Lachm. („über 
den Eingang des Parzival^) annehmen müssen, daß dem Mittelalter 
vieles geläufig war, was uns aufi^Ut, so liegt doch vielfach eine Ab- 
normität in den Gleichnissen, die als solche überall und zu allen Zeiten 
erscheinen muß. Mag also auch der „schellic hasse^ P. 1, 19 sprich- 
wörtlich gewesen sein (Lachm.), jener seltsame Vergleich der Orge- 
luse mit der Nieswurz war gewiß etwas absonderliches. Man ver- 
gleiche ferner: 

P. 143, 28 anders iwer frou Enite 

werdent durch die mül gezücket 

und ir lop gebrücket 
oder Wh. 48, 24 sin verch was wurzel stner tngent: 

waer daz geswebt hoch sam sin pris, 

sone möbte er deheinen wts 

mit swerten niht erlanget stn 
oderWh. 88,2fF. von der siieze des TerramSr, 

sodann den ganzen Eingang (die varwe der agelster — Lachmann 
sieht das Gleichniss als Anspielung auf Feirefiz an) und 
P. 2, 10 stn triwe hat s6 kurzen zagel, 

daz si den dritten biz niht galt, 

fuor si mit bremen in den walt 
wozu man bis jetzt vergeblich nach einer Erklärung gesucht hat 

In der Wahl solcher femliegenden Bilder zeigt sich bei Wolfram 
dasselbe, was wir schon mehrfach im Laufe der bisherigen Erörte- 
rungen wahrgenommen haben, eine Vorliebe filr das Ungewöhnliche 
als solches. Er sucht ganz augenscheinlich geradezu die unregel- 
mässige Construction , das seltsame Bild und wird eben dadurch oft 
nur schwer, oft auch gar nicht verständlich. Eben diea^ VckxVirf^^ ^^ 

GERMANIA. Nene Reihe. IX. (XXI. Jahrg.) ^^^ 



322 G. ßÖTTICHEK 

Eigenartiges beherrscht aber bei ihm auch den einzelnen Ausdruck, den 
zu erörtern bisher noch nicht Gelegenheit war. Es muß daher im 
Anschluß hieran noch auf einige Punkte aufmerksam gemacht werden^ 
die zwar zum Theil schon von Kinzel und Förster eingehender be- 
handelt, zum Theil aber zu ergänzen sind. 

Hierher gehört zunächst — als das Auffallendste — das grosse 
Gebiet der eigenthümlichen Weise, wie Wolfram die Negation aus- 
drückt (s. Einzel a. a. O. p. 3 — 13). 

Kinzel macht p. 3 darauf aufinerksam, daß sich bei Hartmann 
eine Umschreibung der einfachen Negation überhaupt nur selten findet 
und nur durch tiure, liUzelj sdten^ also keine Übertragung. W. dagegen 
nimmt mit Vorliebe dazu die schon oben bei den Metaphern berilhrten 
Adjectiva und Verba, welche menschliche Leiden und krankhafte Zu- 
stände bezeichnen z. B. kranc (si heten beidiu kranken sin an bt 
ligender minne — an freuden kranken teil), sikte, bldzj lam etc. worüber 
die Beispiele bei Kinzel zu vergleichen sind. 

Femer eUmde, weise, nact (vor schänden gar diu nacte und der 
höhen freud ein weise), laz, laere c. gen. = ohne (der witze laz), die 
von diesen abgeleiteten Verba (ver)fcrenAen, (er)&ieren, wozu ich als 
Synonyma füge: an freuden phenden Tit. 93, 4 darben siner hui de 
P. 150, 8 pris veile tragen Tit. 145, 2 zins, phant geben etc. 

Ausserdem gehören noch folgende Substantiva hierher: 
P. 26, 21 er was gein valscher fuore ein tdr 
506, 14 er was zer wunden niht ein tdr 

66, 12 gein valscheit der traege 
361, 21 an dem er vant krankheite flust 
162, 14 der site was vor valsche ein fluht 
Wh. 378, 14 der ie gein valsche was ze wer 
cf. 49, 3 niht der sele veige. 

Überhaupt muß Wolfram eine Vorliebe speciell für die Nega- 
tion gehabt haben; wo er sie irgend verwerthen kann, bringt er sie 
an und meistens, um durch sie zu bejahen, d. h. entweder durch dop- 
pelte Negation (negierende Verba mit niht verbunden z. B. P. 130, 22 
an ir was künste niht vermiten) oder durch eine Antipkasts, die G-eg^i- 
überstellung eines negativen und positiven Satzes zur stärkeren Her- 
vorhebung des letzteren oder auch nur eines positiven Ausdruckes 
und seines Gegentheils, wobei das negierte Glied vorangehen und nach- 
folgen kann: z. B. P. 786, 15 si hetenz ungern vermiten, si riten und 
188, 22 n&h aldä niht verre dort. Ich verweise der Kürze halber ein- 
fach auf die zahlreichen und mannichfaltigen Beispiele beiKiiud 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 323 

a. a. O. p. 5 — 13. Manche besonders eigenthümliche indessen lassen 
sich dort noch nachtragen z. B. 

P. 158, 28 diun (wort) rtlerent mir kein herzen ort, 
ja muoz enmitten drinne sin 
der frouwen ungedienter ptn 

Wo auch Hartmann u. a. sich dieser Art der Antiphasis be- 
dienen (mit vergizze und (er)2^ öfter), wird man doch immer be- 
merken, daß sie dort mit mehr Rücksicht auf Effect sowohl als auf 
Wortbedeutung angewandt ist; Wolfram aber recipiert sie unter die 
gewöhnlichen Ausdrucks weisen , gebraucht sie kaum anders als die 
einfache Negation niht oder den einfachen positiven Satz. 

In Bezug auf den Willehalm ist hier kurz zu bemerken, daß es 
nicht richtig ist, wenn Eanzel glaubt, daß Wolfram diese Manier mehr 
und mehr abgelegt habe (p. 34 f.). Er hat sowohl ftlr die Antiphasis 
als für die adverbialen Bestimmungen mit äne und sunder viele Stellen 
übersehen. Zu letzteren habe ich 27, zu ersterer 41 Beispiele gefunden, 
also kann man den Gebrauch doch nicht auffallend seltener nennen. 

Wir sehen, daß die Eigenthümlichkeit der Wolframschen Nega- 
tion nicht sowohl in der Neigung zur Verstärkung der Negation liegt, 

— denn diese ist jeder kraftvollen Sprache eigen — als vielmehr in der 
ungewöhnlichen Ausdehnung und den ungewöhnlichen Verbindungen. 

Ahnliches nun zeigt sich auch in dem von Förster (a. a. O. 
p. 9 ff.) beobachteten Gebrauche des verbums kunnenj der Participia 
erkant, hekant, kunt etc. sowie in der von Kinzel p. 31 ff. bespro- 
chenen Verwendung der Substantiva zil, site, kraft. Auch diese Wörter 
sollten ursprünglich in besonderer Absicht zur Verstärkung des Aus- 
druckes gebraucht werden, oder den Sinn desselben modificieren, aber 
Wolfram macht wieder aus der ausnahmsweisen Verwendung eine 
Regel und sie selbst in ihren Verbindungen zu Formeln. 

erkant steht in den meisten Fällen pleonastisch ; mir vnrt bekant 

— kunt von angenehmen und imangenehmen Erfahrungen gesagt, sollte 
eigentlich dem Satze eine ironische Färbung geben; Wolfram aber 
gebraucht es geradezu für „ich erleide^ auch für werden und 
sein ohne weiteren Nebensinn. Ebenso ^ich tuon einem bekant^ = ich 
füge ihm zu. Daß die eigentlichen Bedeutungen auch vorkommen, 
versteht sich von selbst Je ein Beispiel genüge zur Charakterisierung 
des formelhaften Gebrauches, die Menge der übrigen sehe man bei 
Förster ein: 

P. 669, 6 manec säum mit hamasche erkant 
Wh. 7, 9 groz ungemach wart den beiden stt bekant 

21* 



824 0- UÖTTICHEK 

P. 814, If) ich fnon ir rtcheit hekaivt 
Wh. 20^^, 24 die man geladen bekande 

P. 633| 25 als ^ was gevar ir munt 
was al dem antltttze kunt 
110, 28 81 tet wipliche fuore kunt 
466^ 20 diu gotheit kan lüter sin. 

Man kann aber doch in allen diesen Verbindungen nicht leugnen, 
daU sie ein gewisses subjectives Gepräge tragen, auch wo keine 
tiefere Bedeutung darin liegen soll. Es scheint sich darin ein ahn- 
Hohes Interesse des Dichters an den Personen auszusprechen, wie in 
den oben erwähnten theilnehmenden Vor- und Rückblicken auf das 
Schicksal der Holden. 

Über den Qebrauch von til ist nur kurz zu sagen, daß durch 
dasselbe, c. gen. verbunden, theils der Begriff gesteigert, theils auch 
gana bedeutungslos umschrieben wird. In ersterer Beziehung z. B. 

P. IIX), 18 dd saz diu magt an ßreuden zil 
= am Ende ihrer Freude 
in letzterer P.12> 21 deheiner slahte gun^e eil 

Kinzel bemerkt, daß dieser formelhafte Gebrauch von zil sich nur 
in der ersten Hälfte des Parzival findet Wenn dies nun auch nicht 
gana genau ist — 519, 8 z. B. steht es noch so — so ist doch jedes- 
falls eine bedeutende Abnahme desselben in den letzten Bachern des 
Panival zu constatieren. Im Wh. ist :ß überhaupt seltener, aber doch 
auch n^M^h formelhaft AVh. 310, 4 toufes zil 317, 27 todes zil 319, 19 
mit naiuen lU. 

siU wird gerade in der formelhaften Weise oft mit denselben 
Aasdrücken wie rä Terbunden. Recht bezeichnend ist: 

P. 38K 22 (diz maere) panriert sich mit «n^tre» siten 
2l>0« 22 dai ors warf er mit scnus site. 

Hier ist aber auch am Ende des Parzival noch keine Abnahme 
au spüren: f/u> fnntdf ntem P. 755, 15l 75& 20. 793, 30. 796, 30. mit 
fKtmitrt^ «Vm P. 79i\ 1» Ebenso noch im Willehalm: mit jtimen nten 
Wh. 15\ 17. 73. 28. mit sükttf titen 3a 14. 1& 12. cf. 22, 2. 52, S, 165, 
2«L ÄX\ IS. 2»*. 12, 25a 19, 169,21 u. m. Im Principe hatte sich 
dann der Dichter auch nicht geändert , und aas dem einen zu wird 
man keinen Schlui^ machen dürfen. 

Bei einem so nach Ortgtnalitäfi strebendem Geiste, wie wir ihn 
bis jetzt in Wolfrsun kennen ^lerat haben, können wir uns nun en«ilich 
auch nicht wundern, wenn er sich steUenweise Ton den in der Sprache 
bekäumt^a Ausdruckes gaoz abwesdeCe and ei^rene erßuid. sei esy 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 325 

daß er durch sie einen ihm vorschwebenden Begriff besser bezeichnen 
zu können glaubte, sei es, daß er sich nur über das Gewöhnliche er- 
heben wollte. 

Sie alle aufzufinden, dazu gehört eine sehr eingehende Leetüre 
der gesammten mhd. Litteratur und zu ihrer Würdigung und Erörte- 
rung eine besondere Untersuchung. Hier kann ich nur angeben, was 
mir bei der Leetüre aufgestossen ist; ich glaube aber, dies wenige 
genügt, um das allgemeine Bild von den Spracheigenthümlichkeiten 
Wolframs und ihren Ursachen, welches darzustellen Zweck dieser 
Arbeit sein sollte, zu vervollständigen. 

Dergleichen eigenartige Wortbildungen oder Verwendungen von 
Wörtern finden sich auf allen Gebieten, Adjectiva, Adverbia, 
Substantiva, Verba, zu deren jedem ich einige Beispiele beizu- 
bringen hoffe. 

Am nächsten liegen hier die Adjectivbildungen mit ßcA. Daß die- 
selben überhaupt sehr beliebt waren, zeigt die gewaltige Menge der- 
selben in der mhd. Litteratur. Sie ist so groß und für uns oft so auf- 
fallend, daß man kaum wagen kann, von dieser oder jener zu be- 
haupten, sie sei eine originelle Neubildung. £s scheint vielmehr, als 
hübe hier der Einzelne volle Freiheit gehabt, als könne kein solches 
Adjectiv besonders auffallend erscheinen. Aber war hier eine ausge- 
dehnte Freiheit gestattet, so können wir bei Wolframs Eigenthüm- 
lichkeit gewiß annehmen, daß er viele solcher Adjectiva ohne weiteres 
gebildet hat, ohne Rücksicht darauf, ob sie im Verkehr gebraucht 
wurden oder nicht. Das meinte gewiß auch Förster mit dem kleinen 
Passus p. 25 ^eigenthümliche Adjectiva". Da er aber hier nicht vor- 
sichtig genug war, so hat er manches Adjectivum irrthümlich für ein 
Wolfram eigenthümliches angesehen z. B. kebeslich P. 415, 26, das 
ausserdem Trist. 1493 steht, arbeitlich P. 201, 24. 334, 2, welches W. 
B. 1, 53/54 mehrfach aus Barlaam und dem Passionale belegt ist. 
In Bezug auf dieses könnte man nur sagen, daß es gerade in der 
Bedeutung, in der es 201,24 steht (= beflissen zu quälen W. 
B. I, 53**) vielleicht nur an dieser Stelle im XIII. Jh. gefunden wird; 
denn lieh ist bekanntlich = gelich, also kann der Ableitung gemäß 
arheitlich nur die Bedeutung von mühselig qualvoll haben, die es 
P. 334, 2, Pass. Bari, auch wirklich hat. Ein activer Begriff kann 
nur willkürlich hineingelegt werden und daß dies Wolfram in jener 
Stelle gethan hat, weil er gerade keinen anderen kürzeren Ausdruck 
als „arbeitlicher muot^ für jene Eigenschaft der Frauen finden konnte, 
ist sehr wahrscheinlich. Die Stelle heißt: 



326 6. BÖTTICHER 

er lac mit solhen fiiogen, 

des na niht wil genuogen 

mangiu wip der in s5 tuot 

daz 8% durch arbeüUchen mtiot 

ir zuht BUS parrierent 

und sich dergegen zierent! 
Ahnlieh vorktectich P. 328, 7 == furcht- achtunggebietend: zweier 
kr6ne rfcheit stet vorhteclich in stner pflege. — zomUch femer liegt 
zu nahe als daß man hier eine Neubildung vermuthen könnte. E^ 
kommt im Trist (U) und Pass. vor; als Adverb auch im Iw., Walther 
etc. — und so ist es mit vielen andern, welche Förster aufzählt {wünsch- 
Uchj prislichj tägeUch, werUch, laeheMch), Von andern wie bliclich, knap- 
peS&ch, woUcenMch, ^chiltUch^ sldzHch, kann man sagen, daß sie selten 
und im W. B. nur aus Wolfram belegt sind: wolkenltch fehlt dort 
sogar ganz. Aber von solchen einzelnen die Originalität zu behaupten 
ist doch — obwohl sie vorhanden sein kann — immer misslich. Mit 
mehr Sicherheit kann man, glaube ich; eine Eigenthümlichkeit Wol- 
frams in einer ganzen Art dieser Adjectiva suchen. Geläufig 
nämlich scheint man sie nur von einfachen Substantiven und Ad- 
jectiven gebildet zu haben — wenigstens kenne ich bei Hartmann nur 
solche, nicht aber von zusammengesetzten Substantiven und 
Verben. Wolfram hat nun die letzteren in ziemlicher Anzahl z. B. 
hochvartUch P. 344, 16. hähcharlteh 292, 4. Wh. 236, 17. — durch- 
vaHlich Wh. 25, 16. — Von Verben: vergezzenlich P. 811, 7. Wh. 309, 
11. mndenüch in der antithetischen Verbindung vindentichen fiust P. 547, 
19. weinmtich Wh. 252, 27. 255, 22. sterbenlich Wh. 26, 7. versunnen- 
Uch P. 108, 24*). 

Von andern adjectivis compositis scheinen folgende von Wol- 
fram selbst gebildet zu sein: P. 63, 20 reideloht 317, 24 wiivengec 514, 
20 tunnenblicker schür durch blosse Anhängnng der Endung an das 
Substantiv (cf. Gram. IV, 257) mewee 2%, 3. — Wh. 308, 8 anrae- 
tec = stutzig, nachdenklich (W. B. 11, 678) in der Stelle: 

die (engel) erzeigeten got alsolhen b6z 

daz sin werdiu kraft vil staetec 

von in wart anraetec 



*) An einer Stelle der Gramm, wird die Form dieser AdjcctiTa auf cltch die 
alte genannt Aber der Iw. bat aocb einige (vmmeclicb staeteclicb), W. aber zeich- 
nete sich vielleicht auch dadurch aus, daß er diese sehr häufig hat CflüstecTich, kiu- 
jrrheclich, htHcctlch, künßecUch, helfedich u. s. tv.). 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 327 

Tit. 142, 2 strälsnttec mal s. o. p. 48. 
95, 4 Stelehaft s. o. p. 53. 

Dazu einige Parti cipia: P. 148, 23 diz was selpschoutoet =: das 
brauchte ihnen niemand zu sagen — 515, 25 iwer unversichert hant: 
die Bedeutung, welche das W. B. (11, 26P) angibt „unversucht, 
unerprobt" möchte noch am ersten genügen cf. Germ. 7, 299. — Wh. 
268, 7 ir gedienter vater = entweder „der um sie verdiente" oder „der 
von ihr verdiente" (W. B. I, 319 Gr. IV, 70 Anm.); die erstere Be- 
deutung erscheint angemessener. 

Tit. 142, 2 gehundety geaeilet: „nie seil baz gekündet wart, euch 
was der hunt vil wol gesellet^ = nie wurde ein Seil an einen besseren 
Hund gebunden, auch trug der Hund ein sehr schönes Seil** — ein 
sehr freies Wortspiel. — 

Seibstständige Neubildungen von Substantiven sind schwerlich 
anzunehmen, wie in der Natur der Sache liegt, wohl aber Modificie- 
rungen der Bedeutung, eigenartige Verbindimgen mit Adjectiven 
etc. Dahin möchte ich rechnen: 

P. 180, 12 siegeis wrkünde 

lac da äne mäze vil, 

sulen gröze ronen sm slegels zil 

Urkunde ist nur Zeugniss, Bezeugung der Wahrheit einer 
Sache. Hier aber heißt „slegels Urkunde" etwa „das, was den slegel 
ausmacht, woraus er seinem Wesen nach besteht**. Die Erklärung des 
\V. B. (II, 387' I, 8W) „Zeugniss für das Dasein des slegels** ist 
zu eng, denn die Erklärung Wolframs selbst heißt ja „sulen groze 
ronen sin slegels ziP. Er meinte also: die grözen ronen können freilich 
slegel sein, wie man sie nur wünschen kann, nur der betreffende, den 
der irrereitende finden soll, ist nicht darunter. 

ferner: 157, 15 von fuoz üf gewäpent wol 

wart Parziväl mit gemder dol 

ein merkwürdiges o^vficopoi/ : dol heißt Leiden und gerade dol be- 
deutet das aus einem Begehren hervorgehende Geschehenlassen. 

Auch roum P. 1, 24 cf. herzeroum 337, 12 ist hierher zu rechnen. 
Über beide aber ist man noch nicht zur Klarheit gekommen. Ver- 
inuthen kann man, daß es von Wolfram in einer schwer zu errathenden 
Gedankencombination aus seiner ursprüngUchen Bedeutung (Milchrahm) 
übertragen ist als „Bild, Aussehen" — trügerisches Bild, Wahn, 
wie es Lachmann (Eing. p. 11) erklärt, scheint es doch an sich nicht 
zu heißen, denn sowohl 1, 24 als 337, 12 wird es durch cuiß.\>L TWäSo. 



328 G- BÖTTICHER 

in diesem Sinne präcisiert: dort ^doch mac mit stciete niht gesin dirre 
trüebe Übte schin" — hier ^siufzebaeren^. 

Eine selbstgemacbte Form des Substantives scheint Wolfram 
nur in j^erbarme^ P. 465, 8 zu haben. Die mhd. gangbare Form ist 
nur erbermede und erharmunge, auch selten erberme. Die Hss. variieren 
denn auch in diesen Formen. Wolfram hat hier die absonderliche 
Form wahrscheinlich als Wortspiel zu V. 7 „erbarme^ (Verb.) ge- 
bildet Die Stelle heißt: 

^darüber erbarme sich des kraft 
dem erbarme git geselleschaft. 
Dagegen laßen sich neugebildete Zusammensetzungen von 
Substantiven öfter wahrnehmen. Ich rechne dahin: 
P. 197, 16 stn hdchvart-smindens tac 
296^ 1 Parcival der vaUchheitswant 
496, 18 gegenbiet cf. Wh. 37, 16. 350, 26. 
393, 1 gegenniet cf 444, 16 (= das Gegenanstreben) . 
Wh. 130, 20 dankere = Umkehr 

383, 20 wiserich, wofür das W. B. keine Bedeutung findet. 
Es heißt: 

^dä streich der alte Heimrlch 
mit swerten den wiserich 
Man könnte also an ^ Wiesenertrag^ metaphorisch gebraucht, denken. 
Wh. 389, 19 woUcenriz = Wolkenbruch, Gewitter cf. P. 378, 11. W. 
B. n, 756. 

Von Verben endlich sind manche als eigene Bildungen Wolframs 
aus Adjectiven oder Substantiven anzusehen, viele aber wegen ihrer 
eigenthümlichen Verbindung oder Construction hier anzumerken. 

Als Neubildungen sehe ich an: P. 184, 9 zenstüren = Zahn- 
stochern? — 334, 24 volspehen = erforsche vollständig. 529, 2 sich twirhen 
vom Adj. twerch = quer, verkehrt cf. 615, 20 twirchlingen\ was das 
W. B. fkl schlich als stv. ansieht. 

Zahlreicher erscheinen sonst gebräuchliche Verba in einer Wol- 
fram eigenthümlichen Bedeutung z. B. 

P. 218, 24 erst üf gelogen = man hat ihm Lügen aufgebunden. 
268, 11 Parziväl in üf verliez (-= ließ ihn aufstehen cf. Nib. 
592 1). 
224, 2 den äventiur hat üz gefrumt (= ausgesandt). 
249, 3 ez äventiurt sich = es gestaltet sich wunderbar. 

5 sich krenken nach dem erwähnten Gebrauch zur Nega- 
tion = weniger werden. 



ÜBER DIE EIGENTHÜMLICHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS 329 

292, 10 das oben erörterte verspiln c. acc. = imglücklich spielen 
mit, wenn die Annahme richtig ist. Sie wird in etwas unterstützt durch: 
P. 307, 27 Keie hat verpf endet: verpfenden steht absolut und kann 
hier nur heißen: Keie hat das Pfand verloren (er setzte ge- 
wissermassen seine Würde bei der Züchtigung Cunnewärens als Pfand 
ein). Sonst aber wird es nur c. acc. construiert = Pfand ein setzen. 
Hier würde sich also die Bedeutung von „ver" ähnlich verändert 
haben wie bei verspiln. 

415, 28 ir hetet iuch gähs gein mir bevih (beviln persdnL 
construiert). 

463, 1 einem etwaz ab erzürnen = durch Zorn abnöthig^i 
cf. 798, 3. 
Endlich herzen = mit Kerzen versehen. 

807, 12 gekerzet 638, 12 hekerzet 
Wir haben nun gesehen, wie und wodurch sich Wolframs Sprache 
im einzelnen Ausdruck sowohl als im Satzbau und den Satzverbin- 
dungen von allen andern abhebt ; wir haben auch versucht, diese Eigen- 
thümlichkeiten auf seinen Charakter, seine ganze Individualität zurück- 
zuführen. Wir haben uns davon überzeugt, was in jedem Urtheile 
über Wolfram hervorgehoben wird, daß der ungewöhnliche Gedanken- 
reichthum des Dichters auch in einer ungewöhnlichen Form Ausdruck 
findet, aber wir haben auch gefunden, daß dies Ungewöhnliche vielfach 
nur Schwäche der Darstellung ist, nur Mangel an Herschaft über 
die Sprache, und damit scheinen wir den in Litteraturgeschichten und 
Aufsätzen sich findenden ungetrübten Lobeserhebungen Wolframs zu 
widersprechen. Dennoch können und wollen wir diese Schwächen nicht 
verwisclien, und wir können sie behaupten, ohne daß der unsterbliche 
Ruhm Wolframs gefährdet würde. Wer freilich für die erhabene Idee 
des Parzival keine Begeisterung empfindet, der wird sich mit Gott- 
fried an diese formalen Schwächen klammem, der wird in den Ana. 
coluthien, in der springenden Darstellung nur den unstäten Mann 
erkennen und diese Meinung durch die scheinbare Verworrenheit des 
Ganzen, die eingeschobenen endlosen Abenteuer Gawans unterstützt 
finden. Wer aber den geradezu protestantischen Geist zu schätzen 
weiß, der im Parzival lebt, jene erst durch die Reformation erkannte 
Wahrheit, daß wir nur durch den Zweifel hindurch zu geläuterten 
Begriffen, zu lebensvollem Glauben gelangen, wer da versteht, wie 
dem entsprechend auch alle einzelnen sittlichen Begriffe Wolframs un- 
endlich über die seiner Zeitgenossen erhaben sein mußten, so vor 
Allem die Kern - und Stichwörter der sittlichen Welt dvÄ \^j>X\.^'ö^'^^^ 



330 G. BÖTTICHER 

die minney die triuwe, der zwwel, die staete, welchen sein tief religiöses 
Oemüth eine ganz eigenthümlich tiefe ^ den Anschauungen seiner Zeit 
direct zuwiderlaufende Bedeutung gab*), der erkennt auch, wie alle 
Charaktere im Parzival geschaffen sind, um jene sittlichen Begriffe, 
die wie Marksteine im Eingang hervorgehoben sind, in ihrem wahren 
Werthe darzustellen, der findet also das rechte Correctiv, der läßt 
sich auch jenen Mangel an schöner Form gern gefallen und wird von 
Inconsequenzen, von Verworrenheit im Denken und Empfinden des 
Dichters nicht reden. So können wir denn hier unsere Betrachtungen, 
ohne in den Verdacht zu kommen, Wolframs Ruhm schmälern zu wollen, 
schließen, indem wir in einem Rückblicke die einzelnen Momente zu 
einem Gesammtbilde zusammenfassen. 

Resultat ist, daÜ die Eigenthümlichkeiten der Sprache Wolframs 
auf die beiden Momente zurtlckzuftihren sind, welche überhaupt die 
Persönlichkeit eines Menschen bestimmen: auf die äusseren (zutelligen) 
Verhältnisse, unter denen er geboren und erzogen war, unter denen 
er später lebte, und auf seine angebornen intellectuellen und mora- 
lischen Anlagen. In ersterer Beziehung sahen wir einerseits seine 
fränkisch-baierische Nationalität wirksam in den vielen apo- 
copierten und syncopierten Formen, sowie in einigen speciell baieriscb- 
österreichischen Wörtern, andererseits sein Leben in Thüringen 
in der Einmischung niederdeutscher Formen und Wörter. In seiner 
Heimat femer hatte er von Jugend auf die deutschenHeldenlieder 
kennen und lieben gelernt; an ihnen hatte er also seine dichterische 
Kraft genährt und ihre Darstellungs- und Anschauungsweise, ja auch 
viele ihrer Eigenheiten im Ausdruck waren ihm daher geläufig. Unter 
diesem Gesichtspunkte also ist der originelle Gebrauch der speci fisch 
volksepischen Ausdrücke fUr Krieg- und Ritterwesen zu be- 



*) Ventand sie doch Qottfiried so wenig, daß er ihm nur soznrufen wußte: ^ytu- 
daere wilder maere, der maere wildenaere** 1 und gegen Uartmann, dessen Heldin sich 
fast an der Bahre des todten Gatten wieder in Iwein verliebte, geht die tadelnde 
Bemerkung: 

P. 496, 8 ff. man mac noch dicke schonwen 
fronn Langten riten zno 
etslichem rate gar se fnio. 
N&her hierauf einzugehen, würde hier su weit fuhren, obwohl die veredelte Be- 
deutung dieser Begriffe mit su den Eigenthümlichkeiten der Wolframschen Sprache 
gehört. Ich verweise auf die trefflichen Parzival Studien von San Marte Bd. III. und 
man beachte besonders das IX. Buch (Parz, bei Trevrizent) sowie alles auf da« 
zarte Verhältuiss Parzivals und Condwiramurs bezügliche und einzelne Partieen wie 
P. 532, 1 ff , den Eingang des Wh. und Wh. 307—310. 



ÜBER DIE EIGENTHÜMUCHKEITEN DER SPRACHE WOLFRAMS. 331 

trachten^ unter ihm auch gewisse volksepische Formeln, Wen- 
dungeU; Structuren. 

Da diese nun meist mit Ungenauigkeiten, ja Verstössen gegen 
die Grammatik zusammenhiengen, so fUhrte uns dies weiter auf die 
Abweichungen Wolframs von der Umgangssprache^ welche als Folgen 
seiner Unkenntniss der Schrift, seines Mangels an littera- 
rischer Bildung und grammatischer Ü bu n g zu betrachten sind: 
Vermengung der Numeri und Modi, Anacoluthien, ellip- 
tische Redeweisen, störende Kürzungen im Ausdruck. Zum 
Theil befand er sich hier noch immer auf dem Boden des Volksepos, 
insofern auch dieses Dichter von populärer Redeweise voraussetzt. 
Zum Theil aber erwuchsen diese auffallenden Unregelmässigkeiten 
auch rein aus seiner eigenartigen Disposition: die Lebhaf- 
tigkeit seines Geistes, die Fülle von Gedanken und Vorstellungen, 
welche ihm derselbe jederzeit zuführte, waren wohl die Hauptursachen 
der Anacoluthien, der Anticipation, des Überspringens von einem Ge- 
danken zum andern, wodurch die Constructionen zerstört wurden. 
Dazu kam nun der gewaltige Schwung seiner Phantasie, die 
Tiefe des Gemüthes und die Lebhaftigkeit der Empfindung, 
welche seine Sprache in völlig eigenthümliöher Weise beeinflußten. 
Wie er selber alles sinnlich in den lebensvollsten Bildern 
sah, so wollte er es auch darstellen, so strebte er „auch das geistigste 
mit Tönen zu verwandeln in ein Bild". 

Daher rührten also die ausserordentlich vielen und oft sehr 
ungewöhnlichen Umschreibungen, die Personification von 
Abstracten, die üppige mannichfaltige metaphorische Rede- 
weise, der Reichthum seiner Bilder. Eigenartig empfindend 
und eigenartig vorstellend sucht er auch, wie das schon hier bemerkt 
werden konnte, nach eigenartiger Ausdrucksweise überhaupt. 
Die geläufige — so will es scheinen — genügt nicht für das, was 
er sagen will, faßt den Inhalt seines Gedankens nicht: er sucht also 
etwas besonderes. Daher die eigenthümliche Bildung der Negation 
durch Metaphern, ihre Verwendung zur Verstärkung des Ausdruckes, 
daher die gesuchten Bilder, die oft seltsamen Umschreibungen 
des einfachen Ausdruckes, die eigenen Wortbildungen, ja dieses 
Haschen nach dem Ungewöhnlichen wurde zur Schwäche in den bei 
ihm ganz gewöhnlichen formelhaften Ausdrucksweisen mit „6e- 
kantj kunt, zUj site^ etc. 

Das ist fast alles extrem und Extreme sind überhaupt für ihn 
im hohen Grade charakteristisch : auf der eiwcu S«\\ä ^Vs\vx\. '^kö. ^"«ixsÄ. 



332 A. HOLDER 

coloBsale Phantasie so leicht zu Abschweifungen, daß er oft genug 
den stürmenden Gedanken unterliegt und fUr Augenblicke vom Faden 
abspringt y dadurch aber zu vielen Undeutlichkeiten kommt, auf der 
andern sucht er wieder ein Remedium gegen die Breite, zu welcher 
ihn die Phantasie hinzureissen droht, in einer allzu gedrängten Kürze 
des Ausdruckes, so daß er auch dadurch oft undeutlich wird. — 

Viel Licht also und viel Schatten! Ja im Einzelnen der Darstel- 
lung mehr Schatten als Licht! Der Mangel eines einigermaßen glatten 
Stils muß uns unangenehm berühren. Dennoch versöhnen wir uns 
mit diesen formalen Schwächen des Dichters wegen der originellen 
Kraft, welche in seiner ganzen Weise liegt, wegen der Tiefe der Em- 
pfindung, die er uns in so merkwürdigem Gewände bietet; vielleicht 
lieben wir ihn gerade deshalb, weil er es uns so schwer macht, ihn zu 
verstehen! Haben wir doch auch den durch nichts gestörten Genuß, 
des Dichters Herz und Gcmüth in der Darstellung der triwe und 
minne, der stcete und des zwivels kennen zu lernen, welchen wir durch 
den ganzen Parzival hindurch mit immer neuem Interesse begegnen! 



DIE ALTHOCHDEUTSCHEN GLOSSEN ZUM 
EVANGELIUM LUCAE AUS ST. PAUL. 



Das Bruchstück der Uncialhandschrift, aus welchem im Jahr 1843 
von Hofimann von Fallersleben in Haupt's Zeitschrift für deutsches 
Alterthum HI, S. 460 — 467 die althochdeutschen Glossen zum ersten 
Male veröfieotlicht worden sind, habe ich im Herbste voriges Jahres 
in der Benedictiner-Abtei St Paul in Kärnten von neuem abgeschrieben. 
Es sind zwei zusammenhängende, 0251" hohe, 0*204" breite zweispal- 
tige Pergamentblätter zu 32 Zeilen und enthalten in Uncialschrift aus 
dem Beginn des siebenten Jahrhunderts Evangelium Lucae 1, 64 — 2, 51. 
Der Text ist im achten Jahrhundert durchcorrigiert, und von desselben 
Correctors Hand stammen die deutschen Glossen. 

Während Hoffmann sich darauf beschränkt hat, die Glossen mit 
ihren Lemmatis auszuziehen, gebe ich im Nachstehenden den Inhalt 
des Bruchstückes vollständig wieder; nur ist Uncialschrift in Gurren t um- 
gesetzt, die lateinischen Correcturen cursiv gedruckt und die meist nach 
Hoffmanns Vorgang vollzogenen Ergänzungen eingeklammert und unter 
den Text verwiesen. 



DIE ALTHOCHDEUTSCHEN GLOSSEN ZUM ETVANGELIÜM LUCAE. 333 

Diese beiden Blätter, als 1 und 2 foliiert, sind dem aus St. Blasien 
stammenden 0*248" hohen und 0*217™ breiten üncialcodex XXV. a. 1 
vorgebunden, welcher in 21 Lagen auf Bl. 3—155 zu 21 Zeilen zwei- 
spaltig des heil. Ambrosius Bücher de iide catholica enthält und von 
Herrn Regierungsrath Prof. Dr. Karl Schenkl in Wien für seine kri- 
tische Ausgabe des genannten Kirchenvaters verglichen worden ist 

Dr. ALFRED HOLDER. 

iprah ////////// c ntptr aber 

(1, 64) et loquebatur benediens dm | (65) et factus est timor in om 

tan. rdh firaht« foraht« 
tuper ber emnia alle alle 

I nes uicinus eorum et in | uniuersa montana iudse^e | diffamabantur 

alle kepunm. Iro alle alle, peragara. pergara dra. a. ulgo^mtur kemarit ran 

haec uer | ba omnia (66) et posuerunt om md audierant \ in corde suo 

deiau t lin saaton alle, aea hör *ton* ain iro. 

puta» ttinim 

dicentes quid | igitur erit puer iste nam | (et ausradiert) manus dni 

cbu danti uuas uuanis. iaC chisd dese eo t nes 

trat 

cum illo I (67) Et zacbarias pater eins | impletus est spu sco et | 6 

t imu ner er al ter a tarne aaihemo (o aas o) 

profetabat dicens -f | (68) Benedictus di israhel | quia uisetauit et 

uaixagota k. n. ter ta ta 

feci(t) reden | tionem populo suo (69) et ere | xit comum salutis no | 

ta urlosida ene ma. 

bis in domo dauid pueri | sui (70) sicut locutus est per | os sanctorü 
profetarü | suorum qui ab aeo sunt | (71) et liberauit nus ab inimi | 

d flaa imu 

eis nostris et de manu om | nium odientium nos | (72) ad facienda roise- 10 
ricor | diam cum patribus nos | tris et memorari testa | menti sc! sui. (73 

k ho kit. oaesan hun. e oaa 

Jus iuran | dum quod iurauit ad | abraham patrem nostrü | daturum se 

rehtan eid ar k tan 

nobis (74) ut sine | temore de mano inimico | rü liberati. seruiamus || 
(Sp. 2) ei (75) in sanctitate et iustiti(a) | corä ipso omnibus dieb(us) | 
nostris. (76) et tu puer p(ro) | feta altissimi uocabe(ri8) ] pr'eibis enim 16 

r racas 

ante facie(m) | dni parare uias eius (77) a(d) j dandä scientiä 8aluti(s) | 

B banne aolstnam 

plebi suae. in remis8i(o) | nem peccatorum eoru(m) | (78) per uiscera 

in antlas ruh Innodl 

misericord(i) | ae df nostri in quibus u(i) j sitauit nos oriens ex (al) 



af ehuaeao 
nf chamfl 



to. (79) inluminare eis qui (in) | tenebris et umbra m(or) | tis sedent ad 



betuo li 



sene 



l (ke)tan (uua)rdh 2 (a)ber d(e)ra (uua)nin 3 (üuor)t (al)liu (her)am 

4 chu(e)danti (han)t (tnihti)ne8 6 (mi)t (8i)ner er(u)iilter 6 k(i)u(uihi)ter 

(uuan)ta (uuiso)ta 7 (te)ta (fol)che (8iDe)mu 9 d(ea) f(o)na 11 k(e)hQkit 
(iiui)bun s 12 (8ou)ar k(eban)tan 16 f(o)racas 16 z(i) (ke)baime 17 (da)rah 
18 f(oDa) 19 (bo)hemo (in)U(abten) sca(a)en 



334 A. HOLDER 

dirigen(do8) | pedesnostro8inaiäpa(cis) | (80) Puerautemcrescebate(t) | 
conroborabatur spu | et erat in desertiB U8qu(e) | in diem ostensiones 

kestareUt «ums kestr«nglt nuss in Bniattim Id no» c ni« kMuigid» 

Bv(ae) I ad israhel | (2, 1) (roth) Factum est autem iND(ie) | bus illis 

de$crihtrttur untrer tu» orkia 

exiit edictum | a caesare a^sto nt pr(o) | fiterentur censom om | nes 

na k««JM kednnül f khaUvre emuMiakewi aUia mablaiiTfl 

dtteriptim 

6 per iirbe teirae | (2) haec professio prim(a) | facta est praeside syri(ae) 

dese kescrip erUt nnortana« fona demn forak«»» dra air 

cyrino nomine (3) et iba(nt) | omnes ut profeteren(tur) | unus quisque 

keang« le daa aia fearia mi«ii«i«if 

in suam (ci) | uitatem (4) ascendit io8e(ph) || 

in iro vfHaie 

(Bl. 1^. Sp. 1.) (a) galilaea de ciuitate | nazareth in iudaeam in | 

diu iat 

(c)iuitate dauid que uoca | (t)ur bethlem eo quod e88it | (d)e domo et 

me daaides pidiu das noas knse 

10 patria dauid | (5) (n)t profeteretur cum maria | (8)punsa 8ua prin- 

fmmulia hiniiiske er fWaii t va (d«f p)cafafa kamahaltcra «iM iaan 

uTüre. ehaaa nun pregnant* 

gnata I (6) (f)actum e8t autem dum ibi | (e)8sent impleti sunt dies | (Q)t 

tnaaBfrrara taa kenoisso deane. dar. a mn eraolt« ma (a 

snnaagrara 

pareret(7)etpeperitfiliü "•-. »~ | (p)rimogenitumetpanni8 | (e)um conuoluit 

pari par ekindh rist pora nax laehanum nan .m piaaaat 

et posuit I (e)um in praesepium quia | (n)on erat locus in eo diuer | 

rtcUnauit kesasta nan. in pamin. paminlnchripian ta noas ei inn «tat im in eaat kos« 

• • • • • 

(8)urio. (8) " pastores autem | (er)ant in illa regione uigi | (l)ante8 et 

te rm in Isntscaü eade dera salbon keat« 

•' 

15 custodientes | (u)igilias noctes suae su | (p)ra gregem suum | (9) (et) 

haltant« ahta dra aakt cbor tar iro 

nes dei 

ecce angelus düi stetit (ci)rca illos et claritas cir | (c)umiul8it illos 

ian fÜ nes etaant (iH)sla pi. ioi. parhti perehti dt cotes celn 'sie. 

et timue | (r)unt timore re magno | (10) (et) dixit illis angelus noii | 

Ibroh (S. o ans n) toa forahtvn mlehiUe m dk. isi. gU aickirit 

(t)e timere ecce enim | (n)untio uobis gaudium | magnü quod erit omne | 

IViraktan ian eurnttfelim» saat spelloa. mendi oiiekila das ist •oconaeliehema 

L a. 

(p)opulo (11) quia natus est uo | (bi)s hodie conseruator | (s)alutes qui 

che das keporaner L a binta nIttmtT heOaat . . . . (t) r 



e 



20 est xps dni tEi | (in) ciuitate dauid que di | (ci)tur bethe (12) et hoc 

nniher rild daa isi 



seiehaa in (aaaradiert) et kesa ata« psimw ladbaaa maslate ptaaataaaa 

findat Ir 

uobis II (Sp.2.) Signum inuenietes | infantem positum in | praesepio ///// j 

L a. ehiadb in paraia. 



1 (rih)t&n (an)has 2 in nna-stlm) (ta)c 8m)ara 4 f(ona) 5 forakesa(ztin) 
d(e)ra 8ir(ia) 6 keangn(n) (Hl)le 9 (bü)nic 10 (mi)t (mari)un 11 (ke)tan (im)Änin 
(aaa)ran (ta)ga 12 (e)ri8t (i)nan 13 (i)nan (aiiaD)ta 14 (hir)te (oaa)nm 
(nnah)bente 15 (au)ahta d(e)ra 16 (an)gil (trahti)ne8 (8)ceiii 17 forohton 
(chna)db (aD)gil 18 iu 19 (fol)che in (de)r 20 (trab)tii] (pu)riki 21 in 



DIE ALTHOCHDEUTSCHEN GLOSSEN ZUM EVANGELIUM LUCAE. 335 

eu angeto mit »ngele 

(13) Et subito facta est multi | tudo exercitus /// Caeles | tes laudantium 

ehahmi cahua tan naardh suMkl mititig heri. dim hinOhki lobont«ro 

hei ti " der» ehamf 

dm et di | centium (14) gloria in altissi | mis dö et in terra pax ho | 

tan tero da tsftUia in haham ta du fHdo Mda 

minibus bone uoluntates | (15) Factum est aute ut disces | serunt ab 

nom da eaatln avillin 

Itquebantur 

eis angeli in | caelo pastores illi dixe | runt ad inuice^ transea | mus 

te «praehan nntar. im. far«mei 

usque in bethelm | et uedeamus de hoc uerbo « | quod factum est sicut 6 

il In bedhlem kaaehamaa . . . (S) das anoxt daa tan iat 

quod das I ^g ostendit nobi' (16) et ue I nerunt festinantes | et inuenerunt 

ka aae ta ona ehunamon illanta ftuttin 

mariä | et ioseph. et infantem | positum in praesepio (17) et | co- 

an chlndh keaaataa inparain 

uidentu au kaaeanta 

gnouerunt de uerbo | quod dictum est ilHs de | poero hoc (18) et 

keiehant«. er ton pi aa<«t« plnnorta das ka ehnaatan naaa im rona cUnda dama 

omnes qui | audierunt mirati sunt | de his que dicta erant | a pastoribus 

le a kahorton er nuntro ta nuann idai aei kechnnetaa nnanm tum blrtam 

uerba anort 

ad ipsos I (19) Maria autem conseruabat | omnia haec conferens | in 10 

-se* im. kahealt lin daian. abano katraganti abanoka 

tra gan ti 

corde suo (20) et reuersi sunt | pastores laudantes et mag | nificantes 

sin In aaaipaata. raa Idrta glorißtanUt. mamanta tmuäanu$ 

lobonta 

din in omnib. || 

Un la» 

dai kahorton keiahnn dietu t ebnaetan ad iUoi saim. 

(B1.2'.)quaeaudierantet uide | rant sicut dns ostendit | illis (21)4-1 

poitqua eontumoti < ... (9) 

Et cum impleti | sunt dies -VIII- ut circü | cideretur puer uocatü | est 

, :r ... ffa 

////aft din. kaentaota ma bato Um das. nmbi aaitan miari. cliind. kanamit nnaa. 

tn utero 



noroen eins ihs quod | uocatum est ab'iangelo | priumquam concepere I 15 

mo. slaer das la er danna. m Innoda. est fknran. aaari 



poMtqua amnlte mn 

tur 



in utero | (22) Et cum impleti sunt dies | purifecationes eius se | 

(9) .*..(>) ga dera raini daas Ire reinidaaai. aiaara 

tuUntnt ut »i$tertnt itim 

cundum legem mosi in | duxerunt cum in hierus ♦•• | olyraä ä^*'d sta- 



inu 



tuendum | dfio (23) sicut scriptum est | in lege dni quia omne | masculum 

sazti^n sastln. no ban Iat ean nas daa aocannali eoman cbant. 

tnan ebas chnnt. 



1 (ke)tan d(e)ra 2 (co)taii (chuedan)tero (tiari)da (co)te (er)da 8 (man)- 
nnm d(e)8 4 (hir)te 6 (un)« (ke)tan 7 (mari)nn 8 er(chan)ton 9 (al)le 
(de)a (ump)i dci f(o)na 10 (al)liu 11 (her)zm (uua)nin 12 (co)tan (al)lem 
U (aua)run (ta)ga 15 (na)mo (uaa)s f(ona) (ange)le 16 (aaa)nm (ta)ga 

17 (af)ter d(e)8 18 (trahjijne (ke«cri)ban (trahti)ne« 



336 A. HOLDER 

ad etliam 

aperiens uul j uam sein dno uocabitur | (24) et ut darent sacrificiü 

Uitaaati. ouAmba naihas. ne keneminit i«t das ka bio aebar. sebar. 

noibaa. 

seundum quod dictum | est in le^e dsi par tur | tnrum et duos pullos j 

ter das chauetan ••* ean suaci kene- aanei. langt hnanin emii 

•tidio. tarturono 



tabono. inn h»mto. u . . . . (S) 

columbarum | (25) Et ecce erat homo in hierus | alem cui nomen erat | 

denia mo 



o ans a 
iitt deser timtratun. forehtalar 

n 



sjmeon. et homo hie | iustus et religiosus ex | pectans consolatione | 

ter W peitonti . troat 

in ro et (f) 

6 israhel et sps sei erat | cum ipso (26) respunsum | autem acceperat 

!«■ atvm her mit. ima. .aot. irartf entfeane 

ddh nüi uaaa. er 'keaah I : 

ab spu I SCO non uisurum se || (Sp.2.)morte priusquam uide | rit ;|^pm dfii. 

h 
Iba atme hem«. lea. keaehaa. aih. . . . . Cl) haa tro nes- 

tl 

^ . 

(27) Et uenit in j spu in templo et cum in(du) | cerint parentis pueri | 

chooam /f/h inatame iahuse. ne. in. lei 

(a aaigewiaekt) 

fmrenUa eiu$ catalinga fordmn aldo 

ihm ut facirent 8ecund(um) | consuetudinem legis | pro eo (28) et ipse 

heHant ^s tatin te keaooneheiti. dr«. eaua. fora. ima. er 

pL inan. 

ulnaa 

accipit cum | in manus suas et bened(i) | xit dm et dixit | (29) Nunc 

entfeane inan In «'lin pogon in elin pogan aaihta tan *dh. nn 

sino. 

10 dimitte seruü tu(um) | dne secundum uerbum | tuum in pace (30) quia 

fariaa o T t na> dla ta 



per 

uid(e) I runt oculi mei salutar(e) | tuum (31) quod parasti ant(e) ] faciem 

keaa gan nin daa heil din s kekaratos fra a sinne 



Hd se 



omnium popul(o) | rum (32) lumen in reuelat(i) | one gentium et glo- 

lero 11 at lebot se. ant. ribidn deotono 

da pUbi$ Uli (lue anaiadlert) ftir • ■ (>) *< HMn'a . . (S) 

ria(m) | populi tui. israhel. | (33) Et erat ioseph. et mater | .eius 

da c . te 

mirantes super ei(8) | que dicebantur de eo | (34) benedixit eos sy- 

troatiu ber doi dei keehntan. mn. f imn. nulh. ta. sL n. 

15 meon | et dixit ad mariam matrem | eius ecce hie positus e^t | in ruinä 

dli se tia m keaaster ist In. aal. 

et in resurrict(io) | nem multorum in isr(ahel) | et in signum cui contr(a) | 

ur riat n gero Inseicbaa demn anidar tan 



1 (tnihti)ne 2 (af)ter (uuä)8 3 (inÄ)n (nÄ)mo 4 (ma)n (reh)ter 

6 (i8rahe)le8 (üui)her 6 f(o)na {uui)hemu (nal)le8 d(o)dh (üui)han 7 (den)ne 
inlei(ttiin) 8 (da)z ford(o)run (af)te(r) d(e)ra 9 (co)tan (chuua)dh 

10 (8cal)c (af)ter (uuor)t (di)naz (fri)dm (uuan)U 11 keaalhun) (ou)guii 

(mi)nia (da)z f(o)ra a(na) 12 (al)lero liut(eo) 13 (tiuri)da d(e)8 (fol)che8 
(di)ne8 (mua)te(r; 14 (üun)trontiu (u)ber kechu(e)tHn (uua)run f(ona) iiiiih(i)ta 
J5 ^cl)oa)dh (inari)an (8ine)ni 16 (mana)gero (chiie)tan 



DIE ALTHOCHDEUTSCHEN GLOSSEN ZUM EVANGELIUM LUCAE. 337 
dicitur (35) et tuam ipsius | animam pertransiet (gla) | dlus ut reuelentur 

ist. dlnna lelbes «el» mh farit niMfiui An. «atrinffta. 

e(x) I multis cordibus cogetatione. || 

entriher er manafem henom ke ch* 

• noisa gs. «a .thoter f ehunne. m 

(Bl. 2^.) (36) et erat anna profetis filia | fanuel de tribu aser haec | 

lei dl»n 

iuo Ira. f 

terat €t 

processa in diebus mul | tis quae uixerat cum. ui | ro annis. VIL a 

framgeanc gtua managom lebata t mane. 

na ma^btheltl m ad ^^ 

uirginita | (t)e sua (37) e(t) haec uidua anno' | (r)um. LXXXIIII. oe 6 

...(>) ira. dUa uoltuna uns!, le larum. hahto ao. feoriu dla 

h$icra 

non disce | (d)ebat de templo ieiuni's | (e)t orationibus semiens | 

nikeleid f hu«e tom pi snoar tim pl innartiin. deo nonti 

ac hora utnitm 

noete et die (38) et haec ipsa | astans confitebatur düo | (e)t loque- 

. . (S) di«u r 

kea enti nahtet dra selbnn uoila- chnaemantl. iah ne. ipaah 

qui dea peito ton bant irlosida 

batur de (e)o omni 1 (b)u8 exspectantibus re | demptione hierusalem | 

(«) 

■o mh tatnn IIa 

(39) (et) ut perfecerunt omnia | (8)ecundum legem dni"" | (r)euer8i sunt 

t enu. 

rpante. mn. onaa 

in galilaeä | (i)n ciuitate suä nazareth | (40) (p)uer autem crescebat | (e)t 10 

mc sina 

fortabatur plentu lapientia foller «pahida 

conruborabatur et im | (p)lebatur sapientia et j (g)ratia di erat in eo | 

(«) atarchit .... (2) . . . . (i) (S) ernst//'/ t«s *■• cum illo Imu. 



oua« 



(41) (et; ibant parentes eins j (q)uod quod annis in hierus | (a)lera ad 

ne iier -s* iht lant nun neo 

dicm festü paschse | (42) (e)t cum factus essit anno | (r)um -XII. 

iUi» contumititq ; JM ; 

ascendentibus | (e)i8 secundum consuitudi | ne diei fe8ti(43)et perfecien | 

in hieroiolima nf stigantem t keanonaheltl di. tagin. enti keentotem tagam 

uuarpton (ansgewiacht) i 

(t)ibu8 dies in eo cum redi | (r)ent remansit ibs puer ihs \ (i)n heru- 15 

(2) ne nuarpton. pileip eneneht cheneht 

n 
cataling«. »iBe es nan, ante 

salem et non || (Sp. 2.) cognouerimt parentes | eius (44) aestimantes 

ni er chan ton 

•Mm «" GIc» : iter) . . (f) 

autem | cum esse in comitatu | uenerunt diei. iter et re | quirebant eum 

nan tan Inkeiinde ngeainde man. aindh. de tages soahton nan 



inter | cognatus et notus et | non inuenientes reuer | si sunt in hieru- 

nntarkelangem. kelange. chundem -ni* Andante. uoarpante. mn 



1 (du)ruh 2 lies: co^etationes ke(dan)cha 3 (aua)s (faniie)le8 f(ona) 
(a.se)re8 4 (ta)guni (mi)t 4. 5 f(o)na 6 f(ona) (fas)tom 7 (tajkes d(e)ra 

(truhti)ne 9 (du)ruh (al)liu (aOter (tnibti)ne8 10 (aua)rpaDte (uua)run 

(bu)ruc 11 (ke)8tarchit (co)te8 (uua)8 13 (den)ne (keta)ner (uua)8 (hei)lant 
(ia)nim (Xll)ueo 14 (af)ter (tal)di 15 (den)ne IT (i)nan (uue)8an ^i;n- 

kesinde (chuua)mun d(e)8 (i)nnn 18 (uiia)run 

«iKRMANIA. Neue Ueibc IX. (XÜI. Jahrij.) "!">. 



338 A. JEITTELES 

triämum ■ • (t) 

salem | requirentes eum | (46) -f~ £t factam est post dies | tres inuenenmt 

Miar BOA ck«Bt« nan tan. afCar. drim tagui Ikat— 

eom I in templo sedentem in | medio magistromm | audientem et in- 

ttan ha«« sisaBtaa laaieto loda .^ .- . 



fracentaa. . . . (f ) «r draoaaiaa fw tum hmmt (ß) 

terogan | tem eos (47) stopebant | antem omnes audientes | eom et 

le d«a inaa kchorUm 

obar cati aataarlim. «if aiaaai 



. . (1) (•) 



super pradentiä | et respnnsa eius (48) et niden j tes eam obstepaenmt | 

«liBnida keMlaeata . . . , (§) 

5 et dixit ad eom mater eins | fili quid fecisti nobis sie | ecee enim 

a. md OhT aia ^lad. aaaa tott 



pmt tmuM tar. diaar •araaaatla.aaahto maa b att . . dh • . aa 

. . (t> . . (f) 

propinqui toi | et ego dolentes qnereba | mus te. (49) Et dixit ad 

Ist 

tot. Im aaaa m( f i to « U«mti» ^mU aw daa. itfh al aafao. toft . ir . . eUtU daa <a *w ia « (S) 

■aaktol dem q; dea 

eos I quid ntique qaaerebatis | me nescitis qoia in patris | mei domü 

. • (1) d> Cfttaia aas alat 

..... (1) 

oportet me es | se (50) et ipsi non intellexe | ront aerbom quod locn | 



katrakJt k aaa ale ai Ar staaataa. L 

•d in»t. t im 

tus est eis. | (51) Et discendit cum eis et ae | nit nazareth. et erat 

•. Jm. aidar stak dh 



MITTHEILUNGEN AUS GRAZER HAND- 
SCHRIFTEN. 



4. Ein deutscher Cisiojanus. 

Um die Veröffentlichong des unter dem Namen Qsiojwus be- 
kannten, im 14. und 15. Jahrhundert sowohl in lateinischer als deut- 
scher Sprache häufigen ßeimkalenders. haben sich verschiedene Ge- 
lehrte , insbesondere aber Franz Pfeiffer durch seine darauf bezdglichen 
Beiträge in Naumanns Serapeum, Jg. 1848, S. 36—40, Jg. 1853, 
S. 145—156, 173 — 176, H. Grotefend in dem Anzeiger far Kunde 
der deutschen Vorzeil, Bd. 17, Sp. 279—284, 301—311 und Friedr. 
Latendorf eben daselbst, Bd. 18, Sp. 65-69, 135—138,206—207 
verdient gemacht. In neuester Zeit hat A. Reifferscheid in Wagners Ar- 

1 (i)tian (ke)Un 2 (i)naii 3 (al)le 4 (aiiA)nm 6 (chaiia)d 8(i) 

(8i)oia 6 (fa)ter (di)h (chn(ui}dh 7 d(e)8 (mi)ne0 8 (mi)b (uue)san (aaor)t 
9 (iina)8 (ini)t 



MITTHEILUNGEN AUS QRAZER HANDSCHRIFTEN. 339 

chiv fUr die Geschichte deutscher Sprache und Dichtung I, 507 --510 
einen von den bisher veröffentlichten Bearbeitungen völlig abwei- 
chenden niedeirheinischen Cisiojanus mitgetheilt. 

Was nun spociell den deutschen Cisiojanus anlangt, welcher dem 
lateinischen keineswegs sklavisch nachgebildet, sondern ein eigenartiges 
Erzeugniss des Volksgeistes ist, so war es bei der Reichhaltigkeit der 
handschriftlichen Quellen von Werth, daß Pfeiffer (Serapeum, Jg. 1853, 
S. 145—149) es unternahm die verschiedenen bis dahin bekannten und 
zugänglichen Bearbeitungen zu classificieren. 

Weniger geschah flLr die Textherstellung und Erläuterung dieses 
an und für sich barocken und überdieß in meist verwahrloster Form 
auf uns gekommenen, jedoch für die Charakteristik des Volkswitzes 
nicht ganz bedeutungslosen Denkmals. Wie verworren und dem An- 
scheine nach unentwirrbar ist nicht z. B. vielfach der Text des im 
'Frankfurtischen Archiv filr ältere deutsche Litteratur und Geschichte' 
ligg« von Fichard, Th. III, S. 212—215 mitgetheilten oder der in 
Beda Webers Ausgabe des Oswald von Wolkenstein enthaltenen Ci- 
siojanus. 

Auf die erwähnten beiden Momente habe ich es bei untenstehender 
Mittheilung zweier in der k. k. Universitätsbibliothek zu Oraz in den 
Miscellan-Handschriften Nr. 40/11 in 8* und 34/42 in 4» befindlichen 
Überlieferungen vornehmlich abgesehen. Leider haben ein par Stellen 
trotz der angestrengtesten BemtÜiung theils der rhythmischen Ordnimg, 
theils der Aufhellung des Sinnes widerstrebt. 

Unsere Texte gehören der von Pfeiffer a. a O. unter Nr. 6 ver- 
zeichneten Gruppe an, von welcher ausser dem in Fichards frank- 
furtischem Archiv (Jg. 1815) aus einer Frankfurter Handschrift ge- 
machten Abdruck und den in Denis Codices mss. theol. bibliothecae 
palat. Vindobonensis I, 3168 citierten Anfangsversen eine weitere Ver-^ 
öffentlichung meines Wissens mangelt. Ich lege den Codex 40/11, 
den ich mit A bezeichne, zu Orunde und theile die wichtigeren und 
charakteristischen Varianten aus 34/42, in den Anmerkimgen mit B 
bezeichnet, mit Ausserdem habe ich ftlr die Herausgabe den größten- 
theils übereinstimmenden Text der Wiener Handschrift Nr. 4494*) (Hoff- 



*) In demselben Codex steht auf Blatt 62 folgender *Tmnas vulgaris' (vgl. 
Hoffmanns Kirchenlied 8. 280. Wackemagel 2, 430). 

1. Von anegeng der snnne kchlar 
bis an ein eod der weide gar 
wir loben den fÜrsten Jhesum Crist, 
der von der maid geporen ist. 



340 A. JEITTELES 

mann Nr. 82; von mir W genannt) und den Abdruck bei Fichard 
[F) zur Vergleichung herangezogen. 

Die zu besserer Übersieht angebrachten Monatsbezeichnungen 
stehen in B und F, wogegen sie in A imd W fehlen. Nur ausnahms- 
weise, insbesondere dort, wo A offenbare Verderbniss zeigt, habe ich 
die Lesarten der beiden anderen Handschriften in den Text aufge- 
nommen. In allen drei Handschriften sind die Verszeilen unabgesetzt, 
wodurch die Abtheilung der Strophen unsicher wird. Die in Fichards 



2. Ein merer aUer weide prait, 

der legt an sich der chnechte kchlaid; 
er nam an sich menschleiche wat, 
das nicht verdarb sein hantgetat. 

8. Ein slos, der kchewschen hercsen schrein, 
dar kcham des heiligen geistes schein, 
das sj enphieng ein kchindelein, 
das tmeg yerhollen dj maget rain. 

4. Ein haus der schäm irs leibes vein 
das sol ein tempel gottes sein, 

den nye vmbrüert kchains mannes art: 
von aiuem wart sj swanger ward. 

5. Damach gepar sy in vil schier; 
her Oabriel das kchündat ir, 
ynd Johannes das kchindelein 
erkchannt in in der mneter sein. 

6. Da auf ein hew ward er gelait 

ynd in ein kchripp dj was nicht prait; 

das schewchat nicht das kchindelein kchlein: 

[mit] milich') speist es dj mneter sein. 

7. Sich frewt der kchor von hymelreich 
ynd singent engel allgeleich, 

den hirten^ es gekchttndet ward, 
der hirten') schepher yon hacher art. 

8. Dem höchsten got sej lob gesait, 

dar sae dem kchind ynd auch der maid 
ynd des heiligen geystes kchra£ft 
yoD weld zu weld an ende gar. Amen. 
*) mit fehlt ; vgl. den Text hei Wackemagel und Hoffmann. *) und ') hierten. 
Auf den deutschen Cisiojanus dieser Handschrift, der auf Blatt 95^ und 96* 
steht, folgt auf Blatt 98*" ein lateinischer, der mit dem yon Pfeiffer a. a. O. (1848), 
S, 88 bekannt gemachten großentheils übereinstimmt. 



MITTHEILUNGEN AUS GRAZER HANDSCHRIFTEN 341 

Archiv versuchte Fixierung der letzteren auf je 7 Zeilen hat sich als 
unhaltbar herausgestellt, indem der ersten Strophe wahrscheinlich 8, 
der neunten Strophe jedenfalls nur 6 Verse den darin vorhandenen 
Reimworten zufolge angehören. 

Januanus. 

Besniten ist daz chind; 
drei chunik sagten Erharts gesind, — 
der Stern weist si — 
5 wann chimt Marcellus Antonj. 
Prisca, sag Fabian: 
Agnes Vincenzen wil han, 
Paulus Policarpen 
mit ganzen treun sol warten. 

10 Februarius. 

Breid Marein, Blasen sach; 
sand Dorothea sprach; 
rat treuleich^ Scolastica, 
daz sand Valtein la 
15 Juliana sich auf den stul sitzen. 
Petrus und Mathias 
die phlegent grozzer witzen. 

Martins. 

Merz, du haizzest Adrian. 
20 Des phinztags zu päd sagen; 

2 Wesi'hniten B, 3 sagt B. sant F. Erhart F 5 chom Ä. waren kö- 

rnen F, Anton B. Anthonins F, reimend imif sos. 4 — 6 Die beiden Ver»e toären allen- 
falls auch in Mnen Vers zufammenzimehen^ der dann laiUen würde: der stem weist si, 
wann chimt Marcell Anton; durch eine solche ^isammemiekung erhielte die Strophe 
bloß 7 Zeilen und damit eine gleichartige Beschaffenheit mit den meisten übrigen Strophen, 
6 Wriäca sagt B. BrisU TF. 9 wil warten B W F. 11 Preid Ä B. Die heü, 

Brigida, die am 1. Februar verehrt wird, sach F; A B W haben sag. 12 Agatha 

Dorothea W F, 13 nach FF. rat trewleichen Sc. B; rat an Sc. A. 14 daz im 

sand Valtein la A W\ daz ym sand Valentein la B\ daz ym etat Valentin lasz F. 
15 auf dem stul A, J. sach auf dem stul W. Yolian sach uff den steinatnl F, 
Offenbare Anspielung auf Petri Stuhlfeier, die auf den 22, Febr, fällt. 16 nach B 

mul F. Petrum vnd Mathiam A. petrum vnd mathyam Balpnrgen W. 19 haizzt A, 
hayssest B. haizz kunigunden Adrian W. Mertz und Chiinegund Adrian F. • 
20 gen päd B. gen paden W, Wohl eine alte GesutuUieitsregel , daß man in diesen^ 
Monat am Donnerstag ein Bad nehmen soll. 



342 A. JEITTELES 

den lerer Gregorien 
schol man sein vragen; 
Gedräut, gib w^ guet 
Benedict, so wirt wol Maria gemuet; 
5 Ruprecht, lieber ehnecht, nim ver guet. 

Aprilis. 

Abril unsteter schein. 
Ambrosius chan vil latein, 
der leret dich daz, 
10 daz du Tiburcio scholt volgen paz. 
Valerian, sich daz grozz eilend; 
wir furchten Jörgen, Marxen gachen end: 
Vital daz wend. 

Maius. 

15 Philipp daz chreuz ist; 

sand Johannes, 

dem danch sei 

mit ganzen trenn 

der junchfrawen Sophein. 
20 Mai, du pringst uns laub und gras ; snell 

reit Urban auf den grozzen jarmarch gen Petemell. 



1 Gregorion A. Gregoritun TF; in B der Endbuchtiabe tmdeutlieh. Gregorien F, 
2 sol BW, 3 herbeg B; herberg FF; lierberge F. Die heil. Gertrud bietet 

nach dem Volksglauben nicht i'ur den Seelen der VerHorbenen Aufenthalt bei sieh, 9cn- 
dem gewährt auch Lebenden Herberge; ihr Andenken (ihre Minne) trinken Scheidende, 
Bdsmde. Vgl Grtmm, Mgth. 64, 798; Simroek, Mjfth. (8, Aufl.) 358; Zingerle, Johan- 
ninegen und GeHrudenminne 46 ff. 4 Benedicten B W F. 6 hab yergat B W. 

hhhe Yor gatt F. 7 Abrfil A. Abrull W. April BF. 9 lernt A B. lerent W. 

lert F. 10 daz fehlt m B W F. dxi solt dy wnrcsen (I) W. 11 sich nach BF; in A 
durchstrichen, siech W. 12 tu ^ wir durehelrichen , en in fftrchten aueradiert. Jörgen 

W. JOrg A, mit aueradierten en. Worgen marcmn B. Georgen Markos F. gachen vnd A. 
gab ende F. 15 ist fehlt W. Philippu», dee Apoetels, Attribut aiuf Kireherünldem iet der 
KreuzesHah, um ihn aU toandemden Olaubendehrer tu bezeichnen; Mudem folgt am 8. Mai 
da* Fett der Kreuzerfindung. 16 nach B F. sand Johans A. florian gothart Johan W, 
1 7 — 19 Alle 3 H99. dem danch sein, toae keinen Sinn gibt, obige Emendation sei ßir sein, 
die durch die Leeart gedanck sje in F vjillkommene Unteretützung ßndet , eonach toohl 
der einzige Aueweg , will man nicht tra Einklang mit W jonchfraw Scolastica Sophei 
' leeen und Uberdieß danch in danchen ändern. 18 mit pangratxen trewn W. 

19 jonchkfraw Sophej B; jungfraow Sophj F. 21 Bei dieeer Stelle verweiH Ficharde 
Archiv auf dae in Waldaue' Vermischte Deyträgc zur Geech. der Stadt Niimfjerg* (SOm- 



MITTHEILÜNOEN AUS GRAZER HANDSCHRIFTEN. 343 

JuniuB. 

Hilf, getreuer Erasm, auz grozzer annuet; 
wir. danchen Preimen, waz er uns guets tuet; 
Veit sich hebt ain grozzer streit, 
5 gewint Achatz Vriaul ; 
Johannes tauf^ 
Hensel slaf, 
sprach Peter, Paul. 

Julius. 

10 Sich, Process, daz Ukeich 
tail sein hab Kilian geleich; 
dar umb wil Margret 
poten senten 



herg 1787) II, 365 heachriebme * ürhan-ReUen , daa der Hauptsache nach darin he- 
stitnd, daß am ürbans'Tag *em Wein -Ah- und Ewdeger auf einem echlecHen Pferd 
sitzend, einen bunten und um und um mit kleinen runden Spiegelein und Waldgläslein 
behangenen Bock anhabend, durch die Stadt zu aüen Weinschenken und Wirthen ritte, 
den man den Urban nannte. In der That ist ein heiliger Drinm Schutzpatron des Wein- 
baues; nur verwechselt das Volk den am 25, Mai 'wm der Kirche gefeierten Papst 
Urban I. mit jenem Urban, der Bischof von Langres war tmd am 23 Januar verehrt 
wird, S, die Acta SS, von letzterm Tage p. 491* und vgl. Wolfg, MenuXy Christi, Sym- 
bolik II j 649, — Die h, PetroniUa am 31, Mai; nach dieser Beiligen ist der Marktflecken 
Petroneü in Niederösterreich, auf welchen hier Beaug genommen ioird^ genannt, 
2 getrew A. Erasmus einer der 14 Nothhe^fer. 8 Primo B, Prim F. Der h. 

PHmus (9, Juni). 4 Veirht B. Vit F. Der h, Vitus (15, Juni)\ eine Bexiehung dieses 
Heiligen auf Streit oder Krieg ist nicht auffindbar, 6 Den Zusammenhang des h, 

Achas oder AehatUts, der einer von den 10000 Märtyrern ist und am 22, Juni verehrt 
wird^ mit Friaul sucht man vergeblich, B hat statt dieses Verses den noch dunklem 
wething (^ betwing?) achaci staganl und F den gleich verworrenen: bezwinget la 
fryel ; verständlicher ist der Text in W: auf Achatzen leib. 6 Jans A, Johanns W, 

7 nach W, Jensei slefft A, hansei sehleft B, henselen me F, Bezüglich der beiden 
Johannes sei bemerkt^ daß as^f Johannes den Täufer (24. Juni) zwei Tage später ein 
anderer Johannes im Kalender folgte der unter Kaiser Julian nthst seinem (am selben 
Tage gefeierten) Bthtder Paulus um des Glaubens willen enthauptet wurde. Wahrsehein' 
licherweise hat übrigens auf diesen Vers der unmittelbar nachher folgende Tag der * sieben 
Schläfer eingewirkt, denn die Bemehungen der Heiligen im (Hsiojanus, der lediglich den 
Zweck hatte dem Gedächtnisse AnhaUspunkte für die Aufeinanderfolge der kirchlichen 
Wochen und Festtage anstatt eines gedruckten Kalenders zu bieten, sind ja überhaupt 
meist willkürlich erfunden, 10 Sprich B W F. 10—11 Der h. Process am 2., nach 
andern am 3, JuU; Ulrich am 4., Küian am 8, JuU. Die beiden Verse seheinen offen- 
bar eine witzige Anspielung auf den Namen des heil, Processus sai sein. 13 wil in A 
durchstrichen. 12—13 Die Verse scheinen etwas aus der Fuge gegangen, wenigstens ist dtx 
bloß anklingende Beim kaum ursprünglich. Noch «erderbter ist djer Teaci w VJ •. ^t« 



344 A. JEITTELES 

ZU Alexen reich. 

AmolfuB pat fraun Magdalen, 

daz ir Jacob mit treun scholt pei sten« 

Augustus. 

5 Peter, Steffel, Stephan, 
chunik Oswalt, Sixt, Affran, 
sich Laurenzen in grozzen notcn st an. 
Maria, du scholt uns gewem; 
Wemhart dient Thimotheo gern; 
10 Bartholomee, du scholt leren 
Augustin unser seid meren. 

September. 

Oilg, trink most, wein, 
pit die purd Marein, 
15 daz uns deu h6hung des chreuz erschein. 



vir mar^areth wi] poten senden schir, worin das erste Wort auf das Fest der sieben 
Brüder {10. Juli) Bezug nimmt. 1 reich fehlt BF. 2 sprach sn fraw F- 

Am 18. Juli wird ein doppelter Heiliger dieses Namens gefeiert : Ämulphus, Bischof von 
Metz, und ein ztceiter Ämulphus, über dessen Leben zuverlässige Nachrichten fehlen. Vgl. 
Stadler, Heiligenlexikon /, 319. 3 Sag^ Christiana Jacob wil ir mit trewen pej 

westan B. sa^ cristoff jacob an wild dir trewleicli pey sein W. 6 nach B W. 

Peter Stephan Stephan Ä. Es sind die beiden StepJum-ftagef der 2. und 3. August, ge- 
meint, jener zu Ehren des Papstes Stephan /., dieser zum Andenken an die Auffindung 
der Oebeine Stephans des Protomartgrs. — Anders liest F: Peter Cristoffel Stefifan. 
6 Der h. Oswald war Konig von Northumberland f nach Stadlers Heiligenlexikon IV, 
633 ist seine Verehrung, '^lüie die vielen Ortschaften, die seinen Namen fuhren, bestätigen, 
auch nach Kärnten^ Steiermark und Krain gedrungen . Affram W. sich Affran an F. 
Sixtus am 6., Afra am 7. August. 7 du sichzst Lamuczen A. sich pej lorenczen B. 

ciriaci Roman laurenczen pej sand polten stan W. bj Lanrentz nnd sant Ypoliten 
etan F. Der h. Laurentius erlitt den Märtyrertod. — Der Text der beiden letztem Verse 
scheint entstellt zu sein; die Form Afran, Afram tiri 2kisammenhange mit der Lesart in 
Fläßt vermuthen, daß sie Ursprung f ich etwa lauteten: knnig Oswalt, du siehst Afran bei 
Laurenzen und Sant Polten stan, toomach in siehst widerum eine witzige Anspielung auf den 
Ä. Sixtus läge 8 gebefn B. 9 bemhart B W F. 11 Auff. zu gutem keren F 13 Wilg 
B, Gilig W. Der h. Agidius (franz. St. Gilles', Einsiedler bei Nismes in Languedoe, 
einer der 14 Nothhelfer^ wird am 1 Sept. verehrt. Von einer Beziehung dieses Heiligen 
zum Weine kann nicht die Rede sein; vielmehr soll der Monat September mit diesem 
Erstlingsvers durch seine besondere Eigenschaft der Traubenreife charakterisiert werden. 
Noch jetzt ist in den Weingegenden der 1. Sept. ein Lostag fiir den Weinlniu. most 
wein B. W. Damach eine Zusammensetzung most wein anzunehmen, die sich katan 
belegen ließe, dürfte zu, gewagt sein; most vein A. 14 ^\i fehlt B. bitte die Jungfrau 
MmH Fl Jfariae Oeburt am 8. Sept, 



MITTHEILUNGEN AUS GRAZER HANDSCHRIFTEN. 345 

Her Lamprecht nieraen sag, 

daz Mathes zu Salzpurg Ruprechten vrag, 

wie Behaim Wenzeln, Micheln chlag. 

October. 

5 Tuschkan, du hast Franzieken treuleich enphangen; 
Marcus, du haizt Venedig prangen; 
Osterreich Cholman hat erhangen; 
Gall peleib; 
Lucas schreib; 
10 wie Ursule ze Chollen gelang, 

daz schol schreiben Symon gen Regenspurg, Wolfgang. 

November. 

Heiligen all gemain; 

lost uns Lienhart der rain, 



1 niem^; mein ^; du FF^. 3 nach B, pehaim Micheln Wenczlaen chlag 
Ä. knnig wentzla michel chlag W. ö Tnschkan Ä W. Tustan F. Teischan B. Alle 
Bemühungen, die Existenz eines solchen Heiligen zu ermitteln, scheiterten. Bei den Bol- 
landisten kommt wohl eine h. Tuscana vor, diese kann aber, abgesehen davon, daß sie 
nicht Anfang Octobers, sondern am 14. Juli gefeiert wird, wegen der offenbar männlichen 
Farm des obigen Namens nicht wohl gemeint sein. Die meiste Wahrscheinlichkeit hat es 
noch, daß darin der am 3. Oct, verehrte heilige Theogen, dessen Namensform so vielfach 
wechselt (Acta SS. vam 3. oct. II, 5. 322) und u. o. <Much Theugen, Thugen, Theuctenus, 
Theoctistus, Diogenes lautet, verborgen sei, so zwar, daß das griech. -lateinische eu 
(eo, io) in nhd. eu, ei verwandelt, g aber nach Analogie von Eugen in seh romanisiert 
umrde und daß femer die Namensform Teuschan, Teischan die weitere Ausbildung in 
Tuschan, Tuschkan, Tustan (wenn letzteres nicht vielmehr ein Schreib- oder Lesefehler 
ist) nach sich zog, — enphangen W, gcvangen A B. gewangen F. 6 M sol zu vene' 
digen prangen W, so hayss dionisium Regenspurg prangen B; der Leichnam des h, 
Dionysius soll nämlich im J. 893 von einem Mönch Giselbert durch Raub nach Be- 
gensburg gebracht und dort heimlich begraben worden sein. S. Stadler, Heiligenlex. I, 764, 
7 Dei h. Coloman, ein Irländer, wollte als Pilger zum heil. Grabe wandern, wttrde aber 
unterwegs in Osterreich für einen fremden Kundschafler angesehen und zwischen zwei Bau- 
bem aufgehenkt. 8 Ob dieser Vers etwa darauf anspielt, daß der h. Oallus am liebsten in 
seiner selbst gebauten Zelle verblieb, die er nur verließ, um der Umgebung seines Ortes, des 
nachmaligen St, Gallen, zu predigen, lasse ich dahin gestellt. 9 Lucas als Verfasser 
des Evangeliums. 10 Nach der Legende wurde die h. Ursula in Folge ihrer Weigerung ^ 
des Ilunnenfürsten Galtin zu werden, zu Köln getödiet, nachdem bereits früher alle 
10000 Jungfrauen, in deren Gefolge sie eine fromme Seefahrt unternahm, von den 
Hunnen erschlagen worden. Vgl. Wetzer u. Weite, Kirchenlex. XI, 482—483; Asch- 
bachy Kirchenlex. IV, 1104 ff. 11 Wolfgang, von 972 — 994 Bischof von Begensburg. 
14 lass B. las F, helff t>ns linhart W. Der h. Leanhard {6. Nov.) ist Schutzpatron diex 
Gefangenen. 



346 A. JE1TTELE8, MITTHEILUNQEN AUS ORAZER HANDSCHRIFTEN. 

80 ez Mertein 

mit Briccen sein gens allain. %^U Im^^iA,^ Uji^wz.^x 

Var hin, Elspet, 
schau wiez in Hessen stet; 
5 Kathrein sent Virgil nach sand Andre. 

December. 

Hilf uns, getreue Warbara, 
daz Niclas uns Maria 
erpit; zu Venedig 
10 Lucey ligt genedig. 

Herr, gib unserm leben vrist; 
Thomas chündet uns geporen Christ; 
Stephan; Hanns chinder gueter freunt ist. 

INNSBRUCK. ADALBERT JEITTELES. 



1 ist B, TSE F. DU Marfmtgäruß tUhen mü der Verthrung Meurtiru kaiam 
in imierem Zutammenhang ; der Bmueh mag vielmehr dadurch entstanden «ein, daß 
um diese Zeit die durch Mastttng aufgeßUterten Gänse fett werden und vor Beginn 
der kirchlichen Fasten um so eifriger gegessen werden. Vgl, Wolf gang Menzel, Christi. 
' Symbolik II, 112. Möglich auch, daß die Geschenke, die um Martini von den Land- 
Uuten ausser den an die Kirchen und Klöster zu zahlenden Zinsen den letzteren gespendet 
wurden und vornehmlich m Federvieh bestunden, diesen Ausdruck mit veranlaßt haben 
{Aschbaeh, Kirchenl. IV, 172), 2 Bricen A, brictes B. britzeD W. Briccio F. Der 
Priester Brietius {gefeieH am 13, Nov,) lästerte den h. MaHin, der zwischen 371 — iOO 
Bischof von Tours war, ohne daß ihn dieser in seiner Langmuth des Amtes entsetzt 
hätte. Später, nach Martins Tode, wurde er dessen Nachfolger im Bisthum, alwan B, 
8—4 Elisabeth, Landgr^ von Hessen und Thüringen; die in B und W vorkam, 
mende Lesart Meigschen, Meychsen, die asrf Meißen deutet, scheint eine Verderbniss aus 
Hessen zu sein, 5 Katrey sent virgilgen A, K. sand virgili nach sand Andre B VF. 

Katberin Conrad frag naeb sante Andree F. 7 Hilff mit trewen warbara B. longin 

mit trewen Barbara W. Elogius hilff bietten Barbaram F. 8^9 daz Njela nn 

Maria erpiet A, daz nichka vns marein genad erpiet B, daz Niclans nns Marien ge- 
nade bitte F. das niklas vns marein genad pit W, 10 Incei genadig ligt B, Intzej 
genedig 1. W, jnnehfraw Incey g. 1. A. Die Reliquien der h, Lueia wurden vom 
Sjfracusy wo sie starb, nach Constantinopel und später nach Venedig gebracht. Ihr Ge- 
denktag ist der 13, December; die Erinnerung an die Übertragung der Gebeine wird am 
18. Januar gefeieH, S. die Acta SS. von letzterem Tage II, 181, 12 Thoman A. Tho- 
mas kompt B. 13 Stephan Jansen A, Dieser letzte Satz bildet eine Anspielung cmf 
das am 28 December gefeierte Fest der unschuldigen Kinder. Der ganze Vers fehlt 
in W und F; letzteres hat dafibr: Silvester papa propera. In A folgen die Worte: £z- 
plicit Cysioianus chenthmail correctos per manus cujnsdam. 

Schließlich sei noch erwähnt, daß in B dem deutschen Oisiojanus ein lateinischer 
voraufgeht, der theils mit dem von Pfeffer im Serapeum, theils mit dem von Grotefend 
im Anzeiger f Kunde d. deutschen Vorzeit Bd, XVII, S, 282 veröffenüichten vi^aeh 
tSienews^mmi. 



H. LAMBEL, EIN OUOT OEBET. 347 



EIN GUOT GEBET. 



Got vater aller kristenheit, 
lob und Ir b! dir geseit 
von aller dtner hantgetät 
die dln Bun erloeset h&t. 
5 durch daz opher, herre Erist, 
8Ö hilf uns daz du selbe bist^ 
daz wir gewinnen reinen muot, 
daz uns din lichnam und din bluot 
erlüter und gereine 
10 von Bünden algemeine. 

swaz gloubeger sSl in wtzen s! 

di erlcBBO durch die namen dri. Amen. 

Aus derselben Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts XI , 37 
auf der Bibliothek des KloBters St. Florian in Osterreich ob der Enns^ 
aus welcher in den Wiener Jahrbüchern der Litteratur Bd. 40 Anzeige- 
Blatt S. 15 — 18 das bekannte VogelgCBpräch und eine Verdeutschung 
des Hymnus Fange lingua gloriosi herausgegeben worden sind*) (vgl. 
A. Czerny, Die Handschriften der Stiftsbibliothek St Florian ^ Linz 
1871; S. 12 f.), entnehme ich vorstehendes gereimtes Gebet. 

Es steht Bl. 248^ unmittelbar hinter dem lateinischen Steinsegen, 
der den deutschen Lapidarius schließt, wie Prosa geschrieben ohne 
irgend eine Abtheilung der Verszeilen. Abgesehen davon, daß die Hs. 
durchgehends 6t, ey^ Btatt \; ue, ü statt uo; meistens ay statt ei\ Vy w 



*) Der Abdraek üt nicht fehlerfrei: abgesehen dayon, daß übergeschriebene e 
oder Pnnkte nirgends berücksichtigt sind , daß ohne festen Grundsatz beliebig -en oder 
-n gesetzt ist fär n der Handschrift, finden sich anch entschiedene Lesefehler. Nor die 
letzteren berichtige ich hier: 8. 16% Z. 11 L offinew. 26 riUerUichn erm (:lefnj. 
41 vraijisen (: tcat/änj, 43 Hibie?ieü, 16% Z. 3 err. 16 raU, 21 geueU mir (anch 
in der Überschrift Z. 19 liefiej. 24 cMag. 35 toUdu leben. 37 Grüntpath, 

38 mi«9€valle, 41 deine lehn. 42 gegeben, 17% Z 11 nym^. 12 ee getan, 

17 wm iugent toben, 20 tuee, 22 Guku, 17% Z. 17 meinem ayde, 19 Phmm, i^geluckh 

Zorn Hjmnos bemerke ich im Allgemeinen, daß zwar die Strophen aber nicht 
die Verse abgesetzt sind. Über der ersten Strophe steht Ton sp&terer Hand Fange 
llgwa glosi, über jeder folgenden Ton derselben Hand die den deutschen Text schrieb, 
die zwei ersten Worte des lateinischen Textes. Man corrigiere: 1, 3 Koeperlicfken. 
2, 2 alU steht nicht in der Hs. 4, 1 uHsrt. ^ 1 getewrUx. % •p«M^>u»n«iv. 



348 ^ SPRENGER 

Statt ti, im Anlaut immer p statt b, ch statt k, setzt; s und z vertauscht 
und die Consonanten häuft, was ich ein fUr allemal bemerke , sind 
folgende abweichende Lesarten zu verzeichnen: 

Z. 4 erloset 5. 12 durich. 8 leichnan. 9 erleiterh 10 sundn 
11 troÄ gelauhig' sei in den weiczh (vgl. Lachmann zu Iwein 554. 3266j. 
12 erlözz, 

PRAG, 18. Mai 1876. H. LAMBEL. 



ZUM MEIER HELMBRECHT. 



Die zumeist gelesene Ausgabe des Gedichtes ist wohl jetzt die 
Lambersche. Einige Bemerkungen zur Berichtigung derselben, die 
theilweise auch einer künftigen kritischen Ausgabe desselben zu Gute 
kommen werden^ dürften deshalb nicht unwillkommen sein. 
411 ez nssme der keiser für gewin, 

vieng ich in niht und züge in hin 

und bcschatzte in unz an den slouch 

und den herzogen ouch 

unde etesltchon graven. 

über velt wil ich draven 

An angest mines verhes. 
So schreibt Haupt nach der Wiener Handschrift. Lambel schreibt 
dagegen 414, 415 nach Pfeiffers Conjectur : 

über etesltchen graben 

und über velt wil ich draben. 
Die Berliner Handschrift läßt die Verse 413, 414 aus und schreibt 
415: den herzogen und etlich gräven. Auch hier also gr&ven: draven. 
Gleichwohl scheint Pfeiffer an diesem Keime Anstoß genommen zu 
haben und dadurch zu der ziemlich starken Änderung veranlaßt zu 
sein. Doch mit Unrecht Denn neben der Form draben wird ebenso 
häufig, besonders in bair.-östr. Denkmälern draven gebraucht [siehe 
Gr. I, 954; Hahn, mhd. Gr. 1. Ausg. S. 6; mhd. Wb. I, 388 a] und 
Lambel hat dieselbe auch im Helmbrecht 1781 mit Recht bewahrt. 
Man braucht sich übrigens nicht zu scheuen gräven : draven zu schreiben, 
denn ä: a reimt im Helmbrecht öfter [jär: gar 255; an: g&n 851; 
man: getan 1141; compän: gewan 1215*]. Ganz derselbe Reim findet 
sich Liedersaal 2, 12 wä man sol g^n vinden draven [: graven]. 



*) jAlso nur in einsilbigen stampfen Reimen. K. B.] 



ZUM MEIER HELMBRECHT. 349 

Statt iiber velt V. 415 hat die Berliner Hdschr. über ecke, und dieser 
seltnere und passendere Ausdruck, der sich auch V. 367 und 371 findet, 
ist sicher auch hier der echte. 

480 man liset ze Rome an der phaht, 

ein kint gevähe in stner jugent 

nach sfnem toten eine tugent. 

ein edel ritter was min tot: 

S8elic si der selbe got 

von dem ich s6 edel bin 

und trage so höchvertigen sin 
tot: got schreibt auch Haupt Die Form tot für tote (Pathe) ist aber 
für die bessere mhd. Zeit bedenklich, und auch wohl nur got (deus) 
zu Liebe gesetzt got = deus hat auch Lambel verstanden, wie aus dem 
Fehlen einer Worterklärung zu schliessen ist Dann ist aber der selbe 
got auffällig. Die Berliner Hdschr. hat g6t. Daß gote, das Synoni- 
mum von tote zu verstehen ist, zeigt die Vergleichung mit 1380 fil, 
wo derselbe Segenswunsch mit ähnlichen Worten widerkehrt. Es ist 
also zu schreiben: tote: gote. 

1001 daz sint nü ir minne: 

vil stieze Ittgebinne 

ir sult füllen uns den maser. 
So lauten die Verse bei Haupt und bei Lambel. In den Hand- 
schriften lautet 1001 anders, in W: daz sint nu ir briefe von minne, 
in B daz sint ir briefe und minne. Haupt bemerkt zu der Stelle: 
Ich habe briefe von nicht bloß des Verses wegen gestrichen, sondern 
weil es für den Gedanken, hier, wo von keiner Botschaft die Rede 
ist und für den Gegensatz zu 990 (985 L.) unpassend schien. Der 
Zusatz scheint durch den Plural minne veranlaßt. Immerhin ist es 
auffallig, daß briefe in beiden Handschriften überliefert ist, und eine 
Tilgung des Wortes sehr bedenklich. Auf die richtige Erklärung des- 
selben an unserer Stelle scheint eine Stelle aus Malagis 47 a, die 
Lexer im Wörterbuche beibringt, zu führen. Es heißt dort: iwer mundes 
brieve = eures Mundes Aussprüche. Es ist demnach wohl zu lesen: 
Daz sint nu ir brieve der minne = das sind ihre Liebesreden. 

380. da mite ich mich wol betrage. So Haupt und Lambel 
nach B. W hat hejage. Dieser seltnere Ausdruck für dasselbe [s. Lexer 
J, 162] ist daher einzusetzen. 445. datz Osteniche clamirre. Es ist wohl 
daz zu schreiben, denn Ländernamen werden adjectivisch gebraucht, 
vgl. Neidh. 60, 13. Osterrtches tuoches. 659 knabe nicht knappe geben 
beide Handschriften. 1447. dine hOchzit hat W, «öUiiu Vv. ^. V&XaXse^'^ 



350 & SPRENGER 

Lesart scheint die richtige, da sie das Wort in der ursprünglichen Be- 
deutung, wie das auch am besten in den Zusammenhang passt, zeigL 
1845 ist bei Lambel ein Druckfehler zu bessern. Lies tceten statt treten. 

In Betreff der Interpunction ist zu bemerken, daß sowohl nach 
V. 750, als nach V. 77 L die sich deutlich als Bedingungssätze ergeben, 
Konuna, nicht Ausrufungszeichen zu setzen ist Der Fehler scheint 
durch die Nichtbeachtung des eigenthümlichen mhd. Gebrauches von 
ez, der auch in der Anmerkung zu erwähnen war, und worüber Be- 
necke z. Iwein 2611 zu vergleichen ist, veranlaßt Richtig ist übrigens 
das Komma gesetzt V. 782. 

Nun noch einiges zur Erklärung. V. 368. daz ich so lange blfbe, 
des irret mich ein gurre. Lambels Erklärung ist nicht klar. Der Sinn 
ist: DaÜ ich nicht schon lange fortgeritten bin, daran ist eine elende Mähre 
Schuld. Helmbrecht besitzt noch kein schlechtes Pferd, das ihm sein 
Vater gegen ein gutes eintauschen soll, sondern er bezeichnet eben 
das Pferd, das ihm zu geben sein Vater sich weigert, mit dem ver- 
ächtlichen Namen gurre als ein geringRigiges Ding. So nennt Laurin 
[V. 253] die guten Streitrosse Dietrichs und seiner Gesellen verächt- 
lich gurren. Also: Um so ein geringfügiges Ding, wie ein Pferd ist, 
muß ich meine Reise aufschieben. 1141. noch weiz ich einen riehen 
man, der hat mir leit euch getan, der az zuo dem kraphen bröt. Auch 
hier ist, wie es bei dem folgenden geschehen ist, auf die höfische Tisch- 
zucht zu verweisen, die auch vorschrieb, welche Speisen mit der Handi 
welche mit dem Löffel oder einer Brotkruste gegessen werden sollten. 
Zu V. 1398. so schriet mir min phanne, will ich auf eine Bemerkung 
J. Grimm*s, die an einem Orte steht, wo man sie nicht erwartet, in 
der Zeitschrift Philologus her. v. Schneidewin. Bd. I, S. 342 f. hin- 
weisen. 

GÖTTINQEN, Hai 1876. R. SPRENGER. 



ZU REINKE VOS. 



Nur an zwei Stellen des Gedichtes wird Reinke de rode genannt, 
einmal da, wo er Braun dem Bären den hinterlistigen Vorschlag wegen 
des Honigs macht v. 574 : do sprak wedder Reinke, de rode, zweitens 
V. 3197: wo Bellin unde Reinke, de rode, Lampen hebben gebracht 
tora dode. Weder Lübben noch Schiller haben dazu eine Bemerkung 



KLEINE BEMERKUNGEN. 351 

gegeben, haben also rot ohne Zweifel von dem rothen Felle des Fuchses 
verstanden. Dagegen spricht aber, daß dergleichen stabile Beiwörter 
im Reinke sich nicht finden, auch daß das Epitheton rot nur an diesen 
beiden Stellen sich findet Es bezeichnet, wie deutlich aus dem Zu- 
sammenhang hervorgeht^ die bekannte Charaktereigenschaft des Fuchses, 
die man sich allerdings wohl mit der Farbe seines Felles im Zusam- 
menhang stehend dachte, rot hat hier die bekannte mittelhochdeutsche 
Bedeutung von falsch, listig [vgl. Hahn z. K. v. Wtlrzburgs Otte 229]. 
So ist es auch im Reinhart [der jüngeren Bearbeitung] zu verstehen. 
V. 1463. die häte an dem selbem tage erbizzen der röte Reinhart und 
V. 2171. do brou er des küneges tot; Reinhart was übel unde rot 
Letzteres Beispiel der Verbindung iliel unde rdt ist übrigens auch 
Lexer entgangen. 

OÖTTINGEN, Mai 1876. R. SPRENGER. 



KLEINE BEMERKUNGEN. 



1. al der werlde vrouwe. Diese Bezeichnung der Maria ist nach- 
zutragen zu den von W. Grimm zur goldenen Schmiede p. XXX bis 
XL VII gesammelten Stellen. Siehe v. d. Hagen ^ Gesammtabenteuer III; 
585, V. 315. So erklärt sich auch Wigalois 12, 23. ein gürtel der wol 
möhte gezemen al der werlde firouwen. Nicht eine Kaiserin oder 
Königin y sondern die höchste der Frauen , die Hinmielskönigin, ist 
gemeint. 

2. elliu vieriu. In dem Aufsatze über Höfisch und Unhöfisch, 
Freie Forschung S. 355 zählt Pfeiflfer eine Reihe von Worten auf, die 
an und für sich harmlos und erlaubt, erst durch die Anwendung, die 
man davon macht, zu unhöfischen gestempelt werden, wie rint, mül 
etc. Dort hätte auch der Ausdruck eUtu vieriu, alle Viere, noch jetzt 
üblich, erwähnt werden sollen. Die mittelhochdeutschen Dichter ge- 
brauchen denselben eigentlich nur von den vier Füßen der Thiere. 
So vom Hirsche Trist 2789. Wenn sie es vom Menschen gebrauchen, 
so sind sie sich wohl bewußt, daß der Ausdruck eigentlich nur vom 
Thiere gelte, und bezeichnen das deutlich. Genesis Fundgr. 26, 19. 
daz kint daz mit allen vieren gie sam daz rint. Wolfr. Wh. 286, 12. 
er bant im, sam er woer ein schaff elliu vieriu an ein baut. Nur Lai'"^*~ 



352 R SPRENGER 

1210 heißt es von Dietrich und seinen Helden: wie balde der kleine 
wigant in alliu vieriu zsamen bant^ ohne eine Hindeutung auf den an- 
eigentlichen Gebrauch des Wortes. Hierin unterscheidet sich also 

der vülksthtimliche Dichter von den höfischen. 

GÖTTINGEN. R. SPRENGER. 



ZUR MITTELNIEDERDEUTSCHEN LITTERATUR. 



Die poetischen Denkmäler der mittelniederdeutschen Litteratur 
besitzen wir noch größtentheils nur in wenig zureichenden oder gänzlich 
ungenügenden Ausgaben. Wir sind bei denselben, da wir sie meistens 
nur in einer Handschrift besitzen, in hohem Grade auf die Conjec- 
turalkritik angewiesen. Da nun wohl noch lange Zeit vergehen wird, 
ehe auch sie in kritischen Ausgaben vorliegen werden, will ich hier, 
was ich bei der Leetüre verschiedener mittelniederdeutscher Gedichte 
angemerkt habe, als kleinen Beitrag zu dieser Arbeit, die doch einmal 
unternommen werden muß, veröffentlichen. 

I. 
Zu Flos und Blancflos bei Bruns, romantische und andere Gedichte 

in altplattdeutscher Sprache S. 225 — 288. 

V. 17 schreib: heres st. heren; 48 dogentliken; 68 dogetliken; 
122 konde; 147 kristenluden = compos. ; 173 streiche he; 211 wol (bat) 
gedän; 228 spräken; 249 koning rike; 281 wol: manden st. meynden; 
299 here. Bezeichnung für Frauen? wol un zu streichen; 331 dat me 
uns scheden konde; ebenso 1456; 344 to st. dö vgl. i486; 365 vogel- 
spei Compositum, wie vederspel 562; 396 sculde; 474 vlesch; 483 ander 
weide; 505 ghewant; 548 vart; 559 wol: van st. an; 560 junchere; 
584 nicht zu streichen; 635 vere; v. 700 ist mir unverständlich; 731 
ga wort an ray tohant ist unverständlich, vielleicht: gevort mit my; 
732 on st. or; 733 hebben; 799 innecliken st junchliken*); 829 in st. 
ju? 871 heft; 903 one st. ome; 956 den blomenkorf vgl. 958; 965 (an) 
lif un ere; 966 wol: baden st. heyden; 997 wol: neyne st veme**); 1004 
dyner st. c/^n ***)•, 1070 beit zu streichen; 1078 wol st. wo; 1115 eines 
(sedes); 1151 mynen stmyn; ebenso 1273; 1167 ummevän***); 1214 



*) innchliken hat anch nach einer von Dr. Paul Zimmermann vorgenommenen 
Collation die Handschrift. K. B. 

**) Vielmehr iiertie mit der Hs. 
**♦; = der \U. 



ZUR MITTELNIEDERDEUTSCHEN LITTERATUR 353 

un zu streichen*); 1230 hebbe (ik se); 1358 sach; 1404 dacht; 1428 
clär st. dar; 1508 one st. ome; 1566 sin st sint. 

Das Gedicht bietet, wie fast alle mittelniederdeutschen ziemlich 
große Reimfreiheiten. Solche sind außer den Bindungen a:e;i:e;^: 
ey;ei:^;u:o; -k: ch; n: m; s: st; -en : e noch folgende: tytrütwist 1; 
bok: anhöf 49; tit: smt 101, 109; ist: bericht 147; grevinne: konynghe 87. 
: inghesinde 95 ; konigynne : inghesinde 490; levende: geven 515:Babi* 
lonigen : schöne 617,641 (wenn nicht Babilone : schöne anzusetzen ist), 
danne: lande 1461 ; weder: sere 314; l&f: weit 316; here: levent 527; stat : 
nacht 534; lesen :gheven 589 u. ö.; wesen : begheven 1310; berichten: 
geschefte 613; was: sprak 647; dorfte: vorchton 691 ; dat: bodeschop 724 ; 
blömen : schöne 940; konde: wolde 1121. 

An folgenden Stellen sind dagegen die unreinen Reime ungehörig und 
durch leichte Besserung in reine zu verwandeln. V. 99 schreib kinden 
(st. kinderen) : vinden; 120 wunder : besunder; 129 wSren : j§ren oder 
wären : jären wie 155; 639 dat : quat; 672 rauwen st. vören vgl. 279; 674 
wol: leren :k6ren; 723 ist jachant oder adamant zu ergänzen; 762 schreib: 
in : ghewyn; 764 syn : borchgrevyn ; 772 schreib : alsus quam Flos tö den 
anderen porten, dar de dre bröder tö hörten vgl. 1486; 790 hän : wolgÄe- 
dän st ghedeghen] 930 wol: dö wart Flosse neyn sorge möre : sßre**) ; 
1061 syn:konegyn; 1111 munde: konde***); ;1179 nicht : ungeschicht 
1228 upwegen mit golde: wolde; 1344 dorste: vorste***); 1492 in (st 
on):sin; 1552 doyt:göt [vgl. 1314 göt:doyt]. 

An einzelnen Stellen sind einzelne Verse ausgefallen. So nach 
455 ein Vers. Etwa aldä konde man segen. Ferner nach 531, 1008. 
Ebenso nach 1208 vielleicht: dan ju se wollet döt slän. Zu streichen 
scheinen dagegen die Verse 1149, 1150. Ebenso 1473. 

In der Erklärung ist vielfach von Bruns geirrt. Das meiste ist 
jedoch derart, daß es jeder mit dem Mittelniederdeutschen vertraute 
besseren kann. Ich bemerke nur folgendes: 325 ist swere natürlich 
Substantiv mhd. swsere Kummer; 1002 wy ist Pronomen. 1067 dingh 
kann nicht 'Personen heißen. Alles ist jedoch klar, wenn wir hinter 
dingh einen Punkt sefzen. 1516 he entsachtede sinen mot d. h. 'er be- 
sänftigte seinen Zorn.' 

GÖTTINGEN. R. SPRENGER. 

(Wird fortgesetzt.) 



*) Lies vm statt un mit der Hs. 

**) Vielmehr mit der Hs. dö wart Flosse sin sor^^ VkÄm^x^» 
*♦*) =r der Hs. 

GERMANIA. Neue Reihe. IX. (XXI.) Jahrg. "^ 



354 LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 



LITTERATUß. 



Zar älteren romantischen Litteratnr im Norden, n. 

Julius Znpitza, Zur Litteratargeschichte des Guy of Warmck. Wien. Karl 
Gerold's Sohn. 1873. 46 S. 8®. 

F. A. Wulff, Notice sur les sagas de Migos et de Geirard et leurs rapports 
auz ^pop^es fran^aises. Lnnd 1874. 44 S. 4". 

Eduard Koschwitz, Über das Alter and die Herkunft der Chanson da 
Vojage de Charlemagne k Jerusalem et k Constantinople. [A. u. d. T. : 
Romanische Studien. Herausgegeben von Eduard Böhmer. Heft VL] Straß- 
burg. K. J. Trübner. 1875. 60 S. 8®. 

Professor Zupitza ist seit mehreren Jahren mit der Herausgabe der mit- 
telenglischen Fassungen des Guy of Warwick beschäftigt und hat in diesem 
Schriftchen, wohl noch ehe es seine Absicht war, das Gedicht für die Early 
English Text Society zu bearbeiten, allerhand nicht unwichtiges Material yer- 
öffentlicht. Wenn gleich es fraglich erscheint, ob diese sehr verspätete Be* 
sprechung desselben noch im Stande sein wird, in der Einleitung der englischen 
Ausgabe eine Entgegnung hervorzurufen, so sehe ich darin doch keinen zwin- 
genden Grund, sie zurück zu halten. Die erste Hälfte des Buches bildet der 
Abdruck eines bisher ganz übersehenen Fragmentes des engl. Guy, sowie Proben 
aus den übrigen mss. , durch welche erwiesen werden soll , daß drei von ein- 
ander unabhängige englische Übersetzungen des frz. Originales zu unterscheiden 
sind. Darauf folgt die erstmalige Ausgabe von Lydgate*s Leben des Guy von 
Warwick, das als Übertragung des elften Capitels der lat. Geschichte der 
westsächsischen Könige von Gerardus Cornubiensis gekennzeichnet wird. 

Was zunächst den Abdruck der Texte angeht, so ist, wie es nur zn 
leicht geschehen kann, wenn man nicht in der Lage ist, die Correctur mit der 
Handschrift neben sich zu besorgen*), die wünschenswerthe Genauigkeit im 



*) Diese Erfahrung habe ich selbst neuerdings machen müssen. Herr Gustaf 
Cederschiöld in Land hat Germ. XX, S. 306 ff. als Resultat einer neuen Vergleichung 
des Cod. Holm. 6, 4** eine Anzahl Fehler im Drucke meiner Riddarasögur nacbge> 
wiesen. Was die sachlichen Besserungen anlangt, die ja meinem Buche wiederum zu 
Gute kommen, so sage ich Herrn Cederschiöld hiermit meinen Dank dafür. Der Ton 
seines Aufsatzes ist aber ein so schroffer und absprechender, daß ich nach dieser 
Seite hin mir und den deutschen Fach^enossen überhaupt eine kurze Erörterung 
zu schulden glaube, die übrigens keine Entschuldigung, sondern nur eine Erklärung 
sein will. 

Die Abschrift des Cod. Holm, sowie seiner Ergänzung aus AM. mss. wurde von 
mir vor jetzt bald sieben .Jahren, unmittelbar nach Beendigung: meiner Universitäts- 
studien, an Ort und Stelle angefertigt. Buclihändlerische Schwieiigkeiten verzögerten 
die Vollendung des Druckes bis Mich. 1872. Als dieselbe bevorstand, versuchte ich 
durch Vermitteluug der deutchen Botschaft in Stockholm die dortige Handschrift nach 
Straßburg zu entleihen, da ich mir wohl bewußt war — und wer von den Fachge- 
nossen hätte diese Beobachtung an sich selbst nicht gemacht? — daß man im Co- 
j>ieren von Handschriften, wie in allen wissenschaftlichen Disciplinen, erst nach und 
jiMcJi Meister wird and es mir deshalb wünschenawerüi erschien, dieselbe noch einmal 



LITTERATUB: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 355 

einzelnen nicht immer ganz erreicht. Soweit ich die mss. nachcoUationiert 
habe; gebe ich hier die Besserungen. 

1) Sloane Ms. Nr. 1044 (Zup. p. 2—7): t. 112: 1. sa£&id. Z. suffred. 
V. 155: 1. grannt. Z. grant. v. 216: 1. bipouzt. Z. )>oazt. 2) Cod. chart Bibl. 
univ. Cant. f. 206"^ (Zup. p. 9 f.). t. 12: L Gye. Z. Guj. 3) Das. fol. 206" 
(Zup. p. 11 f.). y. 3: 1. ffor. Z. for. v. 9: 1. kyste. Z. koste. 4) Das. fol. 
189'^ (Zup. p. 21 f.): y. 5: 1. ffor. Z. for. ▼. 9: 1. came. Z. cam. y. 11: 1. 
cbasyd me. Z. chasyd. y. 18: 1. fforthe. Z. forthe. y. 20: 1. came. Z. cam. 
y. 21: 1. loyyd. Z. loyed. y. 27: 1. Afelle. Z. And feile, y. 51: L schalt Z. 
shalt. 5) Ljdgate^s Guy (Z. p. 27 ff.): y. 1*: 1. hundrid. Z. hundred. y. 2* 
hat der Herausgeber in dem mir yerehrten Exemplar non ther selbst in das 
richtige nouther yerändert. y. 7^: 1. ffolk. Z. folk. y, 10^: L inglyssh. Z. in- 
glysh. y. 10*: 1. ffull. Z. füll. y. 11^: 1. fflours. Z. flours. y. 13*: 1. shewyd. 
Z. scbewyd. y. 15*: 1. söget Z. sojet y. 23*: 1. fflouryng. Z. flooryng. Das. 
1. myght. Z. myht y. 27^: 1. stondyng. Z. stonding. y. 30^: 1. shewed. Z. 
schewed. y. 33^®: L weell. Z. well, y. 36^: 1. Johü. Z. John. y. 40*: 1. ffader. 
Z. fader, y. 45*: 1. ffalle. Z. falle, y. 46*: 1. schall. Z. shall. y. 48'': 1. har- 
neys. Z. hamoys. y. 49': 1. assaylle. Z. assayle. y. 49*: 1. myht. Z. myght. 
y. 57*: L ascyng. Z. askyng. v. 59^: 1. promys. Z. proms. y. 73*: hystorial. 
Z. historyal. y. 74* 1. side. Z. syde. Schließlich noch eine Frage, welche 
wichtiger ist als jene kleinen Varianten: Bedeutet gestrichenes Doppel-1 [}]] 
und d mit einem Schwünge wirklich He und de? Der Reim in den ersten 
Versen gleich scheint für diese Auflösung nicht zu sprechen; man ygl. y. 1 
uachZ.: computacioun — Albioun — persecucyoune — excepcioun; honde — lond.. 
Es ist sicherlich persecucyoun und hond zu schreiben. Das scheint Zup. später 
selbst eingesehen zu haben, denn in dem im Übungsbuche (p. 71 f.) abge- 
druckten Stück y. 59 ff. wird suspecyoun, affeccyoun ohne e geschrieben, hier 



mit dem gedruckten Texte zu vergleichen. Ich selbst verwendete 14 Tage nur mit 
Mühe erlangten Urlaabes zu einer Reise nach Kopenh., wo ich die von mir benutzten 
AM. mss. nachcollationierte, was ich S. 219 ausdrücklich bemerke. Wenn man sich 
solche Ausfälle gegen einen Herausgeber erlaubt, wie Herr C, so gebietet es nach 
meinem Gefühle der Anstand, auch dergl. zu erwähnen: Herr C. scheint es absichtlich 
unterlassen zu haben, um mich als möglichst unachtsam und gewissenlos hinstellen zu 
können. Dort erst, als es schon zu spät war, meine Reise weiter auszudehnen, gieng 
mir die ablehnende Antwort aus Stockholm zu, so daß ich also auf diese Nachver- 
gleicbung zur Zeit verzichten mußte, die Resultate einer solchen aber einem zweiten 
Bande meiner Sagas beizufügen beschloß. Herrn C. zur Beruhigung kann ich also 
versichern, daß, wenn nicht etwa gerade dies Jahr noch die Hdschr. der Vernichtung 
anbeim fiele, die von ihm markierten Fehler, auch ohne seine Collation entfernt worden 
wären und zwar schon nächstes Jahr, wo ich die Elis Saga ok Rosamundu nach der 
De la Qardic'schen Hdschr. zu publicieren gedenke, natürlich, wie es sich bei diesem 
für die Grammatik werthvollen norwegischen Codex geziemt, nicht in normalisierter 
Schreibweise, sondern in genauem Anschluß an die Hdschr. Daß dies bei jungen 
Hdschr. zwecklos ist, wurde Herrn C. kürzlich mit Recht von berufener Seite vorge- 
halten. Was die Weglassung der rothen Überschriften angeht, so darf ich mich ein- 
fach auf üngers Karlamagnus saga berufen. Hätte Herr C. sich die Schwierigkeiten 
und Opfer, mit denen für den Ausländer das Arbeiten in nordischer Philologie ver- 
bunden ist, einigermassen vergegenwärtigt, so würde er vielleicht einen etwas be- 
scheidneren Ton angeschlagen haben, einen Ton, dessen ich mich wenigstens in meinen 
Recensionen solchen Leuten gegenüber rühmen darf, welche mehr gearbeit«! V^ki^w^ 
wie ich. 



356 UTTERATÜR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN UTT. IM NORDEN. 

mit e. Sicherlich aber geht es nicht an, z. B. all einmal durch alle aofka- 
lösen (y. 33) and dann wieder all dafür zu setzen (▼. 76). Ein bestiomites 
Princip in diesem Punkte habe ich in Znpitzas Verfahren nicht zu erkennen 
▼ermocht. Über zwei andere mss. von Lydgate's Guy, die Zup. zu spät fand, 
um sie für seine Ausgabe noch benutzen zu können, berichtet er selbst Ztschr. 
f. österr. Gymn. 1874, p. 128*). 

Ich wende mich nun zu der für die Litteratur-Geschichte wichtigen Frage: 
Haben wir wirklich drei Ton einander unabhängige englische Übertragungen 
des frz. Guy zu unterscheiden wie Zup. meint, oder sind dies etwa nur Be- 
oder Umarbeitungen seines englischen Originales? Die Beantwortung wird da- 
durch wesentlich erschwert, daß wir nicht nur keine kritische, sondern leider 
überhaupt keine Ausgabe des frz. Guy besitzen: auch Zupitza, der selbst 
nur die Cambridger Hdschr. zu Rathe gezogen hat, kann uns in Folge dessen 
gar keine Auskunft darüber geben, ob diese drei Übersetzungen nach einer 
und derselben Handschriftenklasse des frz. Gedichtes gefertigt sind, oder nicht. 
Soviel sieht man jedoch, um das vorauszunehmen, aus den kleinen Stucken 
schon, die Zup. abgedruckt hat, daß die Cambridger Hdschr. die Quelle der 
englischen Dichtungen nicht gewesen sein kann. Nachdem der Ritter von 
seinen Abenteuern berichtet hat, zuletzt von dem Überfall der Räuber, heißt 
es da V. 38 f. (Z. S. 15): 

Dit vus ai tote ma vie, 

Cum ieo ai, las, perdu raa amie, 

Dunt plus me doil ke de raa mort .... 
Sehen wir genau zu, so steht über Osille's Schicksal gar nichts da, und 
auch V. 42 f: 

Mult criem k'elle seit honie 

Des robbui's ke deus maldie 
kann dafür keinen genügenden Ersatz bieten. Auch ohne weiteres Kriterium 
würde man hier zu der Ansicht konmien, daß zwei Zeilen ausgefallen sein müßen, 
in denen der Raub der Jungfrau berichtet wurde; schlagend wird dies be- 
stätigt durch die englischen Texte; P v. 23: 

The theves led hyr fra me. 



*) Ich nehme hier Gelegenheit, zu meiner Besprechung von Zapitzas alteng- 
lisehem Übungsbuch e (Wien 1874), in Germ. XX, 8. 360 ff. ein paar Nachträge zu 
geben. Zu VI. Aus der Judith. Ich habe das Stück mit der Handschrift verglichen. 
V. 130 ])ä ist weggerissen ; von s in swä ist die Hälfte erh. Ebenso von af in ägea^ 
V. 131 hige)>(>ncolre. hige ist ganz fort, ]> halb. V. 132 gingran. an fehlt V. 136 mihten. 
n nur halb erh. V. 141 wealgeate. weal mit blasserer Tinte übergeschrieben.^ V. 150 for- 
Iseton. Das urspr. o in on hat, wie es scheint, der Schreiber selbst in a corrigieren wollen. 
y. 176 to eallum id ea ist zu Anfang der Zeile weggefallen. Ebenso si von sige im 
folgenden Verse. V. 179: Zup. vergisst zu bemerken, daß die Hdschr. stariad fürsta- 
rian hat V. 190 ärfäst hat die Hdschr. V. 198 h von band fehlt V. 222 hildenädran. Zup. 

Dsetran in den var. Das e von bilde ist noch theilweise erhalten. V. 223 stede- 

hearde, st rde mscr. V. 224 güdfrecan f^äras. n und g fehlen. V. 225 von yrre 

fehlt j. Unter fehlen verstehe ich, daß die betreffenden Buchstaben am Anfang und 
Ende der Zeile weggerissen sind. XVI. V. 22 1. höre. Zup. here. V. 74 1. mon. Z. man. 
V. 154 1. servise. Z. service. XX. V. 14 brrouzt im mscr. verschrieben für brouzt V. 
16 L her. Z. bir. V. 33 1. crist Z. criste. V. 60 Die 2 ersten Worte der Zeile sind 
rar9chwunden, weil ein Stückchen perg. ausgerissen ist. XVIII. V. 63 *. 1. myn. Z. my. 



LITTERATUK: ZUR ALTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 357 
d V. 24: 



A V. 20 f: 



c V. 34 f: 



My lemman they robbed away fro me. 

Anon rizt nomen he 

Mi leman; )>ai han hir ladde fro me. 



Sjthen they toke Ozelde )>at maye 
And my stede and wente awaye. 

Da der Inhalt dieser Verse des Sinnes wegen nothwendig auch im Ori- 
ginal gestanden haben muß, so würde es unkritisch sein, aaf sie den Be- 
weis einer engeren Zosammengehörigkeit der englischen Texte gründen zu wollen. 

Sehen wir nun weiter zu, was ausser den von Znp. selbst schon ange- 
führten, aber von ihm flr znfsUlig erklärten Übereinstimmungen sich sonst für 
ein engeres Verwandtschaftsrerhältniß zwischen ihnen gelten machen läßt. Vor- 
ausgesetzt muß natürlich werden, daß Zup. für seinen Beweis Stellen ausge- 
wählt haben wird, in denen die Differenz der Texte recht edatant zu Tage 
tritt, so daß von vorne herein eine nicht allzu reiche Ausbeute zu erwarten steht. 

Die erste Stelle gibt sehr wenig Anhalt. Im Blick auf a durfte erwähnt 
werden, daß nicht nur derselbe Reim: pryde-tyde in C und c widerkehrt, 
sondern daß der Ausdruck: in moche pride (C), That Gye had moche pyrde 
(c), As prince, proude in pride (a) allen drei Texten im Gegensatz zum frz. 
gemeinsam ist; femer, daß lez [hier nat. adj.] C v. 5 und c 4 durch solace, 
endlich daß ad esguarde in allen drei Texten (C v. 7 ; a v. 22 ; c v. 9J durch 
behelde widergegeben ist. 

Auch über die zu zweit citierte Stelle ist wenig zu sagen. Daß vottt'e 
mercy (0 v. 1) in C und c durch graurU mercy, jjrramercye übersetzt ist, 
kann nicht auffallen. Die Ähnlichkeit im Ausdruck C v. 8: To thy wille y 
shall alweys bee mit c v. 8: To do with me at yowre wyUe und a v. 8: 
I will be at your will gegenüber v. 8: Vostre pleisir facez de moi; femer 
C V. 12: And to his inne he wenU home mit c v. 11: He toke hys leve and 
home wente, gegenüber frz. v. 12: Si est a sun ostel al^, wo von einem 
„nach Hause gehen^ nicht die Rede bt, mag beiläufig bemerkt werden. 

Ich wende mich zu der längeren S. 14 ff. ausgehobenen Stelle. Bian vgl. 
P V. 1 : c V. 1 : 

. . . i moht me ne langer defend. I myght not defende me than. 

d hat dafür das gleichbedeutende: no more fighte; dag. v. 1: 

£ ieo nes poeie mes attendre, 

dP V. 5: cv. 9: 

Till i came to a water brade, Tyll y came to a watur brode, 

dag. OV 12: 

A un' ewe vinc ke mult ert grant. 

Daß das Wasser breit bt (l^e) wird hier erst v. 16 gesagt. 

dv. 8 ff.: cv. 16 f.: 

But godes grace so helpe me, The water y toke and passyd wele 

That my steede swifte and good Wyth goddys grace every dele. 
Bare us both over the flood. 



358 OTTERATÜR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDRN. 

Nach verläßt er sich nicht auf Gottes Gnade, sondern auf sein RoiS; 
Tgl. Y. 18: 

El bon chiral malt me afiai. 
Pv. 6: Av. 6 f.: 

My hors swam over, t w(u glad, When 7 was passed )>e rirer, arizt 

In hert y was glad and lizt. 
Die Freude des Bitters wird in den anderen Texten nicht aosdrücklich 
hervorgehoben. 

Gleichheit im Reime ist an folgender Stelle zu erwähnen: 
Pv. 7 f.: cv. 18 f.: 

When thay com thar,thaydnr8tnohtjMM: Fforthe 7 wente a gode p<uei 
twa dep that ilk water w<u, Ther durste noman come, there 7 w<u. 

Die folgende Stelle führe ich nicht desshalb auf, weil die englischen 
Texte abwichen, sondern weil, wenn wir Zop. Meinung adoptieren, die ver- 
schiedenen Übersetzer das Original so gleichmäßig widergeben. 

Pv. 13f.: Av. 13f.: 

Wat for fastyng, wat for wak7ng What for wakeing and of fasting 

I fei her doun in slumer7ng. And eke )>at o)>er treve7ling 

Osleped swi})e sore ich was. 
cv. 24 ff.: What for wakyng and for fast7nge 
What for travell and for f7ght7nge 
I re8t7d etc. 
Etwas anders dv. 15 f.: 

So for honger and long fasting 
I feil downe here in sowning. 

liest V. 28 f.: . . . Ke de veiller, ke de jnner 

£ surketnt de travailler^ 

Mult grant somil avoie. 

In diese selbe Kategorie gehört folgender Vers: 

Pv. 18: dv. 20: 

AI slapand gaf the7 me th7s wende. And tbus asleepe me can wounde« 

A V. 19: cv. 32: 

Alle slepende ))ai wounded me. All slepynge )>e7 wound7d me. 

Frz. entspricht v. 86 : 

A mort m* unt naufr^ en dormant. 
Daß die Worte ä mort kein Übersetzer beachtet hat [denn c ▼. 33. 

1 am dedd, as thon ma78te see, entspricht vielmehr dem nächsten frz. Verse: 
De la vie ne ai tant ne kant], ist mindestens auffallend. 

Man vgl. ferner : 

Pv. 29 f.: cv. 46f.: 

Her graf me in g. , sted. Als soone, as ))at 7 am dedd. 

Als sone, als i am ded. Thou bere me to some gode stedd. 

Erstens stimmt der Reim in beiden Fassungen, und zweitens haben sie 
den Ausdruck god sted [denn daß g . . so zu ergänzen ist , bestätigt d t. 
36: In some place good and merr}-] gemeinsam, ohne daß im Frz. sich etwas 
entsprechendes fände. 

Das ist alles, was ich an Übereinstimmungen ausser den von Zup. selbst schon 
angeführten in den engl. Texten gefunden habe. Ich muß dem Leser nun über- 



LFTTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 359 

lassen, sich ein Urtheil zn bilden, was in unserer Frage schon desshalb nicht 
leicht ist, weil manches Gemeinsame in Thatsachen vielleicht wegfiele, wenn 
wir das wirkliche frz. Original zur Hand hätten. Andererseits wäre eine solche 
Verschiedenheit der Texte, wie sie in der That zu Tage tritt, auch unter der 
Voraussetzung, daß all diese Fassungen nur von ^iner englischen Übertragung 
abzuleiten seien, durchaus nicht so auffällig, als es auf den ersten Blick 
scheinen will , denn es fehlt nicht an Analogien. Ganz ähnlich ist das 
Verhältniss der verschiedenen engl. Versionen von Floriz und Blauncheflur: 
trotzdem die Texte gewaltig von einander abweichen, ist es noch niemandem 
eingefallen, verschiedene Übersetzungen anzunehmen ; nicht viel anders ist es mit 
den drei Handschriften der englischen Gregoriuslegende , wie ich nächstens 
ausführlicher zu zeigen gedenke; nicht anders endlich mit Sir Bovis of Ham- 
toun, von dem ich eine neue Ausgabe fQr die Early English Text Society 
vorbereite. Hier stimmt stellenweise in den verschiedenen Handschriften weder 
Wortlaut noch Reim, während sie dann wieder verbotinus Zusammengehen. 
Mit dem Abdruck einer Handschrift ist in solchem Falle der wissenschaftlichen 
Forschung natürlich gar nicht gedient, und selten genug wird es möglich sein, 
die Varianten unter den Text der Uaupthandschrift zu setzen, ohne in ihnen 
wenigstens den halben Text abzudrucken; es dürfte unter solchen Umständen 
immer das gerathenste sein, die verschiedenen mss. , die verschiedenen Redac- 
tionen fast gleichkommen, in Paralleltexten herauszugeben. Namentlich gern er- 
lauben sich die verschiedenen Schreiber Variationen in den Reimen anzubringen, 
ohne daß sich dieselben immer auf das Bestreben, alterthümliche Reime weg- 
zuschaffen, zurückführen ließen. 

Daß das von mir aufgezeigte, mehrfache Zusammengehen der englischen 
Texte des Guy zufällig sei, kann ich — die Sache mag sich sonst verhalten 
wie sie will — absolut nicht glauben, will aber, um vorsichtig zu sein, das 
Resultat meiner Erörterungen in den Schluß zusammenfassen, daß die von Zupitza 
in seiner Schrift ausgehobenen Stellen gar nicht genügend sind, nm den Be- 
weis zu liefern, daß wir drei selbständige Übersetzungen des Guy of Warwick 
ins Englische zu unterscheiden haben. 

Die oben zu zweit aufgeführte Dissertation von P. A. Wulff über die 
Bragda-M&gus Saga hat, obwohl ihr Originalwerth eigentlich nicht sehr be- 
deutend ist, das Verdienst, die Aufmerksamkeit der Fachgenossen auf dieses inter- 
essante Werk eines isländischen Compilators zu lenken. Sie hat vor allem Prof. 
Suchier zu seinen wichtigen Nachweisungen über die Quellen der MÄgus Saga, 
(Germ. XX, S. 273 — 91) angeregt*). Ich meines Theils kannte diese Saga schon 
seit Jahren, hielt jedoch das wenige, was ich über die Quellen etc. gefunden hatte, 
für zu unbedeutend, nm es zu veröffentlichen, hoffte auch im Stillen, über die 
nordische Gestaltung der Geschichte von den Haimonskindem zu befriedigen- 
deren Resultaten zu gelangen. Wie die Sache jetzt liegt, habe ich keinen Grund 
mehr, die paar Notizen zurück zu halten, die ich zur Vervollständigung von 
Wulffs Arbeit und Suchiers Aufsatz zu geben weiß. 



*) Prof. Suchier bittet mich, für ihn nachzutragen, daß Lndlow : Populär Epics 
of tbe middio agcs. Lond. 1865 II. p. 346 die Magiis Snga bespricht. Da mir das Buch 
hier nicht zugänglich ist^ muß ich mich mit dieser Notiz begnügen. 



360 LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

Was zunächst die Hss. der Saga angeht, so hat weder Pördarson [die 
von ihm erwähnten citiert Sachier a. a. 0. S. 274] noch Wulff die älteste und 
beste derselben gekannt: A. M. 580 B, obwohl sie Gislason: Um Fnimparta 
etc. Kanpmaonah. 1846 S. XLIV f. besprochen hat. Nor sind nicht bloß 6 
Blatt You derselben erhalten, wie Gislason angibt, sondern 12, in zwei Lagen 
vertheilt; der Anfang fehlt, das Bruchstück beginnt mit Cap. 7 des gedruckten 
Textes; in der Mitte zwischen den Lagen fehlt nichts; die Saga schließt mit 
Cap. 57 des gedr. T.: ok lykr })ar sögu M&gus jarls, heißt es. Dieser letztere 
Umstand bestätigt die Vermuthung Suchiers, daß die Vereinigung der beiden 
ersten Theile der Saga vor Anfügung des dritten geschah (a. a. 0. S. 274). 
Die Handschrift ist auf Island geschrieben, zu Anfang des 14. Jahrh. Eine 
abschliessende Forschung über die Entstehung und die Quellen der Mägna- 
Saga wird sich erst dann anstellen lassen, wenn diese wichtige, von der ge- 
druckten stark abweichende Fassung ebenfalls ediert ist. 

Daß einzelne Theile der Saga nicht auf schriftliche Quellen zurückgehen, 
sondern auf mündlicher Überlieferung ruhen, nehmen Wulff und Suchier gewiß 
mit Recht an. Dafür spricht gerade auch der Umstand, daß sich wenigstens 
in der herausgegebenen Fassung direkte Entlehnungen aus der Mirmanssaga 
und Pidreks Saga nachweisen lassen. Daß einzelne Züge bald aus der, bald 
aus jener Chanson de geste entnommen scheinen, liefert ein interessantes Zeug- 
niss dafür, wie sehr diese südländischen Romane auch bei den Isländern An- 
klang fanden, nicht bloß in Norwegen. 

Der erste Theil der Saga könnte an sich sehr wohl die treue Über- 
tragung eines jetzt verschollenen französischen Gedichtes sein. Das Hauptmotiv 
der Erzählung ist uns ja aus der sonstigen romantischen Litteratur geläufig 
genug. Nachweise gibt Suchier S. 283. Zu diesem Kreise von Erzählungen ist 
meiner Meinung nach auch gehörig das bei v. d. Hagen-Gesammtabenteuer 
I, Nr. 20 abgedruckte Gedicht : Der Gürtel von Dietrich von Glaz, wo freilich 
der ursprüngliche Stoff nur mit Mühe wieder zu erkennen ist. 

Die in Cap. 77 f. der Saga behandelte Episode — und das ist das 
einzige Neue, was ich über die Quellen beibringen kann — findet sich mit 
einigen Änderungen wieder in den Gesta Romanorum [übersetzt von Gräsae^ 
Dresden und Leipzig 1847, p. 168. Grimms Hdschr. 11]. Die Unterschiede 
sind folgende: Von den drei Geboten des Kaisers (vgl. Suchier p. 282), der 
hier nicht Kyrialax von Griechenland, sondern Galliens von Rom genannt wird, 
wird in den Gesta nur das erste, das Umdrehen eines gebratenen Fisches be- 
treffend, erwähnt. Der Zuwiderhandelnde soll nicht erst am siebenten, sondern 
am dritten Tage getödtet werden. Nicht der Sohn [der hier ebenso wenig wie 
der Vater und die Kaiserstochter mit Namen genannt sind], sondern der Vater 
fehlt gegen das Gebot; der Sohn erbietet sich, die Strafe zu tragen, was nach 
der Erzählung der Saga natürlich wegfallen muß. In der Saga sind die drei 
Bitten: 1), at stfra öllu rikinu ok öHu lausafe; 2) Margaretha zu heirathen; 
3) alle Gerichtsbarkeit im Lande auszuüben; in dem Berichte der Gesta: l) 
die Prinzessin zu heirathen; 2) über alle Habe des Kaisers verfugen zu 
dürfen; dazu kommt als dritte Bitte, der Kaiser soll einem jeden, der da 
spricht, er habe es von meinem Vater gesehen, daß er den Fisch umkehrte, 
beide Augen ausstechen lassen. Auch zu dieser letzten Bitte, zu der die 
Saga, wenn man nur Suchicr^s Analyse vor sich hat, keine Parallele bietet, hat 



LITTERATÜR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 361 

dieselbe ein Analogon. Es heißt nämlich da, als es sich um die Befragung 
der Leute des Königs handelt: (S. 173, 5 ff): Vilhj4Imr löt ganga fimm menn 
med s^r ok I^t halda ))eim manni, er nsBst sat konungi. Hann hafdi i hendi s^r 
einn flein tvfeggjadan ok oddar 4 breidir ok hvassir mjök« Gengr at })eim, 
sem haldnir voru, ok rettir fleininn at attgtinum, ok spurdi s^rbvem, hvat hann 
ssei til um laxinn etc. — Es erhellt, daß trotz einiger Abweichungen die Er- 
zählungen identisch sind. 

Die Nachgeschichte der Saga bietet noch einiges Interessante. Zunächst 
entsprechen dem Abschnitt: Cap. 69 — 75 der Saga die Geirards rfmur. Ich 
sage absichtlich nicht, daß sie nach ihr gedichtet sind; dazu sind die Abwei- 
chungen doch zu bedeutend. Nur aus diesem Grunde — denn daß Episoden 
aus Sagas herausgegriffen und zu rfmur verarbeitet werden, kommt öfters vor, 
man vgl. die Herburts rimur (Germ. XX, S. 243 ff.) — liegt allerdings die 
Vermuthung nahe, die Rimur stammten aus einer Zeit, wo diese Erzählung noch 
nicht mit der M4gU8 Saga verschmolzen war. Das läßt sich vorerst nicht be« 
weisen, immerhin aber erhöht diese Möglichkeit den Werth der Abweichungen, 
Ich eitlere das Gedicht (R) noch Cod. Guelf., wo es fol. 40 — 48. 50 steht. 

Der Hauptunterschied beider Versionen ist, daß nach R Elinborgs Vater 
Karl noch lebt, als Geirard um sie anhält, während er nach S. (= Saga) 
schon todt ist. Dadurch gestaltet sich dann auch natürlich seine Werbung und 
Abweisung anders. Geirard reittt nach Frakkland und geht mit seinen Begleitern 
in die Halle des Königs, der ihn niedersitzen heißt. Jener aber entgegnet, er 
wolle nicht eher etwas annehmen, als bis er die Ursache seines Besuches aus- 
einander gesetzt habe; RI v. 34: 

£g hefi spurt at eigi pir 
eina d6ttur Mda: 
hennar bid ek til handa m^r, 
hvergi fsar nü slika. 

Der König versetzt freundlich v. 35': 

Vant er ydr at vfsa fr4, 
ef vill pyi mseriu j4ta, 

fügt aber dann, wie es scheint, Unheil ahnend, hinzu: 

Hitt er verr enn vildig nü, 

valdugr jall, til stygdar, 

ef P6t f4it af ungri frü 

eina sm4n til blygdar. 

Gullaz j4ta eg glsesi strönd, 

grein m4 kalla Ijösa; 

sj41f skal hun fyrir sina hönd 

svinnan herra kj6sa. 
Damit schließt das Gespräch; es wird ein Willkommsmahl arrangiert« Als 
dies beendigt ist, kommt Geirard auf seinen Wunsch zurück und bittet der 
Prinzessin vorgestellt zu werden. Karl begleitet ihn in ihr Gemach. Hier hält 
er nochmals vor ihr beim Kaiser um sie an; dieser sagt, sie solle selbst ent-. 
scheiden. Sie entgegnet RU v. ll^ff. : 

. . . AUt J)at eptir ferr, 

einhvcrjum mun t)ikkja verr. 



362 LITTERATUB: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

Kann ek ei psnn kost at 8J&, 
keisara d6ttir man f pri [j] &, 
at eiga paDn sein heldr hjall, 

ok htfr ei meira Ügn enn jall 

Farin er y6n at f4ir (>d mik, 
for8iii& yil ek at eiga ))ik, 
heldr enn annau hcekjukall: 
})d baf })ik bnrtn, Geirard jall! 
Geirard venetzt RII v. 13^: 

Einhyem tfma fdrazt )>d 
orda f)ina, listug frii! 
Man ygl. dazu folgende Stellen in S. , p. 160 f: Hverr dirfdi ydr at taxls 

til vor slika h&dang, par sem p^ enU lÜiU hdttar jari oh engl er wd 

gtafkarl, at ek vÜ ei heldr erm pik ok fsLT ci lengr med sUku gabbi 

Geirard msalti : Paf er min aÜarij fni, at ei lidi langir timary pö ek si ei rOer, 
uUtü vHdir petta amcelt hafa. Aus der zum Theil wörtlicben Übereinstimmmig 
zwischen beiden Texten erhellt, daß dieselben trotz aller Verschiedenheit doch eng 
Terwandt sind. 

Geirard reist ab. Karl ist sehr unzufrieden damit, daß Eh'nborg die 
Werbung abgelehnt hat, und weist sie darauf hin, daß sie einst nach seinem 
Tode schutzlos dastehen werde, bringt sie aber nicht dazu, ihren Entschloss 
zu ändern. 

Geirard zieht auf Vikinger- Fahrten aus, der Kaiser Karl wird krank 
und stirbt. Havard regiert mit Elinborg das Reich. G. weist die Idee, sich die 
Jungfrau jetzt mit Gewalt zu erobern, entrüstet ab; doch will er sich ihr ins 
Gedächtniss zurückrufen , und sendet desshalb einen Kaufmann [oder verkleidet 
sich selbst als solchen? das ist aus R nicht zu ersehen] zu EL, der, von ihr 
nach tüchtigen Helden gefragt, Geirards Lob verkünden muß. Die Saga hat 
diesen Zug nicht 

Nach R wird Baldvini mit seiner Botschaft zuerst von Elinborg schnöde 
abgewiesen; sie sagt: 

Fyrr skal hverr & b41i brendr 
borgarmadr i pfnu[m], 
enn ek gangi k harrant hendr 
ok hafni Kristi mfnum. 
Erst auf die weiteren Drohungen des Heiden hin erbittet sie sich 14 
Tage Bedenkzeit. Sie werden ihr nur gewährt, wenn sie verspricht : tiggja 
heidr at vinna, was doch wohl heißen soll, nichts gegen ihn zu unternehmen. 
Sie sagt es zu. 

Havard vrird zu Geirard geschickt. In Geirards Antwort auf den dritten 
Brief (vgl. Suchier S. 282 o.) gehen die Fassungen auseinander. Während 
er nach S Hülfe verspricht, versetzt er hier auf Havards Anerbieten hohnisch : 

Int er )>etta orda spjall: 
Elinborg r&di sinu*) hjall; 
hirdi hun ekki um heimskan jall ; 
hvat er ek bctri enn annarr kall? .... 



*) sinum mscr. 



LITTERATÜK: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 363 

Fyrr skal h^err enn frsskni drengr 
falla nidr til ymja stengr: 
audnan rsedr allt hyat gengr, 
ekki bid ek fnina lengr. 

Nur zu dieser Darstellung paßt es eigentlicb, wenn dann Geirard mit 
seinen Pagen verkleidet und maskiert an Elinborgs Hofe erscbeint; so bat er 
durcb seine abweisende Antwort die Königin für ihren früheren Übermutb em- 
pfindlich bestraft, ohne sie jedoch thatsächlich in die Hände des Heiden fallen 
zu lassen; bat er seine Hülfe offen zugesagt , dann bat jene Komödie keinen 
rechten Sinn. Hier haben wir also einmal einen halbwegs sicheren Anhalts- 
punkt, um R als den sachlich ursprünglicheren Text zn bezeichnen. 

Als Havard fort ist, entschließt sich nämlich Geirard, der Elinborg trotz 
der ihm angethanen Schmach noch immer liebt, ihr Hülfe zn gewähren. Der 
Kampf selbst verläuft, was das wesentliche anbelangt, in beiden Texten gleich. 
Die rfmur schließen mit der Vermählung Karls mit Elinborg. 

Die Beantwortung der Frage, ob die Erzählung in dieser Form etwa 
besser zu frz. Epen stimmt, als in der Saga, überlasse ich Kundigeren. Ebenso 
kann ich keine Auskunft darüber geben, wie sich diese Geirards rfmur zu den 
in Cod. Holm 22, 4^ (vgl. Arwids. S. 33) enthaltenen M&gus rfmur verbalten. 

Ich will weiter erwähnen, was meines Wissens bis jetzt unbeachtet blieb, 
daß das norwegische Volkslied: Kong Kristian og bans dronning, in: Norske 
Folkeviser, samlede og udgivne af M. B. Landstad. Christ. 1853 8. 585 ff. 
den oben besprochenen ersten Theil dei Saga zur Quelle hat. Der Inhalt ist: 
König Kristian zieht in den Krieg. Er gibt seiner Gemahlin auf, einen Stuhl 
herzustellen, der heller strahlen solle, als die Morgensonne, eine prachtvolle 
Halle zn erbauen, und endlich wenn er zurückkehre, ihm ein Kind zu präsen- 
tieren, dessen Vater er sei. Der König zieht nach Schottland. Die Königin 
trifft am Strande einen alten Mann, der, als er die Ursaqhe ihres Kummers 
erfahrt, ihr zu helfen verspricht. Er stellt Stuhl und Halle her und reist dann mit 
nach Schottland; sie wird unerkannt des Königs Geliebte und von ihm schwanger. 
Als er bei seiner Rückkehr das Kind nicht als das seinige anerkennen will, 
erinnert ihn der Alte an sein Abenteuer in Schottland. Damit schließt das 
Lied. — Trotz mehrerer Abweichungen wird die Identität beider Stoffe doch 
unbestreitbar bleiben. Landstad konnte dieselbe nicht wohl herausfinden, da 
1853 die Saga noch nicht ediert war. 

Endlich hat, wie K. Maurer in seiner schönen Einleitung zur Skfda 
rima München 1871 erwiesen hat, der Verfasser dieses Gedichtes die Mägus 
Saga gekannt und mehrfach Namen aus derselben benutzt. Zu Maurers dabin 
gehörigen Bemerkungen (S. 19 f.) verstatte man mir noch folgende Ergänzung: 
M. will als Quelle für die Namen der 4 Riesenbrüder (Skid. v. 76) die M4gus 
Saga angesehen wissen, obwohl Edgeirr in der gedruckten Handschrift fehlt 
(Cap. 42, S. 100). „Da hier nämlich ausdrücklich von 4 Riesen gesprochen 
wird, mag ja wohl der Name des vierten nur durch einen Schreiberverstoß 
ausgefallen, und in dem Texte der Saga noch genannt gewesen sein, welchen 
der Verfasser unseres Gedichtes benutzte.^ Diese Vermutbnng Maurers ist 
vollkommen richtig; denn in der oben citierten* ältesten Hdschr. der Saga, A. 
M. 580 B lautet die entsprechende Stelle p. 6 Z. 14 ff.: Hann ser at upp or 
J)eim stolpa koma IUI risar. })at (>ickir hann kenna at fraftö^ ^ X^-ax Vsrt Vjr^«. 



364 LITTERATUK: ZUR ÄLT£REN ROMANTISCHEN UTT. IM NORDEN. 

aspilian risi. pa aventrod broder bans. )>a egeirr risi. Sidazt kömr app ti- 
dolfr mittomstanga. Egeirr ist natürlich yerdorben aus edgeirr, ein Beweis, daß 
aach dieses ms. dem Dichter der Sk. r« nicht yorgelegen hat. *) Ich fage noch 
die folgende Stelle bei, einmal weil hier Sigard sveinn yorkommt, dessen An- 
fahmng in der Sk. r. Maurer p. 19 aus der Snorra Edda herleiten muß, und 
zweitens, weil Utsteinn daselbst, wie im Gedichte, als Jarl bezeichnet wird (ygl* 
M. p. 20) : Ms. p. 4 Z. 2 ff. = S. p. 90, 3 ff. : Pa mant muna marga hina tyrri 
menn, sagdi konongr« Vidforoll mslti: marga. Ek man pidrek konong ok all» 
kappa bans ; med honam yar ek lengi yel metinn ; ek man attila konong ok 
iron jarl. gonnar konong ok baogna ok broedr })eira. ek man Isong konuo^ 
ok alla sono bans ok sigord syein. Keisari mslti: Gamall madr erto yist. eda 
manto nockot half konong eda recka bans. Vidforoll sagdi: Yar ek med halfi 
konongi ok yit yorom brcedr ok otstein jarl hinn frsekni. An derselben Stelle 
ist yon Hrokr hinn syarti die Rede. Einzig Gonnar finde ich hier nicht als 
Gjukason bezeichnet, was im Original aber sicherlich aoch gestanden bat. Damit 
scbliesse ich meine Besprechong der Bragda-Magos Saga. 

Die oben an dritter Stelle aofgefUhrte fleissige Abhandlong über den 
Charlemagne fallt nor insofern anter die yon ons an dieser Stelle zo erwähnenden 
Schriften, als sie in ihrem ersten Theil sich mit der Classificierung der Hand- 
schriften derjenigen nordischen Litterat orprodokte beschäftigt, welche direkt 
oder indirekt den frz. Charlemagne zo ihrer Qoelle haben. Namentlich yon 
den Handschriften der Saga wird mit Hülfe des französischen Originales eine 
genaoe Genealogie hergestellt, in welche aoch die yon Storm in Sagnkredsene 
etc. zoerst edierte schwedische ond dänische Version eingefügt ist. Da, wie die 
Untersochong ergiebt, keine dieser Fassongen aof eine andere erhaltene rieh 
zorückfobren läßt, so folgt, daß man für Qoellenontersocbongen alle mss. ohne 
Aosnahme zo Rathe ziehen moß. In wie weit die nordischen Versionen aber 
für die Herstellong eines kritischen Textes des interessanten französischen Charle- 
magne zo Rathe gezogen werden müßen, wird Koschwitz bei seiner neaen 
Aosgabe des G^ichtes zo zeigen hinreichend Gelegenheit haben. Für diesen 
letzteren Zweck wird übrigens die bisher noch ganz onbekannte kjrmrische 
Ubertragong des Charlemagne, yon deren einzigem Ms., dem berühmten rotben 
Boche yon Bergest, meine Frao während onseres Aofenthaltes in Oiford eine 
Abschrift gefertigt hat, nicht minder bedeotsam werden. Es schließt sich dieselbe 
nämlich im Allgemeinen enger an das französische Epos, als an die Karla- 
magnossaga an. Da Herr Koschwitz die beste Veranlassoog haben wird, die 
Stellong dieser Version zo den übrigen bis ins Einzelnste hinein zo erortero, 
80 begnüge ich mich an dieser Stelle mit den folgenden Andeotongen. 

Unter den Reliqoien wird im Kymrischen Texte (= K) aoch der Schah 
der Jongfrao Maria erwähnt, ebenso wie im Nordischen ond in den frz. Prosa- 
bearbeitongen (ygl. Koschwitz a. a. 0. S. 8 ond 25). 

Der Scherz des Naimes wird in K abweichend yon Cbarl. y. 533 — 7 
berichtet. Naimes will, mit dem schwersten Panzer Hogos angethan, aof den 
Palast, yon da wieder herab ond an die Seite Hogos springen, om da den 
Panzer abzoschütteln. Dazo stimmt got Saga p. 475: En.sidan mon ek laapa 



*) Wulff führt aach p. 30 an, daß eine Stockholmer Hdschr. yon 1661 sogar 
5 Namen liest: Afiperjom, Ayentrod, Wegeyr, MidoUr und Stangi. 



LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 365 

iQ6rum födmum hserra enn kastalinn er h4r til , en sfdan skal ek setjast nidr 
hjä keisaranum fjrr cdd bann verdi varr vid. Etwas ähnliches hat auch das 
Arsenal mscr. (vgl. Koschwitz a. a. 0. p. 7 Anm. 1^). 

Turpin and Bernard vertauschen in K nicht ihre Rollen, wie es in der 
Saga, sowie in Or und P geschieht (vgl. Germ. XX, p. 230). Also K = Charl. 

Die nach modern sittlichen Begriffen etwas verfängliche Stelle, die von 
Olivers Liebesbund mit der Prinzessin handelt (vgl. meine Notizen a. a. 0. 
p. 230 f.), lautet in K ziemlich wörtlich übersetzt, so: „Als die Nacht anfing, 
ging er mit der Prinzessin in das Zimmer. Als das Mädchen Oliver sah, fragte 
sie ihn : Edler Herrscher, sagte sie, hast du deine Scherze gemacht, um Mädchen 
zu Schanden zu machen.*) Schöne Jungfrau, sagte er, es ist in der Freude 
unserer Spiele und nicht dir zur Trauer, daß ich meinen Scherz sagte; und 
ohne Verzögerung umarmte er sie fünfzehnmal; da war das Mädchen sehr müde 
und bat Oliver, sie zu schonen, da sie so jung und schwach sei^ auch schwor 
sie, daß wenn er die Zahl erfülle, sie sofort sterben müße. Darauf sagte Oliver : 
Wenn du mir schwörst, daß du morgen sagen wirst, ich hätte die Zahl erfüllt, 
werde ich dich nach deinem Willen schonen. Das Mädchen verpfändete ihm hierauf 
ihr Wort; so schonte er sie und überschritt nicht zwanzigmal. AJs es nun 
tagte, kam Hugo an die Thüre des Zimmers und fragte, ob Oliver die Zahl, 
die er angegeben, erfüllt habe. Ja, Herr, sagte das Mädchen, hundert und 
mehrmals. 

Wie man leicht sieht, stimmt diese Darstellung im Großen und Ganzen 
zum franz. Gedichte; man vgl. namentlich v. 726. Damit ist natürlich an und 
für sich noch nicht ausgemacht, daß die Fassung der Saga nicht die ur- 
sprüngliche ist. 

BRESLAU, den 8. Nov. 1875. EUGEN KÖLBING. 

Kaohtrag. 

Seit die vorigen Seiten niedergeschrieben worden, ist eine geraume Zeit 
vergangen. La Folge dessen habe ich inzwischen Stoff zu ein paar kürzeren 
Nachträgen gefunden, die am zweckmässigsten gleich hier angefügt werden. 

Zunächst mache ich auf zwei neue Artikel über die M&gus-Saga auf- 
merksam; G. Paris hat Wulff Schrift in Rom. IV, 474 ff. eingehend be- 
sprochen und R. Köhler hat im ersten Hefte dieses Jahrganges der Germ, 
unter dem Titel: Zur M4gn8-Saga willkommene, weitere Nachweise über ver- 
wandte Stoffe mitgetheilt. Meine Bemerkungen über Cap. 77 und 78 der Saga 
kommen demzufolge, freilich ohne meine Schuld, sehr post festum. 

Im Brit. Museum stieß ich kürzlich durch Zufall auf eine Papierhand- 
schrift von Lydgates Leben des Guy von Warwick. Ohne zu wissen, ob dies 
eins der zwei Mss. ist, über die Zupitza selbst Ztschr. für österr. Gymnasien 
1874, a. a. 0. spricht, gebe ich hier die wenigen^ in mein Exemplar einge- 
tragenen sachlichen Varianten wieder, damit nicht jemand unnöthiger Weise 
die Collation noch einmal mache. Die Hs. trägt die Bezeichnung: Lansd. 



*) Das Kymr. Wort: llhetu übersetzt Owen Pughe: A Dietionary of the Welsh 
lauguage, Vol. II dnreh: press flat, overlay. Ist das nun an dieser Stelle = ocire = 
skemma? Der Wortlaut spricht für letztere Bedeutung, der V«tU»i ^«t X^^s^v^^^»^^ 
freiUch für „tödten«*. 



366 LITTERATÜR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN UTT. IM NORDEN. 

M8. 699. 4^ Der Guy fiillt fol. 18^— 27\ Ich nenne sie 6, Land, 683 
aber a. 

V. 2, 1 lowe 6. 5 Wjnchestir b. 6 made b, 8 Caesar hinter women = o. 
8, 1 and fehU 6 = o. 8 cötreyned b. 5, 8 and of ther 6. and in tiier a. 
6, 8 Caesar nach named 6 = o. 7, b merciable 6. tretable o. 8, 3 them 6. 
hem a. 4 record of Jerosalem, record of Njnyvee 6. 6 fals b. jvejn o. 9, 5 
blowith 6. 6 demeritees 6. 10, 3 sit cronycles b. 5 enclypsed 6. 11, 5 afiler 
grett tronble 6. 12, 3 in cronycles b. 13, 2 Caesar hinter schapen = a. 4 i 
ffeere 6. 16, 1 bi eovenannt 6. 4 a daj. tentre with hym to 6. 5 darteyne 6. 
17, 4 hem fehlt 6. 18, 3 othir 6. to be 6. 6 relacioan b, convencioan a. 
20, 1 in al this b. as in this a. 21, 1 his 6. hih o. 7 mannes 6. 8 of 
manhood. 22, 1 The seide. 23, 4 callid ezample of tronthe in womanhede 6. 
24, 1 bi deth 6. of deth o. 24, 6 he fehU b. 27, 5 double b. 30, 5 lifft 6. 
31, 3 ris 5. arys o. 5 sent h. cast a. 33, 3 trist 6. well a. 3 a fome. 
37, 4 dewe. 39, 1 Caesur nach hym b. 39, 2 of fehlt b = a. 39, 3 Rayn* 
boome fehlt 6 = o. 40, 6 Caesar nach kept 6. 42, 5 sal^acyonn 6. 8 fowle 6. 
proude o. 43, 2 Caesar nach clad 6. 44, 6 hym 6. wyll a, 7 for fehlt &. 
47, 2 condicioun b, convencyoan o. Caesar nach pleynly b. darteyne 6. 48, 4 
hat cyte 6. 7 sparkys b. b hat in dieser Zeile keine Caesar. 49, 3 at fehlt 6. 
51, 4 on syde 6. a syde a. 53, 4 the wey 6. 6 surquedye b ^ €u 54, 3 
hath 6. 8 the chirche. 55, 8 may 6. schall a. 56, 1 was 6. is a. 56, 7 to 
/eA/< b. 57, 8 i feere 6. 59, 2 passed the boundys and subbarbys of the 
tonn b. 60, 5 and 6. of a. 61, 6 with b, in a. 65, 1 the day that he b, 
66, 2 Caesar nach chyfly 6. 67, 1 ffamous and worthy 6. 72, 2 seweth fr- 
is saych o. 72, 3 out of latyn 6. 4 Gerade 6. 73, 7 in fehlt b. 74, 3 Caesur 
nach pryde b, — An zwei Stellen, die ich besonders hervorheben will, be* 
stätigt b Zupitzas Besserungen: 17, 2 liest b long, a fälschlich lond, 63, 1 
bietet b myn, a my. Im Übrigen theilt b durchweg die Fehler von a; ich glaube 
daher, dieselben fanden sich schon in der beiderseitigen Vorlage. Doch soll die 
Möglichkeit, daß b eine directe Abschrift von a ist nicht durchaus in Abrede ge- 
stellt werden. 

In dem geschriebenen Handschriftenkatalog des Brit. Museums sind, wenn 
ich nicht irre, 4 BIss. von Lydgates Guy namhaft gemacht; das ist aber ein 
falsum, obwohl auch in der Dichtung, welche diese Hss., die eben besprochene 
naturlich abgerechnet, enthalten , Guy of Warwick wenigstens scheinbar eine 
Rolle spielt Um Irrungen vorzubeugen, drucke ich den Anfang nach CocL 
Harl. 525, fol. 44 a f. hier ab: 

Herkenithe alle vn to my speche, 

and hele of sowie I wylle you teche; 

J>at I wylle speke, it ys no fable, 

butt hit ys by gode and profytable. 

ffor the sowlys saluacywne. 

who 600 that hcrythe l^is scrmoune: 

Inicium sapiencie timor domini. 

Man! yffe tbow wylte heuene ;winne, 

Thorow love thow mvste be gynne. 

This ys the fyrste begyniuge: 

Louc wele god abovyn all thynge 



LITTEEIATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 367 

and ))ine eaene cristen al80^ 

rygbt as tbi selffe \>n muste doo. 

Iffe })u love more pis worldis gode, 

thau god hym selffe in pj mode, 

thoa shalte hit fynde an euil plawe, 

to dethe of sowie yt wylle )>e drawe« 

Ffor whan pe worlde pe hathe cawzte 

in to bis panter porow bis draazte^ 

alle at bis wille be sball pe lede; 

ne sbalte ])a spare for noo drede, 

fior noo loue ne for bis eye, 

to gone owte of bis rygbt weye? 

Socbe pe betbe pat louy))e more, 

pe worlde and bis foule lore, 

tban Jesu criste pat bem wrouzte 

and on pe rode bem dere abonite? 

Here of I wylle a stounde dwelle 

and a talle I wylle yow teile 

of an erle of gode fame: 

sire Gy of Warwike was bis name^ 

Uppe on a tyme be stode in tboagbte, 

tbis worldis blysse bim pouzt nowzte; 

tbe worlde anone be for soke, 

and to Jesu Criste bym toke etc. 
Er läßt zu diesem Zwecke einen beiligen Mann, Namens Alquyne, zu 
sieb kommen, um ibm a good sermowne zu balten. Diese Predigt folgt dann; 
sie scbließt mit einer Apostropbe an die Maria. Die Scblußnotiz des Ms. 
lautet: Ezplicit speculum Gy de Warewyk et Alquinnm beremite (fol. 53*). 
Arund. Ms. 140 und Cod. Harl. 1731 entbalten dasselbe Gedicbt, wenn aucb 
die Texte sebr abweichen. Zu letzterem Ms. bemerkt der gedr. Katalog, der 
Fassung nacb etwas naiv, der Sacbe nacb natürlicb ricbtig: „An old englisb poem 
grounded on Alcuins Epistle de virtutibus et yitiis ad Guidonem Comitem, 
bere called (as it is also seen in some of tbe more modern latin manuscript 
copies) Guy earl of Warwick; wbicb can by no means be true, e^en suppo- 
sing tbat tbere was sucb a man, by reason of an anacbronism af above an 
bundred years". 

Mit Freude dürfen wir den ersten Band von Zupitzas Ausgabe der yer- 
scbiedenen Versionen des Guy begrüssen, der den größten Tbeil einer derselben 
entbält und zwar die einer Papierbs. der Universitätsbibliotbek zu Cambridge 
(Ff. 2,38) entnommene; auffallend ist nur, 'daß man die ältere und wertbvollere, 
wenn aucb nicbt ganz vollständii^e Fassung des Aucbinleck-Ms. nicbt zuerst 
abgedruckt bat, wenn aucb scbließlicb auf die Reibenfolge nicbt viel ankommt. 

Ein zweiter Tbeil wird u. a. eine ausfubrlicbe litterarbistoriscbe Einleitung 
zu dem ganzen Werke bringen. Zum Scblusse aber sei der verdiente Heraus- 
geber ausdrücklieb gebeten in all meinen Bemerkungen weiter nicbts zu er- 
blicken^ als eine Äusserung des lebbaften Interesses, das icb seinen Arbeiten 
entgegenbringe. 



368 LITTERATUR: H. OSTHOFF, FORSCHUNGEN etc. 

In Beeng auf die zuletzt beBprochene Arbeit toii £. Koechwitz sei erwähnt^ 
daB derselbe in nächster Zeit n. d. T. „Überliefening und Sprache der Chanson 
dn Voyage de Cbarlemagne & J^msalem et & Constantinople* eine Fortsetzung 
seiner Stadien über den Cbarlemagne yeröffentlichen wird, in der anch die celtiache 
Fassung dieses Stoffes des Näheren besprochen ist. [Ist inzwischen erschienen.] 

Endlich benutze ich diese Gelegenheit — da diese Recensionen doch 
dieselben Leser finden dürften, wie meine „Beiträge'' — um ans meiner Anagabe 
^es Skaufhalab&lkr , das. S. 242 ff. ein paar Versehen zu entfernen. Y. 2, 8 
ies tög, ebenso V. 33, 8 und Y. 9, 6 ist das lomb. des Ms. = lomb nicht in 
amb zu ändern, endlich macht mich G. Vigfiisson mit Recht darauf anf- 
Imerksam, daß V. 35, 7 das. hof* der Hs. nicht sowohl durch höfit (jrfir h6fit 
= über das mir zukommende Maß hinaus), als yielmehr durch hofnd anfim- 
ösen ist. 

Anfang Mai 1876. E. K. 



Harm. OsthofE^ Forschungen im Gebiete der indogcrm. nominalen Stammbildong. 
2. Tbeil: Zur Geschichte des schwachen deutschen Adjectivums. Jena, 
Costenoble 1876. 

Während der im Jahre 1875 im gleichen Verlage erschienene erste Theil 
der Forschungen des Verf. in zwei Abhandlungen die mit dem Suffixe clo-, calo-, 
cro gebildeten latein. Nomina, sowie das instrumentale Suffix ra-, la- der indo- 
gcrm. Sprachen einer neuen Untersuchung unterzog, nimmt der yorliegende zweite 
Theil das Problem der schwachen Adjectivbildung im Deutschen wieder auf. Es 
ist hier der meiner Meinung nach einzig richtige Weg eingeschlagen, um in der 
so yiel besprochenen und für die deutsche Grammatik so wichtigen Frage nach 
dem Ursprünge und der Entwicklung der schwachen Declination neue Ergeb- 
nisse SU erzielen, indem der Verf., fussend auf den von andern Forschem ge- 
wonnenen Resultaten, sänmitliche in das Gebiet der deutschen schwachen 
Flexion fallende Erscheinungen seiner Untersuchung zu Grunde legt, daneben 
aber die lautlich und begrifflich entsprechenden Bildungen der nächst rer- 
wandten Sprachen in gehöriger Weise zur Erläuterung heranzieht. Es ist da- 
durch aus der Untersuchung zwar „fast eine Geschichte des Suffixes an- in den 
indogerm. Sprachen geworden^ (Vorw. V), gewiß aber nicht zu ihrem Schaden, 
da sie so nicht nur die Klippe einer isolierenden Behandlungsweise und ihre 
Gefahren vermeidet, sondern zugleich Licht wirft auf verwandte Erscheinungen 
anderer Sprachen und somit auch für die Geschichte des gesammten indogerm. 
Sprachstammes von Bedeutung wird. Versuchen wir in Kurzem den Grang der 
Osthoffschen Untersuchung einfach wiederzugeben; daran wird es gestattet sein 
einige Bemerkungen zu knüpfen, die — wie wir hoffen — in Einzelheiten die 
Auffassung des Verf. zu berichtigen im Stande sind. Der Untersuchung im 
Ganzen und ihren Endergebnissen kann man in ihrer Folgerichtigkeit und — 
fast könnte man sagen — Selbstverständlichkeit nur beistimmen. 

Im Eingange unterwirft der Verf. die früheren Versuche die deutsche 
schwache Adjectiv Declination zu erklären einer eingehenden Kritik, wobei die 
Meinung Scherers, daß das n der schwachen Flexion aus dem n des Gen. PI. 
äer st Feminina (ahd. ono = skr. änäm) durch Übertragung auch auf andere 



LITTERATUR: H. OSTHOFF, FORSCHUNGEN etc. 369 

Casus entstanden sei, mit Recht eine gekünstelte genannt wird. Leo Meyers 
Ansieht über die Entstehung der schwachen Adjectivflexion , nach welcher die 
aus ursprüngl. Participialformen verstümmelten an-Stämme principiell ein höheres 
Alter als die aus ihnen wieder hervorgegangenen a- Stämme beanspruchen 
dürfen, wird zwar auch von dem Verf. verworfen; aber Osthoff findet doch iu 
den Zusammenstellungen Meyers, besonders in dem zur Vergleichung aus dem 
Gr. und Lai herangezogenen Material, eine sichere Grundlage, auf der er im 
Folgenden seine Ansicht aufbauen kann. Wir bemerken hier gleich vorweg, 
daß, wie man sich auch zu der Untersuchung Osthoffs und ihren Ergebnissen 
stellen mag, die Frage über die Priorität von an- und a-Stämmen überhaupt, 
oder die Hypothese von der Entstehung der Nomina agentis auf an- und a- 
aus dem Partie, praes. ganz aus dem Spiele bleiben kann und geben dem 
Verf. hier gleich zu, daß er mit Recht eine Gleichsetzung aller deutscher 
an-Stämme mit griech. Bildungen wie täkav u. a. abweist, da unter den 
deutschen schwachen Adj. — wie es sich ja fast von selbst vei^feht — eine 
grosse Anzahl Wörter secundärer Ableitung sich finden. 

Bei der Begründung seiner eigenen Ansicht geht der Verf. von dem Vor- 
handensein nebeneinanderliegender Stämme auf an- und a- in den indogerm. 
Sprachen aus. Wir finden sie besonders im Skr., Griech., Lat. und Deutschen ; 
das Lituslawische kommt nicht in Betracht, da es bis auf wenige Reste die 
an-Stämme aufgegeben hat. Diese nebeneinanderliegenden Stämme, wie wir 
sie im skr. in manchen Compositionen neben den einfachen Wörtern [räjan-, mahä- 
r^lja], in griech. Femininen [IvKacva, d'iacva] neben männl. a-Stämmen, in den 
denominativen Verben auf alvGi^ wo freilich der Verf. lieber Einfluß der Ana- 
logie gelten lassen will , ausserordentlich häufig finden und die ihre genaue 
Parallele an dem Verhältniss der Stämme auf man- und van- zu solchen auf 
na- und va- (u-) haben, diese Stämme waren nach des Verfs. Ansicht schon 
in urspraehlicher Zeit, ursprünglich ohne Bedeutungsunterschied als gleichbe- 
rechtigte vorhanden; nachdem nun zufolge eines in allen indogerm. Sprachen 
wirksamen Processes ^das Adj. im Vergleich mit dem Subst. auf ein gerin- 
geres Maß der Möglichkeit seiner Stammbildung eingedämmt*' und ^die Ka- 
tegorie der Adj. auch formell fast uniformiert war^, benutzte die Sprache die 
spröden Reste einer älteren Formation, um eine neue begriffliche Kategorie 
zu schaffen , die des zum Substantiv erhobenen Adjectivs. Darin liegt der 
Schwerpunkt der ganzen Untersuchung, daß der Verf. bei allen auf secundäro 
Weise entstandenen Bildungen auf an- den begrifflichen Inhalt als einen aus 
der adjectivischen Allgemeinheit zu substantivischer Individualität besonderten 
nachzuweisen sucht. Zuerst auf Grund des von L. Meyer gesammelten und in 
seinem Verhältniss zu skr. und deutschen Bildungen besprochenen Materials 
bei den griech. und lat. Wörtern auf 6n- (pv- und Ol/-). Es kommen hier 
ausser primären Bildungen wie fpayav^ Sgoficav neben -(payO' und -dpofio-, 
ausser mehr vereinzelten secundären Appellativen wie tgrjQOV n. a. auch die 
Patronymika auf KOV- sowie Eigennamen wie 'Ayad'OV zur Sprache, von denen die 
ersteren natürlich zu den mehr allgemein adjectivischen Bildungen auf to- sich ver- 
halten wie das lat. Rufön- zu rufo-, die letzteren aber von Osthoff mit Recht nur 
insofern zum Beweise mitbenutzt werden, als sie aller Wahrscheinlichheit nach be- 
reits ausgebildeten Appellativen auf ov^ mit individualisierter Bedeutung nach- 
gebildet wurden. Ficks Behauptung, daß alle solche EigeniiMaft.\SL ^xd ^•v- ^v^ 

GEßMANU. Nene Reihe IX. (XXI.) Jahrg. ^V 



370 LITTERATUR: H. OSTHOFF, FORSCHUNGEN etc. 

jiya%GiV nur aus YollwörtereigenDamen abgekürzte Kosenamen seien, findet Ost- 
bofis ganze Billigung, womit indeß die Parallele von gr. j4yd^av nod deut- 
scben Namen wie Bruno u. s. w. keineswegs an Bedeutung verliert. Ist der 
Verf. auch ein Gegner der Benfeyscben Ansicht von der VerstOmmeliuig des 
suffixalen an- zu a-, so will er dennocb nicbt umgekehrt für alle an- (bes. 
man- und van-) Stämme eine spätere secundäre Entstehung des Nasals behaopten^ 
sondern beschränkt diesen späteren Zusatz auf Sufifizformen wie ian-, ran- und 
solche Nebenformen wie yXvXGiV^ XQd%(OV neben yXvxv-, tQaxv-, denen sidi 
dann auch Kosenamen wie Hkaxcyif anschliessen. 

Im Lat., zu dessen Betrachtung der Verf. S. 58 übergeht, finden eich 
keine adject. Stämme auf an-; die Reste der primären Nomina dieser Bildung 
erscheinen in substant. Bedeutung: bibön-, volön-, neben denen die ohne Nasal 
gebildeten Stämme -bibo-, -volo- herlaufen. Auch in lat. Substantiven anf An- 
findet Osthoff im Verhältniss zu den kürzeren Stämmen individualisierende Be- 
deutung, pontdn-, sabulon- : ponti-, sabulo- = bibdn-, sildn- : bibo- , silo-« la 
ähnlicher Bedeutung erscheint 6n- in Eigennamen wie Catön- neben cato-| 
Rufön- neben rufo-. An diese reihen sich dann wieder solche wie Kasdn-, 
FrontÖD-, bei denen die secundäre Anfügung des Nasals zum Zwecke der In- 
dividualisierung keinem Zweifel unterliegt. Auch die männl. Eigennamen auf 
ä- (deren formales Verhältniss zu den o-Stämmen jedoch noch nicht so klar 
liegt) in ihrer völligen Functionsgleichheit mit denen auf 6n- zieht Osthoff als 
Parallele heran, sowie in Bezug auf Form und Bedeutung die Italien, aomen- 
tativi wie cappellone, salone, graudone oder Substantive aus Adj. wie vecchione 
neben vecchio. Eine Gleichsetzung dieses secundären 6n- mit dem skr. se- 
cundären Sufißx in- weist Osthoff S. 84 ff. zurück, behandelt dann die lat. 
weiblichen Bildungen auf idn-, wobei die interessante Parallele von lat. Wör- 
tern wie commünidn- und got. wie gamainein-, gariudjdn- zur Sprache kommt; 
und nachdem er noch einen Versuch gemacht (worüber weiter unten)) eine 
Vermittlung zwischen diesen abstracten Femininis und den Wörtern auf 6n- 
herzustellen und schließlich kurz der lat. Weiterbildungen auf dno- (epuldno-) 
gedacht hat, denen er lit. geltonas, raudonas anreiht, kommt er schon auf 
sicherem Boden stehend zur Darstellung der schwachen Declination im Deut- 
schen (S. 101). 

Auch hier stellt Osthoff alle Stämme auf an- und jan-, mit Ausnahme 
der im Deutschen so reich vertretenen Kategorie der primären nomina ag. auf 
an-, als secundäre Nebenformen zu den ohne Nasal gebideten Wörtern hin. 
Was im Einzelnen hiergegen einzuwenden ist, wird unten folgen. Mehr als 
bei den Substantiven tritt bei den dann* behandelten Adjectiven der Bedea- 
tungsunterschied der schwachen und starken Flexion hervor, indem die schwache 
Form das Adjectiv stets in substantivischer und inviduah'sierter Anwendung zeigt. 
Keineswegs darf man annehmen, daß in allen schwachen Adjectiven ursprüng- 
liche an-Stämme von der Bedeutung der nom. ag. enthalten sind; denn kein 
einziges got. Adj. entspricht in seiner schwachen Form einem gr. oder skr. 
an-Stamm ; auch der Verlust fast aller adjectivischen an-Stümmc im Lituslaw. und 
im Latein, macht ein Erhalten dieser Kategorie im Deutschen sehr unwahr- 
scheinlich. So sieht denn Osthoff in der Ausbildung der schwachen Adjcctivo 
ein bewußtes Schaffen einer neuen Function, der des individualisierten^ snb- 



LITTERATÜB: H. OSTHOFF, FORSCHUNQFN etc. 371 

stantivischen Adjectivs, durch ein yod der Sprache in den erhaltenen an-Stämmen an 
die Hand gegebenes Mittel. Scherers Ansicht, daß erst der Artikel die sahst. 
Bedeutung des schwachen AdjectiFs erzeugt hätte^ weist Osthoff mit Recht zurück; 
er führt die Fälle an, wo auch ohne Artikel die schwache Form steht, wobei 
besonders der Vocativ hervorzuheben ist. Nachdem aber das schwache Adj. in 
substantivischer Anwendung den Artikel an sich gekettet, drehte sich dieser 
Gebrauch um : wo Artikel stand, mußte nun auch schwache Adjectivform folgen , 
selbst in attributiver Stellung. Hier war aber nach 0. das Adjectiv ursprünglich 
mehr in appositioneller Verbindung mit dem Substantiv gedacht (Ludowig ther 
snello). Die Ausführungen Lichtenhelds in Haupts Ztschr. XVI und XVIII» nach 
welchen die schwache Form des Adjectivs zum Zwecke der Emphase gebraucht 
sei, benützt 0. mit Geschick zur Stütze seiner Ansicht, indem er den em- 
phatisch hervorhebenden Charakter, den die schwache Form des Adjectivs in 
der ags. Poesie häufig zeigt, auf die mehr der grammatischen Entwicklung 
entsprechende ursprünglich substantivische Anwendung zurückführt. Nachdem 
nun so das Deutsche, weitergehend als Gr. und Lat. , in der schwachen Ad- 
jectivflexion eine selbständige Kategorie geschafien hatte, mußte es auch die 
formelle Consequenz ziehen und ein volles Declinatioasparadigma für das Adj. 
herstellen. 

Hier nimmt nun 0. an, daß die Sprache die lautliche Verschiedenheit der 
Suffixe an- und ftn- benutzt habe, um die Geschlechter dadurch zu unterscheiden, 
indem sie für das Fem. die gedehnte Form nach Analogie der starken Femi- 
nina in Gebrauch genommen habe. Auch soll noch der Artikel in seiner Vo- 
calverschiedenheit (sa und sd) auf die Ausbildung von Fem. blindft gegenüber 
von masc. blinda eingewirkt haben. Zum Schluß fügt 0. noch eine sprach- 
historische Skizze der Entwicklung der schwachen Declination an, die uns die 
einzelnen Phasen des geschichtlichen Ganges in kurzen Zügen vor Augen führt. 
Kann man somit dem Verf. das Resultat seiner Untersuchung als ein sich 
mit einer Art von historischer Nothwendigkeit ergebendes betrachten, und ihm 
seinen Beifall nicht versagen, so bleiben doch im Einzelnen noch einige Pumkte, 
in denen ich anderer Ansicht als der Verf. bin. Vor allem erscheint das Ver- 
hältniss der an- und a-Stämme in der indogerm. Ursprache noch einer näheren 
Untersuchung würdig. Es ist schwer glaublich, daß schon in dieser Periode ein 
Unterschied in der Bedeutung zwischen diesen lautlich getrennten Bildungen 
nicht mehr stattgefunden habe. Daß die kürzeren Formen mit Vorliebe als 
zweite Glieder der Zusammensetzungen erscheinen, ist wohl dem Triebe der 
Sprache zuzuschreiben das allzuschwerfällige Wortgebilde zu vereinfachen ; femer 
die griech. Feminina auf aiva^ wie %'iaiva^ erscheinen so uralt in ihrer Bildung, 
daß man hier gewiß nicht ein bedeutungsloses Nebeneinanderliegen von kür- 
zcrem und längerem Stamm oder gar einen nach Bedürfniss ans dem kürzeren 
Stamm hervorgesprossenen längeren annehmen darf. Kurz die Frage nach dem 
historischen Verhältniss von an- und a-Stämmen scheint mir noch offen zu sein, 
und nur eine vollständige Materialsammlung wird auch hier erst im Stande sein, 
eine endgültige Entscheidung anzubahnen. 

Bei Besprechung der hit. Bildungen auf ön weist 0. (S. 83) die etwaige 
Vermuthuiig, ein Wort wie epulön- könne unmittelbar als nom. ag. zum Verbal- 
stamm epulari gestellt werden, zurück, weil „es ja lautlich gar nicht angehe^. 
Nichts destoweniger nennt er kurz vorher (S. 74) ertoxv- (^^«a \ö»ä^^vw- Ni.*0^ 



372 LITTER ATUR: H. OSTHOFF, FORSCHUNGEN etc. 

eine Bildung , in der „das SufFix unmittelbar an die Yerbalworzel tritt*. 
Hier liegt wohl ein Versehen Osthoffs vor; da er selber S. 89 für möglich 
erklärt, daß esnriöu- als nom. ag. von einem Verbalstamme hergeleitet werden 
könne, wozu er das altbaktr. verczjan-, thäti«:, vergleicht, ferner auch (S. 114} 
für ahd. scephco die Möglichkeit der Herleitung aus dem Verbam (got skapjan) 
nicht bestreitet, so ist gar nicht abzusehn, warum nicht auch von denomiDa- 
tiven Verben wie cachinnare ein nom. ag. cachinndn- gerade wie edön- ans 
edere entstehen sollte« mag man nun die Zwischenstufe cachinnajftn- als ein- 
mal vorhanden annehmen, oder solche Wörter nur nach der Analogie Ton 
bibdn- n. a. gebildet denken; der Römer fühlte selbstverständlich immer nnr 
cachinn- err-, fabul- als Verbalstämme und fügte das ableitende 6n- daran wie 
an bib-, ed- n« s. w. Das von 0. angeführte sublingion- ist aber um so weniger 
als primäres nom. ag. aus lingere zu betrachten, da in der Zusammensetzung 
cunni-lingo- eine einfachere Bildung vorliegt, zu der es sich verhält, wie saturidn- 
zu saturo-, legi-rupi6n- zu legi-rupa u. a. 

Bei den Wörtern wie mulion-, Maulthiertreiber , tabellion- Notar, und 
ähnlichen (S. 88) ein fertiges Su£Piz ion- schlechtweg anzunehmen, scheint 
mir doch unrathsam. Natürlich ist auch hier die Analogie thätig gewesen, 
aber im Princip ist es doch richtiger, erst Mittelstufen von mehr allgemein 
adjectivischer Bedeutung anzunehmen: mulio-, auf das Maulthier bezüglich, und 
daraus durch das individualisierende n: muliön-, der Maulthiertreiber. Dasa 
führt das griech., wo wir Ovgaviav- erst secundär aus dem Adj. ovQavio^ 
hervorgehen laßen, und wie wir sehen werden auch das Deutsche. 

Das im Lat. wie im Got. an den weiblichen Abstracten hervortretende n 
(communiön- = gamainein-) erklärt 0. mit Recht für secundär, wie die noch 
in vielen Fällen daneben liegenden Neutra auf io- (got. ja-) beweisen; auch 
darin ist ihm beizustimmen, daß beide Sprachen selbständig auf dies gleiche 
Resultat lossteuerten, nicht aber ein „in proethnische Zeit zu setzender ge- 
meinsamer Beginn der Bewegung*' anzunehmen ist. Deshalb braucht übrigens got. 
rathjön- nicht aus lat. ration- entlehnt zu sein ; aus lat. cautio ist got. kavtsjo ge* 
worden mit Assibilierung des Telauts vor j; auch wird der Nasal in ratbjdn- 
durch die st. Fem. ahd. redca, as. redhia als nur gotischer Zusatz erwiesen. 

Was nun die von Osthoff versuchte Vermittlung der Feminina auf idn- 
mit den Masculinis auf dn- betrifft (S. 94), so kann ich ihm nicht Recht geben. 
Er hält die osk. und umbr. Stämme auf in- und tin- (entsprechend lat. Bil- 
dungen wie turbin-, aspergin-) fiir ursprünglicher als die lat. auf ion-, letzteres 
soll nur durch den Nominativ auch in die obliquen Casus gekommen sein nach 
Analogie der Masculina auf io, iönis. Zur Stütze führt er das Altirische an, 
wo den lat. Abstracten auf tiön- Bildungen wie deic-sin- u. s. w. entsprechen. 
Er übersieht hier aber, daß das Irische nicht nur im nom. sondern auch im 
dat. sg. Formen auf iu bietet: do foditiu, in 4iritiu Zeuss, Gr. celt. ^S. 266. 
Die Zusammenziehung zu ein- finden wir aber auch gerade so im got., wo mit 
wenigen Ausnahmen wie gariudjön- j rathjon- alle weiblichen Abstracta das 
Suffix in der Gestalt ein- zeigen. Für den Fall aber, daß man doch lieber in 
dem diesen Femininis zutretenden Nasal ein bedeutungsvolles formales Element 
sehen will, fügt 0. noch eine andere Erklärung hinzu, nach welcher Suffix -6n 
in derselben Weise wie in den männl. Concretis individualisieren, d. h. aus 
ifem AbstrACthegriff eine wirklich greifbare Persouification machen soll. Diese 



LITTERATÜR: H. OSTHOFF, FORSCHUNGEN etc. 373 

Pcrsonificiening habe der m3rthologi8cheii Denk- und Aoschaunngs weise der aber- 
gläubischen Römer sehr entsprochen. Hätte 0. hierin Recht ^ so müßten wir 
diese Denk- und Anschauungsweise doch nothgedrungen auch den Kelten und 
Goten zuschreiben, die doch ganz in derselben Weise ihre Abstracta mit dem 
Nasal versehen haben: oder aber wir giengen dieser so wichtigen Parallele 
in der Sprach cntwicklung verlustig und müßten sie fQrs Keltische und Gotische 
besonders erklären. Auch die von 0. beigebrachte Parallele von dem deutschen 
Suffix ing, das in allen deutschen Dialecten persönliche Masculina bildet, und 
dem ing, wodurch im ags. und an. abstracto Feminina abgeleitet werden, kann 
nichts beweisen; übrigens sind die deutschen Masculina auf ing sämmtlich se- 
cundäre, die von Grimm Gr. II ^ 351, 354 angeführten Fem. sämmtlich pri- 
märe Bildungen. 

Bei der Aufführung der deutschen primären Nomina auf an- ist mir 
us-lithan-. Gichtbrüchiger, aufgefallen, das bisher als Zusammensetzung mit 
lithu- , Glied , aufgefaßt wurde. Wenn es auch formell sich als nom. ag. an 
us-leithan, vergehen, anschließen läßt, so möchte ich doch mit Rücksicht auf 
Zusammensetzungen wie us-v6nan- (vSni-), us-stiuriba bei der alten Erklärung 
bleiben. 

Bei der S. 109 beginnenden Behandlung der mit secund. Suffixe an- ge- 
bildeten deutschen Wörter ist nur zu bedauern, daß 0. seiner Untersuchung 
nicht eine vollständige Sammlung von allen zugehörigen Bildungen aus allen 
deutschen Dialecten zu Grunde gelegt hat. Es ließe sich dann über die Zu- 
gehörigkeit mancher dieser Wörter, ob zu den primären oder seoundären Ab- 
leitungen, besser entscheiden, als es so der Fall ist Der Verf. kommt daher 
mehrmals in die Lage eine eben wahrscheinlich gemachte Vermuthung über 
die Einreihung eines Wortes in eine bestinmite Kategorie durch eine andere 
ebenso ansprechend erscheinende wieder zurückzuweisen. Seine Darstellung 
verliert dadurch an dieser Stelle an Klarheit und Überzeugungskraft. Es muß 
indess zugegeben werden , daß selbst mit ausreichenderem Material in manchen 
Fällen eine Entscheidung unter mehreren Möglichkeiten schwierig, ja selbst 
gar nicht zu treffen ist. Neben solchen Wörtern, die durch den Nasal in se- 
cundärer Weise aus substant. a*Stämmen weitergebildet sind, wie stauan- von 
stauä-, (von denen aber veihan-, Priester, besser zu trennen war, da es nur 
Adjectiv in substantivischer Anwendung ist, vgl. S. 125) fuhrt O. gleich solche 
an, die von i- oder ja-Stämmen ausgehend das Suffix jan- zeigen, wie aurtjan-, 
vaidddjan-. Da Osthoff zugibt, „daß für das Got. die Annahme den jan-Stämmen 
vorausliegender ja-Stämme, aus denen jene erst durch Übertritt in die n- De- 
clination hervorgegangen, etwas mehr Wahrscheinlichkeit als i